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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
seil bis seildicke (Bd. 16, Sp. 208 bis 219)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) seil , n. funis, restis.
I. formales. das wort lautet ahd. mhd. seil; alts. sêl Heliand 2313, mnd. sêl, seil Schiller-Lübben 4, 178b, nnd. sêl brem. wb. 4, 745. Dähnert 419b. Schambach 189b. Woeste 235a. ten Doornkaat Koolman 3, 171a, seil Mi 78b; mndl. nndl. zeel. ags. sâl ist m., vielleicht auch f. Bosworth-Toller 813a; ebenso ist altnord. seil nicht n., sondern f. Egilsson 690a. Cleasby-Vigfusson 520a. das sind also leicht abweichende bildungen. auf das vorhandensein einer nebenform mit anderm geschlecht auch im ahd. weist der einmal bezeugte plural seili Graff 6, 188. so musz es als zweifelhaft gelten, ob aus got. insailjan Marc. 2, 4 ein n. sail oder eine form sails mit männlichem oder weiblichem geschlecht gefolgert werden darf. seil steht augenscheinlich in engster etymologischer beziehung zu siele, f., sill, n. riemen, geschirr des zugviehs, sille, f. riemen des lockvogels (s. diese unten, vgl. auch DWB seilen, m.). die pluralform seele, sele, die in Luther bibelübersetzung an einer stelle in früheren ausgaben statt des regelmäszigen seile (seyle) erscheint, ist wol nichts anderes als die form der düringischen mundarten (ä, ē für ei, vgl.säl, seil Jecht 103a, seel Albrecht 211b): dehne deine seele lang. Jes. 54, 2 (die propheten alle deudsch. 1532, sele der prophet Jesaia deudsch. 1528, seyle später). diese nebenform begünstigt wahrscheinlich das auftreten einer pluralform saelen, nom., seelen dat. mit der bedeutung: zugriemen, die zu der gewöhnlichen nd. entsprechung von hochd. siele (ebenso dür. sîle Liesenberg 214, sîlen, tragriemen der karrenschieber Kleemann 21a) säle stimmt: sie haben meine saelen ausgespannen, und mich zu nicht gemacht, und das meine abgezeumet. Hiob 30, 11; ich lies sie ein menschlich joch zihen, und in seelen der liebe gehen. Hos. 11, 4. mit der form sell der folgenden stelle ist wol das nd. sêl gemeint: eine rute ist im landmessen achthalb cölnische ellen, und zwey manns-daumen, und ein sell auf zehen ruten gerechnet. preusz. land-ordn. von 1577 bei Frisch 2, 260c. — auszerhalb des germanischen erscheint altslav. silo, n., siluku, m., seil, strick stammverwandt mit seil Schade2 2, 750b. zu grunde liegt wahrscheinlich eine indogerman. wurzel si, binden, die man auch in saite, chorda, seime, leine (s. diese) und auszerhalb des german. in altslav. sěti, strick, poln. sieć, netz, garn, lett. sinu, binden, lit. sétas, strick, griech. ἱμάς, riemen, ἱμονία, brunnenseil, ἱμάσσω, peitschen, ἱμάσθλη, peitsche, sanskr. si, sinâti, binden, sêtu, band, fessel erkennt. Schade2 2, 750b. 751b. 764b. Kluge5 345b. — abgesehen von der oben erwähnten vereinzelten form seili lautet der nom. acc. plur. ahd. regelmäszig seil, in späterer mhd. zeit kommt daneben seiler auf, das sich in nhd. schriftquellen ziemlich lange erhält, seil, plur. seile e seiler Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 759b: da sprachen die von Peyttigo, sy hieten weder sayler noch kain zeug, der darzu (zur herstellung von stegen) gehört. weisth. 3, 646, 3 (Baiern, Peitingau, von ca. 1435); also .. soltu angreiffen deinen segel bey disen zwayen sailern. Keisersberg schiff d. pen. 39d; vom sand, darausz die alten ketzer jhre schnür und seyler pflegten zu winden und zu flechten. Fischart bienenk. 261a; zween wagen mit stricken und seilern, die gefangen darmit zu binden und hencken. Kirchhof wendunmuth 3, 50 Österley; daselbst hiengen weisse, rothe und gelbe

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tücher mit leinen und scharlachseiler. Meyfart himml. Jerus. (1631) 1, 238;

snoer ind seyler sy do namen
ind bundent vast ind sere
an eynen marmelen pylere. Karlmeinet 144, 56;

gleichwie ein wetter, sturm, windsbraut
ein schiff mit ungestim zerschmeisset,
mit straichen starck, stoltz, schnell, streng, laut,
mast, seegel, sayler, leyn zerreisset.
Weckherlin 366.

in der schreibung säuler: geschweige jetzt der gewaltigen säuler, die aus meinen cammeraten, den andern hanffstengelen, darraus man schleisz- hanff machte, zugerichtet wurden. Simpl. 2, 181, 21 Kurz. diese form gewinnt aber nie die herrschaft und ist heute auf technische sprache und mundarten beschränkt. Veith 443 (bezeugt aus der instruction für die bergbeamten im herzogthum Nassau vom 18. februar 1857). Seiler 247b, kärnt. mit entwicklung eines unorganischen d sâlder. Lexer kärnt. wb. 230. in technischer sprache begegnet auch eine schwache pluralform seilen Veith 443 (bezeugt aus dem 18. jh.). Jacobsson 4, 133b. die heutige schriftsprache kennt nur den plur. seile, die unmittelbare fortsetzung des mhd. plur. seil.
II. bedeutung und gebrauch. die eigentliche bedeutung des worts ist gemäsz dem unter I ausgeführten wahrscheinlich: werkzeug zum binden, band. es bezeichnet meist ein gedrehtes band von ziemlicher dicke und länge, das in der stärke die mitte hält zwischen der schwächeren schnur, leine und dem stärkeren tau, das sich vom strick durch gröszere länge und bessere verfertigung unterscheidet. Adelung. Jacobsson 4, 133b. doch erscheint es auch, besonders in älterer sprache, seiner mutmaszlichen herkunft entsprechend, in allgemeinerer bedeutung.
1) seile werden meist aus hanf gefertigt. Jacobsson 4, 133b. Simpl. 2, 181, 21 Kurz (die stelle s. unter dem formalen), auszerdem aber auch aus andern stoffen: alle seile werden entweder von stroh, oder bast, oder hanff, oder flachs, oder endlich von werck zubereitet. öcon. lex. (1744) 2711. hänfin seyl. ausz hanff gemacht, funis cannabinus Maaler 205c. seil von bast, vimen virile Stieler 157: Simson sprach zu jr (Delila), wenn man mich bünde mit sieben seilen von frisschen bast, die noch nicht verdorret sind, so würde ich schwach, und were wie ein ander mensch. richter 16, 7;

iwer zoum muoʒ sîn ein bästîn seil.
Wolfram Parz. 137, 1.

