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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
selbroh bis selbsichtig (Bd. 16, Sp. 439 bis 445)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) selbroh, adj. roh, wie etwas von selbst, im natürlichen zustande ist: salvay also selbroch genuczt (genossen). quelle bei Schm. 2, 265.
 
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selbs, pron. , vorstufe unsres selbst (s. daselbst), ursprünglich (starker) gen. von selb, als solcher schon unter diesem II, 4 behandelt, aber früh über seine eigentliche sphäre hinaus erweitert. in der ältern zeit meist selbes geschrieben. auffallend ist die schreibung selfz (kölnisch): der herzog van dem Berg ward aus irem selfz lande fluchtich. d. städtechron. 13, 105, 16.
1) selbes (für einen andern cas. als den gen.) findet sich mhd. seit dem 12. jahrh., s. Lexer handwb. 2, 861. Weinhold mhd. gramm.2 s. 554. Schm. 2, 263. seltner scheint sulves im mnd. zu sein, s. Schiller-Lübben 4, 464a. 465a:

de word unse leve here sulves gesproken hat.
Eberhard reimchron. von Gandersheim 218.

nhd. ist selbs im 16. jh. überaus gewöhnlich, in Luthers bibelübersetzung ist es weitaus die häufigste form, während selbst (s. das.) vergleichsweise selten ist. noch seltner ist das endungslose selb (s. das.), einmal steht es unmittelbar neben selbs: ist er (Baal) gott, so rechte er umb sich selb, das sein altar zubrochen ist. von dem tag an hies man jn Jerub Baal,

[Bd. 16, Sp. 440]


und sprach, Baal rechte umb sich selbs. richt. 6, 31 f. häufig findet sich selb in der übersetzung des neuen testaments, ist aber dann in der ausgabe von 1545 stets durch selbs ersetzt. so liest diese z. b.: wil mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbs. Matth. 16, 24, dagegen die 15 ältesten separatausgaben des neuen testaments (1522—30): der verleucke sich selb. ähnlich Matth. 23, 12. 27, 5. Luc. 7, 7. 10, 29. 14, 11. 18, 14. 24, 36. Joh. 5, 18. 6, 15. 7, 17. 8, 13. 16, 27. 17, 19. ap. gesch. 4, 19. 10, 17. 14, 17. 20, 30. Röm. 14, 12. 1 Cor. 3, 15. 5, 13. 9, 19. 16, 15. 2 Cor. 8, 3. 10, 12. 18. 11, 14. 12, 5. 13. Phil. 2, 8. 1 Thessalon. 1, 9. 4, 16. 5, 2. 2 Thess. 3, 9. Tit. 3, 11. Ebr. 5, 2. 4. Jac. 1, 22. (in den ersten stellen ist selb auf die elf, in den spätern fast immer auf die acht ältesten drucke beschränkt.) es scheint demnach, dasz Luther die form selb später gemieden hat und die wenigen belege der ausgabe von 1545 nur durch übersehen der correctur entgangen sind. geläufiger ist selber, s. daselbst. auch diese form findet sich in nächster nähe von selbs: und gott hatte sie selbs gemacht, und selber die schrifft drein gegraben. 2 Mos. 32, 16; wer jm selber nichts guts thut, was solt der andern guts thun? ... es ist kein schendlicher ding, denn das einer jm selbs nichts guts gönnet. Syr. 14, 5 f.; hilff dir vor selber, ehe du andere artzneiest. straffe dich vor selbs, ehe du andere urteilst. 18, 20 f.; wenn der gottlos einem schalck flucht, so flucht er jm selber. die ohrenbleser thun jnen selbs schaden. 21, 30 f. (selber als var. zu selbs auch 29, 21.) ebenso in andern und ältern quellen: theol. deutsch 59, Keisersberg sünden des munds 71a, s. DWB selb II, 4, d; ferner: dasz wir nach dem fall Adams gleichwol unsern freien willen behalten, und macht haben uns selbs selig zumachen .. unnd dasz die gnad gottes nicht alleyn in uns wirckt zur seligkeit .., sondern dasz sie schlechts darzu hilfft, nach dem wir uns ausz uns selber zuvor darzu bereyt haben. Fischart bienenk. 51b;

weil dann ir sölchs ... habt selbs gesehen.
Rebhun Susanna 4, v. 45;

wo wirs selber hetten sichtlich nicht erfaren. 55;

drumb, dieweil ir sölchs von ir habt selbs gesehen. 68.

