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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
selbstheiler bis selbsthervorgebracht (Bd. 16, Sp. 477 bis 479)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) selbstheiler, m. sibi ipsi medicans. Stieler 818.
 
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selbstheilig, adj.: die klosterleut und clauszner, und andere dergleichen selbstheyligen und vom himmel gefallene gugelfritzen. bienenk. 106a.
 
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selbstheilung, f.: dieses vermögen der selbstheilung und wiederherstellung, wodurch der mensch das widrigste schicksal besiegt. Klinger 12, 101.
 
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selbstheit, f. , abstractbildung zu selbst, älter als dieses selbst in substantivischem gebrauche (vgl. das. II, 6), ist an stelle des ältern selbheit getreten, s. das., und wie dieses in mystischer sprache erwachsen: selbstheit haben einige als ein abstractum in der theologia ascetica und mystica aufgebracht, für alles, was einen sonderlich an der seel angeht. Frisch 2, 262b, vgl. Kramer unter selbheit. es steht in der form selbesheit schon mhd. neben selpheit (bei Eckhart, s. d. belege), vgl. mhd. wb. 2, 2, 247b. Weigand 2, 694, und ist besonders in der classischen litteratur des 18. und beginnenden 19. jh., kaum noch jetzt, üblich.
1) das eigne, eigenthümliche wesen, das selbst, individualität u. ähnl.: er sol aller vrîest sîn, alsô daʒ er vergeʒʒe sîn selbesheit unde vlieʒe mit alle dem, daʒ er ist, in daʒ gruntlôse abründe sînes urspringes. Eckhart 393, 24; in dem unbegrîfen der hôhen einekeit, diu aller dinge vernihtet in ir selbesheit sunder sich. 517, 10; weil sie mich zum mitschuldigen derer gemacht hätte, die bloss darum meine feinde wurden, weil sie keine lust hatten mir, auf unkosten ihrer selbstheit, gutes wirken zu helfen. Wieland 3, 189 (Agath. 12, 11); so mit den schülern desselben schreibmeisters! alle schreiben ähnlich, und jeder dennoch mischt eine tinktur seiner selbstheit bey. Lavater physiogn. fragm. 3, s. 113; das principium der selbstheit hing also nicht von ihnen ab. Herder 16, 574 Suphan (wechselt ohne unterschied mit selbst, n., s. das., schlieszt zugleich die bedeutung 3 ein); dasz sich ... alles, dem man ein wesen, ein daseyn zuschreiben kann, in's unendliche vervielfältigt, und zwar dadurch, dasz immerfort gleichbilder, gleichnisse, abbildungen als zweyte selbstheiten von ihm ausgehen. Göthe 53, 193; oft bedaure ich sie (die jungen leute) dasz sie in eine verrückte zeit gekommen, wo ein starrzäher egoismus auf halbem ... wege sich verstockt und die reine selbstheit sich auszubilden hindert. briefw. mit Zelter 6, 385; sieh, so ist ichheit oder selbstheit jedes menschen gott! Klinger 6, 222; ein feuerstrom der macht und des begehrens ..., den der widerstand fremder selbstheit nur reizen und erzürnen ... kann. Forster ansichten 1, 397; wollte man die seligkeit schildern, so schilderte man einen zustand, worin man ganz auf selbstheit verzicht gethan, in die gottheit eingegangen ... war. briefe 1, 773; der gemeine empiriker hingegen unterwirft sich der natur als einer macht ... seine selbstheit ist unterdrückt, und als mensch hat er absolut keinen werth und keine würde. Schiller 10, 522; und was hindert dich

[Bd. 16, Sp. 478]


nun, deinen dolch gegen den tiger zu erheben, der völker seiner einzelnen selbstheit aufopfert? Dya Na Sore 3 (1791), 163; nur wenn der mensch im gegenwärtigen handeln sich seiner eigenheit bewuszt ist, kann er sicher sein sie auch im künftigen nicht zu verlezen, und nur, wenn er von sich beständig fordert die ganze menschheit anzuschaun, und jeder andern darstellung von ihr sich und die seine vergleichend gegenüber zu stellen, kann er das bewusztsein seiner selbstheit erhalten. Schleiermacher 3, 1, 372 (monol. 2); eine zeit, welche in ihrer jugend die unschuldig bewegte selbstheit unter dem namen der sentimentalität ... verhöhnte, und immer nach objectivität schrie. Brentano 8, 171;

deines bilds bild ruhte mir längst im innern,
seit der freundschaft seelenberuf erwacht war,
der so gern schau'n möchte des eignen wesens
edlere selbstheit.
Platen 111a.


