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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
seimigen bis sein (Bd. 16, Sp. 228 bis 366)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) seimigen, verb. seimig machen: die brühe seimicht machen ò seimigen, inspessare un poco un guazzato, dargli un pò di corpo. Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 760a.
 
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seimisch, adj., nebenform zu sämisch, vgl. dies oben theil 8, 1739: der weiszgerber gibet seimisch leder zu kauffe. Comenius sprachenthür (1657) 508.
 
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seimung, f. das seimen: wenn er (der honig), ohne vorhergegangene seimung, von selbst aus den weissesten waben flieszt und abtröpfelt. Nemnich 2, 533.
 
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sein, verb. esse.
I. verwandtschaft und formelles.
1) zum ausdrucke dieses allgemeinsten verbalbegriffes verwendet die indogerm. ursprache im allgemeinen zwei wurzeln, zu denen in einzelnen zweigen noch andre treten.
a) das älteste und eigentlichste verbum substantivum ist és-. hier ist die sinnliche bedeutung, die in der regel solchen allgemeinen und abstracten gebrauchsweisen zu grunde liegt, am vollständigsten erloschen. doch hat man mit einiger wahrscheinlichkeit ostar. asu- (sanskr. ásuṣ, avest. aṅhuš) 'leben, lebenshauch' dazu gestellt, was als grundbedeutung des verbs 'atmen, leben' ergeben würde (dagegen nimmt Uhlenbeck etym. wb. der altind. sprache 18b als solche 'wohnen' an. fraglich ist, ob indogerm. esus der herr, und ostar. ásura- gott, wunderkräftiger dämon, hierher zu stellen sind, vgl. Fick4 1, 13. 171. 366. Uhlenbeck a. a. o. auch indogerm. êsr 'blut' ist wol besser fernzuhalten, vgl. Fick4 1, 13. 365). das hohe alter des worts zeigt sich ferner in der formenbildung. zunächst gehört es der sog. athematischen flexionsklasse an (die blosze einsilbige wurzel ohne zusatz als präsensstamm verwendet), die die ältesten und wichtigsten bildungen umfaszt; ferner hat es nur eine beschränkte zahl von formen entwickelt, nämlich nur die bildungen vom präsensstamm

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(präs., imperf., opt., conj., imper., part.) und den perfectstamm, beides nur im activ (ganz vereinzelte medialformen im sanskr. und griech. sind secundär). eine übersicht der formen der grundsprache mit den entsprechungen der einzelsprachen gibt Brugmann grundr. 2, 1398 f. 1406 f., vgl. Fick4 1, 12. Noreen urg. lautl. 84. Grimm gramm. 12, 1063 f. ins germ. übergegangen sind folgende (indogerm. ohne berücksichtigung der varianten): ind. präs. ésmi, ési, ésti — (du. swés — pl. smés, sté), sénti; opt. syḗm, syḗs, syēt — sīwé, sītóm, sītám — sīmé, sīté, syent. — ésmi ist in allen indogerm. sprachen erhalten, vgl. sanskr. ásmi, av. ahmi, apers. amiy, armen. em, lit. esmè (veraltet, jetzt esù), altbulg. jesmī, alban. jam, griech. εἰμὶ (äol. ἔμμι), lat. sum (osk. auch esum), altir. am(m), im. und zwar haben die östlichen und südlichen sprachen im allgemeinen den angegebenen umfang der flexionsformen bewahrt, dagegen ist dieser in der nördlichen gruppe bedeutend eingeschränkt: die baltisch - slavischen sprachen bilden nur den ind. präs. von der wurzel es- (altlit. esmì, esì, ẽst(i) — ẽsva, ẽsta — ẽsme, ẽste; altbulg. jesmǐ, jesi, jestŭ — jesvĕ, jesta, jeste — jesmŭ, jeste, stŭ), ebenso das ir. (am, at, is — ammi, adib, it, vgl. dazu Fick4 2, 44); für das übrige tritt die wurzel bhū- ein (ir. auch theilweise stâ- und vel. das imperf. ḗsm ist vielleicht in der altslav. imperfectbildung nesẽ-achŭ erhalten.) eine ähnliche stellung nimmt auch das germanische ein, s. unter 2.
b) daneben steht bhū (indogerm. *bhévô), das sowol 'werden' wie 'sein' bedeutet; vgl. sanskr. bhávati, avest. bavaiti, griech. φύω, lat. fuam u. s. w., lit. (fut.) búsin, slav. (inf.) byti. hier scheint die grundbedeutung 'werden, entstehen, wachsen' zu sein (griech. φύω auch transitiv 'zeugen'). so wird es neben ésmi, von ihm auch im sinne geschieden (wenn auch nicht streng), im ostar. (ind.-iran.) und griech. als selbständiges verb durch alle formen durchflectiert. in den westlichen und nördlichen sprachen ist es dagegen in der bedeutung mit ésmi zusammengefallen und in der conjugation im ital. und balt.-slav. mit ihm derart verschmolzen, dasz diejenigen formen, welche von es- gebildet werden, von bhū- aufgegeben sind. dagegen ist im ir. die volle flexion erhalten, sodasz im präs. mehrfache formen neben einander stehen. das germanische nimmt hier eine mittelstellung ein, s. unten (vgl. Grimm gramm. 4, 821, anmerk.).
c) nur im german. wird für 'sein' ein drittes verb verwendet, das in den andern indogerm. sprachen nur dieauch im german. vorhandenevollere bedeutung 'verweilen, wohnen, bleiben' hat, indogerm. vésô, sanskr. vásati, avest. vaṅhaiti, vgl. dazu griech. Ϝεστία Ϝάστυ, lat. Vesta, vestibulum; ir. feiss und foss (aus *vesti- und *vosso-) 'bleiben, rasten, ruhe'. Fick4 1, 133. 317. 552. 2, 277.
2) die verschiedenen formen der ältern german. dialecte stellt zusammen und erklärt Streitberg urgerm. gramm. s. 316—318. zusammenfassend läszt sich sagen, dasz von der alten wurzel es-, zu der nur theilweise bhû- ergänzend hinzutritt, nur noch präs., und zwar ind. und opt., gebildet werden, während für das prät. (und den inf.) überall wesan eintritt und für den imper. eine eigene alte form ganz zu fehlen scheint. doch gehen auch im ind. präs. die formen so mannigfach auseinander, dasz sie der ableitung und erklärung grosze schwierigkeiten bieten. allen dialekten gemeinsam ist nur die 3. sing. ist bez. is, deren originalität Streitberg wol mit unrecht beanstandet.
a) den ostgerm. sprachen gemeinsam ist das vollständige fehlen der wurzel bhû-. die 1. 2. plur. (und der got. dual) zeigen dieselben endungen wie sonst das perf., aber im got. und nord. verschiedenen stamm. die nord. formen sieht Streitberg als die lautgesetzlichen an. im einzelnen lautet das got. paradigma: ind. im, is, ist — siju, sijuts — sijum, sijuþ, sind, — opt. sijau, sijais, sijai — sijaiwa, sijaits — sijaima, sijaiþ, sijaina (dazu inf. wisan, part. wisands, prät. was, opt. wesjau), altnord. em, est, es (später er, ert, er) — erom, eroð, ero; — opt. sjá (sé), sér, sé — sém (sjóm), séð, sé (daneben opt. vesa, später vera, imp. ves, ver, inf. vesa, vera, part. vesandi, verandi; prät. vas, var, opt. vǽra, inf. vro, part. vesit, verit).
b) dem westgerm. eigenthümlich ist die verwendung der wurzel bhû- neben es-. im ags. liegen infolgendessen im ind. und opt. präs. zwei vollständig ausgebildete paradigmata neben einander: eom (eam, am), eart, is — plur. sint, sindun und earun (aron) — opt. síe, sí, pl. síen, sín; daneben: béom (später béo), bist, bið — pl. béoð, béoð — opt. bio, béo, pl. bíon, béon (zu dieser wurzel auch inf. bíon, part. bíonde, imp. bío, bíoð, bez. béon u. s. w.). übrigens nimmt Sievers ags. gramm.3 § 427 (nach Joh. Schmidt s. Streitberg s. 317) für die mit ear-anlautenden

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formen eine besondere wurzel er-, or- an, sodasz drei stämme neben einander liegen würden. für die von es- bez er- nicht gebildeten formen tritt auch hier wie überall wesan ein (part. wesende, imp. wes, prät. wæs, opt. wǽre).
c) die german. sprachen des continents verwenden übereinstimmend es- für die 3. sing. und pl. des ind. und den opt. präs. bhû- für die 1. 2. sing. (und im ahd. die 1. 2. pl.) ind., wes- für das übrige. die paradigmen sind: altfries. bim, bin, bem, ben (2. sing.?), is, pl. send; opt. se; imp. wese, weset, inf. wesa; prät. was, pl. weron, -en, opt. were, part. ewesen, wesen. — alts. bium, bist (bis), ist (is), pl. sind, sindun; opt. sî, sîs, sî, pl. sîn; imp. wis (wes), wesað, inf. wesan; prät. was, wârun, opt. wâri. — ahd. bim, bist, ist, pl. birum, birut, sint; opt. sî, sîs(t), sî, pl. sîn, sît, sîn; imp. wis, weset, inf. wesan, part. wesanti; prät. was, pl. wârum. die mit b anlautenden formen wären nach Streitberg wegen des durchgehenden i (nur alts. bium) nicht lautgesetzlich entwickelte formen von indogerm. *bhevô, sondern mischbildungen, indem vor die formen der wurzel es- ein b vorgetreten wäre. doch begreift man nicht recht, woher dieses b stammen soll, wenn echte formen von der wurzel bhû- gar nicht vorhanden waren.
3) im folgenden soll die entwicklung der einzelnen formen im deutschen durch die verschiedenen zeiträume verfolgt werden. vgl. dazu fürs altnd. Gallee alts. gr. § 321. Cosijn de oudnederl. psalmen (Harlem 1873) und die glossare zu den textausgaben; fürs mnd. Lübben mnd. gr. § 60 und die glossare zu hill. cruz. vruwenl. Theoph. dodes danz u. d. seebuch; fürs mnl. besonders Franck mnl. gr. § 169 und das glossar zum Reinaert; fürs ahd. Braune ahd. gr. § 378 f. Graff 1, 481 ff. 1053 ff. 3, 14 ff. und die glossare zu Isid. Tat. Otfr. Will. (über den Leidener Will. s. Paul-Braune beitr. 22, 518 f.); für das mhd. Weinhold mhd. gramm. § 363 f. alem. gr. § 353. bair. gr. 296 und die wörterbücher und wortregister zu den ausgaben (deutsche chron., deutsche städtechron., Oswald v. Wolkenstein, Alsf. passionssp. u. a.); für das nhd. unter anderm Kehrein gr. 1, § 385, Franke schriftspr. Luthers s. 212. Shumway die abl. verb. bei H. Sachs s. 142—45. Drechsler Wencel Scherffer s. 53. Clajus gramm. s. 114—116 Weidling, vgl. s. xxxi. Schottel 551—3. Stieler 170. Steinbach 2, 586. 981. Frisch 1, 97b f. 2, 266b. Gottsched 302 f. Adelung. Campe.der gesammte formenschatz der lebenden deutschen mundarten kann hier nicht verzeichnet werden; die vertretungen von bin, bist, ist, (wir, sie) sind, sei (imp.), war, waren, wäre wird man in zukunft am besten in Wenckers sprachatlas übersehen (noch nicht bearbeitet). doch sind die wichtigsten unterschiede auch im folgenden berücksichtigt auf grund der idiotiken und zeitschriften (Frommanns mundarten, Baierns mundarten), vgl. insbesondere über das schweizer.-alem. Hunziker 240. Tobler 420b. Seiler 268. Frommann 3, 207, 20. 4, 325; schwäb. 2, 112. 407, 11. Baierns mundarten 1, 306; bair.-österr. Schm. 2, 202. Schöpf 667. Lexer 231. Schröer 206a. 289a. cimbr. wb. 224b; fränk.-hess. Kehrein 1, 374. Gangler 414. Frommann 2, 407, 11. 3, 231, 10 (henneb.), 4, 281, 19 (siebenb.); thür. Regel 115. Schultze 11. Liesenberg 77; obersächsisch Albrecht 53 f. Göpfert 86. Pasch 79; schles. Weinhold d. d. dialectforschung (Wien 1853) 128 f. nd. brem. wb. 5, 240. Dähnert 424a. Danneil 192b. Mi 79b. Stürenburg 321b. ten Doornkaat Koolman 3, 543b. Schambach 192a. Woeste 237a. Frommann 4, 132, 79 (ostfries.). 3, 260, 18 (märk. Süderland); fries. Th. Siebs zur gesch. der engl.-fries. sprache 1 (Halle 1889).
a) die 1. sing. lautet im ostgerm. got. im, altnord. em, entsprechend ags. eom mit auffälliger brechung, woneben béom, béo. sonst im westgerman. nur diese wurzel, aber mit verschiedenem wurzelvocal. diphthong zeigt auszer dem ags. nur das alts. bium, biun, bion. alle andern dialecte haben dafür den kurzen vocal i, so altfries. bim, bin, bem, ben; altnfr. bim, bin; ebenso ahd. das m von bim ist erhalten im ahd. Isidor, wechselt mit n bei Tat., ist ganz geschwunden bei Otfrid. dagegen hat es sich merkwürdig lange gehalten in dem nordwestlichen gebiete. während in den altnfr. psalmen bin bereits überwiegt (2 bim : 7 bin), ist im Leidener Williram das umgekehrte der fall (s. beitr. 22, 518; die bin stammen wol aus der vorlage), und ebenso ist im mnl. bem die gewöhnlichste form (daneben bim, ben, bin). im mhd. steht bin (besonders bair. auch pin geschrieben) im allgemeinen fest; thür.-hess. dafür vereinzelt ben und selbst bem, s. Weinhold mhd. gramm. § 381. wenn die niederrhein. Marienlieder aus dem ende des 12. jh. (s. zeitschr. für d. alterth. 10, 1 ff.) dafür häufig bon schreiben, so gleich in der ersten zeile:

ich bon de lof der reinester vrowen,

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so zeigt sich hierin nur die durchgehende neigung dieses denkmals, i in o oder u zu verdumpfen, s. a. a. o. s. 134. auch mnd. steht ben, bun (d. h. wol bün) neben bin. in den neuern mundarten ist bin ebenfalls die gewöhnliche form, daneben als lautliche spielformen bi-n, bî, bi~ (oberd., zum theil auch fränk.), ferner in einzelnen mitteld. mundarten ben (nordthür. Schultze 11, ungar. Schröer 206a, vgl. schwäb. be~ Frommann 2, 112) und bän (4, 281, 19, siebenb.); schles. bin, bîn, bei ältern autorenund bê. Weinhold 128; niederd. vielfach bün. — wichtiger ist eine erscheinung, die sich in verschiedenen getrennten gebieten findet, nämlich die ersetzung des anlauts b durch s in anlehnung an die pluralformen; sie begegnet schon mnd. in dem dialektischen sem, neund. besonders ostfriesisch, s. Frommann 3, 41, 20 (ik sün in Jever), doch scheint die form hier im rückgange, denn Stürenburg 321b kennt schon bünn und sünn neben einander, nach Frommann hört man abwechselnd ik sün, bün und bin und nach ten Doornkaat Koolman 3, 543b wären die letzteren formen sogar die gewöhnlichen. vgl. noch nd. korrespondenzbl. 16, 77. ein zweites gebiet ist das märkisch-süderländ. (Westfalen), hier sagt manoder sin Woeste 237a. Frommann 3, 260, 18, iek sin 4, 273, 154, ebenso bergisch ech sin 5, 141, 38; entsprechend im mittelfränk., luxemb. ech sen Gangler 414, nassauisch ich sein, sinn, sin Kehrein 1, 374. auch in der Zipser sprache (ungar.) ist ich sei bezeugt, s. Schröer 206a. als mundartliche form vereinzelt in die litteratur eingedrungen: und da seyn ich weggeloffen, und seyn hieher kommen. Simpl. 1, 33, 8 Kurz.ganz vereinzelt werden präsensformen von wesen gebildet: so wese ick wol wat. Richey 338 (über mhd. ich wise, er wiset s. mhd. wb. 3, 765b. Lexer handwb. 3, 799a).
b) 2. sing. got. is, altnord. es, est (später er, ert), ags. eart und bist. im deutschen überall bis, später bist, infolge falscher abtrennung der form bistu aus bis-thu. doch ist zu bemerken, dasz bist im ahd. schon in den ältesten quellen sein t hat, während sonst die 2. sing. noch auf -s ausgeht; daher nimmt Braune ahd. gramm. § 379, anm. 1 für bist beeinflussung durch die präteritopräsentia (weist, muost u. s. w.) an. doch findet sich bis auch noch später, besonders im mitteldeutschen, s. Weinhold mhd. gramm. s. 382, auch im bair. bis gegen 1300, s. bair. gramm. § 298. mhd. wb. 1, 127b. von alten denkmälern hat allerdings nur der Tatian bis neben gewöhnlichem bist. herrschend ist bis in den altnfr. psalmen; auch mnl. ist bes die normalform, daneben best und (besonders brab.-holl.) bist. mnd. gewöhnlich bist, daneben bis, bust, biust. kaum lassen sich hierher ziehen schreibungen, wie:

[on] anfang, mittl und on end
bisdu herr, dein gnad mir send,

in der Augsb. chron. des Burkard Zink (d. städtechr. 5, 66, 21), während bei Liliencron d. hist. volksl. 1, nr. 50 dafür bistu erscheint. sonst steht bist im hochd. fest. von den lebenden mundarten haben die alemann.-schwäb. bi⋅t, bisch, die mitteldeutschen vielfach best (schles. Weinhold s. 128, bäst nordthür. Schultze 11, siebenb. Frommann 4, 281, 19, luxemb. sogar bas Gangler 414), vereinzelt bîst (Regel 115: bîst oder best, dagegen bezeugt Drechsler für das schles. ausdrücklich bīst gegenüber īst, s. c), nd. vielfach büst, märk.-süderl. auch büss (Woeste 237a. Frommann 3, 260, 18).
c) in der 3. sing. haben alle germanischen sprachen die altindogerm. form als ist erhalten (nur ags. daneben bið), doch ist das t in den meisten früh abgefallen. ist haben durchgehends das got. und ahd. (mit dem altnfr.), is das runische (altnord. es, später er), ags. und altfr. das altsächs. hat überwiegend is (ist besonders im Cott. des Hel.), noch entschi-dener das mnd. mnl. nur es und is (is auch im Leidener Williram). im mitteldeutschen findet sich is schon früh, namentlich seit dem 12. jahrh. massenhaft, s. Lexer handwb. 2, 927. Weinhold mhd. gramm. § 364, seltner im bair., s. bair. gr. § 296. bei H. Sachs wird neben ist auch is, isz, vereinzelt isch geschrieben, s. Shumway s. 142 f. mundartlich hat sich ist heute nur im oberd. erhalten, und zwar unverändert nur in den bair.-östr. alpenmundarten (bezeugt bei Schöpf 667. cimbr. wb. 224b, ob allgemeiner?), das alemannischschwäb. hat durchweg išt, isch. in den andern mundarten nur is oder es (schles. mit auffälliger dehnung îs, ês, eis Weinhold s. 128, nordthür. und siebenb. äss, vgl. unter a und b, luxemb. enas Gangler 414): nd. is, es nur im märkischen.
d) am mannigfaltigsten und verwickeltsten ist die geschichte der pluralformen, besonders im hochd. hier werden die 1. und 2. pers. anfangs von bi- gebildet: birum, birut, formen, die in andern dialecten keine entsprechungen haben, vgl. zur erklärung 2, c;

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doch sterben diese formen in frühmhd. zeit aus und werden durch die optativformen sîn, sît verdrängt. da auch in der 3. plur. die optativform sîn eindringt, so fallen die 1. und 3. pers. allmählich zusammen, und nun wird auch die alte form der 3. pers. für die erste verwendet. so werden gegen ende des mittelalters für beide personen ohne unterschied sowol sein wie sind wie endlich auch die zwitterbildung aus beiden seind gebraucht, von denen schlieszlich sind gesiegt hat. ein unterschied beider personen hat sich nur in wenigen mundarten erhalten. ganz aufgegeben ist, wie überall die 1. 2. plur. im engl., fries. und nd., wo die alte dritte für alle 3 personen gilt, vgl. i (über die ostgermanischen formen s. 2, a).
e) im ahd. herrschen in der 1. 2. plur. die b-formen uneingeschränkt. die 1. lautet zu ältest birum, birun; die unrechtmäszige erweiterung birumês herrscht bei Tatian, und steht ganz vereinzelt bei Otfrid, sonst einmal piramês; spätahd. biran, birn, bin. die 2. pl. ist birut, spät biret, birt, alem. birent, birnt, bint, s. Braune ahd. gramm. § 379, anm. 1. diese formen sind im ältern mhd. noch recht üblich und finden sich im 13. jh. noch im reime, am häufigsten im bair. - österr. gebiete, während die letzten spuren ins 14. jahrh. fallen und schon im 12. die neuen bildungen daneben stehen. sie lauten: 1. pl. biren, birn, pirn (: schrirn, diern), alem. vereinzelt bin, bei enklise bir(e), pir wir; 2. pl. birt, pirt (: wirt), alem. bint, pint (: kint), s. Weinhold mhd. gr. § 382. bair. gr. § 298, alem. gr. § 353 (s. 352). zahlreiche belege im mhd. wb. 1, 127b f. und Lexer hdwb. 1, 277, z. b.:

des pir wir alle geheiligôt. Ezzos gesang 17, 6;

ir bint etewaʒ hie vertvelit. memento mori 17, 4;

diu eine (welt ist die), dâ wir inne birin,
diu andir ist geistin. Annolied 27;

cumint mine vil libiu kint,
ich bin uwir vadir, ir bint
di ich irlosit han von der helle not. fundgruben 2, 137, 1;

daʒ was dem wirte ungemach,
und wolde wâfen hân geschrirn.
'nû sihstû wol daʒ wirʒ birn'
sprach der ungetriuwe man. Erec 4051;

bevindet man, daʒ ir eʒ bint (: erwint).
Ulr. v. Türheim Tristan 2301;

sô sprach sie zuo der diern:
'mit dir wir gesûmet biern'.
Seifr. Helbling 1, 1188;

er sprach zuo dem wirt:
nû saget an, wie birt
ir ze disen sachen komen?
Ottokar reimchr. 11382.


f) 1. plur.
α) die gewöhnliche form ist im mhd. wir sîn; ihr entspricht das bair.-österr., auch im nhd. früher sehr verbreitete seyn, wie es noch Schottel, Stieler und Steinbach als alleinige form kennen. belege aus der litteratur: (wir seyn in einer obersächs. urk. von 1397 s. Franke § 64) dan weyl wir alle gleich priester sein, musz sich niemant selb erfur thun. Luther an den christl. adel s. 8 neudr.; wenn wir durch den glauben gerecht worden sein. Just. Jonas bei Luther 6, 396b; wenn wir new geborn sein, so fahen wir an das gesetz zu halten. 403a;

wenn wir in höchsten nöten sein
und wissen nicht wo aus noch ein.
Wackernagel kirchenl. 4, nr. 6, 1 (vgl. 1337, 1);

dasz wir jhm auff ein band gewesen seyn bedacht.
Fleming 51.


β) zweisilbige formen sîgen, sîen, wie sie im conj. allmählich herrschend geworden sind, begegnen in älterer zeit besonders alemannisch, s. Weinhold alem. gr. s. 351 oben: sehent, wier sigen komen her ze Jerusalem. Grieshaber pred. 2, 59; wann wir sien ketzer gewesen. d. städtechron. 4, 97, 6 (Augsb. chron. von 1368—1406); darumb sien wir all uber ain chomen mit der merern volg. 129, 25 (und öfter, s. das glossar). dem entspricht im ältern nhd. wir seien: doch seien wir oft bei ainander geseszen die gantzen nacht. 5, 129, 31 (Augsb. chron. des B. Zink, selbstbiogr. vom j. 1456); sehent wir seyen noch nit als zaghafft als dise. Keisersberg has im pfeffer Cc 1a; wir seyen darinn vast betrogen das wir eüch nit mer eer haben erboten. Pontus h 3b; neben seint:

(der edelmann.) zum waidwerck seint wir auch gewidet,
jagen pern, hirsch, rech und hasen.
das wirt dir auch nit zw gelassen.
des seyen wir weit ueber dich.
H. Sachs fastn. sp. 2, 32 neudruck.


γ) wenn das pronomen nachfolgt, so pflegt im mhd. das n abzufallen, also sî wir, auch sie wir:

dâ sint heiden manichvalt,
mit den sie wir vorladen. livländ. reimchron. 323 (ebenso 1878. 4702. 9302).

[Bd. 16, Sp. 233]


bair.-österr. sey wir, so bei Oswald v. Wolkenstein (s. glossar s. 423), Suchenwirt (22, 36); ebenso noch im ältern nhd.: sey wir nit all von einem vater und von einer mter. Pontus h 1a; was lobs sey wir verdienen ausz der plaichait des vasten. Albr. v. Eyb spiegel d. sitten 62a. sey und sein neben einander:

ach Venus, wie sey wir so kranck, ...
ach wie sein wir so hart gebunden!
H. Sachs fastn. sp. 1, 19 neudruck.


δ) mundartlich wird altes sîn zu sin, sinn gekürzt:

der reis sin mer undvorzeit. Alsfeld. passionssp. 1094;

herre, mer sinn zu der gesangk (zu dir gesandt). 844;

wir sin auch in der vierten bibelübersetzung, s. Kehrein, und noch bei H. Sachs:

nun walt sein gott, wir gehn dahin.
herr gott inn deiner handt wir sin. 2, 1, 13b;

auff das wir jetzund und forthin
vor seinem todtschlag sicher sin. 3, 8d.


ε) für die heute übliche form sind gibt Weinhold alem. gr. s. 351 oben als ältesten beleg:

ê sint wir dort ze stade komen. troj. krieg 21468,

wo sint allerdings nur von 3 pap. handschriften des 15. jahrh. gewährleistet wird (s. anmerk. s. 213), also wol durch sîn zu ersetzen ist, sonst erst im 14. jahrh., s. Weinhold mhd. gramm. s. 384. besser ist sint für das 13. jahrh. im mitteld. bezeugt, s. ebenda, doch bieten dieselben quellen daneben sîn. so ist bei Heinr. v. Krolewiz (aus Meiszen, 'vaterunser' gedichtet 1252—5) die gewöhnliche form wir sint, auch im reime, z. b.:

er hât sân bewêrt mê,
daʒ wir gebrder alle sint;
wende wir sîn gar sîn eines kint ..
daʒ er unser vater sî
unde wir alle sîne kint.
sint wir von im geborn sint. 180—190;

daneben allerdings häufig wir sîn, mit enklise sî wir. hier ist der gebrauch von sint um so merkwürdiger, als die 3. plur. immer sie sîn, nie sie sint lautet, s. das glossar s. 204. weitere belege:

wir sint mit manchen landen belegen. livländ. reimchron. 1357

(nur hier, sonst wir sin, vgl. sie wir unter γ);

Pilatus, du weist mir sint heiden. Alsfeld. passionssp. 3852 (ferner 6344, sonst sin, sinn, s. δ);

von Adam untz uf dise zit do wir inne sint. d. städtechron. 8, 239, 2; wir sint hie ertzgraber disz iomertals. Keisersberg bilg. 86c; hierher auch: ich weis nicht, ob ich oder jr am rechten sind. Luther 8, 32b.
ζ) für sind im schwäbischen zuweilen send: des wir sicher hernach zu grossem schaden kumen send. d. städtechroniken 2, 371, 9; des alle unser voreltern und wir als from erbar leut von menigclichen alwegen vertragen gewest und bisher unangesunnen send bliben. 5, 412, 20.
η) endlich die mischform seind, die namentlich im bairischen seit dem 15. jahrh. nachzuweisen ist, s. Weinhold bair. gramm. s. 298 und g. so in einem handschreiben der stadt Nürnberg von 1444: wann wir nu in gantzem getrawen und zuversicht seind. d. städtechr. 2, 73, 19. ferner: wür seindt in change (auf falscher fährte). Baierns mundarten 1, 138, 36 (bair. schausp. vom j. 1701).
θ) auch hierfür vereinzelt zweisilbige aussprache:

wir syend doch in glicher sipp.
Hermann v. Sachsenheim mörin 1017.


g) die 3. plur. lautet ursprünglich in allen german. sprachen sind (aus indogerm. sentí); nur das altn. hat dafür ero eintreten lassen, worin Streitberg s. 318 eine alte nebenform urg. *ezunði (indogerm. *esṇti, griech. ἔασι) sieht. mit diesem ero wird man am ehesten die form earun zusammenstellen, die im ags. neben sind (und béoð) steht und im spätern engl. als are alleinherrschend geworden ist. zu sind findet sich in allen alten westgerm. dialecten eine nebenform mit angehängten -un, -on, also mit derselben dem perf. eigenthümlichen endung, die sonst die pluralformen von sein aufweisen (got. sijum, sijuþ, altn. erom, eroþ, ero, ahd. birum, birut); so im ags. sindun, -on (selten syndun, -on, sendun, -on), alts. sindun, -on, sundon (altnfr. nur sint), ahd. nur in der Isidor - übersetzung sindun (sint nur einmal in den Monseer bruchst., neben sintun, vgl. bair. gramm. s. 298) und im Weiszenburger catechismus sintun. für die weitere entwickelung kommt diese bildung nicht in betracht. doch ist sind im deutschen auch später nicht in uneingeschränktem gebrauche geblieben, obwol zu allen zeiten üblich und am ende siegreich. namentlich kommt später die verwendung der

[Bd. 16, Sp. 234]


optativform sîn, sein für den singular und im anschlusz daran die mischform seind auf. die folge ist das zusammenfallen der 3. mit der 1. plur., vgl. d. f. von den ältern hier benutzten nhd. grammatiken und lexiken kennt nur Schottel einen unterschied, indem er für die 1. seyn verlangt, für die 3. synd, oder seyn zuläszt. die andern geben für beide nur eine gemeinsame form, und zwar Clajus sind (sein), vgl. s. xxxi des neudrucks, Stieler seyn, Steinbach seyen, seyn, Gottsched sind ('nicht seyn'). noch ist zu beachten, dasz gewöhnlich mehrere formen sich in derselben quelle neben einander finden, so in Ottokars reimchronik nach Seemüllers glossar gewöhnlich sint, daneben sîn (7 stellen). bei Suchenwirt wird sint, sind und seint geschrieben, doch verwirft Koberstein letztere form, weil nie im reime; dagegen häufig sein als ind. im reime. Sigm. Meisterlin (chron. von Nürnberg 1488, s. d. städtechr. 3, glossar), hat sind, seint, send, sent. vgl. auch: wie die sünden auff die menschen kommen seind, so sy z gerechtigkait sind geporn .. also sein auch die menschnn ausz widerwärtignn elementen erschaffen. Albr. v. Eyb spieg. d. sitten 1a. Luther gebraucht in der 1. 3. plur. bis 1523 seint und sein (nach Franck s. 212, doch gehört nach s. 59 seind den 'nachdrückern' an und ist nur sind echt lutherisch). für H. Sachs belegt Shumway s. 143 (für 1. und 3. plur.) 4 mal sint, 3 mal seint, 2 mal sein, dazu je einmal sent, send und sin (: kelnerin), vgl. auch unten die belege. bei Wencel Scherffer sein, auch seindt, s. Drechsler s. 53; ebenso bei Hohberg 3. Elisabeth Charlotte schreibt in demselben briefe (vom 17. febr. 1704, s. sammlung 2, s. 340): wasz albere possen seindt doch dasz, dasz man zu Franckfort soubçoneus ist über wasz jhr mir schreibt? und gleich darauf: da doch so viel leütte zu Franckfort sein. und so vielfach. die Breslauer kanzlei gebraucht nach Arndt s. 90 vorherrschend sint (sind), selten (zu anfang, also ausgang des 14. jahrh.) sent, nur im 15. jahrh. seint. — im einzelnen sind auszer sind folgende formen bezeugt:
α) nur lautliche variante zu sind ist send, das sich namentlich im oberdeutschen des 15. und 16. jahrh. findet, s. Weinhold alem. gramm. s. 351. bair. gramm. s. 298, wo zahlreiche beispiele beigebracht sind: dieselbigen all werden genant die erbrigkait, darumb daz sy und ir fordern selig lang in groszen eren und stand und rechten her send komen. d. städtechr. 4 (Augsburg), 149, 14 (15. jahrh., in demselben bande auch seind und sien, s. unten); da send so vil fürsten, herren, stette, bischöff (zum Constanzer concil gekommen). 5, 66, 10 (so noch oft, s. das glossar; vereinzelt auch seind; unmittelbar neben sind: inseln, die send zwischen Venedig und Rodis, die wonbar sind. 110, 15 f.); desz send die Fenediger gantz traurig worden. 23, 445, 14 (vgl. das glossar); darumb 2 schwestern die gantz nacht bei ir gewesen send. 25, 15, 9 (und sehr oft, s. das glossar, anfang des 16. jh.); das [sie] sunt dester vleissiger sent. Tucher baumeisterb. 62, 6 Lexer ('ausnahmsweise'); die ubrigen 28  send herausz beliben. haushaltb. 17 Loose (und öfter, auch sein); uns sent die brief zkomen. Schade sat. und pasqu. 2, 97, 5; aber um die drit stund send zm Luther komen seine junger. 109, 10;

daz sint d vier element,
von den all ding send
geordnet und geschaffen.
Laszberg lieders. 3, 127, 18;

von got trestu der eren breis
für alle remisch kaiser werd,
die gewesen send auf diser erd.
Liliencron hist. volksl. 2, nr. 126, 152;

des send etlich beliben frum. 151, 63 (daneben seind, v. 265);

des mir die leut all zeugen send.
H. Sachs fastn. sp. 1, 43 neudruck (auch 1, 8, s. unten);

sein schmaichel wort sent nur ein deckel
verporgner schalckheit. 2, 17;

kumbt herein! lieb gest mir das sendt. 5, 4;

der gleich mir auch genumen sent
all meine ros, schaff, sew und rinder. 6, 61;

wenn ich nur erfahren köndt,
von wem sie hinglegt worden sendt.
Ayrer 57, 25;

seitdem in der litteratur erloschen, aber mundartlich noch lebendig, siehe k.
β) ebenso zu beurtheilen ist das niederrheinische sont, sunt, so in den zeitschr. f. d. alterth. 10, 1 ff. herausgegebenen Marienliedern (vgl. s. 134):

dat de, de got is eweliche,
sich also einiget bit unser menscheit,
dat si ein sont al ane gescheit. 55, 4;

[Bd. 16, Sp. 235]



dit sunt die wnder die engeine sinne
nie envernamen van aneginne. 27;

ale engele die sont in deme sesteme chore. 59, 15;

neben:

uuie sint dine ougen alsus bespuen. 25, 34.