ein unterschied der verwendung ist nirgends zu bemerken. auch im 17. jh. ist selbs noch oft bezeugt (so bei Opel-Cohn, Rompler v. Löwenhalt, Weckherlin, Grimmelshausen, s. unten die belege); später scheint es nicht mehr vorzukommen.
2) ich ordne die belege nach den casus.
a) selbs als nom. sing.: der Davus selbs hat mir gesagt, ipse mihi Davus dixit. die rcht blst selbs, flos ipse. die thaat oder die sach beweiszt es selbs, res ipsa indicat. gerad ich selbs und kein anderer, ipse egomet. Maaler 369d; di hoen kreftigen wort di Christus .. selbis gesprochen hat. Ködiz 12, 16 (vgl. die anm.); ich wel min wip nu selbis trute. 22, 31; do liess her om eyne armbrost langin .. unde schos do selbis füer yn. Rothe chron. 682; das hauszprat hab ich selbs pachen laszen. Tucher haushaltb. s. 48 Loose; ob ich nicht billichen allen den gewalt hab, als ob mein genadiger herr von Admund selbs gegenwurtig da wär. steir. taid. 35, 3; das sol ain ambtman selbs richten und entschaiden; wo im das zu swär ist, hatt der herr von Admund das selbs entschaiden. 44, 12 f.; da gieng er selbs auch gen Rama. 1 Sam. 19, 22; er eilet auch selbs eraus zu gehen. 2 chron. 26, 20; und ist die weisheit selbs geringer denn du? Hiob 15, 8; aber wer eine gruben macht, der wird selbs drein fallen. pred. Sal. 10, 8; solt ich ander lassen geberen, und selbs verschlossen sein, spricht dein gott. Jes. 66, 9; so gehet er hin, und nimpt zu sich sieben ander geister, die erger sind, denn er selbs. Matth. 12, 45; und er selbs David spricht im psalmbuch. Luc. 20, 42; er well selbs z mir reiten. d. städtechron. 15, 28; hät man ir so vil brieff nit geschriben, sie welt lang selbs nit komen sein. 16, 27; der künig selbs persönlich die ding gesehen hat. Galmy (1540) 26a; von denen ich selbs gehört, wie die sachen bey ihnen zu sey gangen. Götz von Berlichingen 44; nun bat mich Ulrich Beck sein stief - vatter, und der Philipps Seyburt der stief-sohn selbs, .. dasz ich ihn .. hülfflich und rathlich seyn solt. 12; selbs ist der man. disz ist ein alt sechsisch sprichwort .. alle sachen gehen frisch fürsich, wenn einer sein sache selbs angreiffet .. man bevelhe odder vertrawe andern leutten wie man wil, so gehet es doch nicht halb also von stadten, als wenn der selbs da bey ist, den die sachen angehet. Agricola sprichw. 69, ebenso Egenolff 39a; er selbs in seiner getruckten confession bekennet, dasz er im Paulo gefunden, dasz die päpstliche lehre und religion (die er selbs lang mit

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getriben) unrecht und antichristisch seie. Fischart bienenk. 13a; mein lieber, sag mir, hast nie keim narren ins musz geblasen, und hast du es selbs gessen? groszm. 59 (klost. 8, 591); bisz jr Rosamunda selbs eröffnen thet. buch der liebe 234c;

der vergap ir sünde selbs got.
Konrad Dangkrotzheim heil. namenb. 217;

daʒ got in seiner ebikeit
hat selbs dar an ein wolgefallen.
Rosenblüt spr. von Nürnberg 57;

wan got hat uns selbs zugeaigt. 180;

