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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
seiche bis seichhafen (Bd. 16, Sp. 168 bis 169)
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[Bd. 16, Sp. 168]


Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) seiche, f. für seige (s. d.), senkung, neigung und dadurch bewirkter abflusz des wassers, senkröhre: ein gute kupferen seichen. Tucher baumeisterb. 164, 23; item dasselb verloren und uberich wasser in demselben trog gett auch durch ein seichen herab unter der erden. 176, 18; das verloren und überich wasser in dem trog hinter den fleichpencken geet durch ein seichen in ein rören, die aussen am trog steet, gegen der Begnitz und under der erden durch das pflaster gegen der hausthur am pat. 177, 18. bergmännisch: die seiche ist in den bergwerken, das kleine wässerlein, so am mundloch des stollens aus dem bergwerk heraus laufft. Frisch 2, 258b; von Adelung sowol als bergmännisches, wie als wort 'einiger gemeinen mundarten' in der bedeutung kleiner bach, kleines rinnendes wasser aufgeführt; tirolisch seichen, seige, sög, vertiefung im terrän, wo das wasser zusammenflieszt, sumpf in wiesen und äckern zum versiegen des wassers Schöpf 667.
 
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seichen, verb. mingere; ein hochdeutsch geprägter, fein verhüllender ausdruck für das natürliche geschäft, der, lange zeit unbefangen gebraucht, nach und nach unflätig und gemieden wird, wiewol die heutigen ober- und mitteldeutschen mundarten, in denen das wort ziemlich allgemein lebendig geblieben ist, noch immer reichliche spuren der alten verwendung zeigen. seichen ist causalbildung zu dem starken verbum sîhan leise, tröpfelnd flieszen (vgl. dazu unten seigen und seihen), in der ursprünglichen bedeutung flieszen machen, tröpfeln lassen, von früh ab in dem angegebenen sinn eingeengt: ahd. mingo ihc seiche. Steinmeyer gloss. 3, 247, 59; mingo seicho, seiche, seigo 4, 79, 6; mhd. seichen; mejere seichen, saichin, saichen Dief. 354a; mingere seichen, saichen, seigen 362a; urinare seichen, pysz machen 630b; in das mnd. übernommen, wie umgekehrt das nd. pissen (theil 7, 1869) in das frühnhd. eindringt:

sus seichede he eme in de ogen. Reinke de Vos 6311;

mnl. mit übergang in den einheimischen lautstand seycken i. pissen, meiere, reddere urinam, exonerare vesicam Kilian;

so seict vol uwen ruwen staert
und slaetse den wolf in sinen baert. Reinaert 6815;

mer Reinaert, de hem sach so bi,
sloech sinen ruwen staert, dien hi
vol had gheseict, in sijn aenschijn. 6969;

mundartlich alemannisch seiche, seije Hunziker 238; in Basel saiche, auch als unzufriedener ausdruck für regnen Seiler 247b; schwäbisch seichen, ironisch in Reutlingen auch für weinen Schmid 489; im bairischen sprachgebiete saichen, soachen, auch in der bedeutung stark regnen, schütten Schm. 22, 212. Schöpf 576. Frommann 3, 526, 34, im wechsel mit brunzen: soicha und bronza Baierns mundarten 1, 52; in Kärnthen sâchen, soachen als verächtlicher ausdruck gegenüber prunzen Lexer 230; im nassauischen saichen, saigen Kehrein 336; in mitteldeutschen mundarten, Hessen, Düringen, Meiszen, Schlesien sêchen, auch in Nordböhmen Frommann 2, 238, hennebergisch säche 5, 455, u. s. w.; bruntzen haiszt man in dem landt (Düringen) saichen und kacken scheyssen. Lindener schwankb. 185 Lichtenstein; die zahlreichen belege der älteren nhd. schriftsprache zeigen das wort in durchaus unverfänglicher, nicht roher verwendung, von menschen und thieren: seichen, meiere, facere urinam Maaler 369b; was ist das lang predigen, warzu ist es gut, die weiber seichen in die stül, die man schlafen. Keisersberg evangelia (1517) 78b; dasz wir scheiszen, seichen, stinken unten und oben. Luther tischr. 190a; wenn die mennlin (der löwen) seichen, heben sie ein bein auf wie die hund. Plinius von Dhaun 103; wo der fuchs hin seicht, da wirt das ort unfruchtbar, wachszt kein kraut mer. Forer thierb. 56a; dasz einer solchen starken brantenwein getrunken, dasz jm nachts vom athem das bett angangen, und wann er nicht von ungefehr im schlaf drein geseycht, drinn verbrunnen wer. Garg. (1590) 199; wo sie darein (in das Schweizer gebirge) seichen, da etzt es .. straszen durch die berg. 436; so waren auch theils (die soldaten) an etlichen orten unwerth worden wie gänsz-mist, so dasz die hund schier an sie saichen mögen. Simpl. 4, 166 Kurz; ins bette seichen, lectum commingere Stieler 1998;

