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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
sehr bis sehrohr (Bd. 16, Sp. 163 bis 165)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) sehr, adj. wund, mhd. mnd. ahd. sêr, ags. sár, altnord. sárr (vgl. das vorhergehende wort); sehr begegnet noch im älteren nhd., ist aber dann der schriftsprache verloren gegangen. in den mundarten, hoch- und niederdeutschen, lebt das wort fort, meist im sinne von wundgerieben, noch nicht verharscht und deshalb empfindlich u. ä.: seer oder geschwärig machen, exulcerare; seergemacht, exulceratus Maaler 369b; das antlitz ist sehr, und rot mit zerblgten und flyetzenden augen. Gersdorf feldb. der wundarznei (Straszb. 1528) 80; dasz jhm die zhn seer seynd. Seuter roszarzn. (1539) 118; wann die wunden, ob sie schon noch frisch ist, nicht seer ist oder gar empfindlich, also dasz der patient wol leiden kann, dasz man jhme dieselbige betaste. Würtz practica der wundartzn. (1612) 309; durch die rauchen bletter wird leichtlich die haut verletzt und seer gemacht. anm. weish. lustg. 755; seere haut, empfindliche, bei berührung schmerzende haut; seere zähne, empfindung am zahnfleische, wenn man z. b. unreifes, saures obst iszt. Stalder 2, 367; vgl. Tobler 423a. Bühler Davos 1, 129. 2, 28b. Frommanns zeitschr. 4, 14b. verwundet, krank, unwohl (es ist-mr sêr und blôd) Hunziker 340; wund, aufgerieben, von schweisz, hitze und dergl. Seiler 267b; seir, seer, wund, empfindlich. Schmid 490; vgl. Lexer 232. Castelli 254. Hintner 207. Bayerns mundarten 1, 57; die haut ist sehr, die wunde ist noch sehr. Klein prov. wb. 2, 152 (Elsasz); ene sere stede, schmerzhafte oder wunde stelle am leibe; sere ogen, böse, rothe augen; daher sprichwörtlich: solt un sere ogen, was sich gar nicht verträgt; een seer been, ein schadhaftes bein; sprichw.: dat hebb' ik an mien seer been, der schade ist mein, diesen verlust musz ich tragen; een seren kopp, ein grindiger kopf; een seren mund, ausschlag an den lippen; dat deit mi seer, das thut mir weh, schmerzt mich. brem. wb. 4, 754, vgl. Danneil 191b; mi is sihr, ich fühle mich schwach, krank. Mi 79a. Woeste 235b; he deit sükk säär, er thut sich weh, bildlich: er greift seine kasse zu sehr an. Stürenburg 209a; de schô drükt mîn fôt sêr; wen man sük snidt, den deid dat sêr. ten Doornkaat Koolman 3, 175a; de wat lêves hett, de geit dernâ; de wat sêres hett, de föhlt dernâ. Frommanns zeitschr. 4, 142, 335.

[Bd. 16, Sp. 164]


in besonderer verbindung: en sêre wind, lästiger, heftiger Schambach 190b.
 
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sehr, m. n., sehre,f., alts. althochd. sêr, n. körperliche oder geistige verletzung, schmerz, leid; mhd. sêr, m. n., sêre, f., mnd. sēre, sēr, n., sēre, f. schon im älteren nhd. sind die substantiva selten: wunden im maul. welches pferd die sehre im munde hat, dem gib nichts denn kleyen von korn zu essen. Pinter pferdschatz (1688) 389; verletzung:

der ausspruch, endungsart, und der mundarten köhr,
die stehen stammfest noch, und ohn des wesens sehr.
Schottel 1006;

alterthümelnd:

sie fürchtet' eine sehre,
die ihr würde gethan!
Rückert (1882) 5, 156

(wol auf miszverständnis beruhende übersetzung von si vorhte ir sêre, mîn vrouwe wolgetân. minnes. 2, 278a Hagen);

nichts ihr bringe fahr und sehr. 7, 84.

