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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) seit, m. n. name eines kleiderstoffes, mhd. seit (mlat. sagetum, ital. sagetta, franz. sayette, zu lat. saga, sagum) mhd. wb. 2, 2, 242a. Lexer mhd. handwb. 2, 859. Schm. 2, 335. Schultz höf. leben2 1, 356. Weinhold frauen2 2, 245; vgl. oben kirsei 4, b, theil 5, sp. 850.

[Bd. 16, Sp. 370]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) seit, präp. und conj.
I. mhd. sît mhd. wb. 2, 2, 320b. Lexer mhd. handwb. 2, 941, ahd. sîd Graff 6, 155; mhd. sît, ahd. sîd bedeutet als adverb 'später'; mit dem dativ verbunden 'nach' (eigentlich 'später als etwas'), als conj. 'nachdem' oder 'weil'. der comparative sinn des wortes tritt besonders in der präpositionalen verwendung hervor, daher ist es zu verbinden mit got. seiþs in þanaseiþs, weiter, noch, das ein comparativ-adverbium ist zu seiþus spät. im altnord. entspricht dem got. seiþs das adverb. síðr, das die bedeutung 'weniger, minder' angenommen hat oder als conj. im sinne von quominus gebraucht wird. daneben findet sich ein adverb. síð im sinne von 'spät' (compar. síðarr, superl. síðast); dieses síð ist das als adverb. fungierende altn. neutrum des adjectivs, dessen positiv im altn. untergegangen ist (compar. síðari, superl. síðastr, auch im ags. fehlt die positive form des adj., comp. síþra, superl. síþest, síþmest, im hochd. ist nur der comp. belegt, ahd. sîdero Graff 6, 157), vgl. got. seiþu. der form nach könnte auch mhd. sît als ein acc. neutrius aufgefaszt (wie vruo, früh, forn, ehemals) und mit got. seiþu, altn. síð verbunden werden, jedenfalls ist die möglichkeit nicht abzuweisen, dasz im westgermanischen comparativ und positiv zusammengefallen sind. die verwendung als präposition weist auf den comparativ, ebenso die conjunction. ags. síþ erscheint wie nord. síð im sinne von 'spät' (tó síþ, zu spät), daneben aber wird es wie ahd. sîd, mhd. sît gebraucht; als präposition mit dem instrumentalis in sioððan, seoððan, sieððan, siððan, syððan, postea, postquam (aus síððon mit verkürzung des í; vgl. Sievers ags. gramm. § 107, anm. 5), vereinzelt mit dem dativ in síþþam (Guthlac 107) und als conjunct. (Bosworth-Toller s. v.). alts. sîð ist nur als adv. belegt.
ahd. sîd, das nicht mehr als comparativ gefühlt wird, wird selbst wieder gesteigert: sîdor, posterius, mhd. sider Graff 6, 157. mhd. wb. 2, 2, 322a. Lexer mhd. hdwb. 2, 906; für das mhd. ist durch reichliche reime kürze des stammvocals gesichert; das in späteren zeugnissen auftretende seider könnte an sich eine von seit beeinfluszte neubildung sein (vgl. seint neben sint); beachtenswert sind aber die mundartlich bewahrten formen mit î; die kürzung ist wol so zu erklären, dasz -der wie eine doppelconsonanz wirkte (etwa wie -ter in blatter, futter, natter, ritter und ähnliches); alts. engl. sîðor, fries. sether (Richthofen 1008a). mnd. seder, sedder, sedert, sodder, sudder Schiller-Lübben 4, 165a, nld. sedert. während die neuere schriftsprache den comp. aufgegeben hat, bewahren ihn hoch- und nd. mundarten z. th. erweitert oder entstellt oder in composition, in manchen gegenden ist er völlig an die stelle von seit getreten: sĭder Schm. 2, 338; deseider, seiderher 337, sider Schmid 494; sider, sitter, sidig, siderie Stalder 2, 373; sĭder, sĭdert, sĭderie Hunziker 241; sider, sidert, siderta, sederther, sebert, seberther, siderthe Tobler 423b; sîder, sîderie Seiler 268b; sittar Bühler Davos 1, 154; sîder, zitter (Elsasz) Frommanns zeitschrift 5, 117, 35; sîder, sîdert, dersîder, dersîdert, seider, derseider, seiderher Schöpf 672, vgl. Schm. 2, 337. 338; sedar cimbr. wb. 230b; sîder, seider, dersîder, derseider Lexer 233; sida Castelli 255; sider (Tirol) Frommanns zeitschrift 3, 90; jesider (unterdessen) Schmid 494; sida, dasida, daseida Neubauer Egerl. mundart 101b; sieder Vilmar 383; sitter Reinwald 1, 151; sidder (Fichtelgebirge) Frommanns zeitschr. 2, 554. Keller idiot. des thür. waldgebirges 42; sieder Berndt 286; sîder, dersîder Schröer 206b; sedert, seder Strodtmann 209; seder, sedert, sēr, sider brem. wb. 4, 731; sedder Dähnert 419a, sider 423b; sedder, süder, södert Schütze 4, 88; sîer, sîr Schambach 191b; sidder, sodder Woeste 236a; sedert, szört Stürenburg 242b; sēdert ten Doornkaat Koolman 3, 168a; sedder her Dähnert 419a.
ein superl. seiderst ist belegt d. städtechr. 5, 396, anmerk. 1. vom comparativ sider aus ist der kurze stammvocal in einigen mundarten auch auf den positiv übertragen worden, vgl. Schm. 2, 338. Hunziker 241. Stalder 2, 373. Tobler 423b. dagegen sîd Schöpf 672, ebenso nd. sǐd, sît oder st ten Doornkaat Koolman 3, 179b. Schambach 191b.
über die nebenformen sint (so in Luthers bibelübersetzung), seint neben seit, sinter neben sider, seider, seiter s. unten sint.
II. gebrauch.
1) seit als adverbium und präposition.
a) das adverbium ist von der schriftsprache aufgegeben, mundartlich aber hier und da erhalten. es bedeutet sowol 'später' wie 'von einem in der vergangenheit liegenden zeitpunkte ab continuirlich' (seitdem, seither):

that thu nio sîð aftar thiussô sundig ni werðes. Heliand 3895;

zi wihtu iʒ sid ni hilfit.
Otfrid 2, 17, 9;

[Bd. 16, Sp. 371]



sît sturbens jâmerlîchevon zweier edelen frouwen nît. Nibel. 6, 4;

ich lobet eʒ und leisteʒ sît. Iwein 382;

got schuof ein engel, der sît wart
ein tiuvel.
Freidank 6, 3;

ich bin der si meinet
mit triuwen — mirʒ nieman verkêre —
sît von mînen kintlîchen jâren.
Marner IV, 36;

der vor des vil wînes hate
der muste waʒʒer koufen sît. pass. 3, 33;

der bischof wart bâbest sît.
Lamprecht v. Regensburg s. Franc. 3573;

doch das sie seidt
bleib unverheyrat mitler zeidt (hier 'von einem in der gegenwart liegenden zeitpuncte ab').
H. Sachs 14, 189, 27 Keller-Götze;

ich hab aber seit nie erfahrn,
ob er leb, und wie es ihm geht. 16, 66, 27;

das mich seyt keynes mans gelüst. 4, 364, 15;

desz schwancks lacht noch seid jederman. fabeln u. schwänke 280, 136 neudr.;

nu haben wir ewern botten seid (seither, bis jetzt) bey uns aufgehalten. d. städtechron. 2, 36, 15; auch sagt man bey uns, daʒ sich derselb gefangen etliche seid awszgeteydingt und schaczen haben lassen. 51, 4; doch hat man groszen arkwon auf ainen weber, der ist seit nimmer in die stat kommen. 5, 71, 1; dasselb unser vaters haus hat seit kauft ain huefschmit. 122, 12; des wart sit nieme gedaht. 8, 40, 14; vereinzelt so in neuerer sprache:

(Amor) warf den zaum mir zierlich ums genicke,
daran ich seit, wohin er lenkt, gegangen.
Rückert ges. ged. 2, 319 (1839);

mundartlich: segentach sait, segnet euch dem nach. cimbr. wörterb. 225a.
formelhafte gegenüberstellung: êr enti sîd Graff 6, 155 (vgl. sîth noch êr Heliand 734 und die von Sievers s. 438 gegebenen stellen aus der ags. poesie; altn. síð ok snemma, ár ok síð);

beidiu dô unde sît. Iwein 3916;

weder dâ vor noch sît. 1139;

sît noch ê. 6514;

weder ê noch sît,
vor unde nâch, zu keiner zît.
H. v. Freiberg Tristan 1287;

ich gehôrt nie mê
weder sît noch ê.
Ottokar reimchron. 17336.


b) seit als präposition; in der ausgebildeten nhd. schriftsprache der regel nach mit dem dativ.
α) mit dem dativ (vergl. seitdem, seit dem male, seitemal, seitmal): syd dem anfang der wält. Maaler 379a; sid Romuli zeyten. 373b; seit der zeit. Schottel 765; seit dem friedensschlusz. Stieler 2622; seit menschen gedäncken. Steinbach 2, 575; seit dem letzten krieg. Frisch 2, 261b; sid der zit. Hunziker 241; sîd drê mânden. ten Doornkaat Koolman 3, 179a; seit meinen kinderjahren; seit kurzem, langem; seit ostern;

sid tho thesen thingonfuar krist zen heimingon.
Otfrid 2, 14, 1;

kein ouge mich dâ nie gesach
sîd denselben ziten. Parz. 461, 7;

sît keiser Fridrichs zîten.
Ottokar reimchr. 38;

seit lieben langen jahren.
Hölty 23 Halm;

seit jener stunde verzehrt sich mein leib.
Heine 1, 103 Elster;

in besonderer anwendung:

nun sollt' ich, seit so manchen jahren,
die wirkung frohen thuns erfahren (nach so vielen jahren).
Göthe 41, 276;

seit eilf monathen so gut als verbannt. Schiller räuber 2, 1; freierer gebrauch: ist die tragödie bey den Franzosen seit ihrem groszen Corneille so viel vollkommener geworden. Lessing 7, 205; das werk war auf- und ausgebaut, und die kranzrede auf dem dachsattel hatte Fibel schon seit der ersten mauer an, mehrmals an sich gehalten. J. Paul leben Fibels 90;

der glückliche, dem, seit dem flügelkleide,
kein seufzer aus dem busen drang.
Gotter 1, 323 (1787).


β) vereinzelt mit dem acc.: seine person ist melancholisch schon seit drey tage. Klinger theater 4, 163; sid drei tage. Hunziker 241.
γ) mit dem genitiv, in jetziger sprache wol nur in den wendungen: seit alters, seit morgens;

sît des tages daʒ ich sach
die hant von der diu schrift geschach. Parz. 645, 5;

[Bd. 16, Sp. 372]


seit dessen das jhr fürst Archombrotus ausz Sicilien anheime gelanget. Opitz Argenis 2, 180; seit des ungewitters. Opitz bei Adelung. seit meines hierseyns (wenn es sich um einen terminus a quo handelt, zeit meines hierseyns, wenn die länge der dauer bestimmt werden soll). Adelung.
δ) mhd. mit dem instrumental:

dâ sol ich mîme hêrrenwerben ein ander wîp,
sîd diu ist derstorbender schœnen Helchen lîp. Nibel. 1109, 2.


ε) mit zeitadverbien verbunden: seit vorgestern. Frisch 2, 261b; wie nüchtern! wie nüchtern! werden mir die exegeten seit heute und gestern zurufen. Lessing 10, 111; seit lange; für uns ungewöhnlich: seit ziemlich lange. Hugo beytr. z. kenntnisz civilistischer bücher 3, xiii; seit wann, bei Adelung und Campe seit wenn, ebenso: Schwarz. Roller ist gehangen, noch vier andere mit, — Razmann. Roller? schwere noth! seit wenn (später geändert in wann), — woher weist dus? Schiller räuber 2, 3.
c) seit als conjunction; in der neueren sprache ist der gebrauch verkümmert, da er sich fast stets auf zeitliche anwendung beschränkt; in älterer sprache jedoch kann sît auch causale bedeutung (die freilich nicht überall von der zeitlichen sich scheiden läszt) haben, sogar im sinne von 'wenn auch, obgleich' stehen; in neuerer sprache steht nach seit stets der indicativ (bei umschriebenen formen fehlt oft das verb. finitum), in älterer auch der conjunctiv.
α) zeitlich: seit ich in diese stadt kommen. Kramer deutschit. dict. (1702) 2, 761a; sid er ghort het. Hunziker 241. Adelung kennt diesen gebrauch nur in der 'höhern schreibart', sonst soll seit dem oder seit dem dasz üblich sein; ähnliche bemerkung bei Campe. jetzt ist uns seit auch in der umgangssprache in diesem sinne durchaus geläufig:

ther touf uns allen thihit;thaʒ waʒar theist giwihit,
sid druhtin krist quam uns heiminti iʒ mit sinen liden rein.
Otfrid 1, 26, 2;

doch solt dû gedenken wol
obe ich ie getræte
fuoʒ von miner stæte,
sît dû mich dir dienen bæte.
Walther 60, 12;

recht streichmasz wöll wir trincken ab,
lang ich dich nit gesehen hab.
seyt wir am nächsten wasen vol,
was weins wir öszten waistu wol.
Schwartzenberg (1535) 144d;

bin auch nit frölich worden sider,
seit er ist zogen an Reinstram.
H. Sachs 16, 62, 16 Keller-Götze;

wie mir, seit ich dich gefunden,
Lina, meine zeit entschlüpft.
Gotter 1, 164 (1787);

denn seit ich nicht dich mehr habe,
losch die freud' ihr lämpchen aus.
Göckingk 3, 188 (1782);

seit du mir die bibel gegeben,
les' ich so häufig darin.
Hölty 41 Halm;

seit ich ihn gesehen,
glaub' ich blind zu sein.
Chamisso 1, 191 Koch;

dasz mich, seyt es zu regnen angefangen, noch niemand zur herberg eingenommen. Simplic. 2, 201, 15 Kurz; ich bin ein bischen vorlaut gewesen seit du weg bist. Schiller räuber 4, 5; ich habe mich selbst verloren, seit ich dort war. ebenda.
β) in causaler anwendung, mit dem ind. präs. oder umschriebenem perf. (doch s. unten Notker ps. 90, 14):