Vit Weber hat dis lied gemacht,
er ist selbs gewesen an der slacht.
Liliencron hist. volksl. 2, nr. 142, 32;

das hot hie selbes gesprochen. Alsfeld. passionssp. 4599;

er tulwatzst, er waisz selbs nicht was. fastn. sp. 647, 8;

und ist kain ander hymel pfat,
dann Christus selbs gewandert hat.
Schwartzenberg Cic. 109b;

da hätte ein end dieser pracht,
so ihm der aff selbs hat gemacht.
Opel-Cohn 93, 46;

ich main, ich därf es wagen,
ohn sonders-grosz gepräng eüch schänckend darzutragen,
wasz mir die ainfalt selbs auch nach-und-nach geschänckt.
Rompler von Löwenhalt reimged. 3b;

ich reinige meine alte brust,
auf dasz du mögest selbs mit lust
in jhr, mich allzeit zu regieren,
hinfür gefälliglich losieren!
Weckherlin ged. A 6b.

der nom. ist nicht ausgedrückt (vgl. DWB selbst II, 2, e. f): selbs eingebrockt, selbs ausgeessen. Wander 4, 531, 21; selbs thun ist bald than. 532, 21.
b) als dativ: jm selbs endtlich fürnemmen, obfirmare animum. Maaler 369d; der meins genadigen herrn von Admund urbar innhatt und von dem ambtman nicht emphangen hiet noch von dem herrn selbs. steir. taid. 41, 12; warumb machstu mich, das ich auff dich stosse, und bin mir selbs eine last? Hiob 7, 20; sie macht jr selbs decke. spr. Sal. 31, 22; jhm selbs unnütz, niemandt nütz ... es ist ein böse katz, die jr selbs nicht mag mausen. der jm selbs heylosz, wesz heiland wolt er sein? man sol mit dem kein gnad theilen, der jm selbs schad ist. Egenolff 133a; bisz dir selbs enlich, bisz der du wilt gesehen sein. Franck sprichw. 1, 158a; es ist ein ieder jm selbs das best schuldig. 2, 9b;

von dir selbs nichts gts vermisz.
Schwartzenberg Cic. 111c.

besonders in präpositionalen wendungen mit reflexivem pronomen. bei sich selbs: bey jm selbs ermessen, judicare animo suo. bey jm selbs frölich und mtig seyn, tacito affectu laetari; etwas bey jm selbs abnemmen unnd ermässen, ex suo animo colligere. Maaler 369d; da ein jglicher nach seiner art frucht trage, und habe seinen eigen samen bey jm selbs. 1 Mos. 1, 11; sein hertz war guter dinge bey jm selbs. 1 Sam. 25, 36; ich schwere bey mir selbs. Jes. 45, 23; etliche unter den schrifftgelerten sprachen bey sich selbs. Matth. 9, 3; dann er was nit so gar bey jm selbs. Wickram goldfad. v 2b; ich dachte bey mir selbs. Simpl. 2, 299, 26 Kurz. von sich selbs: von mir selbs, mea sponte. von jhm selbs, spontaneus Dasypod.; von jm selbs, ungent und unzwungen, sua sponte nulla adhibita vi. von jm selbs kommen oder nidersincken. Maaler 369d; er (Husz) satzt ouch hin z, daz er von jm selbs und fryes aigens willens in das consilium komen wer. Niclas v. Wyle translat. 226, 36 Keller; werlich das hastu nit von dir selbs, sunder du hast es von den gelerten. Keisersberg sünd. des munds 76b; und der könig Salomo gab der königin von Reicharabien, alles was sie begert und bat, on was er jr gab von jm selbs. 1 kön. 10, 13; denn die erde bringet von jr selbs zum ersten das gras. Marc. 4, 28; die wort die ich zu euch rede, die rede ich nicht von mir selbs. Joh. 14, 10 (vgl. selbst II, 2, k). mit andern präpositionen: er hat die sach geredt wie sy an jren selbs ist. sinnen unnd mit jm selbs betrachten. vil auff jm selbs haben, amare se ipsum. Maaler 369d; wiewol gott an und in jm selbs ewig gt und unbeweglich ist. Franck weltb. vorr. 5b; als aber Petrus sich in jm selbs bekümmert. ap. gesch. 10, 17; hof-secretarius zu sich selbs. Opel-Cohn 288, 3. vgl. auch f, β.
c) als acc.: sich selbs und sin leben zeraingen und zeentschuldigen. Niclas v. Wyle 226, 37 (vgl. unter b); ich wil anders dis mal alle meine plage uber dich selbs senden. 2 Mos. 9, 14; du solt deinen nehesten lieben, wie dich selbs. 3 Mos. 19, 18; setzt sich nu der satan wider sich selbs, und

