Wörterbuchnetz
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
selbstvormund bis selpwesig (Bd. 16, Sp. 502 bis 504)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) selbstvormund, -vormünder, m. der sein eigener vormund ist, s. Campe.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
selbstvorwurf, m. Campe: das gefühl ihrer verschuldung gegen ihn, ihr selbstvorwurf war ein band gewesen, das sie an ihn gebunden hat. Ludwig 2, 265.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
selbstwachsen, adj., vgl. DWB selbstgewachsen, was von selbst gewachsen (nicht künstlich gepflanzt) ist, fast immer bildlich, urwüchsig, ursprünglich, natürlich: überhaupt ist in meinem ganzen character etwas seltsames, an sich selbst zwar nicht eben unedles, aber doch allemal rohes, selbstwachsenes, ungebildetes.

[Bd. 16, Sp. 503]


Reiske lebensbeschr. 10; die etwas rohe und selbstwachsene art der Holländer hatte mich grob .. gemacht. 31. jetzt selten (dafür urwüchsig u. a.); häufig in der ältern sprache in der form selbwachsen, mhd. selpwahsen Lexer hdwb. 2, 870 f. nachtr. 364. Scherz-Oberlin 1473. Schm. 2, 266; mnd. sulfwassen Schiller-Lübben 4, 466b f., in beiden mundarten auch in dem sinne 'roh, ungebildet, zuchtlos, plump' u. ähnl.; so nd. noch im 18. jahrh. als sul-, sülwassen: een sulwassen ding, ein plumpes, schlechtes instrument, een sulwassen disk, een sulwassen (ungeschliffener) minsk. brem. wb. 4, 1092; een sülwassen keerl, brood, lecht (schlecht, abgeschmackt und ähnl.). Strodtmann 236. — belege aus der litteratur, im eigentlichen sinne: und die leut haben desselbigen selbwachsen kampfers oder pechs geholet. Mathesius Sarepta (1587) 52b; selbwahsen gollier von der haut, selbwachsen crüze u. a., s. Lexer a. a. o.von menschen, zunächst in demselben sinne:

(Jesus ist ein) selpwahsen prophête.
der nicht vaters hête.
Reinbot v. Durne Georg. 3559, ebenso 3574.

ferner in bezug auf beruf und thätigkeit, natürlich, geboren, der von selbst etwas geworden ist, sich wozu gemacht hat, unausgebildet, autodidakt: das ich ... alle meine tage jnn solcher kunst ... keinen activum praeceptorem von menschen gehabt, sondern das jenige, was ich darinne verstehe, ... bey mir allein mit der gotts hülffe uberkomen hab, drumb möcht ich wol ein selbwachsen musicus gnant werden. M. Agricola musica instrumentalis (1545) L 5a; in sittlichem sinne, zuchtlos, seinen eigenen trieben folgend: unde deyt hir ane alse eyn sulfwassen snode bosewicht. d. städtechron. 6, 300, anmerk. 2; to sunte Margreten dage vorhoff sick up eyn upplop, eyn sulffwassende, blasende homod van itliken der partigebroder. 16, 380, 8;

selbwahsen kint, dû bist ze krump.
Walther v. d. Vogelweide 101, 23.

im ältesten nhd. auch vereinzelt selbswachsen: ein bischoff, prelat, theologus, er sey selbswachssen, oder sonst gemacht. Luther 6, 137a.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
selbstwachsend, adj.: selbstwachsende laschen als schuhmacherausdruck. Jacobsson 7, 335a. — älter selbwachsend: ein lebendig selbwachsende schattechte lauben darmit zu machen. anm. weiszh. lustg. 436. übertragen (wie selbwachsen): wie .. der unsinnige narr keine schrifft noch bücher lieset, sondern aus seinem eigen tollen kopffe, von solchen hohen sachen trewmet, und ein selbwachsender meister Klügel ist. Luther 8, 166a;

vermeint den jr selbwachsend herrn,
das ewer geitz wird ewig wern?
Ringwaldt trewer Eckardt K 6b.