in gleichem sinne: were es sach, dass ein inmercker lint in der marg geschlissen het, und het seile darauss gemacht. weisth. 3, 455 (Wetterau, Altenstadt, von 1485). seil von stroh:

der wirt im voraus froh
nimt das von ihm bereits mit fleiss erlesne stroh
und machet seile draus.
Scheibel witterungen 104 bei
Birlinger Zachers zeitschr. 20, 490.

vgl. hanfseil, bastseil, strohseil. härene seile: myt eneme harenen sele. quelle bei Schiller-Lübben 4, 178b; du (ein abgestürzter seiltänzer) werest werth, dasz man dir mit einem härinnen seyl in der kerben geiget. Frey gartenges. 11a (7. cap.). seidene seile: es seind auch an eim andern ort in India visch, ochsen und pferdten gleich, welche die Amazones offt in krieg füren, dann sy eins schnellen lauffs sein sollen, darnach so sy heimkeren, lassen sys an seidin seylern wider ins wasser, als in jhren stall. Franck weltb. 191b; gleich wie in der stifftshütten Moysis die teppiche, durch die schöne ringe, vermittels der seydenen seyler zum richtigsten zusammen gezogen waren. Meyfart himmel. Jerus. (1631) 2, 249;

diu seil von den blîden (schleudermaschinen),
der wâren zwei von sîden.
Ottokar 35111 Seemüller.

eiserne seile:

guot rede si im gâben,
unz si im machten veil
diu îsenîn seil.
mit den man dâ hât
vor Triest die niwen stat
an drin enden umbevangen.
Ottokar 35097 Seemüller.

im bergbau gebraucht Veith 443 (s. unten 4, c, ε); bildlich: es ist ein .. hals starrigk volck, eiszerne seil hatts im halsz. Luther 14, 258, 25 Weim. ausgabe. seile von draht, vergl. drahtseil. von silber:

und im räumigen schiffe mit glänzendem seile von silber
band er ihn fest.
Voss Od. 10, 24.

von sand, fingiert, im sprichwort:

seyl von sand,
wie hält das band?
Fischart bienenk. 261a

(glosze zu der unter dem formalen angeführten stelle). Simrock 446, 9466. vgl. 2.

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2) verbale fügungen, die sich auf entstehen und vergehen eines seils beziehen, seil drehen, ligamenta e cannabe intorquere. Stieler 2000, ein seil spinnen, drehen, machen, filar' una corda. Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 759b, winden, flechten. sprichwörtlich: das seil damit man einen fängt, das musz gedreht sein. Lehmann 106. Simrock 447, 9468; wer mehr nimpt als er soll, der spinnt ihm selbst ein seil (zum galgen). Lehmann 136. auf reden übertragen:

und (ich) musz nun bestehn das ganze, wie wenn zögernd man dem schwatzer
raum gegeben, dem langweilig seile drehnden phrasensetzer.
A. v. Droste-Hülshoff 1 (1879), 87.

immer dasselbe seil spinnen, dieselbe alte sache treiben. Wander 4, 519. ein seil aus sand flechten, winden, bildlich. Fischart bienenk. 261a (die stelle s. unter dem formalen), ein seil aus sand flechten, etwas unmögliches unternehmen. Wander 4, 518. vgl. oben 1. ein seil reiszt, zerreiszt, bricht, in älterer sprache auch zerbricht:

uns (bergleuten) ist daʒ seil zebrochen. feldbauer 134.

sprichwörtlich: das seil bricht nicht immer wo es am dünnsten ist. Wander 4, 517; ein dreifach seil zerreiszt nicht leicht. ebenda. ein seil zerreiszen: er (Simson) aber zureis die seile wie ein flechsen schnur zureist, wenn sie ans fewr reucht. richter 16, 9. in älterer sprache das seil brechen, bildlich, fehlen (zu grunde liegt wol die vorstellung eines mit seilen eingehegten platzes):

seyd mein höchstes hail
mir machet fail
die gail (meine lust gering macht),
und in kainerley wandels mail
prach das sail.
Oswald v. Wolkenstein 76, 2, 23.


3) seile gebraucht zum festhalten, binden.
a) um lebewesen in ihrer bewegungsfreiheit zu hindern.
α) bei thieren angewendet.
αα) zügel, zaum, halfter eines pferdes, mhd. Wolfram Parz. 137, 1 (die stelle s. oben unter 1):

er ne legete zoum noh seil dar ane,
er begreif iʒ in sîne manen.
Lamprecht Alex. 372 (Straszb. handschr.).

im bilde:

störrisch knirscht in den zügel das sonnenrosz,
wie's am seile des meisters
erd und himmel in sanfterem schwunge wiegt,
flammts am kindischen zaume
erd und himmel in lodernden brand!
Schiller 1, 302.

vgl. auch lenkseil, leitseil.
ββ) zum halten und führen eines hundes: das hänge-seil, wird dasjenige genennet, was dem hunde an den hals gemacht wird, und aus leder und einem seile bestehet. Döbel jägerpr. 1, 87a;

der künic hieʒ dô lân
alleʒ daʒ gehündedaʒ an seilen lac. Nib. 901, 3;

der bracke unde daʒ seileinem fürsten durch minne
wart gesant.
Wolfram Tit. 146, 1;

ein seil warf ich im (dem hunde) dô an sînen kragen.
Hadamar v. Laber jagd 345, 5;

dan er sâ an der selben stunt
nimt an ein seil sînen hunt
und rennet in den walt von ir.
Ulrich v. Lichtenstein 607, 12.

vgl. auch leitseil. der zuruf an den leithund seil aus gehört wol nicht hierher, sondern zu ausseilen. s. dies unter seilen.
γγ) allgemein zum halten und führen von vieh: einen ochsen am seile führen;

der pharre der wart in den rinc
gevüeret dô mit seilen:
frech unde geilen
sach man den engestlichen stier.
Konrad v. Würzburg Silvester 4749.

(einem störrischen ochsen) das seil über die hörner werfen, eine oft bildlich gebrauchte verbindung, s. unten γ, sp. 212. schweiz. z' seili bringen, ein stück vieh an ein seil und freier an die kette legen. Stalder 2, 369.
δδ) zum fangen von wild: dann in weniger zeit darnach fiengen sie etliche enzbergische pauren (die waidwerk treiben wollten), namen denen die sail und garn. was sie bei inen fanden, das alles fürten sie auf Wildenstain. Zimm. chron.2 1, 419, 26;

swenn eʒ sîn (das wild des jägers) dann erbîtet,
so hetzt er rüden dran und fâchtʒ in seilen.
Hadamar v. Laber jagd 213, 7.

seil nehmen, weidmännisch vom hirsch, der über das zeug, netz springen will, zu kurz springt und mit den hinterläufen im genäsche

