Wörterbuchnetz
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
sehöffnung bis sehrkerl (Bd. 16, Sp. 159 bis 165)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) sehöffnung, f.: (der helm) deckte auf den schultern sitzend das ganze haupt, liesz nur kleine sehöffnungen, die fenster. Freytag ges. werke 18, 17.

[Bd. 16, Sp. 160]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) sehorgan, n.: was die zwiefarbigkeit meiner sehorgane betrifft. Immermann Münchh. 1, 115 (1841).
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
sehpunct, m., sehepunkt, derjenige punkt, auf welchen man sieht, sein augenmerk richtet. Campe; Kant 3, 78 bezeichnet mit sehepunct die stelle, wo die von dem auge in der richtung des einfalls der lichtstrahlen zurückgezogenen linien sich schneiden. in Campes sinne: die dritte (art des epigramms) mahlte ein kunstbild in und zu einem lichten sehepunct aus. Herder 15, 367, vgl. 359; gesichtspunct, punct, von dem aus man etwas sieht: aus einem menschlichen sehepunkt betrachtet. 1, 520 Suphan; fremdlinge auf erden lachen gern. das kommt von ihrem scharfen auge und von der höhe ihres sehpunkts. Vischer auch einer 2, 322.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
sehr, adv. , in hohem grade, mhd. sêre, sêr mhd. wb. 2, 2, 253b. Lexer mhd. handwb. 2, 889; ahd. sêro Graff 6, 269. bei Otfrid erscheint das wort durchaus noch in der alten sinnlichen bedeutung schmerzhaft, schwer (gleicher gebrauch im Heliand); vgl. nhd. versehren, mhd. sêr, adj. wund, leidend, leiden bringend, sêr, n. und m., schmerz, qual, leid, sêrec, wund, betrübt; nld. zeer, subst. und adj. pein, schmerz, peinlich, schmerzlich, wund, grindig (daneben zeer als verstärkung wie unser sehr; om het zeerst, um die wette, op het zeerst, bestens, äuszerst); ags. sár, wund, peinvoll, schmerzlich, neuengl. sore, wund, sár, n. wundheit, schmerz, pein, neuengl. sore, schmerzende, wunde stelle, schmerz, pein; altn. sár, n. wunde, sárr, wund, peinvoll; dän. saar, verwundet, saar, die wunde, ebenso schwed. sr, das adv. dän. saare wird auch im ähnlichen sinne wie deutsch sehr gebraucht, doch ist es nicht so verblaszt wie sehr: da bad han mig saare, vgl. auch die verwendung von engl. sorely: sorely against my will u. a.; got. sair, n. schmerz. lehnwort ist finnisch sairas, aegrotus Thomsen 168.
die form mit auslautendem e (mhd. sêre) hält sich im älteren mhd. und mundartlich:

gespile, liebste gespile mein,
warumb traurestu so sere?
ei, traurestu umb deines vaters gut,
oder traurestu umb dein ere?
Gödeke-Tittmann liederb. 89;

und wenn ich mich auch noch so sehre über ihn gegrämet. Reuter Schelmuffsky 63 neudruck; ei sehre, sehre Albrecht 211b, nd. sêre Schambach 190b.
die oberdeutsche volkssprache kennt das wort nur aus dem schriftgebrauche, vgl. Schm. 2, 321; doch auch in manchen md. und nd. gegenden wird sehr gern durch wörter volleren gehaltes ersetzt, vgl. z. b. Frischbier 2, 336a. Frommanns zeitschr. 4, 30.
das adverbium kann in volksthümlicher rede vor attributivem adj. adjectivische flexionsendungen annehmen: e sehrer guter kerl, e sehres braves mädel. Albrecht 211b; oder es wird selbst allein attributiv zum subst. gesetzt: er war in sehrer angst, in heftiger angst. aus Danzig; een seer kerl, ein tüchtiger kerl Dähnert 420a (s. unten sehrkerl, sehrmann). e sîre kouh, eine tüchtige, gut milchende kuh Pfister erg. 1, 24. alterthümelnd: indessen der Sigrist die kleine glocke geläutet, was er aber nicht mit sehrem fleisze gethan. Keller 1, 55.
1) im sinne von schmerzlich, betrüblich:

hie fragôda hwat siu sô sêro biwiopi,
sô harmo mid hêton trahnin. Heliand 5923;

thuo habdun hiro firindadi
al Sodomothiodsero antgoldan. genesis 326;

wio mag werdan thaʒ io war,
thaʒ quami uns in gidrahti,thih thuungin unmahti,
elilenti seroodo karkari suaro.
Otfrid 5, 20, 88;

das verblassen des adverbiums geht so vor sich, dasz es zunächst den grad des leidens, der schwierigkeit, der noth bezeichnet, dann aber überhaupt einen starken grad angiebt; unter nachwirkung der alten bedeutung:

ein wort heiʒit êre,
daʒ coufet maniger sêre (theuer),
dâ umbe verlûsit manig beide,
lîb und sêle. rede vom glauben 2499;

ich engalt es ê sô sêre. Iwein 772;

des schildes ampt gît êre.
imst bereit
werdekeit:
si muoʒ ab kosten sêre.
U. v. Lichtenstein 457, 20;

fride und reht sint sêre wunt.
Walther 8, 26;

wæn aber mîn guoter klôsenæreklage und sêre weine. 34, 33.