'sît du niht wilt erwinden',sprach frou Siglint,
'sô hilf ich dir der reise'. Nibel. 64, 1;

wer mac ir danne widerstân,
sît ir got selb ist undertân?
L. von Regensburg tochter Syon 3183;

sidt wir die warheit
mercken und die listigkeit,
die dw falschlich fur nimbst,
seidt dw uns in gespotte stimst,
daʒ die ding war sind. Salomon und Markolf 1572 (
Bobertag narrenb.);

der student sprach: das sol do sein,
seidt du mich nit will lassen ein. pfarrer von Kalenberg 104;

und seit ir mich tut fragen,
so will ich euch auch sagen. Teuerdank 25, 47;

seit du die bist,
gen der ich list
nit brauchen sol.
Gödeke-Tittmann liederb. s. 21, 23;

jr sprecht, die lieb sey leides vol.
das selbig glaub ich nit gar wol,
seit thurnieren, tantzen und sprîngen,
all seitenspiel, hoffieren, singen
und was man kürtzweil mag gepflegen,
geschicht als von der liebe wegen.
H. Sachs fastn. sp. 1, 4, 97 neudr.;

[Bd. 16, Sp. 373]



bawer was hilfft dein fliehen dich,
seidt mein pfeil ist so schnelliglich? 16, 86;

seyt ich bin gleich als gt, als du. 24, 80;

was einem solcher böser stück
zustehnt, heiszen sies grosz gelück,
seid es nicht erger worden ist. 17, 254, 5 Keller - Götze;

sîd du god mîn starchi bist. Notker ps. 42, 2; sid er mir getrueta, ih lôso in. 90, 14; daʒ uns von dir sere wundert sunderlich seit du daʒ on unsern willen und gehaisze getan hast. d. städtechr. 1, 144, 9; (es) si eine üppige froge ob men froget, warumb es got wolte also haben, sit er alleine sol wissen umb sine heimelichen wunder. 8, 239, 12; doch seid ir nit anders wölt. 15, 465, 31; sid da ain bistumb ist und dem rich zu gehörtt. Richental concil 19; sid ich der bin, der das weltlich schwert innhaltet. 80; das will ich gar gern thon, seit es dir lieb ist. Tristrant u. Isalde 42, 7. vgl. Frommanns zeitschrift 6, 255, 76 (Vorarlberg).
γ) mit dem conjunctiv: sîd daʒ sô sî, daʒ ih ze ubelen mih nehafta. Notker ps. 25, 9;

wir suln den kochen râten,
sît eʒ in alsô hôhe stê
daʒ si sich niht versûmen.
Walther 17, 12;

sît eʒ dir aber sî geseit,
so tuoʒ durch dîne sælekeit.
K. von Würzburg Engelh. 6043.


δ) oft wird auch der nachsatz in älterer sprache mit sît eingeleitet, wenn der zugehörige nebensatz mit sît beginnt (vergl. unten ε):

sid er tharinne badota,then brunnen reinota:
sid wacheta allen mannonthiu salida in then undon.
Otfrid 1, 26, 3;

wand sît man si gevangen nam,
sît het man si âne zart.
Ottokar reimchr. 4692.

ähnlich ist es, wenn in neuerer sprache ein seitdem am beginn des nachsatzes das seit des vorhergehenden nebensatzes aufnimmt (vgl. auch unten 2, b): seit du auf dem steine beym brunnen mir das frühlingslied sangest, seitdem habe ich dich nicht gesehn. Geszner bei Adelung. seit nur im nachsatze: ista roch, sait ista veur. cimbr. wb. 225a.
ε) sehr gewöhnlich ist in älterer sprache die jetzt aufgegebene verbindung seit dasz (zeitlich oder causal): das ist yetz der sibend monat syd das sy z dir kommen ist. Maaler 397a; seit dasz menschen gewesen. Frisch 2, 261b;

sit daʒ Kriemhildeze wîbe gewan
Sîfrit mîn sune. Nibel. 698, 2;

sît daʒ nieman âne fröide touc,
sô wolte ouch ich vil gerne fröide hân.
Walther 99, 13;

sît daʒ diu wunne âne endes zît
wert in dem himelrîche.
L. v. Regensburg tochter Syon 662;

sît daʒ in der bâbest luot,
daʒ er der goteshiuser guot
het beroubet und verbrant.
Ottokar reimchr. 5531;

seid dasz die seeschlacht ward
bei Actium verspielt.
Lohenstein Cleop. 51 (2, 623).

seit im nachsatze wiederholt (vgl. δ):

sît daʒ diu minneclîche minne alsô verdarp,
sît sanc ouch ich ein teil unminneclîche.
Walther 48, 14;

seit dasz die liebliche Korelle
nicht hier gewesen ist zur stelle,
seit hat man gantz von keiner lust ...
in dieser gegend nichts gewust.
Fleming 444 (1666).


2) zusammenrückungen.
a) seitdem als adverbium und als conjunction functionierend (ein ags. síþ ðam ist unter I erwähnt). nd. sîd-dêm ten Doornkaat Koolman 3, 179a.
α) als adverbium: seitdem hab ich ihn nicht mehr gesehen. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 760c;

seitdem ungehemmet ging
meines seufzers odemzug.
Rückert poet. werke (1882) 11, 412.


β) als conjunction; Adelung meint, dasz seitdem oder seitdem dasz die gewöhnliche ausdrucksweise sei: 'wenn der zeitpunct, auf welchen sich seit beziehet, ein ganzer satz ist, so wird dem nebenworte noch das fürwort dem zugesellet, so dasz dasz ausdrücklich folgt, oder auch wegbleibt, welches letztere oft der wohlklang erfordert .. das dem wird von der höheren schreibart oft mit nachdruck weggelassen'. er ist mein freund, seit dem dasz ich ihn kenne, 'oder besser', seit dem ich ihn kenne. ebenda; seit dem sie ins land kommen. Steinbach 2, 575.
b) seither, seithero; sidhär, post illa Maaler 373c; sidher Hunziker 241; nd. sîd - her ten Doornkaat Koolman 3, 179b; es findet vielfache berührung von seither und dem comparativ seiter (seider) statt, vgl. unten 3. sieder, quod nihil aliud est,

[Bd. 16, Sp. 374]


quam seither, sive seiter. Stieler 2622; 'seiter, ist zusammengesetzt von seit her': ich hab ihn seither, oder seiter nicht gesehen. Frisch 2, 261b; 'um einiges nachdrucks willen sprechen es einige als seither, oder seithero aus, für bisher, bishero, und formiren ein neues adj. daraus, seitherig, wie bisherig, welches aber vielen nicht ansteht'. ebenda; Adelung (unter seither) bezweifelt überhaupt die zusammensetzung mit seit und nimmt entstellung aus zeither an, ebenso sei besser zeitherig zu schreiben. deutlich ist seither für seiter eingetreten, wenn es als proposition gebraucht wird: seither einigen tagen. Adelung (als ungewöhnlich bezeichnet). seither, seithero, sive zeither, hactenus Stieler 828. in älterer sprache ist nicht überall zu entscheiden, ob seither oder der comparativ gemeint ist, deshalb vergleiche man unten 3: bin sidhar inn Brettannia gewessen die zyt vertriben. Morgant der riese 133, 15 Bachmann; also das es forthin da weder holtz noch roszmucken hat, sonder die gantze gegene ist seyther zu einer feinen ebene worden. Fischart Garg. 147b (1594, seidher 1590);

des wâren sîd her, daʒ ist wâr,
diu vrouwe und ir geselle,
und al diu welt vünf tûsent jâr
mit jâmer in der helle. minnes. 1, 85a Hagen;

da ist mein Sophroni erfrorn
und ist seidther aussetzig worn.
H. Sachs 14, 193, 8 Keller - Götze.

als conjunction (wol ebenfalls für seiter, seider eingetreten), allein oder mit dasz, im nachsatze wird bisweilen seither wieder aufgenommen (vgl. oben 1, c, δ): du bist zwar aus England kommen wie ein schaf, aber seither dich der geitz besessen in Franckreich zu einem fuchs, ja gar zu einem wolff worden. Simpl. 2, 158, 28 Kurz;

seither dasz unser stadt verschantzet und bewehret,
seither ist unser land verwüstet und verheret.
Logau 1, 23, 75;

seither wir haben disz, was gott kan, künnen wollen, ...
seither ist unser frey in dienstbarkeit verkehret. 41, 57;

seither desz krieges arg, das gute fast vertrieben,
so ist uns, wahrer freund, disz einig überblieben. 189, 98;

seither der geilheit nest ward so mit band verbunden,
seither ward arge brunst nie frey- und offner funden. 3, 165, 59;

der falschheit ist gelegt der lauff,
seither politisch-seyn kam auff. 200, 53.

seithero: er hat noch seithero nichts gegessen. Kramer deutsch - ital. dict. (1702) 2, 760c; darvor und seithero. tirol. weisth. 1, 25, 2; die weil sich aber seithero darinnen allerlei ir- und unainigkait zwischen inen den älblern zuegetragen. steir. und kärnt. taidinge 13, 21; ich habe seithero der sache vielmal nachgedacht. Simpl. 1, 35, 23 Kurz; auffallend als präposition (unter einwirkung des comp. seiter, seider): ungeferlich seidhero absterben desz in gott ruchenten gefürsten alten grafengeschlechtes. steir. u. kärnt. taid. 10, 7; vgl.: seithero wan gehestu mit um? Philander 2, 878 (1650).
c) seitmal, seitemal (vergl. mhd. wb. 2, 22a. Dief.-Wülcker 852); zusammengerückt aus seit dem male, seitmals aus seit des males (vgl. oben 1, b, γ); sintemal, seintmal u. s. w. s. unter DWB sint; seit dem mal, seittemal, seitmal, exquo, quando quidem Schm. 2, 337; für die in älterer sprache vielfach schwankenden formen sind im folgenden belege gegeben. die neuere entwickelte sprache kennt wol seit ein mal, aber nicht mehr die conj. seitmal, seitemal, seite malen (doch s. unten die stelle aus Tieck), während sintemal, sintemalen wenigstens in alterthümelnder rede noch gebraucht werden.
α) adverbia:

sit mal sîe (die kost) wol fugete
dem lantgrauen. Ludwigs kreuzf. 6079;

swie grôʒen schaden daʒ bistum
sît der mâl (mâlen var.) enphie dâvon.
Ottokar reimchron. 8414;

Johannes von Lichtenberg der sitmols bischof wart. d. städtechron. 8, 138, 8; wie nichts weniger seitsmalen nun lang her so vilfältige nit allain ordinarj, sondern extraordinarj über topplsteuren und anlagen und noch unaufherlich condinuiren. tirol. weisth. 3, 319, 13; sein doch seitmals allerlai mengl für und eingefallen. 4, 458, 7; ebenso seitermals, s. unten 3, b.
β) gebrauch der conjunctionen, ursprünglich zeitlich, später überwiegend in causaler bedeutung, wie die conj. seit auch durch dasz oder und verstärkt:

sît dem mâle, sprach der ander,
ich der lieben stæte ervant
an dem minneclîchen wîbe,
dô gienc mîner sælden schibe,
rehte als ich eʒ wünschen wolt. minnes. 3, 441a Hagen;

