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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
selbsthochachtung bis selbstknecht (Bd. 16, Sp. 479 bis 482)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) selbsthochachtung, f., vgl. selbstachtung:

die selbsthochachtung wird zur selbstverachtung treiben,
wie endlich asche wird vom feuer übrig bleiben.
Rückert weish. 4, 235.

[Bd. 16, Sp. 480]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) selbsthohn, m.: aus dieser momentanen freiheit in der knechtschaft entstehen die humoristischen blitze, das lächeln im weinen, und umgekehrt der selbsthohn, das selbstbelächeln. Ludwig 5, 75; der witz des selbsthohnes, womit eine leidenschaft die andre gegen den verstand zu hilfe ruft. 114.
 
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selbsthurerei, f. fornicatione con se stesso cioè pollutione volontaria ò mastrupatione. Kramer dict. 2, 764a.
 
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selbstig, adj.
1) oberdeutsch für 'eigen': zum selbstigen gebrauch; mit vermeidung selbstiger ansteckung, in Würzburger verordnungen, s. Schm. 2, 266; wie es zu eines jeden standes selbstigen wohlfahrt nöthig ist. Adelung, der es nur in diesem sinne und in den ebenfalls besonders im oberdeutschen üblichen zusammensetzungen da-, hierselbstig kennt.
2) sonst meist für 'egoistisch', wo indessen das noch von Campe als vulgär und schwer aussprechbar bemängelte selbstisch jetzt entschieden häufiger ist: wo keine überlegung, kein streit der edlern seele mit der selbstigen, stattfindet. Wieland 15, 226; das vortreffliche zu kennen und zu lieben was man nicht besitzt ..., ist eigentlich der gröszte vorzug des gebildeten menschen, da der rohere, selbstige, im besitz oft nur ein surrogat für einsicht und liebe ... zu erwerben sucht. Göthe 43, 357; eine verzagte, furchtsame, selbstige politik unsrer herrscher, die den menschen nur im bezuge auf sich selbst betrachten. Klinger 4, 12; unsre eigennützigen leidenschaften, unsre selbstigen triebe und begierden. 8, 52; der mund, den die natur zum niedrigsten und selbstigsten geschäfte, zur ernährung bestimmte, wird durch selbstbildung der ausdruck aller gesellschaftlichen empfindungen. Fichte 3, 84 (naturrecht 93; gleich darauf: selbstsüchtiger).
3) ein selbst habend: immer müssen uns die menschen mehr interessieren, als die abstrakte wirkung des vorganges. dieser ist blosz das uhrwerk, welches diese, und gerade diese menschen in bewegung setzt, welcher sie lebendig und selbstig zu machen scheint (souverän). unter den 'diese, und gerade diese' verstehe ich nicht sonderlinge .., nein! ich verstehe blosz die illusion der identität, das darunter, was den verkleideten schauspieler zum illusorischen bilde eines wesens ... macht. Ludwig 5, 527.
4) 'was von selbst geschieht' (nach dem glossar): ist nun aber ein vich eintweders durch so langes ligen oder selbstiges umbstehen .. schintermeszig. Salzb. taid. 178, 12.
 
