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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
selbstzünder bis selbwalter (Bd. 16, Sp. 506 bis 508)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) selbstzünder, m. feuer, feuerwerk, licht, geschosz u. a., das sich von selbst entzündet; so jetzt eine vorrichtung an einer gasflamme, wodurch sie sich von selbst entzündet, wenn man an einer kette zieht oder an einer schraube dreht (indem nämlich ein kleines flämmchen beständig brennt). bildlich schon bei J. Paul: dasz der schulmeister ein poetischer selbstzünder ist (dasz gleichsam seine verse von seinem eignen feuer durchglüht sind). biogr. belustigungen 1, 144; unsere selber klingenden ohren — unsere selberzünder von augen. Hesperus 3, 92.
 
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selbstzurechtweisung, f.: wirklich muszte ich beim lesen stets lachen, ... besonders bei deiner philosophischen selbstzurechtweisung und ermutigung. Hegi bei Keller leben 1, 114.
 
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selbstzwang, m. Campe: der pflichtbegriff ist an sich schon der begriff von einer nöthigung (zwang) der freien willkühr durchs gesetz; dieser zwang mag nun ein äuszerer oder selbstzwang sein. Kant 5, 202; die tugendpflicht ist von der rechtspflicht wesentlich darin unterschieden: dasz zu dieser ein äuszerer zwang moralisch-möglich ist, jene aber auf dem freien selbstzwange allein beruht. 207; die überwindung einer solchen (begierde) ... bedarf also selbstzwang, d. i. innere nöthigung zu dem, was man nicht ganz gern thut. 4, 197; eine sichtliche innigkeit der überzeugung belebt seine (Fr. Stolbergs) muse auch in ihrem messianischen selbstzwang. blätt. f. lit. unterh. 1846, nr. 315, s. 1257b.
 
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selbstzweck, m. was an sich selbst, um seiner selbst willen zweck ist. Campe: die schönheit oder vielmehr der geschmack betrachtet alle dinge als selbstzwecke. Schiller br. 3, 280; nun aber ist ... gesagt worden, dasz philosophie, wissenschaft, schöne kunst, und dergleichen, selbstzwecke seyen und dem leben nicht dienten. Fichte reden 148; dem antiken geiste ist der einzelne nicht selbstzweck. Uhlhorn kampf des christentums5 228. so wichtig der begriff in der gedankenwelt Kants ist, scheint dieser doch das wort noch nicht gebildet zu haben; er sagt noch dafür: zweck an sich selbst.
 
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selbstzweikampf, m., s. selbstfrieden.
 
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selbstzweist, m., da man mit sich selbst uneins ist. Campe (aus J. Paul).
 
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selbt, pron. weiterbildung zu selb.
1) die form begegnet schon im 14. jahrh.: die selbten im Zeitzer copialbuch von 1349—59, s. Lexer hwb. 2, 862; eine noch merkwürdigere nebenform ist: zu dem selboden dinge, in einer urk. von 1399, s. ebenda nachtr. 363. dazu ferner: der stede vrunde gingen ouch zo seltmailen zo raede. d. städtechron. 14, 896, 21 (Koelhoff- sche chron. v. 1499). ebenso mnd., z. b.: up de sulfte tid. urk. v. 1518, s. Grimm gr. 3, 648;

dyt sulfte sprack ock de konnygynne. Reinke de vos 3617.