in den mundarten sind dagegen substantivbildungen erhalten, z. th. mit specialisierter bedeutung im sinne von geschwür, grind, besonders diminutivbildungen im sinne von pustel, kleines geschwür u. ä. abzuscheiden hier ein anderes wort, mhd. siure, f. milbe, krätzmilbe und die durch sie hervorgerufene pustel oder ähnlicher ausschlag, s. mhd. wb. 2, 2, 362a. Lexer mhd. handwb. 2, 949, vgl. Graff 6, 273; cantharis, siure Dief. 96a; cyrillus, wasser sure, handsury, -süry, -seyrin 122c; siro, sirones, sre, seuren, seiren, siur, seyrin, sury, eyn ser, zuer, zure, sir, sur 538b; teredo, seurle vel beiszende bletterle, siere, sierken 579a; verteca, suer, siere, ziere 614b. dieses wort mhd. siure und sêr, sêre sind z. th. durcheinander geworfen (s. unten die notiz aus Kramer) oder berühren sich nahe in der bedeutung; sähr, seer, sehr, ulcus Schottel 1414; sehr, sähr, ser, m. ulcere, ulcera rodente e cocente ma piccola Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 756c; sehrlein, sährlein, pustula ardente, certo vermicello, che nasce frà carne e pelle con più pizzico che dolore ebenda; siârstêd, wunde, seere stelle (Helgoland); iârig siâr, kopfgrind Frommanns zeitschr. 3, 29; nd. sêr im allgemeinen, alten sinne von schmerz: enem veel hartseer (herzeleid) andoon. brem. wb. 4, 755; specialisiert, jede verletzung an der haut, besonders eiternder ausschlag, grind, schurf; quaad seer, der böse grind 754; aber sür, süre, filzlaus, hitzblatter; nig een sür, nicht das geringste 1103; koppseer, kopfweh, tänseer, zahnweh; bös seer, grind Schütze 4, 90. 91; sêr eiternder ausschlag der haut; sêrkn, der mundausschlag saugender kinder, bestehend in weiszen bläschen auf der zunge Danneil 191b; srkn, kleines geschwür 217a; sêr, n. verletzung am körper, eine kleine wunde, offene stelle; ein geschwür, der ausschlag Schambach 190b; söæreken, n. mundausschlag 202a; sêr, n. übel, krankheit Woeste 235b; säär, säre, verletzung der haut, wunde, kleines geschwür Stürenburg 209a; geen sier, sierke, nicht das mindeste (mhd. siure) 246b; ser, sêr (de und dat) schmerz, leid, wunde, schmerzende stelle, namentlich geschwür ten Doornkaat Koolman 3, 175b; sîre, f., sîrechen, n. hautbläschen, pustel, hitzbläschen (siure) Liesenberg 215; sihrele, wasserhitzblätterchen Klein prov. wb. 2, 155 (Elsasz); sujerl (Österreich); suir (Ulm) 181; seure, seiren, seirle, suira, suiren Birlinger 386b; seier, f., seierlein, n. hautbläschen, hitzbläschen; venediger sürren, eine art hautausschlag. Schmid 490. diu sêre (mhd. sêre), die krankheit, empfindlichkeit Tobler 423a; sêri, f., empfindliche stelle, wo die haut nach einer schnittwunde, brandwunde oder aufgebrochenem geschwür sich neu bildet Bühler Davos 1, 151; s. besonders seurlein, seure bei Schm. 2, 322.
 
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sehren, verb.
1) verwunden, verletzen mhd. sêren (aus sērian, sērōn) mhd. wb. 2, 2, 255a. Lexer mhd. handwb. 2, 890; vgl. Graff 6, 271. mnd. sēren Schiller-Lübben 4, 192a. die nhd. schriftsprache hat das wort früh eingebüszt, erhalten in der composition versehren, vgl. auch oben besehren theil 1, 1612. Schm. 2, 322; und das hirn also geseeret wird. quelle von 1512 bei Birlinger 386. verletzen in übertragenem sinne:

niemand verachten noch unehrn,
noch was mit stichelworten sehrn.
Ringwaldt laut. wahrh. (1597) 139;

ein mensch der da den ehstand sehrt. 169;

doch solt jr nicht jhr leges ehrn,
wofern sie das gewissen sehrn. 300;

sehren, sähren, laedere Schottel 1414. mundartlich ist das wort erhalten: si' searn, sich wund reiben oder liegen. Lexer 232; nd. seren, versehren, verletzen, beschädigen, die haut abreiben, schmerzen erwecken; ik hebbe mi seret, ich habe mich verletzt, mir wehe gethan brem. wb. 4, 755; sären Stürenburg 209a (häufiger aber als dieses wird besären gebraucht); dat serd

[Bd. 16, Sp. 165]


mî; hê hed sük serd oder beserd. ten Doornkaat Koolman 3, 176a.
2) intrans. mhd. sêren (ahd. sêrên, dolere Graff 6, 271) setzt sich fort in searn, wund werden Lexer 232; serende krankheit Schm. 2, 322; wol auch in sich abseren, sich durch sorge und krankheit zu grund richten. ebenda; vgl. Bayerns mundarten 2, 257.
 