γ) dagegen beruht auf wirklicher formübertragung mhd. sîn, bair. und nhd. sein. — sîn tritt im mhd. zuerst auf mitteldeutschem gebiete auf und zwar ziemlich früh, s. Weinhold s. 383 f., z. b.:

ich hân zwei wênige kindelîn,
die ein jâr gelegin sîn. Rother 3165;

in den heiligen namen drîn,
die drîvalt ein einich got sîn. evang. Nicod. 640;

sint sunne und mâne iren schîn,
die des gestirnes vürsten sîn,
understunt vorliesen.
Heinr. v. Freiberg Trist. 244;

wir sîn diu armen schefelîn,
diu in die werlt geworfen sîn.
Heinr. v. Krolewiz vaterunser 4142;

der Dûtschen sal ouch nicht genesen
die mit uns sîn zu Kûrlant. livl. reimchr. 5613;

die Sitter (Zittauer) sein von kluger list.
Liliencron hist. volksl. 2, nr. 191, 17.

vergl. auch zeitschr. für d. alterthum 7, 551 und Franke s. 59. es hängt dies damit zusammen, dasz auch in der 1. 2. plur. sîn, sît im mitteldeutschen zuerst aufgekommen sind, sowie dasz hier die 3. plur. auch sonst früh ihr t verloren hat und dadurch mit der 1. plur. gleichformig geworden ist. im alemannischen und bair. findet sich sin, sein seit dem 15. jahrh., s. besonders bair. gr. s. 299, so bei Osw. v. Wolkenstein (s. das glossar), ferner z. b.: item Michel von Ehenheim und Ludwig Haller, seind hauptleute, die sein auszgetzogen von hinnen an sant Johanns obent Baptiste. d. städtechron. 2, 297, 9 f. (Nürnberger quelle von 1450, hat sonst sint); der uberwant die Tüschen und lüt, sin geheiszen Valwen. 8, 28, 31 (Closeners chron. von Straszburg 1362, sonst sint, z. b. 32, 7); daz ire kamern mer vol mit gtem confecte ... sein dann mit pettpüchern. Steinhöwel decam. 419, 23 Keller;

alle die hie vorsampt sin!
vornemmet wol die redde minn. Alsfeld. passionssp. 3;

dri zungen das vorstehen,
die vor dem crucz hengehen,
Krichs, Juddes und Latin:
den drien die schrifft kunt sin. 5737 (sint nur in den zusätzen, v. 7605);

ebenso nhd. sehr verbreitet, ohne dasz sich eine locale begrenzung angeben liesze, in neuerer zeit natürlich nur in mundartlich gefärbter schreibweise: alle fürkeuf sein gänzlich verboten. tirol. weisth. 1, 107, 8; die 8 , die mir deszhalb ausz der loszungstuben gegeben sein. Tucher haushaltb. 142 (vgl.α); von e. l. szein mir .. ij schreyben zcukommen. brief d. sächs. kurf. vom j. 1525 bei Frank s. 59; je mehr sie zürnen, toll, und unsinnig wider mich sein, je weniger neme ich michs an. Luther 6, 346a; ist fleischlich gesinnet sein wider gott, so sein warlich die besten gute werck unrein und sünde. 388a (Just. Jonas); denn es mus je ein schatz und edles pfand sein, dadurch die sünde aller welt bezalt sein. 390a (ebenda kurz vorher: so sind allzeit diese drey stück .. bey einander); aber ir Lutherischen nembt solche sprüch nit z herzen .., wann sie sein wider euch. H. Sachs dial. 3, 7; ei, der bapst und die seinen sein nit schuldig gottes geboten gehorsam z sein. 4, 6; ich glaub, dasz vilmehr die pfaffen ... seelworger und seelschürger .. sein gewesen. Kirchhof wendunm. 1, 561 Österley (1, 2, 112); erstes buch desz alten Pommer - landes, darinnen beschrieben wird, .. was darausz für vornehme züge in andere provincien .. vorgenommen seyn. Micrälius (titelbl.); die augen seyn spiegel des hertzes, und schildwächter des leibes. Butschky Pathmos s. 280; wir leben .. in einem lande, wo die künste wegen vieler herrschafften zertheilet sind .. wir leben auch zugleich zu einer zeit, da die Deutschen fast nicht mehr Deutsche seyn. Hoffmannswaldau ged. 1, vorr. a 6a; ach, mein goldenster herr seelsorger, sie seyn sehr gütig, dasz dieselben von einer kleinigkeit ein solch wesens machen. d. erzähler des 18. jahrh. s. 106, 23 Fürst; sie sein ja so ein arger fliegentöter wie der römische kaiser Domitianus. Anzengruber3 1, 146; kranke sein oft wunderlich und ihnen musz man halt nachgeben. 235;

ihre brüstlein und die sind hart
recht als sie weren geschnitzet,
sie sein sich von hocher art. bergr. s. 34, 11 neudr.;

mancher narr der ist also thümm,
maint etlich leüt dj sen frumm.
ain weiser hält sich baider seyt,
halb holtz halb horn das schies weyt.

[Bd. 16, Sp. 236]



dj selben frumm gehaissen sein,
als sawerprunn ist gter wein.
wann nimant sich vermessen soll,
zedienen zwaien herren wol,
dj an ainander wider sind,
als man im evangeli findt.
Schwartzenberg Cic. 128c f.;

zu welchem end', erzehl' ich seine proben hier,
da sie euch wol, so wol bekand doch seyn, als mir?
D. v. d. Werder Ariost 11, 5, 4;

durch dich die waffen nun seyn keiner ehren werth. 26, 4;

ach wie viel herren wol, und ritter seyn auff erden. 27, 1;

komm, komm, und lob den schöpffer dein,
weil andre vöglein schlaffen seyn. Simpl. 1, 28, 7 Kurz;

der kräuter stille kräffte
seyn euch gantz offenbahr.
Fleming ged. 62 (auf derselben seite sind im reime);

wandl' ich über Grunheide bis an den kühlen Rhein,
alle meine gedanken bei meinem feinsliebchen sein.
A. v. Droste-Hülshoff 1, 101.

selten auch zweisilbig seien: so ist die zeit, so von anfang der welt, bis auff der apostel zeit, eben als wol ein selige zeit wesen, als die jetzige zeit ist. dann es seyen die lieben patriarchen, so an die verheissung gottes von Christo ... geglaubt, eben so wol selig worden, als man zu unser zeit durch den glauben ... kan selig werden. Gretter erklär. der ep. Pauli an die Römer (1566) 784.
δ) lautliche entstellungen aus sîn sind die (in mundarten weit verbreitete, in der schriftsprache seltene) kürzung sinn, z. b.:

wann mich bedünckt in meinen sinnen,
es sinn bey sieben pfundt darinnen.
H. Sachs fastn. sp. 4, 52 neudruck,

sowie die noch weitergehende schwächung zu sen: auff das jar (1503) auff den 15. tag october kamen gelabhafftig brieff von Fenedig gen Augspurg, wie dasz bei 23 schiff kommen sen von Kallekutt gen Lyssiban und hand pracht bei finf und dreissig zentner allerlai spetzerei. d. städtechron. 23, 445, 12 (Augsburger chron.); so die furleit nit wezalt sein, der xiij geste ich nit; dann als vil sy gefurt haben, sen sy als wezalt. Chmel urk. Max. 302 (vom jahre 1508); sy sen, ob got will, jtzt baide beyainander in den ewigen fraiden. Schwartzenberg 149a;

z dir sen all mein sinn gestalt. 145a.


ε) die contaminationsbildung seind (aus sind und sein) begegnet zuerst bei oberdeutschen autoren des 15. jahrh. und ist in der nhd. schriftsprache des 16.—17. jahrh. überaus häufig; dann ist sie wieder aufgegeben und findet sich später höchstens noch vereinzelt in bewuszt alterthümelnder redeweise. vgl. Weinhold alem. gramm. s. 351. bair. gramm. 298. sehr häufig stehen andre formen daneben, vgl. oben g (einleitung) und f, η. belege: und trgen in (den toten kaiser) enhalb der prugg z unser frawen, da die crutzer seind. d. städtechron. 4, 62, 1 (Augsburger chron. von 1368 bis 1406); ir seind bei 200 raisiger darinn. 5, 258, 5; darinnen sie bisher rbigclichen gewesen und noch seint. 25, 61, 35; am zechenten seint die Haimbinger berechtigt, mit irem vich ... die waid zu besuechen. tirol. weisth. 2, 61, 25; wellicher thail dan der anlaitung nicht nach käm, der soll aussrichten und bezahlen alle die schäden, so daryber gangen seint auf den tag. 4, 173, 41 (vom j. 1473); hochfart und neyd seind gewonlich bey ainander. Keisersberg v. d. 7 schaiden cc 5a; das seind drey fält und gestalt dreyer tugent, und sint nit tugent. 5b); ists offenbar gnug, das die schlussel nit allein sanct Petro, sondern der gantzen gemein geben seint. Luther an den christl. adel s. 13 neudruck; seynd das nit vordrieszliche teuffelische fundle? 23; denn es seind allein blosse wort, und vergeblich geschwetz. Just. Jonas bei Luther 6, 427a (weiter unten: denn meine missethat sind uber mein heubt gangen, wie ein schwere last sind sie mir zu schwer worden); seint sie aber sündigen. H. Sachs dialoge 2, 26 Köhler; die umbgelegne clösterle, die gleichwol iezundt diser zeit mertails auch verschluckt und hindurch seindt. Zimmerische chron.2 3, 601, 6 Barack;

sie han getan ir besten fleisz,
wie wol si seind geschlagen.
Liliencron hist. volksl. 1, nr. 115, 21 (vom jahre 1462);

si seind nicht wert, dasz sie ein schwert
mer nemen in ir hende. 22 (dagegen:

und welche da gestorben sind : kind. 25);

doch seind die zwen nit genesen. 2, nr. 151, 265 (vgl. α);

[Bd. 16, Sp. 237]



und wa zwai herzenlieb bei ainander seind,
die zwai sollent sich basz besinnen.
Uhland volksl.2 s. 41 (16, 6);

ach ihr wenglein die haben zwey grübelein,
die seind darein. bergreihen s. 67, 6 neudr.;

die welschen hüt ich meyn ...
seind hie zu land nicht viel. 84, 20;

für ertzhuren seind sie zu achten. Ambras. liederb. 229, 10;

in dem, als durch die flucht die christen meist entronnen,
ward dieser hertzog selbst gefangen von dem feind,
drob seine zelten auch verlassen blieben seind.
Dietr. v. d. Werder Ariost 1, 9, 8;

ja, seelig, seelig seind dreymahl
die, so auff diesen felsen bawen.
Weckherlin ged. 7 (ps. 2, 15);

ach herr! mein leib und glieder seind
nunmehr .. so schwach, dasz meine freind
mehr, dan mich trösten, trawren;
hingegen meine feind seind frölich. 19 (6, 7);

er kömmt, er kömmt, ein könig,
dem warlich alle feind
auf erden viel zu wenig
zum widerstande seind.
P. Gerhardt nr. 10, 72 Gödeke;

und wolte wolte gott, es were nur der feind,
den ich noch nie gescheut! so musz allein ich klagen,
dasz ich an diese soll, die meine kinder seynd.
P. Fleming 117;

in absichtlich archaisierender rede wieder eingeführt:

die knecht geflohen seynd.
Tieck ged. 2, 110;

die liebsten kumpan seynd das mir. Oct. s. 110.


ζ) zweisilbiges sîent:

sechs edler fürstin claur und fin
die siend all zuo ir behafft.
Herm. v. Sachsenheim mörin 2413.

ebenso nhd. seyhent: es kann nit sein, dasz cisternen gewesen seyhent. Seb. Münster bei Kehrein 1, 280 (oder conj.?).
η) folgende form ist wol nichts als ein druckfehler:

die selben oden, falschen zungen
von Babilonia sidt entsprungen.
Murner schelmenz. vorr. 54 (in der 2. vorr. dafür sindt).


h) in der 2. plur. steht an stelle des ältern birut, birt, birnt u. s. w. (s. e) im mhd. gewöhnlich sît, so schon im Leidener Williram durchweg siit. dafür ganz vereinzelt zweisilbige formen:

wes ûwer wille kegen mir gert,
des siet ir von mir gewert. livl. reimchron. 408;

(als imperativ:)

ir Sameiten siet gemeit. 4685 (wol einsilbig zu lesen);

ire sihet in Hiesus plicht
und siehet eme underthain. Alsf. passionssp. 3837 f.,

neben gewöhnlichem sit 456. 7343. 7904, sijt 7343 und sogar sint (s. unten):

ach ir snoden Judenkint,
wie gar hesszigk ir alle sint
Hiesu dem gerechten! 3969.

bairisch - österr. früh zu seit, seid entwickelt, und so im nhd. durchweg; daneben mundartlich mit enklitischem (meist pleonastischem) pronomen seitz, seyts, seyz, seicz, so im 'ring' Heinrich Wittenweilers, s. Weinhold bair. gramm. § 296;

her Hafenschlek, ir seicz ein chnecht,
der wider got und widers recht
wüsten wil die häiligen e. 18c, 20;

darumb, her Straub, ir seitz ein man,
der der erczney so vil chan. 26, 38;

herr, ir seyts der äyn,
der uber uns gesaczet ist. 41c, 43:

im alemannischen, wo die 2. plur. überhaupt die endung -nt angenommen hat, ist seit dem 13. jahrh. die gewöhnliche form ir sind, die auch noch dem nhd. des 16. jahrh. geläufig ist, vgl. Weinhold mhd. gramm. s. 383, alem. gramm. s. 351 (sint neben sît im reime) und mhd. wb. 2, 2, 293b: umb daz ir dez landfridz gemant worden sind. d. städtechron. 4, 189, 2 (schreiben von 1393); nu sind ir heilig und müeszet also sterben in dem glauben. 5, 91, 2; dasz jr mit gten schwencken und kurtzweiligen bossen z yeder zeit .. gefaszt sind. rollwagenb. 4, 4 Kurz; kömpt här z mir, alle die jr müyselig unnd beladen sind. 10, 12;

hüetent iuwer ôren,
oder ir sint tôren.
Walther v. d. Vogelweide 87, 26 (handschr. C);

Schanteclêr klagte sîniu kint,
er sprach: 'künec, wir wiʒʒen daʒ ir sint
unser rehte rihtære'. Reinhart 1858 (vgl.
Grimms anmerk.);

[Bd. 16, Sp. 238]



wann ir sind aller manheit voll,
Liliencron hist. volksl. 2, nr. 130, 7;

jungfrauw! ir sint edele,
ir sint ein weidelich wip.
Uhland volksl.2 62 (36, 7);

nu geht von stat, ihr lieben kindt,
weil ihr zusam vertrauet sind,
so legt euch nu an eure ru!
Ackermann s. 46 Holstein (Tobias v. 1034).

für sint wird vereinzelt sient und send geschrieben: lieber freunt, ir send heut am morgen ausz meinem hausz geritten und hapt zu morgen hie geszen, wie ir aber umbgeritten oder wa ir gewesen sind, das weisz ich nit. d. städtechron. 5, 108, 3—5; von dez wegen wann ir ain vicari und gelid dez richs syent. 341, 25;

herr marschalk, syend ir berait?
Herm. v. Sachsenheim mörin 1515;

als imperativ:

darumb so syend hüt gelich
und helffent sterben disen man. 1446.

im ältern nhd. auch seind: fraw, gend ir eüch inn der sünd, darumb jr dann z dem todt gefüret worden seind, nit schuldig? Galmy (1540) 124b; ebenso als imperativ: fraw seind getröst, es sol eüch .. wol ergon. 125a. nicht ganz sicher ist die person in folgender stelle: lasst mir den mann ungeheyet (ungeschoren); ich weisz nicht, ob er oder ihr die gröste narren seind. Simpl. 2, 199, 30 Kurz. vereinzelt wirft dies sînt, seind, nach alemannischer weise, sein t ab, sodasz die form als sîn, sein erscheint:

daʒ ir ze helfe sîn gesant
Troiæren ûf der Kriechen schaden. troj. krieg 32574.


i) die mundarten gehen in der gestaltung der pluralformen stark auseinander. nach Weinhold alem. gramm. s. 351 wären in den heutigen alemannischen dialecten die personen des plur. völlig gleich, und zwar in der Schweiz sind (send) und sî~, in Schwaben sind, im Elsasz sinn. die idiotiken u. s. w. kennen solche einheitliche formen nur theilweise, so Hunziker 240 (mr, dr, si sind), Tobler 420b (sönd oder send), Frommann 2, 112 (schwäb. sint, daneben simmer). andere unterscheiden dagegen die personen, so Seiler 268a (si, sitt, si und sinn), Frommann 3, 207, 20 (sinn, sint, sint); 4, 325 (mundart der Walser: mr šind, er säid, šie šind), 4, 17b (Schmidts idiot. Bern.: syt estis et este, aber sy, sunt), vgl. noch 6, 130, 3 (śenn sind); 5, 115, 17 (elsäss. simmer). — das bair.-österr. gebiet ist durch die eigenthümliche form der 2. plur. mit enklitischem pronomen es seits (vgl. h) gekennzeichnet; die 1. und 3. person werden in der regel zusammengeworfen. im einzelnen werden folgende formen aufgeführt: bair. mier, si seind, sánd, sán', hánd, hán'; es seits, sáts, heits, háts. Schm. 2, 202; im 'Donau-Lechwinkel' mir sein, es saeds, si sein. Baierns mundarten 1, 306; tirol. mier, sie sein, senn, send, henn, hend; es seits. Schöpf 667; sand in Baiern, Salzburg, Österreich, Obersteier, auch sând, z. b. um Passau. Weinhold bair. gramm. s. 299, nürnberg. senn, s. 298; für die 3. pers. werden ferner angeführt send, sönd. Hartmann-Abele volksschausp. s. 598, sãi Frommann 3, 331, niederösterr. san 6, 253, ii; für die beiden ersten kärnt. seimar (sind wir), seits. 5, 254, 52. 56. im cimbr. ist der unterschied der personen erhalten: bir sain, ir sait, seü seint. cimbr. wb. 224a. eigenthümlich sind die formen mit anlautendem h, die sich besonders in den böhmischen mundarten finden, vgl. Baierns mundarten 1, 364, 11 (mie hán, hánd im bair. wald). 437 (sann satts bez. han hatts sind seid, letztere überall in Westböhmen, auszer am rande, doch daneben auch miar, si senn. ebenda, vgl. s. 420). Frommann 5, 410, 10 (südböhm. sats, hats ihr seid). Weinhold bair. gramm. § 190. — in den mitteldeutschen mundarten besteht überall eine gemeinsame form für die 1. 3. plur., diesz ist für viele dialecte zusammengestellt Baierns mundarten 1, 288, danach obersächs.-erzgeb. mer, si sein, nordvogtl. sai, ostfränk. sin (Würzburg), san, sá~n, sen, vereinzelt sei~, südvogtländ. sen. vgl. auch Frommann 1, 122 f. (fränk. thür. sie sein, senn). sonst werden verzeichnet fränk. henneb. senn, säit Frommann 2, 407, 11. 5, 266, 1. 270, 10 (semme sind wir); nassauisch sein (sinn, sin) Kehrein 1, 374; luxemb. sen, sit Gangler 414; schles. sein, sên, senn, 2. pers. seid Weinhold s. 128, siebenbürg.-sächs. seng~, seg~d Frommann 4, 281, 19; thür. säin, säid Regel 115; nordthür. sin, siit Schultze 11, sint, sît Liesenberg 77; altenb. sin, sid Pasch 79, leipzigerisch sinn (vornehmer sein), seid (sidd) Albrecht 53 f.; erzgeb. sein, seid Göpfert 86; schles. sein (sên, senn), seid Weinhold dialectforsch. 128. — das nd. zeigt wie das fries. und engl. durchweg zusammenfall aller 3 personen des plurals. diese gemeinsame form lautet gewöhnlich sint, auch

[Bd. 16, Sp. 239]


sünt, sunt (bei enklise sin, sün, sun wi, ji, mundartlich schon in ältern quellen binnen, binen und binnen, s. Schiller-Lübben 5, 695b). nur das westfäl. kennt daneben auch sîd, s. Woeste 237a. Frommann 3, 260, 18 (märk. Süderland), vgl. 4, 272, 99. 101 (märk. siffi, sinfi sind wir); und ein theil der nördlichen mundarten hat dem sing. eine form bünt nachgebildet, so in Südschleswig, s. nd. korrespondenzbl. 10, 18 (dagegen in Angeln sind, vgl. auch 16, 77) und aer (jetzt seltenere) nebenform in Ostfriesland, s. Stürenburg 321b (bind und sünd). ten Doornkaat Koolman 3, 543b. Frommann 4, 132, 79. formen der fries. mundarten verzeichnet Siebs s. 151.
k) geringere abweichungen bietet der conjunctiv.
α) zunächst ist zu erwähnen, dasz im mhd. neben dem gewöhnlichen conj.u. s. w. formen von wesen stehen ohne jeden sinnesunterschied, vgl.:

daʒ dû sîn vriunt wesest gt
unde im niht sis gehaʒ.
Heinr. v. Krolewiz vaterunser 3347 f.

weitere belege s. mhd. wb. 2, 765b. Lexer hdwb. 3, 799a. häufiger ist wese mnd. und mnl. neben gewöhnlichem sî.
β) die gewöhnliche form des conj. ist im mhd. sî sîs(t) sî sîn sît sîn. daneben finden sich besonders im alemannischen zweisilbige formen, theils sîe sîen u. s. w. geschrieben, theils mit dem spiranten j als übergangslaut sîge sîgest sîge sîgen sîgent sîgen(t). obwol diese formen erst aus späteren quellen bezeugt sind, will Weinhold alem. gramm. s. 351 in ihnen die alterthümlichsten sehen, indessen trotz der übereinstimmung mit dem got. sijau, sijais u. s. w. mit unrecht. die indogermanische flexion des opt. zeigte nämlich einen wechsel zwischen sing. und plur. siḗm (bez. syḗm) siḗs siḗt — sīmés sīté siént. dieser ist indessen vielfach zu gunsten des ī der pluralformen beseitigt, so im classischen lat. und so jedenfalls auch im urgermanischen. die so entstandenen formen mit durchgängigem î sind im ahd. ausnahmslos und auch mhd. in der regel erhalten (ebenso mnd. mnl.). wo dann zweisilbige formen mit modusvocal nach dem i auftreten, beruhen diese sowol im got. wie im hochd. auf übergang in die thematische flexion. die belege beginnen mit dem 12. jahrh., so mehrfach im Rheinauer Paulus, s. Kraus ged. des 12. jahrh., ferner mhd. wb. 2, 2, 293b f.:

nu bit hich die chnabin drie,
daʒ si mir helvinde sien. Rheinauer Paulus 24;

'nu horet alle', sprachen sie,
'swie [wie?] eʒ umb die rede sie'. pass. 37, 49 Köpke;

ein stein heiʒt elitropîe.
nû hœrent wie dem sîe.
Volmar steinb. 446;

des sie mîn sêle ûwer pfant. livl. reimchr. 552 (u. öfter);

was in min frow gezigen hab,
das syen als herdauchte mear.
Herm. v. Sachsenheim mörin 1773 (vgl. die anmerk. zu v. 265);

danach sind die formen des sing., obwol zuweilen mit ye geschrieben, einsilbig zu lesen, während die für ind. und conj. gleichlautenden pluralformen auch zweisilbigkeit zulassen:

und gebent wis ret,
wer dies boten syen,
und doch nit under dryen. d. spiegel, bei
Altswert 185, 32;

want du nimmest dich an, du sijest got. Alsf. pass. 4308 (sijhest 3517, siest 849, siestu 7900);

Ys sijhe der lieb adder leit. 3424 (ebenso 875. 4465. 7860, sihe 7585, sie 6558, sij 112. 2161);

nu horet alle und vornemmet mich,
er sijhet alt, jung, arm adder rich. 2 (sijt 618);

der doit macht alle dingk glich.
sie sijhen arm adder rich. 2196;

got vater in der ewigkeit,
gelobt sigist in der gotheit.
Liliencron hist. volksl. 2, nr. 144, v. 2;

Isaac sprach: 'go her z mir, das ich dich betaste, ob du Esau sigest'. d. städtechron. 8, 254, 21 (Königshofen); darumb wil ich, daʒ ir bi mir sigent. 305, 11; was er übels geredt hab, daʒ sîe in ainem zorn geschehen und sîe im laid. tirol. weisth. 3, 344, 17 f. (quelle vom j. 1427). die 4. bibelübersetzung hat neben einander syhe, sijen, sien und sey, s. Kehrein 1, s. 279 f.
γ) diese formen setzen sich auch im ältesten nhd. noch eine zeitlang fort. namentlich sind sie üblich bei Keisersberg, z. b.: du syest von natur wie tugenthafft du wöllest .., du sigst

[Bd. 16, Sp. 240]


dar z wie vernünfftig du wöllest, .. disz alles macht dich got nit angenem. bilg. 86b f.; nitt dasz ich gott deszhalb dester nützer syge. patern. F 5c; gedenck am ersten von dir selbs, ob du sygest in todtsünden oder nitt. P 2c; was im durch das gebet z schen, heischen oder z begeren syge. D 4d; darumb so verlyhe uns, dz wir teilhafftig sygent des brots. R 5a; so wir erkennen und glauben, solliche vorgesagte ding von im, das sy in im sygent. F 5b. ferner im Terenz v. 1499: ob ich sunst ich wöll? ya, wenn du by disem ritter bist, das du von im syest, und mich tag und nacht lieb habst, myn begerest, das din traum von mir sy, myn wartest, myn gedenckest, mich hoffest, das din wollust ab mir sy, das du gantz by mir syest. 41b f. und noch in Wickrams rollwagenb.: wie darffst dus reden, dasz ich dir schuldig sye? 21, 14 Kurz; gebt uns ein schwr, der da nit z klein, auch nit z grosz sye. 90, 20; so der gantz kirchhoff gewycht syge. 136, 24. ferner: dasz er ein tütscher fürst oder graff, und ein glid des richs sige. Tschudi 1, 2a; die besser und die gerechter urteil sige. 2, 543b; als Lucern und Zug für jr rechte herrschafft ... durch si selbs vorbehalten und uszbedingt sige. ebenda.
δ) vereinzelt auch im ältern nhd. einsilbige formen ohne diphthongierung, besonders im alemannischen: es ist dir besser du sigst by erbern frummen lüten .. dann das du allein siest. Keisersberg bilg. 57d; ich glaub, etlich sie haben gemaint, der leubhaftig deufel si vorhanden. Zimmerische chronik2 2, 577, 18 Barack;

was es sig für ein gsind
die selben galgenkind.
Uhland volksl.2 280 (142, 2);

das er reyn sig von sünden gar.
Brant narrenschiff 29, 32;

(der papst) wil darfür gehalten werden,
dass er sig ein gott uf der erden,
darumb treit er der kronen dri,
dass er über all herren si
und sig ein statthalter Jesu Christ,
der uf dem esel geritten ist.
Manuel s. 107 Bächtold (von papsts u. Christi gegens. 91—96).


ε) die gewöhnliche nhd. schriftsprache gebraucht durchweg formen mit diphthong, doch stehen einsilbige und zweisilbige von anfang an neben einander. da nun letztere zum theil vom heutigen sprachgebrauche anerkannt, zum theil dagegen aufgegeben sind, und da auszerdem in den pluralformen sich vereinzelt noch weitergehende abweichungen infolge von vermischung mit dem indicativ finden, so empfiehlt es sich die einzelnen personen gesondert zu betrachten. vorangestellt seien die angaben der wichtigsten grammatiken und wörterbücher: Clajus: sey-seiest-seyseien-seiet-seien; Schottel: sey - seyst - sey - seyn oder sindseyd-sind oder seyn; Frisch: sey-seyst-sey-seyen-seyet-seyen; Gottsched: ich sey, nicht seye- du seyst, nicht seyest- er sey, nicht seye- wir seyn, nicht seyen- ihr seyd- sie seyn, nicht seyen; ebenso Adelung, dagegen Campe, dem heutigen sprachgebrauche entsprechend: sei - seist, seiest-sei-sein, seienseid-sein, seien. durchgängig wird die einsilbige form bevorzugt, wenn das pronomen nachfolgt.
ζ) in der 1. 3. sing. ist die form seie, seye von der grammatik niemals aufgenommen, von Gottsched 302 sogar ausdrücklich bekämpft (s.ε, in der anmerk. erwähnt er abweisend eine sonderbare unterscheidung, wonach seye in verneinenden, sey in bejahenden sätzen seine stelle habe). ebenso ist sie heute ganz auszer gebrauch gekommen. trotzdem findet sie sich in der litteratur nicht selten, und zwar bis in unser jahrhundert hinein: und das seie von alter recht. tirol. weisth. 1, 145, 13 (handschr. von 1565); drittens ist beschlossen worden, das ainer, am welichem ort das seie, vor der albfart ninderst merer treiben oder aufkern solle. 64, 28 (vom jahre 1677); dasselbe auch anderem billich vorzuziehen seye. eselkönig s. 223 (kurz vorher: vorzuziehen sey); auf wasz weisz er durchkommen seye. Baierns mundarten 1, 138, 3 (bair. schausp. von 1701); damit er zu seiner zeit .. zur cron undt regierung des reichs vechig seye. 205, 28; er habe gehört wie unwürdig man an seinem schwager bundbrüchig geworden seie. Göthe Götz von Berlichingen 4 (Weim. ausgabe 8, 127, ausgabe von 1773, sey in der ausgabe letzter hand 8, 123; 42, 160 steht dafür wäre); das wetter will nicht leiden dasz die probe im garten seye. briefe 6, 2;

seegen, fried', einigkeit seye das band,
dasz da verknüpffe sinn, hertzen und hand.
Scherffer ged. 150;

[Bd. 16, Sp. 241]



fest seye verknüpfet das ehliche band,
mit lieber einschlagung der fürstlichen hand! 167 (vgl.
Drechsler s. 53);

er kennt sich selbst nicht mehr, meint, alles seye schein.
Haller ged.10 59;

als seie nichts geschehen,
so musz ich völlig meinen.
A. v. Droste-Hülshoff 1, 260.


