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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
selde bis seldgrundzins (Bd. 16, Sp. 511 bis 513)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) selde, f. (mit offnem ē) glück, heil, segen, veraltet, ahd. sâlitha, sâlida sâlda. Graff 6, 181, mhd. sâlide, sælde, md. sêlde, sâlde Lexer mhd. hdwb. 2, 579; as. sâlda, mnd. sâlde Schiller-Lübben 4, 14b, sêlde. 179a; ags. slþ. Bosworth-Toller 811a; aisl. slð, in zusammensetzungen. Cleasby-Vigfusson 617b; etymologisch verwandt mit selig (s. dies), lat. salvus, gr. ὅλος. Schade etym. wb.4 2, 739a. 735b. das wort ist noch aus dem 15. und 16. jh. zu belegen, als selde, sälde, salde, natürlich auch verkürzt, seld u. s. w., gerät dann aber in vergessenheit: nun sich ich den waren got, das ist mir ein grosze seld hie auf erden. heiligen leben (1472) 5b; das er uns hie mit selden lasz leben. 30b;

das dir got dein laid verkêre ...
und dir dein selden mêre.
Oswald v. Wolkenstein 58, 1, 9;

in des paradeis plute
wachst uns der selde gras.
Wackernagel kirchenlied 2, nr. 641, 7;

da ward ein lauf in Peters hausz
von den bewrin auf den wälden,
erachten das ihr seel selden,
welch Petern viel tuch geben theten. histori Peter Lewen 1302 Bobertag.

mit selden leben:

herr, die tochter ist euch (zum weibe) gegeben;
got lasz euch lang mit selden leben. fastn. sp. 499, 29 Keller;

nu gedenk und merk eben,
so ir mit selden müst leben! 777, 21.

in seld, selden stahn (stehen): wie selten yemand sein arg leben, dieweil er in selden stat, enderet. quelle von 1485 bei Schm.2 2, 253;

dann alles fleisch auff erden gar
ist hew und seine güt fürwar.
ist wie ein blm dausz auff dem feld
die stath zierlich in reicher seld,
fallet z letzt vom wind hinweck.
Wickram irr reit. bilger 7a.

die form selden in den obigen belegen kann eine schwache gen. dat. acc.-form sing. sein, wie sie frühnhd. auch sonst zu eigentlich stark flectierenden fem. gebildet werden. sie kann aber auch als plur.-form aufgefaszt werden, denn das wort erscheint auch frühnhd., wie in alter zeit oft, in sicher pluralischer anwendang: es gieng im gar wol in allen sachen an seel und leib,

[Bd. 16, Sp. 512]


und meeret sich sein lob und sein eer in groszen sälden, und er nam gröszlich zu an zeitlichem gut. quelle bei Scherz-Oberlin 1353. selde mit sinnverwandten ausdrücken verbunden: das wir gottsdienst ehren, mehren, und würden wollen durch unser selbs hayl und sald willen. quelle des 15. jh. ebenda; wenn ein geistlicher mensch aus seinem orden kumpt, do volget im weder glück noch seld nimmer mer. heiligen leben (1472) 65b; da von dem siechen unnd dir (dem arzt) gelück unnd seld aufferstad. Braunschweig chir. (1539) 2b;

dem könig sey freud, trost und seld.
H. Sachs 16, 167, 6 Keller-Götze.

merkwürdig ist die folgende stelle:

die pauren han auf den feiel geschissen.
wir wollen in alles hart seld fluchen. fastn. sp. 193, 9 Keller.

falls keine verderbnis des textes vorliegt, ist in wol als dat. plur. und hart seld als zu fluchen gehöriger acc. aufzufassen. hart seld könnte demnach nur 'unglück' heiszen. alles läszt sich als adverb erklären, könnte aber auch zu seld gehören, das dann hier n. sein müszte. aus dem 14. jh. ist ein anscheinend neutrales sêlden bezeugt: wir wunschen allen den, di disen prief an sehent und hœrent, alles sêlden und alles guote. quelle bei Lexer mhd. hdwb. 2, 580.
 
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seldenbar, adj., so würde die nhd. entsprechung des mhd. sældenbære, glück-, heilbringend (zum vorigen) lauten, neben dem auch sældebære begegnet. Lexer mhd. hdwb. 2, 579. die alte sprache nachahmend gebraucht Keller seldenbäre: die mildere zeit, die seldenbäre, wird auch mir noch aufgehen! 6, 78. Abr. a S. Clara bietet seelbar, heilsam, das vielleicht daraus zusammengezogen ist. Schm.2 2, 253.
 
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seldengut, n. kleines, nicht selbständiges ländliches anwesen, auch söldengut. vgl. das erste selde: item es sind auch gute zu Heydenfeld, die sind auch genannt seldengut; die zinse, die daruff gefallen, soll man nehmen nach Würtzburger wehrunge. weisth. 3, 563 (Franken, v. 1420); auch (auszer dem zu liefernden getreide) so sollen der obgenannten unser herrschaft (den grafen von Wertheim) alle jahre von den obgenannten siben guten und seldenguten daselbst uff s. Martins tag zu zinss werden dritthalben pfund Würtzburger werunge, und uff s. Walpurg tag alle jar zwey pfund derselben wehrunge. 573 (ebenda); item ein iedes söldenguet (soll geben) jährlich 32 θ, Melchior Widenmann von seinem gräflichen lehen 3  gelts. 6, 277, 4 (Schwaben, abschrift des 17. jahrh.). daneben seldgut, söldgut: von jaufen (stangen für weingärten) schlahen ist fürgenomen, das nun hinfüran in den gemainen wäldern .. kain hof ains jars nit über fünfzig stangen, und ain seldguet nit über fünfundzwainzig stangen schlahen soll. tirol. weisth. 4, 150, 6 (16. jahrh.); ain ieder, so in Untermais, Hagnach und Freiberg ganze, halbe höf, lechen- oder söldgieter innen oder gemainsgerechtigkait hat. 131, 8 (von 1683).
 
