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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
selbstleben bis selbstlosigkeit (Bd. 16, Sp. 483 bis 484)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) selbstleben, n.: es wird ihnen (den spiralgefäszen der pflanzen) ein selbstleben zugeschrieben, die kraft sich an und für sich einzeln zu bewegen. Göthe 55, 119. dazu: da ... der held und sein sänger in eines zusammenfallen, und mit ein ander das herausgeben, was man eine selbstlebensbeschreibung, autobiographie, confessions u. s. w. nennt; aber welcher vortheil, da alsdann der selbst-beschreiber allein die geheimsten ehren- und schandthaten weisz. J. Paul leb. Fib. 195; auch in der auffälligen form: ihr (der Stael) urtheil über Göthe als autor-mensch können die Deutschen, seit erscheinung seiner selb-lebensbeschreibung, bequem entbehren. kl. bücherschau 1, 75. vgl. selbstbiographie. — seltner: selbstlebung, f.: die hypochondrie bahnt den weg zur körperlichen selbsterkenntnisz, — selbstbeherrschung und selbstlebung. Novalis 2, 206 Meiszner.
 
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selbstlehre, f. autodidaxia. Stieler 1128, vgl. selbstunterricht. Campe. dazu: selbstlehrer, m. und selbstlehrling, m., beides als übersetzung von autodidakt, ebenda, letzteres von Eggers 1, 179 (automate) vorgeschlagen.
 
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selbstler, m. egoist, gebildet auf grund des kaum gebräuchlichen selbsteln, vgl. auch selbstling. von Campe als neubildung bezeichnet, obwol schon bei Kant und Wieland belegt, s. Gombert 5, 18 f.: es giebt .. leute, die nichts lieben können als sich selbst und was sie selbst gemacht haben. allein von solchen selbstlern ist auch hier die rede nicht. Wieland 8, 30 (Danischm. 3); indem sie als ungebildete selbstler das zu zerstören wünschen, wobei sie nicht mehr fortwirken sollen. Göthe 17, 151 (wahlverw. 1, 14); khalife. das sind ja abscheuliche menschen. ben Hali. es sind selbstler*); dazu die anm.: *) nach dem arabischen paraphrasirt; das wort ist bezeichnend genug und hat nichts gegen sich, als dasz es nicht gebräuchlich ist. Klinger 6, 332; der frühe selbstler hingegen, dessen erster .. gedanke sein eigenes selbst wäre, und der sich und seinen vortheil nie vergäsze. Fichte nachgel. werke 3, 197; wie anders wär's, wenn ... der mensch zur gemeinsamkeit erzogen würde, statt zum lieblosen selbstler. Felder sonderlinge 2, 311. — in Baiern ein lediger bursche, der keine geliebte hat. Schm. 2, 266.
 
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selbstlernerei, f.: der bildhauer wird daher von frühster jugend auf einsehen, dasz er eines meisters bedarf und aller selbstlernerey, d. h. selbstquälerey zeitig absagen. Göthe 44, 35.
 
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selbstlesen, n.:

selbstlesen taucht den kopf in glut, die füsz' in eis.
Gotter 1, 246.


 
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selbstliebe, f., schon bei Schottel 544 gebucht, amore proprio, amor disordinato di se stesso. Kramer dict. 2, 764a; dünkeleigen- et selbstliebe, philautia, coecus amor sui. Stieler 1157; amor sui ipsius. Frisch 2, 262b; meist mit tadelndem nebensinn: und ist die selbst-liebe so gros, das wir mehr nach des leibes belustigung, als der seelen nutz zu streben pflegen. Butschky Pathm. s. 305; und rühret solches laster her, aus der selbst-liebe, welche uns über andere unseres gleichen erhaben machet. 334; man kann diesen hang, sich selbst nach den subjectiven bestimmungsgründen seiner willkühr zum objectiven bestimmungsgrunde des willens überhaupt zu machen, die selbstliebe nennen. Kant 4, 186; da es (d. moralgesetz) blosz verbietend und gegen das interesse seiner sinnlichen selbstliebe spricht, so musz es ihm solange als etwas auswärtiges erscheinen, als er noch nicht dahin gelangt ist, jene selbstliebe als das auswärtige und die stimme der vernunft als sein wahres selbst anzusehen. Schiller 10, 363 (ästh. erz. 24. br.). milder: gegen jedermann war sie dienstfertig und zuvorkommend; dasz sie es gegen ihn am meisten sey, das wollte seiner selbstliebe scheinen. Göthe 17, 78 (wahlverw. 1, 7). als erlaubte oder gebotene liebe zum eignen selbst: sind es nicht die bloszen erscheinungen der selbstliebe, die wir mit dem begriff der freyheit belegen? diese selbstliebe ist das herz unseres willens. Hamann 1, 130; so wie alle unsere erkenntniszkräfte die selbsterkenntnisz zum gegenstand haben, so unsere neigungen und begierden die selbstliebe ... diesz ist die lehre der himmlischen weisheit, die deszwegen in die welt kam, uns selbsterkenntnisz und selbstliebe zu lehren. 131; ich hoffe, ... sie werden aus meiner menschenliebe die beste ahndung auf die liebe meines nächsten

