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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
seichameise bis seichen (Bd. 16, Sp. 167 bis 169)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) seichameise, f. formica rufa, name einer roten ameisenart, die im stechen einen ätzenden saft ausspritzt Adelung. volksmäszig in Düringen sêchemse, im Erzgebirge sêgumsze, in Nordböhmen sêchomsze Frommann 2, 238; im luxenburgischen sêchomes, anderwärts seichmotze, seichamse, vgl. unter ameise oben th. 1, 277; hessisch seichammel, seichhammel, oberhessisch sêchummelsche Vilmar 381; bergisch sêkammelte Frommann 6, 228. vgl. auch seichmiere.
 
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seichbad, n. bad das aus seich, harn besteht: nachdem nun gedachtes seichbad vergangen (Gargantua hatte die Pariser von dem thurm der notre dame beseicht). Garg. 149b;

sprach sie: o du schwarz teuflisch herd (ihr flöhe),
du bist nicht raines wassers werd,
ich musz dich in ain seichbad schicken,
darin du must vor hitz ersticken:
beutelt demnach, was an thet henken,
in dseichkachel, sie zu ertrenken.
Fischart flöhhaz 1577.


 
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seichbecken, n. harnbecken, nachttopf: das seichbecke, seichkachel, matula Maaler 369b.
 
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seichblase, f. harnblase: saychblosz H. v. Gersdorf bei Hyrtl kunstworte der anatomie (1884) s. 133.
 
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seichblume, f. name des löwenzahns, leontodon taraxacum. Nemnich 3, 365; in Baiern das saichblüemlein. Schm. 22, 212, wegen der harnbefördernden eigenschaft der pflanze.
 
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seichbrunnen, m. harn; ein harnbeschauender arzt sagt:

pfei, ir rotzigen pauren,
sol ich euch eur krankheit beschauren,
und hab mich des saichprunnens ser gefliszen,
so habt ir mir in das glas geschiszen. fastn. sp. 63, 24.


 
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seiche, f. ableitung vom verbum seichen (s. d.), in den bedeutungen des masc. saich; verbreiteter als dieses, indem das fem. von den nördlichen gebieten des oberdeutschen durch das mitteldeutsche hindurch bis ans niederdeutsche in den mundarten lebt, auch ins nd. übernommen wird; mhd. seiche, mnd. seiche (Schiller-Lübben 4, 173a), mnl. seycke, lotium, urina Kilian; im nassauischen die saich neben der saich (auch in der bedeutung des schlechten getränkes) Kehrein 336; hessisch saiche Vilmar 381, düringisch sêche, in Leipzig seechte Albrecht 211a; in heutigen niederdeutschen mundarten wenig gekannt, weil hier das heimische pisse sich behauptet, seiche als verächtlicher ausdruck in der Altmark Danneil 156a; das harnlassen, als krankheit die kalte seiche: stranguria dye kalde seych, dy kalde seiche, die kalt seich Dief. 555a (hoch- und niederdeutsch); die blutseiche Campe; geseichtes, harn: minctura seyche 361c; urina seiche 630a; lotium mannes seyche l. gemene pissen 336c; die seiche, urina Frisch 2, 258b; vergl. im älteren niederd.:

wen ik dat ledder scholde weychen,
so nam ik solt unde seychen,
gest unde bermen dede ik dar to,
dar mede smerde ik myne scho. Redentiner osterspiel 1401 Schröder;

niederl.:

doe wande blint werden Isegrijn:
want die seike (Reinarts) ghinc hem in de oghen. Reinaert 6981.

[Bd. 16, Sp. 168]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) seiche, f. für seige (s. d.), senkung, neigung und dadurch bewirkter abflusz des wassers, senkröhre: ein gute kupferen seichen. Tucher baumeisterb. 164, 23; item dasselb verloren und uberich wasser in demselben trog gett auch durch ein seichen herab unter der erden. 176, 18; das verloren und überich wasser in dem trog hinter den fleichpencken geet durch ein seichen in ein rören, die aussen am trog steet, gegen der Begnitz und under der erden durch das pflaster gegen der hausthur am pat. 177, 18. bergmännisch: die seiche ist in den bergwerken, das kleine wässerlein, so am mundloch des stollens aus dem bergwerk heraus laufft. Frisch 2, 258b; von Adelung sowol als bergmännisches, wie als wort 'einiger gemeinen mundarten' in der bedeutung kleiner bach, kleines rinnendes wasser aufgeführt; tirolisch seichen, seige, sög, vertiefung im terrän, wo das wasser zusammenflieszt, sumpf in wiesen und äckern zum versiegen des wassers Schöpf 667.
 
