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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
selbstisch bis selbstlautig (Bd. 16, Sp. 481 bis 483)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) selbstisch, adj. selbstsüchtig, vgl. DWB selbstig 2; zunächst von menschen: der weise mann, der vor übergrosser weisheit nicht alles gute thut wozu er gelegenheit hat, ist ... ein kalter, selbstischer, feigherziger schurke. Wieland 8, 125 (Danischmend 14); wie eine arme creatur ... sich durch die selbstischen menschen durchdrücken ... musz. Göthe 20, 109 (Wilh. Meister 7, 8); sind wir männer denn ... so selbstisch geboren, dasz wir unmöglich für ein wesen auszer uns sorge tragen können? 140 (8, 1); denn selbstische menschen sind wohl zugleich auch gut. 26, 267; nicht der längste friede an sich macht, wie die Schweiz zeigt, selbstisch, zaghaft, weichlich J. Paul dämmer. s. 59;

du bist nicht vater! bist der selbstischen
verstockten, der verkehrten einer, die
ihr abgeschloss'nes wesen unfruchtbar
verzweifeln läszt.
Göthe 9, 319 (nat. tochter 3, 4).

so auch: immer wird in ihnen die selbstische seele mit der uneigennützigen im streit sein. Wieland 29, 317; aber es ist nichts dahinter als ein kaltes, selbstisches herz, das sich alles aufzuopfern weisz. Göthe 25, 285;

ein selbstisches gemüth
kann nicht der qual des engen neids entfliehen. 9, 198 (Tasso 4, 2).

zu abstracten (auf welche verwendung allein Campe das wort einschränken möchte), zunächst: in seinem gemüthe lebt die liebe des ganzen, dessen mitglied er ist, ... und vernichtet jede andere selbstische regung. Fichte reden 351. von empfindungen oder handlungen, die aus selbstsucht entspringen, von selbstsucht zeugen: und die ursache deines schreckens? ist sie selbstische besorgnisz? ist sie mitleiden mit deiner schwester? Gotter 3, 44; so unrein ist die sorge für das andenken der andern; es ist meist nur ein selbstischer scherz. 17, 207 (wahlverw. 2, 1); eigentliche bosheit war vielleicht nicht in diesem verneinenden bestreben; ein selbstischer muthwille mochte sie gewöhnlich anreizen. 246 (5); durchdrungen von miszbehagen und selbstischer qual. 45, 319; die eigennützigen regungen des alters, die furcht, der geiz, die ruhige, selbstische genuszsucht. J. Paul herbstblum. 3, 3;

nur hüte dich, dasz so beschränktes streben
ein billiger nicht möge selbstisch nennen.
Grillparzer4 6, 9,

die ruhe wohnt in deinen zügen, freund!
doch auch ein selbstisches genügen, freund!
Platen 76a (gas. 56).

in freierer verbindung: er (Lenz) hatte nämlich einen entschiedenen hang zur intrigue, zur intrigue an sich, ohne dasz er eigentliche zwecke, verständige, selbstische, erreichbare zwecke, dabei gehabt hätte. Göthe 26, 246; zufrieden, durch nichts entscheidende Kroatengefechte den feind zu beunruhigen, liesz er (Wallenst.) ihm den besten theil dieses reichs zum raube, und ging mit abgemessenem stillem schritt seinem selbstischen ziel entgegen. Schiller 8, 263; nicht früh genug kann der jüngling, der so glücklich ist, einen freund zu gewinnen, sich von dieser selbstischen forderung unsrer roheren natur ... entwöhnen. Tieck 4, 23;

dîe jugendliche gluth,
die selbstischen besitz verzehrend hascht.
Göthe 9, 310 (nat. tochter 3, 2).

absolut: dasz so viel selbstisches in der liebe ist. an frau von Stein 1, 222 (d. 20. april 1779). adverbial: nun steht er stark und kühn, nicht etwa selbstisch vereinzelt. Göthe 22, 13;

sie haben mir mein frommes kind entwendet,
ihr herz geraubt mit selbstisch eitlen lehren.
Grillparzer4 6, 17,

aber selbstisch
eingeklostert
spinnt die puppe.
Platen 18b.


 
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selbstkenner, m.: man musz sich absterben, um sich aus den todten hervorgehen zu sehen, und solch ein erstandener, das bist du, selbstkenner! Hippel 3, 10.
 
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selbstkenntnis, f.: wenn ich ... die belobte sokratische lehrart miszbrauchen wollen, um das sich sträubende kind zu seiner selbstkenntnisz zu bringen. Thümmel reise 2, 195; die theologen nennen das selbstverleugnung, was wirklich ein groszer theil von selbstkenntnisz ist. Hippel 3, 10;

[Bd. 16, Sp. 482]


ein aus dieser halben selbstkenntnisz entspringender dünkel. Göthe 26, 248; zur selbstkenntniss gehört ferner, dass man scharf und ehrlich prüfe, welche triebe und fähigkeiten man am meisten ... gebraucht habe. Klinger 12, 128; grosse unternehmungen führen freylich zur rechten selbstkenntniss, zur richtigen schätzung seines werths. 241;

selbstkenntnisz mancher nie begehrt,
er weisz, es ist der mühe nicht werth.
Hoffmann v. Fallersleben mein leben 6, 346, 529.