[Bd. 16, Sp. 375]



wer sol auch für uns wicken mäen,
seit mal daʒ mir alle auf stelzen gen? fastn. sp. 420, 20;

seit ain mal das ich köden schol. 610, 11;

seit ain mal das ich aich sol kallen. 612, 2;

seytmal doch nu selberst er
vor uns allen hat verjechen. tirol. passionssp. 393, 1524;

seidtmalln ir mich weldt greiffen ann,
so last meine junger unbelaidigt gan. 383, 1190;

ach got! was sol ich singe heur
seitmal es ist worden so teur?
Uhland volksl.2 559 (279, 1);

dan seitenmahl jhr stoltz und boszheit all-vermessen
(verwerfend alle klag),
dein armes volck, o herr, numehr gantz auffgefressen.
Weckherlin ged. 326 (1648);

seitenmahl wan die mayestet
der gravitetischen geberden,
die frey auff deiner stirnen steht,
solt nu von mir gesungen werden. 374;

seitdemmol dasz der torwarter fur in gesworn hab. d. städtechr. 9, 1041, 34; sit dem mal dasz min muter bi uch wonent wasz und noch bi uch wonent ist. 1043, 41; seytemal es ausz verhencknus gottes layder dohin kommen. 22, 428, 32; seitemallen man die obrigkait nit jedes orts sogleich in eil gehaben oder erlangen kann. tirol. weisth. 1, 23, 32; seit mallen niemant da wär. 138, 16; seitemallen ich den stab mit recht und urtheil diss land- und nachrecht zu besizen bekommen. Salzb. taid. 10, 21; seidmal und jr euch gericht habend auf die fart. Wilhelm von Österreich (1481) 3b; seydtenmal das man hierz bedarf aines ledigen gemtes. Tauler pred. (1508) 19b; seittenmal nn schwer unnd kummerlich ist z entscheiden zwüschen lasteren und tugenden. Keisersberg seelenp. (1510) vorr. 5a; sittenml nn alle ding gott gehorsam sind. 19c; seiten mal so es mir durch gottes weg durch die beicht ist für kumen. Pauli schimpf u. ernst 195 Österley; seydten male das jr gott Machmet jr so vil hett lassen tödten. Pontus u. Sidonia g 6a (1498); seitmal wir wissen, dasz .. Luther briefe 2, 546; won sy meinttend, seitmals und Renwartt den allersterckosten überwunden hatt, so möcht ir keiner genesen. volksbücher 189, 5 Bachmann-Singer; sitmals die töchtern Zion hochmtig sind worden. Züricher bibel (1531) Jes. cap. 3; seitmals er ein grosz und mächtigs volck sol werden. Gen. 18; sitmal iez z unsern ziten solich vil trüg und verkleidet wölf umb laufen. Schade sat. u. pasqu. 3, 4, 35; seitenmal alles was dem menschen angeboren unnd nitt new geboren ist, msz vertilcket unnd getödt werden. Franck chronica (1531) 463b; seitenmal ich wol weysz dʒ man in disen alten schlauch, den newen wein nit fasset. weltb. 155a (1542); seytenmal alweg Josephus under allen history-schreibern ein grosz auctoritet unnd glauben gehapt. Hedio übers. des Josephus (1531) vorr.; sitmals aber sie anderer gestalt erlaubtnus nit bekomen, muesten sie damit benüegig und zufriden sein. Zimm. chron.2 1, 492, 31; seitemal du eben das selbs tst. Sachs dial. 68, 4 Köhler; seitenmal er im dritten monat nach der empfängnusz das blut .. subtilichiert und vercondensirt. Fischart groszm. (kloster 8, 605); seit einmal der mensch sonderlich zu eim geselligen, leutseligen, selhafften lebwesen ist geschaffen. Garg. 65a; seitemal die sünd im gerechten urtheil gottes so greulich ist. bienenk. 95a; nur vergönnt mir, mich ebenfalls niederzulassen, seitemalen einen weiten weg a cavallo zu pferde, wie man sagt, hieher gemacht. Tieck novellenkr. 1, 34.
3) der comparativ, mhd. sîder, sider, nhd. seider, seiter, sider wird wie seit als adverbium, präposition und conjunction gebraucht. während die schriftsprache den comparativ aufgegeben hat, lebt er in den mundarten fort (die belege sind oben unter dem formalen gegeben). schon oben ist bemerkt, dasz seiter und seither sich vielfach berührten, zum theil sogar identificirt wurden. neben sîder, sider steht sinder wie sint neben sît (vgl. Weinhold 90a).
a) als adverbium, später, darauf oder auch bisher, seitdem; in älterer nhd. sprache ist nicht überall zu entscheiden, ob der comparativ oder seither anzusetzen ist:

ni wirdit thing, ih sagen thir thaʒ,êr noch sidor sulichaz.
Otfrid 5, 20, 16 (u. öfters. vgl.
Graff 6, 157);

er was ir vil vremde,dem si wart sider undertân. Nibel. 47, 4;

si wart dâ vil gewalticund sider verre bekant. Gudrun 14, 4;

beidiu vor des und ouch sider. Wigalois 9172;

[Bd. 16, Sp. 376]



dô ditz alleʒ geschach,
ein rîcher burger sider sprach. Wiener meerf. 157;

daʒ nie dehein vogelîn
baʒ würde vergolten vor noch sider. sperwœre 211;

nu wer dich paʒ denne sider (als bisher).
H. v. Neustadt Apoll. 7552;

den gerret nimmer sider
diu hitze noch daʒ kalte.
H. v. Krolewitz vaterunser 770;

daʒ in ouch geschach sedir
an ire kunfte zite. Brun v. Schonebeck 420;

dô vôrde he de rôden sodder (: nedder)
tô Môab in dat kôninkrîke. von dem holte des h. cruzes 400;

leven gesellen, nu kome ik wedder
unde hebbe in deme paradiso sedder (seit ich euch zuletzt ansprach)
ein spêl gemaket, dat nicht en docht. sündenf. 1021 (vgl. unten
H. Sachs 14, 134, 1);

des wurden eme die cardinale so gram,
dat hei nei seder
under si weder
endorste kumen noch enquam. d. städtechron. 12, 198, 6223 (
Hagen chron. von Köln);

seder bleif zo Colne sent Peters staf. 26, 150;

ouch beval her mir da weder
dich zcue eynem kinde sedir.
Mone altd. schauspiele 1, 1260,

das beschach in der alten e
und sider seltan me. teufels netz 12526;

seider (von da ab, in folge dessen) ich kain lieb zu im trug. fastn. sp. 737, 7;

ich hab weder vor noch sider
nie wirs zeit gehet. Zimm. chron.2 1, 604, 28;

dürchleuchtiger könig, ich kumb wider,
bin auff der genszbruck gwesen sieder (seitdem er zuletzt
mit dem könige gesprochen).
H. Sachs 14, 134, 1 Keller-Götze;

mein freundt, wo bist du gewest sider
so lang? 166, 1;

bin auch nie frölich worden sider,
seit er ist zogen an Reinstram. 16, 62, 15;

des künigs fürschlag der ward sider
der statt Mileto kunth gethan
worden. 342, 2;

ich bin nicht frölich worden sider. 17, 20, 2;

wil uber ein stund zwo kommen wider,
ob leibeigen knecht kömen sider (verblaszt: mehr, noch, vgl. die folgende stelle). 20, 118, 27;

so ich desz fuchsz thu recht bedencken,
ist er nicht gröszer gewesen sider,
dann bey uns hie ist ein schafwider. 21, 214, 24;

so wart die stat gepawet wider
teglichen und gemeret sider. 22, 483, 2;

es hat mich wol geantet sider,
der Reichhart wert nit warten lenger. 23, 94, 2;

von der zeit an und sider,
das jr mir habt die gülden geben.
B. Waldis Esop 4, 82, 104 Kurz;

wir armen können doch nicht weiter,
ich hab alles einbüszet seyder. Bayerns mundarten 1, 174a;

echte kindere ne mach de unechte man seder mer nicht gewinnen. Sachsensp. 1, 38, 3; sedder quam her zu strite wedder graven Karle. deutsche chron. 2, 1, 284, 20; se wart sodder heten Kolne. 89, 2; ee daʒ der pund gemaht ward und auch syder. d. städtechron. 1, 161, 33; sie haben uns und die unsern darüber mit raub, mord und prand sidher mer und mer beschedigt. 2, 73, 17; den ich seider gezogen han und gen schuel han laszen gan. 5, 140, 11; ist seider auch ain pfeifer worden. 126, 19; es wuechs sider groszer unrat und grosze unfreuntschaft darausz. 201, 18; de synd sodder betalet. 6, 145, 6; wu se sedder vorghan is unde vorgheyt. 364, 18; herr ir wissent wol, dasz ich iemer sider hie obenan bi uch bin gesin. 9, 1041, 27; seider gat man alle jar auf den tag mit ainer procesz umb die kirchen. 22, 459, 5; von den grafen von Escheloch und von allen herrn, die seider gewesen seind zu Tyrol. tirol. weisth. 2, 177, 13; so hat auch der Teuchler und sider ettlicher hamermeister mer einem erbergen ratte mussen sweren. Tucher baumeisterb. 216, 33; kain nation, kain herr, kain fürst künig kaiser under der sonnen hat sider nie bei einander so vil tapfer ernstlich leut gehabt. Aventin chron. 1, 338, 23; hab jhn seider offtmals mahnen lassen. Hennenberger preusz. landtafel (1595) 82.
durch her (hero) verstärkt (vgl. seither): seider-, siderher Schm. 2, 337. 338; das er (der ölberg) also verfallen, verwildet

[Bd. 16, Sp. 377]


oder verwachsen ist, von regen und ungewitter syderhar. Keisersberg post. 1, 3a; es ist dir auch seiter hero so gnueg gesagt. Villinger chron. 137; es sind sider her erst grosze feulen und schedliche löcher in sie gefallen. Schade sat. u. pasqu. 2, 255, 34; also hat siderher immer der Schweitzer nam und macht aufgenomen. Aventin bair. chron. 2, 435, 8; diese zusammenrückung wird auch wie eine conj. gebraucht, s. unten c.
b) im präpositionalen verhältnis, in gleicher weise wie seit (s. oben 1, b), gewöhnlich mit dem dativ, vereinzelt mit dem genitiv oder acc., auch in verbindung mit zeitadverbien: sieder Martini. Schottel 765; sieder mehr als sechs monaten. Stieler 2622; seiter den letzten kriegen. Kramer deutsch - ital. dict. (1702) 2, 760c; seiter einigen tagen. Campe (unter seither); sider des kriegs. Schm. 2, 338; sida drai schdundn. Castelli 255; sîder göster. Lexer 233; sider wann. Schmid 494; sedar benne (seit wann). cimbr. wb. 230a; sider den, seit denn, sintemal Schm. 2, 338 (vgl. unter c); sidern sunntag. Hügel 149a; sida da letztn zeit. Neubauer Egerl. mundart 101b; seder pinxsten, seer der tied. brem. wb. 4, 731; sedert de leste acht dagen. ten Doornkaat Koolman 3, 168a;

ik hebbe ût gewesen sedder
der tît, dattu my sendest ût. sündenfall 1531,

wir suchten sieder dem uns willigst einzustellen.
A. Gryphius (1698) 1, 558;

binnen vierteinnachten seder der tiet, dat he komen is to lande. Sachsensp. 3, 34, 1; koninge waren under den Joden sider Saule want an des templis testorunge vifhundert unde vier unde negentich jar. d. chron. 2, 1, 76, 10; sider dem mâle, daʒ unser herre .. sie erlôste. Leyser pred. 71, 36 (vgl. oben sît dem mâle), ebenso mit dem genitiv (vgl. ebenda): nu haben dy fursten unde herrn sedirmols ire stete unde undirsessene zcu Magdeburg rechte uszgesaczt. Magdeburger fragen 1, 1, 1 Behrend; seider der nehsten rechnung. d. städtechr. 1, 128, 19; seider des aufpruchs. 2, 49, 24; seider keyser Ludwigs zeiten. 3, 305, 6; seider der niderlag. 5, 192, 1; sodder der schicht. 6, 148, 5; sedder der tied. 7, 42, 7; sider dem dage und der zit, daʒ schöffel und amman überein koment. 9, 940, 7; sodder der veide. 16, 544, 28; sider sant Endris tag. 25, 123, 20; anders: sider a die 17. nofember. 183, 20 (vgl.: sider von Christi geburt her. Aventinus bair. chron. 1, 26, 8); seider anegang. bibel von 1483 (Joh. 6, 65); seydher der welt anfang. Franck weltb. 225b; seider der zeit hatt er eyn gehorsam weib gehabt. Agricola sprichw. (1534) 457; sider Arrius zeiten. Sachs 22, 25, 26 Keller-Götze; seither der zeit der sindflusz. Fischart groszm. (kloster 8, 579); seyter Christi unsers herrn. Albertinus seelengejaidt 21, 14 Liliencron; was ich seyter demselben verabsaumt hatte. Simpl. 4, 22, 9 Kurz; sider foosznach seens zwee johre. A. Gryphius Dornrose 75 Palm; seyder gestern. El. Charlotte v. Orleans 21. apr. 1707 (nr. 358 Holland); seiter wenn denn? Lenz 1, 305.
c) wie seit wird auch der comparativ als conj. gebraucht, zunächst zeitlich, dann auch causal (beachtenswert ist die ausgebildete verwendung von sîðor im Heliand): seiter ich hier bin. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 761a;

than wârun wit nû atsamnaantsiunta wintrô
gibenkeon endi gibeddeon,sîðor ik sie mi te brûdi gekôs. Hel. 147;

seider ich nu erchenne wol
die armuet und die trüebsal,
so lob ich mer die toten chint,
wann die, die do lebentig sint.
Vintler bl. der tugent 413;

sie haben gar viel unglück, sidr
ihr orden gewährt, hin und widr
angerichtet.
Opel - Cohn 16, 23;

wer aber her kommen ist, seider die zunfft angevangen sind. d. städtechron. 4, 147, 3; item nun will ich schreiben ain tail der geschicht, die beschechen sind hie in diser stat Augspurg, seider ich her kommen pin. 5, 144, 2; 300 M fl, die der kaiser dem kunig von Franckreich schuldig ist gewesen, sider sie vor Paden in dem nächsten krieg send gelegen. 25, 69, 2; sider das concilium in ir land und gewalt wär gelait, das sy dann die wal in kain weg nit iren wöltind. Richental const. conc. 121 Buck; mir zweifelt auch nit, du werdest noch ein weis man, seider yetz so vil verstandes in dir ist. Tristrant u. Isalde 184, 14 Pfaff; sider herr Hanns Coler paumeister gewest ist. Tucher baumeisterb. 47, 4; sider sich die pebst mit iren anhengern von der gehorsam der kaiser .. underzogen. Aventinus werke 1, 213, 6; ich pin sider auf dem Narka gewesen und zue Salzpurg, auch in disen vier jaren her, sider

[Bd. 16, Sp. 378]


ich im latein die chronica verfertigt hab, der kriechischen und hebreischen sprach pas erinnert worden. bair. chron. 1, 222, 2; dasz seidher man auff die gutschen gefallen, man keine rechte reutpferd mehr inn Teutschland ziehe. Fischart Garg. 178a; dasz seiter die räusch und das äquivociern entstanden, finde man kein vollsüffer und lügner mehr. Opel-Cohn 383; sedar so vel zait, sedar ich pin kent, da che son venuto. cimbr. wb. 230a.
seiderher: seyderher sie auffkommen, entsteht ein grosze glockenverfolgung. Fischart Garg. 154a.
seidher der zeit: seidher der zeit ich deinen sohn Gabriotten zu ritter geschlagen. buch d. liebe 245d.
seidher und:

seidher und sie gestorben sind.
Ayrer 519, 7 Keller.


seider dem: seyder dem aber die inspectores nur dem nach gehen, was sie contentiret. unw. doctor 559.
seider dasz:

wente sodder dat de konnynk synen vrede
kundygen unde uthropen dede. Reinke de Vos 275;

o weh, o weh mir armen
seither dasz gott mich schuf. wunderhorn 1, 302 Boxberger;

sodder dat de rad anhoff sek to arbeydende ut oren schaden unde schulden. d. städtechr. 6, 134, 10; seder dat se sek mit os sönden to dem ersten male. 296, anm. 1; sedder dat de hilge likam sunte Viti van Franken to Sassen quam, sedder der tid. 7, 42, 6; seiter dasz solches geschehen. Kramer deutschital. dict. (1702) 2, 760c; dasida, dasz si g'heirat hobm. Neubauer Egerl. mundart 101b.
 
