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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
sichselbstfindung bis selbstanmaszung (Bd. 16, Sp. 455 bis 457)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) sichselbstfindung, in diesem zustande sehr schwer. Novalis 3, 117 Meiszner.
c) eine zweite hauptclasse bildet selbst mit den sogen. nomina agentis. so mit selbst als subject: selbstbeherrscher, -denker, -einrichter, -erhalter, -gesetzgeber, -halter, -händler, -herrscher, -stifter, -thäter, -urheber, -zahler. als object: selbstbeschreiber, -erzieher, -führer, -hasser, -heiler, -kenner, -lehrer, -mörder, -peiniger, -prüfer, -quäler, -retter, -rezensent, -richter, -schänder, -schätzer, -sterber, -verächter, -verderber, -verfolger, -verleugner, -würger. zu reflexiven: selbstrühmer. vgl. auch selbstdieb. häufig sind derartige bezeichnungen von apparaten, die eine function von selbst, selbstthätig erfüllen, s. DWB selbstentwickler, -fahrer, -kocher; reflexivisch: selbstausschalter, -beweger, -spanner, -unterbrecher, -zünder. selbst vertritt ein dativisches object in selbsthelfer, -schmeichler, eine präpositionale wendung in selbstredner (mit), selbstsieger (über). s. noch selbstlauter.

[Bd. 16, Sp. 456]



d) sehr mannigfach sind die sonstigen zusammensetzungen mit substantiven. namentlich ist J. Paul an solchen unerschöpflich; von denen nachstehend nur eine auswahl aufgenommen ist. sehr viele darunter haben nur den wert von augenblicksbildungen und curiositäten (wie selbstdrehorgel, -ehrensäule, s. unten; ferner z. b.: selbst-futterbank, -harlekin, -kerkermeister, -krummschlieszer, -lyriker, -medaille u. a.). selbst steht dabei gewöhnlich im sinne eines gen. (poss. oder obj.) und könnte in den meisten fällen mit eigen vertauscht werden, vgl. z. b. selbstadel, -ehrensäule, -feind, -freund, -kost, -leben, -person, -sache u. a. manche nähern sich den unter b besprochenen, so: selbstbiographie, -kenntnis, -kritik, -parodie, -probe u. a. vereinzelt steht selbst im sinne einer apposition, so etwa selbstknecht (und öfter bei J. Paul, z. b. in selbst-drehorgel). häufiger im sinne 'von selbst', s. z. b.: selbstfolge, -geschosz, -getriebe, -laut, -wasser. ferner für etwas, was jemand selbst gewirkt, sich selbst zugefügt hat und ähnl.: selbstpein, -plage, -qual, -reiz, -tod, -ziel, -zweck. wiederum anders in selbststand, -wirthschaft, -schach (für sich selbst, allein). fast pleonastisch in wörtern wie selbstdünkel, -gefallen (2), vgl. Grimm gramm. 2, 767.
e) in vielen fällen würden bei auflösung der zusammensetzung präpositionale redeweisen einzutreten haben, so mit an: selbstbehagen, -gefallen (1), -genügen, -glauben, -lust, -vergnügen; auf: -beziehung, -vertrauen; für: -angebinde, -arbeit, -sorge; gegen: -pflicht; in: -bestandheit, -einkehr, -verliebtheit; mit: -abgötterei, -beschäftigung, -besprechung, -frieden, -gespräch, -hurerei, -redner, -streit, -unterhaltung, -versöhnung, -zufriedenheit, -zweikampf, -zwist; nach: -sucht; über: -bekenntnis, -geständnis, -sieg, -spott, -urteil; von: -eingenommenheit.
f) auch die verbindungen mit adjectiven sind sehr zahlreich und mannigfach, vgl. Grimm gramm. 2, 654. vielfach sind nur die von ihnen abgeleiteten abstracta (häufiger) in gebrauch. selbst steht dabei vielfach in einem directen abhängigkeitsverhältnisse, so an stelle eines gen.: selbstbewuszt, -gewisz, -sicher; eines dativs: selbstgenug, und besonders in selbstgelassenheit, -gewogenheit, -gleichheit, -überlassenseit; einer präpositionalen wendung: selbstgenügsam, -zufrieden, -eingenommen(heit), -verliebt(heit), vgl. d. vielfach liegt ein verbalbegriff zu grunde: selbstzerstörerisch; häufiger mit subjectivischem selbst: selbstbeständig, -erfahren, -greiflich, -thätig, vgl. auch selbstbehilflichkeit, -wirksamkeit. selbst 'von selbst' in selbstbrüchig, -storbig, -verständlich, -wachsen. eine substantivische redeweise liegt zu grunde bei selbsthändig, = mit sein selbs hand, s. auch selbstäugicht. fast nur verstärkend steht selbst in selbstbeliebig, -eigen, -eingebildet, -frei, -mündig, -schuldig. eine eigene, characteristische gruppe bilden endlich selbstgerecht, -heilig, -klug, -weise, -wichtig, der sich selbst für gerecht u. s. w. hält.
g) den adjectiven reihen sich die participien an. die part. praes. berühren sich andrerseits wieder mit den nomina agentis, s. c. so mit selbst als subject: selbstgesetzgebend, -handelnd, -herrschend, -regierend; als object: selbstaufopfernd, -bildend, -quälend, -rächend, -verderbend; 'von selbst': selbstlautend, -redend, -sprechend, -springend, -sprossend, -wachsend, -wesend, -zündend; vgl. noch: selbstbestehend, -dünkend. auffällig ist selbstmachend für -gemacht, s. das. auch diese sehr lose fügung ist beliebiger vermehrung fähig.
h) enger verschmilzt selbst mit den part. perf. hier ist zunächst zu bemerken, dasz gerade bei dieser classe sich die form selb besser erhalten hat (so bei Luther wol noch durchweg, sogar noch bei Göthe selbgesteckt, vgl. DWB selb II, 7). aber auch das part. hat hier gern die ältere form ohne ge-, so findet sich mhd. noch selpschouwet (Parz. 148, 24) und selbmacht (bei Jeroschin), nhd. besonders selb- bez. selbstwachsen (neben -gewachsen, s. beides). die herrschende gebrauchsweise ist unregelmäszig; sie erklärt sich aus wendungen wie: wir haben dieses brod selbst gebacken — dieses brod ist (von uns) selbst-gebacken. der begriff, zu dem selbst gehört, ist also in dem ausdrucke gar nicht enthalten und musz aus dem zusammenhange ergänzt oder unbestimmt gelassen werden, so: selbsterdacht, -erdichtet, -erfunden, -erlebt, -errungen, -erwählt, -erzeugt, -gebacken, -gebaut, -geboren, u. s. w. bis -gezüchtet, -hervorgebracht, -verdient, -verkauft. die umgangssprache verwendet derartige bildungen sehr gern, also auch selbstgebraten, -gekocht, -genährt, -geschlachtet (sogar selbstgeschlachtete wurst!), -gestickt u. a. seltner ist die normale reflexivische beziehung auf eine person, die zugleich subject und object der thätigkeit ist, wie selbstbestimmt