2) die (unberechtigte) liebe des eignen selbst, selbstsucht, egoismus, auch eigendünkel: hier musz unsre seele von den hefen der sinnlichkeit und selbstheit gereiniget werden. Wieland suppl. 3, 180 (sympath. 9); der Kefernburger besasz ein groszes masz von dreistigkeit und selbstheit. Musäus volksm. 4, 16 Hempel; liebe und selbstheit. Herder 15, 304 Suphan; es ist die selbstheit eines wohllüstlings oder eines tyrannen, zu glauben, dasz mit uns das weltall untergehe. 16, 4; dasz er (der mensch) sich selbst für das beste halten darf was gott und natur hervorgebracht haben, ja, dasz er auf dieser höhe verweilen kann, ohne durch dünkel und selbstheit wieder in's gemeine gezogen zu werden. Göthe 22, 16 (wanderjahre 2, 1); allgemeines übereinstimmen und wechselseitiges gutes bedienen, zwischen nationen und individuen, wird an die stelle treten der gegenwärtigen selbstheit und miszstimmung. 51, 251; des beleidigten, getäuschten, gefühlarmen herzens letzte regung, — selbstheit. Dya Na Sore 3, 181;

wie sanft, wie frey von stolz und eitler selbstheit.
Wieland suppl. 4, 221;

nur er ist da, er in der weiten welt,
und alles andre nichts, als stoff zu thaten.
voll selbstheit, nicht des nutzens, doch des sinns,
spielt er mit seinem und der andern glück.
Grillparzer4 4, 165 (Medea 2).


3) idendität, so selten:

doch leider fehlt dem sicher todten
der selbstheit sich'rer stempel, das gesicht.
Müllner 4, 119 (Albaneserin 3, 6).

(oder zu 1 zu stellen?)
4) weiterbildungen dazu begegnen nur bei Jahn: will indessen ein jählings aufgeschossener, ein zusammengewürfelter dünkelstaat ... seine dermalige staatigkeit als selbstheitiges volkstum geltend machen und das ihm abgehende volk durch belgische staatshörigkeit ersetzen. werke 2, 519 Euler; Adelung .., will in 'leute' die selbständigkeit des einzelnen aus einer groszen gesamtheit nicht anerkennen und scheint von der selbstheitigkeit, so die grundlage aller deutschen gesetzgebung ist, keinen klaren begriff zu haben. 509.
 
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selbsthelfer, m.: die gestalt eines rohen, wohlmeinenden selbsthelfers (Götz v. Berl.) in wilder anarchischer zeit erregte meinen tiefsten antheil. Göthe 25, 314.
 
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selbstherr, m. herr über sich selbst, frei, unabhängig: das sie nur mügen ihre selbst herren sein, thun und lassen, was sie wollen. Pape bettel und garteteufel G 2b;

nimm land zu lehen, werd' ein fürstenknecht,
da du ein selbstherr seyn kannst und ein fürst
an deinem eignen erb' und freien boden.
Schiller Tell 2, 1.

nach Campe auch, der sich selbst beherrscht: bin ich noch ein solcher schüler in der kunst mein selbstherr zu sein? s. ebenda.in der ältern sprache dafür selbherr, mhd. selpherre Lexer hwb. 2, 869, mnd. sulves- und sulfhere Schiller-Lübben 4, 465: die lehen von dem selbherren entpfangen. urk. von 1491 bei Lexer a. a. o.; der selbher zum Steinpühel Swygershoff genant. Tucher baumeisterb. 210, 2; sprichw.: wir sind selbherren wie die freien reichsstädte! — sagen die Appenzeller. Eiselein 525. auch in adjectivischem gebrauche, eigenwillig, eigenmächtig, mhd. selphêr, selbherre, s. Lexer hwb. 2, 868 f.; so wol auch im mnd. in stellen wie: alsus worden de unhorsamen und sulfheren (d. Quitzows) ores heren, dar se sik to geworpen hadden, berovet. d. städtechr. 7, 335, 9. so noch in der schwäb. mundart sèəlher, s. Schm. 1, 1154. 2, 265. sonst dienen dafür adjectivische weiterbildungen, so mhd. selpherrisch