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seitab, adv. zur seite weg: seitab, seorsim, juxta, secundum; seit ab gehen, deflectere, decedere, subducere sese. Stieler 2; seitabbaden 77; seitab-, seitwärts-, nebenhinsehen 2027; seitablauffen Kramer deutsch-it. dict. (1702) 2, 762a; in der bühnensprache: er gehet seitab, seitwärts ab, zur seite Campe. Lessing räth, dies wort in der bühnensprache für franz. à part (bei seite, zur seite, für sich) zu brauchen, besonders substantiviert: dieses nebenwort wäre bey den schauspielen nicht unbequem anstatt des à part zu brauchen; besonders da, wo man es in ein hauptwort verwandelt. also liesze sich das erste seitab, das zweyte seitab, bey jedem seitab, schicklicher sagen, als: das erste bey seite etc. Lessing 5, 342; dasz diese scene grösztentheils aus reden bestehen müsse, die jedes seitab führet, ist leicht zu erachten ... das seitab fängt mit neuem feuer an. 7, 279; Hortense kömmt dazu und giebt durch ein seitab zu verstehen, dasz sie den Pamphilus ebenso sehr hasse, als sie den Alceste liebe. 4, 394; in allgemeiner verwendung: immer glaubt herr Klotz, mir auf den fersen zu seyn. aber immer, wenn ich mich, auf sein zurufen, nach ihm umwende, sehe ich ihn, ganz seitab, in einer staubwolke, auf einem wege einherziehen, den ich nie hetreten habe. 8, 213;

setz' alles leid seit ab,
und dancke bey der lust dem himmel, der sie gab.
Fleming (1666) 37;

die liebe die ein christ zum christen billich trägt,
die ist durchausz entraubt, die ist seitab gelegt.
Logau 1, 58, 33;

die tugend fleugt seitab, die alten laster weichen
der neuen teuffeley. 1, 45, 77;

zu zeiten pflegt er dann mit sich seîtab zu ziehn
dem seines meisters ruhm in sichres ohr er lege. 3, 217;

wie ich den weg,
seit ab bald rechts, bald links, zu nehmen bin
genöthigt worden.
Lessing Nathan 1, 1;

dasz alle brave bürgersleut',
wie von einer angesteckten leichen,
von dir, du metze, seitab weichen.
Göthe 12, 197;

lieb' ist nicht liebe,
wenn sie vermengt mit rücksicht, die seitab
vom wahren ziel sich wendet. Shakespeare könig Lear 1, 1;

gewisz dann fragt er mich,
warum so seitab kalt man auf ihn sah. Troilus und Cressida 3, 3;

'Jesus Maria!' — er setzt seitab,
da langt vom sattel es überzwerg.
A. v. Droste - Hülshoff 1, 272.


 
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seitabverzerrung, f.: dasz ich mich selbst, da ich dies schreibe, vielleicht den giftigsten, hönischsten seitabverzerrungen aussetze. Herder 5, 557.
 
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seitblicken, n.:

ha! manchmal läszt sie mir die thür halb offen stehn,
seitblickt mich spottend an, ob ich nicht fliehen will.
Göthe 2, 94.

[Bd. 16, Sp. 379]



 
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I. mhd. sîte, schwach und stark flectierend, mhd. wb. 2, 2, 326a; gekürzt sît in abgeblaszter und formelhafter verwendung. 327a ff., vgl. Lexer mhd. handwb. 2, 942; ahd. sîta, starkes und schwaches fem. Graff 6, 158; alts. sída, starkes fem., fries. sîde Richthofen 1012a; ags. sîde, schwach fiectierend, ebenso altnordisch síða. im gotischen fehlt das wort; nld. zij, zijde, engl. side, dän. side, schwed. sida. die bedeutung 'seite des menschlichen oder thierischen körpers, weiche, hüfte, ist allen germanischen sprachen, in denen das wort bezeugt ist, gemeinsam. auch die wesentlichen abgeleiteten bedeutungen finden sich schon in alter zeit (vergl. unten die belege). ob altnord. síðr, lang, lang herabhängend, ags. sîd, weit, breit, umfangreich (vgl. nd. wît unde sît, weit und breit, im übrigen hat hier das adj. die bedeutung 'niedrig' angenommen, ahd. sîto, laxe Graff 6, 158), weit herabhängend verwandt sind, ist zweifelhaft; man könnte als älteste bedeutung des fem. 'abfallende, sich abdachende fläche' ansehen (ähnlich Franck etym. woordenb. 1207, vgl. auch Grimm gramm. 2, 46); und die verwendung von altisl. síða in ortsbezeichnungen für küstenstriche, aueh für abfallendes, sich absenkendes land überhaupt (vgl. Cleasby-Vigfusson s. v., s. auch unten steir. u. kärnt. teidinge 290, 39 unter 5) heranziehen. doch ist die bedeutungsentwicklung von costa im romanischen beachtenswert, die von 'rippe, seite' des menschlichen körpers ausgeht, vgl. franz. côte, küste, coteau (für côteau), abhang eines berges, s. Diez etym. wb.4 110.
die entwicklung der nhd. flexion von seite bietet nichts bemerkenswertes, schwache formen des singulars halten sich in den festen wendungen auf seiten, von seiten; zur seiten noch bei Göthe (s. II, 3); vgl. dagegen auf seite, von seite bei Lavater (II, 9).
II. gebrauch.
1) die dem druck nachgebenden theile über den hüften unter den rippen, die rumpfflächen zwischen der bauch- und der kreuzgegend; eine naturgemäsz ungenaue bezeichnung, da in weiterem sinne die über den weichen liegenden, zu der achselhöhle streichenden theile mit inbegriffen werden, so dasz rechts und links am körper die zwischen brust- und rückenfläche liegenden gegenden gemeint sind. im engeren sinne also bedeutet die seiten 'taille'; die brust, welche von den dutten und brustwartzlein dicke ist, hat unten den bauch zu beyden ecken (seiten) die seiten. Comenius sprachenthür übersetzt von Docemius (1657) 253; so ist an dem menschlichen körper die seite, die fläche von den armen bis auf die hüfte. Adelung; im engeren sinne für 'weichen' (so auch im ags. und altnord.): there bukwnde thruch bethe tha sida achtenda halua merk bihalua tuam scillingum. Richthofen fries. rechtsquellen 93, 7;

dô greif nâch eime gürtel,diu hêrlîche meit,
eime starken borten,dens umb ir sîten truoc. Nib. 587, 3;

ir gürtl man hôher koste jach,
edel steine drûf verwieret,
daʒ er noch bêdiu zieret
ir hüffel unde ir sîten.
Wolfram Willeh. 249, 11;

ze den sîten was diu liebe smal. gesammtabenteuer 3, 113, 63;

ir brüste niht als ein man,
mit einer langen sîten (langen taille). Flore 6905 (vgl.
Weinhold frauen2 1, 222);

auch am pferde werden die 'langen seiten' gelobt, s. unten Erec 1434. in anderm sinne aber in der redensart: er hat lange seiten, er kann über die maszen essen und trinken, eh er genug hat, vgl. Spiesz 233. Wander sprichw.-lex. 4, 528, 32; die hände in die seiten setzen. Stieler 2002; die hände, arme in die seite setzen, legen aus stolzheit, zorn. Kramer deutsch - ital. dict. (1702) 2, 761c; die magd stürtzt beyde hend in die seyten (zornig). Sachs fastn. sp. 1, 44 neudruck; ein stechen in der seite haben. Kramer a. a. o. 2, 761c; ik heb' so'n pîn in de sîd. ten Doornkaat Koolman 3, 180b. sich die seiten halten müssen, bei übermäszigem lachen; jemandem up de siden kamen, ihn schlagen, züchtigen. Mi 79a, vgl. nd. korrespondenzbl. 12, 73. meist liegt auch bei der anwendung des wortes in körperlichem sinne eine unbestimmtere vorstellung zu grunde, so dasz je nach dem zusammenhange die eigentlichen weichen oder auch die darüber oder darunter liegenden theile verstanden werden: ein therô kemphôno mit speru sîna sîta giofanôta. Tatian 211, 4; der kriegsknechte einer öffenet seine seite mit einem spehr. Joh. 19, 34;

that an seles warðsîdu kristes
antlokan îs lîk-hamo. Heliand 5709;

ein thero knehto thiʒ gisah,joh zi ferehe er nan stah
mit speru er tharzua giilta,indeta mo thia sita.
Otfrid 4, 33, 28;

[Bd. 16, Sp. 380]



dô si jæmerlîch ir kint sach tœten
und Longinus ein sper im in sîn reine sîten stach.
Walther 37, 20;

drê stumpe ngele de dor hende unde vôte gân,
unde sîne sîde wert dore steken. von deme holte des h. eruzes 256;

im bilde:

sus was der wol gelobte man
gerant zur blôʒen (ungedeckten) sîten an
mit rede. Parz. 299, 14;

so schach ed van godes schickinge dat dem torkeschen keiser ein pil in de siden vloch. d. städtechron. 7, 393, 18; und ein jglicher ergreiff den andern bey dem kopff, und sties jm sein schwert in seine seiten. 2 Sam. 2, 16; sie werden euch zum strick und netz, und zum geiszel in ewer seiten werden. Jos. 23, 13; der engel des herrn .. schlug Petrum an die seiten. apostelgesch. 12, 7;

der heber gât in lîtuntregit sper in sîtun.
Müllenhoff-Scherer denkm.3 1, 56;

ein ribbe ute dîner sîden
brken, dat machstu scauwen. sündenf. 903;

wente mi is in alle minen ledematen we,
in dem rugge, in den siden unde ôk in dem magen. dodes danz 939;

do begund der smerze sich erwegen
und in die ander sîten legen.
Ottokar reimchron. 38237;

(der verklärte leib) kan die füsze nicht bewegen, die seiten schwancken ohn liebligkeit. Meyfart himml. Jerusalem (1630) 2, 202; haben mich nicht gesegenet seine (des armen) seiten, da er von den fellen meiner lemmer erwermet ward? Hiob 31, 20; lende als sitz der zeugungskraft:

habað unk eldî binomanellean-dâdi,
that wit sint an unkro siuni gislekitendi an unkun sîdun lat. Heliand 152.

seite am thierischen körper:

diu ros si nâmen beidiuzen sîten mit den sporn. Nibel. 183, 2;

die zwêne helde hôchgeborn
in die ros mit den sporn
zu beiden sîten sluogen.
H. v. Freiberg Trist. 6175;

(das pferd) was senfte unde frô,
mit langen sîten. Erec 1434;

sîn (des wurmes) bûch was grüene alsam ein gras,
diu ougen rôt, sin sîte gel. Wigalois 5058.

etwas an der seite des körpers befestigt, hängend tragen:

is he up der syden licht (trägt er keinen schweren geldbeutel an der seite)
unde het he ok in der taschen nicht. quelle bei
Schiller-Lübben 4, 204b.

waffe, an der seite getragen (vgl. seitengewehr): einen degen an der seite tragen. Kramer deutsch - ital. dict. (1702) 2, 761a; gurte dein schwert an deine seiten du helt. ps. 45, 4; wie er sie umarmen will, reiszt sie ihm den degen von der seite. Schiller räuber 3, 1;

ak he is bie atôh,
swerd bi sîdu. Heliand 4875;

do muosens beide zücken
diu swert von den sîten. Iwein 1019;

sie zucten von der sîten,
daʒ in dar an gesegent was (nämlich das schwert).
H. v. Freiberg Tristan 1780.