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hängen bleibt. Heppe wohlred. jäger 278a. Behlen 5, 611. Kehrein weidmannsspr. 271. vgl. wildseil.
β) zum fesseln von menschen: he bant den husmanne mit starken zelen syne arme to samen. quelle bei Schiller-Lübben 4, 178b; darmede leet he den paves unde de kardenale stricken an sele. quelle ebenda; da brachten der Philister fürsten zu jr (Delila) hin auff sieben seile von frisschem bast, die noch nicht verdorret waren, und sie bant jn (Simson) damit. richter 16, 8;

stuant er (Christus) thâr thô nôtonuntar fianton
in banton iro seilo;thero friunt was er eino.
Otfrid 4, 19, 4;

si fuorten alle tag
gebunden an seile
arme liute veile,
die sie viengen in Ôsterrîch.
Ottokar 84247 Seemüller.

im vergleich: peccatores sint ioh carnales. ioh spiritales inimici. diê lengent iro unreht also sêil. uuanda sie iêo êin ze andermo heftent. unde umbefâhent mite iustos. Notker ps. 118, 61.
γ) der teufel fesselt die ihm verfallenen mit einem seil: denn werdent die verdampnoten (vom teufel) an ein seil geleit. schausp. des mittelalters 1, 295 Mone. bildlich:

zer kirchen ganc gerne durch got:
und vüere dich niht veile
an des tiuvels seile:
daʒ ist manslaht unde meinswuor
lügene untriuwe unde huor. spiegel d. tugent in den altd. bl. 1, 102, 346;

als seil des teufels wird auch das bezeichnet, wodurch er zu schlimmerem verleitet:

bœse gewonheit und bœse site
die sint gar des tiuvels seil
dâ mit er uns ziuhet zunheil.
Thomasin v. Zircläre w. gast 12019.

die personificierte sünde spricht:

sein gewissen thu ich drücken,
des thut ihn gnagen und beiszen
darzu inn verzweiflung reiszen,
und kumpt also auch an mein seil.
Voith spiel vom ursprung, leben u. ende des menschen 873 bei
Holstein dramen von Ackermann u. Voith 244.

der tod fesselt mit einem seile:

waʒ nû dem tôde geschict wart an sîn seil. Lohengrin 4575;

dâ quam ir doch maniger an des tôdes seil. 4899.

ebenso Venus:

aber fraw Venus auszerkorn
hat mich in jrem dienst bezwungen,
jr pfeil hat mir mein hertz durchdrungen.
darnach da hat sie mich gefangen
und an jr starckes seil gehangen.
H. Sachs fastn. sp. 1, 14, 34 neudruck;

der jedes kan ich (Venus) durch mein pfeil
bald bringen an mein langes seil. 20, 184.

so heiszt es denn auch von der persönlich gedachten liebe, minne:

diu Liebe diu hât mich in banden
gebunden wol an tûsent seil. minnes. 1, 12b Hagen (wo liebe allerdings auch die geliebte bezeichnen kann);

davon so schirment mich ain tail
vor der werden Mine sail,
dü mich ze laid üch vâchen wil. liedersaal 1, 15, 144 Laszberg.

daran schlieszen sich wendungen, in denen die liebe selbst als seil gedacht wird: es gefiel ihm, dasz er durch das herumflattern immer galanter und kälter gegen alle weiblichen personen wurde — das seil der liebe schneidet weniger tief in den busen ein, wenn es in fäden und flocken ausgezupft um alle flattert. J. Paul Hesp. 2, 192;

du bist gebunden — ja unglücklicher!
du bist's, doch nicht durch wort und schwur,
gebunden bist du durch der liebe seile!
Schiller Tell 2, 1.

mit übertragung des ausdrucks auf äuszerlich ähnliches heiszen haare, locken seile der liebe, liebesseile:

die wunder-schönen haar (eines mädchens) sind feste liebesseile.
A. Gryphius (1698) 2, 312;

die locken (eines mädchens), die seile der liebe'
irren wild um den lilienhals.
Wieland suppl. 2, 270.

in solchen fügungen treten bisweilen auch andere vorstellungen als die des bindens, fesselns hervor, vgl. liebesseil oben theil 6, 954, J. Paul uns. loge 2, 133 unter c, β und Hos. 11, 4 unter dem formalen, wo neuere ausgaben statt seelen seilen setzen. ähnlich:

wen er (gott) vaʒʒet an sîn seil
sîner erbarmherzekeit,
der ist sældenrich bereit,
wie bœs er was, er macht in guot. liedersaal 3, 454, 194 Laszberg.

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die rolle, die die von Venus gefesselten in dem oben erwähnten fastnachtsp. des H. Sachs spielen, erinnert an die von narren, die in älteren quellen häufig als mit seilen gebunden, geführt erscheinen, vgl. DWB narrenseil. wie am narrenseil führen heiszt es im sinne von 'betrügen' auch blosz am seil führen:

sy hatt mich nie betrogen,
nie gefuert an ainem sayl.
sy baitt sich selbr nit fayl. quelle bei
Zarncke Brants narrenschiff 321b (vgl. wunderhorn 2, 446 Boxberger);

hofnarren.
dasz gern ein fürstenhof an narren fruchtbar sey,
bleibt wahr; doch sind daselbst von solchen meistens zwey:
der eine, den der fürst nach willen stets vexirt,
der andre, der nach lust am seil den fürsten führt.
Logau bei
Lessing 5, 238;

mit solchem streit verliert man zeit und weile
und führt doch nur geduldig volk am seile.
Göthe 41, 150.

ähnlich am seile haben:

so zerret lesers dürftig ohr
mit viel gequirltem phrasen-flor;
uns habt ihr nicht am seile. 4, 351.

doch tritt in solchen fügungen auch der allgemeinere begriff der abhängigkeit hervor:

ich weisz voraus,
dasz könig Philipp dir, den du am seile
zum himmel, und zur hölle lenkst, den arm
zu deiner rache borgen wird.
Schiller dom Karlos 1, 1.

mit unpersönlichem object: me het dat weer nitt am sêl. Woeste 235a.
in verwandtem sinne, wie 'fangen' in uneigentlicher bedeutung erscheinen die folgenden fügungen gebraucht; biblisch, in anlehnung an α, δδ: die hoffertigen legen mir stricke, und breiten mir seile aus zum netze, und stellen mir fallen an den weg. ps. 140, 6. in anlehnung an α, γγ, einem das seil über die hörner, in älterer sprache an die hörner werfen, wie einem störrischen stier: und weil die worte so gut waren, liesz ich mir wieder das seil an die hörner werfen (trat wieder in den dienst des herzogs). Schweinichen 3, 105; unter solchen (die sich in sie vernarrt hatten) war ein junger schnautzhann, dem sie das seil über die hörner warff und sich vor ein jungffer verkauffte (er heiratet sie). Simpl. 2, 182, 25 Kurz; ich (Courage) trug mich gantz adelich, und weil Simplicius so toll auffzoge und viel diener hatte, hielte ich ihn auch vor einen dapffern edelmann und gedachte, ob ich ihm vielleicht das seil über die hörner werffen, und ihn (wie ich schon zum öfftern mehr practicirt) zu meinem ehe-mann kriegen konte. 3, 122, 21; brem. von einem verlobten: he het sek dat säl ümm de hören smiten laten. Borchardt-Wustmann 436, 1088. ebenso einem das seil über den kopf werfen, ihn listig berücken. Adelung, bremisch enem dat seel aver'n kopp smiten, ihn durch listige kunstgriffe, überredungen zu seinem willen zwingen, wie ein scheues pferd oder wildes rind, dem man das seil über den kopf wirft. brem. wb. 4, 745; einem ein seil um den hals werfen, in ausgeführtem bilde: wie er nun in sein herz ging, und das zu entwickeln suchte, und viel zu sehr mit sich beschäftigt war um auf sich acht zu geben, warf ich ihm ein seil um den hals, aus drey mächtigen stricken, weiber-, fürstengunst und schmeicheley gedreht, und so hab' ich ihn hergeschleppt. Göthe 8, 59; umwerfen, mit unpersönlichem subject:

diesz
hat alles zwischen uns verändert; hat
mit eins ein seil mir umgeworfen, das
mich seinem dienst' auf ewig fesselt.
Lessing 2, 252.

in gleichem sinne mit seilen umwinden: dieses war die puppe, mit der er mich spielen läszt, während dasz er selbst, unbeobachtet und unverdächtig, mit unsichtbaren seilen mich umwindet. Schiller 4, 256.
der betrogen ist hat das seil an hörnern. Lehmann 107. doch erscheint diese verbindung auch wol in anderer bedeutung, so bei unpersönlichem subject: zusagen stehet im willen, aber das halten hat das seil an hörnern. derselbe bei Borchardt-Wustmann 436, 1088. der sinn ist gewisz: halten ist schwerer als zusagen. das bild scheint anzuknüpfen daran, dasz es schwer ist, einen wilden stier an einem um die hörner geworfenen seil wirklich festzuhalten. auf hörnern liegt hier demnach ein nachdruck.
der überlistete läuft ins seil. Wander 4, 518. von einem, der sich (bildlich) in der eignen schlinge fängt, heiszt es:

und viel er in des seiles stric,
den er mir hât geleit.
Heinrich v. d. Türlin krone 20313

[Bd. 16, Sp. 213]


wer nachgibt, geht zum seile:

du hast unrecht: lasz dich wysen!
ich mein, din herz syge ysen.
volg, volg, volg und gang zum seil. fastnachtsp. 878, 19.

die seile von sich werfen, in entsprechendem sinne bildlich: die könige im lande lehnen sich auff, und die herrn ratschlagen mit einander, wider den herrn und seinen gesalbeten. lasset uns zureissen jre bande, und von uns werffen jre seile. ps. 2, 3. schweiz. app-im seil si, lustig, mutwillig, in übermütiger weinlaune sein. Seiler 247b. 12b.
b) zur befestigung von gegenständen, in mannigfachem gebrauch, so
α) zum festhalten eines zelts, einer hütte, in bildern: deine augen werden Jerusalem sehen, eine sichere wonunge, eine hütte die nicht weggefürt wird, welcher negel sollen nimermehr ausgezogen, und jre seile keines zurissen werden. Jes. 33, 20; meine hütten ist zerstöret, und alle meine seile sind zurissen. Jer. 10, 20.
β) zum zubinden eines sacks, so in der vielfach freier gebrauchten verbindung sack und seil, s. diese unter sack 6 oben theil 8, 1614 unten.
γ) zum zusammenhalten der kleidung: dô gebôt ime der gardiân, daʒ her einen rok und ein seil muste von ime nemen, dar inne her sturbe. myst. 1, 215, 39; er hatte statt eines gurts ein dikes sail zweifach um einen grünen wollenen rok geschlagen, worinn ein breites schlachtmesser bei einer pistole stak. Schiller 4, 75.
δ) zum zusammenbinden einer korngarbe, von stroh. Schütze 4, 88. Dähnert 419b:

andre (ähren) banden in garben bereits mit seilen die binder.
Voss Ilias 18, 553.

von gesetzlich vorgeschriebener länge, bei abgaben: war men korntegede gift, dar sal dat sel, dar die garve met gebunden is, wesen eyner dumelne lank tuschen den twen knoden an winterkorne. quelle bei Schiller-Lübben 4, 178b. daher ein seil korns, eine korn-(roggen-)garbe. quellen von 1552—1623 Vilmar 381. ebenso: (der schultheisz zu Bommersheim) sal ime (dem herrn im stift zu Fulda) gebin winterfrucht zwey seyle, unde summerfrucht zwey seyle. weisth. 3, 497, 1, (Wetterau). ohne zusatz: item die herren von Erbach haben zween flüer, — wer es sach, dass ein bruder etwas sehet auswendig der zweyer flüer, so soll er ein seil geben als ein nachpaur. 2, 163 (Hundsrück, Hargesheim, von 1505); ein gut, heiszet Contzelmans gut, darvon weisen wir meim herrn von Hornbach von dreiszig seilen eins. 5, 557, 3 (Nahegebiet); daʒ zehinde seil als zehntabgabe von einer bûnde (biunte, eingehegtes grundstück). quelle bei Lexer mhd. hdwb. 2, 857. das siebente seil: sechs morgen medumbsland (vgl. DWB medem oben theil 6, 1838), welche uns in unserm medumb, wann sie tragen das siebende seil. quelle von 1573 bei Lennep landsiedelrecht 2, 79. ähnlich: von dem morgen wiesen soll man geben ein seil voll hews. weisth. 2, 165 (Hundsrück, Gutenberg, von 1498). der ausdruck an sein seil fassen, der sich in der folgenden stelle auf korn bezieht:

den (amtleuten) in disen siben iârendaʒ nieht versmâhe,
si ne heiʒʒen mannegelîch faʒʒen an sin seilsînes chornes daʒ finfte teil. genesis in
Hoffmanns fundgr. 2, 60, 34 (bei
Diemer gen. 85, 34, nach 1 Mos. 41, 34),

erscheint auch in freierer anwendung:

ir habt allen ungereht
an iuwer seil gevaʒʒet.
Gottfried Trist. 9883.


4) seile gebraucht, etwas daran befestigtes zu bewegen.
a) zum hin- und herbewegen, so
α) der glocken: vor eyn seyl an dey stormklocke gegeven 4 sch. quelle bei Schiller-Lübben 4, 178b. kirchengüter wurden mit dem glockenseil übergeben. rechtsalterth. 184. vgl. glockenseil.
β) zum schaukeln (als belustigung, wobei man sich am seile hält und es in schwingende bewegung setzt):

dô si reit mit kinden ûf dem seile.
Neidhart v. Reuenthal 48, 14.


