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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
selbstsorge bis selbstständig (Bd. 16, Sp. 492 bis 493)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) selbstsorge, f. sorge für sich selbst. Campe, lieblingswort von Pestalozzi: von wirtschaftlicher sicherheit, zu welcher der einzelne mensch ... nur da gelange, wo ihn die herrschaft ... auf das gleis der selbstsorge führe. Lienh. u. Gertr. 3, 144; nimmst zu in allem fleisz, in aller ordnung, ... und in aller weisheit der selbstsorge? 221; die selbstsorge, die sie in ihrem innersten sinn nicht von der rohen selbstsucht trennte. schr. 3, 264; unter den tausenden, die sich durch den schrecken der vergangenen jahre zur besonnenheit einer gereiften selbstsorge erhoben haben. 6, 57, s. noch 7, 11. 25. —
 
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selbstsorger, m. (bei Campe irrig für selbstsieger, s. das.), nd.: dat es en selfsörger, dä sorget men för sinen kijak (schnabel). Woeste 235b. Wander 4, 536.
 
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selbstspanner, m. eine art des radschlosses bei gewehren. Böheim waffenk. 476.
 
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selbstspiegel, m.: so sah er sich immer in seinem selbst-spiegel, nämlich nur verschleiert. J. Paul Tit. 3, 185.
 
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selbstspiel, n.: erst später, wenn in den fünf akten der fünf sinne die erkennung der welt geschehen ist, ... hebt die gröszere freiheit des selbstspiels an. J. Paul Lev. 1, 92 (dafür weiter oben: schaffendes spielen, selbstthätige spiele).
 
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selbstspott, m. spott über sich selbst. Campe (als neubildung). dazu: 'das haus Diethelm bleibt', sagte er halb selbstspöttisch. Auerbach dorfgesch. 4, 27.
 
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selbstsprechend, adj. (vgl.selbstredend): die gemälde, die dieses kunst- und naturalien-cabinet zieren, sind wohl nicht weniger zweckmäszig und selbstsprechend, als das gastgebot des storchs in dem audienz-gemache zu C—. Thümmel reise 4, 370 f.
 
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selbstspringend, adj.:

das brustbein, so man nent das rosz,
vermacht sie (die gans), dasz es sey ein posz:
zur kurtzweil umb der kinder willen,
dasz man sie darmit möge stillen:
und selbsspringende röszlin machen.
Spangenberg s. 44 (ganskönig 2, 157).


 
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selbstsprossend, adj.: strebe, denn du muszt streben. wolle keinen dank, keine selbstsprossende ernte. Herder bei Campe.
 
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selbststand, m. substanz: selbststand, der, ens, quemadmodum selbstwesen, das, substantia. Stieler nachsch. 27a; dahero wäre dieses keine gantz wesentliche verwandelung zweyer in dem selbststande gantz unterschiedene[r] dinge. Lohenstein Arm. 1, 177b; ein jeder einzelner selbststand, als ich und du, ist ein einig, unzertheilig, unverderblich ding.

[Bd. 16, Sp. 493]


Leibnitz 1, 411; die leiber an sich selbst sind keine selbststände: schatten, so dahin flieszen. 412. in der ältern sprache auch selbstand (welche schreibung Campe vorzieht, vgl. selbstständig): eine substantia oder selbstand. Kirchhof wendunmuth 465;

ausz lieb er (Christus) setzet und bestet,
fünff wörter, di der priester pett,
und sich dadrch gewandelt hat,
als jn verwandlt scheinlich brot.
und als natrlich schreybt der Hayd,
anhng und selbstnd (accidentia et substantias?) underschayd.
Schwartzenberg Cic. 155a.