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selbstigkeit, f.
1) im sinne von selbstheit, das selbst, das eigne wesen, eigenart, individualität, person u. ä.: selbstigkeit, die, praesentia ipsius personae et rei, de quibus sermo est. sic Novitii dicunt: vor meine selbstigkeit, pro: vor meine person, quod me attinet, quod ad me spectat, quantum in me est, it. privatim. Stieler 2004; obschon von den zärtlichsten gefühlen die rede war, blieb der vortrag ohne anmuth, und eine ganz eigens beschränkte selbstigkeit that sich kräftig hervor. Göthe 30, 227 (oder zu 2?). — nicht recht klar ist folgende stelle: die ziemliche gradheit der nase, die untheilnehmung des mundes, die fatale selbstigkeit des ganzen untertheils, machen ein unerklärliches fatales ganze. Lavater fragm. 2, s. 14.
2) gewöhnlich (und so vielleicht schon in den beiden angezognen stellen) im sinne 'eigenliebe, selbstsucht, egoismus': zwischen .. grämlichem missmuth, der kalten selbstigkeit, dem bittern menschenhass. Klinger 8, 20; alle triebe seiner zeitgenossen, des eigennutzes, der selbstigkeit. 128; eben um seiner selbstigkeit willen traue ich seinem fleisze weit mehr, als wenn er mich aus dem reinsten, moralischen bewegungsgrunde kurirte. der erhabenste hat seine schwachen, lässigen minuten — aber das ich — die selbstigkeit, erhält die kräfte immer in gleicher spannung. 9, 119; furcht ist egoistischer, als der muth, denn sie ist bedürftiger; das aussaugende schmarotzer- und moosgeschlecht der selbstigkeit hängt sich nur morschen stämmen an. J. Paul Levana 1, 55; dasz solche personen durch's leben .. eine sehr angenehme und liebenswürdige reife erlangen können, indem die selbstigkeit gemildert wird. Göthe 17, 264 (wahlverw. 2, 6); dabei aber war seine selbstigkeit äuszerst beleidigt, wenn er nicht jedem gefiel. 19, 121; diese liebenswürdigste äuszerung der selbstigkeit, wenn uns die erzeugnisse des eignen grundes und bodens am besten schmecken. 33, 160;

laszt seine selbstigkeit für liebe gelten. 9, 188 (Tasso 3, 4);

zu dieser wildnisz freches städtelebens,
zu diesem wust verfeinerter verbrechen,
zu diesem pfuhl der selbstigkeit. 377 (nat. t. 5, 7).

[Bd. 16, Sp. 481]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) selbstin, f., kühne verdeutschung für egoistin:

die liebe, die sich nie vergiszt,
sprich, ob die selbstinn liebe ist.
Herder bei
Campe ergänzungs-wb. unter egoistinn.


 
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selbstisch, adj. selbstsüchtig, vgl. DWB selbstig 2; zunächst von menschen: der weise mann, der vor übergrosser weisheit nicht alles gute thut wozu er gelegenheit hat, ist ... ein kalter, selbstischer, feigherziger schurke. Wieland 8, 125 (Danischmend 14); wie eine arme creatur ... sich durch die selbstischen menschen durchdrücken ... musz. Göthe 20, 109 (Wilh. Meister 7, 8); sind wir männer denn ... so selbstisch geboren, dasz wir unmöglich für ein wesen auszer uns sorge tragen können? 140 (8, 1); denn selbstische menschen sind wohl zugleich auch gut. 26, 267; nicht der längste friede an sich macht, wie die Schweiz zeigt, selbstisch, zaghaft, weichlich J. Paul dämmer. s. 59;

du bist nicht vater! bist der selbstischen
verstockten, der verkehrten einer, die
ihr abgeschloss'nes wesen unfruchtbar
verzweifeln läszt.
Göthe 9, 319 (nat. tochter 3, 4).

so auch: immer wird in ihnen die selbstische seele mit der uneigennützigen im streit sein. Wieland 29, 317; aber es ist nichts dahinter als ein kaltes, selbstisches herz, das sich alles aufzuopfern weisz. Göthe 25, 285;

ein selbstisches gemüth
kann nicht der qual des engen neids entfliehen. 9, 198 (Tasso 4, 2).