γ) ähnlich, im kreise zu drehen, so am turngerät rundlauf, freier:

siehst du jezt du lokrer specht (Bacchus)?
wie du uns am seil gezwirbelt,
und im ring herum gewirbelt,
dasz uns nacht ums auge grauszte,
dasz's uns in den ohren sauszte.
Schiller 1, 213.


b) zum fortbewegen
α) eines wagens, pflugs u. dgl., in neueren ausgaben der Lutherschen bibelübersetzung eingesetzt Hiob 30, 11 für sæelen, Hos. 11, 4 für seelen, formen, die nicht eigentlich

[Bd. 16, Sp. 214]


zu seil gehören, sondern zu dem eng verwandten siele, f., nd. sǟle. vgl. das formale.
β) eines schiffs. so nach Wander 4, 518 in der bildlich gebrauchten wendung im seile gehen, sein brot sauer verdienen. ähnlich, im vergleich:

ich züg als lîht an einem seil
wider waʒʒer einen flôʒ.
ê ich mit rede machte blôʒ
manic tât und geschiht,
der si ze tuon hâlen niht
des rîches widerwarten.
Ottokar 982 Seemüller.


γ) als spiel: das seylziehen, strebkatzen, ἑλκυστίνδα, σκαπέρδα. Frischlin nomencl. cap. 176.
δ) in sonstiger anwendung: dâ sol man im (einem toten) ein seil an den fuoʒ legen, einen rinc soltû machen an dem seile unde solt im den rinc an den fuoʒ legen mit einem gäbelehten holze .. unde solt danne daʒ seil zuo ziehen unde binden dînem rosse zuo dem zagel, unde heiʒ in ûf daʒ velt ziehen. Berthold v. Regensburg 1, 119, 20;

fraw muter, nempt ein seil,
sprach ich allda zu stund,
schleifft mich in einen grund
dort ferr in jenen wald. sleigertüechlin bei
Keller Altswert 246, 32.

bildlich: die unsichtbaren seile, die mich nach Korinth und Athen zurück ziehen, sind darum nicht minder stark, weil es keine ankertaue sind. Wieland 34, 291. ein seil zum ziehen ist auch wol gemeint in den wendungen: an ein seil ston, ein seil dapffer angreyffen, brachia dare ad funes. Maaler 369b.
c) zum aufwärts oder abwärts bewegen.
α) allgemein, mit einem seil herablassen, heraufziehen. Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 759b, auch an einem seile Adelung und ähnl.: da lies sie die selben (männer) am seil durchs fenster ernider, denn jr haus war an der stadmaure, und sie wonet auch auff der mauren. Jos. 2, 15; wir wollen aber des eids los sein, den du von uns genomen hast, wenn wir komen ins land, und du nicht dis rote seil in das fenster knüpffest, da mit du uns ernider gelassen hast. 18; da namen sie Jeremia und worffen jn in die gruben Malchia des sons Hamelech, die am vorhofe des gefengnis war, und liessen jn an seilen hinab in die gruben. Jer. 38, 6; EbedMelech .. gieng ins königs haus, unter die schatzkamer, und nam daselbst zurissen und vertragene alte lumpen, und lies sie an einem seil hin ab zu Jeremia in die gruben. 11;

thô gêngun thea gesîðôs tô,
hôun ina mid iro handun,endi uppan that hûs stigun,
slitun thena seli oana,endi ina mit sêlun lêtun
an thena rakud innan,thâr the rîkeo was. Heliand 2313 (Marc. 2, 4. Luc. 5, 19) Heyne;

(sie) bunden einen corp an seil,
dar inne si in (einen gefangenen) lieʒen sider
obene von der mûre nider. pass. 183, 31 Hahn;

David ward herabgelassen
von dem fenster an dem seil,
Michal, seine treue gattin,
liesz ihn nieder, ihm zum heil.
Uhland (1864) 167.

im vergleich: in derjenigen (schrift), von welcher wir reden, laufen die sätze an der methode als an einem seile herab. Kant 8, 133.
β) zum hinablassen des sarges, bildlich: der engel der freude liesz ihn (einen sterbenden) am seile der liebe langsam ins grab hinab. J. Paul unsichtb. loge 2, 133.
γ) an der zugbrücke:

ein verborgen knappe 'ʒ seil
zôch, daʒ der slagebrücken teil
hetʒ ors vil nâch gevellet nidr.
Wolfram Parz. 247, 21.


δ) am brunnen, vgl. DWB brunnenseil. im anschlusz daran bildlich: das sail damit man fraw Warheit aus dem brunnen zeucht, ist schon lange zerbrochen. Lehmann bei Wander 4, 517.
ε) im bergbau besonders in solcher anwendung, ein an einem haspel, göpel oder einer anderen fördermaschine angebrachtes starkes tau von hanf oder eisendraht, freier auch eine kette, womit die ausförderung und einförderung durch einen schacht geschieht. Veith 443: feldbauer 134 (die stelle s. oben unter 2); wenn ja das seil einmahl in den schacht gefallen, darf es nicht sogleich wieder aufgeleget werden, ohne es erstlich vorher mit wasser abzuspühlen und glied vor glied durchzusehen, ob es noch gantz oder geborsten sey. quelle von 1772 bei Veith a. a. o.; da unten (im bergwerk) ist ein verworrenes rauschen und summen, man stöszt beständig an balken und seile, die in bewegung sind, um die tonnen mit geklopften erzen, oder das hervorgesinterte wasser herauf zu winden. Heine 3, 29

[Bd. 16, Sp. 215]


