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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
seltsamkeit bis selzen (Bd. 16, Sp. 555 bis 557)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) seltsamkeit, f. zu seltsam, im 15. jahrh. der verkürzten form des adj. entsprechend (s. DWB seltsam I) selzenkeit quelle von 1409 bei Lexer mhd. handwörterb. 2, 872, daneben seltsamigkeit, raritas Dief. 484c (von 1482). auch begegnet im älteren hochd. eine form auf -heit: selczenheit, ebenso mnd. selsenheit, raritas. ebenda. später seltzamkeyt, raritas, insolentia Dasypodius, seltzamkeit Franck weltb. 187b (die stelle s. unter 1), sältzamkeit, raritas, senium Maaler 346d, seltsamkeit Stieler 2006 (mit gleicher glossierung wie seltenheit), raritas Steinbach 2, 580, seltenheit, morositas, insolentia Frisch 2, 263a, Adelung (im heutigen sinne), und so bis heute.
1) das seltsam sein.
a) im sinne von seltsam 1, seltenheit, so bei den lexicographen bis Frisch (s. oben): das goldt verkauffen sy (die Araber) den nachpauren umb drey mal sovil eisen, dʒ silber umb .ij. mal sovil ertz, dʒ sy von seltzamkeit wegen mer lieben dann gold. Franck weltb. 187b.
b) im sinne von seltsam 2, köstlichkeit, herrlichkeit: seltsamkeit einer speise, mattya, scitamenta, edulia opipara. Stieler 2006; in alterthümlich gefärbter sprache:

der sultan.
nicht wahr? das ist ein pferd? es giebt so keines
als diesen Pontifer! o herrlich thier!
Clemens.
zeitlebens sah ich weit und breit nicht eines
von dieser seltsamkeit und grösz' und zier.
Tieck 1, 356.


c) im sinne von seltsam 3, fremdartigkeit, sonderbarkeit. Adelung. vgl. oben die glossierung durch insolentia bei den älteren lexicographen:

da ich zweifelnd in der hand ihn (den helm) wog,
des abentheuers seltsamkeit bedenkend.
Schiller jungfr. von Orl., prolog 3.

in bezug auf menschliche eigenschaften und äuszerungen sowie auf menschen selber (vgl. DWB seltsam 3, b, β. γ. δ): sältzamkeit, unmt, senium Maaler 340d; seltsamkeit des gemüts, morositas, austeritas, inhumanitas. Stieler 2006; seltsamkeit der sitten, stravaganza, bizzarria de costumi. Kramer deutsch - ital. dict. 2 (1702), 767b; seltsamkeit, in der aufführung, morositas, insolentia Frisch 2, 263a; ich bitte dich nun, entgürte dich deiner seltsamkeit. Shakespeare was ihr wollt 4, 1.
2) was seltsam ist, meist im sinne von seltsam 3. seltsames vorkommnis:

'.. hier, auf dem altar, den dir (Augustus) die pflicht geweiht,
(ist) das zeichen des triumphs, ein palmbaum aufgeschossen'.
man siehet, sprach August, aus dieser seltsamkeit,
wie fleiszig ihr im opfern seyd.
Hagedorn 1, 106.

seltsame handlung, seltsame eigenschaft Adelung: weszhalb denn die achtung für seine verdienste auch seinen seltsamkeiten das wort zu reden schien. Göthe 31, 222. seltsames ding Adelung, abstract: so verwendeten wir theils einzeln, theils zusammen, viele zeit an diese seltsamkeiten (lehren der mystischen naturphilosophen). Göthe 25, 201, concret: diesemnach wurden wir schlüszig auf den morgen uns in den garten des Mecenas zu verfügen, und an die ledige stellen etliche seltsamkeiten, die wir aus Morgenland mit gebracht, zu versetzen. Lohenstein Armin. 1, 698b; der war .. weit in der welt herumgereis't, in heiszen ländern, von wo er manche seltsamkeit,

[Bd. 16, Sp. 556]


an thieren, vielerlei gewächsen und meerwundern heraus nach Schwaben brachte. Mörike erzähl. (1878) 141.
 
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seltsamkeitsbegierde, f.: dasz ein so treffliches genie, aus eigensinn, eitelkeit und seltsamkeitsbegierde seine groszen talente nicht braucht. Nicolai in Mercks briefsammlung 1, 81.
 
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seltsamlich, adj. , weiterbildung zu seltsam, gleicher bedeutung, mhd. seltsænlich, verkürzt selzenlich, adv. seltsænlîche Lexer mhd. hdwb. 2, 872, frühnhd. als adv. seltzamlich, raro, rarenter Dasypodius, gar seltzamlich, perraro Maaler 370a, sältzamlich, vast wenig, insolenter 340d, als adj. und adv. seltsamlich, id. quod seltsam, novus, admirandus, inexspectatus, morosus. Stieler 2007, anscheinend im 18. jahrh. veraltet, dann aber wol durch die romantiker neu belebt, auch von Göthe im alter und neueren dichtern gebraucht.
1) im sinne von seltsam II, 1, adverbial, raro Dasypodius. Maaler. Stieler (s. oben):

Maria hâtte gewennet sich.
daʒ si niemer alder selzenlich
erlachte.
Walther von Rheinau 28, 53.


