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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
seigel bis seigerbätzler (Bd. 16, Sp. 197 bis 200)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) seigel, m. schweiz., sprosse einer leiter Stalder 2, 368. Hunziker 238. Seiler 247b: stiesz ihn von der leiter vom seigel herunter. Hebel 2, 139 (1853); der henker stand einige augenblicke wie versteinert oben auf dem seigel. 265; seigel, der. die seigel an der leiter oder stögen. Maaler 369b; mhd. seigel mhd. wb. 2, 2, 269a. Lexer mhd. handwb. 2, 855; vgl. Germania 7, 295. vielleicht ist ags. ságol, m. knüppel zu vergleichen.
 
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seigeln, verb. tröpfeln, schwach regnen Neubauer Egerl. mundart 91a.
 
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seigen, verb. für seihen, s. dieses.
 
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seigen, verb.
1) starkes verbum (im goth. nicht belegt): altn. síga, herab sinken, gleiten, sich vorwärts bewegen, ags. sígan, altfries. sîga (Richthofen 1012b); alts. sîgan, ahd. sîgan Graff 6, 130; mhd. sîgen mhd. wb. 2, 2, 266a. Lexer mhd. handwb. 2, 916. Schm. 2, 241; mnd. sîgen Schiller-Lübben 4, 206a, nld. zijgen (vgl. unter seihen): saigen hin vo hungare, von slafe. cimbr. wb. 224b; nd. hê sêg under de last tosamen; schwach: hê sîgde uns under de handen weg. ten Doornkaat Koolman 3, 181b. das starke verbum sîgen stirbt im älteren nhd. aus:

die paurschaft hoch steiget
und ritterschaft nider seiget. fastn. sp. 439, 34.

älteres seigen, vertrocknen, verseigen, unser versiegen s. unter seihen.
2) schwaches verbum, mhd. seigen, sinken machen, richtung geben, zielen, schleudern, richtung nehmen. mhd. wb. 2, 2, 268a. Lexer mhd. handwb. 2, 855. Germ. 7, 294; vgl. ags. sægan, onsægan. im sinne von zielen noch bei Brant:

wenig treffen, doch das zyl
das schafft, man seygt nit reht dar noch. narrenschiff 75, 46.

collimo, ich richt den pfeil, oder geschosz auff den zweck, ich seige. Dasypodius; hinsetzen:

seiget benck von gold und silber
auffs pflaster von marmelen stein.
V. Voith Esther 1, 1.


3) mhd. seigen (schwach flectierend), wägen, durch wägen aussondern, aichen, abmessen, s. mhd. wb. und Lexer a. a. o. Schm. 2, 237. Scherz - Oberlin 1470. s. oben seige und unten seiger, subst., seigern, verb 1.
 
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seiger, m.
1) für seiher, einer der seiht oder ein dazu dienendes werkzeug, sieb, trichter, s. DWB seiher. in salzbergwerken als name eines aufsehers: bornmeister, äugler, gabenherr, seiger. Jacobsson 1, 264a.
2) mhd. seigære, eine wage. mhd. wb. 2, 2, 269a. Lexer mhd. handwb. 2, 855. Schm. 2, 237. dem alten worte wage (ahd. wâga Graff 1, 664, ags. wæg, wæge, altn. vág) tritt hier eine jüngere bildung gegenüber, die vor allem die zur prüfung der münzen dienende wage, schnellwage, das instrument, mit dem man seigert bezeichnet, s. besonders Schm. a. a. o., vgl. auch Frisch 2, 259c. das wort ist vermutlich romanischen ursprunges, s. die ausführung unter seige.
3) seiger, uhr, s. mhd. wb. und Lexer a. a. o.; horologium, czeiger, seyger, zeijgher, seyggher, seger, seyer Diefenbach 280b; clepsydra, wasser- vel sandseyger 127a, vgl. nov. gloss. 205b. die ansicht, dasz das wort zunächst die sanduhr bezeichnet habe, der name also vom herabsinken des sandes (sîgen) herstamme, wird durch die alten zeugnisse, die vor allen die thurmuhren betreffen, nicht gestützt; viel näher liegt die annahme, dasz die ältesten groszen thurmuhren nach der charakteristischen, einer wage (seigære) ähnlichen unruhe seiger genannt wurden, einem horizontal schwingenden, an beiden enden mit gewichten beschwerten wagebalken (diese alten thurmuhren heiszen deshalb auch waguhren). die verschiebung der an diesem wagebalken befestigten gewichte diente zur regulierung des ganges der uhr. das wort wird in der schriftsprache allmählich von uhr verdrängt, nur als gewählterer ausdruck fristet es sich weiter, zum theil wird es miszverständlich mit zeiger (vgl. Andresen volksetym.4 208 und unten zeiger) in beziehung gesetzt (schon früh, vgl. das oben aus Diefenbach angeführte czeiger; eine nd. umdeutung ist segger, ansager Schiller-Lübben 4, 174a). die besondere beziehung auf die sanduhr, wie sie in einer reihe der unten angeführten stellen hervortritt, beruht also auf einer miszverständlichen, aber naheliegenden ausdeutung des wortes (vgl. besonders die stellen aus Ringwaldt, Scherffer, Günther). der ordentliche stadt - seiger mit seiner weiser - tafel. Frisch 2, 259c; stunden-, viertel-, sonnen-, sandseiger. ebenda; vergl. unten seigerschlag, seigerstunde. lebendig erhalten bleibt seiger bis