η) in der 2. sing. ist die zweisilbige form verhältnismäszig selten, z. b.:

mit kleinen kosten leer ich dich,
wie dich solt richten in dem stich,
das auch gefast seigest hierin,
so etwan must schlucken den wein.
Wickgram kunst zu trinken (1537) 3, H 3a.

von den grammatikern hat sie nur Clajus recipiert. ganz feststehend ist die form seist bei nachfolgendem du, so in den sehr gewöhnlichen formeln zu anfang von kirchenliedern, wie:

gelobet seystu Jesu Christ!
Wackernagel kirchenl. 3, 9 (
Luther);

gegrüszet seyst du, gott mein heil.
P. Gerhardt s. 46 Gödeke, —

der weitaus häufigsten verwendung dieser form überhaupt.
θ) in derüberhaupt seltenen — 2. plur. ist die einsilbige form noch entschiedener herrschend (seiet nur bei Clajus, s.ε). auf der alemannischen mundart beruht folgende form: ich hab euch nur gefragt, ob jr ein hr seyen? Wickram rollwagenb. 20, 6 Kurz (vgl. 2: fraw, sind jr nit auch ein hr?).
ι) in der gewöhnlich gleichlautenden 1. 3. plur. wird dagegen eher die zweisilbige form bevorzugt: er denkt, wir seien nicht zu hause und ähnl.; wenn sy das podagra oder czipperlein haben, so geben sy z versten es seyen ander kranckheit. Steinhöwel decam. 419, 31 Keller. in der ältern sprache dafür seigen geschrieben:

dann darumb auch die Francken führten
jnen selber zu sondern zierden
die gilgen, dadurch zubezeugen,
dasz ein recht freyfranck volck si seigen.
Fischart dicht. 3, 348, 58 Kurz.

dagegen: wye dy mal und wirtschaft sein zu halten. Albr. v. Eyb elich weib a 2a. doch ist zu beachten, dasz diese eigentlichste verwendung des conj. präs. immer mehr aus der gewöhnlichen sprache schwindet und dafür der conj. prät. oder der ind. eintritt. in der aufforderung aber, wo der gebrauch des conj. noch ganz lebendig und überaus häufig ist, wendet man wegen des nachfolgenden pronomens auch hier fast durchweg die kürzere form sein an: sein wir gerecht! sein sie mir nicht böse u. s. w.
κ) in der ältern sprache finden sich zuweilen abweichende formen, so zunächst das aus dem ind. eingedrungene sind, von Schottel neben seyn (für die 1. und 3. pers.) zugelassen; hiermit wird zu verstehen gegeben, dasz doch alle leuthe in der welt, sie sind auch wer sie wollen, das zeitliche leben lieb haben. Olearius Lokmanns fab. 113b (14). — so auch die mischform seind, von Adelung für die 3. plur. als oberdeutsch verzeichnet, doch früher auch in der 1. üblich: die widersacher aber, die reden davon, als seind wir nicht Christi reben, sondern Moisi. Just. Jonas bei Luther 6, 427a. — dagegen beruht die im ältern alemann. belegte form seyent wol auf der dort üblichen vermischung der 2. und 3. plur.: item Gregorius ... sagt dz seine werck oder würckungen, seyent unser underwysung. Keisersberg paternoster E 3b.
λ) formen der lebenden mundarten: schweiz. seig, seigišt, seig, seige und sîg, sigist, sîg(i), sigi, -it, -it s. Hunziker 240. Seiler 268a. Frommann 3, 207, 20. 4, 17b. 5, 406, 1. 6, 408, 25; schwäb. sei, seist, sei, seiet oder seie. 2, 112; bair. sey Schm. 2, 202; cimbr. sai er, saibar, sain seu. cimbr. wb. 224b; niederbair. y sä Baierns mundarten 1, 229, 127; westböhm. sa s. 437; luxemb. ech séw, du séws, é séw, mir séwen, dir séwt, se séwen. Gangler 414. in vielen mundarten, namentlich den meisten mitteldeutschen, ist der conj. ganz auszer gebrauch. die nd. bilden ihn noch zum theil von wesen, so ik wese brem. wb. 5, 240, wääs Stürenburg 321b, vgl. auch Adelung. daneben indessenSchambach 192a. Frommann 3, 260, 11 (märk. Süderland). jene weise scheint der küste, diese dem binnenlande anzugehören.
l) der imperativ hat keine alte von der wurzel es oder bheu gebildete form. im got. wird er durch den optativ ersetzt, vgl. Grimm gramm. 4, 83, in den andern sprachen von wesan gebildet: altn. ves, ver, ags. wes (daneben bío, béo), altfries. wese, alts. ahd. wis, anfr. wes, mnd. wese, mnl. wes; mhd. wis, daneben in den nördlichen mundarten auch wes, wese:

[Bd. 16, Sp. 242]


alsô wes mîn zunge und mîn munt. Rolandslied 1512 (55, 5);

wes willekome, lîbeʒ wîp.
Eilhart v. Oberge Tristan 3031;

du wis (handschr. wese) niht alsô gæhe. Virginal 978, 8.


α) für dieses kommt früh eine neubildung bis auf, die jedenfalls entstellung von wis in anlehnung an die 2. sing. ind. bis(t) ist. sie findet sich am frühesten und häufigsten im alem., hier sogar schon ganz vereinzelt in ahd. zeit: a dibilibus arcearis fona lamem pis kiduungan. ahd. gloss. 1, 425, 44 (Rb). seit dem 13. jahrh. ist sie oberd. und mitteld. in allgemeinem gebrauche (neben wis). vgl. Weinhold mhd. gramm.2 s. 382. alem. gramm. s. 352. bair. gramm. s. 300. mhd. wb. 1, 128a. Schm. 2, 291 f. dem mnd. ist sie fremd geblieben, wol aber findet sich bes im spätern mnl. ich stelle zunächst einige mhd. belege zusammen:

gelobt bis, hôhiu Trinitât,
Vater, Sun, Geist,gelobt bis al der gnâden rât,
diu dû durch uns vil armeie begienge od noch durch uns begast.
Reinmar v. Zweter 231, 1—3 Roethe,

bis dêmüet und erbarme dich.
Marner 1, 37;

Colne, danke aller eren gode,
bis underdain sime gebode.
Gotfr. Hagen 2652;

bis diemüetic unde kiusch.
Ottokar reimchr. 700;

Bethlehem bis frô! 49467;

bis mit den freydenreichen fro.
Suchenwirt 38, 25;

sô bis verswigen gerlîch.
Oswald v. Wolkenstein 51, 1, 19;

du saligs kind, nu pis mein wirt!
Liliencron hist. volksl. 2, nr. 128, 368;

Maria maget keusch und rein, ...
bis den frumen fursten mit hilf bereit. 191, 218;

gott bis im gnedig. d. städtechron. 5, 163, 23 (vgl. das glossar). — auch derselbe autor gebraucht verschiedene formen neben einander, so wird bei Suchenwirt wis, bis (biʒ) und pis geschrieben, s. Koberstein 3, 38. die 'Wenzelbibel' hat bis, s. Jellinek 90.
β) in spätmhd. zeit wird dann zum infin. sîn und zum conj. ein neuer imp.gebildet, s. Weinhold mhd. gramm.2 s. 384. alem. gramm. s. 351 (die stelle aus Orendel lautet: nun sig lidig, und steht in der handschrift von 1477, s. die ausg. von Berger vers 1509). diese bildung ist im mhd. noch sehr selten und scheintim gegensatze zu bis — vom norden einzudringen. im mnd. und mnl. ist sie ganz gewöhnlich.
γ) im nhd. stehen die beiden formen sei und bis von vorn herein gleichberechtigt neben einander: (imp.) sey vel bis du, sis vel es. Clajus 114, 25 neudruck; ebenso geben Schottel und Stieler: bisz oder sey. dagegen sagt Frisch 2, 266b nur sey, kennt bisz nur aus der litteratur, s. 1, 97c. ebenso steht für Gottsched 303 sey du fest. Luther hat (nach Franke) bisz bis 1530; für H. Sachs belegt Shumway 144 nur sey, für Scherffer Drechsler 53 seie und bisz, in den von Kehrein gr. 1, § 385 beigebrachten belegen überwiegt bis, bisz weitaus; beides neben einander haben darunter Keisersberg, Albr. v. Eyb, Wicel und H. Sachs. belege für bis(z): o Pamphile bisz gegrüsset. Terent. (1499) 16b; eya du freündt gots, bisz vest unnd nym an dich die waffen Christi. Keisersberg granatapfel F 1b (aber: nun sy got wilkum du diener gotz. bilg. 68d); bisz mässig mit essen und trincken. Albr. v. Eyb spieg. der sitten 38a; sprich, man sol vater und mutter ehren, aber thue es nicht, bis jnen ungehorsam. Luther 2, 44b; bisz keusch, danck gott. Luther und Emser streitschr. 2, 115 neudruck; ferner rollwagenb. 76, 21. 103, 4 Kurz (s. unten); ach herr, bis mir gnedig. Zimmerische chron.2 1, 166, 19 Barack; lieber vater, bisz mir gnädig, vergib mir meine schuld. Neander menschensp. (1631) F 5a; bis, wer du warest. Logau 2, 61, 45 (überschrift);

gedenck an deines ordens ayd,
und bisz gehorsam, arm und keüsch.
Schwartzenberg Cic. 139b;

nun komm herein, bisz wilkumb mir.
H. Sachs 2, 2, 19d;

der könig sprach, bis willkom gast. froschm. D 2b;

bisz willkommen, bisz wîllkommen,
hochgelobte königin.
Fleming 433;

christ bisz nur nicht verzagt, mit wachen fasten bethen
kanstu das gantze heer der teuffel unterthreten.
Scheffler cherub. wandersm. s. 169 neudr. (6, 207);

o! bis mir denn willkommen heute,
bis willkomm schöner held (sonne)!
Claudius 3, 10;

komm, bisz mein liebchen, bisz mein weib!
Bürger 120a (als lesart, wol absichtlich archaisierend).

[Bd. 16, Sp. 243]



δ) heute ist bis noch in den Schweizer mundarten lebendig, s. Hunziker 240. Tobler 420b. Seiler 268a (bisch). Frommann 3, 207, 20. 4, 325; auch sonst vereinzelt bis, so in Altenburg Pasch 79, in Leipzig bis so gut, bis nich so dumm, in Köln bess, in den Sudeten bĭs und bīs. Albrecht 54, schles. bis, bes Weinhold s. 128, in Siebenbürgen bäs Frommann 4, 281, 19. aus bis ist in einigen gegenden bi geworden, so im Donau-Lechwinkel bi (daneben umschrieben das fei~ biš) Baierns mundarten 1, 306; im bair. wald bi štád (sei still). 64. 70; im Erzgebirge bî, aber in den städten bis. Göpfert 86. — andre mundarten haben sei, so schwäb. Frommann 2, 112; cimbr. sai du cimbr. wb. 224b; thür. säi, daneben mit angehängtem k (wie auch sonst bei imperativen) säik Regel 115, nordthür. sik Liesenberg 77. — von den nd. haben die küstenmundarten das alte wes, wese erhalten, s. brem. wb. 5, 240. Richey 338 (wese frahm). Stürenburg 321b (wääs, wess). ten Doornkaat Koolman 3, 543b (wêse, wäse, wês, ws, wes). dagegen herrscht im binnenlande sî, vielleicht beeinfluszt durch die nhd. schriftsprache, s. Schambach 192a. Woeste 237a. Frommann 3, 260, 18 (märk. Süderland: sy, auch biis). beides neben einander verzeichnen Dähnert 424a. Danneil 192a.
m) der plur. imp. wird ursprünglich ebenfalls von wesan gebildet: altn. vesið, ags. wesað, altfries. weset, alts. wesað, -at, ahd. uueset. daneben kommt in der mittleren zeit sît auf, also dieselbe form, die sich auch für die 2. plur. ind. und conj. festgesetzt hat (s. h und k, θ), welche personen ja gewöhnlich zusammenfallen. ganz vereinzelt bereits im ahd.: niomannen ni bliuuêt noh harm ni tuot inti sît giuago (contenti estote) iuuarâ lîbnarâ. Tat. 13, 18. später allgemein üblich: so mnd. sît, weset; mnl. sijt, weset, weest. im mhd. scheint sich weset im bair. am besten gehalten zu haben, s. Weinhold bair. gr. s. 300. mhd. wb. 3, 765b. Lexer handwb. 3, 799. Grimm gr. 4, 84. sonst ist sît das übliche. für dieses begegnen dieselben nebenformen wie im ind., vgl. unter h. namentlich findet sich das alemann. sînt, sind im 15.—16. jahrh. sehr häufig, vgl. alem. gr. s. 351: sint noch hüte starkes gemtes und fehtent unerschrokenliche umbe unserre stette ere. d. städtechron. 8, 82, 16 (Closener);

lieben kint,
sint vrœlich vrô engegen der lieben sumerzît! minnes. 1, 108a Hagen;

woluf mit richem schalle
und sind all frisch und geil!
Liliencron hist. volksl. 1, nr. 120, 1;

da berft si iren dienern allen;
si sprach: 'sind züchtig, und gend gt beschaid!' 2, 179, 175;

nun farent hin und sind gt khnab.
H. v. Rüte faszn. B 4;

so sind fürbass still in der nacht;
was wyters gen wöll, hand gt acht.
Jos. Murer belagerung von Babylon (1560) 3. act.

sonst herrscht im nhd. durchgehends seid (alle wörterbücher verzeichnen seyd). von west finden sich keine spuren mehr. mundartliche lautgebungen: syt Frommann 4, 17b (idiot. Bern.), sitt Seiler 268a, säid Regel 115, sît Liesenb. 77, seid Göpfert 86, sĭd Pasch 79. im nd. richtet sich der plur. nach dem sing.: an der küste weset brem. wb. 5, 240. Dähnert 424a. Stürenburg 321b (wääst, wesst), im binnenlande sît Schambach 192a (sîd) Woeste 237a. Frommann 3, 260, 18 (syd, sid, sind).
n,
α) ebenso steht im inf. neben dem alten wesan die neubildung sîn, doch tritt letztere hier schon früher auf als im imp. sie begegnet nämlich schon bei Isidor, ist bei Otfrid ebenso häufig als wesan und überwiegt bei Notker, s. Braune ahd. gramm. § 378, anm. 2. mhd., mnd. und mnl. stehen überall sîn und wesen gleichberechtigt neben einander, und zwar in denselben quellen. so steht z. b. in der livländ. reimchron. sîn im reime 195. 605. 747 u. ö., wesen 553. 1021 u. öfter (s. das glossar unter wesen). für Eckhart sucht Kramm, zeitschr. f. d. phil. 16, 36 ff. einen bedeutungsunterschied zwischen beiden nachzuweisen. im allgemeinen kann davon schwerlich die rede sein, abgesehen von den fällen, wo wesen das (regelmäszig durchflectierte) vollverbum ist.
β) für sîn mitteld. (thür.-ostfränk.) sî mit abfall des -n, sehr häufig im reime, s. Lexer handwb. 2, 928. Weinhold mhd. gr. s. 384 (auch im 'welschen gast' reimt sîn auf bî, frî u. s. w., s. bair. gr. s. 299). — bair.-österr. natürlich sein. — im spätern mhd. finden sich zuweilen formen mit unorganischem end-e: mit dem wil got niht allaine sine in dirre welte. er wil och bi im sîn in dem himel. Grieshaber pred. 2, 2;

Peter lieber bruder mine,
ich wel dine geferte sine. Alsf. passionssp. 7687 (vgl. 7784);

[Bd. 16, Sp. 244]



min edel lt wend mir nit gehorsam sine
und schafent dem lande pine.
Liliencron hist. volksl. 2, nr. 130, 3, 11.


γ) der inf. nimmt im mhd. häufig, ohne veränderung der bedeutung, nur aus gründen der syntax, ein ge- vor sich, so gewöhnlich, wenn er von hilfszeitwörtern abhängig ist. in diesem falle findet sich auch im nhd. noch häufig gesein, s. theil 4, 1, 4024 f., so z. b.: was tugend mag es gesein nit wein trincken, so wir ausz zorn truncken werden? Albr. v. Eyb spiegel der sitten 42a (und so gewöhnlich);

die weils dann ja nicht anders kan
gesein, und müszet schlechts daran.
Paul Rebhun Susanna 1, 240;

ach wie mögt grösser freud gesein.
H. Sachs 2, 3, 96d;

darumb jhr kriegsleut kans gesein,
stellt doch die gottes lestrung ein.
Ringwaldt lauter. warh. 91;

wie aber solches mag gesein,
befehlt dem starcken held allein. 207;

wenn aber das nicht kan gesein,
so schlegt er wie ein vater drein. 262.


δ) sonst durchweg sein. wesen ist im nhd. als inf. ganz aufgegeben, dagegen erhalten als selbständiges substantiv, s. das.hervorzuheben ist noch die im 18. jahrh. herrschende gewohnheit, das verbum als seyn von der pronominalform sein zu scheiden, vgl. Grimm gramm. 1, 524. die schreibung mit ey geht durch alle formen, die überhaupt den diphthong haben (pl., ind., conj., imp., inf., part.), sie herrscht in den wörterbüchern von Schottel (551 ff.) bis Adelung, s. noch Stieler 170 f. Steinbach 2, 586. Frisch 2, 266b f., besonders 267a. auch Göthe hat noch 1826 für die ausgabe seiner werke seyn u. s. w. vorgeschrieben, s. Weim. ausgabe 1, s. xxii.
ε) ein flectierter inf. begegnet schon bei Notker als ze sînne Braune a. a. o., mhd. ze sîne, s. Lexer handwb. 2, 928, z. b.:

alsô dâhte ich iemer frô ze sîne. minnes. frühl. 145, 6.

daneben auch ze sind, -e, eine form, die noch im ältern nhd. begegnet (besonders alem.): donoch sprach got zu der frowen: dorumb daz du begertest gotte glich z sinde und höher sin denne ich dich hette beschaffen. d. städtechron. 8, 237, 32; gt ist uns hie zesind. 4. bibelübersetzung (1470—3). Marc. 9, 4 bei Kehrein gr. 1, s. 280; da wöllend wir, dasz er den gwalt der kilchen gottes fürständig zesinde haben sölle. Tschudi 1, 24b.
ζ) auch die lebenden hd. mundarten zeigen durchgängig entsprechungen des alten sîn: schweiz.Hunziker 240. Seiler 268a, seh, sih Tobler 420b, sîn (zi sîn) Frommann 3, 207, 20, sî~ 4, 325; schwäb. sãi (flect. sãid) 2, 112; bair.-österr. seĩ Schm. 2, 202. Weinhold bair. gr. s. 299 (oberösterr. san, sonst saiñ) Schöpf 667. Lexer 231, daneben mit anorganischer weiterbildung seinen ebenda, ebenso cimbr. sain, sainan. cimbr. wb. 224b, ungar. sain (sôe~) Schröer 206a. 289a, oberpfälz. und westböhm. sa~ Baierns mundarten 1, 437; fränk.-henneb. gesei, sei, sen Frommann 2, 407, 11; luxemb. sen Gangler 414; siebenb. seng~ Frommann 4, 281, 19; thür. säi Regel 115, sinn Jecht 104b, sîn Liesenberg 77; obersächs. sinn Albrecht 54, sein Göpfert 86, preusz. sein und sind Frischbier 2, 337a, auch berlin. sind. — die nd. idiotiken führen meist wesen und sîn neben einander auf, so Dähnert 424a. 547 (siin üblicher). Danneil 192b. Mi 79b (wesen häufig für sin 106b). ten Doornkaat Koolman 2, 184a (sîn selten). 543b; nur wesen kennen die ältern Nordseemundarten, s. Richey 338. brem. wb. 5, 240 (dazu sien 6, 305). Stürenburg 321b (sien als hülfsverb unbekannt 246a), nur sîn das binnenland, s. Schambach 192a. Woeste 237a. Frommann 3, 260, 11.
o) im part. ist die alte form besser erhalten, got. wisands, altn. vesende, ags. wesende, ahd. uuesanti, -di. ebenso mnd. wesende, wesen; dagegen stehen mnl. sijnde und wesende neben einander, ebenso im mhd., z. b.: ich sage dir dc fürwar, dc du hinte mit mir wirst sînde in dem paradise. Grieshaber pred. 2, 149;

wand si Schoysiâne
der tôten meide muoter zôch
kint wesnde. Parz. 805, 8.

im alem. ist sînde seit dem 13. jahrh. nachzuweisen, vgl. Weinhold alem. gr. s. 351; dagegen verzeichnet die bair. gr. nur wesende. auch das älteste nhd. kennt noch wesend, ens, subsistens. Clajus s. 116, 24 ndr., besonders im bair. - österr. gebiete: die ausser lants und gerichts wesende salzkeufl und fuehrleit. tirol. weisth, 1, 33, 22 (hschr. des 17. und 18. jahrh.). die Breslauer kanzlei verwendet bis 1560 nur wesende, s. Arndt s. 90. stets hat sich wesend erhalten in den sehr gewöhnlichen zusammensetzungen

[Bd. 16, Sp. 245]


ab-, anwesend, s. das. beim einfachen verb. dagegen ist die regelmäszige form der nhd. schriftsprache seiend, so ausdrücklich angegeben von Schottel 553 (seynd) und Stieler 170 (seyend). es ist indessen eine auffällige thatsache, dasz der gebrauch dieses part. im nhd. für gewöhnlich gemieden wird, in schroffem gegensatze zu dem sehr beliebten holl. zijnde (vgl. Schottel 553), engl. being. Gottsched 303 giebt an ein wesender, bemerkt indessen dazu: 'dieses einfache mittelwort ist nun zwar nicht im gebrauche: allein, in der zusammensetzung saget man oft ein abwesender, ein anwesender. es geschieht nämlich im deutschen vielmals, dasz zusammengesetzte wörter gewöhnlich sind, wovon die einfachen das glück nicht gehabt haben, beliebt zu werden'. er scheint mithin seiend gar nicht zu kennen. wirklich dürften sich für dieses in mustergiltigem deutsch wenig belege finden: versäume nicht bald möglichst die folge meiner briefe zu senden; die noch hier seienden gehen über die hälfte von 1820. Göthe an Zelter 478. — die idiotiken verzeichnen ein part. präs. überhaupt nicht (schweizerisch 'sînd, sîndo oder síjond?' Frommann 3, 207, 20).
p) im prät. tritt überall im germ. das verbum wesen ein, das die gewöhnliche flexion der starken verben aufweist. die abweichungen und verschiebungen beschränken sich hier auf die auch sonst bekannten ausgleichserscheinungen. so ist in der 1. 3. sing. die alte form vas im altn. frühzeitig durch die analogiebildung var verdrängt worden. dagegen hat sich was im westgerm. durchgängig erhalten (mhd. was eʒ vereinzelt zu weiʒ contrahiert):

dô weiʒ dir irgangen,
alsô der wîssage sprach.
Diemer ged. 297, 18;

nur im nhd. ist war durchgedrungen. ganz vereinzelte spuren dieses war begegnen schon im 15. jahrh., s. Weinhold alem. gr. s. 353. bair. gr. s. 300:

an irem tochterlin,
d ware schon und minneclich.
Laszberg lieders. 3, 260, 241.

doch ist was im 16. jahrh. noch weitaus überwiegend. die Breslauer kanzlei hat bis 1560 stets was, s. Arndt s. 90. besonders gut scheint sich dieses bei den alemann. autoren des 16. jahrh., wie Manuel zu halten. die bair. wie Aventin, H. Sachs verwenden meist beides neben einander, vgl. Weinhold a. a. o. und Shumway s. 144. dieser belegte für H. Sachs was 2 mal, dazu wase 2 mal, dagegen war 3 mal und 1 mal ware. beide bildungen halten sich demnach die wage. eher hat sich war im mitteldeutschen durchgesetzt. Luther verwendet nach Franke 212 was nur bis 1523, später war. Clajus s. 114, 14 ndr. giebt an: ich war, du warst, er war, bemerkt aber dazu: pro war usurpatur aliquando was. andere belege für was aus dem 16. jahrh.: Herodes Ascolonita was gar wol dran mit dem keiszer Julio. Keisersberg postill. (1522) 3, 13b; sie was zfrü dar kumen. Pauli schimpf s. 298 Österley (nr. 520); das was ein newe unerhörte welt. Franck weltb. (1542) 221a; under andren mins vatters säligen schwestren, was eini, die hatt kein man. Thom. Platter 9 Boos;

Daniel was gantz jung der jar.
Schwartzenberg Cic. 110b.

die belege bei Kehrein gr. 1, § 385 enthalten nar ein war: der keyser Augustus sagt zu einem, der yhm nach aller masse seines leibes .. ehnlich und gleich war. Agricola sprw. 159. — seit dem 17. jahrh. steht war fest. wenn was vereinzelt bei neueren dichtern wieder auftaucht, so liegt bewuszt archaisierende redeweise vor:

(Jesus) sah etwas blinken auf der strasz,
das ein zerbrochen hufeisen was.
Göthe 13, 119;

frag' meinen vater, den schäfer,
ob er ein könig was,
frag' meine mutter, die schäfrin,
ob sie auf dem throne sasz!
Uhland ged. (1864) 228.

eine unform, im streben nach alterthümlichkeit nach falscher analogie (zu den daneben stehenden thät und hätt) gebildet, ist wär:

er hätt' ein auge treu und klug,
und wär auch liebevoll genug.
Göthe 13, 125 (Hans Sachsens poet. send.).

die heutigen mundarten zeigen ebenfalls r - formen, soweit nicht (wie im bair.) die form überhaupt auszer gebrauch gekommen ist: schweiz. wâr Frommann 3, 207, 20, aber was noch in der Saaner mundart, s. 6, 407. bair. war, als prät. ungebräuchlich, aber zuweilen als präs. verwendet, s. Schmeller 2, 1021; dafür cimbr. ich war cimbr. wörterb. 224b, ungar. wor Schröer 206a, bàa 289a. Frommann 6, 250, 3; fränk.-henneb. woër (encl. wor) 3, 231, 10; siebenbürg. wôr, daneben aber auch ws. 4, 281; luxemb. ech wor Gangler 414; thür. woir Regel 115; wâr Liesenberg;

[Bd. 16, Sp. 246]


erzgeb. wôr Göpfert 86; schles. woar, wuar, wôr Weinhold 128. — im nd. ist was meist bis heute erhalten, s. brem. wb. 5, 240. Dähnert 424a. Schambach 192a. Woeste 237a. Frommann 3, 260, 18. doppelformen (infolge des eindringens der conj.-form) zeigen nur einige dialekte auf nicht ursprünglich nd. boden, s. Danneil 192b (waor, wêr, was). Mi 79b (wir u. was). Stürenburg 321b (wass oder weer). ten Doornkaat Koolman 3, 543b (was, wêr). die im einzelnen stark auseinandergehenden formen des fries., die indessen alle auf was (pl. wêren) zurückführen, verzeichnet Siebs s. 72 f.
q) die 2. sing., ostgerm. wast, lautet westgerm. ursprünglich wâri und so noch ahd. alts., entsprechend mhd. wære. in mittlerer zeit nimmt diese form gewöhnlich die sonst übliche endung der 2. sing. an, daher mnd. werest, mnl. waers. eine gröszere mannigfaltigkeit zeigen die hd. formen der übergangszeit vom mhd. zum nhd.
α) formen mit -st vereinzelt schon früh:

sô wêrest dû mînir êren
willich immir mêre. Rother 4486 Bahder.

sonst erst wieder im 15. jh.: wie ist die beschehen? du warest vorschnel z allen gten dingen. Keisersberg pred. 35c;

o her, du warest recht und gericht.
Mone schausp. 2, s. 202, 53.

nhd. durchgängig warest, warst.
β) älter scheint im oberd. eine form mit angehängtem d oder t zu sein, die wol von enklitischem du ausgeht, vgl.:

ê werd ein tier, nû bist ein man. Wigal. 121, 33;

wa werd du hin? daʒ sag mir.
Altswert 106, 27 nach der handschr. B; A Wer, C Wert);

dem sünder wert du alle tag bereit.
Mone schausp. 1, 288, 53,

sodann aber auch bei vorangestelltem pronomen gebraucht wird: wie du inen vor wert eyn gt exempel. Keisersberg bilg. 159d;

du werd alda in chewscher tzuht
so lang, du hohgelobte fruht,
bis daʒ dein mm den sun gewan.
Suchenwirt 41, 297;

Josep dem alten dem waʒ lait,
do er sach, daʒ du werd groʒ. 321;

du wert fru hie und komest spat.
Altswert 48, 4;

dafür mit eindringen des a:

sag, wa wartu hin?
Laszberg lieders. 3, 8, 142.

andrerseits mit ausfall des r du wet:

waʒ der dchman mit dir verlan hat,
als du am nechsten bij im wet.
Mone schausp. 2, s. 398, 77.

weitere belege s. Weinhold alem. gramm. s. 352 f. Lexer handwb. 8, 799 und bei Wackernell zu Hugo von Montfort 4, 95 (s. 202), der die übergangsstufen wære-wært-wærst-warst annimmt.
γ) wie das s der 1. 3. sing. gewöhnlich durch ausgleichung zu r geworden ist, so ist im 15. jahrh. zuweilen umgekehrt das s von was in die 2. person (und den plural, s. r) eingedrungen. so findet sich in der Wenzelsbibel einmal wo wastu? s. Jellinek s. 90. ferner: so du .. anfahest dich basz gehaben dann du vor wasest. Keisersberg sieben schwerter aa 2a; do du jung wast, do warestu vor den leüten lustig. seelenp. 200b; du wast vor so beht. 222c; do du noch in der welt wast. bilg. 156b;

vor der dû sâst,
ir herr dû wâst.
Osw. v. Wolkenstein 102, 3, 9;

ân r und rast
ellend dû bâst,
umbgeben in der veinde schranck. 107, 2, 24;

möglich wäre es auch, diese form auf wârst zurückzuführen, und mit formen aus lebenden mundarten, wie ungar. bàäst Schröer 289a. Frommann 6, 250, 3 zusammenzustellen.selten ist zweisilbiges wasest: Petre, die weil du iung wasest, so gurtest du dich. Keisersberg pred. 106b.
δ) aus heutigen mundarten werden sonst angeführt: schweiz. wärist Frommann 3, 207, 20, wérišt 4, 325; schwäb. wäršt 2, 112; fränkisch - henneb. woršt 3, 331, 10; thür. warrscht Regel 115, wârscht Liesenberg 77; erzgeb. woršt Göpfert 86; nd. werest brem. wörterb. 5, 240, wirst und wast Mi 79b, westfälisch wærs Woeste 237a. Frommann 3, 260, 18.
r) der plur. hat im allgemeinen im deutschen die alte form unverändert bewahrt: ahd. alts. wârun (-ut), mhd. wâren (-et), mnl. waren, mnd. waren und gewöhnlicher mit umlaut weren, altfries. weron, -en. auch im nhd. stehen von anfang an die formen waren-waret-wart-waren fest.

[Bd. 16, Sp. 247]



α) zu erwähnen ist die im 15.—16. jahrh. nicht seltene nebenform wasen, deren s aus der 1. 3. sing. stammt (vergl. q), s. Weinhold alem. gr. s. 353. Lexer hdwb. 3, 799: (Maecenas) bestrit die Sicambros, Niderlender, und bawet wider die Trierischen, die gewaltig wasen, die stat Agrippinam. d. städtechronik 3, 37, 3 (Meisterlins chron. von Nürnberg 1488); und wasen auch unser burger zwen bei in. 5, 4, 5 (Burkard Zink, Augsb. chron.); und als sie bei ainander wasen und mochten sich nit geainen. 33, 18; in dem jar, als man zalt 1463 jar, in dem monat mai, wasen so vil ratzen oder krautwürm auf den peumen. 292, 26 (und sehr oft, neben waren, s. das gloss.);

sie wasen im geræchte. heldenb. 52, 20 Keller;

Jörg Staufer und der Kneisser wasen vornen dran.
Uhland volksl.2 376 (181, 20);

zwen engel die wasen wolgeton. 662 (323, 3);

lang ich dich nit gesehen hab,
seyt wir am nächsten wasen vol,
was weins wir öszten waistu wol.
Schwartzenberg Cic. 144d;

all myn gedangken wasen schwer. 150c;

zwen herolt da bestellet wasen.
H. Sachs 1, 173b;

wie auff ein zeit gar sehr viel hasen
inn einer schönen gegend wasen. 490a;

nach dem sie jm abschneiden wasen
beide ohren und auch die nasen. 2, 2, 95b;

dasz wir anbhieltn kein drocken fasen,
darzu auch offt so hungrig wasen. 5, 339b (fastn. sp. 3, 16).

sogar wassen wird geschrieben:

allda zwen fromer burger sassen,
die mit freundschafft verbunden wassen. 5, 311c;

zwen gfatern neben einander sassen,
welche auch paid kauffmender wassen. fab. u. schw. nr. 148, 4 neudruck.

doch überwiegt auch bei H. Sachs wir, sie waren, war wir, ir wart, s. Shumway s. 144. seltner ist die 2. plur. wast, so im volksmärchen:

es ist ein band von meinem herzen,
das da lag in groszen schmerzen,
als ihr in dem brunnen saszt,
als ihr eine fretsche (frosch) wast.
Grimm märchen 4.


β) vereinzelt finden sich vocalische abweichungen, so woren schon 1290 in Wittelsbacher urkunden, s. Weinhold bair. gramm. s. 301; ferner:

da dy kristen halb über wurn,
ererst dy Turken an sy furn.
Mich. Beheim ged. 5, 844;

eʒ waʒ ain ungefugeʒ her,
ir worn wol zwölff an einen. 6, 136 (neben waren 6, 70 u. sonst);

wir wurend iuer figend e.
Mone schausp. des mittelalters 1, 159, 41.


γ) im ältern alem. begegnet nicht selten eine contrahierte form (wir) wân, s. Weinhold alem. gramm. s. 353. mhd. wb. 3, 765b. Lexer handwb. 3, 799:

daʒ wân alse guote man. minnes. 1, 107b, 15 Hagen;

valsch geziugen stalt er dar,
die des schâfes vigent wân.
(wie sölt daʒ reht dâ vürgân!)
Boner 7, 19;

den was der brutloff lait,
wann sy Metzen gespilen wn,
die muosten vor ze kilchen gan.
Laszberg liedersaal 3, 407, 315.