[Bd. 16, Sp. 442]


ist mit jm selbs uneins. Marc. 3, 26; wer sein weib liebet, der liebet sich selbs. Eph. 5, 28; so sol er das bringen an den herrn selbs. steir. taid. 40, 32; sihe dich selbs an .. sich selbs kennen, die gröst kunst. Egenolff 133a; die gröste stärck, sich selbs uberwinden. 321a, vgl. Wander 4, 533, 46 f.; zeit verändert alle ding, auch sich selbs. Franck weltb. vorr. 3b. —für sich selbs machen, oder thun, pro se facere. Dasypod.; für sich selbs seyn, per se ipsum constare. Maaler 369d; und do er also deshalb für sich selbs redende verhört worden wer. Nicl. v. Wyle transl. 222, 33 Keller; das widersprich ich für mich selbs. d. städtechron. 25, 16, 12; so ain mair für sich selbs sein kind oder freunt verheirat. steir. taid. 231, 11; czalt ich par fur mein sun Linhart 33 fl. 7  und mee fur mich selbs 10 fl. 4 . Tucher haushaltb. 53 Loose; der glaube ist ein ding im hertzen, das sein wesen fur sich selbs hat. Luther tischred. 11b; dises ist meines bedunckens der weg wie sich ein ehrliches weib ... in dem ehlichen geschäfft gegen dem mann verhalten solle: nämlich, das wann er solches anfangt, sie weder jm widerstreben ... noch für sich selbs anfangen solle. Fischart ehezuchtb. B 3b; so auch: da hernach Bonifacius der dritt für sein person selbs diesen newen titul erlangte. bienenk. 10a. vgl. f, α.
d) als (nom. acc.) plur.: das wir selbs gesehen habend, compertum oculis. Maaler 369d; des sind unser feinde selbs richter. 5 Mos. 32, 31; sie graben fur mir eine gruben, und fallen selbs drein. ps. 57, 7; er hat uns gemacht, und nicht wir selbs. 100, 3; sie würden weder söne noch töchter erretten, sondern allein sich selbs. Hes. 14, 16; jr selbs seid meine zeugen. Joh. 3, 28; welich selbs alben und albrecht haben. steir. taidinge 42, 23; denen, so die ding alle so sy schreiben, selbs gsehen und erfaren haben. Franck weltbuch vorr. 4a; aber lang zuvor, sind nicht allein die gemeynden, sonder auch die griechische keyser selbs mit dem papst zu Rom zerfallen. Fischart bienenk. 11a;

lieber herr, wyr hain unsz nyt selbs gemacht. fastn. sp. 4, 280, 34.


e) als dat. plur.: siu (die beiden äbte) inwoltent nit über ein komen under in selbes. Germ. 3, 426, 8; die allein mit inen selbs zeschaffen hond, die weder weib noch kind habent. Keisersberg sünd. des munds 70d; jr solt ewre töchter nicht geben jren sönen, noch jre töchter nemen ewern sönen oder euch selbs. Nehem. 13, 25; aber sie sollen nicht mir damit, .. sondern jnen selbs verdries thun. Jerem. 7, 19; in den historien an jnen selbs, wollen wir nichts endern. 2 Macc. 2, 29; zu schenden jre eigene leibe an jnen selbs. Röm. 1, 29; auff das die, so da leben, hin fort nicht jnen selbs leben, sondern dem, der fur sie gestorben und aufferstanden ist. 2 Cor. 5, 15; doch haben sie dise krafft nicht eigentlich ausz jhnen selbs bekommen, sondern ausz diser ursach, dasz Christus solchs durch sein leiden verdienet hat. Fischart bienenk. 101b.
f) wenn subject und object in einem satze identisch sind, so läszt sich selbs zu beiden ziehen. während in solchen fällen die lat. sprache ipse stets in den nom. setzt, dürfte das deutsche sprachgefühl in der regel die beziehung auf das object vorziehen. dieses ist
α) ein directes object (im acc.): sy habend sich selbs von eigner hand umbbracht. Maaler 369d; du hast dich selbis geunert. Ködiz 68, 4; wer wolt ir .. raten, dasz sie sich selbs solt umb das leben pringen? d. städtechr. 25, 15, 27; der gottlose schendet und schmehet sich selbs. spr. Sal. 13, 5; mach dich selbs nit trawrig, und plage dich nicht selbs. Syr. 30, 22; und was nutz hette der mensch, ob er die gantze welt gewünne, und verlüre sich selbs, oder beschediget sich selbs? Luc. 9, 25; das du ein mensch bist, und machest dich selbs einen gott. Joh. 10, 33; versuchet euch selbs, ob jr im glauben seid, prüfet euch selbs. oder erkennet jr euch selbs nicht, das Jhesus Christus in euch ist? 2 Cor. 13, 5; aber wann man jnen (den weibern) mit bescheidenheit zukommet, .. da werden sie erst geschlachter, ergeben sich selbs gutwillig. Fischart ehezuchtb. A 8a;