[Bd. 16, Sp. 507]


s. ferner selbtig unter 4. die erklärung des t ist unsicher. vgl. Grimm gramm. 3, 648. Weigand 2, 694.
2) im ältern nhd. (16.—17. jahrh.) ist selbt nicht ungewöhnlich; vgl. Grimm a. a. o.
a) mit artikel: so weren aber nach mehir stugke, die an den selbten hingen, die weren in einer zcedeln verzceichent, ... die selbte zcedel dann alszo durch meister Lamprecht cantzler geleszen ist wurden. Spittendorf 89; wiewol die selbten geschickten alszo weggezcogen weren. 90; uff den selbten freitag. 97; umb das selbte butelfrouen hat es die gestalt. 120; dem selbten seynem uszerwelten volgke selbst zu seligkeit. 129; so wir ... dieselbten gutter gesehen. 418; Isaac kompt in ein frembd land, dy selbtte zceit was ein teurungh im lande. Luther 14, 337, 20 Weim. ausg.; er empfand eben so süsse wirckung, als wenn der selbten bildnisz ihm vollkommen in das gesichte geschienen (ac si illam coram conspexisset). Hofmannswaldau bei Steinbach 2, 577;

ein berg, zur lincken hand, denselbten ort beschützte.
Dietr. v. d. Werder Ariost 2, 34, 5.


b) weit häufiger ohne artikel, besonders bei den schlesischen autoren des 17. jahrh.: ward ich aus wehmut und mitleiden bewogen, dasz ich selbte (frau und kinder) auch erhandelte. A. Gryphius 1, 941; in eben selbtem auffzug Flederwisch jungfer. 953; der Catten hertzog nahm solchen ... an; beförderte selbten an den Segesthes. Lohenstein Arm. 1, 20a; seine leibsstärcke ... nur seinem eigenen ehrgeitze wiedmen, wäre viehisch oder teuffelisch; selbte zugleich dem gemeinen wesen zum besten anwenden, stünde menschen zu. 21a; dasz sie ihren bey sich habenden dolch zückte, und selbten der Parysatis zwischen die brüste zu stossen aufhob. 2, 105a; dasz selbter .. dises schlechte andencken anzunehmen nicht verschmähen wolte. Ettner unw. doctor 544; weil ich nun vernommen, wie ew. excellentz ihre reise nach Teutschland zu nehmen gesinnet seyn, als habe bey selbten ich gehorsame ansuchung zu thun mich erkühnet. hebamme 4; allwo ihm selbte (die rhetorik) denn zuerst die art entdecket, wie eigentlich ein haupt-satz ... zu erfinden. Günther vorr. a 3b; auff eben selbte. Logau 1, 33, 17 (überschr.);

Adam must in apffel beissen, kunt es nicht verbessern,
weil man noch zu selbten zeiten nichts gehabt von messern. 3, 52, 76;

wie es um selbtes steht.
Opel-Cohn 286, 23;

ob auch der müglichkeit
wohl könte müglich seyn uns alle selbter zeit
zu führen weiter fort.
Fleming 206;

es sey die schnöde nacht
von der vergessenheit umwickelt und umhangen,
in welcher man gesagt ein männlein ist empfangen,
es werde selbter auch in künfftig nicht gedacht.
Hofmannswaldau geschichtreden 27;

wer selbten fühlt, der kan vernünftig handeln.
Chr. Gryphius poet. wälder 1, 131;

wer selbter (der welt) sich entschlagen kan. 493;

und selbter bastard heist die syncretisterey.
Wiedemann gefangenschaften febr. 29;

ich habe zwar dein hertz mit meinem staal verletzet,
doch fand ich selbtes rein wie sonst ein hertze ist. märz 12;

die wenn ihr was entfällt sich nicht nach selbtem bücket. april 26;

das glücke bauet gar auch königliche thröne,
doch reist es selbte ein. august 77;

doch meine hand weisz nicht, was sie dir geben soll,
weil ich in selbter nichts als lufft und mangel trage.
Günther 1051.


