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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
selbstsprechend bis selbststifter (Bd. 16, Sp. 492 bis 495)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) selbstsprechend, adj. (vgl.selbstredend): die gemälde, die dieses kunst- und naturalien-cabinet zieren, sind wohl nicht weniger zweckmäszig und selbstsprechend, als das gastgebot des storchs in dem audienz-gemache zu C—. Thümmel reise 4, 370 f.
 
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selbstspringend, adj.:

das brustbein, so man nent das rosz,
vermacht sie (die gans), dasz es sey ein posz:
zur kurtzweil umb der kinder willen,
dasz man sie darmit möge stillen:
und selbsspringende röszlin machen.
Spangenberg s. 44 (ganskönig 2, 157).


 
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selbstsprossend, adj.: strebe, denn du muszt streben. wolle keinen dank, keine selbstsprossende ernte. Herder bei Campe.
 
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selbststand, m. substanz: selbststand, der, ens, quemadmodum selbstwesen, das, substantia. Stieler nachsch. 27a; dahero wäre dieses keine gantz wesentliche verwandelung zweyer in dem selbststande gantz unterschiedene[r] dinge. Lohenstein Arm. 1, 177b; ein jeder einzelner selbststand, als ich und du, ist ein einig, unzertheilig, unverderblich ding.

[Bd. 16, Sp. 493]


Leibnitz 1, 411; die leiber an sich selbst sind keine selbststände: schatten, so dahin flieszen. 412. in der ältern sprache auch selbstand (welche schreibung Campe vorzieht, vgl. selbstständig): eine substantia oder selbstand. Kirchhof wendunmuth 465;

ausz lieb er (Christus) setzet und bestet,
fünff wörter, di der priester pett,
und sich dadrch gewandelt hat,
als jn verwandlt scheinlich brot.
und als natrlich schreybt der Hayd,
anhng und selbstnd (accidentia et substantias?) underschayd.
Schwartzenberg Cic. 155a.


 
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selbstständig, adj. für sich bestehend, unabhängig. Adelung; substantialis Frisch 2, 262b; so schon mnd. sulfstandich Schiller - Lübben 4, 466b; dagegen mhd. dafür selpstênde Lexer hwb. 2, 870: dâ von erkennet er (gott) in vorgênden bilden al anevelligiu wesen alse diu selbstênden wesen. Eckhart 327, 27; substantia ... (ein) selbstende wesen. Dief. gloss. 561c; vgl. persona ... selpsende (l. selpstênde, od. selpsînde?). 430a. ob dieses die vorstufe des nhd. selbständig (das seit dem 15. jh. begegnet: selbstendiglich im voc. v. 1482 s. Weigand und selbstständigkeit) ist, wie Weigand 2, 693 will, musz dahingestellt bleiben. jedenfalls überwiegt in der ältern sprache selbständig entschieden. so besonders deutlich: wir christen glauben und bekennen, dasz das ewige wort gottes des vatters ... ist ein wahrer selb-ständiger mensch, mit leib und seel worden in der jungfrawen Marien leibe. J. Böhme 3 princip. 244. daneben auch mit selbs als erstem theil: warumb nomen auff teütsch ain nam, haisse ain wesentlich, selbsstendig od. zufellig ding. Ickelsamer t. gramm. s. 3 Kohler. vgl. Weigand 2, 693. auch in neuerer zeit ist die schreibung selbständig wieder üblich geworden; schon Campe redet ihr das wort, Weigand a. a. o. und Andresen sprachgebr.7 18, volksetym.4 269 treten für sie ein, und die preuszische schulorthographie hat sie officiell angenommen. doch läszt sich dagegen folgendes einwenden:
1) in allen andern heute wirklich lebendigen zusammensetzungen wird als erster theil deutlich selbst empfunden (vgl. das. II, 6, selb II, 7).
2) selbst in den andern compositen, deren zweiter theil mit st beginnt (selbststand, -streit u. s. w.), gestatten die sprachlichen thatsachen nicht die vereinfachung des st.
3) dasz auch bei diesem worte das unbefangene sprachgefühl heute entschieden selbst- als erstes glied empfindet, beweisen besonders fälle wie: mit der einfachheit wächst der reichthum, ... die selbst- und vollständigkeit des gliedes mit der des ganzen. Novalis 3, 70 Meiszner.
4) auch, dasz nur einfaches st gesprochen würde, ist nicht ganz richtig; man spricht zwar nicht die gruppe zweimal getrennt nach einander, sondern die beiden st flieszen, wie immer, wo sie ohne pause zusammenstoszen, in einen langen doppellaut zusammen, wobei sowol s wie t gedehnt, und die silbengrenze zwischen beide bez. noch in das s verlegt wird, und es entsteht ein ganz ähnliches lautbild wie bei bist du, hast du u. s. w., wo auch weder bi-stu noch bist-du (mit doppelter explosion) gesprochen wird. ich halte daher die schreibung selb-ständig etymologisch wie phonetisch für unberechtigt. vgl. auch DWB selbstständigkeit.
gebrauch: zunächst von dem, was substanz ist, im gegensatz zum accidens; auch geradezu als grammatischer ausdruck (vom substantiv): selb-ständig, selb-wesentlich, adj. sossistente da per se, sostantivo, it. sostantiale. ein selbständiges etc. wort, nome sustantivo Kramer dict. 2, 764a; selbstständig, substantivum. Stieler nachsch. 27a, daneben: selbständig beywort, adjectivum. 2578; selbst-ständig, adj.: substantialis. Frisch 2, 262b. von allem, was zu seinem bestehen oder auch zu seiner begreiflichkeit keines andern dinges bedarf. Campe: welcher (der rose) schönheit nicht so wohl in einem selbständigen wesen, sondern nur in einem bey- und baufälligen dinge bestünde. Lohenstein Arm. 1, 1398b; die sprache hat abstrakte begriffe zu selbständigen wesen erhoben. Lessing 7, 60. im vollsten sinne von gott, der den grund seines seins in sich enthält: wie ihn auch die griechische sprache ν, den wesenden und ὑφιστάμενον oder selbständigen gott anruft. Mathesius Luther;