 
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selbstständig, adj. für sich bestehend, unabhängig. Adelung; substantialis Frisch 2, 262b; so schon mnd. sulfstandich Schiller - Lübben 4, 466b; dagegen mhd. dafür selpstênde Lexer hwb. 2, 870: dâ von erkennet er (gott) in vorgênden bilden al anevelligiu wesen alse diu selbstênden wesen. Eckhart 327, 27; substantia ... (ein) selbstende wesen. Dief. gloss. 561c; vgl. persona ... selpsende (l. selpstênde, od. selpsînde?). 430a. ob dieses die vorstufe des nhd. selbständig (das seit dem 15. jh. begegnet: selbstendiglich im voc. v. 1482 s. Weigand und selbstständigkeit) ist, wie Weigand 2, 693 will, musz dahingestellt bleiben. jedenfalls überwiegt in der ältern sprache selbständig entschieden. so besonders deutlich: wir christen glauben und bekennen, dasz das ewige wort gottes des vatters ... ist ein wahrer selb-ständiger mensch, mit leib und seel worden in der jungfrawen Marien leibe. J. Böhme 3 princip. 244. daneben auch mit selbs als erstem theil: warumb nomen auff teütsch ain nam, haisse ain wesentlich, selbsstendig od. zufellig ding. Ickelsamer t. gramm. s. 3 Kohler. vgl. Weigand 2, 693. auch in neuerer zeit ist die schreibung selbständig wieder üblich geworden; schon Campe redet ihr das wort, Weigand a. a. o. und Andresen sprachgebr.7 18, volksetym.4 269 treten für sie ein, und die preuszische schulorthographie hat sie officiell angenommen. doch läszt sich dagegen folgendes einwenden:
1) in allen andern heute wirklich lebendigen zusammensetzungen wird als erster theil deutlich selbst empfunden (vgl. das. II, 6, selb II, 7).
2) selbst in den andern compositen, deren zweiter theil mit st beginnt (selbststand, -streit u. s. w.), gestatten die sprachlichen thatsachen nicht die vereinfachung des st.
3) dasz auch bei diesem worte das unbefangene sprachgefühl heute entschieden selbst- als erstes glied empfindet, beweisen besonders fälle wie: mit der einfachheit wächst der reichthum, ... die selbst- und vollständigkeit des gliedes mit der des ganzen. Novalis 3, 70 Meiszner.
4) auch, dasz nur einfaches st gesprochen würde, ist nicht ganz richtig; man spricht zwar nicht die gruppe zweimal getrennt nach einander, sondern die beiden st flieszen, wie immer, wo sie ohne pause zusammenstoszen, in einen langen doppellaut zusammen, wobei sowol s wie t gedehnt, und die silbengrenze zwischen beide bez. noch in das s verlegt wird, und es entsteht ein ganz ähnliches lautbild wie bei bist du, hast du u. s. w., wo auch weder bi-stu noch bist-du (mit doppelter explosion) gesprochen wird. ich halte daher die schreibung selb-ständig etymologisch wie phonetisch für unberechtigt. vgl. auch DWB selbstständigkeit.
gebrauch: zunächst von dem, was substanz ist, im gegensatz zum accidens; auch geradezu als grammatischer ausdruck (vom substantiv): selb-ständig, selb-wesentlich, adj. sossistente da per se, sostantivo, it. sostantiale. ein selbständiges etc. wort, nome sustantivo Kramer dict. 2, 764a; selbstständig, substantivum. Stieler nachsch. 27a, daneben: selbständig beywort, adjectivum. 2578; selbst-ständig, adj.: substantialis. Frisch 2, 262b. von allem, was zu seinem bestehen oder auch zu seiner begreiflichkeit keines andern dinges bedarf. Campe: welcher (der rose) schönheit nicht so wohl in einem selbständigen wesen, sondern nur in einem bey- und baufälligen dinge bestünde. Lohenstein Arm. 1, 1398b; die sprache hat abstrakte begriffe zu selbständigen wesen erhoben. Lessing 7, 60. im vollsten sinne von gott, der den grund seines seins in sich enthält: wie ihn auch die griechische sprache ν, den wesenden und ὑφιστάμενον oder selbständigen gott anruft. Mathesius Luther;

selbständiger! hochheiliger! allseliger, ... gott!
Klopstock 6, 260 (Mess. 20).

in bezug auf die menschwerdung Christi, der bisher als eine accidenz (wort, weisheit) gottes gedacht, dadurch substanz, person wird ('leibhaftig'):

[Bd. 16, Sp. 494]


die freudenreiche nacht,
in der das wahre licht selbständig uns erschienen.
A. Gryphius 1, 69 (Leo Arm. 4, 362).

doch auch: weil Christus Jesus die selbstendige und ewige weiszheit gottes, dieselbige (die 'himlischen wollüst') ... uns armen menschen erworben hat. Meyfart d. himml. Jerusalem (1630) 2, 217. vgl. noch: der geist gottes in seinem worte offenbart sich wie das selbstständige — in knechtsgestalt. Hamann 1, 50. in der ältern sprache auch von menschen zuweilen mit der bedeutung leibhaftig: Erato erstarrete über dem anblicke Ismenens, unwissende: ob sie sie für die selbständige Jsmene oder für ein gespenste halten solte. Lohenstein Arm. 2, 457b. gewöhnlich, für sich bestehend; individuell: hundert jahre früher waren es wenige starke seelen, welche ihr selbständiges leben gegen die gemeingültige mittelmäszigkeit setzen durften. Freytag bilder 3, 2. unabhängig, im wirtschaftlichen oder rechtlichen sinne: selbstständig werden, volljährig, einen eignen hausstand, ein eignes geschäft begründen u. ähnl. so auch von gemeinwesen: es (Braunschweig) musz selbständig bleiben, weil, wenn die zwei stimmen wegfielen, der bundesrat gar nichts mehr bedeuten, Preuszen dort immer die geborne majorität haben würde. Bismarck bei Busch tagebuchbl. 3, 194. als innere, sittliche eigenschaft: ein mensch ist selbständig, wenn er für sich allein stehet und fest stehet in seinen grundsätzen etc. und sich darin nicht wankend machen läszt. Campe. adverbial: selbstständig denken, fühlen, bandeln u. a.