2) im sinne von seltsam II, 2, admirandus Stieler (s. oben):

seht, mein könig,
das seltsamliche rosz.
Tieck 1, 360 (vgl. den beleg unter seltsamkeit 1, b).


3) im sinne von seltsam II, 3, inexspectatus Stieler (s. oben). nach a: Huldbrand empfing einen kleinen schauer bei dieser erinnerung, und blickte unwillkührlich nach dem fenster, weil es ihm zu muthe war, als müsse eine von den seltsamlichen gestalten, die ihm im forste begegnet waren, von dort herein grinzen. Fouqué 8, 12 (Undine 1); sowohl in skizzen als ausgeführten blättern nach der natur offenbarte sich ein glücklich künstlerischer blick in die welt, und das interesse an diesen blättern war durch fremdartige seltsamliche localität erhöht. Göthe 32, 67 (tag- u. jahreshefte 1811); aber kaum, dasz sie allein beisammen waren, da riefs mit einer seltsamlichen stimme drauszen vor der burg: Kunz, komm herab Ludwig 2 (1891), 567;

die seltsamlichen stillen pflanzen
im nassen (auf dem meeresboden) deckt die kläre (die klarheit, das sonnenlicht) blosz.
Immermann 13, 242 Boxberger;

als ihr herzblut auf den stern fiel,
auf den heil'gen stern des abends,
war des zaubers macht gebrochen,
war der seltsamliche machtlos.
Freiligrath 6 (1886), 104.

nach b:

seltsamlich (ist) der ganze handel.
Tieck Octavian 371;

liebesabenteuer; seltsamlich: mädchen im garten. Göthe 46, 315; wenn man auch ihren (der deutschen sprache) autoren bei selbsteignen productionen eine seltsamliche kühnheit vorwerfen möchte. 322. adverbial: auf den gesichtern (der gemälde) schwebte ein etwas, das den blick zugleich anzog und zurückstiesz, bei vielen sprach aus den augen eine heiterkeit, die man wohl grausam hätte nennen können, andre waren seltsamlich entzückt, und erschreckten durch ihre furchtbare miene. Tieck Sternb. (1798) 2, 1, 5.
 
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seltsamscharf, adj.: der stral des lebens bricht in seltsamscharfe farben. J. Paul flegelj. 3, 64.
 
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selve, subst., landschaftliche nebenform zu salbei. Nemnich 2, 1216, besonders nd. s. salbei oben theil 8, 1686. 1687.
 
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selwen, verb. zu sal, adj. (stamm salw-, s. dies oben theil 8, 1678), mhd. selwen, selben, prät. selwete, salte, sal machen, verdunkeln, entfärben, beschmutzen, betrüben. Lexer mhd. handwb. 2, 873, ahd. *sal(a)wjan (bezeugt kisalota, decoloravit, gisaluuit Graff 6, 183), daneben mhd. salwen, sal sein oder werden Lexer 587, ahd. *sal(a)wên (wozu vielleicht die bezeugten formen irsaluuet, versaleuuet Graff 6, 183 gehören). selwen ist noch frühnhd. bezeugt:

ach megdlein, ander wonne,
wie selwet euch die sonne,
dasz ir seit worden bleich!
Uhland volksl.2 142 (nr. 88), 2.

später ist es untergegangen. mundartlich begegnet jedoch ein eng verwandtes besaligen, besäligen, abfärbig machen, beschmutzen Schm.2 2, 253 (Oberpfalz, bair. wald), bsalinga, besudeln, figürlich auch begatten Castelli 97.
 
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selwort, subst.: wenn er (der vogt) die neun selworthe auf dem Grinderwald bereiten soll. weisth. 3, 296 (gegend von Nienburg, von 1540). das wort ist wol eigentlich nd., vergl.

[Bd. 16, Sp. 557]


Schiller-Lübben 4, 186a, wo es als gleichbedeutend mit nd. sadelhof (s. DWB sattelhof oben theil 8, 1826 und sedelhof theil 9, 2807) bezeichnet wird. zum ersten theile des worts vgl. auch DWB selhof oben und zum zweiten wört, wert, werder, bodenerhöhung unten.
 
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selzdick, adj. dick wie eine selze, salse, vgl. das folgende: nimb wolzeitige holderbeer, streiffe sie von den stielen, truck den safft ausz, lasz jhn bey sanfftem feuwer seltz dick absieden. Tabernaemont. (1664) 1441 J.
 
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selze, f., nebenform des älteren nhd. zu salse, gewöhnlich mit tz geschrieben, s. DWB salse oben theil 8, 1702. holderselze, eingesottener saft von holunderbeeren: erstlich von der holder seltz zu schreiben, so ist solche bey den alten, und noch bey dem gemeinen mann, schier an statt eines theriacs gehalten. Wirsung arzneibuch (1597) 774 A; von holderseltz. Tabernaemontanus (1664) 1441 J.
 
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selzehend, m., s. DWB salzehend oben theil 8, 1711.
 
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selzen, verb., s. DWB salzen oben theil 8, 1711.