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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
selbstling bis selbstmord (Bd. 16, Sp. 484 bis 485)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) selbstling, m. egoist. Campe; nach ihm eine neubildung mit verächtlichem nebensinne, vgl. DWB selbstler: er sagte, ein mensch ohne leidenschaft sei noch ein gröszerer selbstling als einer mit heftigen. J. Paul uns. loge 2, 60; und hier braucht man die beispiele ruchloser geistes-gegenwart nicht aus dem denken, dichten und thun der ausgeleerten selbstlinge jetziger zeit zu holen. vorsch. d. ästh. 1, 72; (Charl. Stieglitz,) deren unglück darin bestand, einen mittelmäszigen dichter und groszen selbstling geheirathet zu haben. Immermann Münchh. 1, 213 (2, 10).
 
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selbstlob, n.: selbst-lob, n., selbst-preisz, selbst-ruhm, m. lode, gloria, vanto di se stesso, vanagloria, millanteria. Kramer dict. 2, 764a; eigen- sive selbstlob, laus propria. Stieler 1171. Frisch 2, 262b; selbstlob heiszt lästerlein. Wander 4, 536; das selbstlob fleischlicher vernunftaugen ist eine höchst schädliche fliege. Hamann 7, 116; nur im selbstlob geschmacklos, ward er (Platen) nicht müde, sein eigenes verdienst ... seinen lesern anzupreisen. Treitschke d. gesch. 3, 692; alle welt sprach wieder von der glorie der Bastillestürmer, und in dies selbstlob der Franzosen stimmte eine schaar von Deutschen .. begeistert ein. 702;

(du) verziehst anmuthigem selbstlob.
selbstlob! nur dem neide stinkt's.
Göthe 5, 158;

keine witze und kein selbstlob
können einen mann erhöhen.
Keller 10, 200.

gegenstand desselben; das, wessen man sich rühmt:

ein junger Franzmann (vergiszt in der liebe) den gesang,
den wahn, das selbstlob der Franzosen.
Hagedorn 3, 40.

Campe unterscheidet es von eigenlob (s. th. 3, 99) als dem übertriebenen und ungegründeten selbstlob (wie bei selbstliebe, s. das.), doch hat diese scheidung im sprachgefühl kaum statt.
 
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selbstlohn, m.: die tugend ist wol ihr selbst-lohn und braucht keines anstriechs. Lohenstein Arm. 1, zuschr. b 1b.
 
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selbstlos, adj. frei von selbstsucht, unegoistisch; bei Campe als der aufnahme nicht würdige neubildung verzeichnet, jetzt ganz gewöhnlich: womit erwärmte er (Elisa) den todten? mit seinem stillen, demüthigen gebet, mit dem athem seiner uneigennützigen, selbstlosen liebe. Herder 26, 356 Suphan (blätt. d. vorz. 3, 9); worin sich diese eigenschaft äuszert: diese bescheidene selbstlose äuszerung bestritt man. Gutzkow ritter vom g. 7, 228; es war eine zeit der reinen begeisterung, eines selbstlosen entzückens. Freytag handschr. 1, 223; der adel einer reinen und selbstlosen sittlichkeit erhob mächtig das herz der Germanen. bilder 1, 224. — eine andre bedeutung wird durch selbstlosigkeit 2 vorausgesetzt.
 
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selbstlosigkeit, f.
1) uneigennützigkeit (noch nicht bei Campe): sein (des sittlichen) charakter ist selbstlosigkeit. selbstverläugnung ist viel zu wenig gesagt, indem es anzeigt einen akt und ein werden; welches aber durchaus nicht statt findet, denn der sittliche hat kein selbst. Fichte nachgel. w. 3, 86; Egon rühmte die selbstlosigkeit seiner frau. Gutzkow ritter vom g. 9, 451; die gröszte persönliche selbstlosigkeit (Julians) bei verteilung der beute. Hertzberg gesch. d. röm. kaiserr. 775.
2) in einem andern sinne vereinzelt in der ältern sprache, zustand, da man sich seiner selbst nicht bewuszt ist: die sprache hat für diesen zustand der selbstlosigkeit unter der herrschaft der empfindung den sehr treffenden ausdruck: ausser sich seyn, das heisst, ausser seinem ich seyn. Schiller 10, 312 (ästh. erz. 12. br.).

[Bd. 16, Sp. 485]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) selbstlust, f.:

die selbst-lust äussert sich so wohl an fleisch und blut,
als an der seelen krafft in allem, was man thut.
Günther 443.

der zusammenhang läszt nicht deutlich erkennen, ob selbstsucht oder selbstzufriedenheit gemeint ist (vielleicht beides).
 
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selbstmachend, adj. im preusz. für selbstgemacht (viell. in falscher umsetzung eines nd. sülfmaken, vgl. dort?). Frischbier 2, 337b: der rock ist aus selbstmachendem (im hause gewebten) zeug gemacht. qu. s. ebenda.
 