δ) bair. zuweilen mit anlautendem b, so baren schon in den 1363 vollendeten Trienter statuten, s. Weinhold bair. gramm. 301.
ε) in den heutigen mundarten gehen die r-formen durch; nur im Berner oberlande ist wasen noch lebendig, s. Frommann 6, 407. sonst schweiz. wäri, -it, -it Frommann 3, 207, 20, wéren 4, 325; cimbr. bir boarn cimbr. wb. 224b; fränk.-henneb. worn, -t, -n Frommann 3, 231, 10, ebenso erzgeb. Göpfert 86; thür. warren-woirt, warrt-warren Regel 115, wârn, wârt Liesenberg 77; schles. woarn, wuarn, wôrn, worrn Weinhold 128; nd. wi weren. brem. wb. 5, 240. Dähnert 424a, wæren (wöären) Woeste 237a. Frommann 3, 260, 18, wren Schambach 192a, wiren Mi 79a. eine eigenthümliche entwicklung zeigen nur die ungarischen mundarten: bie banden, ie bàet, se(i) banden. Schröer 289a. Frommann 6, 250, 3.
s) der conj. zeigt keine abweichungen, auszer den schwankungen der la tfärbung und schreibweise und der behandlung des umlauts: ahd. alts. wâri, mhd. wære, wofür oberd. überwiegend wâre (s. Weinhold alem. gr. s. 353. bair. gr. 301), ebenso niederl., mitteld. und nd. in der regel wêre. die verschiedenheiten der schreibung in älterer zeit veranschaulichen folgende beispiele: we it darom weire, dat ste da it ste. d. städtechron. 13, 183, 7;

[Bd. 16, Sp. 248]


ain mann- oder weibsperson, so in der gemain gebirtig oder sonsten hausend ware. tirol. weisth. 2, 90, 41 (handschr. v. 1691); welcher dar under weer unter in allen. 4, 93, 7; item, wêr auch, das ain lediger oder ain ausser man ain unzucht in der stat begieng. 350, 4 (vom jahre 1485); ob iemant wider solliche öffnung vorgeschriben weiter mehr oder minder gefreiet wöhr oder gerechtigkait hätte. 1, 185, 7 (abschr. v. 1711). — nhd. durchweg wäre bez. were, wär, wer. mundartliche formen: schweiz. i wär Hunziker 240. Seiler 268a, wēr(d) Tobler 420b, wær (wärist, plur. wäri, -it, -it). Frommann 3, 207, 20, wêr (wérišt, wéren). 4, 325; im Berner oberlande mit ausstoszung des r: wæ, wæsch, pl. wæn (wæ~) wæt, im Wallisoder wêi, s. Weinhold alem. gramm. 353; schwäb. wär (wäršt, wäre, -t). 2, 112; bair. wâr, wa' Weinhold bair. gramm. s. 301. Lexer 231; cimbr. ich bear, bor, bür, böar (plur. bar bürden). cimbr. wb. 224b; henneb. wêär, wéar, encl. wér (plur. wérn, wért). Frommann 2, 407, 11; thür. wr, häufiger wêr. Regel 115. Liesenberg 77; schles. waer, wâr (in älteren quellen wiere, weir) Weinhold s. 125; nd. were wær, wör.
t) das part. perf., got. wisans, altn. verit, zeigt im westgerm. gewöhnlich nicht den zu erwartenden grammatischen wechsel, sondern behält das s des inf. bei; doch scheint es den älteren dialekten überhaupt zu fehlen (ags. alts. ahd.). später finden sich neben gewesen, das bis heute die herrschende form geblieben ist, abweichungen nach 2 seiten; einerseits übergang in die schwache flexion: gewest, andrerseits eine neubildung gesîn, die sich ebenso an den jüngern infinitiv sîn anlehnt, wie gewesen an wesen. das verhältnis der einzelnen sprachen und dialecte zu diesen formen ist folgendes: altfries. stets ewesen, wesen. mnl. gleich häufig ghewesen und ghesijn, doch ist ersteres im älteren fläm. bevorzugt; die heute herrschende form gheweest ist dem älteren fläm. fremd, aber im brabant. und holl. häufig, s. Franck mnl. gr. § 169 (noch jetzt holl. gewezen in attributivem gebrauche: een gewezen burgemeester). mnd. gewesen und gewest, so auch heute, doch mit überwiegen des letzteren: wesen Richey 338. brem. wb. 5, 240; west Danneil 192b. Mi 79b, weest Dähnert 424d, ewest Schambach 192a; beides neben einander im ostfries.: wesst (wäsen) Stürenburg 321b, wesen, wäsen, west ten Doornkaat Koolman 3, 543b, und westfäl.: wesen, west Woeste 237a, wiäsen (wiäst) Frommann 3, 260, 18. — mhd. gewesen seit dem 12. jahrh., herrscht im bair. und mitteld.; gesîn ist besonders dem alem. eigen und hier seit dem 12. jahrh. die gewöhnlichste form, findet sich indessen seit dem 13. jahrh. auch im mitteld. nicht selten; gewest tritt zunächst im 13. jahrh. im mitteld. auf, im 14. jahrh. auch oberd. üblich; mitteld. schreibweisen sind geweisen, geweist, bair. gebes(s)en, geben, s. Weinhold mhd. gramm. s. 384 f. alem. gramm. s. 351—3. bair. gramm. s. 301. mhd. wb. 2, 2, 294a. 3, 765b f. die Wenzelsbibel hat gewesen und gewest, s. Jellinek s. 90; die Augsburger chronik ebenso, s. d. städtechron. 5, gloss.; die Nürnberger gewesen, gewest, auch gebesen, gebest, seltener gesein, s. ebenda bd. 2. 3. die verschiedenen formen oft unmittelbar nebeneinander: item der Preüsz mainter, er sey ein furman gewesen. 2, 80, 16; Heintz Wintter .. der Albrecht von Wallenfels voyt ist gewest, .. ist ein sneider gewest. 19 f.; item von sant Kathrein tag bisz an daz ent diecz kriegs ist mangel gewest an waitz; item mangel ist gewesen an gelt u. it. mangel ist gewesen an gersten u. s. w. 334, 15 f. selten ist die dreisilbige form geweset:

die von kindes beine
sînt lûtter unde reine
hie geweset al ir leben.
Heinr. v. Krolewiz vaterunser 1704.

schon mhd. finden sich auch im oberd. die heute verbreiteten zusammengezogenen formen gewen, geben:

es waren ze ainer zitt
zw gefatr on nit
gewen manig jar.
Laszberg lieders. 1, 83, 3.


u) im nhd. bestehen dieselben formen neben einander fort, bis allmählich gewesen von der schriftsprache allein anerkannt wird.
α) gewesen ist stets üblich, auch bei autoren, die daneben andre formen gebrauchen; so bei Manuel neben gesin, bei Luther (z. b. 4, 492b. br. 2, 306, s. u.) und S. Franck neben gewest, bei H. Sachs neben gewest und gesein, vgl. unten:

Adam, dut unser pfarrer lessen,
ist unser aller vatter gwesen.
H. Sachs fastn. sp. 2, 29, 82 neudruck.

die wörterbücher und grammatiken lehren zu allen zeiten gewesen, so schon Clajus 116, 25 neudr., Gottsched 303 mit ausdrücklicher ablehnung von gewest.

[Bd. 16, Sp. 249]



β) lautliche varianten zu gewesen sind gebesen, gewessen, gewösen, gewesend: so etlich zeit nicht pei lant gebesen sein. tirol. weisth. 4, 559, 6; und wan di vierzehen tag aus seind gebesen, so sullen si wider haim ziehen. 690, 17; alsdann mag nicht dest weniger die gemain von inen und wider wen si gewösen zum rechten vertröstung nemen. 3, 85, 33; mit rat vil frummer erber lüt, die darpei un damit in irens rat gewesend sind. 340, 10; wann es (das gespenst) sich dann sehen lasen, so ist es ein lange, weise form gewessen. Zimm. chron.2 4, 83, 10 Barack;

er (der pelz) ist mir lieber gewessen laider,
den sünst all andre meine klaider.
H. Sachs fastn. sp. 6, 133, 369 neudruck;

damals zwen brüder gewessen sendt,
Remus und Romulus genendt.
Ayrer 17, 15 Keller.

ganz selten sind formen mit abgeworfenem -ge: so ist die zeit, so von anfang der welt, bis auff der apostel zeit, eben als wol ein selige zeit wesen, als die jetzige zeit ist. Gretter erkl. der ep. Pauli an d. Römer (1566) 784.
γ) gesin steht zuweilen im ältern alem.: nemend war, welcher gehorsam dieser man gesien ist, das er nit schonet seines eingebornen snes. Keisersb. seelenpar. 18a; will ich by dem meister gsin bin und der geissen gehütten han. Thom. Platter s. 11 Boos; und ist sy by 16 jaren alt gesin. Villinger chron. s. 151 (gleich darauf: und ist sy ungefar by 16 jaren alt gesein); (sie) was darvor uf sanct Jörgentag 16 jar alt gsin. 152; wiewol die von Uberlingen lieber der sach entprosten gsin wärind. Tschudi 2, 543a;

all die in Murten sind gesin,
die hand grosz ere geleget in.
Liliencron hist. volksl. 2, nr. 142, 5;

und so künstlich wieder erneuert:

erzählt das eben fix und treu,
als wär er selbst gesyn dabei.
Göthe 13, 128 ('Hans Sachsens poet. sendung').


δ) häufiger und allgemeiner verbreitet ist die diphthongierte form gesein; sie ist u. a. die gewöhnliche bei Keisersberg und Paracelsus: ich byn nackendt gesein, do habend ir mich geklaydet. Keisersberg pred. (1510) 111c; also ist Maria gesein vollkommen in aller ersamkeit. schiff der penit. 53d (dagegen: von dieszem schmertzen lesen wir, das er sey gewesen in vil hayligen vätteren. 21a); wir lesen das heilige frawen seint neidig gesein. narrensch. 130a; die habent die heiligen stet gescht, und seint nitt narren gesein. 133c; als er (Christus) auf erden gangen ist, da ist sein ampt nicht anders gsein, dann uns erlösen vom teufel, der erden und der hellen. Paracelsus (1589) 1, 253; (sie) sagen sie haben den teuffel ausztrieben, so es nuhr ein tobigkeit geseyn ist. (1616) 1, 533 A; als ein exempel im alten testament ist gesein. 2, 246 C;

es thet kain mensch nach dir nie fregen,
die weil und ich pin ausen gsein.
H. Sachs fastn. sp. 6, 59, 189 neudruck;

doch ist sie dir gsein lieb und werd.
Wickram irr. reit. bilger 4b;

ich glaub dir wol du seiest gesein
da man sich alle tag sauff voll wein. ein christenl. zug wider d. Türcken c 2a;

wann ich schon schwarz bin,
schuld ist nicht mein allein;
schuld hat mein mutter gehabt,
weil sie mich nicht gewaschen hat,
da ich noch klein,
da ich wunderwinzig bin gesein. wunderhorn 2, 603 Boxberger.


ε) sehr verbreitet, vorwiegend, jedoch nicht ausschlieszlich bei mitteldeutschen autoren, und hier in mundartlich gefärbter rede bis in unser jahrhundert, ist gewest. Luther gebraucht es zu allen zeiten, s. Franke s. 212; bei H. Sachs belegt es Shumway 145 dreimal (neben 2 gewesen und 1 gesein); auch bei Scherffer scheint es nach Drechsler s. 53 die regelmäszige form zu sein. belege: ein feszlen Neckerwein .. ist umb 28 masz leer gewest. Tucher haushaltb. 29 Loose; so seyn zween Berlinger do gewest, do hab ich nit zween williger gesehen, und ich glaub noch nit, dasz herr Paulus von Absberg gewust hab, dasz ich in der stuben gewest sey. Götz v. Berl. 59; das ist mein und meines bruders seel. besoldung gewest. 60 (ebenda weiter unten: da wir vielmahls etwan wol bey 20. oder 30. meil wegs mit dabey gewesen); ich halt in für ein christlichen lerer, welcher .. seint der apostel zeit nie gewest ist. H. Sachs dial. 17, 25 Köhler; die andern sagen er hab des keysers schwester gehabt und der keyser sei sein schwager nit sein schweher gewest.

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Seb. Franck Germ. chron. (1538) 97; ein armer bawrsman .., der auch all sin tag kain kriegsman oder kain schütz gewest. Zimm. chron.2 1, 401, 4 Barack; ich bin sehr schellig auf dich gewest, aber es ist vorüber. Schweinichen 1, 346; wer ists gewest? die knechtsfrau selber ists gewest. Ludwig 2, 68 (u. öfter);

wo bin ich nicht gewest?
Scherffer ged. 311;

schimpff aber ist nicht ernst; und desz Saturnus fest
ist einmal nur desz jahrs, zu Rom im brauch gewest.
Logau 1, 25, 84;

wie kalt du mich umbarmst, wird dir dein hertze sagen,
wie dir ein löffel lust umb nichts nicht feil gewest (: nest).
Lohenstein rosen 28;

als er noch zu Misen
schiff-hauptmann sey gewest. Epicharis 3, 58 (s. 51);

was hilfts den fürst der Macedonen,
dasz er altäre baut auf thronen,
und lebend noch ein gott gewest.
Haller ged.10 17 (lesart der ersten 3 aufl., später geändert);

was unser geist gewest (ebenso, später: sonst war), eh ihn ein leib bekleidet. 60, e.

in attributivem gebrauche, flectiert: bei des Yphofers, gewestin pflegers zu Auras, zeiten. tirol. weisth. 4, 593, 2; gedachter tapferer theologus Joh. Valentinus Andreae, gewester Würtembergischer praelat. Spener pietismus (1710) 31; der sonst gewest gewohnliche wochenliche vichmarckt. Salzb. taid. 240, 19 (handschr. v. 1758); schles. dafür gewast: wenn ihrer noch dreyzehn wern gewast. Gryphius gelibte dornr. 1 (werke 340, 29 Palm).
ζ) es ist schon unter α bemerkt, dasz viele autoren gleichzeitig mehrere formen gebrauchen, oft unmittelbar hinter einander, vgl. auszer den schon angeführten beispielen: des alles doch kein eigentliche verzeichnus vorhanden gewest ist. darumb hab ich mit hilf Conrad Gürtlers, .. der dann ein schaffer und anschicker ob der stat pewen .. gewesen ist, .. die hernach geschriben stuck auf gezeichent. Tucher baumeisterb. 17, 11. 14 Lexer; darnach die arbeit gewesen ist .. die jar, die ich pisher paumeister gewest pin. 40, 29. 31; weil sie aber ganz unvermögend gewesen, ist mit ihnen auch nicht zu schlieszen gewest. Schweinichen 3, 125; dasz er mir gerne an die haut geweszt wäre .. aber ein anderer sagte mir beyseits, er wäre in seiner jugend ein mänsch gewesen. Philand. 2, 270.
η) die heutigen mundarten weisen folgende formen auf: alem. gsîn, gsî~ (in der Schweiz gsi Hunziker 240. Seiler 268a, gsih, gseh Tobler 420b, gisîn, gisino Frommann 3, 207, 20, gsê 4, 325), elsäss. gsinn, oberschwäb. gsî(n), gsein, gsai~, niederschwäb. (gwäss), gwä. Weinhold alem. gr. s. 351—3. Schm. 2, 202. Frommann 2, 112; bair. gwes Baierns mundarten 1, 306, auch gwen, oberpfälz. gwesten, s. Weinhold bair. gr. s. 301, nach demselben gilt in Österreich in der herrensprache gewesen, in der bürgersprache gwest, in der bauernsprache gwenn, gwönn; grosze mannigfaltigkeit herrscht im tirol.-kärnt.: gewäsen, gwösn, gwödn, gwedn, (gwest), giwen, gwä', s. Schöpf 667. Lexer 231. die mitteld. mundarten reflectieren durchweg gwest: fränk.-henneb. gewâst Frommann 2, 407, 11; siebenbürg. gewiest. 4, 281, 19; nassauisch gewest (selten gewese). Kehrein 1, 374; luxemb. gewiescht Gangler 414; thüring. gewst Regel 115, jewast Liesenb. 77; altenb. gewast Pasch 79; leipz. gewest Albr. 54; erzgeb. kwâst, kwâsn Göpfert 86; schles. gewest, gewâst Weinhold 129. auch nd. meist west Danneil 192b. Mi 79b; weest Dähnert 424a, ewest Schambach 192a; doch daneben wesen brem. wb. 5, 240. Richey 338. beides neben einander im ostfries.: wesst (wäsen) Stürenburg 321b, wesen, wäsen, west ten Doornkaat Koolman 3, 543b, und im westfäl. wesen, west Woeste 237a, wiäsen (wiäst) Frommann 3, 260, 18.
v) über die bildung des umschriebenen prät. s. unten.
II. bedeutung.
1) die verschiedenen verbalstämme, die die idg. sprachen für 'sein' verwenden, haben alle ursprünglich eine sinnlich concrete bedeutung gehabt, die erst allmählich und im laufe einer langen entwicklung zu diesem allgemeinsten und farblosesten aller verbalbegriffe abgeblaszt ist. dieser procesz ist natürlich nicht bei allen gleich früh eingetreten und gleich weit vorgeschritten. am frühesten und vollständigsten ist er bei es- durchgedrungen. hier zeigen alle idg. sprachen schon in den ältesten uns bekannten zeiten die in frage stehende abschwächung des sinnes und nur einige stammverwandte substantiva lassen eine ursprüngliche bedeutung 'atmen, leben' vermuten, s. DWB I, 1, a. die zweite wurzel bheu- läszt die sinnliche bedeutung 'wachsen' im gr. noch deutlich erkennen. indem sie ihres anschauungsgehalts entkleidet wird, ergiebt sie die abstracte verwendung 'entstehen, werden'. diese ist

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im lat. erhalten und im skr. wenigstens noch oft erkennbar, während bhavati zugleich auch die functionen von asti (auch als hülfsverb.) theilt. vgl. noch das specifisch indische vartate.) im germ. wie im balt.-slav. ist der inchoative sinn von bheu- vollständig erloschen; es dient hauptsächlich, um die fehlenden formen des stark defectiv gewordenen es- zu ersetzen (wie es ja auch im lat. den perfectstamm desselben vertritt) und ist mit ihm zu einem paradigma verschmolzen. dieselbe rolle wie bheu- im lateinischen, spielt ves- im germanischen: es liefert das perf. zu den beiden andern wurzeln, von denen nur noch präsensformen erhalten sind, wird aber daneben, besonders im präsens, als selbständiges vollverb. verwendet. als solches heiszt es 'verweilen an einem orte, wohnen, bleiben'. es hat also im gegensatz zu bheu- ausgesprochen durative bedeutung. doch ist diese scheidung bald verwischt, indem einerseits wesan nicht nur die perfectformen, sondern auch einige fehlende formen des präsensstammesimper., inf. und part.für die erst später neubildungen von sî- geschaffen wurden, ersetzen muszte (s. I, 3, l. m. n. o), und selbst in den andern formen gelegentlich neben den älteren bildungen verwendet wurde (I, 3, a am ende. k, α), anderseits die vollere bedeutung von wesen immer mehr dem sprachbewusztsein entschwand. wo im mhd., wie im inf., sîn und wesen neben einander stehen, ist der zu erwartende bedeutungsunterschied, entsprechend dem zwischen ser und estar im span. und port., nicht mehr deutlich zu erkennen (n). im nhd. sind alle formen von wesen, neben denen formen der anderen wurzeln bestehen, aufgegeben, nur der substantivierte infinitiv wesen ist als selbständiges, ganz vom verbum losgelöstes wort erhalten und zeigt noch eine merklich concretere bedeutung als das ebenfalls als substantiv verwendete sein (s. dass.).
man pflegt bei den gebrauchsweisen von sein drei hauptgruppen zu unterscheiden: sein als vollverb (d. h. für sich allein das prädicat bildend), als copula (verbindung zwischen dem subject und demnicht verbalenprädicat), und als hülfsverb (zur bildung der umschriebenen conjugationsformen). über den unterschied der beiden ersteren und den logischen wert von sein überhaupt vgl.: sein ist offenber kein reales prädicat, d. i. ein begriff von irgend etwas, was zu dem begriffe eines dinges hinzukommen könne. es ist blos die position eines dinges oder gewisser bestimmungen an sich selbst. im logischen gebrauche ist es lediglich die copula eines urtheils. der satz: gott ist allmächtig, enthält zwei begriffe, die ihre objecte haben: gott und allmacht; das wörtchen ist, ist nicht noch ein prädicat oben ein, sondern nur das, was das prädicat beziehungsweise aufs subject setzt. nehme ich nun das subject (gott) mit allen seinen prädicaten (worunter auch die allmacht gehört) zusammen und sage: gott ist, oder: es ist ein gott, so setze ich kein neues prädicat zum begriffe von gott, sondern nur das subject an sich selbst mit allen seinen prädicaten, und zwar den gegenstand in beziehung auf meinen begriff. Kant 2, 461.
die meisten sprachen haben die möglichkeit verschiedener ausdrucksweisen für diese verwendungen, indem sie theils verschiedene stämme verwenden (so hat, um ein beispiel zu nennen, das türk. für den begriff 'vorhanden sein' den stamm war, also war ym 'ich bin da', während für die blosze copula im, ym u. s. w. allein eintritt, der oben erwähnte unterschied zwischen ser und estar gehört dagegen nicht hierher), theils die copula für gewöhnlich unausgedrückt lassen (so viele idg. und wol die meisten nicht-idg. sprachen); ein hülfsverbum, das ja nur für fehlende oder aufgegebene zeit- und modalformen einen ersatz sehaffen soll, benötigen formenreichere sprachen ohnehin nicht. im deutschen fehlen alle diese mittel: das erste ist verloren, da die verschiedenen stämme zu einem verbum verwachsen sind; und die auslassung der copula sein ist auf gewisse fälle eingeschränkt und bewirkt keinen bedeutungsunterschied. ein gewisser ersatz ist in der neuern sprache gefunden, indem für das vollverb gern verstärkende zusammensetzungen (da, vorhanden sein) eintreten. übrigens läszt sich eine strenge scheidung der genannten gruppen kaum durchführen und ist auch in den sprachen, die die fähigkeit der unterscheidung haben, in der regel nicht erreicht. auch im folgenden ist nur versucht, die einzelnen gebrauchsweisen von sein, unter zugrundelegung jener haupteintheilung, in eine übersichtliche und zusammenhängende reihenfolge zu ordnen, die ungefähr der stufenweisen entwicklung der bedeutung entspricht.
2) sein als selbständiges vollverb.
a) schlechthin, um die existenz eines dinges zu behaupten: die dinge, so anietzo sind,

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res, quae in praesentia existunt. Steinbach 2, 981; die vernunft ist nicht ein ding, das da sei und bestehe, sondern sie ist thun, lauteres, reines thun. Fichte sittenl. 63;

aber weil ihr denn seyd, ihr immer offenen gräber;
nehmet zum wenigsten doch, nehmet auf einmal uns auf!
Klopstock 2, 118;

Tancredens heldenliebe zu Chlorinden, ...
Sophroniens groszheit und Olindens noth,
es sind nicht schatten, die der wahn erzeugte,
ich weisz es, sie sind ewig, denn sie sind.
Göthe 9, 146 (Tasso 2, 1).

mit besonderer emphase von dingen, deren existenz zweifeln unterliegt:

was kein ohr vernahm, was die augen nicht sahn,
es ist dennoch, das schöne, das wahre!
Schiller 11, 321;

der zweifel, der mir schwarz oft nachgestrebet,
ob güte sei? durch sie ward er erhellt:
der mensch ist gut, ich weisz es, denn sie lebet.
Grillparzer5 1, 229.

so besonders von gott: denn wer zu gott komen wil, der mus gleuben, das er sey. Ebr. 11, 6; wer aber nicht die unsterbligkeit der seelen glaubte, glaube auch nicht, dasz ein gott wäre. Lohenstein Armin. 2, 540b;

und ein gott ist, ein heiliger wille lebt,
wie auch der menschliche wanke.
Schiller 11, 259.

als eigenname gottes in volksetymologischer ausdeutung des hebr. namens : gott sprach zu Mose, ich werde sein der ich sein werde. und sprach, also soltu zu den kindern Israel sagen, ich werds sein, der hat mich zu euch gesand. 3 Mos. 3, 14, dafür in der bibel von 1483: der do ist, der hat mich gesandt zu euch. 32a. — in diesem emphatischen gebrauche auch heute noch lebendig (und im substantivierten infinitiv); ebenso in der redewendung etwas musz sein:

mein schatz is e reiter, e reiter musz sein.
Erk-Böhme liederhort 2, s. 792.

zumeist mit abstractem subj.:

ja, ja, processe müssen seyn!
gesetzt, sie wären nicht auf erden,
wie könnt alsdann das mein und dein
bestimmet und entschieden werden?
Gellert 1, 40 (fab. u. erz. 1, 18);

dichter lieben nicht zu schweigen,
wollen sich der menge zeigen.
lob und tadel musz ja seyn!
Göthe 1, 12.

im allgemeinen jedoch sagt man in der umgangssprache lieber da sein, existieren oder es giebt.
b) mit negation, zunächst mit derselben emphase: wenn ihr aber sagt: gott ist nicht, so ist weder die allmacht, noch irgend ein anderes seiner prädicate gegeben .. und es zeigt sich in diesem gedanken nicht der mindeste widerspruch. Kant 2, 458. — häufig ist die hypothetische verbindung wenn das und das nicht (gewesen) wäre: wenn die künste nicht wären. Steinbach 2, 981;

und wern die altn meterlein nicht,
ich (der bettelmönch) würt noch ubler ausgericht!
H. Sachs fastn. sp. 2, 6, 163 neudr.;

und wær der wurfel niht gewesen,
ir wære lutzel genesen.
Ottokar reimchr. 60863;

wäre er nicht mehr gewesen,
wär' auch mir mein grab gebettet.
Tieck 1, 324.

in der ältern sprache kann dabei die negation ausgelassen werden: wenn man kind houwt, so musz es dann die ruten küssen, und sprechen: lieben rut, trute rut, werestu, ich thet nymer gut. Keisersberg bilg. 68d (ebenso 74b).
c) zeitlich bestimmt, von der gegenwart: was nicht ist, kann noch werden. Simrock sprichw. 9479; jene blühende zeit ist dahin ... sie ist nicht mehr, diese goldne zeit. Herder 1, 1 Suphan. in ganz demselben sinne mit emphatischer betonung der zeitform:

weh, die glückliche stadt ist gewesen, die fröhliche!
Klopstock 2, 165.

so auch im part. gewesen, was nicht mehr ist: die verdammten seelen aber sind mit so viel angst und schmertzen überschüttet, dasz sie der gewesenen dinge gerne vergessen. Lohenstein Armin. 1, 170a. sprichwörtlich: für's gewesene giebt der jude nichts. — vgl. auch die wendung: und auch ohne das würden mir bei meiner innern verfassung alle solche vorübergehende meinungen so gut als gar nicht gewesen seyn. Göthe 19, 301;

'da ist's vorbei!' was ist daran zu lesen?
es ist so gut als wär es nicht gewesen,
und treibt sich doch im kreis als wenn es wäre. 41, 322.

[Bd. 16, Sp. 253]



d) bei lebenden wesen steht sein eben im sinne von 'leben' (vergl. die poetischen paraphrasen im 2. gesange von Paludan-Müllers Adam Homo, übers. von Emma Klingenfeld 1, s. 38 f.:

'sieh hier den vogel!' sprach sie zu dem kinde,
das jenem nachsah in das luft'ge blau,
'wie schön er singt, und wie er so geschwinde
in's nestchen fliegt, dort auf der grünen au!
sieh, wie er sucht, dasz er ein würmchen finde
für seine jungen, winzig klein und grau.
ja, singen, fliegen über flur und hain
in's traute nest — das heiszt der vogel 'sein' u. s. w.').

häufig mit bezug auf die zeitliche dauer des lebens: êr thanne Abraham uuâri, êr bim ih. Tatian 131, 25 (Joh. 8, 58); und in dem enthalte süllen wir als ledic gân, als dô wir niht enwâren und als diu gotheit ledic gêt in ir nihtsînde. Eckhart 533, 14;

dô niht lenger wesen solt
ir bruoder herzog Friderich.
Ottokar reimchron. 2320;

ein halber blick, ein laut aus ihrem munde
gebietet mir, zu seyn und zu vergehen.
Schiller don Carlos 1, 5;

schlug erst die stunde, wo auf erden
dein holdes bildnisz sich verlor,
dann wirst du niemals wieder werden,
sowie du niemals warst zuvor.
Storm ged. 96.

daher er ist gewesen vom toten (vgl. c), luxemburgisch en as gewiescht, il a vécu Gangler 414, nd. de is dor west Dähnert 547b. in der ältern sprache häufig ensein, niht ensein, gestorben sein, auch für sterben (also in einem sonst bei sein nicht üblichen inchoativem sinne), s. Schm. 1, 91: swenne er en ist (Augsb. stadtb. von 1276); so diu frouwe en ist (Schwabensp. § 100); an des stat, der niht en ist; die weil ich lebe ... swenne aber ich enpin; nach meinem tode also, swenne ich nicht enepin; ob unser aintweders nicht enwär, des gott nicht enwell u. andere belege s. ebenda; wer auch under uns oder unsern nachkommen furbas nit sol sein. quelle s. ebenda 2, 202; dan die pensioner vermeinten, wen Zwinglin nit mer weri, so wurden den Züricher lichtlich zbereden sin, das sy ouch frantzösisch wurdent. Th. Platter s. 45 Boos.daher im schweizer. auch geradezu für 'sein leben erhalten': sy, vivere, sustentari Schmidts idiot. Bernense bei Frommann 4, 17b; er kann seyn (leben, sich durchbringen). Stalder 2, 369, er mag damit gseh Tobler 420b.
3) häufig dient sein nicht, um die existenz eines dinges schlechthin auszusagen, sondern innerhalb gewisser, ausgesprochener oder aus dem zusammenhange sich ergebender einschränkungen. hier pflegen wir jetzt meistens es giebt zu gebrauchen.
a) so von einzeldingen oder unterarten einer gattung:

dannini lisit man, daʒ zuâ werilte sîn. Annol. 26;

er heisst Jhesus Christ,
der herr Zebaoth,
und ist kein ander gott.
Luther 8, 364b.

so auch mit partitivem genitiv: und was vil reicher juden under in. d. städtechron. 5, 163, 2; was sunst der leute ist. G. Wicel evang. Luth. G 2; weiteres s. unter 21, c. d. ferner in den häufigen wendungen wie: was mag doch fründtlichers unnd sannfters seyn? Maaler 372b (zu scheiden von 20, e); es kan kein gelehrter mann seyn, homo doctior fieri non potest. Steinbach 2, 981;

dein herzchen so süsz und so falsch und so klein,
es kann nirgend was süszres und falscheres seyn.
H. Heine lyr. interm. 21.


b) gern wird die nähere bestimmung und restriction durch einen relativsatz gegeben. das grammatische subject wird dabei gewöhnlich durch ein unbestimmtes pronomen, zahlwort oder substantiv ausgedrückt: aber es seind vil menschen die sich lassen beduncken wie es swär sey in tugenden z leben. Albrecht v. Eyb spiegel der sitten 3b; aber so sind leyder vil die dise ding nit myst dunckt syn. Keisersberg bilg. 46c; dein leichnam wird ein speise sein allem gevögel des himels, und allem thier auff erden, und niemand wird sein der sie scheucht. 5 Mos. 28, 26; es kan kein guter poet seyn, der nicht seine raptûs hat. Corvinus fons lat. 509a;

waer iemen, die teghen u woude steken. Reinaert 5086;

ist eine, die so lieben mund,
liebrunde wänglein hat?
Göthe 1, 19.

auch mit bestimmter zahl: drey sind die da zeugen auff erden, der geist und das wasser, und das blut, und die drey sind beysamen. 1 Joh. 5, 7, oder es tritt ein partitiver genitiv ein (vergl. e):

[Bd. 16, Sp. 254]


der hilgen sint gewest gans vele,
den de tyrannen nemen dat lîf, men de sele
en konden es en genemen nenerlei wîs. dodes danz 104 Bäthcke;

war ists dasz ihrer wol vorher gewesen sind,
die aller meinungen verschlugen in den wind.
Opitz 4, 347.

in der ältern sprache kann auch ein subjectsausdruck neben dem relativsatze ganz fehlen: es sindt, die sich der armt schemen. S. Franck sprichw. 1, 38b. doch treten dann meistens präpositionale wendungen partitiven inhalts oder ortsbestimmungen (vgl. d) hinzu:

ist ther in iro lanteiʒ alles wis nintstante.
Otfrid 1, 1, 119;

man sagit, daʒ dar in halvin (am Ararat) noch sîn
die dir Diutischin sprechin. Annolied 315.

neben dem subjectsausdruck:

kein unter jhnen ist, die jemals um dich war,
die heimlich nicht gedächt, o wären wir ein paar!
Logau 1, 191.


c) für den relativsatz können gelegentlich andre satzformen eintreten, z. b.:

nist wiht, suntar werde,in thiu iʒ got wolle.
Otfrid 1, 5, 63;

kuning nist in worolti,ni sî imo thiononti. 48.

bei der starken neigung der ältern deutschen sprache zur parataxe und zum anakoluth begegnet sogar unabhängiger satz: es wer mancher gewesen er het dich schentlich sterben machen. Steinhöwel decam. 99, 17 (2, 6). ähnliches ist in der heutigen sprache des volkes gar nicht ungewöhnlich.
d) ferner sein neben ortsbestimmungen. hier liegt natürlich der übergang zum reinen prädicatsverhältnis nahe. doch ist ein fühlbarer unterschied, auch in der bedeutung von sein, zwischen der wendung: der kaiser ist — befindet sich (zur zeit) — im auslande, und: in Deutschland ist (giebt es, besteht, herrscht) ein kaiser, — ein unterschied, der sich ja für gewöhnlich schon in der wortstellung ausprägt (vgl. unten 10). hier handelt es sich um die letztgenannte art:

in sînes selbes brustiist herza filu festi.
Otfrid ad Ludow. 15;

ein burg ist thâr in lante. 1, 11, 23;

her zoigit uns hînidine,
wilich lebin sî in himile. Annolied 784:

auff erd ist nicht seins gleichen.
Luther 8, 364b;

Heintz Düppel spricht.
lieber thu mich noch eins bescheiden:
sindt wir zwo seel im fegfewr allein?
herr Ulrich spricht.
ja wol, du arme seel, nein, nein.
es sindt etlich tausendt seel hinnen.
H. Sachs 3, 3, 62b;

in der stat sint vil dawsent man. fastn. sp. 1, 158, 341 neudruck;

zu der gelährten zunfft, bey welchen künste sind.
Fleming 62;

in der handt ist kein hor, und ist nye keins do gesin, züh und rupff mir hor do usz. Keisersberg post. 3, 67a; es sol kein hure sein unter den töchtern Israel, und kein hurer unter den sönen Israel. 5 Mos. 23, 17; nicht dasz ich mich damit entschüldige, als sey nichts menschlichs an mir. Luther br. 2, 306; es seind auch etwa vil andere stätt diser gegne gewesen. Franck weltb. 72b; dasz dem wesen nach nur eine eintzige seele in der welt wäre, und nichts minder die steine, kräuter und thiere, als den menschen begeisterte. Lohenstein Armin. 1, 664b; wo wirkung in der natur ist, musz wirkende kraft seyn. Herder 4, 84, 32 f. Kühnemann (ideen 3, 2); es mögen viel medien in der schöpfung seyn, von denen wir nicht das mindeste wissen. 85, 19. so auch: doch das zwisschen euch und jr raum sey bey zwey tausent ellen. Jes. 3, 4; worauf die wirthin antwortete, dasz in der ganzen schenke keinen fusz breit platz mehr sei. Tieck don Quixote51 1, 395 (5, 1). — ebenso mit abstracten: so sol frid und liebe sein in der ee, sunst ist weder glück noch heil da. Pauli schimpf u. ernst s. 98 Österley;

über allen gipfeln
ist ruh'.
Göthe 1, 109.


e) neben ortsangaben nimmt sein zuweilen besondere nuancierungen an, z. b. reichen, sich erstrecken: seine herrschafft wird sein von einem meer bis ans ander, und vom wasser bis an der welt ende. Sach. 9, 10. — enthalten sein: denn im menschen seind alle thieren art, dolen, egersten und dergleichen. Paracelsus (1590) 9, 17. — geschrieben stehen:

thoh scrib ih hiar nu zi êrist,sô in êvangeliôn iʒ ist.
Otfrid 1, 3, 47.