[Bd. 16, Sp. 479]


Lexer hwb. 2, 879. Schm. 2, 265 (Helmbr. 1913), daneben selbherlich: und sol auch nieman selbherlich (proterve) mit sinem abte striten. quelle bei Schm. 2, 265; dazu wol: selperlichait, insolentia, lascivia 1, 1154. — nhd. stets in der form selbstherrlich: die schwierigkeit, welche ein verantwortlicher minister dieses herrn (Friedr. Wilhelm IV) zu überwinden hatte bei dessen selbstherrlichen anwandlungen und oft jähem wechsel der ansichten. Bismarck ged. und erinn. 1, 88. — dazu selbstherrlichkeit, f.: wenn ich diese schönen bilder der Desdemona, der Imogen und anderer sah, die alle aus der hohen selbstherrlichkeit ihres frauentums heraus so seltsamen käuzen nachgingen und anhingen. Keller 4, 49; so stand er, aus einer kurzen pfeife qualmend, in seiner ganzen urwüchsigen selbstherrlichkeit vor dem amtsrichter. F. Jacobsen daheim 31, 279b.
 
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selbstherrschaft, f. 1) herrschaft über sich selbst. Campe, so selten. 2) herrschaft, die man in eigner person führt. ebenda: können sie es leugnen, dasz bei Joseph der schein der selbstherrschaft das meiste, ja alles verderbte? Herder 17, 61 Suphan (human. br. 10); selbstherrschaft des königs. Treitschke d. gesch. 5, 13 (seitenüberschr.). so auch: ich glaube, wir können ein gutes deutsches wort an die stelle des fremden wortes 'volkssouveränetät' setzen, nämlich das wort 'selbstherrschaft'. Frankf. parlament 1, 414b. —
 
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selbstherrschend, adj. Haller alpen v. 287, s. unter selbsten. —
 
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selbstherrscher, m. der in eigner person die herrschaft führt, αὐτοκράτωρ, unumschränkter herrscher, despot. Campe. so als titel des russischen kaisers: selbstherrscher (aller Reuszen), von Adelung statt des früheren selbsthalter (s. das.) vorgeschlagen. belege: monarch ist der, welcher die höchste, autokrator aber oder selbstherrscher der, welcher alle gewalt hat; dieser ist der souverain, jener repräsentirt ihn blos. Kant 5, 175; gleich jenem baume mitten im lande, den ein chaldäischer selbstherrscher auf seiner burg im nächtlichen traume sah. Hamann 7, 77; nun bewundern wir, auf welchen hohen grad von sicherheit und wohlstand Abbas, als selbst- und alleinherrscher das reich erhoben. Göthe 6, 204; ohne durchgreifende willenskraft, ohne praktischen verstand, blieb er (Friedr. Wilh. IV.) doch ein selhstherrscher im vollen sinne. Treitschke d. gesch. 5, 13;

also Rom. nichts frommte der üppige prunk blutgieriger
selbstherrscher ihm.
Platen 127a.

dazu selbstherrscherei, f., verächtlich für selbstherrschaft. Campe.
 
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selbstherrscherin, f.: meine lebenssäfte sind ausgetrocknet oder erstarrt bis auf die galle. diese ist nun die einzige und selbstherrscherinn meiner ganzen maschine. Bürger briefe 1, 266.
 
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selbsthervorgebracht, adj.: dem dichter kann man wohl verzeihen, wenn er .. seinen bildhauer in eine selbsthervorgebrachte statue wirklich verliebt denkt. Göthe 36, 226.