Elster. hänfenes, eisernes seil: man gebrauchet gantz hänffine seile in solchen schächten, die gantz seiger seynd, wo aber das seil anstreiffen kan, vernützet es sich gar sehr. wo auch die wetter in solchen schächten starck ausziehen, oder es gar zu nass darinnen ist, so verfäulet es die seile sehr, dahin seynd die eiserne gut. quelle von 1700 bei Veith a. a. o. das seil kollert. wenn es sich in einander setzt oder zerreiszt. Veith 295 (mit belegen vom 17.—19. jahrh.). seile auflegen, auftragen, sie um den rundbaum, die haspelwelle winden. Veith 444 (mit belegen aus dem 18. und 19. jahrh.). erze, berge zu seil laufen, ins füllort schaffen um sie auszufördern: wie bey uns die gruben arbeiter, so bergk gewinnen, fort trecken oder zu seyl lauffen, anschlagen, an tag herausz mit hunden oder truhen lauffen. Mathesius Sar. 125b (vgl. Veith 445); in gleichem sinne zu seil setzen: da ... ertz und berg zu seyl zu setzen. quelle von 1669 bei Veith 445; ebenda auch belegt aus dem 19. jh.; zu seil schicken: die berg-knechte in tieffen gebäuden (sollen) in einer schicht zwey schock kübel zu seyle schicken. quelle von 1698 ebenda; auch verzeichnet bei Jacobsson 4, 135b; zu seil bringen, afferre effossa, ut extrahantur e fodina. Frisch 2, 260b, in freierer anwendung: dieser stolle brachte schöne anbrüche zu seil. ebenda. an, auf dem seile fahren, seilfahren, mittelst der fördervorrichtung gefördert werden, von personen. Veith 167 (belegt aus dem 19. jahrh.); auf dem blossen seile fahren, am seile hängend gefördert werden. ebenda. ebenso seil laufen, sich an das seil anhängen und so aus dem schachte ausfördern oder einfördern lassen. 444 (belegt aus dem jahre 1806). fern zu seil haben, fern von der grube wohnen: wie jr auch zu dancken habt, wenn ewer männer gute arbeit neben gutem wetter, und nicht fern zu seyl haben. Mathesius Sar. 146b (vgl. Veith 445). kübel und seil s. DWB kübel 2, d, γ oben theil 5, 2488. wie kübel und seil einwerfen (s. dort) sagt man auch korb und seil einwerfen. Veith 302.
ζ) seil und kloben, werkzeug zum heben von lasten, flaschenzug. Eggers kriegslex. 1, 1327.
η) mit scherzhafter übertragung: einen am seile herablassen, crepitum ventris mittere. Eiselein 566.
d) bisweilen sind die verschiedenen bewegungsarten nicht zu trennen. so bei nd. seel, band, tau, worin man den eimer trägt. ten Doornkaat Koolman 3, 171a, freier auch bügel, handgriff an einem eimer u. dergl. überhaupt. brem. wb. 4, 746. Schütze 4, 88. daher scherzhaft min seel vun den waterammer. ebenda. ein fort oder aufwärts ziehen kann gemeint sein in dem sprichwort mit krancken seilen sal man lyslik trecken. Tunnicius 737, mit kranken seilen musz men gelinde ziehen. Simrock 446, 9467, ebenso in der bildlich gebrauchten wendung an einem (éinem) seil ziehen, pariter remum ducere Dentzler (1698) 2, 262a, complicem esse, helfen etwas zu thun. Frisch 2, 260a, aber nicht blosz, wie Adelung meint, in einer bösen sache, überhaupt: dasselbe wollen: sie ziehen nicht an einem seil. Lehmann bei Wander 4, 519, non via eadem ingrediuntur. Dentzler 2, 262b; sie ziehen all an einem seil, voto vivitur uno. ebenda. mit hübscher umkehrung der bedeutung: sie ziehen wol an einem seil, aber jeder an einem andern ende. Wander 4, 519. ebenso: da meine mutter selbst, dieses seil mit zu ziehen, anfieng, und mir .. zu dieser heyrath rieth. Felsenburg 3, 148. hierher gehört auch ann ä dinnern sle trecken, nachgiebig werden Jecht 103a.
5) in manchen fällen lassen sich die unter 3 und 4 aufgeführten gebrauchsarten nicht trennen: das seil, daran das ancker hänget, funis ancorarius. Corvinus fons latinit. 1 (1660), 49a, das ankerseil kann sowol im sinne von 3 als von 4 aufgefaszt werden. schiffseile dienen zum befestigen oder zum bewegen. vergl. Weckherlin 366 (die stelle s. oben unter dem formalen) und:

segel, anker oder seil
und swaʒ ze schiffung gehôrt,
des wâren si unbetôrt,
si berihtenʒ alleʒ eben.
Ottokar 34137 Seemüller;

(im bilde)

gott lob! der rauhe sturm führt durch die wüste see
der rasend-tollen welt, wo immer neues weh
und leid auf angst sich häuft, wo auf das harte knallen
der donner, alle wind in flack und seile fallen,
von kaum erkennter klipp' und seicht-verdecktem sand;
mein schiff (zwar vor der zeit) doch an das liebe land.
A. Gryphius (1698) 2, 50.


6) seil zum foltern, zum hängen (vgl. folterseil, henkerseil): Frey gartenges. 11a (7. capitel, die stelle s. unter 1); Kirchhof wendunm. 3, 50 Österley (s. das formale);

den diep nie mensch ûf erden vant,
der mit ganzen freuden sünge,
die wîle daʒ seil die kelen twünge.
Hugo v. Trimberg Renner 11195,

[Bd. 16, Sp. 216]



doch deil ich, dat man sy mit sêlen
an den galgen hangen sal lesterlîche. Karlmeinet 130, 2;

durch gelt kem mancher an eyn seyl
wann er mit gelt sich nit abkoufft.
Brant narrensch. 83, 18 Zarncke.

einen am seil nôtdürftiglich frâgen, foltern zur erpressung des geständnisses. quelle des 15. jahrh. bei Lexer mhd. hdwb. 2, 857. ein seil um den hals trugen solche, die sich auf tod und leben ergaben, und an gewissen orten freibauern zum zeichen geringerer knechtschaft oder hörigkeit. rechtsalterth. 184: do ditz die purger sahen, ir nam etwie vil sail an iren hals und giengen in daʒ her fur den chünich und ergaben sich und diu stat. deutsche chron. 2, 333, 14 Weigand. bildlich, mit näherer beziehung zum eigentlichen gebrauch: dusse Ludeke Erekes wart bi dusse bosheyt gebracht myt behendicheyt: de dat deden, de toghen den kop uth unde hengeden ome dat seel in den hals. d. städtechron. 16, 394, 25 (Braunschweig, von 1502); freier: ind dairumb bringen die historien die alsus schriven van der zit des conciliums ind mit sulchen personen, dat seil selfs am hals (widerlegen sich selbst). 13, 358, 24 (Köln, von 1499). ähnlich: einen mit seinem eigenen seile erdrosseln, ihn durch seine eigenen worte widerlegen, auch: in seiner eigenen list fangen. Wander 4, 518. sprichwörtlich: einer hats heil, der ander das seyl, sagen die unsern. Mathesius Sar. 154a. hierher und nach 3 weist: einen ans seil bringen, vincula nectere, chordam tendere alicui. Stieler 2000. seil in verwandtem gebrauch, zu körperlicher züchtigung dienend, bildlich:

würd mich der richter hauen
mit seinem strengen sail,
o wee des grôssen grauenn,
wem würd ich dann zu tail.
Oswald v. Wolkenstein 2, 5, 14.