[Bd. 16, Sp. 255]



f) mit zeitangaben: in dem jar was der herbst nasz und windig und wasen vil meus in allen landen. d. städtechron. 5, 29, 19; anno 1450 war ein gros sterben zu Dantzk. Hennenberger preusz. landtafel (1595) 72; im augst ist der dritt seet (saatzeit) und der best für rhetig. Columella 112b.
g) hierher gehört die sehr beliebte formel es war (einmal) als anfang einer erzählung: wann es grosz cisma und irrigkait in der christenhait was und hett lang zeit gewert. es wasen drei bebst. d. städtechron. 5, 61, 14 f.; es war ein man, mit namen Tobias. Tob. 1, 1; es war einmal ein wunderlicher spielmann. Grimm märchen s. 34 (nr. 8); es war einmal ein kind, und sein' mutter war krank. Göthe 8, 18;

es war ein alter könig,
sein herz war schwer, sein haupt war grau.
H. Heine 1, 215 Elster.


4) denen reihen sich andre wendungen an, in denen die bedeutung von sein sich je nach dem hinzutretenden subjecte verschieden modificiert.
a) von ereignissen, eintreten: und er wird ein könig sein uber das haus Jacob ewiglich, und seines königreichs wird kein ende sein. Luc. 1, 33;

sînes lîbes ende
wær dâ fürnames niht gewesen. Wigal. 62, 34;

fragen sich einander ängstlich leise:
ob noch nicht vollendung sey?
Schiller 1, 285;

in der schlacht, die bald wird sein.
Tieck 1, 337.

von handlungen:

wan dâ was maneger hande spil
und rîterlîcher fröude vil. Wigalois 249, 33;

vil grôʒer tanz dar ûffe (auf dem sal) was
von rîtern und von frouwen. 38.

so auch:

ditz was (geschah) dem hûse sô nâhen. 140, 29.


b) den zuletzt besprochenen wendungen schlieszt sich eine häufige fügung mit dem inf. (oder einem verbalabstractum) an, die eine nachdrücklichere umschreibung des verbum finitum bildet, wie z. b.: da war (gab es) kein entrinnen, niemand entrann oder konnte entrinnen: ein geringes herkommen war für die dichter der alten komödie eine unerschöpfliche quelle von spöttereyen. wehe dem berühmten manne, dem sie von dieser seite etwas vorrücken konnten! da war kein verschonen. Lessing 6, 293;

mein bleiben ist nicht mehr allhier.
G. Schwab lied eines abziehenden burschen.

(so auch mundartlich, westf. da es kein seggen van; nê, der es kain ûtkuemen med em. Woeste 237a. nd. korrespondenzbl. 16, 21. 36.)
c) üblicher ist: meines bleibens ist hier nicht mehr, wie denn überhaupt in dieserfast immer negativenverbindung der subjectsgenitiv sehr beliebt ist (vgl. 36, a, α): meines lebens ist nit me, ich msz an das gericht. Pauli schimpf u. ernst 94 Österley; aber es half nichts, da war kains rettens noch bleibens nit. Aventin chron. 1, 390, 2; unter des hube sich der wind, unnd wurden die flammen von aussen in die stadt getrieben, unnd fiengen daher die häuser anzubrennen, das kains rettens war. Schütz beschreib. der lande Preuszen 122a;

des nachts gleichfals bei mir, dær on rast klage,
kains schweigens îst.
Melissus ps. H 7b.

in positiven sätzen steht ein ähnlicher genitiv nur in partitivem verhältnis neben einem subjectsausdruck, so z. b.: das weitbeschreite, zarterzogenes fräwlin .. podagra, davon heutigs tags so viel geschreyes ist. Fischart podagr. trostb. C 2b.
d) die bedeutung 'geschehen', oder, insofern es sich um menschliche handlungen dreht, 'gethan werden', tritt besonders deutlich zu tage in der sehr gewöhnlichen wendung es musz sein: wenn es seyn musz, quum res tempusque poscit. Steinbach 2, 981;

nû gunnet mirs, wan eʒ muoʒ wesen. d. arm. Heinrich 628 (vgl. Wig. 38, 7);

daʒ dinc muoʒ etswenne sîn. Lanz. 4360;

sie sprâchen: 'nicht zû spâte
wir suln ein houbet kiesen ...
iʒ mûʒ doch zû jungest sîn'. livl. reimchr. 747;

das wild läufft ihm (Esau) alles nach als wenns müszte seyn. Weise comöd. pr. 9. — ähnlich wenn es sein soll, d. h. wenn es bestimmt, verhängt ist: wenn ein ding sein soll, so hilft nichts dafür. Simrock sprichw. 9476 (dafür auch mit prädicativem so, ohne nuance des sinnes, s. 22, m, α. man sagt also ohne unterschied es sollte sein und es sollte so sein). — das soll sein auch als versprechen, 'das will ich thun':

soudic u lieghen, lieve heer,
dat soude mi misvoeghen seer.
dat ensel, oft god wil, nimmer wesen. Reinaert 6391;

[Bd. 16, Sp. 256]



ja sicherlich, das sail sinn. Alsf. passionssp. 827;

Herodes edeler herre minn,
was ir begeret, das sal sinn. 893.

in demselben sinne das sei, vgl. Grimm gr. 4, s. 948 (zu 137):

Henricze sprach: daz sey, daz sey!
we, wie schier dicz was geschehen!
Heinr. Wittenweiler d. ring 23d, 35;

'laszt uns fallen oder siegen!'
alle rufen: 'wohl es sey!'
Erlach volksl. 4, 190;

ja, überzeugt mich; überführt mich, sei's!
Tieck 1, 54;

nun gut, es sey. 183.

ähnlich auch sei's drum (vgl. 5, c):

priester. da läuft ein späszchen auch mit unter.
bauer. so mag's drum sein, doch laszt uns meiden
verschimpfen und ein ehrabschneiden. 100.

vgl. auch 13, c und:

morgen lâʒe ic(h)ʒ wesen. exod. 138, 19 Diemer.

seltner mit können, mögen:

und wär's mein bruder und mein leiblich kind,
es kann nicht sein.
Schiller Tell 1, 1.

in der Schweiz sagt man zu einem verspäteten: het's no möge g'si? Seiler 268b. — wie mag das sein (zugehen, kommen)? mit leichtem übergang in die bedeutung 22, m, θ; mit ausführendem satze:

'druhtîn', quad er,'wio mag sîn ...
thaʒ thih henti mînezi doufene birine'.
Otfrid 1, 25, 5.


e) das hinzutreten von genauern zeitbestimmungen verwischt die grenze gegen 25, i, α: meine erste begegnung mit ihm war im winter 1834/35 auf einem hofballe gewesen. Bismarck ged. u. erinner. 1, 38;

daʒ sal sîn in curtin stundin,
sô bistû disin hêirrin willicumin. Annolíed 743.

ganz prädicativ ist:

ditz was wol umbe mitte naht. Wigalois 143, 10.


f) hier seien einige mundartliche ausdrücke angeschlossen, die der behandelten verwendung nahe stehen; so nd. wat was denn davon? was wurde daraus? Schambach 192a; nicht rein dialectisch, sondern überhaupt der volkssprache eigen, ist: das is (kommt daher), weil's regnet. Albrecht 211b.
5) eine reihe andrer ausdrucksweisen gruppiert sich um die bedeutung 'zutreffen, der fall sein'.
a) mit substantiv; vielfach mit einer gewissen emphase in wechselnder nuancierung. es gibt, es ist möglich:

Iphig. und wie beleidigte der könig sie?
Pyl. mit schwerer that, die, wenn entschuldigung
des mordes wäre, sie entschuldigte.
Göthe 9, 41 (Iphig. 2, 2).

ähnlich auch: wenn so ein narre selber nicht weisz was er haben will, so ist kein mittel wieder das unglücke. Weise com prob. 157. singulärer ist folgende wendung, an der besonders der gebrauch des bestimmten artikels auffällt:

so wird nur disz geschrieben
ohn einigen beweisz; der grund will gar nicht sein,
dann was der eine sagt das stösst der ander ein.
Opitz 4, 371.


b) hierher gehören besonders kurze, subjectlose wendungen. selten ist der blosze indicativ es ist (der fall, wahr), wofür zumeist es ist so: sî iuuar uuort: ist ist, nist nist (est est, non non). Tatian 30, 5. so jetzt noch in der Schweiz: es ist oder es ist net (wahr). Schmeller 2, 202; das seine gnad sollte ein fremdes volk ins land gebracht haben, das wäre nicht; dasz ein fürst nicht mehr macht sollte haben, dann ein edelmann im lehen, wäre nicht. s. ebenda; vgl. auch:

unhöfsch ist er,
swer des giht, unde sîn sî niht.
Ulrich v. Liechtenstein 272, 11.

vgl. auch: (ich) zeigt im den handell von mund an .. do sagt er: 'potz, ist nr das!' Th. Platter s. 48 Boos. allgemein üblich ist dagegen das kann sein, ist möglich; kann nicht sein: auf meine antwort, ich hätte einen brief des prinzen Karl an den könig abzugeben, sagte der posten, mich mit misztrauischen blicken betrachtend, das könne nicht seyn; der prinz befinde sich eben beim könige. Bismarck gedanken u. erinnerungen 1, 24;

es kann nicht sein, ich sag' es ist nicht so.
Tieck 1, 54.

ebenso Keisersberg seelenp. 17d, s. 35, c. fragend:

o schlingel! bärenhäuter! kann das seyn,
kann's in der welt noch solchen tölpel geben?
Tieck 1, 209.

[Bd. 16, Sp. 257]


mit abhängigem inhaltssatz, jetzt veraltet: es mag nit seyn dasz ein anderer ein so vollkommen werck mache. Maaler 372a;

im fall man glaubt dasz gott das thun der welt regiret ...
so kan es wol nicht sein, dasz diese grosse schar ...
dasz heer so in die zahl der frommen christen kommen,
ein unwarhafftigs buch soll haben angenommen.
Opitz 4, 346.

air. kà~ sá~, kà~ sá~ nét á'. Schm. 2, 202; schweiz. 's wirt nitt si! als ausdruck der verwunderung. Seiler 268b. kann sein, mag sein in die rede eingeschoben, ähnlich wie frz. peut-être, engl. maybe u. s. w.:

von tausend und mag sein dreyhundert jahren ab
hat stets von hand auff hand gewandelt Assurs stab.
Opitz 4, 296.

vgl. auch: das ding solte nicht seyn. Weise com. pr. 122. — diese und die folgenden wendungen sind von denen unter 4, d wol zu scheiden. dort handelt es sich um etwas, was man thun will oder soll, hier ist die frage nach einer thatsache, dort liegt ein imperativ, hier ein indicativ zu grunde.
c) ähnlich der conjunctiv es sei, hier nicht im sinne der erlaubnis oder des entschlusses, sondern des hypothetischen zugeständnisses einer thatsache:

nu sî daʒ dâ sî.
Heinr. v. Neustadt Apollon. 10461;

sei's! — ich opfre meinen göttern —
opfert ihr — wie lang? — den götzen!
Grillparzer5 2, 74;

sei's! man musz nicht gleich verzweifeln. 7, 125 (der traum ein leben 1, 3, ende).

dafür auch sei('s) drum (vgl. 4, d):

Hinz. wer hat dir, Kunz, das aufgebunden?
ein pfaffe war's, der Berthold heiszt.
Kunz. sey drum! so ward mir doch nichts aufgebunden.
Lessing 1, 21.


d) ferner doppeltgesetzt es sei - es sei, auch es sei - oder, um zwischen zwei möglichkeiten die wahl zu lassen: wil er aber dem herrn ein danckopffer von kleinem vieh thun, es sey ein scheps oder schaf, so sols on wandel sein. 3 Mos. 3, 6; auch die unglückliche Minna hätte sich endlich überreden lassen, das unglück ihres freundes durch sich, es sey zu vermehren oder zu lindern. Lessing 1, 594 (Minna 5, 9);

es sei, dasz du noch lebst, es sey, dasz durch die wunden
die tapfre seele schon des todes weg gefunden.
J. E. Schlegel 1, 372.


e) die formel es ist, dasz begegnet in der gewöhnlichen aussageform gar nicht, vereinzelt als frage, wol nach französischem muster: ists, dasz einst götter vom himmel niederstiegen, und unsern vätern dies land anwiesen? ists, dasz sie uns eine religion gegeben und unsre verfassung selbst eingeweiht haben? Herder 17, 314 Suphan. überaus beliebt ist dagegen in der älteren sprache ist('s), dasz als einleitung eines bedingungssatzes:

und ist daʒ sî betrouc ir wân,
zwâre, daʒn wirt mir niemer leit. Iwein 6674;

ist daʒ ein minne dandern suochen sol,
sô wirt si vil dicke ellende
mit gedanken als ich bin.
Walther v. d. Vogelweide 44, 14;

ic sal maken Reinaert so confuus,
ist dat ic coninc heet Lioen! Reinaert 3749;

ist dasz das weib leichtlich zürnet .. hie sol nun der mann liebe erzeigen. Egenolff sprichw. 205b; ist es, dasz ich (meine fürsten unngerochen) von hinnen scheyde, so wird ich eyn bösz ende erlangen. Fierrabras G 3a. so jetzt noch bair.: is's, dás's schö~ bleibt, so fàr i, is's net, so gê-n-i. Schm. 2, 202. dafür mit dem conj.: wer daz ieman da wider deite oder da wider tn wolte. d. städtechron. 9, 934, 4;

wær aber daʒ her Philippe
sich trôste dheiner sippe
des kunigs oder ander fursten.
Ottokar reimchron. 5459,

ende waert ooc, dat hi anders ware,
so enwaer hi niet van ons gheslacht. Reinaert 7598.

mhd. auch mit dem conj. präs.:

sî daʒ mir sô wol geschehe.
Stricker d. bloch 140 (dagegen 426: ist daʒ).

dafür jetzt sei es, dasz (vgl. d), auch concessiv:

sei's, dasz dein thun des pöbels wahn verletze,
für deinesgleichen gibt's keine gesetze!
Grillparzer5 2, 88.

im älteren nhd. wird gern ein prädicatives sache zugesetzt, s. das. 6, c, th. 8, 1599. so schon: und wêriʒ sâche daʒ got ubbir uns geböde oder ubbir unsir eyns daʒ got vorhalde nach sŷme lobe so solden wir odir unsir ygliches besundern sîn sêlen heil bedenken. Niederweseler urk. v. 1380.

[Bd. 16, Sp. 258]



f) hiermit ist enge verwandt die excipierende redewendung es sei oder wäre denn dasz = wenn nicht, auszer wenn: man hat zwar auff den neulichsten reisen solches nicht vernommen, es wäre denn, dasz man wegen Magnus Henningsen stillgestandenem schiffe solches vermuhten wollte. Olearius pers. reisebeschr. 89a;

so wohnt den neigungen auch keine freyheit bey,
es sey dann dasz der will' auff ihrer seiten sey.
Opitz 4, 366.

auch hier kann sach(e) hinzutreten (vgl. a. a. o. 1599 f.):

ich halt dich vor ein bulr kurtzumb;
sey denn sach, das du dich purgierst,
der zicht von mir nicht ledig wirst.
H. Sachs fastn. sp. 3, 138, 65 neudruck.

die wendungen es sei denn, es wäre denn auch ohne folgenden satz s. 30, h.bei allen diesen verbindungen ist eigentlich eine negation zu ergänzen, die ursprünglich obligat ist, aber schon im mhd. sehr gewöhnlich fortbleibt; das jetzt unentbehrliche denn dagegen ist hier noch durchaus entbehrlich und wird nur zuweilen gesetzt:

ist daʒ got mich wil bewarn,
sô wil ich ûch irwerben,
iʒ ensie den daʒ ich sterben. livl. reimchron. 3668.

die reihenfolge dieser verschiedenen stufen ist also folgende: eʒ ensî (denne) — eʒ sî (denne) — es sei denne. aus der kurzen form ne wære ist allmählich unsere partikel nur (älter neur) erwachsen, s. th. 7, 998 f., sowie mhd. wb. 3, 767 f. Lexer handwb. 3, 800. ebenso das nl. maar aus neware.
g) eine abweichende bedeutung hat es ist in folgender nicht sehr gewöhnlichen verbindung: was ich dir neulich von der mahlerey sagte, gilt gewisz auch von der dichtkunst; es ist nur (kommt nur darauf an?), dasz man das vortreffliche erkenne, und es auszusprechen wage, und das ist freilich mit wenigem viel gesagt. Göthe 16, 21.
h) hieran schlieszt sich die redensart es ist, als ob (wenn), es scheint, sieht so aus: aber wenn es zum lateinischen kömmt, so ist es mir immer, als wenn mir was fehlte. Weise com. pr. 304; es ist, als ob unsre staatsmänner wie die bäume in den baumschulen zu voller wurzelbildung der versetzung bedürften. Bismarck ged. u. erinn. 1, 5;

es ist, als wollt' die alte nacht
das alte meer ersäufen.
H. Heine heimk. 10.

mit dativ der person, mir ist, scheint, dünkt: es ist mir wohl, als wenn ich den pfeil gehabt hätte. Weise com. pr. 179;

mir ist, als müszt' ich mich an diese (die blitze) hangen,
als sollten sie mich nach sich ziehn.
Göckingk 3, 73;

mir ist, als will sich leib und seele trennen.
Tieck 1, 81;

ihr ist, als ob aus der tiefe ...
der liebste buhle sie riefe.
Geibel 2, 157.

sehr gern tritt für den satz mit als ob indirecte oder directe rede ein:

es war dem fräulein sie höre den blauen bart erzählen.
Wieland 4, 246 (Amadis 10, 36);

man langet an, man steigt
vom pferd, und gleich im ersten entgegengehen,
ist beiden, sie hätten einander schon irgendwo gesehen. 5, 56 (13, 28);

ist mir doch, ich müszte dich schon kennen!
Göthe 1, 218;

mir ist, ich kenne dich, doch bist du fremd.
Tieck 1, 18.

schweiz. 's isch mer, i möcht öppis ässe. Seiler 268b; 's ist-mr, i g'séje (ich sehe u. s. w.). Hunziker 240. — ungewöhnlicher sind sätze mit dasz oder wie:

owê! sô was mir rehte, wie
ich wære in dem pardîse. Wigalois 246, 32;

ohne satz:

si seit im an ein ende gar
wie ir in dem troume was gesîn. Lanz. 4307.

im älteren nhd. auch sich (bez. ihm) sein lassen, sich bedünken lassen, einbilden: do mit ich mich mit künfftiger hoffnung hette mögen frowen und mier lassen sin, als ob ich schon ietz ein andre dochter hette. Th. Platter s. 108 Boos; wie jener Paduaner, der jhm sein liesz, er het so ein grosz nasz, das sie nit zur stuben hinausz gieng. Fischart podagr. trostb. B 8b. in mundartlicher rede geht sein vollständig in die bedeutung 'scheinen, dünken' über und wird auch ohne folgenden satz verwendet, so schweiz. 's hep-mer (doch) wölle sí, ich habe es vermutet; 's isch-mer g'si wie fór, es hat mir geahnt. Seiler 268b. vgl. auch nd. lat di dat wat sin, denk einmal. Schütze 4, 104.
6,
a) auf der grenze zwischen der ersten und zweiten hauptbedeutung liegen wendungen, in denen sein mit einem substantiv

[Bd. 16, Sp. 259]


zum ausdruck eines unpersönlichen verbalbegriffes dient. z. b. es ist anschein = es scheint: da so vieler anschein ist, dasz die seetaufe der linie die landtaufe überlebe. J. Paul freiheitbüchl. 121. ferner: wie im land der bruch ist, das vast alle wiber wäben, wie ouch näien können. Th. Platter s. 5 Boos. würde man dafür sagen: wie im land brauch (oder bräuchlich) ist, so wäre der übergang zum prädicatsverhältnis vollzogen, vergl.: ich entschuldigte mich, vermeint es weri so lantz bruch. 17. — ähnlich, nur durch den obligaten artikel anders nuanciert, ist die wendung die rede ist von etwas: von den übelwollenden .. kann hier nicht die rede seyn. Tieck 1, xliv.
b) hierher gehören ferner die ausdrücke der zeit und des wetters, wie es ist wind (= es windet, weht), es ist nacht (also die fälle, in denen die romanischen sprachen gewöhnlich facere einsetzen). während die wendungen in dieser form nicht erkennen lassen, ob nacht, wind als subject oder prädicat anzusehen sind, wird die erstere auffassung notwendig, wenn der artikel oder ein attribut hinzutritt, z. b.:

fern hallt musik; doch hier ist stille nacht.
Storm ged. 28;

es war um mich die allerstillste nacht.
Tieck 1, 195,

die zweite, wenn für die betr. substantiva entsprechende adjective eintreten, so z. b. es ist windig, heisz. dasz das sprachgefühl selbst in den zuerst genannten fällen schwankt, zeigt sich darin, dasz gern ein es hinzutritt auch wo es zur stütze des verbs nicht erforderlich ist, z. b. wenn das substantiv vor dem verb steht, und zwar schon ahd.: mih gilimphit uuirkan sînu uuerc .., unz iʒ tag ist. Tat. 132, 3; wen es ungewitter was, so sungen wier schier die gantzen nacht reponsoria. Th. Platter s. 22 Boos;

eʒ wære æber oder snê. Parz. 120, 5;

disiu (burg) lac sô nâhen bî
dem sêwe, daʒ er rehte für
der frouwen kemenâten tür
sluoc, als eʒ wint was. Wigalois 137, 19;

ê eʒ miter tac mohte wesen. Lanz. 3312;

schon ist es tiefe nacht.
Tieck 1, 205;

nacht ist's und stürme sausen für und für.
Platen 32b.

oder im nachsatze:

so lang du lebest, ist es tag.
Storm ged. 127.

hier ist unverkennbar, dasz die sprache tag, wind u. s. w. als prädicat empfindet, doch könnte man ohne sinnesunterschied auch sagen: wenn wind war, wo wind offenbar subject wäre, so z. b.: do gsach ich zum dorff z, do was schier nacht by den hüszren, fieng ich an nidtzich (hinunter) gan, aber es war glich gar nacht. Th. Platter s. 10 Boos;

wenn winter ist, wollen wir's wieder lesen.
Tieck 1, 205.

immerhin bevorzugt die sprache deutlich jene erstere ausdrucksweise. auch sie unterscheidet sich von der rein prädicativen fügung noch insoweit, als statt des es nicht ein bestimmtes subject eintreten kann. man sagt also es war wind genau wie es war heisz, aber nicht das wetter, die luft war wind. — sprichwörtlich: es ist noch nicht aller tage abend. Tieck 1, 50.
c) ähnlich das häufige es ist zeit: sprachen sy, es weri noch nit zyt. Th. Platter s. 17 Boos; ich hette gären gestudiert, dan ich kond verstan, das zyt war. 35; wenns zeit ist, so wird es fertig. Weise com. prob. 140. hier ist das es wol ursprünglich ein genitiv, vgl.:

ir frouwen, sîn ist zît, daʒ wir
gên ze kemenâten. Wigalois 143, 21.

hier ist zeit deutlich subject ('der zeitpunkt zu etwas ist da, ist gekommen'), doch ist das gefühl dafür in der heutigen sprache nicht mehr lebendig, und man sagt es ist zeit ganz wie es ist an der zeit. — noch sei erwähnt, dasz die ältere sprache für es ist zeit (für mich) sehr gewöhnlich sagt: ich habe zeit, das heute stets den entgegengesetzten sinn hat (es ist noch nicht eilig, ich kann noch warten), während umgekehrt zuweilen auch DWB es ist zeit im letzteren sinne, also für das heutige es hat zeit, gesagt wird: wenn ich zu walde marchire, so werffe ich die verdrieszlichkeit bey der hausz-thüre von mir, damit hab ich ein freyes hertze, und es ist zeit mit den sorgen, bisz ich wieder komme. Weise com. pr. 28. wie man sieht, liegt hier der unterschied weniger in der fügung, als in der doppelbedeutung von zeit (1. zeitpunkt zu etwas, καιρός; 2. zeitdauer, weile), s. daselbst.
d) hieran schlieszen sich wendungen, die den zeitabstand zweier ereignisse angeben: es ist heute gerade ein jahr;

[Bd. 16, Sp. 260]


wan eʒ ist vil manic tac,
daʒ ich dâ wesen nie pflac.
Heinr. v. Neustadt Apollon. 17936;

fünf tage sinds nun, seit er uns beyde auf seinem schosz hielt und weinte. Geszner bei Adelung 4, 452; dasz auch hier ursprünglich ein subjectsverhältnis vorliegt (vergl. frz. il y a un an), zeigt die ältere sprache häufig durch den zusatz eines genitiv (im sinne des ablativs):

dô was des wol ein halbeʒ jâr
daʒ der gast was komen dar. Wigalois 31, 29;

des tages wâren sîn zwei jâr
daʒ sîn wîp was genesen. 35, 34.

die neuere sprache gebraucht diese wendung nicht mehr, setzt aber gern ein her hinzu: es ist ein jahr her. der sinn ist in beiden fällen deutlich: 'von da an (des) bis jetzt (her) besteht ein zwischenraum von einem jahre'; vgl.:

aber zwischen thun und sagen
ist immer etwas zeit.
Tieck 1, 287.

die annäherung an das prädicatsverhältnis zeigt sich in der neuern sprache darin, dasz man daneben ganz analoge wendungen mit ordinalzahlen verwendet, vgl.:

so ist es heut ein ganzes jâr,
dasz ich mein lieb verloren hab.

unmittelbar darauf:

so ist es doch heut der neunte tag
dasz man im ein jungfreulein gab.
Uhland volksl.2 202 (116, 9. 10).


e) ganz denselben übergang zeigt die verbindung mir ist not. sie verlangt im mhd. durchaus den genitiv, besagt also: 'für mich besteht (ich habe) ein bedürfnis nach etwas', so:

des wære ouch noch der werlde nôt! Wigalois 59, 14.

für den genitiv ganz vereinzelt auch von:

sich hinder dich, wie nôt dir von dem reinen schepfer ist.
Marner xiv, 25.

im nhd. ist der genitiv durch den nominativ ersetzt, vermutlich ausgehend von dem häufigen es, das nach dem zusammenfall von ʒ und s für beide casus galt, und so der sinn herausgekommen 'eine sache ist mir bedürfnis', wo dann not ganz gleich steht mit dem adj. nötig: das mag nit gesein, darumb ist es ouch nit not. Keisersberg seelenpar. 18a.
f) hieran reihen sich andre unpersönliche fügungen ähnlicher art, wie z. b. mir ist zorn (zorn als subject, vgl. 13), daneben in prädicativer fügung etwas ist mir zorn: da was dem künig gar zoren und leid und sprach: o wee! liebe tochter war zu bist du geboren. heiligenleb. (1472) 14b; das was dem keiser zorn und hiesz in auf ein rost legen. 34a;

ther geist ther blâsit stillo,thara imo ist muatwillo.
Otfrid 2, 12, 41.

über dir sei trotz s. 13, c.
g) wie vollständig solche verbindungen von ist mit einem substantiv als ein verbalbegriff betrachtet werden, zeigt sich am deutlichsten daran, dasz in den ältesten dialekten (got. ahd.) bei manchen statt des dat. der acc. steht, den doch weder das substantiv noch ist für sich regieren kann. so got. mik ist kara, karist oder auch blosz kara; ahd. mih ist wuntar (also ganz wie mich wundert, nhd. dafür auch mich nimmt wunder), mih ist niot (alts. mit dat. was im niud), furiwizzi, ôt (dagegen mir ist zorn, anado u. a.), s. Grimm gramm. 4, 241—244. 251 f. 703 f. so z. b.: tih nedarf nehein uuunder sîn ube uuir in disemo ureisigen lîbe arbeite lîdên. Notker 1, 20, 21 Piper (Boeth. 1, 9); târmite uuas in (Nero) fureuuizze allere iro lido. 109, 1 (2, 43);

wuntar was thia menigîavur thara ingegini,
thaʒ zunga sîn was stummu.
Otfrid 1, 9, 27;

er zeinta, thes sie was ouh ôth ('was sie leicht ausführen konnten'),sînes lîchamen tôd. 4, 19, 35;

thes thih mag wesan wola niot. 5, 6, 14.

zu beachten ist indessen, dasz auch das einfache wesan in einigen fällen den acc. nach sich haben kann, so: thô quad iro ther heilant: uuaʒ ist thih thes inti mih (quid tibi et mihi est), uuîb? Tal. 45, 2. — ähnliche unpersönliche redeweisen mit adjectiven s. 20, n.
7) in andrer weise wird eine verbindung zwischen den beiden hauptgebrauchsweisen von sein hergestellt durch wendungen wie es soll ein könig sein. diese steht grammatisch ganz gleich mit es ist ein gott (2, a), unterscheidet sich aber dem sinne nach davon insofern, als die frage nicht ist, ob die betreffende person überhaupt vorhanden ist oder nicht, sondern ob ihr die würde eines königs zukommt, dem grammatischen subjectsausdruck also eigentlich ein prädicatsverhältnis zu grunde liegt, das man

[Bd. 16, Sp. 261]


streng logisch ausdrücken würde: 'es soll einer (irgend jemand) könig sein' (oder aber 'es soll ein königthum sein'): und sol ein könig sein, der wol regieren wird. Jerem. 23, 5. diese unterscheidung, hier bedeutungslos, dem sprachbewusztsein kaum gegenwärtig und scheinbar spitzfindig, wird deutlicher in fällen, wie: so soltu dich auffmachen .. und zu dem richter, der zur zeit sein wird, komen. 5 Mos. 17, 9, besonders aber in dem häufigen gebrauche des part. perf., ein gewesener bürgermeister (nl. een gewezen burgemeester), d. h. nicht ein bürgermeister, der gewesen, d. h. tot ist (2, d), sondern jemand, der bürgermeister war und es jetzt nicht mehr ist. vgl. auch:

stock, der du gewesen,
steh doch wieder still!
Göthe 1, 239.

so, obwol weniger üblich und gut, seinsollend, ein seinsollender witz, eine redensart, die ein witz sein soll, u. ähnl.: es wäre denn, dasz man unter der physiognomik die abgeschmackte, seynsollende kunst, die speciellen und individuellen schicksale des menschen aus seinem gesichte zu prophezeyen, verstehen wollte. Lavater v. d. physiogn. (1772) 22.
8) an den schlusz der ersten hauptgruppe stelle ich einige mehr isolierte und zum theil stärker abweichende gebrauchsweisen von sein als selbständigem verb.
a) die häufige wendung was ist dir? stellt sich einerseits zu 6, e. f, anderseits zu 13. doch hat sein hier einen emphatischeren, prägnanteren sinn, wofür ebensogern was fehlt dir?, mhd. waʒ wirret dir? beispiele: graf. was ist dir? nichte. ahi! marquise. was hast du? Göthe 14, 202; endlich fühlte er an ihr eine art zucken .. was ist dir Mignon? rief er aus, was ist dir? 18, 228; was ist dir nur in diesen tagen, mein lieber Clemens? Tieck 1, 171;

waʒ dem wîbe wære,
welt ir daʒ selbe mære
hœren, daʒ wil ich iu sagen. Wigalois 166, 10,

(der könig) begunde weinen sêre.
er vrâgete waʒ im wêre.
Albr. v. Halberstadt 24, 279.

die bedeutung 'widerfahren, zu leide geschehen (sein)' findet sich im mhd. auch auszerhalb dieser verbindung:

daʒ siʒ lâʒen niht enkundesine müese bî der stunde
rechen alleʒ daʒ ir was. klage 117;

er vant die rehten hirzwurz,
diu im half daʒ er genas
sô daʒ im arges niht enwas. Parz. 643, 30.

auffallend ist folgende stelle:

was hat man von dem dichten? hum!
vielleicht das bischen ehre:
gekannt zu seyn vom publikum? —
ich dachte, was mir wäre!
Gökingk 3, 22

(man erwartet: was mir das wäre).
b) wieder anders es ist mir um etwas, mir ist daran gelegen. die fügung ist mhd. noch nicht bezeugt, wol aber mnd., s. Schiller-Lübben 5, 696a; were eme wat umme de dre ryke, so scholde he to en komen. Lüb. chron. 2, 79, s. ebenda;

gy joden, wêr ju icht darumme,
dat ik my mit juwer ê beklumme
unde myner kristenheit versoke? Theoph. 438.