3) heute lebt selbt, gewöhnlich in der erleichterten aussprache selt, noch in hd. mundarten fort. doch scheint die bedeutung 'selbst' auf das bair. beschränkt zu sein: sellt, seld. Schmeller 2, 263. 268. Frommann 4, 548, 17:

wer woasz? eppăn màrgen seld â muasz sie 's segn?
Hartmann-Abele volksschausp. s. 491, 338, vgl. s. 597.

sonst stets in adverbialem gebrauche: 'dort, damals' (vgl. DWB selb II, 5), so alem. selt (basel. seltsch) dort. Weinhold alem. gr. s. 296. Frommann 4, 546, iv (Aargau); bair. (auch in Nürnb.) Schm. a. a. o.; fränk.-henneb. sëlt. Frommann 2, 115; wetterauisch seald, mansfeld. sëlt. Weigand 2, 694; meiszn. salte, selte (dort, damals). Weinhold dialektforschung 142.
4) wie zu selb selbig, so wird zu selbt zuweilen, doch sehr selten, selbtig gebildet: der selbtig in einem voc. teut-lat. s. Weinhold 2, 694; zum selbtigen dach in einer Tenneb. amtsrechn. v. 1528, der seldige in einer Weimar. urk. v. 1528 s. Dief.-Wülcker 852. hiernach also wol thür.-hess. häufiger im

[Bd. 16, Sp. 508]


nd.: in der sulftyghen wyse. Schiller-Lübben 4, 466b; neund. sülftig, märk. selftig: in derselftgen nacht. Frommann 3, 265, 17 (vgl. s. 268); dai selftige 5, 138, 16. vgl. selbig.
 
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selbthätlich, adj. derselbe (?): zway pfund und dryssig schilling haller sollen an das liecht, das ich .. gestifft han .. und sollen dem selbtätlichen licht zugehören. Ulmer urkunde von 1366 bei Schmid 490.
 
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selbviert, s. DWB selb II, 6, c.
 
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selbwalt, f. und m., eigenmächtige gewalt(that), selbsthilfe, frevel, ein wort, das in dem ältern nd. zu hause ist, mnd. sulfwolt, -wold, -wald, -welde, sullefwolt, zulwolt, silfwold, silvold. Schiller-Lübben 4, 467b f.; sülffwolde, vis privata et propria, s. Haltaus 1676; Bertram Pawel unde Heyse v. Strobeke ... sint vorvestet van Henrikes weghene van Kochinge unde Henninges Kolarced darumme dat se erer jowelkeme sine husdore tostotten dor oren sulfwold. d. städtechron. 6, 45, anm. 8; desse handelinghe unde grote sulfwolt is uns gheschen an unsen leven vrnden. 348, 7; er se os armen luden dit grote unrecht unde sulfwolt ghedan hedden. 363, 3; Cordt Homestere is vorfestet vamme rade, dat he frevelde unde sulleffwolt dede. 16, 187, anm. 1. so auch: sulfwalt, -welde, -wolde. brem. wb. 5, 170 f.; sülvwald Dähnert 473a. in dem sinne 'mulcta per vim injustam commissa' auch in hd. quellen übernommen: was dessen straffe? erkandt: den groszen sulffwaldt; als denn sollen die partien etc. dem fiscali in 4. s. noch geben, welches ein solbwalt heist, s. Haltaus 1676; in ganz vorhochdeutscher form selbstwaltts brüche. 1677; als selbgewalt im gewöhnlichen sinne: ein solches were in .. nie erleubet, darumb were zu mercken, das sich die bornmeister und die andern der regierunge mit selb gewalt underzogen hetten. Spittendorf 156. alle diese quellen gehören dem ursprünglich nd. gebiet an. so auch folgende stelle:

selbwalt ist daʒ getan
unde ist auch kegn der mynnen bot.
Eberhard Cersne der minne regel 1361,

wo man kaum nöthig hat, (mit Bech Germ. 7, 495, und Lexer hwb. 2, 871) ein sonst nicht bezeugtes adj. anzunehmen.ableitungen: selbwalten, verb. in eigener person herrschen. Campe (sonst nicht bekannt).
 
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selbwalter, m. der selbst herrscht. Campe (?), mnd. sulfwolder, -welder, 'der sich gewaltthätig selbst hilft': unde dat nemant sulfwelder ofte synes sulves richter wesen schal, s. Schiller-Lübben 4, 467b; dafür auch sulffwoldenere. ebenda.