[Bd. 16, Sp. 198]


in die neuzeit hauptsächlich in dialekten des md. gebietes, im thüringischen und ostmd.: seier, säer Jecht 103a; seier Schultze 44b; saijer Liesenberg 189; seeger, seeher Albrecht 211a; sæchrschlenkr, perpendikel; sæchrheisl, uhrgehäuse Göpfert Erzgeb. 53. 54; seiger, sēger, grosze uhr; hosenseiger, taschenuhr; frei für 'stunde' in klöszelseiger, mittagstunde, wo man die klösze in den topf thut. Weinhold 90a; seeger, schlaguhr Bernd 284; sēger, sēga, söger; taschensēger; nu geit de sēger recht, wenn etwas verkehrt gemacht wird; de sēger ös e lüedbedreger. Frischbier 2, 336b. nd. seier, zeiger an der uhr; sunnenseier brem. wörterb. 4, 743; seigers twölf (als veraltet) Dähnert 421b; aus Ungarn: seiger, uhr; malseiger, sanduhr Schröer 206a, sāger 287a, sēger ebenda. mnd. belege s. bei Schiller-Lübben 4, 174a; in dem sulven jare (1425) leit de rad to Magdeborch der stad to eren und den borgeren to nutte und bequemicheit buwen einen seiger an das radhus, dat ein jowelk mochte seen, wo ed an der tid was, so dat de wiser alle stunde und halbe stunde wisede unk ok den nien man, und wenn he wassende und afnemende was. d. städtechron. 7, 378, 7; vromorghen umme des zeyghers achte. 16, 552, 5; als neutr, bei Stolle: do slugk das seyer XI. thür. chron. 159 Hesse, vgl. 192. 195. 203; heut dato der reichstag angefangen ungeverlich umb des seigers neun hore vor mittage. Planitz briefw. 248 (18. nov. 1522); da der ungleubige Achas den ehren altar zu einem seiger machen lies. Luther 2, 18a; wenn das gewicht vom seyger abgenommen ist, so stehen und halten alle reder, sampt der hand, zeiger, unruhe und hammer stille. Mathesius Sar. 38b; höret noch eine (fabel), ob wol der seyger auszgeloffen ist. Luther 104a (1580); es ist aber disz geschehen, wol auffn tag, ungefehrlich umb eilffe, nach unser uhr ... nun ist sechse, nach der juden seiger, bey uns zwelffe. hist. von Jesu Christo (1569) 24a; den 6. junii um 16 uhr des ganzen seigers (das heiszt der bis 24 zählenden uhr). Schweinichen denkw. 258 Österley; man weisz aber darum doch wohl wieviel der seiger geschlagen hat. Reiske bei Lessing 13, 446; (für zeiger:) es rückt die uhr! noch einen kleinen weg des seigers, und ein groszes werk ist gethan oder versäumt. Göthe 8, 255;

du wirst nicht mehr den seiger stellen,
das man uns wecke, wie man pflag.
B. Waldis Esop 1, 76, 18 Kurz;

umbs zeygers zwey hin nach mittag. 3, 99, 13;

umb zeigers neun kam er vom bett. 4, 15, 23;

umb zeigers acht am morgen fru. 24, 27;

ey sichstu auch, wie dieser sand,
sich in dem seyger hab gewandt.
B. Ringwaldt treuer Eckart L 1a;