nhd.: es ist uns nur darum, wenn wir die freyer nicht nehmen, wie wir sie kriegen, so bleiben wir darnach sitzen. Weise comöd. pr. 297; fressen und sauffen wolte ich wol lernen: es ist mir nur um das erbarthun. 345;

was ists den Britten mehr umb eines königs haubt?
A. Gryphius 358;

es ist mir nur um den schönen schein.
Schiller Wallenst. lager 3;

anders nuanciert:

es ist jhm ümb (es kostet ihn) ein st, so fleuget Eolus.
P. Fleming 5;

es ist mir nur um uns (ich beklage nur uns).
Opitz bei
Adelung 4, 450.

so noch mundartlich in der Schweiz: es ist mir drum, ich fühle lust dazu. Stalder 2, 369; 's ist mr nüt drum. Hunziker 240. sonst sagt man dafür im ersterwähnten sinne gern es ist mir um etwas zu thun:

laszt ihm mit eins den plunder ganz im stiche,
um den es ihm zu thun.
Lessing 2, 558 (2, 9);

es ist mir blosz um das geld zu thun. Adelung 4, 450. nach diesem auch (in familiärer rede) mir ist nicht wie musik, ich habe jetzt keinen gefallen an der musik.
c) sehr selten ist sein im sinne von 'wert sein, gelten': widrigenfahls (solle) das kalb verfahlen oder so vill erlögt werden als das kalb gewest. steir. teid. 375, 15. — vgl. dazu das mundartliche (nd.) wat mutt d'r vör wäsen? was kostet es? Stürenburg 321b. auch im nhd.:

[Bd. 16, Sp. 262]


herr, sprach der gute bauer,
was soll für seine mühe seyn.
Gellert bei
Adelung 4, 453.


d) sein, 'schuldig sein', so besonders mnd.: item noch is he my up nie 1 l . quelle bei Schiller-Lübben 5, 695b; myn ghelt, dat he my is. umme de 10 mark, di ik ju bin. 696a;

byn ik er der pennynge twe,
se schreyget balde: waffen! na
also umme de marcke tene. Rummeldeus v. 16,

s. niederd. jahrbuch 3, 68, woselbst in der anmerkung weitere beispiele.aber auch oberdeutsch: wolten sie aber arbeiten weinholz und bintholz, so sein sie dem vorster von ainem fueder acht pfennig und von ainem fueder fünf pfennig. steir. teid. 108, 22. mit inf.: umb solichs so sind uns die tütscherren alle jar uff st. Kathrinen tag haben ain vigili. artikelb. der marner in Ulm im 15. jahrh. bei Schmid 490; vgl. dazu 34, a.diese wendungen sind wol nur durch ellipse von schuldig oder einem gleichbedeutenden worte zu verstehen.
e) endlich einige ganz singuläre ausdrücke in nd. mundarten: see düürt d'r woll wäsen, sie tritt sehr entschieden und dreist auf, weisz sich geltend zu machen. Stürenburg 321b. — ik kann dat nich wesen, nicht thun, nicht vertragen, ausstehen. Strodtmann 284.
9) eine eigenthümliche bedeutungsentwicklung zeigt in vielen fällen die häufige verbindung sein lassen (auszerdem auch im gewöhnlichen sinne, s. z. b. 5, h), vgl. DWB lassen B, II, theil 6, 229 ff., besonders 238 ff.
a) zunächst etwas geschehen lassen, damit einverstanden sein (selten, jetzt ganz ungebräuchlich):

'ob ich mich selbe erlœsen kan,
dar umbe lâʒet mich genesen'.
'daʒ lâʒe ich gerne wesen',
sprach der arzât wider in.
Stricker Amis 2420 Lambel.

daher denn auch, etwas auf sich beruhen lassen, nicht beachten, sich darum nicht kümmern: lnd Rengnolden usz bietten sinn und land uns sin volck angriffen. Haimonskinder 152, 19 Bachm.ähnlich noch:

was hilft euch schönheit, junges blut?
das ist wohl alles schön und gut,
allein man läszt's auch alles seyn,
man lobt euch halb mit erbarmen.
Göthe 12, 143.


b) so auch lasz sein als ausdruck eines zugeständnisses, mag sein, immerhin, wenn auch: darümb soll eyn wiser bilger nit not haben, noch dem gunst der welt, losz sin, dz jr schon nit mit eynander uneynsz werden. Keisersberg bilg. 193b;

lasz seyn, dasz meiner forderungen eine
unbillig und vermessen war, muszt du
mir darum auch die billigen versagen?
Schiller don Karlos 5, 1.


c) in diesen redeweisen überwiegt offenbar der begriff des lassens, und zwar nach der negativen seite: nicht (hindernd) eingreifen. daher ergiebt sich dann leicht die fügung einen sein lassen, ihn gewähren, in ruhe, zufrieden lassen, nicht belästigen, sich fern halten: Gergis, làsz, Bayard sinn! wann du wyrst mit mir gnuog zeschaffen haben. Haimonsk. 135, 27 Bachm.; so musz nu gewiszlich der Alstädtische geist, der unsern geist nicht will seyn lassen, etwas höhers tragen. Luther br. 2, 546;

lies oft im buch der bücher und lasz die menschen sein!
Just. Kerner ged. (1847) 255.

so besonders bäufig in der umgangssprache und mundartlich: preusz. lassen sie mich sein! (sagt das mädchen zu dem zudringlichen); du lässt mir sind! Frischbier 2, 337a; nd. lat em sin! Schütze 4, 104.
d) daher denn auch die gewöhnlichste bedeutung 'etwas unterlassen, nicht thun', also gleichbedeutend mit bleiben lassen: etwas seyn lassen, missum aliquid facere. Steinb. 2, 982; sy la missum facere, relinquere, cessare. Frommann 4, 17b. die vorstellung ist eigentlich, 'etwas so lassen, wie es bisher war (also ungethan)'. das object ist gewöhnlich ein substantivierter infinitiv:

harto wegen wir es scîn,thaʒ er iʒ ni liaʒ in zît sîn.
Otfrid 2, 6, 32;

geselle, lâ dîn grasen sîn! Wigalois 138, 24;

sun, sich ent dîn ungemach,
von diu lâ dîn sorgen wesen.
Lamprecht v. Regensburg Franc. leben 4730;

ir etzliche bloden alse swin
unde leissen doch neit ir veichten sin.
Hagen boich v. Colne 1041 (d. städtechr. 12, 51);

des wurden sô gar hœne
der Karlot und die sîn,
daʒ si ir vehten lieʒen sîn
und hüeben lîht eîn tanzen an.
Ottokar reimchron. 682;

[Bd. 16, Sp. 263]



lasz, Magdalena, din weinen sinn. Alsfeld. passionssp. 2210;

ich sage, lasz die thränen seyn!
Göthe 12, 198;

man musz es eben seyn lassen, es geht doch nicht. 7, 135 (geschwist.); und gefährlich ist's doch immer, da läszt man's lieber seyn. 8, 175 (Egm. 1); Jetter. hätten wir ihn nur zum regenten! .. Soest. das läszt der könig wohl seyn. den platz besetzt er immer mit den seinigen. 207 (2); so häufig in der volkssprache lasz das sein (ganz gleichbedeutend mit lasz das). nd. lat dat sin! Schütze 4, 104. laat dat wesen. Dähnert 547b. mhd. kann der abhängige infinitiv seinerseits ein object regieren:

nu lâʒ dîn strâfen sîn
Hiltebrant den lieben meister mîn! Laurin D 819.

ganz vereinzelt und nur in poetischer redeweise findet sich der genitiv nach sein lassen: lasz des danks nur seyn. Klinger theater 3, 154.
e) ahd. auch im sinne von 'verlassen' (räumlich):

fuar er thô in thia worolt în,liaʒ thaʒ wuastweldi sîn.
Otfrid 1, 23, 9.


f) besondere bedeutungen zeigen negative ausdrücke im bair. dialekt: sich nix um einen sei~ lassen, sich nicht um ihn kümmern:

d schau her! d îs dă sk und d is 'slô und d schliafst ei~
und lszt dăr um ăn wolfen gr nix mehr sei~!
Hartmann-Abele volksschausp. s. 288, 166.

l dă nöd sei~! verliere den mut nicht:

mei~, bauă, mei~!
l dă nà~ nöd sei~! 244, 319;

nà~, Hàns, l dă nöd sei~!
dös deandl werd's nô bittă reu~! 228, 236.

vergl. das glossar.
10) den gewöhnlichen verwendungen der 'copula' sein mögen wenige spezielle fälle vorangestellt werden, in denen noch eine stärkere, sinnlichere bedeutung durchbricht. zunächst sein mit ortsbestimmungen, ganz dem ursprünglichen sinne der wurzel ves- gemäsz.
a) mit adverbien, die ein verweilen, ruhen an einem orte ausdrücken: thâr ich bim, thara ni mugut ir quemen. Tat. 129, 4; und wo sind alle seine wunder, die uns unser veter erzeleten? richt. 6, 13; wo ich bin, da sol mein diener auch sein. Joh. 12, 26; aber Jerusalem habe ich erwelet, das mein name daselbs sey. 2 chron. 6, 6; es wasen aber ander frum und weis leut auch hie. d. städtechron. 5, 113, 31; Rebecca. last mir alsobald meinen Jacob herkommen. Dum. er soll gleich hier seyn. Weise com. pr. 127;

'herre, herre', sprâchen sie,
in dîme schirme sî wir hie. pass. 210, 67 Köpke;

wo du, engel, bist, ist lieb' und güte.
Göthe 1, 79;

hier ist Ceres, hier ist Bacchus gabe. 244;

er ist bei mir,
will nirgend anders sein.
Storm ged. 57.

so auch drinnen, drauszen sein u. anderes:

lieb und mynn, seidt ir dynn,
so gebt mir ratt und ler.
Cl. Hätzlerin 2, 11, 18;

und ob noch einer hinnen wehr,
der auch meinr ertzeney beger.
H. Sachs fastn. sp. 2, 58, 273 neudruck.

bei einem inn sein, wohnen: nun fuer der Geir z und nam ain schuester zu im, der was sein hauswirt und was bei im inn. d. städtechron. 5, 71, 17. — neben partikeln, wie (nicht) länger, immer u. a. ergiebt sich die bedeutung 'bleiben':

dû bist besloʒʒen
in mînem herzen:
verlorn ist daʒ slüʒʒelîn:
dû muost immer drinne sîn. minnes. frühl. 3, 6.

beachte auch den charakteristischen unterschied der betonung zwischen seid ihr dá? er ist nicht dá einerseits und hier (da) bín ich, da séid ihr (ja) andrerseits, so z. b.: sihe, da seid jr kinder Israel alle. richter 20, 7;

da seid ihr ja, ich wollte bei euch wechseln.
Tieck 1, 199;

da bin ich schon. 286.

vergl. ferner d.
b) mit präpositionalen ausdrücken: an eim ort seyn, adesse in aliquo loco. Maaler 371d; und sein name wird an jren stirnen sein. offenb. Joh. 22, 4; freier:

der artzt ausz Syrien (Lucas) war stets ihm (Paulus) an der hand.
Opitz 4, 343. —

wird der taw auff dem fell allein sein, und auff der gantzen erden trocken, so wil ich mercken, das du Israel erlösen wirst. richt. 6, 37. im bilde: deine hand wird deinen feinden auff dem halse sein. 1 Mos. 49, 8. — fater unser, thû thar bist

[Bd. 16, Sp. 264]


in himile. Tatian 34, 6; kum uuine mîn, gê uuir anne den akker! uuesen alle uuîla in den dorfon! Williram 126, 2; alse nu Adam und Eva in dem paradyse worent, do zougete in got manige hande krüter und boume. d. städtechr. 8, 235, 28; darumb sol mein bogen in den wolcken sein, das ich jn ansehe. 1 Mos. 9, 16;

die zeit vergeht; längst bin ich in der fremde.
Storm ged. 137;

freier: rede zu jm und lege mein wort in seinen mundt und ich wird in deinem mund und in seinem mundt sein. bibel von 1483 32a (2 Mos. 4, 15. Luther: und ich wil mit deinem und seinem munde sein); dieweyl mir die seel im leyb ist, als lang ich lben wirdt. Maaler 369a; machet kein getümel, denn seine seele ist in jm. apostelgesch. 20, 10; wie kündten wir einen solchen man finden, in dem der geist gottes sey? 1 Mos. 41, 37; reden, wie es mier im hertzen was. Th. Platter s. 63 Boos;

es ist nicht drauszen, da sucht es der thor,
es ist in dir, du bringst es ewig hervor.
Schiller 11, 321. —

unter dach und fach sein u. ähnl.; den winter under dem tach seyn, agere hyemem sub tectis. Maaler 371d. —

dû salt wesen vor der tur. livl. reimchron. 1299;

herr doctor, vor meim hausz ich was.
H. Sachs fastn. sp. 2, 44, 176 neudr.

so auch: alles was dem priester fur augen sein mag. 3 Mos. 13, 12. vorhanden sein s. d. — das man sehen mus, der rechte gott sey zu Zion. ps. 84, 8. formelhaft:

er zeucht also darvon, schwartz uberall bekleidet ...
und reitet ungeschewt hin unter seine feind',
die umb Paris umbher so starck zu felde seindt.
Dietr. v. d. Werder Ariost 9, 2, 8;

wollt ein pastetlein ihr, ...
so sol es auf befehl alszbald zur stelle seyn.
Scherffer ged. 492.

so auch in bezug auf personen: wer sind die leute, die bey dir sind? 4 Mos. 22, 9; sagt, ich wäre schon bey meiner tochter. Gotter 3, 54;

ich wil selbe bie ûch wesen. livl. reimchr. 553;

er ist bey uns wol auff dem plan
mit seinem geist und gaben.
Luther 8, 364b.

vor: so hebe nun an und segene das haus deines knechts, das es ewiglich fur dir sey. 2 Sam. 7, 29;

vergönn', dasz ich mag stehend vor dir sein.
Tieck 1, 218.

gleichbedeutend mit diesen präpositionalen wendungen sind die verbindungen des verbs mit den entsprechenden betonten adverbien (die sog. trennbaren zusammensetzungen), z. b. einem beisein = bei einem sein, s. unten 24.
c) hält sich jemand nicht vorübergehend an einem orte auf, sondern hat er daselbst seinen dauernden wohnsitz bez. seine heimat, so drückt man dies aus durch zusätze wie irgendwo daheim, zu hause sein: daheimen oder beym hausz seyn, adesse domi Maaler 371d; wir wandern durch so viel städte, dasz wir selber nicht wissen wo wir daheim seyn. Weise com. pr. 279;

wo du mir bist, bin ich zu haus.
Storm ged. 127.

mhd. dafür mit hûse:

sie sâʒen ûf und riten hin ...
gein Litan, dâ Tinas
ir rechter vriunt mît hûse was.
Heinr. v. Freiberg Trist. 5014.

vgl. auch inn sein unter a.
d) besondere beachtung verdienen zwei ausdrücke, die, obwol ursprünglich und theilweise noch jetzt rein local, allmählich in den meisten fällen diesen sinn eingebüszt haben und zum bloszen ausdrucke des seins im vollen emphatischen sinne (s. 2 ff.) geworden sind. sie machen also in historischer zeit dieselbe entwicklung durch wie das verbum wesan in vorhistorischer und dienen daher dieser zur verdeutlichung. es sind da sein, örtlich s. a, dann einfach im sinne von existere (2, a), s. daselbst (theil 2, 650 ff.), zuweilen auch in abweichender bedeutung:

dô die boten erfunden,
daʒ diu wârheit was dâ (sich herausgestellt hatte).
Ottokar reimchron. 32678.

ferner vorhanden sein, vgl. daselbst, im ältern nhd. noch örtlich (ganz in der nähe, dicht vor einem): do was mier gar angst, den ich forcht der bär wäri vorhanden. Th. Platter s. 11 Boos. so später nicht mehr gebräuchlich, doch klingt die beziehung auf räumliches noch durch in folgender stelle: weil nun ohne äuszerliche verknüpfungen, lagen und relationen kein ort statt findet, so ist es wohl möglich, dasz ein ding

[Bd. 16, Sp. 265]


wirklich existire, aber doch nirgends in der ganzen welt vorhanden sei ('keine räumliche relation gegen andre habe'). Kant 8, 23. die heutige bedeutung schon bei Tucher baumeisterb. 17, 11, s. unter 1, 3, u, ζ; abstracter: die kräffte werden bey ihm vorhanden seyn. Weise comöd. pr. 196; doch ob ein kluger rath vorhanden ist, das werden sie am besten bedencken. 128.
11) aber sein steht nicht nur, der eigentlichen bedeutung gemäsz, auf die frage wo?, sondern auch auf die fragen woher? und wohin?, schlieszt also hier den begriff einer (vollendeten) bewegung in sich. hier dürfte in den meisten fällen die ellipse eines verbs der bewegung im part. perf. (gegangen, gekommen u. a.) anzunehmen sein.
a) wovon sein im sinne der räumlichen entfernung, nicht gerade häufig und jetzt kaum ohne zusatz üblich. von einem menschen oder orte fort, entfernt sein: (ich) auch selbs wissen musz, wie es thun mag von weib und kindlin, auch von der nahrung zu seyn. Luther briefe 4, 567; in einem wilden wald, in welchem ich die meiste zeit, seit ich von meinem knän war, zubracht. Simpl. 1, 180, 28 Kurz.mit angabe der distanz: zwo tagreisz vom läger seyn, abesse bidui a castris. Maaler 372c; vor zwo stunden bin ich noch eine meile von hier gewesen. Weise com. pr. 288. — ähnlich freier: wenn die ersten zwelf diu an dem raut beliben sint ain jar ratgeben sint bis ze der liehtmisse, die sullen denn auch von dem raut sin und sullen in dryn ganczen jaren an chainen raut auch nit mer chomen. d. städtechron. 4, 130, 24; vergl.: oba uuer inan Christ biiâchi, ûʒ fon theru samanungu uuâri. Tatian 132, 13 (extra synagogam fieret); da man den armen Uli ... henkte, sagte er: es ist ihm wohl gut, das er ab der noth ist. Pestalozzi Lienh. u. Gertr. 1, 348.
b) häufiger in dem sinne 'woher stammen, von wo ausgegangen sein'. mit adverbien: wo ist er her? unde est? quae est patria ejus? cujus est? Frisch 2, 267a;

quad, inan irknâtin untar in,'joh wiʒut wola, wanana ih bin'.
Otfrid 3, 16, 62;

das ist ein wunderlich ding, das jr nicht wisset, von wannen er sey. Joh. 9, 30; sprach der Fugger z mier: 'wannen bist du?' Th. Platter s. 21 Boos; aber darff ich fragen, wo ihr her seyd? Weise com. pr. 279; aus der zeit .. ist mir .. kaum der chef einer ansehnlichen mission preuszischer abstammung erinnerlich. ausländische namen standen höher im kurse: Brassier, Perponcher, Savigny, Oriola. man setzte bei ihnen gröszere geläufigkeit im französischen voraus, und sie waren 'weiter her'. Bismarck ged. u. erinner. 1, 5. diese hier characterisierte denkweise beherrscht unsre sprache überhaupt, wie denn die wendung er oder das ist nicht weit her noch immer ein beliebter ausdruck der geringschätzung ist.
c) so zunächst, von einem orte herkommen, stammen, gebürtig sein: uuas ther Philippus fon Bethsaidu. Tatian 17, 1; in disem jar da lies der kardinal an die thmbropstei über die thür schreiben seinen tittelum und darz Matheus Lang von Wellenburg, wiewol er noch sein fordern nicht von Wellenburg send. d. städtechron. 25, 83, 13;

mich duncket, du sijhest von Galilee. Alsf. passionssp. 3517;

der du von dem himmel bist.
Göthe 1, 109.

daher auch zeitlich: ich bin noch aus der alten (bestimmter z. b. der hannoverschen) zeit und dergl. besonders in einigen sprichwörtlichen redensarten: denn wir sind von gestern her und wissen nichts. Hiob 8, 9. mundartlich (nd.) hei is fon 'n dummen êrgisteren.
d) sodann, von jemandem stammen (als nachkomme), herrühren, ausgegangen, gemacht sein: so jemand wil des willen thun, der wird innen werden, ob diese lere von gott sey. Joh. 7, 17;

nintheiʒit mir iʒ muat mîn,ni ther fon gote sculi sîn,
es alleswio ni thenkit,ther sulîh werk wirkit.
Otfrid 3, 20, 149;

da aber aus eigenem beruf
gott der herr allerlei thier' erschuf,
dasz auch sogar das wüste schwein,
kröten und schlangen vom herren seyn.
Göthe 2, 200.


e) hiermit berührt sich von etwas sein zur angabe des stoffes: darumm heiszt er mein sun, er lebt und ich leb, und er ist von meinem blt und fleisch. Keisersberg evang. 14b; wenn eine seele dem herrn ein speisopffer thun wil, so sol es von semelmelh sein. 3 Mos. 2, 1;

alleʒ ir gewant
was von rôtem golde. Nibel. 72, 3;

[Bd. 16, Sp. 266]



wiss, daz du von ertreich pist,
ze ertreich wirst in chläiner frist.
Heinr. Wittenweiler ring 26c, 5

sein bart ist nicht von flachse,
er ist von feuersglut.
Rückert (1882) 1, 109 (Barbarossa).


12) sein mit ortsbezeichnungen auf die frage wohin? hier ist die ellipse eines verbalausdrucks besonders deutlich: man sagt wo warst du hin (gegangen) genau wie wo willst du hin (gehen)? vgl. Grimm gramm. 4, 136 f.
a) zunächst eigentlich, mit adverbien:

wâ wære du hin? Wigalois 143, 12;

du wære hin ûʒ ûf den plân. Parz. 118, 20;

dô wære er gerne hin wider.
Stricker Karl 5316;

wie sy nun all uffhi waren, wolt ich ouch do nohin. Th. Platter s. 8 Boos; der vollmond, eine reiche flur beleuchtend, war schon herauf. Göthe 23, 9; hernach ist er gleich fort. 57, 197. nieder sein, zu bett sein: (ich) gieng z des Myconii husz, der was schon nider. Th. Platter s. 47 Boos; so auch übertragen: wie weit sind wir? (beim lesen); wollte sie (die logik) sagen: leitet aus dem, was das wesen eures begriffs ausmacht, die hinreichend dadurch bestimmten synthetischen prädicate ... ab; so sind wir eben so weit, wie vorher. Kant 3, 384.
b) besonders in die augen fallend ist die notwendigkeit einer solchen ergänzung, wenn statt des ortsadverbs ein ausdruck (gewöhnlich acc.) des weges eintritt, so besonders ahd. mhd.:

ther scaz ist sînes sindes (ist fort).
Otfrid 5, 19, 60;

der wirt ist sîne strâʒe ...
in twanc dar ûf urliuges nôt,
daʒ er den wec niht mohte sparn. troj. krieg 21988;

nû was ouch an der wîle
der pfalzgrâf Ludwic
den gerihten stîc
unde wolt hinz Eger sîn.
Ottokar reimchr. 39309.


c) der ausdruck hin, dahin sein, der den ort, wohin etwas ist, ganz unbestimmt läszt, also nur ausdrückt, dasz es von dem früheren orte fort ist, kommt daher mit einer leichten verflüchtigung zu der allgemeinen bedeutung: nicht mehr 'da' sein, von lebenden wesen, gestorben sein (vgl. dahin 9, theil 2, 691 f.; hin 6, theil 4, 2, 1376):

sie ist dahin, die maienlieder tönte,
die sängerin.
Hölty 56 Halm;

so auch:

so sterb' ich denn, so, so!
nun todt ich bin,
der leib ist hin,
die seel' speist himmelsbrot. Shakesp. sommernachtstraum 5, 1.

dafür ähnliche wendungen: als nun diser feind und anplatzer des reichs auch hinunder war. Franck chron. der Teutschen 42b; wenn sie hinweg ist, werden wir erst wissen, wie viel wir verloren haben. Tieck 1, 88;

ich fürcht', es ist von hinnen
sein groszer geist! 358;

dein auge brach, die welt ward immer trüber; ...
dein kind schrie auf, und dann warst du hinüber.
Storm ged. 45.

milder: suchtest du den Götz? der ist lang' hin. Göthe 8, 162 (Götz von Berl. 5). von der zeit, verflossen, vorüber sein: der uuinter ist hina, der regan ist vure. Williram 39, 1; jene blühende zeit ist dahin. Herder s. 2, c;

eʒ ist hiute hin ein tac
den ich wol immer haʒʒen mac. Iwein 7439;

die zeit ist hin.
Storm ged. 33.

auch sonst von allem möglichen, z. b.: tero satyra nû eines micheles teiles kesagetero, uuanda novem librorum zuei hina sint. Notker 1, 846, 14 Piper (Mart. Cap. 2, 48). von empfindungen: so ist er gech zornigk und der zornn ist im balde hin. versehung eines menschen 55a;

der zorn ist minhalp dâ hin. Iwein 8093;

her Tristan und her Gâwân, ...
ob die nît under in
hêten, der was gar dâ hin.
Heinr. v. Freiberg Tristan 1858;

allgemein: was hin ist, das ist hin. wer weisz was vor ein schöner sonnenschein auf das ungewitter folgen wird. Weise com. pr. 221. — ähnlich im nhd. fort, weg sein, nur noch etwas sinnlicher:

weg ist alles, was du liebtest,
weg warum du dich betrübtest,
weg dein fleisz und deine ruh'.
Göthe 1, 77;

der schnee ist fort. 232.

[Bd. 16, Sp. 267]


namentlich in vulgärer redeweise, z. b. nd. sprichwörtlich tröste got, wat wæge is; in Hildesheim gottlow, dat du (der furz) wêge bist! segt bûmesters sîn' (sohn). Höfer wie das volk spricht 1312. — ferner vorbei, vorüber sein (zeitlich):

da ist's vorbei!
Göthe 41, 322 (s. 2, c);

die tage sind gezählt, vorüber bald
ist alles, was das leben einst versüszt.
Storm ged. 181.


d) mit präpositionen: er freuet sich, dasz der vater wieder hinaus auf das land, an seine arbeit ist. Lessing 7, 437 (dramat. 98); Görge ist auf's feld, und Röse zu ihm. Göthe 14, 265; Lotte fragte nach seiner tochter: es hiesz, sie sey mit herrn Schmidt auf die wiese hinaus zu den arbeitern. 16, 43. — was macht ihr gemahl? postmeisterin. weisz gott. er ist in die weite welt. 10, 138 (Stella 1); sie haben die gewohnheit, wenn ihre männer auf's fischen in's meer sind, sich an's ufer zu setzen. 27, 132; wir waren ungefähr funfzig schritte in den dampf hinein, als er so stark wurde dasz ich kaum meine schuhe sehen konnte. 28, 22;

er ist schon lang' mit einem fremden schiffe
in alle welt, und lebt vielleicht nicht mehr. 10, 215 (Claudine 1);

jetzt ist er hinaus in die weite welt,
hat keinen abschied genommen.
Scheffel trompeter 241.

so auch: also rühmte sich Pythagoras: seine seele wäre anfänglich in einen pfauen gewest, hernach in Euphorbus, von dar in Homerus .. gefahren. Lohenstein Arm. 1, 667a;

nû wol ûf, stolziu magedîn! der meie ist in diu lant.
Neidhart v. Reuental 18, 9;

anders wære ir beider hende ein ander in daʒ hâr. 39, 25.

mein vater war ein kaufmann, ist nach Amerika, ist todt. Göthe 10, 136 (Stella 1); ist Lerse nach Georgen? 8, 162 (Götz v. Berl. 5); wir vermutheten, dasz er nach Deutschland sey. 20, 282; und ihnen soll ich sagen, er sey nach Mirmolo. 57, 197. — über: inindiu uuas Phoebus ioh hina uber dia luft. (interea tractus aereos iam Phoebus exierat.) Notker 1, 722, 22 Piper (Mart. Cap. 1, 23). so besonders in der häufigen verbindung er ist über alle berge, weit fort, nicht mehr sichtbar und erreichbar: denn sie fürchten sich, und weren lieber uber alle berg gewesen. Luther 4, 492b. —vor:

dô wæren die dâr innevil gerne für den sal. Nib. 1910, 3;

wären wir nur erst den berg vorbei!
Göthe 12, 244. —

zu: ich weri gären zum bischoff gsin, was aber vergäben. Th. Platter s. 85 Boos; er ist zum bischof um lebewohl zu sagen. Göthe 8, 63 (Götz 2); habe ich es euch nicht gesagt, dasz sie das haus verschlossen und zu eurer base ins weisze nonnenkloster ist? Brentano 7, 110;

ich was niwan zuo dem sê. Wigalois 143, 18.


e) daneben nimmt sein auch den begriff der noch dauernden, unvollendeten bewegung an, steht also nicht für 'gegangen, gekommen sein', sondern geradezu für 'gehen, kommen, fahren' u. s. w., vorwiegend, doch nicht immer, mit bezug auf die zukunft. so schon mnd. in der schiffersprache: by norden den sunde dar licht en goet confers, de nortwart wesen wil .. unde alse gy den sunt gepasset sint, wil gy wesen to Ghalwyn, so mote gy gan oestnortost. seebuch 6, 7; de oestwart wesen wil, de dar insegelen wyl, de mot by den osthuke insegelen. 5, 12; so gaet dan nortnortost bet up de Banck, wille gy oestwart wesen. 14, 2. nhd. vereinzelt (ostdeutsch?) her sein: ich streke ihnen ein summchen vor. sie sind her, und kaufen alle mögliche restchen seidenzeug. Hermes Soph. reise 6, 559. abgeblaszt, wie 'wohlan': seyd vielmehr her, hertzliebster gemahl, und rechet auff eine stunde so vieler jahr verwegenheit. Opitz Argenis 1, 527. mit präpositionen:

in quam thô in githâhti,thaʒ man imo iʒ brâhti,
unz se ôdo wârun zi theru burgkoufen iro nôtthurft.
Otfrid 2, 14, 100;

si heten sehs kindelîn:
deste spâter muosen si sîn
nâch ir gewerfte ûf den sê. Wigalois 137, 30;

hi seide, hi wilde te Romen sijn
ende van daen over meer. Reinaert 3636;

mein mann wird bald
nach hause seyn
vom feld.
Göthe 2, 181.

zuweilen wird diese perfective ausdrucksweise angewendet, um die schnelligkeit einer bewegung wirkungsvoll auszudrücken. sie vollzieht sich gleichsam so rasch und plötzlich, dasz sie schon vollendet ist, wenn man sie wahrnimmt: er eilt an's fenster dem

[Bd. 16, Sp. 268]


kutscher befehle zu geben; aber hinter ihm weg ist sie, wie der blitz zur stube hinaus, die treppe hinab in dem (l. den) wagen. Göthe 17, 389.
f) so namentlich in gewissen festgeprägten redewendungen. im älteren nhd. an einen (zuweilen einem) sein, ihn angreifen: Morgant, der wol gsächen hat, wie Olliffier gfallen was, sprach, er wett in rächen, und wott an Maffredon sin (frz. aller sur). Morgant 71, 38 Bachmann; dardurch Rengnold vast zornig ward und wott an Ollifier geweszt sin (courir sur O.). 125, 29; hindennach wüst Titus selber vor grosem zorn usz dem bet, und wolt an dem ritter sein. Pauli schimpf u. ernst 221 Österley; ähnlich und noch jetzt üblich: aber er kam stracksfusz mit fäusten auff mich zu, und brummte etliche zornige wort, die, weil ich meines wissens keine hörner nie gehabt, nit verstehen, doch darausz soviel abnemen konte, dasz er mir gerne an die haut geweszt wäre. Philand. 1, 270.
g) auch in der heutigen umgangssprache ganz üblich ist die wendung hinter einem her sein, ihm eilig nachfolgen, ihn verfolgen: massen sie auch einen von den gefangenen bauren bereits in den backofen steckten, und mit feuer hinter ihm her waren. Simpl. 1, 22, 4 Kurz; ähnlich, mit nach:

mit sîner grôʒen stangen
wær er gerne nâch der heiden her.
Wolfram v. Eschenbach Willeh. 227, 11.

adverbial: Görgen sah ich gehen; ist Röse nach? Göthe 14, 262 (bürgergen. 6).
h) dieselben wendungen auch in übertragenem sinne, so schon mnd. darna wesen, sich um etwas mühe geben: unde begherde, dat de rad dar na were, dat em syn schip myt den guderen wedder worde. Lüb. chron. 2, 152 bei Schiller-Lübben 5, 696a. so besonders in der heutigen umgangssprache hinter etwas her, nach (auf) etwas aus sein: er ist gefährlich hinter dem gelde her, aufs verdienen aus u. ähnl.; ausseyn auf etwas, nicht in guter bedeutung, hoc ejus scopus est; darauf ist er aus, hoc est quod petit; ausseyn, nach etw. id. Frisch 2, 266c.
i) manchmal geht der begriff der äuszern ortsbewegung in einen andern über, so z. b. in folgender stelle, wo man zur vervollständigung ein part. gewachsen ergänzen müszte:

und nun sind die gewächse (kinder)
fast all' uns übern kopf.
Göthe 1, 127.

so besonders zu etwas sein, in einen zustand gelangt sein u. ähnl.:

die an disem gelouben sint
und hehaltent kristen ê,
die sint ze gnâden iemer mê. Wigalois 209, 20;

sie (die gestorbenen) sind vom sehen nun zum schaun!
Gökingk 3, 212.

ferner, zu etwas geworden sein:

so seyd ihr götterbilder auch zu staub!
Göthe 9, 39 (Iphig. 2, 2);

du bist der liebe schon zum raube
und bist dir kaum des worts bewuszt.
Storm ged. 29.