betrachtesz du die strengheit des lesten gerychtes,
und ortelsz dych selbs in der ziyt,
so wersz du ledych und quyit. fastn. sp. 4, 280, 20.


β) ein indirectes, dativisches: solchs machstu dir selbs, das du den herrn deinen gott verlessest. Jerem. 2, 17; wer bald gleubet, der ist leichtfertig, und thut jm, wenn er sich so verfüren lesst, selbs schaden. Syr. 19, 4; bistu Christus, so

[Bd. 16, Sp. 443]


hilff dir selbs, und uns. Luc. 23, 39; aus der ursach ich sorg hett, sie wurd ir selbs den tod anton. d. städtechr. 25, 15, 16.
g) als bestimmung eines adverbiums in der verbindung dâ selbes, s. DWB daselbst theil 2, 807 ff.:

ir hieb sich dô ein teil
aldâ selbes durch den hagen. livl. reimchr. 4055.

seltner neben dô (damals): es wurden dô selbes zwêne eppete erwelt. Germ. 3, 426, 7.
3) besonderheiten.
a) selbs im sinne von 'sogar' (s. DWB selbst II, 3) findet sich nur ganz vereinzelt:

dasz ander fürsten all,
ja selbs ihr heiligkeite,
zu groszn gwalt nicht leiden.
Opel-Cohn 296, 42,

als steigerung auch in stellen wie: denn er hette alle euszerliche mittel, und zuletzt auch wol die menschheit Christi selbs verworffen. Luther tischred. 11a.
b) selten hat selbs auch die bedeutung 'von selbst, spontan' (vgl. von sich selbs unter 2, b und selbst II, 2, k): iss dis jar was zutretten ist, das ander jar, was selbs wechset. Jes. 37, 30;

der esel, so das bronnrad tritt,
würd von dem wasser faiszter nit,
welches er mus herausser spinnen,
er trinkts gern, da es selbs thut rinnen.
Fischart dicht. 2, 8 Kurz (flöhhaz 212).


c) in folgender stelle scheint selbs substantivisch gebraucht zu sein, was sonst nicht bezeugt ist: diesze thun nit wie die Pickarten aussz Behemen, die geistlichen judenn unnd elend ketzer, die do von den boszen christenn flihenn unnd zcum selbs ynn winckel krichenn. Luther 9, 188, 15 Weim. ausgabe (falls nicht zcu in zu lesen ist).
 
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selbsacher, m., s. DWB selbstsacher.
 
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selbschaft, f., ganz vereinzelt als substantivbildung zu selb(st): die libe Sofonisbe, die ihr mir in meinen alten tagen als ein teil meiner eignen selbschaft entrissen habt. Zesen Sofon. (1647) 589 bei Gombert 5, 18.
 