2) in anderen wendungen und verbindungen tritt der gegensatz zu der vorder- und rückfläche des menschlichen körpers in den vordergrund (die ihrerseits wieder mit weiterer ausbildung des gebrauchs von seite als vorder- und rückseite bezeichnet werden können, s. unten); auf der seite liegen, nicht auf dem rücken oder dem bauche; auf der seite schwimmen und ähnliches; auff die seyten ligen, submittere latus Maaler 372c; er liegt auf der rechten seite Stieler 2002; so viel tage du auff deiner seiten ligest. Hesek. 4, 9. in der redensart sich auf die faule seite legen, nichts thun, ein müsziges, träges dasein führen, ist wol eigentlich die seite gemeint, auf der man am bequemsten zu ruhen gewohnt ist; dann redet man auch in entsprechendem freieren sinne von einer schlimmen, liederlichen seite u. ä.: sikk up de fule side leggen. Dähnert 423b; das resultat deiner schönen entdeckungen ist also, dasz man gar nicht philosophieren, sondern sich auf die faule seite legen und wie ein idiot in der welt leben soll. Wieland Lucian 5, 64 (1789);

wer sich legt auff die faule seiten,
wil sich nehren von andern leuten,
dem schadts nit, das sein anschlag feyhlt.
Waldis Esop 3, 80, 23 Kurz;

ach! ach! wie leben doch die leute
so liederlich in tag hinein!
sie liegen auf der faulen seite.
Günther 163;

[Bd. 16, Sp. 381]


verblaszt: sich auf die faule seite begeben, s. oben th. 3, sp. 1371; schlimme seite:

und euch nit gunst und geitzes wegn
auff eine schlimme seiten legn.
Ringwaldt tr. Eckart H 3a.

rechte, linke seite des körpers: die seiten des körpers scheinen einige verschiedenheiten in hinsicht auf die häufigkeit der abweichungen darzubieten, namentlich die linke häufigern abweichungen unterworfen zu seyn. Meckel anatomie (1815) 1, 88; die rechte ist die ehren- (vgl. unten 3), die linke die herzensseite, schwertseite, die grüne (s. unter grün) seite, nach der man seine gunst, liebe wendet: hieher Cordele huy auff, an mein grüne seyten. Fischart Garg. 92a; setz den lieben schelmen und kuttenhämmel den schemmel da neben mich an desz eck hie an meine grüne seit. 240a;

diesz dörfft jhr alles nicht, herr breutgam, weil euch heut'
alsz euer hertze wünscht, an eure grüne seit'
ein artzt wirdt beygelegt, der liebespein kan lindern.
W. Scherffer ged. 386

(mit andern stellen bei Drechsler W. Scherffer 242); die linke seite ist ungünstig: ein neugebohren kind soll man nicht zu erst auf die linke seite legen, es wird und bleibet sonst sein lebtage linkisch. rockenphil. 2. hundert, nr. 45; scherzhaft: eine zwar ziemlich bey jahren, zum wenigsten auf einer seite 18. bisz 19. jahr (d. h. 36—38). Weise erzn. 45 neudruck. eine hohe seite haben, schief gewachsen sein. Kramer deutschital. dict. (1702) 2, 761b; ânseitet, schief, auf einer seite niedriger als auf der andern. Lexer 231; auf die seite laden, betrunken sein. Hunziker 242. Seiler 269b; seite wird zur bloszen bezeichnung des ortes, der richtung am körper, dann der richtung überhaupt: er läszt den kopf zur seite hängen, trägt den hut auf der seite, der mantel hängt zur seite herab und ähnliches:

grob hüt macht man vor zeiten
von aller farb mit fleis,
die trug man auff der seiten
auff niderlendische weis. bergreihen 83 neudruck;

in seinem haupt eine grosze wund',
darauf ein adler traurig reit't,
die flügel hing er ab zur seit.
Brentano ges. schr. 2, 74.

den mantel auf beide seiten henken, sich auf entgegengesetzte fälle einrichten wollen:

den mantel auff beyd seitten hencke,
sein schiff nach allen winden lencke.
Kirchhof wendunm. 3, 42 Österley;

hinken auf beiden seiten, sich nach keiner seite entscheiden können, mit keiner partei es verderben wollen: da trat Elia zu allem volck, und sprach, wie lange hincket jr auff beiden seiten? ist der herr gott, so wandelt jm nach, ists aber Baal, so wandelt jm nach. 1 kön. 18, 21;

wer sich mit gschenck leszt machen bendig,
der ist im rechten unbestendig,
der unbestandt jn dahin zwingt,
das er zu beiden seiten hinckt.
Waldis Esop 4, 94, 288 Kurz.

ein conterfayt auf einer seite, ritratto in profilo e non in faccia. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 761b; ein conterfayt .. nach einer seite malen. ebenda; ein gesicht von der seite zeichnen (en profil). Campe, sich berührend mit 8.
3) seitliche berührung, nähe, besondere wendungen, die beziehung, zusammenhang, unterstützungs-, schutzverhältnis u. ähnl. ausdrücken; an die seite stellen, setzen: einem den hencker an die seite stellen, ihn mit unmittelbarem tode bedrohen. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 761a; sich einem an die seite legen. ebenda; einem zur seite gehen, stehen, einen zur seite haben u. s. w. es sind hier solche wendungen auszuscheiden, in denen es sich um ein zufälliges, gleichgültiges nebeneinander handelt, um blosze orts-, richtungsbestimmung; ehrung:

die herzogîn Karsîe,
die kiusche, wandels vrîe,
nam ern Tristanden
mit iren wîʒen handen
und satzte in an ir sîten.
H. von Freiberg Tristan 485;

Abner aber setzt sich an die seiten Saul. 1 Sam. 20, 25; der rechts sitzende oder stehende, gehende ist der höher geehrte (rechte seite ehrenseite): de konink wolde nicht sitten to der luchteren zyden, mer he sat to des bischopes rechteren syden. quelle bei Schiller - Lübben 4, 204b. sich eine auf die linke seite trauen lassen, uxorem ad morganaticam ducere Stieler 2002 (gewöhnlich zur linken hand, vgl. auch unten 10); eheliches verhältnis: eine an der seite haben (als gattin oder concubine).

[Bd. 16, Sp. 382]


Kramer 2, 761a; freier: das ist ein halber trost zur lincken seitten (schlechter trost). Luther 14, 139, 15 Weim. ausg.; Cain .. ist auff der lingken seitten ein bapst geweszen, magnae aestimationis apud suos. 174, 29; die gattin an seiner seite; die gattin von seiner seite reiszen; geh mir also von der seite; denn es steht auch geschrieben; wer nicht hasset sein weib, kann mein jünger nicht seyn. Boos pred. 2, 222;

ja, an eines gatten seite,
der dich liebt, der dich verdient,
werde dir ein andrer name.
Grillparzer 3, 15;

in ähnlichem sinne:

mann, eltern, kind und freund und was bey lebens-zeiten
mir mehr von liebem volck, stund lieblich an den seiten.
Logau 1, 182, 68;

zwar hab ich hier an meiner seite
beständig rechte gute leute,
die mit mir leiden, wenn ich leide. der junge
Göthe 1, 30.

mitkämpferschaft u. ähnl.: an deiner seite trotz ich allen gefahren. verblassend: ob tausend fallen zu deiner seiten. ps. 91, 7;

an sîner sîten wart erslagen
sîn veter herzog Primik.
Ottokar reimchr. 21125;

er ging an meiner seite
in gleichem schritt und tritt.
Uhland ged. 1, 184 Schmidt-Hartmann;

schützend, helfend, mit anhänglichkeit zur seite stehen, sich verbinden mit, haften an u. s. w.; einige wendungen werden fest und ihre sinnliche bedeutung tritt zurück: einen allezeit an der seiten haben. Kramer deutsch-it. dict. (1702) 2, 761a; einem zur seite seyn, das ist, helfen. Frisch 2, 261c; ebenso: einem zur seite gehen, stehen. einen zur seite haben (als helfer); einem nicht von der seite kommen, ihn nicht allein lassen, sich an ihn hängen (gewöhnlich in ungünstigem sinne: ihn dauernd beobachten oder gar belästigen):

ernähret stiller fleisz, wenn ihm genügsamkeit
zur seite geht, nicht jeden stand hienieden?
Gotter 1, 252;

sie (die musen) schweben ihr in ihren einsamkeiten,
wenn sie im morgenthau die pfade der natur
besuchet, ungesehn zur seiten,
und leiten sie auf ihre schönste spur.
Wieland 9, 163 (an Olympia 1, 3);

Tydeus sohn, Diomedes, du werthester, schone den Ares
nicht, und keinen der übrigen götter; ich steh' dir zur seiten.
Stolberg 11, 191;

die gelegentliche eröffnung Montan's, dasz ihm bei seinen gebirgischen und bergmännischen unternehmungen eine person zur seite gehe, welche ganz wundersame eigenschaften und einen ganz eigenen bezug auf alles habe was man gestein, mineral, ja sogar was man überhaupt element nennen könne. Göthe 23, 209; beide standen sich im leben so zur seite, dasz der eine stets da aushalf, wo der andere schwächer war. Schlosser weltgesch. 6, 331. in weniger prägnantem sinne:

ewig! Dora, lispeltest du; mir schallt es im ohre
mit dem donner des Zeus! stand sie doch neben dem thron,
seine tochter, die göttin der liebe; die Grazien standen
ihr zur seiten! er ist götterbekräftigt, der bund!
Göthe 1, 300.

doch auch von drohendem, beängstigendem:

entfliehen lasz mich der gewalt, die sonst
durch lieb' und freundschaft wirksam, fürchterlich,
wie ein gespenst, mir nun zur seite steht.
Göthe 2, 279.

in besonderer wendung: wenn ich es nicht für einen ungleich gröszern gewinn gehalten hätte, der menschlichen natur zur seite zu bleiben (nach der menschlichen natur meine darstellung durchweg einzurichten). Schiller 6, 73.
4) an die seite stellen, setzen wird auch im sinne des vergleichens, gleich setzens gebraucht: dieses gemälde ist den früheren werken des künstlers nicht an die seite zu stellen (kann mit ihnen nicht verglichen werden, ist weniger wert als sie); wer wagt sich ihm an die seite zu stellen (sich mit ihm zu vergleichen)?

wird er dann
auch näher kennen, was du diese zeit
geleistet hast; so stellt er dich gewisz
dem dichter an die seite, den er jetzt
als einen riesen dir entgegen stellt.
Göthe 9, 134;

zur seite:

was spornt zu schweren kämpfen an?
das gold? — wirst du den kämpfer schätzen,
wenn gleich auch seine grosze that?
und ihn dem manne, freund, der arm denselben pfad
aus tugend ging, zur seite setzen?
Gökingk 3, 146 (1782);

wer unter diesen, die du freunde nennst,
darf deinem bruder sich zur seite stellen?
Schiller braut von Messina 379.

[Bd. 16, Sp. 383]



5) die übertragung von seite auf sinnliche gegenstände aller art findet in der mannigfaltigsten weise statt, je nach der art der in frage kommenden ausdehnung in verschiedenem sinne, ohne dasz sich der gebrauch nach festen kategorien ordnen liesze; je nach den umständen richtet sich auch, ob von zwei oder mehreren seiten gesprochen wird. seiten eines gebirges, besonders die abfallenden flächen eines kammgebirges, doch auch in freierem gebrauche: nördliche, südliche seite der alpen; (die grenze) gehet an der seiten her des gebirges. Jos. 15, 10; und Saul mit seinen mennern gieng an einer seiten des berges, David mit seinen mennern an der andern seiten des berges. 1 Sam. 23, 26; die hügel und tählhänge (seiten des berges) sind denen die nach der spitzen zugehen, berg an, denen die zurück, berg nieder (abschieszig). Comenius sprachenthür übersetzt von Docemius 79; den untern theil (der berge) nennt man fusz, und was zwischen diesem und dem gipfel liegt, die seiten oder auch abhänge. Oken 1, 544; an de sîd fan de barg. ten Doornkaat Koolman 3, 180b. in eigenthümlich prägnanter anwendung: so balt sie ain perk oder seiten anfangen einzuzeinen, sollen sie herentgegen einen andern perg oder seiten (abhang, abfallendes grundstück? vgl. oben unter I) auszlassen. steir. u. kärnt. teidinge 290, 39. zwei seiten eines deichs; seiten eines straszendammes, die beiden, nach der einfassung gehenden, von der mitte ab sich senkenden flächen. Jacobsson 4, 136 (seiten eines pflasters). bei wesentlicher längenausdehnung ist natürlich von zwei seiten die rede: beide seiten eines flusses, an der rechten seite des Rheines; an dieser seite des grabens; dabei werden entweder die eigentlichen grenzen oder auch das sich da von auszen anschlieszende verstanden (seite ist dann mehr orts-, richtungsbestimmung), vgl. z. b.: die marschkolonne hielt sich fortwährend an der rechten seite der breiten strasze; an der rechten seite der strasze erheben sich in einer entfernung von 500 meter sanfte höhenzüge. er stand auf der nördlichen seite des grabens. die beiden seiten des thals (die von der thalsohle aufsteigenden flächen) sind mit tannenwald bekleidet. auf dieser, jener seite des Rheins. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 761c; and thet hore letha werpa bi ayder sida (des grabens). Richthofen fries. rechtsquellen 203, 37; auff beiden seiten des stroms stund holtz des lebens. offenb. 22, 3; teich: legten sich, diese auff dieser seiten des teichs, jene auff jener seiten. 2 Sam. 2, 13. seiten einer bucht, förde, eines hafens: in de entringe van der haven uppe dat hoge lant stat an elke syde ene kerke, unde moet insegelen by der oestsyden, de is schone. seebuch 5, 6; item de dar wil setten under de singel, de dar licht under de ander syde. 28; bemerkenswert ist der gebrauch von seite im sinne von küste (vgl. franz. côte); er findet sich schon im altnord., häufig im nd.; dabei sind zwei gesichtspuncte möglich, ob nämlich die benennung von seiten des seefahrenden oder des landbewohners gebraucht wird (begrenzung des meeres durch das land oder des landes durch das meer); vorwiegend im ersteren sinne wird síða allein oder mit dem genitiv (Jótlands und ähnl.) verbunden im altnord. gebraucht, s. Fritzner 3, 224b; es ist eigentlich die küstensee mit der küste gemeint, wenn auch schon im altnord. síða direct für die küste verwendet wird. nd., ebenfalls vom meer aus gedacht, dann auch unbestimmter: de dor de strate segelen wil, de mot prysen de cape Sportal in Barbarien mer, dan de ander syde. seebuch 9, 6; volget Jutlandes syden vort. 12, 6, B; langhes de syden van Normedien. 7. de Pamersche side 'nennen die schiffer den theil der ostsee, an welchen Pommern gränzet'. Dähnert 423b; solt, dat yn Vreslandes syden gesoden wert. quelle bei Schiller-Lübben 4, 204b; bei Frisch vom lande aus gedacht: die seite eines lands am meer, die see - seite, die küste. 2, 261c. bei Luther dagegen: (die grenze) lencke sich auff die seiten des meers Cinereth gegen dem morgen. 4 Mos. 34, 11. ûbirsîte (uferseite) für 'fluszufer':