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sehrig, adj., mhd. sêrec, wund, betrübt, schmerzhaft mhd. wb. 2, 2, 255a. Lexer mhd. handwb. 2, 889; ahd. sêrag Graff 6, 270; mnd. serich Schiller-Lübben 4, 193a; nur in mundarten erhalten: sirig, schmerzhaft, empfindlich, aufgebracht, unwillig, heftig, begierig. Schm. 2, 323; vgl. Schöpf 676. Bayerns mundarten 2, 257; sērich, schmerzhaft Kramer Bistritzer dialect 123. Frischbier 2, 338b; nd. sêrig, grindig Frommanns zeitschr. 4, 277, 30. brem. wb. 4, 756; kleensērig, empfindlich beim geringsten schmerz ebenda (aus Richey). Schütze 4, 91; särig, grindig Stürenburg 209b; säärkellig, empfindlich, weichlich ebenda; serig, sêrig, versehrt, wund, krank, schwärig, grindig; ser-, sêrkellig, ser-, sêrkrênig, gegen schmerz empfindlich und scheu ten Doornkaat Koolman 3, 176a; in besonderer bedeutung: sêrig, schnell Schambach 190b (vgl. DWB sehr, adv. vor 1). s. unten sehrigkeit.
 
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sehrigen, verb. verletzen, wund machen, mhd. sêrigen mhd. wb. 2, 2, 255a. Lexer mhd. handwb. 2, 891; ahd. sêragôn Graff 6, 270; mnd. serigen Schiller-Lübben 4, 193b; das brem. wb. bezeichnet sērigen, verletzen als noch üblich 4, 756; den heutigen nd. mundarten scheint es fremd zu sein; intrans.: sērigen, leiden, kränkeln Pfister 275 (Westerwald).
 
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sehrigkeit, f. zu sehrig, wund (s. dieses): von der serigkeit oder frätte der kinder, so ihn die haut abgehet. Ryffius schwangerer frauen rosengarten (1569) 333b; heylen damit die fäule, und allerhand seerigkeit im mund. Tabernaemontanus kräuterb. (1664) 1490 A.
 
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sehrkerl, m. ganzer kerl, tüchtiger kerl (s. oben sehr, adv. vor 1): so ein sehrkerl bin ich nun wohl nicht, dasz ich der würdigste mann heiszen könte. Hermes Sophiens reise 3, 23 (1776); es gehört ganz gewisz das herz eines sehrkerls dazu, mit einer schwiegermutter es zu wagen. 383, s. DWB sehrmann.
 
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sehrle, f.: seerlen, die, langer trmel so man überzwärch an die häg legt, langurius (für longurius) Maaler 369b; gehört es vielleicht zu saren, sarren, m. riegel eines thürschlosses bei Stalder 2, 300, vgl. Graff 6, 271.
 
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sehrlein, n., s. DWB sehr, subst.
 
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sehrmann, m. (s. DWB sehrkerl und DWB sehr, adv. vor 1): was man auf der insel Rügen einen sehr-mann, nämlich einen vortrefflichen nennt. J. Paul dämmerungen 25. vgl. Büchmann gefl. worte12 155; der süddeutsche Mörike gibt dem worte einen üblen sinn, der ihm eigentlich nicht zukommt:

was sich mit selbstgefälligkeit bedeutung gibt,
amtliches air, vornehm ablehnende manier,
dies und noch manches andere bedeutet es.
Mörike an Longus.


 
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sehrohr, n., seherohr Kramer deutsch-it. dict. (1702) 2, 739c. Jacobsson 7, 319b; seherohr, sehrohr Campe; verdrängt durch fernrohr, fernglas:

er blieb steif vor dem sehrohr stehn,
und sah begierig nach den sternen.
Gellert 1, 211 (1775);

wie wenn der grosze stern Orions schnell verschwindet,
ihn kein geschärfter blick, kein sehrohr wieder findet.
Zachariä renommist 2, 14;

sieht mich die mitternacht bey meinem sehrohr wach.
Hagedorn 1, 17 (1771);

in unsrer zeit,
wo reger eifer weit und breit,
vom sehrohr an, bis tief zur nadel,
den schatz der wissenschaften mehrt.
Gotter 1, 445 (1787);

dort an der Schnat hat Halberstadt gestanden,
mit seinem sehrohr streifend durch die banden.
A. v. Droste-Hülshoff 1, 104 Schücking;

die durch das seherohr sichtbaren kleinen sternchen. Kant 7, 236 anm. (gleich darauf fernglas); vier personen hatten jetzt auf einmal vier sehröhre auf seine seele gerichtet. J. Paul Hesp. 1, 70; die blumigen lichten stunden rücken vor dem auge des menschen vorüber wie die sterne vor dem sehrohre des himmelmessers. 3, 171.