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seldenhaus, n. kleines bauernhaus, meist zu einem gröszeren gut oder dgl. gehörig, davon abhängig, mhd. seldenhûs Lexer mhd. handwb. 2, 863 (vgl. das erste selde), in der form söldenhaus: es sol auch der söldner in sölgem söldenhaus nicht mer viech haben, dann zwo hennen und ainen han. tirol. weisth. 1, 164, 12 (von 1483), deminutiv seldenhäuslein, söldenhäusel: abschaffung der neuen söldenhäuszl oder ingehäusz. quelle bei Schm.2 2, 269. daneben seldhaus. 268, selthaus: Staudenfuchs und zwai selthaus, sint Chuntzleins von dem Stadel, ligent an dem Griesz. tirol. weisth. 4, 194, 7, söldhaus (Schöpf 679), soldhaus: sonder ainiche neue soldhäuser .. erpauen. 590, 5 (17. jahrh.), selhaus, sellhaus: ain ieder selman daselbs, der ain selhaus hat, (soll geben) zwen pfennig. Salzb. taid. 289, 4 (15. jahrh.); es soll keiner holz schlagen im Geflaner wald, zu verkaufen, es seien pauhäuser oder sellhäuser. tirol. weisth. 3, 204, 35 (von 1568); sölhaus, söllhaus, solhaus: welcher ain söllhaus hat, der soll drei fueder holz in ainem jar verkaufen, und welcher ain bauhaus hat, der soll vier fueder holz verkaufen recht haben. 204, 11 (v. 1564); in den söl- als ohne das schlecht und klainen heisern. 2, 72, 14 (von 1644); dieweil sonderlich den sölheuszlern die solheuser allain auf ihr persohn und ihr weib und kinder zu setzen und nit auf überzins zu pauen und die weszenlichen güeter in holz, wunn und waid zu beschwären vergunt sein. Salzb. taid. 253, 10 (17. jahrh.). in einer deminutirform: so oft sich mit dem paur- oder söllman durch ableiben oder in anderweg ain veränderung mit dem guet oder söllheisl begibt. tirol. weisth. 1, 21, 17 (17. jahrh.). dazu seldhäusler,

[Bd. 16, Sp. 513]


bewohner, besitzer eines solchen hauses. Schm.2 2, 269, auch söllhäusler ebenda, sölhäusler (s. die oben angeführte stelle Salzb. taid. 253, 10), solhäusler: jährlichen so sollen alle rauchfeng bei baueren oder solheislern zweimal des jahrs visitirt werden. tir. weisth. 1, 68, 37 (von 1609); also befindt sich auch, das die angesessnen paurszleut und die solhäuszler ihre häuser täglich auf mer zimmer, die herberger darinnen underzubringen, richten. Salzb. taid. 253, 3 (17. jahrh.).
 
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seldenhof, m. kleines, meist nicht selbständiges bauerngut. Frisch 2, 262c (in älterer sprache). vgl. das erste selde.
 
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seldenreich, adj. reich an selde, heil, glück, segen (s. dies oben), auch säldenreich geschrieben, mhd. sældenrîche, daneben sælderîche Lexer mhd. handwb. 2, 581:

nun kusz mich lieb noch zu ainer stund,
mich sældenreiche raine.
Hätzlerin 1, 8, 44;

ein jegliches tet hoffen
ein selden reichen tag.
Böhme altd. liederbuch nr. 20, 4, 4

(bezeugt aus dem 16. jh., wahrscheinlich aber aus dem 15. jh. stammend).
 
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seldenvoll, adj. voll selde, heil, glück, segen (s. dies oben), von Keller in nachahmung alter sprache angewendet: in heller freude lieszen die 'seldenvollen' frauen die federspiele steigen. 6, 79.
 
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selderecht, f., auch seldrecht, zum ersten selde gehörig, aufenthaltsabgabe: item ist auch, das ein fremd man, der nit viches hat, blibt jar und tag ze hus by etwem uff des gots(hus) guttern, der git darnach yerlich einem vogt ein schilling pfennig zu seldrecht. weisth. 1, 349 (Schwarzwald, 15. jahrh.). recht an eine selde, ein kleines zinspflichtiges ländliches anwesen, einkünfte davon: es sîe an selden, an selderehten. quelle bei Lexer mhd. handwb. 2, 863.
 
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selderer, m., dasselbe wie seldner. Schm.2 2, 269. in gleichem sinne begegnet mhd. ein kürzeres selder Lexer mhd. handwb. 2, 863, dem ahd. selidari, seldare, mansionarius, inquilinus, sarabaita. Graff 6, 178 entspricht. ein fem. zu dem letzteren erkennt Berger zeitschrift für d. phil. 20, 119 in der folgenden stelle Steinmars:

sumerzît, ich vröu mich dîn,
daʒ ich mac beschouwen
eine sueʒe selderîn (so die handschrift, die herausgeber
v. d. Hagen und Meiszner schreiben
sælderîn, beglückerin),
mînes herzen vrouwen. 7, 3.


 
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seldewurz, f., wol zum zweiten selde gehörig: alii radicibus nomina diversa imponunt ut seldewrz vel wepwurz et homines sic deludunt. quelle bei Schm.2 2, 253.
 
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seldgrundzins, m., zum ersten selde gehörig. quelle bei Birlinger 385b.