13) eine weitere gruppe für sich bilden die ausdrücke für ein besitz- oder eigenthumsverhältnis. hier verwendet die deutsche sprache den genitiv und den dativ. ich stelle letzteren voran.
a) den zuerst behandelten verwendungen steht am nächsten die reine subjects-construction mir ist etwas, es ist für mich da, vorhanden = ich habe etwas, vgl. Grimm gramm. 4, 703. diese nicht gerade häufige fügung entspricht genau der lat. mihi est und ist wol dadurch beeinfluszt, vgl. die ahd. übersetzungen: in thie burg Galile, thero namo ist (cui nomen) Nazareth. Tat. 6, 1; thero uuas suester (huic erat soror) namen Maria. 63, 2. im nhd. ist sie eine lieblingswendung Grillparzers:

ist dir der stoff erst, der sie nährt,
fällt glut vom himmel auf den herd,
und lodert ohne rast. 51, 208;

weiland Alexander dem groszen
war unter des hauses genossen
ein arzt von hoher kunst. 2, 217;

sind uns nicht waffen und kraft und arme? 5, 36 (Argon. 1);

noch ist mir meines vaters helm und schwert,
und tod dräut jedem, der sich widersetzt! 7, 80 (des meeres u. der liebe wellen 4).


b) weniger fremd, doch kaum in der umgangssprache anwendbar ist die fügung, wenn eine locale bestimmung hinzutritt, so häufig bei Göthe (deutlich unter einflusz der antike):

gutes mädchen, mir hat die mutter nicht leinwand alleine
auf den wagen gegeben, damit ich den nackten bekleide,
sondern sie fügte dazu noch speis' und manches getränke,
und es ist mir genug davon im kasten des wagens. 40, 247 (Herm. u. Dor. 2);

[Bd. 16, Sp. 269]



wahrlich, dem ist kein herz im ehernen busen, der jetzo
nicht die noth der menschen, der umgetriebnen empfindet;
dem ist kein sinn in dem haupte, der nicht um sein eigenes wohl sich
und um des vaterlands wohl in diesen tagen bekümmert. 267 (4);

wäre mir jetzt nur geld in der tasche, so solltet ihr's haben. 299 (6).

ferner:

wollt ihr wieder
zurückekehren hier in diese stadt,
so sei euch, herzog, nach mir dieser thron.
Tieck 1, 238.

vgl. auch:

wo du mir bist, bin ich zu haus.
Storm ged. 127.


c) sonst besonders abstracter: im ganzen war ihm das glück, als genosse einer, nach der höchsten bildung strebenden zeit, das würdige zu kennen und zu nutzen. Göthe 35, 345. so häufig in der sprache der bibelübersetzung: einerley gesetz sey dem einheimischen, und dem frembdlingen der unter euch wonet. 2 Mos. 12, 49; und dem herrn sol ein name und ewiges zeichen sein, das nicht ausgerottet werde. Jes. 55, 13. — so auch von der bedeutung 4, d ausgehend: ehre sey gott in der höhe, und friede auff erden, und den menschen ein wolgefallen. Luc. 2, 14;

iu scal sîn fon gote heil,nales forahta nihein.
Otfrid 1, 12, 8.

wie man hier leicht ein part. gethan, erwiesen oder ähnl. hinzudenkt, so verlangt der ausdruck dir sei trotz die ergänzung von geboten:

sei seinem genosz ain truz.
Liliencron hist. volksl. 2, nr. 173, 24;

ich hab gut macht, und sey euch trutz
zu berathschlagen gmeinen nutz.
H. Sachs 2, 1, 29a.

weitere abstracte ausdrücke, wie mir ist not, zorn u. and. s. 6, eg. ähnlich noch:

darumb, Maria, raine maidt,
sol dir nit sein als grosses laydt. tirol. passionssp. s. 149, 2355.


d) andrerseits steht sein mit dativ in prädicativer fügung, um einen genannten oder bekannten gegenstand einem bestimmten eigenthümer zuzuweisen. die redeweise ist häufig belegt in der älteren litteratur, später in poetischer rede und in oberdeutschen mundarten, z. b. schweiz.: 's isch im vatter. Seiler 268b. die gewöhnliche umgangssprache sagt dafür gehören. beispiele: item wer dem andern sein holz abschlecht ân urlaub, der ist dem das holz ist als oft für ainen stamb V  X D. verfallen. steir. teid. 31, 12; der man sprach, wem ist das ander kind das da lauft. Pauli schimpf u. ernst 101 Österley; o, was wirt der morgen sagen, dem der wagen ist, wenn er ihn suchet und nicht findet? Kirchhof wendunm. 1, 225 Österley (1, 186); vogel sind das deine hembden? Mummel-Märten. wem werden sie sonst seyn? graf Ehrenfried 109; jezt ist er ihnen! jezt Milady nehmen sie ihn hin! Schiller 3, 467 (kab. u. l. 4, 7);

ja, fordre was du willst, denn ich bin dein! ...
ihr bin ich, bildend soll sie mich besitzen.
Göthe 9, 149 (Tasso 2, 2);

dir allein
ist und wird mein leben seyn. 11, 9 (Jer. u. Bät.);

all' dies gebiet, von dem zu jenem strich, ...
beherrsche du: dir und Albaniens stamm
sey dies auf ewig. Shakesp. könig Lear 1, 1;

ach gott, was ist das haus so klein!
wem mag das elende winzige häuschen sein?
Grimm märchen s. 203

(dafür oben:

wem gehört die schöne grüne wiese?
sie gehört dem könig Drosselbart).

s. auch 14, g. mit auslassung von sein (s. 39, a): wem soll das, was ich in meiner hand habe? Musäus volksm. 3, 77 Hempel.
e) abstracter, mit leichter verschiebung des sinnes, zufallen, zu theil werden:

und müsztest du im kampf auch enden,
so wird's ein anderer vollenden,
und dem der lorbeer sein.
H. v. Kleist an Franz I,

wo allerdings die handschr. dein liest, s. die ausg. v. Zolling 1, s. 44. — zustehen, zukommen:

dem schicksal ist es, nicht den göttern,
zu schenken das leben und zu nehmen.
Göthe 33, 251.

so auch:

wenn's die schüler breit verkünd'gen,
nach es ahmen in geduld,
ihnen ist, nicht uns die schuld.
Grillparzer5 1, 155.


f) andere, weiter abliegende bedeutungen von sein mit dativ s. 8, a. b. hier sei auch die wol nur dem lat. nachgebildete phrase was ist mir und dir erwähnt: ir sün Sarie, was ist es mir und euch? laszt jn das er fluch! bibel v. 1483 150a

[Bd. 16, Sp. 270]


(2 Sam. 16, 10: quid mihi et vobis est? Luther: was hab ich mit euch zu schaffen?). — im ahd. steht hier neben dem dat. auch der acc., s. Grimm gramm. 4, 702 f.: uuaʒ ist uns inti thir, Heilant? Tat. 53, 6 (quid nobis et tibi, Jhesu?); uuaʒ ist thih thes inti mih, uuîb (quid tibi et mihi est mulier)? 45, 2. dagegen im got. der dativ: hwa mis jah þus, Jesu? Luc. 8, 28.
14,
a) häufiger und dem geiste der deutschen sprache gemäszer ist im allgemeinen in allen diesen fällen der genitiv, vgl. dazu Grimm gramm. 4, 652—4. 961. doch findet er sich nur ganz vereinzelt, und auch hier vielleicht anders zu verstehen, in der 13, a entsprechenden construction: ein beygürtel sey unser aller. 4. bibelübers. spr. 1, 14 bei Kehrein 1, s. 280 (Luther: es sol unser aller ein beutel sein).
b) sonst fügt er stets zu einem genannten subject ein prädicat hinzu, entsprechend also der fügung 13, d. so besonders und sehr gewöhnlich im mhd. und älteren nhd.:

ther loʒ, ther rihtit unsih al,welîches sin wesan scal.
Otfrid 4, 28, 12;

wes sint die bürgeund daʒ hêrlîche lant? Nibel. 372, 4;

sus erbet er, dô er genas,
daʒ ê des forehtieres was. Lanz. 1248;

Jhesus zuch usz die kleider din!
die sollen disser ritter sin. Alsf. passionssp. 5591;

nu hebe an, geselle min,
wes der rock solle sinn. 5699;

item es ist ein gesatz, das der baum des ist, in das ertereich da er gewurtzlet hat, nit des, in des gartten er sich hencket. Keisersberg narrensch. 45b; das die schler derfften gens und enten, ouch andre essige spysz rouben und detten man eim nütz drum, wen man dem entrunne, dessen ein ding gsin weri. Platter s. 16 Boos; der schiffman lachet und des der win was. 43; auff das du innen werdest, das die erde des herrn sey. 2 Mos. 9, 29.
c) auch heute ist die ausdrucksweise in gehobener rede noch üblich, dagegen kaum mehr in der umgangssprache. am ehesten würde man noch fragesätze, wie wessen ist dies buch? gebrauchen, doch ist auch hier die sonst herrschende ausdrucksweise mit gehören (wem gehört das buch?) beliebter. beides neben einander: disen verstant es auch hat mit gemainem markt Fronleüten deme das lantgericht vom Hakbächl nach der landstrassen bis zum Donnerstein zuegehört; der purkfrit aber ist daselbst obbeschribner massen allein der herrschaft Pfannberg. steir. teid. 337, 29;

wie man genieszt der sonne goldnes licht,
das niemands ist und allen doch gehört.
Grillparzer4 7, 66 (weh dem der lügt! 3).

die hier versuchte unterscheidung hat im sprachgefühl keinen grund.
d) für den gen. der personalpronomina tritt dasdamit im stamme ja identischepossessivpronomen ein: z letst wil ich das din gemüt myn sy, wann ich bin das din. Terent. (1499) 42a; alles was seine mutter am ersten bricht, ist mein. 2 Mos. 34, 19;

dirre kleine hunt ist mîn. Wigalois 61, 20;

die geliebte müllerin ist mein!
W. Müller ged. 1, 28.

diese verbindung ist (im gegensatze zum gen. poss.) auch heute noch durchaus geläufig und in uneingeschränktem gebrauche. in der umgangssprache, und besonders mundartlich wird das possessiv gern um ein unorganisches -e (der schwachen flexion?) am ende verlängert: das ist meine u. ä. s. die belege aus Weise unter i. r, und Eichendorff unter m.eine eigenthümlichkeit der niedern umgangssprache und mundartlichen redeweise, die zuweilen auch in die litteratur eingedrungen ist, ist die vermischung der beiden gleichbedeutenden ausdrucksweisen dieses ding ist mein und gehört mir, derart, dasz nun gehören mit dem possessivpron. verbunden wird: es gehört mein, s. DWB gehören 4, e (th. 4, 1, 2508 f.), z. b.:

nun hab' ich mein sach auf nichts gestellt, ...
und mein gehört die ganze welt.
Göthe 1, 147.


e) die gleichartigkeit des possessivpron. mit dem unter b behandelten gen. erhellt besonders deutlich, wenn beide unmittelbar neben einander stehen: was wir künfftig haben sollen, das ist der eltern, und ist nicht unser. Weise com. prob. 295;

das rosz ist des königs, der reiter ist mein.
Erk-Böhme liederh. 2, s. 792.

so auch in mîn selbes, unser aller u. dergl. s. a und l.
f) ebenso kann das possessiv aber auch mit dem dativ zusammengestellt werden: der alte .. zeigte ihm in einem keller drei kasten voll gold. 'davon', sprach er, 'ist ein theil den

[Bd. 16, Sp. 271]


armen, der andere dem könig, der dritte dein'. Grimm märchen22 s. 19 (nr. 4);

was ich in that und wahrheit bin, ist dein
und meinem armen land!
Schiller 13, 121 (Macb. 4, 6).

vergl. ferner h.
g) bei ihr ist in der regel nicht bestimmt zu entscheiden, ob der dativ des persönlichen, oder das possessive pron. vorliegt: also ist die grosze welt beschlossen, das nichts von ihr hinaus gang, sondern in ihr bleib, das ihr ist. Paracelsus (1589) 1, 190; — man darf das letztere annehmen, wenn ein gen. oder ein anderes possessiv daneben steht:

die schuld ist ihr (der seele) und nicht des leibes welcher rufft.
Opitz 4, 372;

ich bin jetz jhr, und sie ist mein.
Weckherlin ged. 339.


h) als verstärkung kann in beiden fällen eigen hinzutreten, ohne den sinn oder die construction zu ändern: asni inti ther nist hirti, thes thiu scâf eiganiu ni sint. Tat. 133, 11; der löner des die schaff nit sind eygen. 4. bibelübers. Joh. 10, 12 bei Kehrein gr. 3, § 178;

sus sêrdy uns, eft wij ju eigen syn. Theoph. 573;

wolt eur herr mich zu eigen han,
so zeiget eurem herren an,
verleiht mir gott das leben mein,
so musz er selbst mein eigen sein.
Ayrer 1005, 8 Keller.

vgl. dazu:

mein eige soll sie sein,
kein'm andre mehr als mein.
Erk-Böhme liederh. 2, nr. 558, 3.

zur erklärung dieses dativs ist zu verweisen auf die verbindungen des dativs mit dem possessivpronomen, die in vielen deutschen mundarten (z. b. österr., nd. u. s. w.) an stelle des genitivs getreten sind (dem vater sein rock = des vaters rock). — daher auch die ganz ungewöhnliche zusammenstellung:

du sollt kein stück
von meinen ziegen nehmen.
sie sind mir mein!
Göthe 33, 255.


i) zuweilen zeigen sich besonderheiten der bedeutung. so sagt man ein ding ist jemandes auch, wenn dieser noch nicht im besitze ist, aber gegründeten anspruch darauf hat, also 'es kommt ihm zu, gebührt ihm': da sprach Jesus zu jr: darumb gebt dem keiser die ding, die da sind des keisers und gott die ding, die da sind gots. bibel v. 1483 480b (Matth. 22, 21); ähnlich:

daʒ lop ist der guoten wîbe al eine.
Ulrich v. Liechtenstein 417, 13.

vgl. auch die stellen unter f. ferner: wenn er (Esau) einen hirsch siehet, der ist seine (ist ihm verfallen, es ist so gut, als wenn er ihn schon hätte). Weise com. pr. 9. — folgende wendung ist wol nur dem lateinischen nachgebildet: etwas vor der zeit thun, ist (sache) unweiser leute. Wicel bei Kehrein gr. 3 § 178.
k) in verschiedenem sinne sagt man von einem menschen, dasz er jemandes (eigen) sei, zunächst in bezug auf den herrn, im strengsten sinne vom sklaven oder 'leibeigenen':

dem wolde ik geven myn lyf to kope,
so dat ik syn eigen were,
ik wolde syn knecht syn, hei myn here. Theoph. 462.

so auch: die juden wasen der stat. d. städtechron. 5, 13, 8. vom dienstmann, vasallen:

swer ie sô grôʒe nôt erleit
durch frouwen, dem erteile ich, daʒ
er si habe mit flîʒe baʒ
dan einer, der dâ heime lît
unz man im eine frouwen gît
der eigen er wol möhte sîn. Wigalois 243, 29.

vom unterthanen: die meines herren sind. steir. teid. 49, 2; item was von freileiten under dem gotzhaus sind geborn, die sol ain jeder brobst und amptmann versprechen des ersten daz seu des egenanten gotzhaus sein. 269, 5. allgemein zum ausdruck der abhängigkeit, so in höflicher rede:

hêrre, ich selbe und al mîn habe ...
ist iwer, sult ir hie genesn.
wes möht ich pillîcher wesn? Parz. 564, 22.

so zuweilen zusammengestellt: wer oder wes der wär. steir. teid. 65, 41;

vornehmlich eine — grille, wenn ihr wollt,
ist ihr sehr werth. es sey ihr tempelherr
kein irdischer und keines irdischen.
Lessing 2, 197 (Nathan 1, 1).


l) daher sagt man zur bezeichnung der unabhängigkeit und freiheit sein (selbst) sein, vgl. auch Eckhart unter o: dy (Elsässer) gebrauchen sich keyserlicher recht, seind gern yr selbs, freigäbig (besser nach einer andern ausgabe: freyliebig), die nit

[Bd. 16, Sp. 272]


tyrannei leiden mögen, auch deren nit gwont, sunderlich die stätt, deren vil jr selbs seind. Franck weltb. 63b;

ich han gedicht im rate
bi den zwei und driszig jaren
dasz uns wol mag widerfaren,
dasz wir unser selbes sin

('dasz wir die städtische autonomie erringen'). Liliencron hist. volksl. 1, nr. 40, 79, vgl. v. 304. 498;

wie wann die nachtigal, vom keficht auszgerissen,
hin in die lüfften kömpt, und an den kalten flüssen
mit singen lustig ist, umb dasz sie losz und frey
von ihrer dienstbarkeit, und nun ihr selber sey.
Opitz 1, 128;

dir aber liebet nicht das unbefreyte freyen,
und deiner selbst zu seyn, wilstu dich nicht verzeihen.
Logau 1, 191;

abgeblaszter:

vorbei der tag! nun laszt mich unverstellt
genieszen dieser stunde vollen frieden!
nun sind wir unser; von der frechen welt
hat endlich uns die heilige nacht geschieden.
Storm ged. 56.


m) als eine art lehensverhältnis (k) wird im mittelalter auch der minnedienst aufgefaszt:

sie ist über mînen lîp
frouwe und al des herzen mîn,
sie vil wunderwerdeʒ wîp:
nû wes sold ich ie gerner sîn?
Ulrich v. Liechtenstein 58, 22.

aber auch sonst, und in einem volleren und tieferen sinne, als ausdruck der liebe: mein freund ist mein, und ich bin sein. hohel. 2, 16;

dû bist mîn, ich bin dîn. minnes. frühl. 3, 1;

sie aber war inn liebesbrunst
gegen jhm also hart verwundt,
dasz sie täglich zu aller stundt
nur kurtzumb wolt sein eygen sein.
Ayrer 871, 12 Keller;

unmäszig liebt' ich sie, ganz war ich ihr.
Göthe 7, 302 (Tancr. 4, 2);

und die nachtigallen schlagen's:
sie ist deine, sie ist dein!
Eichendorff2 1, 501.

letztere wendung ganz gleichbedeutend mit 'sie liebt dich'. vgl. auch die stellen aus Weckherlin u. W. Müller unter g bez. d.
n) die wendung bezeichnet ferner das verhältnis der ehefrau zum gatten: in thero urrestî uuelîches iro ist thiu quena? allê habêtun sie sia. Tat. 127, 2; ich kann nicht beten: lasz mir sie! und doch kommt sie mir oft als die meine vor. ich kann nicht beten: gib mir sie! denn sie ist eines andern. Göthe 16, 133;

ich bin nicht grausam. frei nur will ich leben;
blosz keines andern will ich sein.
Schiller 13, 384 (Turandot 2, 4).

selten umgekehrt: du bist lang dein selbst und frey gewesen. nu bystu deines weybes. Albr. v. Eybe ob ainem manne sei zu nemen etc. 8a. von weibern in anderm sinne:

weiber, die die brüste blössen, sind von oben aller leute,
das was unten bleibt den männern (mancher zweiffelt) zu der beute.
Logau 3, 158, 21.


o) ferner sind menschen und dinge (eigenthum) gottes: darumb, wir leben oder sterben, so sind wir des herrn. Röm. 14, 8; als der löwe diese vom bären berichtete geschichte vernommen, sprach er: .. wir sind fürwahr gottes. Dieterici streit zwischen mensch u. thier (1858) 58;

gottes ist der orient!
gottes ist der occident!
Göthe 5, 8.

vgl.: dô ich stuont in mîner êrsten ursache, dô enhâte ich keinen got und was ich mîn selbes. Eckhart 281, 21. — in prägnantem sinne von dem, was gott geweiht wird: alles was seine mutter am ersten bricht, ist mein. 2 Mos. 34, 19;

wanta was iʒ thegankind,thes wîbes êrista kind,
... iʒ was gotes suntar.
Otfrid 1, 14, 22;

ein volk hast du vom fall erlöst, o Mars! ...
und willst dafür die jugend eines jahrs:
nimm sie! sie ist dir heilig, sie ist dein.
Uhland ged. 381.

so auch von einem mädchen, das sich dem tode geweiht hat: Lysandra. rette sie! dein ist die braut! Hermione. der götter bin ich! Klinger 2, 143.
p) entsprechend des teufels sein, zunächst im vollen sinne von einem, der sich ihm verschrieben hat:

de breif sal also wesen,
al dei en sein efte lesen,
den salstu bekennen unde gein ...,
dat Theophilus des duvels sy. Theoph. 614;

dusse breif bedudet so vele,
dat myn lyf und ôk myn sele
des duvels ewich wesen sol! 770.

[Bd. 16, Sp. 273]


daher dann in verwünschungen und beteuerungen: oder ich sey des teuffels, wa ich nicht meh dann sechs monat einmal freye tafel daselbst hielt. Garg. 242b; bisz endlich der kerl hoch und teuer schwur .., er wolte desz teuffels seyn, wann er etwas ferners thun .. wolte. Simpl. schriften 3, 347, 4 Kurz; aun, jetz bischtus tuiffels, desz tuiffels. 8;

doktor, sind sie des teufels?
H. Heine 1, 177 Elster (Nordsee 1, 10);

bist du des teufels, Ratcliff?
ich sehe nichts. 2, 329.

allmählich ganz verblaszt und formelhaft geworden, wie verflucht, verdammt: das wäre des teufels! und ähnl. dafür euphemistisch: 'das wäre des guckgucks!' rief der müller. Grimm märchen s. 264 (nr. 61). auch des hunds sein? (vgl. hund 12, theil 4, 2, 1916): ein läre tasch, und schneiderzech, ist hunds. Garg. 49b.
q) ähnlich des todes sein, dem tode verfallen sein, sterben müssen:

dô dâhte Hagne'du muost des tôdes wesen.
dich envride der tievel,dune kanst niht genesen'. Nibel. 1988, 1;

sin kunst vil manegen valte
der .. des tôdes muoste wesen
von der swerte krefte. Biterolf 142;

bey welchem er funden wird unter deinen knechten, der sey des tods. 1 Mos. 44, 9. als beteuerung: ich will des todes sein, wenn wir nicht bey jedem tritt auf ein paar tausend gespenster, drachen und stachelschweine stoszen. Wieland 11, 129 (don Sylvio 1, 2, 4); wenn ich dich nur über einem gedanken an meine geliebte ertappe, so bist du des todes! 196 (1, 3, 4); gnädiger herr, antwortete Pedrillo, ich will gleich des todes seyn, wenn ich weisz was ich sagen soll. 355 (1, 4, 6). — vereinzelt auch von jemand, der einem mörder als beute verfällt: da legte ich mich hinter die sträucher, und wenn er kommen wäre, so hätte er müssen meine seyn. Weise comöd. pr. 178.
r) ein possessivverhältnis liegt wol auch in folgender freiern verwendung zu grunde: sprache zu ir Lucretia (Tarquinius?): du must meins willen sein oder ich wil dein man töten. Albr. v. Eybe ob ainem manne sei zu nemen etc. 14b; mit dem nötet Tarquinius Lucreciam und thet ir gewalt daz sie seines willen sein must. ebenda. (dafür jetzt einem zu willen sein, s. 25, n, δ.)
s) ungewisz ist, ob man auch das mhd. sîn mit gen. 'betreffen' hierher ziehen darf (vgl. dazu 25, r, ζ), z. b.:

ich bin noch ungeveiget,
swaʒ des næhsten jâres ist.
Ottokar reimchron. 5767.


15) die 'copula' sein dient dazu, ein nicht verbales prädicat einem subjecte beizufügen. dieses prädicat kann zunächst ein substantiv sein. die gewöhnliche bedeutung dieser construction ist, ein einzelwesen in eine classe von dingen einzureihen: mein vater ist (ein) kaufmann. es sind zunächst zwei fälle zu unterscheiden.
a) das prädicat ist nicht determiniert; hier hat die sprache zwei ausdrucksweisen.
α) in dem vollen angegebenen sinne hat das substantiv meistens den unbestimmten artikel: ein kriegsmann seyn und dem krieg nach gon, militiam colere. Maaler 371d; sey ein frembdling in diesem lande, und ich wil mit dir sein. 1 Mos. 26, 3; die Wurster waren ein wildes seeräubervolk. Allmers marschenbuch 227;

darnâch gan ich im harte wol,
daʒ er ein mûrære wese.
Stricker Amis 1969;

daʒ er ein gut geselle si
gewest. Ludwigs kreuzfahrt 2631;

bis ain ursprunk gter sach.
Suchenwirt 38, 289;

dasz ihr ein mann von treu und ehre seyd. Shakesp. Hamlet 2, 2;

ist denn lieben ein verbrechen? lied von 1810, s.
Büchmann12 171.

es macht keinen unterschied, ob ein adjectiv oder genitiv hinzutritt. veraltet ist jedoch die stellung:

ihr wäret der miliz ein schänder.
Tieck 1, 191.


β) ein besonderer fall ist es, wenn ein eigenname als gattungsbegriff gebraucht wird, gewöhnlich in wendungen, wie: er ist ein zweiter Schiller u. dgl. (entsprechend determiniert: Tschechow ist der russische Maupassant), auch: er ist an körperkraft ein (wahrer) Hercules, vgl. dazu 17, a. so z. b.:

wie mancher auf der geige fiedelt,
meint er, er habe sich angesiedelt ...
und glaubt auf seiner violin
ein andrer, dritter Orpheus zu syn.
Göthe 4, 359.

[Bd. 16, Sp. 274]


vgl. auch:

mich duncket wol an diner complex,
das du nit syest der dultig Job.
Herm. v. Sachsenheim mörin v. 265


γ) mit der negation verschmilzt ein gewöhnlich zu kein:

ich bin kein teuffel ausz der hel,
sonder bin gleych wie du ein seel.
H, Sachs 3, 2, 62b;

ich lasz nicht die kindlein, wie Pharao,
ersäufen im Nilstromwasser;
ich bin auch kein Herodestyrann,
kein kinderabschlachtenlasser.
H. Heine 2, 208 Elster (die audienz);

ich bin kein froher, freud'ger buhle.
Herwegh ged. eines lebend.10 8.

so in festen redewendungen, wie:

das, dummer junge, ist kein spasz, ein krieg
hat mehr wohl zu bedeuten.
Tieck 1, 239.


b) die zweite weise ist das substantiv ohne artikel. über den unterschied beider hat die syntax zu handeln.
α) selbstverständlich fehlt der artikel immer beim plural: seintemmal der mehrertheil diser seelen, welche die todten beschwerer vermeinen durch opffer herfür zu ziehen, nichts anders dann teuffel seind. Fischart Bodin 93b;

ihr menschenkinder,
geht, seid und bleibet sünder.
P. Gerhardt nr. 6, 10 Gödeke.

gewöhnlich ferner bei abstracten:

ist diesz schon tollheit, hat es doch methode. Shakesp. Hamlet 2, 2.

ferner bei angaben der lebensstellung: er ist kaufmann, soldat u. ähnl., vgl. sy öpis, vitae institutum amplecti. Schmidts idiot. Bern. bei Frommann 4, 17b; burgermeister seyn, das burgermeister ampt verwalten oder vershen, consulem gerere. Maaler 371d.
β) mit adjectiv: massen denn die edlen psalmen .. und .. das buch Hiob poetische werke seyn. Hofmannswaldau übersetzungen (1704) vorr. a 2b;

du wis nicht valsch getzeuge
gen frawen noch gen mannen.
Suchenwirt 39, 156;

o wohl dem hochbeglückten haus,
wo das ist kleine gabe!
Göthe 1, 179.


γ) im allgemeinen kann man sagen, dasz die nominale natur des substantivs weniger hervortritt, wenn der artikel fehlt. daher ist dies der fall besonders in formelhaften verbindungen, wo sein mit dem subst. zu einem begriffe zusammenschmilzt und meistens auch durch ein verbum ersetzt werden könnte, z. b. herr sein = herrschen, regieren, vgl. Grimm gramm. 4, 409: auff das alle königreiche auff erden erfaren, das du herr seiest alleine. Jes. 37, 20;

welich sun daz holtz gepiegen mag,
der schol herre wesen
über lewt und über lant.
Suchenwirt 34, 48;

ferner: der gott Abraham, und der gott Nahor, und der gott jrer veter sey richter (richte, entscheide) zwischen uns. 1 Mos. 31, 53;

ist zwîvel herzen nâchgebûr. Parz. 1, 1.

oft erscheint ein solches substantiv ganz gleichwertig mit einem adjectiv, z. b.:

mein frommer könig. vor dir knie ich nieder,
weil das einmal gebräuchlich ist und mode.
Tieck 1, 245.


δ) wie innig diese verbindung ist, zeigt sich besonders darin, dasz zuweilen dabei die übereinstimmung des substantivs mit dem subject in der zahlform vernachlässigt wird, z. b.:

maint ir nicht, in der stat vil mender
hetten langst nach dem pachen gschnapt,
wen sie nur zewgen hetten ghapt,
das sie wern herr in irem haus?
H. Sachs fastn. sp. 1, 149 neudr.;

dagegen:

last nur die groben pawren faren,
weil sie nicht hern in hewsern waren! 159.


ε) ferner, dasz an stelle des adjectivs manchmal ein adverb hinzutritt (vgl. unter f):

er sei recht meinster, der mich eff,
und ich in nit hinwider treff. fastn. sp. 791, 31.


c) die determination erfolgt gewöhnlich durch einen genitiv oder einen gleichwertigen präpositionalen ausdruck. steht dieser nach dem subst., so erhält dieses in der regel den bestimmten artikel: sie ist der inhalt, die seele meiner gedichte. Schiller parasit 1, 1. doch kann dieser fehlen in verbindungen von der unter b, γ angegebenen art: Alexander der grosze war könig von Macedonien;

so must jr an uns legen händt,
als die an dem krieg ursach send.
Ayrer 104, 9 Keller;

seid ihr der herr von dieser schenke?
Tieck 1, 190.

[Bd. 16, Sp. 275]


steht der genitiv voran, so musz nach deutscher syntax der artikel fehlen: und die himel sind deiner hende werck. ps. 102, 26; ir (von ihnen) send ain tail des kaisers diener gewesen und hand im gedient. d. städtechron. 5, 115, 30; wann jr seidt auch eines küniges sune. Pontus b 3b;

sin würdige mter Marien,
die künsche fürbitterin,
sant Fridli und sant Hilarien
sind der Glarnern nothelfer gsin.
Liliencron hist. volksl. 1, nr. 36, 23;

Rom glaubt: sie sey gewest nur Cæsars kurtzweilspiel.
Lohenstein Cleop. s. 26 (1, 913).

die ältere sprache setzt jedoch vereinzelt auch in diesem falle den artikel:

er ist deins volcks Israels
der preis, ehr, frewd und wonne.
Luther 8, 359a.


d) dem genitiv gleichwertig ist auch das possessivpronomen: also dasz ich dein gott sey. 1 Mos. 17, 7; denn auff dich harren wir, sey jr arm früe, dazu unser heil zur zeit des trübsals. Jes. 33, 2; dasz die von Lucern und Zug sich bekennind, dasz die fürsten von Oesterrich jr rechte herrschafft sige. Tschudi 2, 543b;

gros macht und viel list
sein grawsam rüstung ist.
Luther 8, 364b.

mit emphase:

es ist mein kind, es bleibt mein kind.
Göthe 1, 204.

das possessiv bezeichnet gewöhnlich ein bleibendes verhältnis, daneben auch ein vorübergehendes, auf einen einzelnen fall eingeschränktes, z. b.: willst du heute abend mein gast sein? so: węs myn wert, ik sy dyn gast. Tunnicius 1045. etwas ungewöhnlicher dagegen ist heute diese ausdrucksweise mit einem nomen agentis, so z. b. wenn es heiszt:

nû müeʒt ir mîn rihtære sîn. Iwein 1954;

Johannes liebe nebe minn,
min teuffer saltu hude sinn. Alsf. passionssp. 511,

für: du sollst mich heute taufen. zwar sagen auch wir: du bist mein retter = du hast mich (einmal) gerettet, doch spielt dabei immer der gedanke an das durch die rettung gestiftete dauernde dankbarkeitsverhältnis herein.als besonderheit des mittelalterlichen sprachgebrauches sei noch erwähnt, dasz in der rechtssprache mîn diep nicht, wie jetzt, 'der dieb, der mich bestohlen hat' bedeutet, sondern auch 'den ich für einen dieb halte, erkläre, der mir für diebstahl haftet', vgl. Burdach Reinmar der alte s. 141 f.: den he des bereden wil, dat he sîn morder sîn dîf sîn rovere sîn woldenêre sî, unde den he in der hanthaften dât begrepen hât. richtsteig 37, 1; so auch dichterisch:

er muoʒ sîn iemer sîn mîn diep.
Walther v. d. Vogelweide 112, 1;

vgl. auch:

swer daʒ guot niht geben wil
durch den der im gît sô vil,
der ist sîn diep. d. welsche gast 11755, u. d. folg.

etwas ähnliches kennt noch das nhd. bei narr, z. b.: meinst du, dasz ich lust habe dein narr zu sein (mich von dir zum narren halten zu lassen)? u. dergl.: bey mir wäre es kein unterscheid, ob mich einer einen bärenheuter hiesse, oder ob er mich ihr gnaden titulirte, wenn ich einmahl wie das andere solte sein narre seyn. Weise comöd. pr. 253.
e) als substantiv können natürlich auch in dieser stellung andere wortclassen behandelt werden, zunächst adjectiva. diese bekommen meist durch die substantivierung einen bestimmteren, nachdrücklicheren oder prägnanteren sinn, wozu ja schon der gebrauch des artikels beiträgt. vgl. z. b.: ich bin der schuldige (derjenigeder eine —, der in diesem falle die schuld trägt) mit: ich bin schuldig. so auch, wenn ein mädchen zu einem burschen sagt: ach, geh, du bist (mir) ein schlimmer! hier würde das einfache schlimm den sinn nicht deutlich hervortreten lassen (vgl. 20, c. d). den gleichen wert hat es, wenn zum adjectiv ein substantiv allgemeiner bedeutung hinzutritt, wie mensch, mann, ding, sache, z. b. er ist ein braver mann; es ist ein gut ding (= etwas gutes):

es ist ein wundervolles ding, dasz selbst
der alte mann so kühn geworden.
Tieck 1, 360.

letzteres in der älteren sprache auch ohne artikel: aber einen stand draus zu machen, der besser sey, weder der gemein christenstand, das ist verkehret ding. Luther 5, 131b. — seltener werden natürlich andere wortarten substantivisch gebraucht:

ouch was sîn wille der frouwen jâ. Wigalois 242, 9.

vgl.: denn alle gottes verheissung sind ja in jm, und sind amen in jm. 2 Cor. 1, 20.
f) umgekehrt nähert sich das substantiv manchmal der function eines adjectivs, so namentlich in manchen formelhaften, festen

[Bd. 16, Sp. 276]


verbindungen, vgl. schon b, γε. solche sind besonders schuld, noth sein: denn ich acht und hoffe, es soll nicht mehr noth seyn. Luther br. 2, 582;

ein Wrangel war's, der vor Stralsund viel böses
mir zugefügt, durch tapfre gegenwehr
schuld war, dasz mir die seestadt widerstanden.
Schiller 12, 217 (Wallensteins tod 1, 5).

als adjectiv empfinden wir im allgemeinen auch: das ist schade, negiert das ist nicht schade, doch auch mit leiser nuance das ist kein schade. in anderer, heute nicht mehr üblicher verwendung in folgender stelle:

er sölt in laszen ein,
er wolte eszen und trinken,
kein schad wolt er im sein.
Liliencron hist. volksl. 2, nr. 125, 2, 8.

besonders deutlich ist die adjectivierung in folgenden wendungen (vergl. 16, d):

mich dunket des, ir sît ze kint. Wigalois 89, 40;

swîget! ir sît gar ze kint.
Ulrich v. Liechtenstein 41, 25;

weg, du traum! so gold du bist.
Göthe 1, 86.

vgl. noch:

o ihre majestät sind zu sehr grübler.
Tieck 1, 414.


