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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
selbstwesend bis selbstwort (Bd. 16, Sp. 504 bis 505)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) selbstwesend, adj. ipsissimus Stieler 172, vgl. Adelung (bei Opitz für selbstständig, vgl. u.). nur in der ältern sprache in der form selbwesend, mhd. selpwesende 'von selbst seiend, im eignen wesen begründet' Lexer handwb. 2, 871:

sin (gottes) ie selbwesende êre
verendet niemer mêre.
Walther v. d. Vogelweide 3, 7.

nhd.: sondern der glaube ist ein ding im hertzen, das sein wesen für sich selbs hat, von gott gegeben, als sein eigen werck. aber nicht eine solche substantia, unnd selbwesend ding, ut in praedicamentis corpus est substantia, wie man sonst in schulen die knaben lehret, dasz ein leiblich ding .. eine substantz und selbwesend ding sey. Luther tischr. 11b; weil nu die heubt und selbswesende gerechtigkeit nichts ist, so ist auch die zufellige gerechtigkeit, accidentalis iustitia, nichts. die substantialis iustitia, heubtgerechtigkeit ist die gerechtigkeit des glaubens. 143a; selbstständig:

dann was nothwendig ist kan nicht von andern hangen,
noch was selbwesendt ist von aussen was empfangen.
Opitz 4, 291;

leibhaftig:

man sieht die majestät selb-wesend in ihr stehen.
A. Gryphius 1, 124 (Cath. von Georg. 2, 98).

dazu mhd. selbwesen(t)lich, adv.: substantiabiliter, hd. wesentlich, selbwesentlich, -wesenlichen, -weselich, selbs-, selven - weselich, selben - wesentlichen, nd. selff wesic, solf weselken. Dief. gloss. 561c, mnd. sulfwesentlike Schiller-Lübben 4, 467a. —
 
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selbwesenlicheit, f. s. Lexer a. a. o. (15. jahrh.). —
 
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selpwesig (vgl. oben) bei Megenberg 32, 32 (s. unter seele II, 1, i, theil 9, 2854).
 
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selbstwichtig, adj.: da indessen zween bekannte und einander so ungleiche deutsche schriftsteller sich an den fuszzehen der Wink(elmannschen) kunstgeschichte, der eine so lehrreich, der andre so selbstwichtig beschäftiget. Herder 2, 128 Suphan; kein Herodot .. kündigte sein thema so kostbar, so selbstwichtig an, als wenn man blos der stirne nach von aller welt schon mit zurückfahrender bewunderung empfangen werde. 3, 375.
 
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selbstwiderlegung, f.: indem ich .. gegen diesen vorzug (der natürlichen religion) aufs lauteste protestire, und ihn in rücksicht aller derer welche überhaupt religion zu haben und sie zu lieben vorgeben, für die gröbste inconsequenz und die augenscheinlichste selbstwiderlegung erkläre. Schleiermacher über die religion 243.
 
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selbstwille, m. volontà propria ò propria volontà. Kramer dict. 2, 764b; eigen- et selbstwille, obstinatio, pervicacia, vulgò singularitas, et cerebrositas, it. liberum arbitrium, placitum. Stieler 2536; noch bei Campe: wer ohne rückhalt und einschränkung 'menschen-freyheit' verkündigt, .. der .. gräbt den eigendünkel, und selbstwillen etc. wieder aus dem verborgenen hervor. Claudius 6, 57. — in älterer sprache mit selb-: ahd. selpuuillo, selbuuilli, arbitrium; (pi) selbuuillin, sponte, ultro. Graff 1, 826, mnd. sulfwille eigenmächtigkeit. Schiller-Lübben 4, 467a. (jetzt wird eigenwille bevorzugt, s. theil 3, 103.)
 