(sie) vûrn nidirwert
di Memle zu schiffe
und an dem niddirswiffe
lag an der ûbirsîten
ein dorf der Littouwîten.
N. v. Jeroschin 20440.

in freier anwendung: an dieser seite des grabes, in diesem leben (diesseits, jenseits des grabes). auf flur, feld, garten, landstrich bezogen, nach der grenze hin sich erstreckender theil, auch grenze, nach verschiedner orientierung in verschiedener anwendung: auf dieser, auf jener seite des gartens, die nördliche, östliche, südliche seite des feldes, vordere, hintere, nähere, fernere seite u. s. w. in für uns eigenthümlicher wendung: kam er zu dem groszen gebirge Ange, an der lincken

[Bd. 16, Sp. 384]


seiten Cilicien. Judith 2, 12. am himmel: die östliche seite, coeli pars orientalis Frisch 2, 261c; himmelseiten! gelinder fluch bei Schm. 2, 337. himmelsrichtung: nordsîta, latera aquilonis Notker 47, 3. im weitesten umfange übertragen auf sinnliches aller art und in mannigfaltigster weise bestimmt je nach gestaltung, ausdehnung, dem standpunct des betrachtenden, gegensätzlichkeit u. s. w.: auf der einen seite der erde ist tag, auf der andern nacht; die zwei seiten eines schiffes im gegensatze zu bug und heck; ein schiff liegt auf der seite; unterscheidung nach dem standpuncte des steuernden, backbord- (linke), steuerbordseite (rechte), luv- (dem winde zugewandte), leeseite (dem winde abgewandte seite); in besondrer anwendung breitseite bei den älteren kriegsschiffen eine salve sämmtlicher geschütze einer seite des schiffes im gegensatze zum feuer der bug- und heckgeschütze; die thür soltu mitten in seine (des kastens d. i. der arche) seite setzen. 1 Mos. 1, 16;

de dôr de make to der sîden an. sündenfall 1727;

rechte, linke seite eines wagens (nach der fahrrichtung);

inweder siden van der bare
ghinc een hane wide mare. Reinaert 293.

zwei seiten einer wage: hat an einer seiten allein einen haken, an der andern das gewicht: welches nach dem mittel punct zugericht, mehr, davon abgeschoben, weniger wiget. Comenius sprachenthür übersetzt von Docemius 767. vorder-, rückseite, vordere, hintere (blinde) seite des menschlichen körpers; rechte, linke seite eines hauses, sowol für die begrenzende fläche: die rechte seite des hauses ist schmucklos, als für einen theil des hauses: in der rechten seite des schlosses liegen die empfangsräume; vorder-, rück-, straszen-, garten-, hof-, nord-, süd-, sonnen-, schatten-, wetterseite u. s. w. auf der rechten seite des saales steht das büffet, lang-, schmalseite eines zimmers; abseite einer kirche, s. oben th. 1, sp. 116. Schmeller 2, 337; vorderseite eines schranks; vier seiten eines altars, sechs seiten eines würfels; rechte, linke seite der bühne; rechte, linke seite des bildes (des im bilde vorgestellten raumes), dagegen vorder-, rückseite des bildes (als eines flachen körpers, s. unten 6); obere, untere, äuszere, innere seite; an behauenen steinen: bogenseiten bei gewölbsteinen, lagerseite, die in den fugen verborgen liegt, hauptseite, die ins gesicht fällt. Jacobsson 4, 135b; und so in mannigfaltigster, nicht zu erschöpfender anwendung:

er vant der bürge wîte,
daʒ ieslîch ir sîte
stuont mit bûwenlîcher wer. Parz. 564, 27;

(das bett) was rîche an allen sîten. 790, 25;

den turn besach er unde maʒ,
dô er in umbe gie,
nû dort und aber hie
an iegelîcher sîte. Flore 4939.

an diên sîton dines hûses, in lateribus domus tue. Notker 127, 3; jegen dat hogeste steenhus, unde dat heft 4 erkeneres uppe elke syden. seebuch 14, 25; up jowelker tziden des dores dar de legate inridende wart. d. städtechr. 16, 532, 15; das wasser lief an der rechten seiten des tempels. Hesekiel 47, 1; steine nach dem winckeleisen gehawen, mit segen geschnitten auf allen seiten. 1 kön. 7, 9; könig Ahas brach ab die seiten an den gestülen. 2 kön. 16, 17; in uneigentlichem, freien sinne (vgl. oben 3):

statt die seite deines thrones mir zu bieten (mich zu deiner königlichen gattin zu erheben).
Göthe 9, 14 (Iphig. 1, 3).

die vier seiten einer stadt berennen. seiten (flanken) eines heeres: feind auf der seite angreifen. Adelung; die seiten decken. Campe (vergl. seitendeckung); da es nu gelten solt zum treffen, und die feinde sich versamlet und jre ordnung gemacht, und die elephanten an jr ort verordnet, und den reisigen zeug zu beiden seiten angehangen hatten. 2 Macc. 15, 20; wenn da nur nicht schon die Sigambrer sich in seine seiten schwenkten, und seine nachhut mordeten. Grabbe 3, 565 Blumenthal;

des heres die vier sîte. Biterolf 10534.


6) bei flachen körpern ist natürlich nur von zwei seiten die rede. vordere (bild-, haupt-, kopfseite), hintere (schild-, rück-, wappen-, schrift-, kehrseite) der münze, der medaille. der jude hatte zu gleicher zeit 3 dukaten zu bezahlen, und gab dem christen nur einen; zeigte ihm aber erst die bildseite, dann die schildseite und endlich den rand. Mendelssohn bei Lessing 13, 496; zwei seiten eines spiegels, einer tafel; zwei seiten eines felles, einer haut: äuszere (haar-),

[Bd. 16, Sp. 385]


innere (fleisch-, aasseite); äuszere, innere, rechte, verkehrte seite eines tuches; linke (d. i. falsche, innere) seite eines strumpfes:

umstülpen führt nicht ins weite;
wir kehren, frank und froh,
den strumpf auf die linke seite
und tragen ihn so.
Göthe 3, 278.

abweichend für beide schneiden eines schwertes, messers u. ä.: dʒ an beiden seyten hauwt oder schneyt, anceps ferrum. Maaler 372c; die beiden seiten (flächen) des schwertblattes sind verschieden gezeichnet. besonders von den beiden flächen einer tafel, eines blattes zur aufnahme von schrift, druck u. s. w., vorderseite, rückseite eines blattes; seiten eines buches, wobei an die blätter nicht mehr gedacht wird; ein buch von hundert seiten, ein paar seiten weiter blättern, nach dem format: folio-, quart-, octavseite. eine ganze seite des notizbuches vollschreiben; das manuscript langt noch für zwei druckseiten. was auf der seite steht: eine ganze seite lesen, ausstreichen; enggedruckte seite; pagina, eyn sit von einem buch, eyn syde van eyn boech. Dief. gloss. 405b; die seyten eines blatts, pagina Maaler 372c; mit der feder .. schreibet man auf die seiten desz pappiers oder pergemein. Comenius sprachenthür übersetzt von Docemius 731; complere utramque paginam, beyde seiten voll schreiben. Corvinus fons lat. (1660) 456a; eine gespaltene seite, colonna. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 762a; zwo tafeln .. die waren geschrieben auff beiden seiten. 2 Mos. 32, 15.
7) seite bezeichnet dann in freiem gebrauche ganz im allgemeinen und auf unsinnliches übertragen eigenschaft, aussehen, gestaltung nach einer bestimmten richtung, art wie sich etwas zeigt und darstellt; im gegensätzlichen sinne oder auch ohne schärfere gegenüberstellung: jedes ding hat zwei seiten, eine günstige und eine ungünstige; er hat seine lichtseiten und seine schattenseiten; lichtseite, nachtseite des lebens; das ist die starke (schwache) seite seines unternehmens; starke, schwache seite kann auch ganz sinnlich gemeint sein: eine festung an der schwachen seite angreifen; einen bei seiner schwachen, empfindlichen seite packen; ihm die schwache seite abgewinnen; jemanden die weiche oder schwache seite abgehen, einen mit benutzung seiner schwäche gewinnen ( Adelung) oder überwinden; enem de weke side aflopen, einen durch bitten zu etwas bewegen. Dähnert 423b; andrerseits: enem de weke sied geven, ihn verzärteln, mit einem durch die finger sehen. brem. wb. 4, 784. das ist nur eine seite der sache; auf der einen seite ist er zu nachgiebig, auf der andern zu streng. das ist die kehrseite solcher entschlüsse; er zeigt sich von seiner glänzendsten seite (von seiner glänzendsten seite geht der eindruck aus); ungünstige, lachende, heitere, freundliche seite; dem leben die heitere seite abgewinnen; sinnlich: schöne auszenseite des lasters; dunkle seiten des groszstadtlebens u. s. w. in reichster anwendung: so lange das verlangen nach den wundervollen ringen, die sich Lucians Timolaus wünschte, die blinde seite der menschheit bleiben wird. Wieland 30, 293; scherze über die blinde seite der heidnischen götter. Lucian 3, 327; allem ansehen nach hatte es die gute Drose selbst nicht gelernt (das lesen), wie wohl sie ihre blinde seite so ziemlich zu verbergen weisz. 383; eine solche doppelte seite, das vermögen eines gegenstandes der sinne sich zu denken. Kant 2, 421; diesen begriff auf seiner transcendentalen seite ... genau zu bestimmen. 489; da ich nur die physikalische seite desselben (des vorwurfs) erwogen, so habe ich meine gedanken darüber kürzlich entwerfen wollen, nachdem ich eingesehen, dasz er seiner natur nach auf dieser seite unfähig ist, zu demjenigen grade der vollkommenheit gebracht zu werden u. s. w. 8, 209; armselige vorkehrung ..., unsere tödtliche seite (seite, wo wir tötlich zu verletzen sind) zu entsezen. Schiller Fiesko 4, 12; (religion) ich trenne hier ihre politische seite von ihrer göttlichen. schriften 3, 514; diese unmoralische karaktere muszten von gewissen seiten glänzen, ja offt von seiten des geists (s. unten 9) gewinnen, was sie von seiten des herzens verlieren. 2, 5; aufpassen, wo des andern schwache seite seyn möchte. Göthe 18, 169; wie sieht es denn aber mit den schwachen seiten aus, die ihrem scharfsinne gewisz nicht entgangen sind? die wollen wir bald durch fleisz, übung und nachdenken zu starken seiten machen. 19, 125; sie sind recht gut, die schwache seite des lieben vaters zu hegen. 26, 17; nu, jeder hat seine schwachen seiten. Grabbe 1, 405;

[Bd. 16, Sp. 386]


dir war das unglück eine strenge schule.
nicht seine freudenseite kehrte dir
das leben zu.
Schiller M. Stuart 2, 3;

ganz verblaszt: laszt uns nun noch die fünfte kammer besehen, die von dieser die umgekehrte seite war. Lenz 2, 202.
in wendungen wie: er sieht alles von der günstigsten seite, rechten, falschen, kann die vorstellung nicht einer seite des objects, sondern des standpunctes des betrachtenden vorliegen (s. unten); ähnlich: dieser vorschlag gefiel mir von allen seiten. Göthe 24, 274; anders ist es z. b. bei: er sieht alles von der glänzendsten seite. anstatt des uns geläufigen von wird im 18. jh. vielfach auf gebraucht: (ein mann), welcher die wissenschaften überhaupt, und besonders die schönen wissenschaften nebst den freyen künsten auf einer ganz andern seite betrachtet. Lessing 3, 196; das erhabenste geheimnisz weisz er auf einer seite zu schildern, wo man gern seine unbegreiflichkeit vergiszt. 213; welchem ohne zweifel Luther diese kleinigkeit auf der allerschwärzesten seite vorgestellet hatte. 282; man musz närrische originale nachschildern, aber man musz sie auf ihrer schönsten seite nachschildern. 4, 207; um ihn von der empfindlichsten seite zu strafen. 10, 227; Philibert ertappt den Joachim über den schmeicheleyen, und nimmt sie auf der schlimmen seite. 2, 475; durch meine erzählung wirst du die menschen auf einer schwarzen, häszlichen seite kennen lernen. Klinger 4, 22;

die dinge dieser welt gern von der schönen seite
betrachtet.
Wieland 9, 114 (Musarion 3);

wir nehmen ein ding auf seiner besten seite,
vorausgesetzt es habe deren zwo. 5, 4 (Amadis 12, 2);

in besonderer wendung: wiewohl er ... das vorgegangene auf die beste seite zu legen suchte. Wieland Lucian 1, 345.
8) seite bezeichnet nicht eine begrenzende fläche, sondern den sich von da aus fortsetzenden raum, die von da aus bestimmte richtung; vielfach berührt sich dieser gebrauch mit der unter 3 dargestellten anwendung.
a) ausgehend vom menschen, die richtung rechter, linker hand im gegensatz zu vorn und hinten. auf die seite, zur seite, nach der seite blicken, gehen; zu seiner linken seite stand ein baum (hier berührt sich der gebrauch mit 3), zu beiden seiten sah er feinde; er taumelt bald auf diese, bald auf jene seite. auf die seite, zur seite gewendet sprechen. einen von der seite angreifen. dann aber wird die anwendung nicht mehr auf die eigentliche seitliche richtung beschränkt: sich nach allen seiten umsehen, von allen seiten strömte das volk zusammen; er ist nach allen seiten gedeckt (auch übertragen auf gesellschaftliche verhältnisse); auf allen seiten, utrobique, undique Stieler 2002; rechter, lingger site Hunziker 242; de wind weid fan alle sîden; hê stûrde na alle sîden hen ten Doornkaat Koolman 3, 180b; eine adverbiale bildung seiten, von der seite her kommt vereinzelt vor:

von nahen und von fern, von hinden und von forn',
und seiten wird auff jhn, gesetzt in groszem zorn'.
Dietrich v. d. Werder Ariost 11, 48.