[Bd. 16, Sp. 484]


ziehen. 5, 177; oder gehört auch das metaphysische gesetz königlicher selbst- und eigenliebe zum recht der natur? 7, 24 (u. sehr oft, s. 8, 2, 477). so als erlaubte selbstliebe zuweilen von der unerlaubten selbstliebe oder eigenliebe geschieden (vgl. letzteres, theil 3, 98) Adelung; daher: je mehr selbstliebe, je weniger eigenliebe. Wander 4, 536. — dazu, jetzt wenig gebräuchlich, das adj. selbstliebig: der lebhafte, durch und durch selbstliebige Franzos kann seine neigung für eine gewisse aristokratie nicht aufgeben. Göthe 46, 165; denn bei gefälligkeiten, die man den wünschen des anderen erweiset, ist man nie sicher, dasz sich nicht eitelkeit, weichliches und selbstliebiges wesen einmischt. Immermann Münchh. 4, 107 (8, 3). auch selbstliebische absichten. Gellert 4, 85. — in älterer sprache selblieb, adj. (m.), als eigenname verwendet: auff den Selb-lieb.

Selblieb klagt, dasz alles volck jhn so hasset ohne schuld;
holder wird man dir dann seyn, wann du dir wirst minder hold.
Logau 3, 108, 38.


 
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selbstling, m. egoist. Campe; nach ihm eine neubildung mit verächtlichem nebensinne, vgl. DWB selbstler: er sagte, ein mensch ohne leidenschaft sei noch ein gröszerer selbstling als einer mit heftigen. J. Paul uns. loge 2, 60; und hier braucht man die beispiele ruchloser geistes-gegenwart nicht aus dem denken, dichten und thun der ausgeleerten selbstlinge jetziger zeit zu holen. vorsch. d. ästh. 1, 72; (Charl. Stieglitz,) deren unglück darin bestand, einen mittelmäszigen dichter und groszen selbstling geheirathet zu haben. Immermann Münchh. 1, 213 (2, 10).
 
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selbstlob, n.: selbst-lob, n., selbst-preisz, selbst-ruhm, m. lode, gloria, vanto di se stesso, vanagloria, millanteria. Kramer dict. 2, 764a; eigen- sive selbstlob, laus propria. Stieler 1171. Frisch 2, 262b; selbstlob heiszt lästerlein. Wander 4, 536; das selbstlob fleischlicher vernunftaugen ist eine höchst schädliche fliege. Hamann 7, 116; nur im selbstlob geschmacklos, ward er (Platen) nicht müde, sein eigenes verdienst ... seinen lesern anzupreisen. Treitschke d. gesch. 3, 692; alle welt sprach wieder von der glorie der Bastillestürmer, und in dies selbstlob der Franzosen stimmte eine schaar von Deutschen .. begeistert ein. 702;

(du) verziehst anmuthigem selbstlob.
selbstlob! nur dem neide stinkt's.
Göthe 5, 158;

keine witze und kein selbstlob
können einen mann erhöhen.
Keller 10, 200.

gegenstand desselben; das, wessen man sich rühmt:

ein junger Franzmann (vergiszt in der liebe) den gesang,
den wahn, das selbstlob der Franzosen.
Hagedorn 3, 40.

Campe unterscheidet es von eigenlob (s. th. 3, 99) als dem übertriebenen und ungegründeten selbstlob (wie bei selbstliebe, s. das.), doch hat diese scheidung im sprachgefühl kaum statt.
 
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selbstlohn, m.: die tugend ist wol ihr selbst-lohn und braucht keines anstriechs. Lohenstein Arm. 1, zuschr. b 1b.
 
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selbstlos, adj. frei von selbstsucht, unegoistisch; bei Campe als der aufnahme nicht würdige neubildung verzeichnet, jetzt ganz gewöhnlich: womit erwärmte er (Elisa) den todten? mit seinem stillen, demüthigen gebet, mit dem athem seiner uneigennützigen, selbstlosen liebe. Herder 26, 356 Suphan (blätt. d. vorz. 3, 9); worin sich diese eigenschaft äuszert: diese bescheidene selbstlose äuszerung bestritt man. Gutzkow ritter vom g. 7, 228; es war eine zeit der reinen begeisterung, eines selbstlosen entzückens. Freytag handschr. 1, 223; der adel einer reinen und selbstlosen sittlichkeit erhob mächtig das herz der Germanen. bilder 1, 224. — eine andre bedeutung wird durch selbstlosigkeit 2 vorausgesetzt.
 
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selbstlosigkeit, f.
1) uneigennützigkeit (noch nicht bei Campe): sein (des sittlichen) charakter ist selbstlosigkeit. selbstverläugnung ist viel zu wenig gesagt, indem es anzeigt einen akt und ein werden; welches aber durchaus nicht statt findet, denn der sittliche hat kein selbst. Fichte nachgel. w. 3, 86; Egon rühmte die selbstlosigkeit seiner frau. Gutzkow ritter vom g. 9, 451; die gröszte persönliche selbstlosigkeit (Julians) bei verteilung der beute. Hertzberg gesch. d. röm. kaiserr. 775.
2) in einem andern sinne vereinzelt in der ältern sprache, zustand, da man sich seiner selbst nicht bewuszt ist: die sprache hat für diesen zustand der selbstlosigkeit unter der herrschaft der empfindung den sehr treffenden ausdruck: ausser sich seyn, das heisst, ausser seinem ich seyn. Schiller 10, 312 (ästh. erz. 12. br.).