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
selbstwasser, n. in bergwerken von selbst (ohne zuthun des bergmanns) hervortretendes wasser, besonders in salzbergwerken von den nicht salzhaltigen wässern, süsze quellen, süszwässer. Veith 554 f. Scheuchenstuel 224. Schm. 2, 266; salzburgisch ferner von einem bache, der nicht von regen oder schnee gebildet wird und im sommer nicht versiegt. ebenda; in einer tirol. waldordn. von 1719 selbwasser, bach, der von selbst flieszt. im gegensatze zu den künstlichen klauswassern. ebenda.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
selbstweise, adj.: eigen- sive selbstweyser, sibi sapiens, philautos, autodidactus. Stieler 2569. dafür bei Luther: wenn die welt und selbsweisen diese erbeitsame und rewige menschen verfolgen, verachten und verspotten. 3, 17b, und: die selbweyszen unnd eygen rechtfertigen kunnen nit anders dan bosz vor gut widder geben. 1, 183, 25 Weim. ausgabe (Jenaer ausgabe 1, 30a).
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
selbstwert, m. Campe: diese art anschauungskenntnisse geben unsern einsichten innern selbstwerth. Pestalozzi 5, 158.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
selbstwesen, n. substantia Stieler nachsch. 27a, selbstständiges wesen Campe: alle geschöpfe sind von gott und nichts; ihr selbstwesen von gott, ihr unwesen von nichts. Leibnitz 1, 411, vgl. auch Gombert 5, 19; der mensch bleibt immer zuerst ein selbstwesen. Oppermann 100 jahre 1, 48. — in älterer sprache selbwesen, mhd. selpwesen Lexer handwb. 2, 871. Schm. 2, 266, mnd. sulfwesent Schiller - Lübben 4, 467a: substantia .. (ein) selp-, selb-, selbs-, sin selbs-, salb-, selber-, selbstende, ... selff-wesen, -weysen, selbsinde, nd. selves weseng(?), sulf wesent. Dief. gloss. 561c; daʒ verstênt etleich, daʒ der meʒʒink golt werd an der varb, niht an dem selpwesen, wan .. diu varb ändert sich und daʒ selpwesen niht.

[Bd. 16, Sp. 504]


Megenberg 479, 8 f. (vgl. das glossar); de ente et essentia, von einem ding und selbwesen. Luther tischreden 381a.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
selbstwesend, adj. ipsissimus Stieler 172, vgl. Adelung (bei Opitz für selbstständig, vgl. u.). nur in der ältern sprache in der form selbwesend, mhd. selpwesende 'von selbst seiend, im eignen wesen begründet' Lexer handwb. 2, 871:

sin (gottes) ie selbwesende êre
verendet niemer mêre.
Walther v. d. Vogelweide 3, 7.

nhd.: sondern der glaube ist ein ding im hertzen, das sein wesen für sich selbs hat, von gott gegeben, als sein eigen werck. aber nicht eine solche substantia, unnd selbwesend ding, ut in praedicamentis corpus est substantia, wie man sonst in schulen die knaben lehret, dasz ein leiblich ding .. eine substantz und selbwesend ding sey. Luther tischr. 11b; weil nu die heubt und selbswesende gerechtigkeit nichts ist, so ist auch die zufellige gerechtigkeit, accidentalis iustitia, nichts. die substantialis iustitia, heubtgerechtigkeit ist die gerechtigkeit des glaubens. 143a; selbstständig:

dann was nothwendig ist kan nicht von andern hangen,
noch was selbwesendt ist von aussen was empfangen.
Opitz 4, 291;

leibhaftig:

man sieht die majestät selb-wesend in ihr stehen.
A. Gryphius 1, 124 (Cath. von Georg. 2, 98).

dazu mhd. selbwesen(t)lich, adv.: substantiabiliter, hd. wesentlich, selbwesentlich, -wesenlichen, -weselich, selbs-, selven - weselich, selben - wesentlichen, nd. selff wesic, solf weselken. Dief. gloss. 561c, mnd. sulfwesentlike Schiller-Lübben 4, 467a. —
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
selbwesenlicheit, f. s. Lexer a. a. o. (15. jahrh.). —
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
selpwesig (vgl. oben) bei Megenberg 32, 32 (s. unter seele II, 1, i, theil 9, 2854).