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selbschol, m., in der ältern sprache für das neuere selbstschuldner (vgl. daselbst), der selbst für seine verbindlichkeit einsteht, der wirkliche schuldner im gegensatz zum bürgen. mhd. wb. 2, 2, 183a. Lexer handwb. 2, 869. Grimm rechtsalterth. 619: principalis debitor alicujus rei, vulgo dicitur selpschol. glosse vom j. 1272 bei Lexer a. a. o.; ob sy indert selbschol oder bürg gegen in worden weren. d. städtechr. 1, 112, 14; es sol nieman kainen andern gewern stellen dan den rechten selbscholn. quelle bei Schmeller 2, 402; wann ainer dem andern schuldig ist und hat pürgen darumb, und wann sein zil aus ist, so mag er das erfodern an dem selbscholn. tir. weisth. 4, 202, 29; hat er ain pürgen darumb und was im an dem selbscholen abget, das sol an dem pürgen angen. 407, 19 (vgl. das glossar und sachregister). aber auch in anderm sinne, der thäter im gegensatz zum mitschuldigen: von dem selbscholen, der die unzuht getan hat, ij pfenning, von ieder gewiʒʒen j pfenning. 384, 30. der beschädigte: wer dem anderen sein holz nimbt an der lent, .. der ist dem gericht vervallen v , der stat v  und dem selbscholen v  von iegleichen holz. 424, 29; wer dem anderen sein ertreich fravelich hin wässert, der ist dem selbscholen umb l  vervallen, dem gericht l . 437, 4. — häufig entstellt zu selbschold(e), -schuld(e), s. Schm. 2, 403. Lexer hdwb. 2, 869 f.; vom schuldner: so soll er pflichtig sein, die geltschulden an den selbstholden zu erfordern, pfant oder pfenning. tirol. weisth. 4, 223, 35 (man möchte lesefehler für selbscholden annehmen, aber die schreibung kehrt 224, 4 wieder, ist volksetymologische entstellung möglich?); wann die frist vergangen ist, so sol der, den man gelten sol, an den selbschulden vodern sein gelt. 485, 36. vom thäter: wer aber der aines darüber thuet und überfert, der wirt darumben fürgenomen und gestraft, wie der selb schult solt oder muest leiden. 1, 73, 9, ebenso Salzb. taid. 246, 33.
 
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selbschosz, n., nur in der ältern sprache, zunächst als bezeichnung einer wurfmaschine: ahd. selpscôʒ balista, catapulta Graff 6, 562, mhd. selpschôʒ Lexer hdwb. 2, 869, mnd. sulfschot Schiller-Lübben 4, 466: balista .. selpscoz, selfschot, selscot, scilscat. Dief. gloss. 66c; bedica vel sagitta selfschoz. nov. gl. 47b; umb ainen birnbaum zu den selbschosen, umb dry senen an die selbschoʒ, umb 1000 clafter heriner sail zu den selbschoʒʒen. Augsb. rechnung von 1372 bei Schm. 2, 479;

auch han wir fiendliche wer
von buchsen unde bliden,
die mugen sie nit erliden,
selbschosz unde armbrust.
Liliencron hist. volksl. 1, nr. 40, 217.

[Bd. 16, Sp. 444]


vielleicht bedeutet das wort auch eine art bogen (wie denn balista gewöhnlich durch armbrust übersetzt wird), vgl. noch altfries. selsketa (für selvsketa? bogere ieftha enne selsketa) Richthofen 1006b und J. Grimm kl. schr. 8, 507. — im nhd. dagegen findet sich selbschosz zuweilen für das gewöhnlichere selbstschusz (vgl. daselbst): arcus αὐτόματος, ein selbschlosz, das von sich selbst losz geht ohne zuthun eines andern. Corvinus fons lat. 332b (im reg. richtig selbschosz); wo ain jäger richtet wildn tiern mit sengsen, eisen oder selbschosz. Salzb. taid. 311, 8. — vgl. auch schweiz. der sèlbschótz und das sèlbschûsza, schnellschusz Tobler 420b f.
 
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selbschuldig, -schuldner, s. selbstschuldig, selbstschuldner.
 
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selbsechst, s. DWB selb II, 6, c.
 
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selbseigen, adj., s. selbsteigen 1.
 