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selbstmacht, f.: eigen- sive selbstmacht, liberum arbitrium, potestas independens Stieler 1204; vgl. Campe:

der baum der selbstmacht ward durch euch gerüttelt.
Grillparzer5 2, 205 ('fortschritt-männer').


 
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selbstmächtig, adj.: selbist mechtig, compos. Diefenb.-Wülcker 852 (gloss. des 15. jh.), der in sich selbst macht hat, aus eigner macht da ist und wirkt: der gröszte zauberer würde der seyn, der sich zugleich so bezaubern könnte, dasz ihm seine zaubereien wie fremde, selbstmächtige erscheinungen vorkämen. Novalis 3, 121 Meiszner.auch: selbmächtig vollstrekken und exequiren. Schottel 544.
 
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selbstmisztrauen, n. misztrauen gegen sich selbst, sieh Campe (als neubildung): ein geistlicher, welcher 30 jahre das evangelium von dem reichthum der gnade gottes in Christo gepredigt hatte, kam aus selbstmisztrauen, weil er keine frucht seiner arbeit zu sehen glaubte, auf den entschlusz, nicht mehr zu predigen. C. Seelbach bibelsegen (1862) 1, 231.
 
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selbstmord, m. authocheria Schottel 544; ammazzamento, uccisione di se stesso; propricidio, aftochiria. Kramer dict. 2, 764a; autochiria, etiam propricidium. Stieler 1291. Frisch 2, 262b. zuerst belegt bei Harsdörffer, s. Gombert 5, 19: es ist aber solches von den heyden so viel weniger zu verwundern, wann man solches unter den christen siehet, und sie eidlich zu solchem selbstmord verbindet, wie die schiffer, welche schuldig sind lieber ihr schiff in brand zu stekken, als sich dem feind zu ergeben. frauenzimmer-gesprächsp. 8 (1649), 572; entschuldigung des selbstmords. 571 (am rande, vgl. selbsttod); als Cornelius Gallus die Egyptier übel gehalten .., habe kayser August .. ihn seiner würden entsetzt .., ja ihn zum selbstmord gebracht. Lohenstein Arm. 1, 22a (daneben eigenmord, vgl. theil 3, 99); ob nun zwar nichts schrecklichers und grausamers kan ersonnen werden als der selbst - mord. Wiedemann gefang. 7, 82; die willkührliche entleibung seiner selbst kann nur dann allererst selbstmord (homicidium dolosum) genannt werden, wenn bewiesen werden kann, dasz sie überhaupt ein verbrechen ist. Kant 5, 251; wenn dem klügern menschen nicht ausschlieszungsweise vor jeder andern creatur die ehre des selbstmordes vorbehalten wäre, so möchte ich beynahe glauben, dasz auch mein mops .. freywillig die welt verlassen habe. Thümmel reise 2, 149; sich in einen ochsen verwandeln ist noch kein selbstmord. Lichtenberg 4, 194; selbstmord ist sünde. Leisewitz Jul. von Tar. s. 124 neudr. (5, 7); selbstmord ist die abscheulichste (sünde) mein kind. Schiller kab. u. liebe 5, 1; pfui! du wagst von selbstmord zu reden, und zitterst vor einem stich in die hand. Hebbel (1891) 1, 25 (Jud. 2); gleich den meisten selbstmorden war auch dieser (der Charl. Stieglitz) der schwäche, dem kleinmuth entsprungen. Treitschke d. gesch. 4, 435;

der Sextus einer bessern erden
zwingt nicht Lucretien, durch selbstmord grosz zu werden.
Uz s. 136 Sauer.

auch mannigfach übertragen, moralischer, geistiger selbstmord u. a.: schade nur, dasz die schönen, erhebenden gedanken darum doch nicht die wahrsten sind. das letzte bringt uns nur zu oft zum selbstmord unsers vergnügens. Klinger 12, 40; selbstmord des geistes, der nicht verstehend die welt zu fassen .. in einem heiligen wahnsinn endet. Schleiermacher über die religion 160; dieser geistige selbstmord des gemüths, der nur ein luftiges, umherschweifendes, sich wechselnd verkörpertes (l. verkörperndes?) gespenst übrig liesz. J. Paul Tit. 3, 178; 'lieber gott, (rief Linda,) ist nicht das leben selber ein langer selbstmord?' 4, 155; Schoppe versuchte ... den druck dieses fingers — die figur blieb stehen — aber innen fing es zu rollen an ... — endlich zerlegte sich die ganze gestalt durch einen mechanischen selbstmord und ein alter kopf von wachs erschien. 5, 154. derselbe gebraucht auch die form selbermord: wie brechweinstein, zum selbermorde genommen, sich durch erbrechen selber fortschafft. herbstblumine 3, 30.