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selbstwillig, adj.
1) aus eignem willen, freiwillig. Campe, spontaneo, volontario Kramer dict. 2, 764b, dafür im ältern nhd. selbswillig, gtwillig, spontalis, voluntarius Maaler 369d. Dentzler 2, 262b; er (Christus) hat auch selbs willig ... der sünder geissel und selbschuldiger bürge und pfand seyn wöllen. Luther tischreden 78a; etlich (Scyther) .. haben kein gsatz, sunder thnd selbs willig was recht und billich ist, ausz leytung der natur. S. Franck weltb. 92b. — als adverb auch erweitert selbswilligklich, on zwungen unnd trungen, sponte, sua sponte, voluntate, ut fert natura, suapte natura. Maaler 369d; selbswilliglich, sponte Dentzler 2, 262b. — daneben selbwillig, vgl. got. silbawiljis (silbawiljos wesun, αἰθαίρετοι. 2 Cor. 8, 3), vgl. J. Grimm kl. schriften 5, 67 und ferner Weigand 2, 693; ahd. selbuuillich ubeli, voluntaria malitia. Notker ps. 36, 9, vgl. Graff 1, 829; mnd. sulfwillich Schiller-Lübben 4, 467a; nhd.: weydet die herd Christi, ... nicht genöttiget, sondern selbwillig. Luther 12, 386, 19 Weim. ausgabe; weil gott ein freywillig ungenödt hertz will haben, und die christen darumm die freyen und selb willigen heissen, dz jr ding ausz keinem nottzwang einichs gesatzes herfleüszt, sunder von einem freyen antrib des geysts. S. Franck chron. (1531) 454a; (das volk der Inder) scht nit den wollust und

[Bd. 16, Sp. 505]


überfluss der speisz .., sunder alleyn die dz erdtrich mit eisen unverletzt selbwillig gibt. weltb. 194b;

wer im selbwillig (dafür selber ein 5, 191a) schaden thut,
ist ein ertzböszwicht und nit gut.
H. Sachs 19, 333, 25 Keller-Götze.


2) zuweilen in etwas stärkerem sinne, aus eigner initiative, seinen willen selbst durchführend, eigenmächtig u. ä., so von handlungen: darumb verbeut Christus nicht sonderliche, eigene, selbswillige, sondern offentliche, gemeine, und amptsrache. Luther tischred. 413 (l. 393)a. adverbial: zuletzt finden die schaaren der auswanderer ... eine neue heimat, welche sie durch vertrag erwerben oder selbstwillig in festen besitz nehmen. Freytag bilder 1, 112; der general, den sich die empörten regimenter aus ihren reihen selbstwillig erwählt hatten. ahnen 5, 8. — als eigenschaft eines menschen, der immer seinen willen durchsetzt, nach seinem eigenen kopfe handelt, eigenmächtig, eigensinnig: du en scalt nicht wesen eyn kregherer unde sulfwillich. quelle bei Schiller - Lübben 4, 467a; selbstwillig bei jeder gelegenheit, überwand der Germane die selbstsucht in dieser form (der hingabe an einen andern als dienstmann u. ähnl.). Freytag bilder 1, 79;

so oft auch that sich grimmig selbst gescholten,
bleibt doch das volk selbstwillig wie zuvor.
Göthe 41, 161 (Faust II, 2);

selbstwillig wie Ka'us sah ich doch
von groszen und kleinen keinen noch.
wahnsinnigen gleich ist er ohne sinn.
Rückert Firdosi 1, 406.


 
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selbstwilligkeit, f. spontaneità, volontareità. Kramer dict. 2, 764b; trotzige selbstwilligkeit in übernahme von pflichten und höchste selbstentäuszerung in erfüllung der pflicht. Freytag bilder 1, 95.
 
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selbstwirken, n. eignes wirken. Campe (aus Herder). gleichbedeutend selbstwirksamkeit, f.: selbstbewusztseyn, selbstwirksamkeit, sie machen unsre wirklichkeit, unser daseyn. Herder 16, 574 Suphan (s. auch Campe). ferner: wie viele gute systeme der moralität und selbstwürkung (haben diese mythen) zerstöret! 6, 50; diese art anschauungskenntnisse .. bringen uns .. der moralischen selbstwirkung auf unsere bildung näher. Pestalozzi 5, 158.
 
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selbstwirtschaft, f.: Voss .. reiste .. mit seiner frau in fünf tagen nach Wandsbeck zurück, wo nun im eigens gemietheten haus nahe dem Claudius'schen, mit dürftigster einrichtung und ohne magd die selbstwirthschaft begann. Herbst J. H. Vosz 1, 198.
 
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selbstwort, n. als (schlechte) übersetzung von substantiv. Campe (vgl. selbststandwort).