7) seil gebraucht darauf zu gehen, zu tanzen, daran zu klettern. seil des seittänzers: histrio (wephâre) dâr gât per funem (an seile). Notker ps. 39, 6; es wolt einer auff dem seyl gehen, und fiel herab. Frey gartenges. 10b (7. cap.); einer der auff dem seil gadt, funambulus. Maaler 369b; sich begon mit dem das einer auff dem seil gadt, schoenobaticam facere. ebenda; ein künstler, der auff dem seyl fehret, funambulus. Corvinus fons latinit. 1 (1660), 288a; auf dem seil tanzen, schoenobaticam facere, super fune sublime extenso ambulare. Stieler 2000, ballare, danzare sulla corda. Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 759b, per funem ingredi, per catadromum decurrere. Steinbach 2, 574, per funem extensum saltando ingredi Frisch 2, 260a; auf einem seile tanzen. Adelung;

nach Kevlaar ging mancher auf krücken,
der jetzo tanzt auf dem seil.
H. Heine 1, 147 Elster.

vgl. seiltanzen, n. unten. schlaffes, schlappes seil, schlappseil und straffes seil des seiltänzers unterschieden: die schwungbretter waren schon gelegt, das schlappseil an die pfosten befestigt, und das straffe seil über die böcke gezogen. Göthe 18, 150. in bildlichen wendungen: darumb werden die sich betrogen, die fleissigen auffs artificium, wollen stracks alles nach der kunst machen, wie sie es ausz der dialectica und rhetorica gelehrnet haben, zuvor ehe sie eine sache recht verstehen, gehen daher auff dem seile, hoch ausz und nirgend an. Luther tischr. 195b; der liess sich zu allen seteln gebrauchen, und sonderlichen in sollichen handlungen und pratiken do kunt er wunderbarlich auf dem sail laufen. Zimm. chron.2 3, 503, 36. einem auf dem seil gehen, pollicem premere, adjungere se alicui, auxiliari, in eadem causa esse. Stieler 2000;

(eine kuppelnde magd spricht:)
ich hab schon auf die sach ein thaler,
der junckherr wirt auch seyn mein zaler
umb ein peltz auff das newe jar.
darumb kein müh noch fleisz ich spar,
dem junckherrn zu gehn auff dem seyl.
H. Sachs 17, 8, 11 Keller-Götze;

(eine kupplerin spricht:)
o junckherr Felix, glück und heyl!
ich bin euch gangen auf dem seyl
und hab euch Paulina erworben. 124, 10.

ebenso in Leipzig der tanzt m'r uffn seele, ist zu allem willfährig, geht durchs feuer für mich. Albrecht 211b. der eigentliche sinn ist also: 'für einen etwas schwieriges unternehmen', wodurch das bild seine erklärung findet. ähnlich vielleicht: mancher (um zu borgen) leuffet einem zu hauss und hofe .., schreibet grosse briefe, bringt vorschriften aus, lest den kirchendiener auff dem seil gehen, ob er kündte die frist erstrecken. Mathesius bei Wander 4, 518. auf dem schlappen seile tanzen müssen; aufs seil müssen. Wander 4, 519 (Ulm),

[Bd. 16, Sp. 217]


sich producieren müssen, als redner auftreten müssen u. dergl. ebenso aargauisch uf's seil go (gehen), der gesellschaft etwas zum besten geben. Hunziker 238. gehört hierher auch die folgende wendung oder sind da eigentlich thiere, pferde, hunde gemeint: so sind weltkinder geschwinde, und auff alle seyl abgericht. Mathesius Sarepta 153b. indem durch genitivischen zusatz etwas bestimmtes in bildliche beziehung zu dem seil des seiltänzers gebracht wird:

er (Wallenstein) hielt sich nun
für ein begünstigt und befreites wesen.
und keck wie einer, der nicht straucheln kann,
lief er auf schwankem seil des lebens hin.
Schiller Wallensteins tod 4, 2.

seil zum klettern: an einem seil in die höhe klettern, so als turnerische übung.
8) seil zum messen (vgl. meszseil): der hove hat auch das recht, würdt ein dieb gefangen jn disem banne, man soll messen mit einem seile von der statt do er gefangen würdt an den nehsten dinckhove: fellet er dem hove zu S. Peter, er soll richten ob er mag; mag er nicht gerichten, er soll jn richten und antwurten dem niedern hove, das er richte. weisth. 4, 248 (Elsasz, Bergheim, von 1551);

diu kirche, die ich von iu hân,
diu stêt enmitten rehte (mitten auf der erde).
daʒ heiʒet iuwer knehte
meʒʒen mit einem seile.
Stricker Amis 143.

von bestimmter länge, auch als bezeichnung einer meszkette: land- oder wald-seil, soll in Böhmen 42 ellen lang seyn, das ist, 78 pedes geometrici, und zwey qvere hand zugegeben, dasz das seil so viel länger werde. das seil soll eine kette seyn, dasz es im nassen nicht kürzer werde, soll auch von meszing seyn dasz es nicht verroste. Frisch 2, 260b. übertragen auf eine strecke, die die länge eines meszseils hat: in der form sell preusz. landordn. v. 1577 bei Frisch 2, 260c (die stelle s. unter dem formalen); man soll wissen, dasz die gemeinen offenbaren masze, die wir gebrauchen im lande Preuszen zu messen den acker seind seil, ruthen, ellen, fusze und handbreit mit ihren stücken. quelle bei Frischbier 2, 337a; 10 meszruthen machen ein seil. quelle von 1782 ebenda; so wol auch:

in kômen sunderwinde,die sluogen ûf dem sê
daʒ edele ingesinde(dâ von wart in wê),
dâ si mit tûsent seilenden grunt niht hæten vunden. Kudrun 1125, 3 (vgl. Martins anmerkung dazu).

vermessung aufzutheilenden landes mittelst des meszseils ist eine alte germanische sitte. Brunner deutsche rechtsgeschichte 1, 68. Schröder deutsche rechtsgeschichte2 56. ebenso theilen die juden das gelobte land: dir gibo ih terram promissionis .. daʒ ir iʒ teîlent mit seîle. Notker ps. 104, 11 (bei Luther dafür schnur z. b. Jos. 17, 4). auch in der folgenden stelle ist vielleicht eine theilung von land gemeint: den so gelônot wirt (im himmelreich), die mugin sprechen: funes ceciderunt michi in praeclaris (ps. 16, 6). die gebruodire teilent ir erbe hie in dirre werlte ettewenne mit seilen. da denne diʒ seil hine geviellit, eʒ sî ubel oder guot, dâ muoʒ eʒ der nemin. altd. predigten 2, 72 Wackernagel (Diut. 2, 279), vgl. Wackernagel in Haupts zeitschr. 2, 545. in einer anderen stelle handelt es sich aber um theilung von schiffen:

'wer teilet die schif, lât hôren daʒ?'
sie sprâchen: 'nyman, herre, baʒ,
danne ir, daʒ lâʒen an euch wir'.
er sprach: 'setz(t) ir euch des tzu mir,
so lât mir tzveier tage die frist;
des dritten eʒ seil geslagen ist'. Ludwigs kreuzfahrt 3425.

ist das schlagen des seils da nur ein übertragener ausdruck für 'theilen', der sich aus der sitte des auftheilens von land mittelst des seils erklärt, oder ist etwas anderes gemeint?
9) seil zur einhegung, abgrenzung dienend: Ottokar 35097 Seemüller (die stelle s. oben unter 1), nach germanischer sitte zur einhegung der gerichtsstätte gebraucht. Brunner deutsche rechtsgesch. 1, 145. mnd. over dat seil springen, bildlich, von geschlechtlichem vergehen. vgl. DWB über die schnur hauen in solcher anwendung oben theil 8, 1401:

hedde ouch ein maget ein bolen utverkoren,
als dat sie den magdum het verloren,
ind wer gesprongen over dat seyl,
dat kan ich allet machen heil. quelle bei
Schiller-Lübben 4, 178b.