selbständiger! hochheiliger! allseliger, ... gott!
Klopstock 6, 260 (Mess. 20).

in bezug auf die menschwerdung Christi, der bisher als eine accidenz (wort, weisheit) gottes gedacht, dadurch substanz, person wird ('leibhaftig'):

[Bd. 16, Sp. 494]


die freudenreiche nacht,
in der das wahre licht selbständig uns erschienen.
A. Gryphius 1, 69 (Leo Arm. 4, 362).

doch auch: weil Christus Jesus die selbstendige und ewige weiszheit gottes, dieselbige (die 'himlischen wollüst') ... uns armen menschen erworben hat. Meyfart d. himml. Jerusalem (1630) 2, 217. vgl. noch: der geist gottes in seinem worte offenbart sich wie das selbstständige — in knechtsgestalt. Hamann 1, 50. in der ältern sprache auch von menschen zuweilen mit der bedeutung leibhaftig: Erato erstarrete über dem anblicke Ismenens, unwissende: ob sie sie für die selbständige Jsmene oder für ein gespenste halten solte. Lohenstein Arm. 2, 457b. gewöhnlich, für sich bestehend; individuell: hundert jahre früher waren es wenige starke seelen, welche ihr selbständiges leben gegen die gemeingültige mittelmäszigkeit setzen durften. Freytag bilder 3, 2. unabhängig, im wirtschaftlichen oder rechtlichen sinne: selbstständig werden, volljährig, einen eignen hausstand, ein eignes geschäft begründen u. ähnl. so auch von gemeinwesen: es (Braunschweig) musz selbständig bleiben, weil, wenn die zwei stimmen wegfielen, der bundesrat gar nichts mehr bedeuten, Preuszen dort immer die geborne majorität haben würde. Bismarck bei Busch tagebuchbl. 3, 194. als innere, sittliche eigenschaft: ein mensch ist selbständig, wenn er für sich allein stehet und fest stehet in seinen grundsätzen etc. und sich darin nicht wankend machen läszt. Campe. adverbial: selbstständig denken, fühlen, bandeln u. a.
 
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selb(st)ständigkeit, f. (über die schreibung vgl. selbstständig).
1) in der ältern sprache oft concret, das was selbstständig ist, substanz; so schon im 15. jahrh.: materia eyn selpstendekeyt. zeitschrift für deutsche phil. 9, 138 (glosse in einer Zeitzer handschr. v. 1430); persona ... ein selbstendigkeit des wesens. Dief. gl. 430a; ebenso im voc. v. 1482 dd 3a, s. Weigand 2, 693; nhd. selbständigkeit, f. sussistenza, sossistenza, sostanza da per se. Kramer dict. 2, 764a; substantia Stieler nachsch. 27a; selbstständigkeit, substantialitas, hypostasis. Frisch 2, 262b; dasz die seele durch die würckungen der liebe mit welchen sie gott liebt, erlange, dasz jhr gott nicht allein seine gaben mittheile, sondern dasz auch selbst die selbständigkeit und wesen gottes der seelen mit sonderbahrem titel selbständig zugegen sey. Scheffler cherub. wandersm. s. 8 ndr.; und ist in die gefässe jetzo nicht nur der geruch desz balsams, sondern selbst die selbständigkeit der heiligen salbe geflossen. 9; nicht dasz die selbständigkeit verwandelt oder dasz eigene wesen weggenommen werde. 11; so noch: es (Spinozas system) kennet keine endlose zahl einzelner substanzen, deren harmonie prästabilirt wäre; nur eine selbstständigkeit kennet es, die sich auf unendliche weise, für uns in zwei groszen attributen, ausdrückt. Herder 16, 462 Suphan.in anderm sinne, original eines bildes:

ein schäffer pinsel mahlt die schönste liebligkeit:
es bleibt ein nachrisz doch, ich die selbst-ständigkeit.
A. Gryphius 1, 682 (d. schwerm. schäffer 3).

von den personen des göttlichen wesens:

Aristons sohn ...
theilt gottes wesen ein in drey — selbstendigkeit,
da er den ersten dann für vater auch erkennet.
Opitz 4, 373.

jetzt nur noch von selbstständigen personen, gemeinwesen und ähnl., im plural: wie viele selbständigkeiten werden da (im staatsdienst) geopfert. Auerbach schrift u. volk s. 377; wie viele selbständigkeiten gab es noch, die sich in keine staatsform fügten. Ranke werke 1, 223.
2) sonst jetzt nur noch abstract, eigenschaft oder zustand des selbstständigen (vgl. Kramer und Frisch unter 1): item diser chasmal oder helles liecht, der sich den propheten ... offenbaret, ist ein vorstendig, gerecht ... liecht, ... das freywillig, allweg leuchtet, und hat sein selbstendigkeit unnd persönlich wesen. Mathesius Sar. 60b (am rande: was Christus für ein liecht sey). im rechtlichen sinne: die rechtlichen .. attribute derselben (der staatsbürger) sind gesetzliche freiheit, .. bürgerliche gleichheit, ... drittens das attribut der bürgerlichen selbstständigkeit, seine existenz und erhaltung nicht der willkühr eines anderen im volke, sondern seinen eigenen rechten und kräften als glied des gemeinen wesens verdanken zu können, folglich die bürgerliche persönlichkeit, in rechtsangelegenheiten durch keinen anderen vorgestellt werden zu dürfen. Kant 5, 147; selbst kaiser Franz und Metternich schätzten zwar den streitbaren katholicismus ..., jedoch

[Bd. 16, Sp. 495]


von der selbständigkeit der kirche wollten sie als strenge absolutisten nichts wissen. Treitschke d. gesch. 2, 95. im geistigsittlichen sinne: weil ich aber in solchen (geselligen) dingen keine selbstständigkeit erworben hatte, so fiel ich gleich, da ich allein war, in mein wirriges, störrisches wesen zurück. Göthe 25, 143; wenn sich der mensch seiner reinen selbstständigkeit bewuszt wird, so stöszt er alles von sich, was sinnlich ist, und nur durch diese absonderung von dem stoffe gelangt er zum gefühl seiner rationalen freyheit. Schiller 10, 96; die gröszere selbständigkeit im glauben forderte gebieterisch eine stärkere politische kraftentwicklung. Freytag bilder (1859) 2, 15; die geniale selbständigkeit seiner (Niebuhrs) forschung, die überall bis zu den letzten quellen der überlieferung vordrang. Treitschke d. gesch. 2, 64.
 
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selbststandwort, n. als übersetzung von substantivum. J. Paul liter. nachl. 4, 203, vgl. selbstständig.
 
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selbststeigerung, f.: so erinnern seine (des Aristides) berichte doch in mehr als einer beziehung an bekenntnisse christlicher pietisten, sowol durch die unaufhörliche selbstbeobachtung, selbststeigerung und selbsttäuschung, wie durch das bewusztsein ... ein auserwählter der gottheit zu sein. Friedländer darstell. aus der sittengesch. Roms 3, 441.
 
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selbststerber, m.: selbsterber, fatidiem occupans, vulgò propricida. Stieler 2171. —
 
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selbststerbung, f. autochiria 2172. — vgl. mhd. selbstorbig von gefallenem vieh: 'das ir das fleisch yn seyme blute nicht vressit' (do meinte her das selbstorbige, das irdruckte irtrunckene unde irworgitte). Rothe dür. chron. c. 17.
 
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selbststifter, m.:

und wie dieser war
selbst-stifter seines hauses hohen glücks.
Chamisso Fortunat s. 8, 39.