dieser seiten, von dieser seite her:

stürmmt Eol dieser seiten,
so lasz dein kluges schiff ihm nicht entgegen streiten.
Fleming (1666) 71;

also, das das wasser auff beiden seiten fest stund, wie eine mauer, und sie giengen trockens fuszes auff des meres grund. Jud. 5, 10; alda creutzigeten sie jn, und mit jm zween ander, zu beiden seiten, Jhesum aber mitten inne. Joh. 19, 18; (die welt) feret jmer zur seiten aus, .. die mittelstrasze wil und kan sie nicht treffen. Luther 6, 54a; auff alle seyten ausz bistu ein lugener. 7, 275, 32 Weim. ausgabe; das glück, welches selbst auff diese, denn auff jene seitten waltzet. Kirchhof wendunm. 3, 41 Österley; schwude! mädchen; du willst ganz auf die falsche seite. Lessing 1, 403; der härteste angriff .. geschah von einer seite, wo er nicht zu erwarten war. Schiller 3, 511; alle nehmen die hüte ab, und weichen zu beiden seiten aus. 5, 1, 197 (dom Karlos 3, 9);

Artûs rinc den wîten
man sach an allen sîten
mit frouwen umbevangen. Parz. 670, 18;

zû hant begunde man ûʒ lesen
daʒ lantvolk ûf die linken sît. livländ. reimchron. 7607;

de drudde sach he tô den sulven tîden
tô sîner luchteren sîden stân. van dem holte des hill. cruzes 325;

[Bd. 16, Sp. 387]



de voghel vlooch daer hi vant
ene haghe daer hi in wilde liden,
ende vlooch Tibeert ter luchter siden. Reinaert 1054;

zur rechten, zur linken, nach der rechten, der linken seite abgehen; dagegen, für uns ungewöhnlich: und beide, der graf und die königinn, gehen ab; jedes von einer besondern seite. Lessing 7, 305; anders: sie trifft ihn schlafend an, bleibt von der seite stehen (in einiger entfernung). Gellert bei Adelung; in zusammensetzungen: seitenweg, ein rechts oder links des hauptweges in gleicher richtung führender; seitensprung, seitenwendung u. s. w.; übertragen: seitenlinie (einer familie), seitenverwandter; auf der einen seite war er streng, auf der andern seite nachsichtig, solche wendungen gehören unter 7 (art, wie er sich weist); dagegen ist seite losgelöst von der in der mitte gedachten person und bezeichnet lediglich regio: sieh wohl zu, dasz du die mittelstrasze treffen mögest. an einer seite hüte dich, dasz du nicht gantz und gar ohne sorge leben mögest .. an der andern seite aber hüte dich fleiszig für der bauchsorge. Sperling Nicodemus quaerens 2 (1719), 663. gänzlich verblassend, lediglich den gegensatz bezeichnend: auf der einen seite (einerseits) sind die schwierigkeiten zu bedenken, auf der andern seite (andrerseits) die unzuverlässigkeit der menge.
zur seite und oberzwerch: leset die ganze bibel durch und durch, zur seit und oberzwerch. Fischart bienenk. 23b.
b) eine reihe von hierher gehörigen wendungen sind besonders aufzuführen. besonders sind es verbale wendungen mit auf die seite, zur seite, bei seite; in älterer sprache fehlt auch bei auf häufig der artikel (auf seite, auf seit), auszerdem ist die verbindung über die seite, über seit, über eine seite zu beachten. einen von der seite ansehen, als zeichen verschiedener empfindungen, der schüchternheit, der furcht, des misztrauens, der geringschätzung; ain fo der sitten a - luege, schüchtern, scheel, geringschätzig. Seiler 269b; was schau'n s' mi' denn so von der seit'n an, d. h. geringschätzig. Hügel 148b;

er aber mit finsterm auge
sah von der seite mich an, ergriff den knittel und schwenkte
unbarmherzig ihn über mich her.
Göthe 1, 339.

neutral:

man denkt, ein blick, von ferne, von der seiten,
ein bloszer blick, hat wenig zu bedeuten.
Wieland 10, 151 (Diana u. End.),

einen über die seite ansehen, limis oculis Stieler 2002; einen auf der seite (auf einer seite) anschauen, guardare uno da un lato con l'occhio del porco, a squarcia - facco, it. con occhio bieco ò colla coda dell' occhio. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 761b. auf die seite gehen, zur seite treten, auf die seite nehmen, bei seite schaffen, auf die seite bringen u. s. w., je nach dem zusammenhange in mannigfaltigster anwendung: er tritt auf die seite, z. b. um jemandem platz zu machen; auf der bühne, um mit sich zu sprechen, ohne von den andern gehört zu werden: tritt auszer sich auf die seite. Schiller räub. 4, 17 trauerspiel; auszer gesichtskreis:

mich (sagt Hermes beim urtheil des Paris zu den göttinnen) darf keine scheu'n;
ich werd' indesz bey seite gehen.
Wieland 10, 178 (urtheil des Paris);

bey seite treten, secedere Steinbach 2, 575; auf die seite springen, um schnell auszuweichen;

der alt mann uber ein seiten ruckt (vor dem angriff eines fechters).
B. Waldis Esop 4, 72, 30 Kurz.

auf seit rucken, discostarsi Kramer deutsch - ital. dict. (1702) 2, 761c; bei seite, abseits (für uns ungewöhnlich): die pferde wurden bei seite gefüttert. Göthe 19, 37; die ratpersonen stnden zsammen, und giengen darumb uber die seiten z rat. Eulenspiegel 58 (s. 91 neudruck). so mnd. over ene sîden, vgl. Schiller - Lübben 4, 204b; auf der seit'n wiar i' ihna was sag'n (im geheimen). Hügel 148b. absonderlich: ût de sît (aus dem wege?), de höner willen pissen. Wander sprichw.-lex. 4, 529, 5; die abseite, abgelegner ort (vgl. abseits) Schm. 2, 336; hê is an de sîd gân. ten Doornkaat Koolman 3, 180b; sich auf die seite machen, sich entfernen, besonders ohne den blick auf sich zu ziehen, sich drücken. sich auf die seite machen, aufugere Stieler 2002; sich auf die seite, aufseit, beyseits, beyseit machen ò auf eine seite machen. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 761b;

die hatte sich indessen auf die seite
gemacht.
Wieland 18, 353 (sommermärchen 2).

he stêk (krôp) sük afer sîd, er kroch sich, stahl sich seitwärts weg. ten Doornkaat Koolman 3, 180b; uf d' site cho, unvermerkt

[Bd. 16, Sp. 388]


abhanden kommen; dagegen: es got öpis uf d' site, die arbeit wird gefördert. Hunziker 242 (s. unten auf die seite bringen in entsprechender bedeutung), vgl. Seiler 269b; auf die seite gehen, um seine notdurft zu verrichten. Klein prov.-wb. 2, 152. Tobler 423b. Hügel 148a. Frischbier 2, 337a; nd. bî sîd, bî sîte slân, fehlschlagen, miszraten; de kartuffeln slâget en'n hûpen bî sîte, miszraten gänzlich. Schambach 191b; auf der seit seyn, verrückt, närrisch sein. Schm. 2, 336; bei seite stehen, weniger als andre die aufmerksamkeit auf sich ziehen, weniger beachtet, vernachlässigt werden:

wer in dem kloster
gut zu schwatzen versteht, der wird im orden erhoben,
wird zum lesemeister, zum custos oder zum prior.
andere stehen bei seite.
Göthe 40, 137.

einen bei seite, auf die seite nehmen, z. b. um mit ihm abgesondert zu sprechen; einen auf seite führen. Kramer deutsch - ital. dict. (1702) 2, 761b; er rufft ihn bey seite, illum sevocat Steinbach 2, 575;

der gute mann, den Ley bey seite dort gezogen!
was Ley ihm sagt, das ist erlogen.
Lessing 1, 28;

er schmeichelte sie doch bei seit'.
Göthe 12, 55.

alle mitbewerber bei seite schieben. ich stiesz meine cameraden, die mich zurückhalten wollten, auf die seite. Wieland Lucian 3, 398; (er) war der mann alle sorgen zu heben und alle augenblicklichen hindernisse bei seite zu bringen. Göthe 17, 299; bi de siid bringen, wegräumen Dähnert 423b. bei seite, auf die seite bringen, schaffen, räumen u. ähnl., so dasz etwas nicht mehr als zu leistende arbeit im wege steht, etwas erledigen (vgl. oben es got öpis uf d' site): ich habe vielerley bey seite zu bringen, und musz doch sachte gehn, denn ich spüre gleich dasz es nicht fort will. Göthe briefe 5, 46 Weim. ausgabe; etwas bei seite stecken, es an sich verbergen, in die tasche stecken; gesondert aufbewahren: das (geld), liebe Franciska, stecke bey seite; für den ersten blessirten armen soldaten, der uns anspricht. Lessing 1, 535; bei seite legen, für künftigen gebrauch; geld bei seite legen; könnte man zeit wie baares geld bei seite legen, ohne sie zu benutzen. Göthe 23, 275. bei seite schaffen, auszer sicht bringen, besonders in der absicht, sich etwas anzueignen. uf d' site mache, von anvertrautem oder mit andern gemeinsam besessenem gut sich heimlich aneignen. Hunziker 242; öppis uff d' sitte mache Seiler 269b; auf die seite schaffen, räumen, völlig entfernen, vernichten, töten, 'aus dem wege räumen' (mit dem nebensinne des heimlichen): entschlusz, seinen bruder auf die seite zu schaffen. Klinger 3, 225;

der soll bei seite,
droht er, der thor!
Göthe 10, 234,

einen bei seite schaffen, sorgen dasz jemand sich entfernt, nicht stört, nicht augenzeuge ist u. ähnl.: auf eine geschickte weise wuszte die baronesse Wilhelmen wieder bei seite zu schaffen. Göthe 18, 277. bei seite setzen, nicht in rechnung ziehen, unberücksichtigt lassen, über etwas hinwegsehen, vernachlässigen, sich von etwas frei machen u. ä.: ich setze alle bedenklichkeiten bei seite; es wollten aber i. kurf. g. dies alles bei seite setzen und den linderen weg gehen. Schweinichen denkw. 41 Österley; die blosze weite öfnung des mundes, — bey seite gesetzt, wie gewaltsam und eckel auch die übrigen theile des gesichts dadurch verzerret und verschoben werden. Lessing 6, 387; für uns fremdartig, mit persönlichem subject, auf die seite setzen: ein edelgesinnter junger mensch, wird nie einen andern höher ehren als seinen vater, noch ein vater seinen sohn auf die seite setzen, und eines andern mannes sohn wie sein eigenes kind lieben. Wieland Lucian 5, 381; von unpersönlichem: in unsern inquisitionsprocessen, wo diese form auf die seite gesetzt wird. Möser patr. phant. 3, 84 (1778); bei seite legen: alle sachen bei seite legen; uns ist nicht mehr geläufig, wie z. b. Schiller die wendung braucht: was in absicht der reformierten und ihrer versammlungen (den innern werth oder unwerth ihrer religion durchaus bey seite gelegt) zum besten des staats zu verfügen sey? Schiller 9, 282; vgl. noch: sieht er, das gefällt mir jetzt wohl an ihm, dasz er die poeterey ganz auf seite geschmissen .. ich auf seite geschmissen? auf seite geschmissen? im gegentheil! jetzt will ich erst recht anfangen. Fr. Müller 2, 42; uns ziemt jedoch, diese betrachtungen noch an die seite zu lehnen. Göthe 26, 65;

mag's die welt zur seite weisen,
wenig schüler werden's preisen,
die an deinem sinn entbrannt,
wenn die vielen dich verkannt. 4, 362.