zu abstracten (auf welche verwendung allein Campe das wort einschränken möchte), zunächst: in seinem gemüthe lebt die liebe des ganzen, dessen mitglied er ist, ... und vernichtet jede andere selbstische regung. Fichte reden 351. von empfindungen oder handlungen, die aus selbstsucht entspringen, von selbstsucht zeugen: und die ursache deines schreckens? ist sie selbstische besorgnisz? ist sie mitleiden mit deiner schwester? Gotter 3, 44; so unrein ist die sorge für das andenken der andern; es ist meist nur ein selbstischer scherz. 17, 207 (wahlverw. 2, 1); eigentliche bosheit war vielleicht nicht in diesem verneinenden bestreben; ein selbstischer muthwille mochte sie gewöhnlich anreizen. 246 (5); durchdrungen von miszbehagen und selbstischer qual. 45, 319; die eigennützigen regungen des alters, die furcht, der geiz, die ruhige, selbstische genuszsucht. J. Paul herbstblum. 3, 3;

nur hüte dich, dasz so beschränktes streben
ein billiger nicht möge selbstisch nennen.
Grillparzer4 6, 9,

die ruhe wohnt in deinen zügen, freund!
doch auch ein selbstisches genügen, freund!
Platen 76a (gas. 56).

in freierer verbindung: er (Lenz) hatte nämlich einen entschiedenen hang zur intrigue, zur intrigue an sich, ohne dasz er eigentliche zwecke, verständige, selbstische, erreichbare zwecke, dabei gehabt hätte. Göthe 26, 246; zufrieden, durch nichts entscheidende Kroatengefechte den feind zu beunruhigen, liesz er (Wallenst.) ihm den besten theil dieses reichs zum raube, und ging mit abgemessenem stillem schritt seinem selbstischen ziel entgegen. Schiller 8, 263; nicht früh genug kann der jüngling, der so glücklich ist, einen freund zu gewinnen, sich von dieser selbstischen forderung unsrer roheren natur ... entwöhnen. Tieck 4, 23;

dîe jugendliche gluth,
die selbstischen besitz verzehrend hascht.
Göthe 9, 310 (nat. tochter 3, 2).

absolut: dasz so viel selbstisches in der liebe ist. an frau von Stein 1, 222 (d. 20. april 1779). adverbial: nun steht er stark und kühn, nicht etwa selbstisch vereinzelt. Göthe 22, 13;

sie haben mir mein frommes kind entwendet,
ihr herz geraubt mit selbstisch eitlen lehren.
Grillparzer4 6, 17,

aber selbstisch
eingeklostert
spinnt die puppe.
Platen 18b.


 
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selbstkenner, m.: man musz sich absterben, um sich aus den todten hervorgehen zu sehen, und solch ein erstandener, das bist du, selbstkenner! Hippel 3, 10.
 
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selbstkenntnis, f.: wenn ich ... die belobte sokratische lehrart miszbrauchen wollen, um das sich sträubende kind zu seiner selbstkenntnisz zu bringen. Thümmel reise 2, 195; die theologen nennen das selbstverleugnung, was wirklich ein groszer theil von selbstkenntnisz ist. Hippel 3, 10;

[Bd. 16, Sp. 482]


ein aus dieser halben selbstkenntnisz entspringender dünkel. Göthe 26, 248; zur selbstkenntniss gehört ferner, dass man scharf und ehrlich prüfe, welche triebe und fähigkeiten man am meisten ... gebraucht habe. Klinger 12, 128; grosse unternehmungen führen freylich zur rechten selbstkenntniss, zur richtigen schätzung seines werths. 241;

selbstkenntnisz mancher nie begehrt,
er weisz, es ist der mühe nicht werth.
Hoffmann v. Fallersleben mein leben 6, 346, 529.


 
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selbstklug, adj. 'eine ungegründete einbildung von seiner eigenen klugheit besitzend und darin gegründet' Adelung: man kann es (das 18. jahrh.) ... wohl das selbstkluge nennen, indem es sich auf eine gewisse klare verständigkeit sehr viel einbildete. Göthe 53, 162; man darf muth und zuversicht haben, aber nicht eingebildet und selbstklug seyn. Claudius 3, 162. sprichw.: meister selbstklug fällt über (zerschlägt) den eigenen krug. Wander 4, 536.
 
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selbstknecht, m.: der selbst-knecht seiner diener, Philipp V. von Spanien. J. Paul Lev. 2, 158.