16) das prädicat steht gewöhnlich im nominativ; unter gewissen umständen kann dafür indessen der genitiv und der accusativ eintreten.
a) der in 15 zu grunde gelegte unterschied des nicht determinierten prädicats läszt sich so erklären, dasz im letzteren falle das subject und das prädicat den gleichen umfang haben, im ersteren das prädicat den gröszeren. sage ich: Wilhelm I. war der erste kaiser des neuen reiches, so bezeichnen beide satztheile nur eine und dieselbe person; sage ich dagegen: Wilhelm I. war nun kaiser, so trifft das prädicat auszerdem noch auf viele subjecte zu; Wilhelm I. war nur ein kaiser neben anderen. diesen unterschied giebt die sprache im allgemeinen durch zusetzung des bestimmten und des unbestimmten artikels wieder, doch nicht consequent und unzweideutig: gott ist ein herr aller dinge besagt nicht, dasz man auszer ihm noch andere herren aller dinge kennt; der verunglückte war der sohn eines reichen kaufmanns braucht nicht auszudrücken, dasz er der einzige sohn war. in vielen fällen versagt auszerdem das mittel ganz, so im falle 15, d. die wendung er ist mein freund läszt es ganz unklar, ob er der einzige dieser art oder einer von vielen ist. will ich ersteres unzweideutig ausdrücken, so musz ich sagen: mein einziger freund, wenn letzteres: ein freund von mir oder einer meiner freunde. hier erscheint also das verhältnis als ein partitives. diese ausdrucksweise wendet die ältere sprache in viel weiterem umfange an, und zwar setzt die den einfachen partitiven genitiv ohne einen übergeordneten zusatz wie einer, — eine construction, die die heutige sprache, zumal die umgangssprache in diesem allgemeinen gebrauche nicht mehr kennt (dafür ich bin einer der —, oder gewöhnlicher ich gehöre zu den —). vgl. Grimm gr. 4, 652—4. gern bei substantivierten adjectiven: wan ich mag an dem letsten drü wort sprechen mit dem David (peccavi) ich hab gesündet, so bin ich der behaltenen. Pauli schimpf u. ernst 189 Österley; es sind der sauren. Klopstock 12, 221;

ni bin ih thero manno,the ir eiscôt nû sô gerno.
Otfrid 1, 27, 33;

sô quam ein Daries man ...
unde dranc mit liste,
dâ er Alexandrum wiste,
in allen dem gebêre,
als er der sîner wêre.
Lamprecht Alex. 2737.

noch heute lebendig sind ausdrücke wie das ist nicht meines amtes (gehört nicht dazu, fällt nicht in dessen sphäre); ich kann von der möglichkeit oder unausführbarkeit der zwecke .. gar wohl abstrahiren .. um nur auf das zu sehen, was meines thuns ist. Kant 7, 359; glauben sie nicht, dasz ich sie genirt hätte. das ist meines thuns nie, so wenig als mich geniren lassen. Merck briefsamml. 1, 506; es nein! das ist meines thuns nicht. Tieck 1, 186; ich bin kein jäger, es ist nicht meines amtes zu beizen und zu jagen. 187.
b) gleichbedeutend mit dem genitiv ist die präposition von, die auch heute noch in diesem sinne üblich ist: also soltu allen stedten thun, die seer ferne von dir ligen, und nicht hie von den stedten sind dieser völcker. 5 Mos. 20, 15;

doch seyd ihr auch von den geübten.
Göthe 1, 213;

die erde bildet blasen, wie das wasser,
und diese mögen davon seyn! Shakesp. Macb. 1, 5.


c) hieran schlieszen sich wendungen, wie die folgenden: Pontus erwölet allzeyt die besten. und darumb yegklicher begeret

[Bd. 16, Sp. 277]


von der selben zale z sein. Pontus e 5a; es freute ihn, als er hörte, das fräulein sei unpasz und werde deszhalb nicht von der gesellschaft seyn. Immermann Münchhausen 2, 61. so häufig in der umgangssprache: wollen sie auch von der partie (mit dabei) sein? u. ä.auch in solchen fällen kann die ältere sprache den genitiv setzen:

ni bin ih thera fuara (Jesu).
Otfrid 4, 18, 17;

der süllen allweg zwei burgermaister und vier von dem clainen rat sin und sehs von der gemain die dez grozzen ratz sien. d. städtechron. 4, 159, 24. dieser gen. steht sogar als apposition, ganz gleichwertig einem nom.: antwort an herrn Johann Jacob Bodmer, professor, und des grossen raths zu Zürich. Haller ged.10 186 (überschr.).
d) ein partitives verhältnis drückt die sprache auch in folgender redeweise aus, wo eigentlich die vorstellung eines (intensitäts-) grades zu grunde liegt: ich bin dazu (nicht) manns genug, d. h. in genügend hohem grade mann, bez. mannhaft, tüchtig, stark (vgl. 15, f). so: aber was daran verschuldet, ist nit mein, sondern Eccii schuld, wilcher einer sach sich unterwunden, der er nit manns gnug gewesen. Luther br. 1, 512.
e) ein gen. part. ist ursprünglich auch der gen., der als object in negativen sätzen steht. diese syntaktische eigenthümlichkeit scheint von haus aus allen idg. sprachen zu eignen und ist in manchen (wie z. b. dem russ.) bis heute consequent gewahrt; im germanischen ist sie schon von anfang an nicht streng innegehalten, doch finden sich beispiele eines solchen objectgenitivs noch im nhd. des 16. jahrh.: nein, nein, dasz ist meines pferds nicht lange (ich behalte es nicht lange). wil es die nacht zum tag fressen, wer geb mir fter gnug! Kirchhof wendunm. 1, 224 Österley (1, 185). so mit pronominen: neyn ich genädige fraw, so sprach Polidas, ich byn sein nit. Pontus b 3b; und er beduncket mich ein wenig lenger sein dann Pontus. er ist jm auch ettwas geleich aber er ist sein nicht. e 1b.
f) anderer art ist der gen. part. neben zahlwörtern, s. 21, c.
g) das object steht im accusativ. diese erscheinung verliert etwas von ihrer sonderbarkeit, wenn man bedenkt, dasz auch z. b. das arab. das prädicat zu kâna 'sein, existieren', und gleichbedeutenden verben in den acc. setzt, während wiederum die baltisch-slavischen sprachen bei 'sein' (und ebenso bei 'werden, machen zu etwas') das prädicat, wenn es eine vorübergehende eigenschaft oder zustand bezeichnet, in den instrum. setzen und das finnische zu gleichen zwecken einen besonderen casus (den 'essiv') ausgebildet hat. augenscheinlich bekommt sein in solchem falle mehr die geltung eines (transitiven) vollverbs, vgl. wendungen wie den führer machen, abgeben, vorstellen, den narren spielen, heucheln. übrigens ist die construction im deutschen auf die mundartliche redeweise eingeschränkt, und findet sich nicht überall gleichmäszig; am meisten im nd. und in der Schweiz. belege aus der litteratur: es sey ein lehm, schwilm, oder schwartzen acker. Martin Grosser anleytung zu der landtwirtschafft (1590) bei Frommann 4, 185; ihr würdet einen gutten prediger sein, liebe Amelisse! Elisab. Charlotte 2, 340 (vom 17. febr. 1704); er habe auch über die Schweiz gespottet und sei 'einen unverschamten mansch'. Vischer auch einer 1, 6. ebenso beim pronom.: aber wenn ich dich wäre. J. Gotthelf Hans Joggeli (1894) 39. im letzteren falle ist der acc. ja auch in vielen andern sprachen üblich, besonders in den romanischen und in vielen germ. (engl. dän.) wenigstens in der umgangssprache. dagegen im deutschen weniger verbreitet als beim subst., z. b. nicht im nd.
h) wenn dagegen ein solcher satz von lassen abhängig wird und in den acc. cum inf. tritt, so verlangt die strenge logik in übereinstimmung mit dem subject auch das prädicat im accus.: und las jn ewiglich deinen knecht sein. 5 Mos. 15, 17; laszt mein herz euren wegweiser seyn. Klinger theat. 4, 213; laszt's mich nur erst'n wirten da sein; so husten mer af dö wirtin! Anzengruber3 4, 104;

dô sprach aber Hagene'lât mich den schuldigen sîn'. Nib. 1071, 4 (var.: der schuldige);

daʒ er in den kempfen lieʒe sîn. Lanz. 5211;

o meister, liebster meister mein,
lasz du mich deinen gesellen sein!
Uhland ged. (1864) 332.

doch findet sich daneben auch der nom. und zwar schon mhd.:

und lâʒ mich sîn dîn dienestman. Parz. 715, 29;

er lâʒe de naht ein tac sîn. Iwein 2136.

mit andern verben entsprechend:

er bat in sîn sîn wartman. Lanz. 3739, vgl.
Hahns anmerk.;

[Bd. 16, Sp. 278]



wande er wêrlîchen weste
in wesen der aller beste. pass. 170, 60 Hahn.

ebenso nhd.: wenn ein erdensohn diesen mächtigen zauber lösen soll, so laszt mich dieser glückliche sterbliche sein! Musäus volksm. 3, 29 Hempel.Grimm gramm. 4, 590 bezeichnet diese losere construction als fehlerhaft, Paul mhd. gr.2 § 300, anm. 2, als selten, ohne jedoch gegenbeispiele zu geben; man könnte fragen, ob sie nicht doch dem geist der deutschen syntax angemessener ist und jene andere logisch untadligere nicht etwa nur durch künstliche schulmeistereinach lat. vorbildeuns aufgezwungen ist. die zwanglose umgangssprache bevorzugt jetzt jedenfalls den nom. andrerseits wirkt ihr in neueren mundarten die unter g geschilderte neigung entgegen.ist das prädicat nicht ein masc. sing., so fallen nom. und acc. ohnehin zusammen: das du unser missethat und sünden gnedig seiest, und lassest uns dein erbe sein. 2 Mos. 34, 9; sondern heiliget den herrn Zebaoth, den lasset ewer furcht und schrecken sein. Jes. 8, 13.
17) ferner sind einige besonderheiten der bedeutung, die von der unter 15 zu grunde gelegten abweichen, zu erwähnen.
a) sein dient zur identification des subjects. das prädicat antwortet auf die frage wer bist du? und enthält einen eigennamen oder sonst eine individualbezeichnung: de weerd .. sechte to om: wat bistu? do seyde de def: ik ben de duvele. Lübben mnd. gr. s. 197; ich Davus bin nit Edippus fürwar. Terent. (1499) 14a; Jesus .. fraget seine jünger, und sprach, wer sagen die leute, das des menschen son sey? sie sprachen, etliche sagen, du seiest Johannes der teuffer, die andern du seiest Elias .. er sprach zu jnen, wer saget denn jr, das ich sey? Matth. 16, 13—15;

dasz du uns sagest wer du bist,
abe du siest der herre Crist,
der uns ist gelaubet (verheiszen) in der ee. Alsfeld. passionssp. 848 f.

dies ist gewissermaszen ein specialfall des determinierten prädicats, vergl.:

hie dicz gut zu mercken ist,
dasz hie (er) sijhe der ware Crist. 875.

wenn das prädicat ein name ist, berührt sich sein mit heiszen, vgl.:

wer da betredden wirt in dissem kreisz,
er sij Heincz adder Concz adder wie er heisz. 112.


b) das einfachste und vollkommenste identitätsverhältnis enthalten sätze von der form: ich bin ich selbst. das gegentheil würde den schärfsten logischen widerspruch enthalten und findet sich daher nur im irrealen bedingungssatze:

wären
sie nicht sie selbst, ich würde eilen, sie
von ein'gen dingen zu belehren.
Schiller don Carlos 4, 3.

doch sagt man auch: er ist nicht mehr er selbst, um eine starke wesensänderung auszudrücken: so aber der mann thut, was die frau will, so ist er unsinnig, dann er ist sein selbst nimmen (nicht mehr) und entlehnet vernunft. Paracelsus (1590) 9, 20; Kleonissa sah den Agathon, und — hörte in diesem augenblick auf Kleonissa zu seyn! Wieland 3, 104 (Agathon 12, 4).
c) man sagt ähnlich bei gattungsnamen, z. b. mensch ist mensch, d. h. ein mensch ist wie der andere, um die durchgängige übereinstimmung und einheitlichkeit des typus zu betonen, der gegenüber die individuellen abweichungen als belanglos erscheinen:

zwar kind ist kind und spiel ist spiel.
Göthe 12, 141.

aber auch:

die liebe, die nicht wunder ist, ist keine.
Tieck 1, 307.

mit dativ:

stand ist mir stand und einerlei,
ich bin von vorurtheilen frei. 1, 343.


d) darauf beruhen wendungen mit lassen, die den sinn haben 'sich um etwas nicht bekümmern':

du läszt den ganzen tag die herde herde seyn.
Rost bei
Adelung 4, 453.

'es auf sich beruhen lassen', häufig um ein gesprächsthema abzubrechen: Wilhelmine. es (das 'dessein') ist aus einer vignette über Hallers ode auf seine Mariane. Zierau. ei so lassen sie Haller Haller seyn. Lenz 1, 139. manchmal nähert sich die wendung dem einfachen etwas sein lassen (s. 9):

wilt du mir folgen, bleyb daheim
und lasz das tantzen tantzen seyn
und lern darfür fleyssig hauszhalten.
Wickram loszb. 45b.

andrerseits auch: freilich auf die jagd ziehen mit schönen falken, auf guten feisten maulthieren bergauf und bergunter, und land, land sein lassen (keinen unterschied machen, sich

[Bd. 16, Sp. 279]


um die ungleichmäszigkeiten des terrains nicht kümmern?) — das kann ich auch. Eichendorff 6, 457 (graf Lucanor 14).
e) ganz ähnlichen sinn hat die wendung ein ding etwas anderes sein lassen, nämlich den unterschied zwischen beiden vernachlässigen, beiseite setzen, meist in typischen redensarten zum ausdruck der nachsicht, gleichgiltigkeit, des verzichts auf eigene meinungs- oder willensäuszerung: das die medici macht haben, sich zu lieb den krancken inn allerley leut zu verändern, wie ein hofmann, der ruben laszt biren sein. Fischart podagr. trostb. B 8b. so heute besonders üblich fünf gerade sein lassen:

ich drück' ein auge zu, lasz fünfe grad sein.
Tieck 1, 417

(vgl. zur verdeutlichung Shakesp. der widerspenst. zähm. 4, 5). daher andrerseits: ich wil auch etwan das wort für ein gedancken nemen, wiewol ich weisz, das der gedanck kein wort ist. Keisersberg evang. 14a.
f) sein hat ferner seine stelle in definitionen: ein dreieck ist eine von drei seiten eingeschlossene figur; vernunft ist das vermögen, welches die principien der erkenntnisz a priori an die hand gibt. Kant 2, 53. sein ist hier nachdrücklicher als im falle der bloszen copula und steht daher hier auch in den sprachen (wie lat. russ.), die letztere für gewöhnlich unausgedrückt lassen. im deutschen tritt dafür gern heiszen ein: analytische urtheile (die bejahenden) sind also diejenigen, in welchen die verknüpfung des prädicats mit dem subject durch identität, diejenigen aber, in denen diese verknüpfung ohne identität gedacht wird, sollen synthetische urtheile heiszen. Kant 2, 42. (zu den 'analytischen' urtheilen würden also besonders die hier in frage stehenden gehören.) natürlich brauchen weder subject noch prädicat gerade substantive zu sein; besonders häufig sind auch infinitive und im prädicat relativsätze: ein sun sein ist, da ein lebendigs von eim lebendigen, und ist seinerlei. Keisersberg evang. 14c; seeräuber sind diejenigen, welche auf der see frembden eigenthums sich mit gewalt bemächtigen u. s. w. staatslex.3 13, 297.
g) hierauf beruht die häufige redeweise nicht wissen, was etwas ist, z. b.: er weisz gar nicht (noch nicht einmal), was arbeiten ist (heiszt); sie besagt nicht, dem wortsinne gemäsz, er kennt nicht die definition, hat keine theoretische kenntnis, sondern vielmehr, er hat keine praktische erfahrung und übung darin: an unsern armen orte wissen wir nicht, was befehlen ist. Weise comöd. pr. 246;

nicht gewuszt
ward von mir ärmsten, was sei liebe, sehnen,
und frech verlacht' ich seufzer, liebesthränen.
Tieck 1, 305.


h) ähnlich klingen auch ausrufe, wie: was ist doch der mensch, das leben! u. s. w., die in wirklichkeit nicht ein was, sondern ein wie, eine modalbestimmung oder wertschätzung (wie elend, wie wunderlich, wie nichtig ..) ausdrücken sollen:

was ist die welt, was sind die menschen dann,
wenn sie mich hat so arg betrügen können?
Tieck 1, 55.

so besonders volksthümlich, z. b.: ach, du mein gott, was doch das leben is und sein thut?! Anzengruber3 4, 338.
18) auch der sinn, in welchem das subject mit dem prädicat gleichgesetzt wird, erleidet abänderungen.
a) am schärfsten und nachdrücklichsten tritt die gleichsetzung beider heraus, wenn sein in gegensatz zu scheinen, vorstellen gesetzt wird (vgl. scheinen 4, d, theil 8, 2449): etwas zu seyn, und etwas vorzustellen ist zwar nicht einerley, aber der unterscheid von beiden fällt nicht immer so leicht in die sinne. Hamann 4, 296; das gute tief herein, das böse heraus zu treiben — schlechter scheinen als man wirklich ist, besser wirklich seyn als man scheint; diesz halte ich für pflicht und kunst. 6, 339; es ist allerdings betrübt, nicht zu wissen, was man selbst ist, und beynahe lächerlich, gerade das gegentheil von dem, was man will und meynt, zu seyn. 7, 65; wenn der edelmann durch die darstellung seiner person alles gibt, so gibt der bürger durch seine persönlichkeit nichts und soll nichts geben. jener darf und soll scheinen; dieser soll nur seyn, und was er scheinen will, ist lächerlich und abgeschmackt. Göthe 19, 153;

o mein monarch, ich darf es dir nicht sagen,
wie nicht jedwedes ding ist, wie es scheint ...
dies führt uns auf den sichern schlusz, dasz oftmals
was laster scheint, es nicht im innern ist.
Tieck 1, 76;

geh hin und sei der sklav des scheins, der schatten
des Syriers. Judah will sein.
Ludwig 3, 327;

denn nicht gerecht nur scheinen will er, sondern sein.
Droysen Aischylos3 s. 344 (sieben v. 561).

[Bd. 16, Sp. 280]


sprichwörtlich: sei, was du scheinen willst. mehr sein als scheinen. Simrock sprw. 9473 f. so auch besonders im substantivierten inf., s. DWB sein, n.
b) doch nähert sich sein hinwiederum dem begriffe des scheinens, wenn es bedeutet 'anerkannt werden, gelten als etwas': welcher gott nu mit fewr antworten wird, der sey gott. 1 kön. 18, 24;

reiszt die fahnen und die kreuze
nieder! ... Machmud einzig
sei der gröszte, stärkste gott!
Tieck 1, 375. —

ob ihr gleich ein heiliger mann seyn wolt, so weisz ich doch, herr Esau gienge mit der princessin lieber zu bette als mit euch. Weise comöd. pr. 63. diese verbindung etwas sein wollen bedeutet also hier und so gewöhnlich 'sich für etwas halten', wobei die nebenvorstellung, dasz man es nicht wirklich ist, immer sehr nahe liegt und besonders in redeweisen der niedern umgangssprache (wie: und das will nun ein gebildeter mann sein!) zu tage tritt; seltener ist der sinn 'sichmit absichtlicher lügefür etwas ausgeben, was man mit bewusztsein nicht ist'. vergl. auch 22, m, ε. 38, d, α. β.
c) ein vergleich wird meistens mit wie gegeben: ich wil Israel wie ein thaw sein. Hos. 14, 6; seine augen sind wie taubenaugen an den wasserbechen .. seine beine sind wie marmelseulen, gegründet auff gülden füssen. hohel. 5, 12—15; der menschliche verstand ist wie die grosze weltseele .. belebend, ja selbst neuorganisirend dringt sie aus allen in alle körper. Herder 17, 212 Suphan (human. br. 42);

ich bin wie trunken, wie im himmel, wie
ein nachtwandler, der auf des thurmes zinne
erwacht und über sich die sterne sieht.
Tieck 1, 62.

andrer art ist die im mhd. überaus verbreitete redeweise si ist mir sam der lîp, ich liebe sie wie mich selbst, vgl. Paul-Braune beitr. 2, 385:

Faustinjânus nam ain wîp,
diu was im sam der lîp. kaiserchron. 1224.

vollere und seltenere wendungen: denn gleich wie der regen und schnee vom himmel fellet, .. also sol das wort, so aus meinem munde gehet, auch sein. Jes. 55, 11; ihr (der satyra) vornehmstes aber und gleichsam als die seele ist, die harte verweisung der laster und anmahnung zue der tugend. Opitz poeterey s. 23 neudr. vgl. auch 22, m, δ.
d) dafür tritt indessen in poetischer rede ebenso oft die directe gleichsetzung mit auslassung des wie ein: denn du bist mein fels und meine burg. ps. 31, 4; sehet euch fur, fur den falschen propheten, die in schafskleidern zu euch komen, jnwendig aber sind sie reissende wolfe. Matth. 7, 15;

ein feste burg ist unser gott,
ein gute wehr und waffen.
Luther 8, 364b;

's ist mir ein königreich.
Göthe 1, 20;

ihr seid mein leitstern, mein orakel.
Tieck 1, 62;

sei du in meinem leben
der liebevolle mond!
Storm ged. 42;

ein schwaches stäbchen ist die liebe,
das deiner jugend rebe trägt,
das wachsend bald der baum des lebens
mit seinen ästen selbst zerschlägt. 63;

ich bin die rose auf der au,
die still in düften leuchtet;
doch du, o liebe, bist der thau,
der nährend sie befeuchtet.
Geibel 1, 36;

ich bin der sturm, der fährt dem norden zu,
du bist die mondbeglänzte meeresruh —
wie stimmt ein solches ich zu solchem du! 2, 31.

die gleichwertigkeit beider ausdrucksweisen zeigt besonders folgende stelle:

mein herz ist, wie die dunkle nacht,
wenn alle wipfel rauschen,
da steigt der mond in voller pracht
aus wolken sacht,
und sieh der wald verstummt in tiefem lauschen.
der mond, der lichte mond bist du u. s. w.

so auch bei der auslegung von träumen, sein = bedeuten: Joseph sprach zu jm, das ist seine deutung. drey reben, sind drey tage. 1 Mos. 40, 12; die sieben schöne küe, sind sieben jar, und die sieben gute ehern, sind auch die sieben jar. 41, 26.
e) häufig dient sein, um den zweck, gebrauch, die bedeutung eines gegenstandes für jemand anzugeben, meist mit hinzutretendem dativ, einem wozu dienen u. ähnl.: wie du inen vor wert eyn gt exempel. Keisersberg, s. I, 3, q, β; das es sey den kindern Israel ein gedechtnis fur dem herrn. 2 Mos. 30, 16; dis ole sol mir eine heilige salbe sein bey ewren nachkomen. 31; das diese steine den kindern Israel ein ewig gedechtnis

[Bd. 16, Sp. 281]


seien. Jos. 4, 7: und das sol dir das zeichen sein, das ich dich gesand habe. 2 Mos. 3, 12; denn wie Jonas ein zeichen war den Niniviten, also wird des menschen son sein diesem geschlecht. Luc. 11, 30. so auch ferner: das wird dir fur dem herrn deinem gott eine gerechtigkeit sein (als solche angerechnet werden). 5 Mos. 24, 13. ohne dativ: so wird er eine heiligung sein. Jes. 8, 14. — mit bildlichem ausdruck, vergl. d: sey mir ein starcker fels und eine burg, das du mir helffest. ps. 31, 3;

die liebe, die .. der ganzen welt vergiszt,
und sich in ihres abgotts arme
die welt, der himmel ist.
Gotter 1, 45;

seid euch die welt einander selbst und achtet
nicht eines wunsches werth das übrige!
H. v. Kleist die beiden tauben.


f) dafür auch zu etwas sein: thaʒ sî iu zi zeichane (et hoc vobis signum). Tat. 6, 2; wenn jr frölich seid, an ewren festen .., solt jr mit den drometen blasen uber ewr brandopffer und danckopffer, das es sey euch zum gedechtnis fur ewrem gott. 4 Mos. 10, 10; an meiner willkür hängt mein gehen und mein kommen, und dir bin ich zu nichts! Göthe 8, 278 (Egm. 5).
g) ein abstractum nimmt neben sein häufig eine mehr dingliche bedeutung an, das ist mein wunsch, das was ich wünsche, der gegenstand meines wunsches u. ähnl.:

die einbildung führt mir gar mannigfaltig
gefechte vor, nur dieses war mein wunsch.
Tieck 1, 261;

setzt mir meinen güldnen gott ...
hier im zelte nahe zu mir,
dasz er sei meine betrachtung. 298;

du weiszt, nur jagd, fels, wald war meine lust. 305.

auch von personen, du bist meine lust, freude, mein trost u. a. in andern verbindungen auch ohne possessivpronomen:

du bist die ruh, du bist der frieden.
Rückert (1882) 1, 368 (liebesfr. 1, 3);

du bist die ruh, der friede mild,
die sehnsucht du, und was sie stillt. 5, 318.

hierher gehört auch: ein wunder seyn, so man sich etwas ab verwunderet, miraculo esse. Maaler 371d; der wält spott seyn, also das yederman das maul mit eim wäschet, proverb. abire in ora hominum. ebenda.doch ist dieser so geläufige bedeutungswechsel nicht auf die prädicative verwendung beschränkt und gehört somit der semasiologie an.
19) der genitiv eines substantivs steht als prädicat zur bezeichnung einer eigenschaft, der art und weise u. ä., als sogen. genitivus qualitatis. belege s. bei Grimm gramm. 4, 652—4. dieser genitiv ist in der neuern sprache nicht mehr in so unbeschränktem gebrauche wie früher, doch immer noch sehr häufig.
a) sehr beliebt sind so gebildete allgemeine ausdrücke mit art und synonymen wörtern: ich weisz auch wohl, dasz meine schriften allesampt der art gewest sind, dasz sie zuerst angesehen gewest, als seyen sie aus dem teufel. Luther br. 2, 306;

welher hant der harnasch sî. Wigalois 157, 24;

nû bistû zweier slahte.
Wackernagel leseb. 12, 567, 11;

manche der kürzern so gebildeten ausdrücke sind ganz zu einem worte verschmolzen, so besonders derart (davon derartig) und die wendungen mit -lei (aller-, einer-, vielerlei u. a.) und -hand, s. das.ferner: und seind die articl disz inhalts. tirol. weisth. 1, 36, 34.
b) zunächst in bezug auf äuszere eigenschaften, aussehen, farbe, masz und dergl.: und Joseph war schönes bildes und zierliches angesichts. bibel v. 1483 24a (1 Mos. 39, 6; Luther: schön und hübsch von angesicht); wann das pfert, so vor anhar gt, gsicht Bayarden glich, wenn es der farwb were. Haim. 82, 16 Bachmann; nun der berg Thaurus ist einer unsäglichen länge. Franck weltb. 140b; wurde des herrn angesicht, das ohnediesz einer bräunlichen farbe war, so sichtlich verdunkelt. Göthe 16, 44;

diu frouwe an rehter zît genas
eins suns, der zweier varwe was. Parz. 57, 16.

von menschen mit angaben über bestimmte körpertheile, wo wir für gewöhnlich haben anwenden, z. b.: Lya was rinnender augen und Rachel zierlichs antlütz! 4. bibelübers. 1 Mos. 29, 17, bei Kehrein gr. 3, § 178. vgl. auch: wenn man .. gesunden, starken leibes ist. Klinger 12, 85.
c) in bezug auf andre mehr äuszere verhältnisse, stand, alter und andres: ere deinen vater und dein muter, das du seist langes lebens auf der erd. bib. v. 1483 42b (Luther: auff das du lang lebest im lande. 2 Mos. 20, 12); du siest wes stands

[Bd. 16, Sp. 282]


du wöllest. Keisersberg bilger 153a; und wie schlechtz harkummens ich bin gsin. Th. Platter s. 110 Boos;

ich merck, du bist fast meines bluts
und gleichst mir fast in allen sachen.
H. Sachs 2, 2, 44c.


d) in bezug auf sittliche qualitäten, handlungsweise u. a.: der aufrichtigkeit bin ich wol, is mihi candor inest. Corvinus fons lat. 649b; gelobet sei gott in den höhen und friede auf erden den menschen die do sind gutes willens. bib. v. 1483 495b (Luc. 2, 14); er was aber ayns gten laümbdens und ains unschuldigen lebens nach dem urtail der menschnn. Keisersberg trostsp. gg 6b; allso das ein fauler mensch, beladen mit unordenlicher traurigkeyt würt da für gehalten, dz er sey ernsthaftiger schwerer sitten, oder sittmäszig. zm vj. läwikeit, scheinet sein bescheidenheit, es ist denn, so ein mensch ist eines läwen geistes. seelenpar. vorr. 3a; vgl. auch 18, a unter I, 3, u, γ; ain frau die eerlicher weisen und gebärden ist, die ist sicher als ob sy in ainem schlosz wär. schiff der penit. 30b; dise aber seind solcher bescheidenheit nicht. Egenolff sprichw. 167b;

da wil ich mit dir conversiren,
ob dw auch seyest meins gemüez,
herzens, willens, sel und geplüez.
H. Sachs fastn. sp. 2, 13, 49 f. neudr.;

reines herzens war er, reiner sitte.
Hölty 62 Halm.

so auch: das ansehn und die gewalt derselben (der fürsten) zur unterdrückung der brüder anwenden, die einer andern observanz sind, als der, die man so gern zum wesen der sache machen mögte. Lessing 10, 296.
e) mit bezug auf das denken: guter vernunfft seyn. Corvinus fons lat. 649a;

cleinero githankoso ist ther selbo Franko.
Otfrid ad Ludow. 17.

eines glaubens sein:

alle, die daʒ bescheinent,
daʒ si dich mit triwen meinent
und kristenlîches gelouben sîn.
Ottokar reimchron. 48325;

wer hohen platonischen glaubens ist, könnte diese gedanken, abglanz, abschattung, einwirkung aus der geisterwelt nennen. Klinger 12, 104; die ganze nation ist eines poetischen aberglaubens. Göthe 46, 312. — heute besonders verbreitet einer meinung sein: eins andern sinn unnd meinung seyn, sententiae cuiuspiam accedere. Maaler 372a; nit der meinung seyn z fliehen. 372b; ich bin ouch der meinung alle zyt gsin, man sölle Baszler fürdren. Th. Platter s. 98 Boos; Zarmar sey kein schüler des Dicearchus und Epicurus, welche gläubten, dasz die seelen mit dem leibe vergehen, sondern vielmehr der meinung, ... dasz der tod nur eine veränderung, aber keine verderbung der seelen sey. Lohenstein Arm. 1, 695b; ich bin des herrn seiner meynung. Weise comöd. pr. 192; ich bin woll ewerer meinung. Elisab. Charlotte 2, 340; ich bin deiner meinung, sagte Hippias. Wieland 1, 245 (Agathon 4, 6). ebenso:

bist du der überzeugung,
dasz nur die reinste liebe aus mir spricht.