der lebens-seiger war geloffen dieszmal aus.
W. Scherffer ged. 336 (vgl.
Drechsler W. Scherffer 241);

hört ihr herren allzumahl,
der seiger hat geschlagen,
zwey uhr ist es an der zahl.
Reuter Harlequins kindbetterin-schmaus 1, 1;

man sieht den tag vergehn, man hör't den seiger schlagen,
man wundert sich, wie schnell sich zeit und stunden jagen.
Brockes 1, 309 (1739);

im zwölfften seiger-schlag. zur mitternacht. 326;

es kann wohl nicht mehr lange werden,
mein seiger ist gewisz bald leer.
Günther 110;

so weisz ich, was der seiger schlägt. 167;

hier fiel die klugheit in die rede, und wandte gleich den seiger um. 433;

so bald das letzte korn durch meinen seiger fällt. 692;

doch genug, die stunde kommt, und der seiger läufft zum ende. 841;

die arbeit ist gethan,
der feyer-abend da, der meiste sand verflossen,
der seiger ziemlich leer. 1018;

der seiger schlägt. mein Duban, wohl bewacht,
wird mit dem schlag herbey gebracht.
Wieland 10, 352 (schach Lolo);

dort das dorf im gebüsch, so stolz und friedlich gelagert
am herschlängelnden bach, und der thurm mit blinkendem seiger.
Voss 1, 21 (Luise 1, 130);

sobald der seiger zwölfe schlägt,
rauscht sie, an grabsteinwänden,
aus einer gruft empor.
Hölty 34 Halm;

ihr wiszt ja, wie der zeiger
an unsers lebens seiger
so hurtig weiter rükt.
Göckingk 1, 291 (1780);

Venus finger bricht des geistes stärke,
spielet gotlos, rükt und rükt
an des herzens feinem räderwerke
bis der seiger des gewissens lügt.
Schiller 1, 191;

[Bd. 16, Sp. 199]



nur mein politischer seiger geht immer, seit Frankreich ihn stellte,
heute zwölf stunden zu früh, morgen zwölf stunden zu spät.
Matthisson ged. 1, 298.


4) seiger, senkung, rinne (vgl. seige, f.): der saiger, alveus fluvii. voc. von 1618 bei Schm. 2, 236.
5) bergmännisches: seiger, bleiloth der bergleute: das es ein richt oder bleyscheid, oder wie jrs bergleut nennet, ein seiger gewest sey. Mathesius Sar. 97b (1571). 'an den wasserwagen das an einem faden befestigte stück blei, welches die senkrechte linie und richtung zeiget'. Campe, bleiwage, bleiloth Veith bergwb. 442; im seiger, senkrecht. fall der stollensohle zum tage: möglichst starker saiger der stollen gegen das mundloch. quelle bei Veith a. a. o., s. seiger 4 und seige, f. seiger, der mit der bleiwage messende Stieler 1661 (für seigerer). seiger, m. hüttenwerk, wo kupfer geseigert wird (oder ist seigern infin.?): die manszfeldischen und andere kupffer, haben silber das man inn seygern davon bringet. Mathesius Sar. 29a (1571).
 
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seiger, adj.
1) von flüssigkeiten, abgestanden, unklar, matt, schal, mhd. seiger mhd. wb. 2, 2, 269a. Lexer mhd. handwb. 2, 856. Schmeller 2, 236; mnd. seiger, seger mnd. wb. 4, 169b. trinkwasser:

mit kalten küelen brunnen
sach man die getriuwen
erfrischen und erniuwen
ir waʒʒer seiger unde mat.
Konr. v. Würzburg troj. krieg 8923;

zäh:

sô dent es sich in seiger beches wîs her nâch.
Reinmar v. Zweter 282, 3 Roethe.