aber etleich herren sind so frat,
wann man in lang gedienet hat,
das ist gen in als wol erchant,
als der do saicht an aine want.
Vintler blum. d. tugent 6629;

sprichwörtlich: sie seichen alle in einen winkel, conspirant, sie halten zusammen. Keisersberg bei Frisch 2, 258b; als aberglaube: item durch ein reiter (sieb) saicht ainew, so tanczt man mit ir gern fur die andern. Grimm mythol.4 3, 418; mit acc.: er

[Bd. 16, Sp. 169]


seichet blut, perulenta illi urina procedit. Stieler 1998, der für das wort als honestius zu sagen empfiehlt wasserlassen, auf die seite gehen; Frisch 2, 258b bezeugt, dasz seichen nicht in gegenwart ehrbarer leute gesagt werde, Adelung bezeugt, dasz es nur in den niedrigen sprecharten üblich und aus dem gesitteten umgange verbannt sei. seit dem 18. jahrh. ist es denn auch kein wort der schriftsprache mehr. vgl. an-, DWB beseichen.
 
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seicheln, verb. nach seiche riechen, wort mundartlichen oberdeutschen klanges, alemannisch seicheln, seickeln Stalder 2, 368, seikele Hunziker 238, saichele Seiler 247b; elsässisch, schwäbisch seicheln Schmid 489; bair. saicheln Schm. 22, 212; bei Stieler als allgemeines wort in anderm sinn verzeichnet: seichelen et seicheren, micturire, libidine urinam faciendi lacessi, profluvio lotii laborare 1998.
 
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seichen, verb. durch eine seiche (s. d.) flieszen, abflieszen, reflexiv: es ist auch ein gute kupferen seichen im abloszkasten (des röhrbrunnens), dardurch das wasser in den samenkasten sich seicht. Tucher baumeisterb. 164, 24. vgl. seigen; für seihen (s. d.): colare seichen, reyttern o. durich drukchen Dief. nov. gloss. 99b.
 
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seicher, m. der da seicht, mas urinam reddens, aquam petens, sumens Stieler a. a. o., dazu bett-, blut-, hosenseicher, s. d.; in Kärnthen heiszt sâcher neben minctor auch penis Lexer 230; in Tirol der soacher in letzterer bedeutung, aber auch schelte auf einen verzagten, unentschlossenen menschen Schöpf 576. dazu fem. seicherin Stieler; als name des leontodon taraxacum Schmid 489 (vgl. seichblume).
 
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seicherlich, adj. adv. lotium olens, micturiens, urinam citans, movens, pellens: es ist mir ganz seicherlich, libido urinae me lacessit. Stieler 1998; es reucht katzenseicherlich hier, foetet hic instar lotii felium. ebenda.
 
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seichern, verb. micturire. Stieler 1998 (vgl. seicheln); mincture (für mincturire) seychern Dief. 362a; in unpersönlicher fügung: mir seichert, in ober- und mitteldeutschen mundarten; nordböhmisch sêchern Frommann 2, 238.
 
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seichfasz, n. urinale Dief. 630b; madula seichfasz, seichvas 242b; als schimpfwort:

sweig, du altz saichvasz! fastn. sp. 993, 15.


 
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seichfliege, f. musca stercoraria, fliegenart, die sich gern auf den auswürfen von menschen und thieren aufhält. Adelung.
 
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seichglas, n. glas, in dem der arzt den harn beschaut: urinale seichglas, seichglasz Dief. 630b; (ärzte die) das merlin sagen zu morgens nüchtern im seichglasz. Paracelsus chir. schrift. 159 C.
 
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seichhafen, m. nachttopf; madula, matula seychhaffen, seychhaff, seyghaff, seichhaffe Dief. 342b; schweiz. seichhafe Hunziker 238.