[Bd. 16, Sp. 389]


bei seite lassen, unberücksichtigt lassen; bey seit ò bey seiten lassen, tralasciare, trascurare, postergare. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 761c. mit auslassung eines part. perf.: aber scherz bey seite (gelassen, ohne scherz), Danischmend; ich möchte den armen Jemalittern gerne gutes thun. Wieland 8, 438 (Danischmend 48);

gib mir gehör. die räthselhafte sprache
bei seit'.
Schiller Iphig. 5, 3.

bei seite sprechen, auf der bühne, um nicht von den andern gehört zu werden: Julia gehorcht, giebt aber durch ein beyseite zu verstehen. Lessing 4, 383 (vgl. oben seitab sp. 378).
9) die stellung, beziehung feindlicher parteien bezeichnend, zunächst vom kampf im eigentlichen sinne, von streitenden heeren, von kämpfenden mächten: auf beiden seiten waren schwere verluste zu beklagen: auf seiten der feinde, auf feindlicher seite; man kam beiderseits überein, die gefangenen auszutauschen. von seiten der belagerten blieb nichts unversucht, der festung die seezufuhr offen zu halten u. s. w.; sy sind auffs keisers seyten oder part gewäsen. Maaler 372c;

hei waʒ man küener degnedâ ze beiden sîten vant. Nibel. 529, 4;

der was in andre sîte
in den selben strîte
mit den zwein herzogen.
Lamprecht Atexander 1777;

der kristen ze beider sîte
was beliben an dem strîte
driu und zweinzic tûsent tôt.
Ottokar reimchr. 33984;

den achzic mannen sage ich danc,
daʒ ir swert sô wol clanc
in den selben zîten
bie der brûdere sîten. livländ. reimchron. 7662;

die her lâgen sô nâhen
daʒ sie einander sâhen
zû beider sîten ûf dem mer. 7841;

sie prûveten beider sîten,
daʒ sie mûsten strîten. 7845;

geschach da eine harte schlacht, das viel verwundet wurden und umbkamen auff beiden seiten. 1 Macc. 9, 17; die auff der fliehenden seiten, haben nie gesigt. Franck sprichw. 1, 51a (1541). in entsprechendem sinne mit beziehung auf rechtsstreitigkeiten, parteiungen aller art, gegensätzliche bestrebungen, richtungen, gruppen u. s. w.: die richter auff sein seyten bringen. Maaler 372c; auf eines seitte tretten. Kramer deutsch-it. dict. (1702) 2, 761b; von eines seite abspringen, abtretten. 762a; sich auf eines seite wenden. Steinbach 2, 575; he is up mine siid, hält es mit mir. Dähnert 423b; hê is ên fan unse sîd, hê hörd to unse sîd. ten Doornkaat Koolman 3, 180b; er ist uf miner site. Hunziker 242. Seiler 269b; die gegnerische, gegenseite; von seiten der vertheidigung, von klägerischer seite; er steht auf seiten der regierung. die rechte, linke seite im parlamente ist eigentlich örtlich gedacht, s. oben 6, 1047; jemanden auf seiner seite haben, auf seine seite ziehen; der neueren sprache gehört die bildung seitens an: seitens der regierung wurde nichts eingewendet; seitens der vertheidigung verzichtete man auf neue zeugenvernehmungen. die vorstellung der zweiheit, der gegensätzlichkeit kann verblassen oder aufgegeben werden, besonders bei den verbindungen auf seiten, von seiten (veraltet an, ab seiten), bei zusammensetzungen mit -seits entwickelt sich ein ganz freier gebrauch: von seiten des rechts ist dagegen nichts zu sagen; meinerseits stimme ich bei; die regierung hat ihrerseits weitere beihülfe versprochen; von gewisser seite wird ein intriguenspiel vorbereitet; von verschiedenen seiten aufgefordert; von geschätzter seite erfahren wir. von landesherrlicher, gerichtlicher seite ist nichts zu hoffen. amts-, gerichtsseits. auf meiner seite, meinerseits bin ich zufrieden. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 761c; ich will auf meiner seite thun was ich kan. Frisch 2, 261c; beachte einige besondere wendungen: in siner side, an seiner stelle. Dähnert 423b; er ist uf dr böse, guete, leze, rechte, magere site, es ist schlecht, gut, falsch, richtig, mager bestellt mit ihm; er ist uf der schatsite (wie böse site). Hunziker 242; eine person, thier, sache ist von oder auf der frummen, rären, faulen, magern, falschen, muntern, grüenen seiten, ist fromm, vortrefflich, faul u. s. w., auch elliptisch: des is von der raren, von der besten. Schmeller 2, 336; es will uff kai sitte, sich nicht entscheiden. Seiler 269b: ab site siner ferwandte. Hunziker 242; ab seiten meiner, deiner Schmeller a. a. o. von seiten seiner, von seiner seite ist alles zu befürchten; 'im oberdeutschen': abseits seiner, 'im gemeinen leben': seinerseits, deinerseits, meinerseits. Adelung. buta eider sida enne folkledere. Richthofen fries. rechtsquellen 129, 3; dat dat

[Bd. 16, Sp. 390]


twischen on to beydent siden vruntliken stan schal. d. städtechron. 6, 38, 7; konden sek de schedeslude af beydentziden der vruntschap nicht vorenen. 392, 3; ob sich begibt, das meins herrn von Admund holden und hintersassen ... mit einander zwitrachtig werden umb eetz und trett, umb infart und ausfart an fürhauptn, an wisen, an akern, die baider seitn meins herrn von Admund urbar sind. steir. und kärnt. teidinge 44, 11; wo nicht der gott meines vaters .. auf meiner seiten gewesen were, du hättest mich leer lassen ziehen. 1 Mos. 31, 42; so thue du auch, das du ein sündlicher mensch und mittler seiest, zwisschen deinem nehesten, und das beste tragest zu beiden seiten. Luther 5, 361a; er ist auch auff der nemenden seiten, cupit ditescere. Franck sprichw. 2, 62b (1541); er kan alle behelff auff seine seiten biegen, dergleichen auff erden kein jurist erdencken kan. Ayrer proc. juris 709 (1600; 2, 11); die busze ist ja an seiten der menschen ein solches mittel, dadurch man bey gott gnade .. erlangen kan. Sperling Nicodemus quaerens 2 (1719), 138; der eine (von zwei sich um einen bau bemühenden meistern) kunte viel herplaudern und mit seinem maule das volck auff seine seite bringen. 510; auf meine (seite) ist der rath-schlusz gefallen. Apin. gloss. 493; seiten meiner ist an euch .. nicht das geringste versäumt worden. Felsenburg 2, 41; von seiten der allgemeinen gesetze hat gott nicht die geringsten ausnahmen gemacht. Lessing 5, 24; lieder .., die von seiten seiner, so voller empfindung sind, dasz ein unvorbereiteter leser oft garnichts dabey empfindet. 6, 261; (solche schwankenden charactere) sind in dergleichen stücken ein fehler mehr, und machen sie noch oben darein ihrer seits kalt und eckel, ohne sie auf der andern seite im geringsten weniger gräszlich zu machen. 7, 369; die unterstützung des Demetrius von seiten Polen. 9, 181; ohne die geringsten unkosten auf seiten meiner. 12, 19; Mariane, auf ihrer seite, sah ihn auch ganz gern. Nicolai Sebaldus 1, 171; der begriff einer ausgabe von der letzten hand schlieszt auf seiten eines schriftstellers die pflicht in sich. Wieland 1, iv (vorbericht); dieser auftrag von seite gottes lautete also. Lavater predigten über das buch Jona 1, 9, vgl. 105; so natürlich, so vernünftig war doch diesz betragen auf seite derer, denen keine bessere, keine wahre gottheit bekannt war. 116; durch eine anständige vergütung von seite des theaters unterstützt. Schiller 3, 526; sie hätten den roman von seiten des mädchens unterhölt, und das herz ihres sohnes behalten. kab. u. liebe 3, 1; (bilder,) die fast alle von gleicher grösze, und zum theil auch von seiten der kunst schätzbar sind. Matthisson werke 3, 234 (Wien 1815); der graf wird nicht ausbleiben, er kommt morgen. da ist also auch die baronesse nicht weit, versetzte Charlotte. gewisz nicht! antwortete Eduard: sie wird auch morgen von ihrer seite (ihrerseits) anlangen. Göthe 17, 103; Eduard von seiner seite ist in einer ganz verschiedenen stimmung. 141; Charlotte von ihrer seite befindet sich munter und wohl. 312; (im bilde, ganz räumlich:) so wechselte die gräfin mit Wilhelm bedeutende blicke über die ungeheure kluft der geburt und des standes hinüber, und jedes glaubte an seiner seite, sicher seinen empfindungen nachhängen zu dürfen. 18, 285; sie erlauben, versetzte Wilhelm, dasz ich von meiner seite wenigstens lächele. 20, 26; von seiten der künstlerischen behandlung finden wir an den blättern dieses werks .. zu loben. 44, 177; es ist als wenn bei ihrem erwachen die bäume verwundert wären und beschämt, sich schon so weit im jahre zu finden, und von ihrer seite noch so sehr zurück zu seyn. 51, 222;

z letst bot ich jm dienst und grsz.
und patten gott z bayder seyt,
das uns gelng in tgent streyt.
Schwartzenberg 159d (1535);

auf welche seite
die billigkeit sich neig' in diesem schwesternstreite.
Wieland 18, 351 (sommermärchen 2);

es war, ich musz bekennen, wenig schonung
von meiner seite.
Schiller don Karlos 2, 5;

mich denkt ihr auf der seite des verraths
zu finden? Tell 3, 2;

nun, nun, so konnt' es gehn und stehen,
wenn er euch ungefähr so viel
von seiner seite nachgesehen.
Göthe 12, 155.


10) von verwandtschaftlichen beziehungen: von väterlicher seite her, väterlicherseits bin ich mit ihm verwandt; vater-, mutterseite. fan mîn faders sîd sünt wî noch mit'n ander befründt; fan de sîd fan mîn moder heb'k niks arfd. ten Doornkaat

[Bd. 16, Sp. 391]


Koolman 3, 180b; twenne fon there federes syda, and en fon thera moder syda. Richthofen fries. rechtsquellen 330, 32. zur linken seite verwandt, von der linken seite her verwandt, durch unebenbürtige oder uneheliche beziehungen (vgl.zur linken seite angetraut oben 3):

sie ist mein schwesterchen (zwar von der linken seite).
Wieland 10, 193 (urtheil des Paris).


11) im mathematischen sinne fest bestimmt: drei seiten des dreiecks, fünfecks, die drei, fünf begrenzenden strecken, die seiten einer pyramide, die begrenzenden flächen; anders: die beiden seiten einer gleichung.
12) seite, theil eines geschlachteten thieres, besonders des schweines (vgl. speckseite); speck - seite, der speck längs an der seite eines fetten schweins hinab. Frisch 2, 261c; site, speckseite Hunziker 242; ene side speck brem. wörterb. 4, 784; d'r hangen noch drê sîden spek in de wîm. ten Doornkaat Koolman 3, 180b; nach Schambach 191a wird für diese bedeutung fast ausschlieszlich sîe oder sëe (sonst sîde, sîte) in seiner mundart gebraucht; med der wost nâr sîe speck smîten, durch kleine gabe oder leistung eine gröszere zu erlangen suchen. ebenda (vgl. nd. korrespondenzbl. 10, 43); side speckes, succidia, tergum porci sale conditum Kilian bei Schiller-Lübben 4, 204b; ein ganze sîten kalpfleisches, die gesalzen sîten fleisch. quelle bei Lexer mhd. handwörterb. 2, 942 (vgl. auch Cleasby-Vigfusson unter síða); hette also, wie die Hessen sagen, mit einer bratwurst nach einer seitten speck geworffen. Kirchhof wendunm. 3, 18 Österley;

so ein par hönr, so ein syd speck.
Hollonius somnium vitae humanae 47 neudr.


13) die böttcher nennen seite eines fasses die linie, die eine daube im profil darstellt. Jacobsson 7, 333b. bei den hutmachern heiszt ein fach jedes der vier theile, aus denen ein hut zusammengesetzt wird, ein stück, dessen grundlinie ein nach auszen gekrümmter bogen ist, während zwei seiten nach oben in eine spitze zusammenlaufen. 5, 504b.
14) seite, seiten der oder die plätze in einer scheuer zu beiden seiten der tenne, wohin die garben gelegt werden. Schmid 217.
15) seite, ausgusz einer kaffeekanne. Hertel thür. sprachsch. 227.
16) die in neuerer sprache häufigen adverbialen verbindungen auf seits haben secundäres s, vgl. mhd. dissît, jensît, beidersît, einsît, andersît, manchersît gegenüber disseits, jenseits, beiderseits, einerseits, andrerseits; für älteres allseit sagt man jetzt allseits; meinerseits, deinerseits, städtischer, ständischer, militärischer seits, also in ganz lebendiger bildung, wobei seits als adverbialer genitiv gefaszt wird. beiseits für mhd. besît ist ungebräuchlich (mundartlich bisits go Hunziker 342); dagegen hat sich abseits eingebürgert.
17) ein secundäres s ist auch eingetreten in dem aus neuerer rechtssprache stammenden seitens: seitens der regierung wurde kein einspruch erhoben; älteres seiten ist oben II, 8, a belegt.
 
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seite, f. für saite, s. dieses theil 8, sp. 1663; nachzutragen ist dort saite im anatomischen sinne, für nerv, sehne: die nervi oder seitten. Braunschweig chirurg. (1539) 56b; das haupt oder ende der adern oder seytten. ebenda; grosze seite, chorda magna Hippocratis, Achillessehne. Hyrtl kunstw. der anatomie 67.
 
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seiteln, verb.: seitelen, verbum pueris usitatissimum, cum ovis paschalibus, sive pictis collidendo certant, alias auf die seite kippen, fractis nimirum utrisque partibus, inferiore obtusa et superiore acuminata, estque latera collidendo certare, inde seiteler, der, latera ovorum feriendo certans. seitelung, die, collisio ovorum lateralis. seitelicht, adj. idem quod seitig. Stieler 2003; vgl. nd. sîdels, adj., seitlich; sîdeldöre, seitenthür, sîdelwange, seitenmauer. ten Doornkaat Koolman 3, 181a. sidel-, sielbred brem. wb. 4, 784. Schiller-Lübben 4, 205a.
 
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seiten, adv. von der seite her, s. oben seite II, 8, a.
 
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seiten, verb.: sich syten, sich auf die seite stellen. Stalder 2, 369.
 
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seiten-, in zahlreichen, leicht zu mehrenden zusammensetzungen; sich von selbst ergebende allgemeine bedeutungen sind im folgenden meist nicht angegeben. der älteren sprache gehört die composition mit seit- an.