10) wie in den zuletzt erwähnten gebrauchsarten kann ein seil, das ausgespannt wird, gemeint sein in der in frühnhd. quellen häufigen wendung über das seil werfen, betrügen, besonders beim kauf. Frisch 2, 260b meint, das heisze eigentlich 'ein seil über den weg spannen, dasz einer darüber fallen musz', und dazu

[Bd. 16, Sp. 218]


stimmt ein der unten angeführten stelle in Murners narrenbeschwörung beigefügter holzschnitt, auf dem ein narr über ein die strasze sperrendes seil gefallen ist. ohne object: uber das seyl werffen, ins garn, oder in das gemalt stüblin füren. Franck sprichw. 1, 27a; (kaufleute) welche so sie hin unnd wider liegen, triegen, falsch schwären, stelen, mit dem juden spiesz rennen, über das seyl werffen, odder ins stüblin füren, doch sich die aller besten duncken sein, darumb das sie güldin ring an fingern haben. lob der thorheit 40b. mit acc. verbunden: der gottlose uberforteilet den gerechten (Habac. 1, 4), ist, das s. Paulus Thessalo. 4. sagt, circumvenire, wenn einer den andern uber das seil wirfft, und also mit listen umbgibt, das der gerechte mus unrecht haben. Luther 3, 231b; und gilt als denn mit keuffen, verkeuffen, erben, leihen, bezalen, borgen, und dergleichen, nicht anders, denn wer den andern kan uber das seil werffen, rauben, oder stelen, berücken. 5, 152b; da kommen all bösz tück, griff, untrew händel und finantz auff, wie einer den anderen uber das sail werff, und jnns stüblin für. Franck laster der trunkenheit Db;

ich würd der narren ouch bederfen,
die übers seil einander werfen.
Murner narrenbeschw. kap. 70 Gödeke

(das kapitel handelt vom betrügen. durch den beigefügten holzschnitts. obenist einander deutlich als acc. gekennzeichnet);

o lieber gott, ging mir das an,
das ich ihn (den ungeratenen sohn) würff itzt ubers seil
und mir auch würd davon mein theil,
vorwahr, ich thets mit allem fleis.
Ackermann unger. sohn 785 Holstein.

bei unpersönlichem subject: die trunckenheyt hat den frommen Loth z sünden bracht, unnd uber das sayl geworffen, den Sodoma nicht hat betrogen. Franck last. der trunkenheit Ca. entsprechend passivisch: wenn er meint, er hab sich auch am allerbesten fürsehen, so wird ein solcher überdölpelt und über das sail geworffen. Bernh. Heupold Plautus redivivus (Augsb. 1628) 25 (Plaut. capt. 2, 2: etiam cum cavisse ratus est, saepe is cautor captus est). mit dativ verbunden, eine construction, die sich der von Frisch gegebenen erklärung (s. oben) nicht unmittelbar fügt. vielleicht beruht sie auf falscher analogie. doch steht die lesart an der stelle, die sie bietet, nicht ganz fest: herzog Ludwig von Ingelstat vermaint, er wär billicher erb zu der march Brandenburg, kaiser Karl het seinem (lesart seinen) vetern, herzog Oten, in solchem kauf merklich über das sail geworfen, het im nit die strick an den glocken bezalt. Aventin 2, 544, 28 Lexer. in gleichem sinne über das seil gefällen:

ob wir in (ein quacksalber mit seinen gehülfen einen bauern) uber das seil mochten gefellen! fastn. sp. 59, 22 Keller,

über das seil rücken:

wie der fuchs den wolff gefatzt,
mit schmeichelworten offt benückt,
und vielmal ubers seil gerückt.
B. Waldis Esop 4, 94, 6 Kurz.


11) seilähnliches.
a) eine kette, die statt eines seils gebraucht wird, wird wol seil genannt, vgl. 4, c, ε und 8.
b) nd. bügel, handgriff an einem eimer u. dgl., vgl. 4, d.
c) in der älteren anatomie, dem lat. funis entsprechend,
α) als bezeichnung von sehnen. Hyrtl kunstw. der anat. 68.
β) von adern Hyrtl 5: der ander (theil der arterien des arms) steigt under sich, und würt geteylt in zwen öst. der ein würt geteylt in den arm uszwendig in vil teyl, und würt genannt dʒ seyl des arms. Gersdorf feldb. der wundarzn. 8a.
 
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seil, n. velum, nebenform zu segel (eigentlich nd.), s. dies oben sp. 82. nachzutragen ist der seemännische ausdruck seil und treil, sämmtliches segel- und takelwerk eines schiffes. Bobrik 635b.
 
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seilasche, f., s. DWB segelage, -asche oben sp. 89.
 
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seilbahn, f. vorrichtung, bei der wagen in festgelegter richtung durch seile befördert werden, gewöhnlich mit über den wagen angebrachten rollen auf einem seile laufend und daran hängend. Karmarsch-Heeren3 8, 199. meist werden drahtseile dazu gebraucht, daher üblicher drahtseilbahn. 2, 658. dazu seilbahnwagen, m. 8, 201.
 
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seilband, n. 1) seylbant, funis Dief. 252c. 2) bergmännisch neben salband, s. dies oben theil 8, 1684.
 
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seilbohren, n. bergmännisch die art des bohrens bei herstellung von erdbohrlöchern, wobei der bohrer an einem seile befestigt ist und durch heben und niederfallenlassen gehandhabt wird. Veith 104.
 
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seilbohrer, m. bergmännisch bohrer zum seilbohren. Veith 107.

[Bd. 16, Sp. 219]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) seilbrücke, f. bergmännisch das gebälke, das das eigentliche göpelhaus mit dem seilscheibengerüst verbindet, die walzen für die seilleitung und die bremsvorrichtung trägt. Veith 445. vgl. seil 4, c, ε.
 
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seilchen, n., demin. zu seil, funiculus, resticula. Stieler 2000, cordella, cordarella, funicello Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 759c. Adelung (unter seil), nd. seelken, bildlich: enem dat seelken äwer de oren teen, einen durch list und schmeichelei zu etwas bringen. Dähnert 419b. vgl. seil 3, a, γ.
 
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seilder, m. in älterer sprache, inquilinus, conductor Scherz-Oberlin 1471, mit folgendem beleg: das alle burger seslute und seilder die mit den burgeren dienent, ze beiden stetten zu Loufenburg unt die lute die vor den toren nach bi gesessen sint, und mit den burgeren übel und gut lident, diu recht und die friheit bant vor alter vor uns. vorderen kastvogten iren herren, unt erkennen uns des mit disem briefe ze warheit, das weder der vorgen. burgeren, sesluten noch seilderen lip noch gut, ligende noch varnde sullen phant sin, noch pfandunge liden dur uns. dort wol mit recht bezeichnet als nebenform zu selder (häusler Lexer mhd. handwb. 2, 863).
 
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seildicke, f. dicke eines seils. Karmarsch-Heeren3 2, 655.