[Bd. 16, Sp. 457]


(durch sich selbst bestimmt), -erleuchtet, -erschreckt, -gelehrt. selbst für 'von selbst' bei selbst-aufgewachsen, -geschlungen, -gewachsen, -verirrt. selbst als gen. bei den ganz adjectivischen selbstbewuszt, -vergessen. in noch anderm sinne selbstergriffen. sehr hart ist folgende fügung: mit selbverwarloster ('durch eigne verwarlosung herbeigeführter') anzundunge des geholtz. qu. bei Dief-Wülcker 852.
i) sehr merkwürdig ist die im ahd. begegnende zusammensetzung von selb- mit einem verbum finitum: selblâzan, acquiescere; selpliez, quievit; selplâz desine, tace. Graff 2, 313 (dazu als subst. selplâz, effrenatio. 316), vgl. Grimm gramm. 2, 671.
 
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selbstabbildung, f.: wir können daher die gedanken unsrer altväter von den dingen in der welt als ein nothwendiges erzeugnisz, als eine selbstabbildung des damaligen zustandes der irdischen natur betrachten. Novalis 2, 267 Meiszner.
 
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selbstabgötterei, f.: die älteste schoszsünde der selbstabgötterey. Hamanm 6, 15.
 
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selbstabsonderung, f: instinct ist das genie im paradiese vor der periode der selbstabsonderung (selbsterkenntnisz). Novalis 3, 126 Meiszner.
 
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selbstabtötung, f. abtötung seiner selbst, askese. Campe, dafür auch selbstabsterbung, s. selbstverleugnung.
 
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selbstachtung, f., s. Campe: sein (Fichtes) erstes bekanntes betragen gegen die ihn schützende regierung war, dasz er einem ihrer ausdrücklichen gesetze, (welchem ein wahrer gelehrter aus selbstachtung schon ohnediesz folgen sollte) gerade zuwider handelte. Fr. Nicolai bei Göckingk leben dess. s. 68; er wird ... das staatsministerium um das masz von selbstachtung, von consideration und schlieszlich auch im lande bringen, ohne welches sich ... die staatsgeschäfte nicht führen lassen. Bismarck ged. und erinn. 2, 204.
 
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selbstadel, m. der eigne adel, gefühl des eignen wertes. Campe.
 
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selbständig, adj., -keit,f., s. selbstständig(keit).
 
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selbstangebinde, n.: das borgen der hosen liesz dem seligen Helf geld zu einem selbst-angebinde, zum ankaufe eines schönen werks. J. Paul leb. Fibels 57.
 
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selbstanklage, f.
1) anklage seiner selbst, die man gegen sich selbst erhebt: schon zu anfang dieser heftigen selbstanklage hatte sich sachte die thür geöffnet. Mörike maler Nolten3 2, 161; meine selbstanklage wurde noch durch das gefühl der starrheit und eitelkeit verbittert. Keller 2, 62; der stöhnende alte verdrosz mich mit seinem ängstlichen gemurmel und seinen eintönigen selbstanklagen. C. F. Meyer der heilige6 89; gottes hand schrieb:

die selbstanklag' in menschenweh,
und will, dasz menschenmitleid sie
verwandel' in theodicee!
G. Schwab im hannov. mag. 1846 s. 778b.


2) selten, anklage, die man in eigner person erhebt: er lehnte die selbstanklage des fürsten ab. s. Campe.
 
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selbstanmaszung, f:

mit fortgang krönet er (gott) die gute absicht
und niedriget den stolz der selbstanmaaszung.
Herder 11, 261 Suphan.