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seichen, verb. mingere; ein hochdeutsch geprägter, fein verhüllender ausdruck für das natürliche geschäft, der, lange zeit unbefangen gebraucht, nach und nach unflätig und gemieden wird, wiewol die heutigen ober- und mitteldeutschen mundarten, in denen das wort ziemlich allgemein lebendig geblieben ist, noch immer reichliche spuren der alten verwendung zeigen. seichen ist causalbildung zu dem starken verbum sîhan leise, tröpfelnd flieszen (vgl. dazu unten seigen und seihen), in der ursprünglichen bedeutung flieszen machen, tröpfeln lassen, von früh ab in dem angegebenen sinn eingeengt: ahd. mingo ihc seiche. Steinmeyer gloss. 3, 247, 59; mingo seicho, seiche, seigo 4, 79, 6; mhd. seichen; mejere seichen, saichin, saichen Dief. 354a; mingere seichen, saichen, seigen 362a; urinare seichen, pysz machen 630b; in das mnd. übernommen, wie umgekehrt das nd. pissen (theil 7, 1869) in das frühnhd. eindringt:

sus seichede he eme in de ogen. Reinke de Vos 6311;

mnl. mit übergang in den einheimischen lautstand seycken i. pissen, meiere, reddere urinam, exonerare vesicam Kilian;

so seict vol uwen ruwen staert
und slaetse den wolf in sinen baert. Reinaert 6815;

mer Reinaert, de hem sach so bi,
sloech sinen ruwen staert, dien hi
vol had gheseict, in sijn aenschijn. 6969;

mundartlich alemannisch seiche, seije Hunziker 238; in Basel saiche, auch als unzufriedener ausdruck für regnen Seiler 247b; schwäbisch seichen, ironisch in Reutlingen auch für weinen Schmid 489; im bairischen sprachgebiete saichen, soachen, auch in der bedeutung stark regnen, schütten Schm. 22, 212. Schöpf 576. Frommann 3, 526, 34, im wechsel mit brunzen: soicha und bronza Baierns mundarten 1, 52; in Kärnthen sâchen, soachen als verächtlicher ausdruck gegenüber prunzen Lexer 230; im nassauischen saichen, saigen Kehrein 336; in mitteldeutschen mundarten, Hessen, Düringen, Meiszen, Schlesien sêchen, auch in Nordböhmen Frommann 2, 238, hennebergisch säche 5, 455, u. s. w.; bruntzen haiszt man in dem landt (Düringen) saichen und kacken scheyssen. Lindener schwankb. 185 Lichtenstein; die zahlreichen belege der älteren nhd. schriftsprache zeigen das wort in durchaus unverfänglicher, nicht roher verwendung, von menschen und thieren: seichen, meiere, facere urinam Maaler 369b; was ist das lang predigen, warzu ist es gut, die weiber seichen in die stül, die man schlafen. Keisersberg evangelia (1517) 78b; dasz wir scheiszen, seichen, stinken unten und oben. Luther tischr. 190a; wenn die mennlin (der löwen) seichen, heben sie ein bein auf wie die hund. Plinius von Dhaun 103; wo der fuchs hin seicht, da wirt das ort unfruchtbar, wachszt kein kraut mer. Forer thierb. 56a; dasz einer solchen starken brantenwein getrunken, dasz jm nachts vom athem das bett angangen, und wann er nicht von ungefehr im schlaf drein geseycht, drinn verbrunnen wer. Garg. (1590) 199; wo sie darein (in das Schweizer gebirge) seichen, da etzt es .. straszen durch die berg. 436; so waren auch theils (die soldaten) an etlichen orten unwerth worden wie gänsz-mist, so dasz die hund schier an sie saichen mögen. Simpl. 4, 166 Kurz; ins bette seichen, lectum commingere Stieler 1998;

aber etleich herren sind so frat,
wann man in lang gedienet hat,
das ist gen in als wol erchant,
als der do saicht an aine want.
Vintler blum. d. tugent 6629;

sprichwörtlich: sie seichen alle in einen winkel, conspirant, sie halten zusammen. Keisersberg bei Frisch 2, 258b; als aberglaube: item durch ein reiter (sieb) saicht ainew, so tanczt man mit ir gern fur die andern. Grimm mythol.4 3, 418; mit acc.: er

[Bd. 16, Sp. 169]


seichet blut, perulenta illi urina procedit. Stieler 1998, der für das wort als honestius zu sagen empfiehlt wasserlassen, auf die seite gehen; Frisch 2, 258b bezeugt, dasz seichen nicht in gegenwart ehrbarer leute gesagt werde, Adelung bezeugt, dasz es nur in den niedrigen sprecharten üblich und aus dem gesitteten umgange verbannt sei. seit dem 18. jahrh. ist es denn auch kein wort der schriftsprache mehr. vgl. an-, DWB beseichen.
 
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seicheln, verb. nach seiche riechen, wort mundartlichen oberdeutschen klanges, alemannisch seicheln, seickeln Stalder 2, 368, seikele Hunziker 238, saichele Seiler 247b; elsässisch, schwäbisch seicheln Schmid 489; bair. saicheln Schm. 22, 212; bei Stieler als allgemeines wort in anderm sinn verzeichnet: seichelen et seicheren, micturire, libidine urinam faciendi lacessi, profluvio lotii laborare 1998.
 
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seichen, verb. durch eine seiche (s. d.) flieszen, abflieszen, reflexiv: es ist auch ein gute kupferen seichen im abloszkasten (des röhrbrunnens), dardurch das wasser in den samenkasten sich seicht. Tucher baumeisterb. 164, 24. vgl. seigen; für seihen (s. d.): colare seichen, reyttern o. durich drukchen Dief. nov. gloss. 99b.