 
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selbstklug, adj. 'eine ungegründete einbildung von seiner eigenen klugheit besitzend und darin gegründet' Adelung: man kann es (das 18. jahrh.) ... wohl das selbstkluge nennen, indem es sich auf eine gewisse klare verständigkeit sehr viel einbildete. Göthe 53, 162; man darf muth und zuversicht haben, aber nicht eingebildet und selbstklug seyn. Claudius 3, 162. sprichw.: meister selbstklug fällt über (zerschlägt) den eigenen krug. Wander 4, 536.
 
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selbstknecht, m.: der selbst-knecht seiner diener, Philipp V. von Spanien. J. Paul Lev. 2, 158.
 
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selbstkocher, m. kochapparat, der von selbst kocht, ohne dasz man nachzusehen brauchte. Campe. (entspricht genau dem russ. samovar.)
 
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selbstkost, f.: sechs wochen sol der lehnmann reisen, und seinen herren dienen bey seiner selbstkost. Schottel 544. jetzt nur noch im plur.: Stein bittet ihn (Arndt), er möge 1000 exemplare dieser schrift durch den verleger für 2 sgr. verkaufen lassen, er wolle den ausfall von den selbstkosten jenem ersetzen. Hall. lit. zeit. 1847, sp. 135. — sehr gewöhnlich etwas zum selbstkostenpreise (preise, den es den verkäufer selbst kostet) verkaufen u. ä.
 
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selbstkraft, f. eigne kraft: selbstkraft geht nach selbstziel, s. Campe; die entkeimende selbstkraft macht jetzt das kind die hand der mutter verlassen. Pestalozzi 5, 262; die selbstkraft des volks, die nach einem dauernden rechtlichen wohlstand strebt. 4, 78.
 
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selbstkritik, f.: philosophie einer wissenschaft entsteht durch selbstkritik und selbstsystem der wissenschaft. Novalis 3, 234 Meiszner; die schonungsloseste selbstkritik, die sich in früherer zeit unmittelbar nach der vollendung platz machte, fieng jetzt schon an, sich während der arbeit einzustellen. Grillparzer4 15, 167.
 
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selbstlaut, m. als übersetzung für vocal. Adelung; übertragen, laut, der von selbst erschallt, ohne dasz ein redender da ist(?): der christ, entzückt in den himmel, hört unaussprechliche worte. wann haben wir nicht unaussprechliche selbstlaute gehört, wenn uns eine schöne frühlingsmorgenröthe in's freie einlud ...? Hippel 3, 145. — älter ist in diesem sinne das part. selbstlautend, adj., als subst.: selbstlautender, der, grammaticis appellatur vocalis, al. klingbuchstab et stimmer. Stieler nachsch. 27a; selbstlautende buchstaben. Adelung; ich sehe es für eine ehre .. an, dem dienst eurer eitelkeit weniger als meine selbst- und mitlautenden brüder unterworfen zu seyn. Hamann 4, 141 (apologie des buchstabens h). häufiger selblautend, selb-stimmend, adj.: suonante da per se cioè vocale. selblautender buchstab; selblauter, selbstummer [l.-stimmer?] litera vocale. Kramer dict. 2, 764a; selblautender, nemlich buchstab, vocalis, als da sind a, e, i, o, u. Frisch 2, 262b; das e, wann es vor einem andern selblautenden buchstaben zue ende des wortes vorher gehet, ... wird nicht geschrieben. Opitz poet. s. 36 ndr.; wie wir die selblautenden buchstaben auszsprechen. Logau A 1b (vorrede). selbstlauter, m. zeichen für einen selbstlaut, vocalbuchstabe. Adelung, doch auch für den laut selbst: ohne dasz ich ihm ein anderes wunder in der aussprache dieses doppelten mitlauters, als durch die modification des selbstlauters (in der silbe ann) zutraue. Hamann 4, 123;

hier ist's, wo unter eignem namen
die buchstaben sonst zusammen kamen.
mit scharlachkleidern angethan
saszen die selbstlauter oben an:
a, e, i, o und u dabei,
machten gar ein seltsam geschrey.
Göthe 2, 211.

bildlich: die politischen selbstlauter Europens, die Engländer J. Paul Levana 1, 6. dazu: desto reicher fiel sein reiner genusz an den orientalischen sprachen aus, weil deren letternformen und selbstlauter-untersätze (untergesetzte vocalzeichen wie im hebr.) sie weit über alle neueren sprachen hoben. leb. Fib. 39; bald nachher standen die erlegten ich in der Fichte'schen aseität, icherei und selbstlauterei in masse

[Bd. 16, Sp. 483]


wieder von den todten auf. vorsch. d. ästh. 1, 180. —
 
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selbstlautig, adj. vocalisch Campe: die selbstlautigen endungen der silben und wörter. Klopstock s. ebenda (gel.-rep. 96).