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selbselbst, pron. , verstärkende verdoppelung von selbst, vgl. Grimm gramm. 2, 405. 654. 665. 3, 5, anm. 6. 648, der dazu die vereinzelten bildungen, lat. ipsipsus, gr. αὐταύταις χερσίν vergleicht.
1) so schon ahd. selbselbo, idem ipse Graff 6, 214; in gote der id ipsum (glosse: selb selbo) heîʒʒet. Notker ps. 4, 9; der ieo selb selbo geîst, unus atque idem spiritus. 77, 54. — mhd. selbselbe, s. Weinhold gramm.2 s. 554. Lexer handwb. 2, 870: do er (Moses) do gestarp, do legeter in selbselbe mit siner handen. Grieshaber pred. 2, 86; flectiert: des selpselben tages do beschach es ouch das der tüfel zuo mir kam. Nic. v. Basel 95. über Vridanc 85, 23 vgl. W. Grimm kl. schriften 4, 75 und Bezzenbergers anmerk.getrennt:

ich behalte selbe selbe dînen sun. Rolandsl. 100, 26.

nicht hierher gehört natürlich die blosze nebeneinanderstellung verschiedener casusformen, wie:

sô het ich mich selben selbe erslagen. minnes. frühl. 125, 4.


2) im nhd. findet sich die verdoppelung ziemlich oft bei den schlesischen dichtern des 17. jahrh. (vgl. Adelung 4, 424), später nur ganz vereinzelt (s. e). sie erscheint in folgenden formen:
a) als selb selbs einmal im 16. jahrh.:

das grab ist lehr, sein leib ist hin,
am weg er mir selb selbs erschin.
Leisentrit geistl. lieder 1 (1567), 136a.


b) im 17. jahrh. in der regel selbselbst, ego, tu, ille ipse Stieler 2003:

zum dritten haben ja die brüder beyde sich
selbselbst auff einen tag erwürget jämmerlich.
Opitz 1, 166;

dem die natur selbselbst nichts abgeschlagen. 2, 26;

(die liebe ist) ein hencker der gewissen,
dem Jupiter selb selbst auch hat bekennen müssen. 64;

in dieser schweren zeit, von der man kaum mag schreiben,
da Teutschland ihm selbselbst ein scharffes messer wetzt. 74;

disz band, das wir selb selbst so haben auffgewunden.
Fleming ged. 39;

dz wir nichts können schencken,
was schöne heist und ist. ihr habts schon in der that,
als der die schönheit sich selb selbst verehret hat. 40;

ach nun, Anemone, gläube,
was du dir selb-selbst sagst zu. 544;

wo dieses priester sind, das Rhadamantgeschwister,
so bey dem Caiphas hier die unschuld ingesammt
und sich hiedurch selbselbst, zum tode hat verdammt.
Scultetus bei
Lessing 8, 282;

als wenn ihr euch selb-selbst in eignes weh vergrübet.
A. Gryphius 2, 173;

Cassand. o honte (franz.)! Fabric. o hund selb-selbst. d. verlibt. gespenst s. 61 Palm (2, v. 21),


c) zuweilen selbselbsten ohne unterschied:

dasz billich unser tandt
und hochgefaster wahn selb selbsten von sich schriebe.
Opitz 2, 220;

sich selbselbsten überwinden, ist der allerschwerste krieg;
sich selbselbsten überwinden, ist der allerschönste sieg.
Logau 3, 65, 46;

lasst einmahl ab, zu seyn selbselbsten eure peitschen.
Birken teutscher kriegs ab- und fridens einzug (1650) 10.


d) eine weitere entstellung ist:

Apollo hat das lied selbst selbsten auffgesetzt.
Fleming ged. 140.


e) so als adj. verwendet in der einzigen belegstelle aus dem 19. jh.: wer ist schöner als der, der die selbst selbste schönheit ist und der schönste unter allen menschenkindern?

[Bd. 16, Sp. 445]


H. Müller erquickst. s. 378 (hier wol als superlativ empfunden, vgl. DWB selbst II, 4).
 
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selbsichtig, adj. augenzeuge: die von anfang selbsichtige (οἱ ἀπ' ἀρχῆς αὐτόπται). Luc. 1, 2 in den 8 ältesten drucken des neuen testaments (1522—25, später: die es von anfang selbs gesehen).