vom harn, unklar, trübe: si urina est proprie seygher et ibi sunt strymelen, hic homo est infirmus per totum corpus. quelle bei Schiller-Lübben a. a. o. faulig, stockig: tinea haiʒt ain schab .. wechset von faulem luft und von saiger fäuchten in der gewantwollen. Megenberg 309, 16.
besonders vom umgeschlagenen, schlecht gewordenen weine, vgl. mhd. wb., Lexer, Schiller - Lübben a. a. o. pendulus, vinum pendulum, seyger, seger, seuger o. weicher wein, seyer, saiger Diefenbach gloss. 422b, vgl. 620c, nov. gloss. 285b. 382b. Scherz-Oberlin 1471. Frisch 2, 260a; seiger, seigeren weyn, der lind ist worden und zäch, vinum pendulum Maaler 369b; sāger, von abstehenden flüssigkeiten, z. b. vom wein, dicker werdend und faden ziehend. Tobler 375a:

guot wîn mac ie sô lange ligen daʒ man in seiger siht.
Walther von der Vogelweide 106, 23;

noch herbeste der win daʒ mereteil krang und seyger wart und fulezete, das men lieber virnen win drang denne den nuwen. d. städtechron. 9, 774, 18; (der wein) wart süsse und seyger unde ungesunt z trinkende. 819, 27; der wein den du verkauffest ist seiger, gebrochner wein, essichet. Keisersberg narrensch. 69b (1520); seigern wein, den gibt man z meszwein. Pauli schimpf u. ernst 203 Österley; (die bischöfe) besorgen, dem armen dorfpfaffen werd der wein (des er doch wenig im keller hat) seiger. Schade sat. u. pasqu. 3, 181, 23; die wein verkeren sich gern, oder schlagen umb, werden weych und seyger, wann die pleiades undergehend. Herr feldbau (1656) 70a; ich hab in meinem keller keyn seygern brochen wein. Fischart Garg. 89b; also verderbet sich mancher ... im trincken mit seigerem wein, zu starckem wein, saurem bier. Würtz pract. d. wundarzn. (1612) 294; wein, der seyger worden ist. Tabernaemontanus kräuterb. (1664) 753 A; wann ein wein zähe oder seyger worden sey. 1197 E; brandwein in einen seygern wein gegossen, macht ihn wieder gerecht. Hohberg adl. landleben 2, 97a; saigern und trüben wein zurecht zu bringen. 3, 1, 291a;

er (der wein) ist saiger und unrain. fastnachtsp. 449, 14;

ein alter seiger wein on kam,
ein süsze sommermilch on ram.
B. Waldis Esop 4, 93, 163 Kurz;

rostig. schimlig, seyger, kamig,
unfletig, schwartz, rssig und ramig. 100, 167.

vergl. unten seigwein. rosenessig: rosenessig der nicht zech oder seiger sey. Thurneisser beschr. influent. wirk. aller erdgewächse (1578) 61. verwandt mit seiger scheint das altn. adj. seigr (r ist endung) zu sein, das zäh bedeutet (z. b. von lehm), dann 'sich dehnend, aber nicht reiszend'.
2) die iungen genszlin die nit fliehen künnen, die noch seiger (?) sint, die döttet er (der hund). Keisersberg bilgerschaft 140c (1512).
3) saïgar, adj. fluente, scorrevole, flüssig. cimbr. wb. 224b.
4) seiger in bergmännischer sprache, senkrecht, dem loth gemäsz (s. oben seiger, m. 5, unten seigern): seigere first, seigeres

[Bd. 16, Sp. 200]


loch; seiger fallender gang; seigerer schacht, senkrecht in die erde gehender; seigeres über sich brechen, wenn von einem punkt in der erde senkrecht nach oben durchgebrochen wird. Jacobsson 4, 132. ebenso seigerrecht; felt der gang seiger, und gewint drauff ein danleg. Mathesius Sarepta (1571) 37a; durch diese ganze masse nun schneiden stehende, seigere gänge durch. Göthe 51, 109; weil aber diese ablösung ganz seiger ist. 118.
 
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seigerabtreiber, m. 'der arbeiter, welcher das von absaigerung der kupfer erhaltene werk auf dem treibherde abtreibet' (das silber ausscheidet). Jacobsson 3, 485a.
 
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seigeranrichter, seigerhüttenanrichter, m. 'der bestellte diener, welcher die beschickung zur saigerarbeit macht'. Jacobsson 3, 485a.
 
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seigerarbeit, f. das ausscheiden des im kupfererz vorhandenen silbers durch zusetzung von blei. Jacobsson 3, 485a.
 
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seigerbank, f. so heiszen die beiden gegeneinander geneigten mauerbänke des seigerheerdes. Karmarsch-Heeren techn. wb.3 8, 241 (abbildung 4256).
 
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seigerbätzler, -bösler, m. ein arbeiter, dem aushilfsarbeiten beim seigern übertragen sind. Jacobsson 3, 485a (vergl. DWB bosseln theil 2, sp. 265).