gänzlich verblaszt:

ouh half in sêre daʒ diu kint
sô lîchte ze gewenenne sint. arm. Heinrich 333;

[Bd. 16, Sp. 161]


dô quam sente Andrêas vur daʒ tor alse ein pilgerîn, und klopfete sêre. myst. 1, 10, 21.
beachtenswerth ist, dasz landschaftlich sehr sich genau wie fast entwickelt hat: særn, beinahe, særnægest, auf ein haar Woeste 223b; das wasser ist sehr all, fast völlig aus dem fasse gelassen, das geld ist sehr all, fast gänzlich ausgegeben. Vilmar 380 (obergrafschaft Hanau); es waren sehr nahe sechsig leute da, an die sechzig. Pfister 274 (Gelnhausen); im sinne von schnell: sêre, sêre gân Schambach 190b; hiel siehr, sehr schnell Müller-Weitz Aachn. mundart 227; vgl. Pfister erg. 1, 24. schlesisch: a loigt sirrer as a lêft. Frommanns zeitschr. 3, 416, 601.
bei dem freieren sprachgebrauche des älteren nhd. kann sehr je nach dem zusammenhange bisweilen einen besonderen sinn mit einschlieszen, den die neuere sprache besonders ausdrücken würde, man vgl. z. b.: diese zogen durch verborgene wege und sonderliche umbgänge mit solchem fleisze, dasz sie desz nachts sehr an die festung kamen (= sehr nahe). Opitz Argenis 2, 430 (1645).
2) verbindung des adverbiums mit adjectiven; vor prädicativem adjectivum: er ist sehr alt, sehr gelehrt, sehr ehrgeizig u. ä. und gott sahe an alles was er gemacht hatte, und sihe da, es war seer gut. 1 Mos. 1, 31; ist ein flieg odder wurm, dem groszen rindt viehe mitt seinem scharpffen angel seher uberlestig. Ryff thierbuch Alberti Magni (1545) E e 4b; andere prädicative bestimmungen: der schein ist sehr wider mich. substantiviert:

dô der sêre wundedes swertes niht envant. Nib. 925, 1.


vor attributivem adjectivum: widerumb füret jn der teufel mit sich, auff einen seer hohen berg. Matth. 4, 8; ein sehr reicher kaufmann, ein sehr werther freund, sehr geehrte anwesende, die sehr vorsichtige untersuchung u. ä.; dem unbestimmten artikel vorangestellt (jetzt ungebräuchlich): Mose war seer ein groszer man in Egyptenland. 1 Mos. 11, 3; fanden seer eine grosze stat, Melinde genant. Franck weltbuch 218a (1542); die andern brüder dagegen behaupteten, dasz solche beweise, aus der natur und von ihren absichten hergenommen, sehr ein geringes gewicht hätten. Göthe 56, 198; bei adverbialen, modalen bestimmungen: ich bin sehr früh aufgestanden, sehr zur unzeit gekommen, das kann sehr wohl sein, geschehen; sehr wohl, molto bene Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 756c; ich kann es sehr ungern leiden, admodum œgre fero Steinbach 2, 581; welches meines bedunckens nit seer wol gesprochen gewesen. Wickram rollwagenb. 5, 6 Kurz;

graf! dieser Mortimer starb euch sehr gelegen.
Schiller M. Stuart 4, 6.

kühn: wenn es glatteiset, gehen die menschen sehr arm in arm. J. Paul Titan 3, 77.
ungewöhnlich vor schon gesteigertem adverbium: er wünscht dessen noch von seiten des prinzen versichert zu seyn, weil sehr öfters abgedankte officiere um dergleichen plätze ansuchen. Gellert 6, 219; dasz ... die aufwallenden mineralischen und entzündbaren materien sehr öfters in flusz gerathen sein werden. Kant 9, 49. dem verstärkten adverbium nachgestellt: stank jammerlîken sêre. quelle bei Schiller-Lübben 4, 192a. bei verben (so vorwiegend im mhd., vgl. mhd. wb. und Lexer a. a. o.): ich zweifle sehr, es verdrieszt mich sehr, ich musz mich sehr wundern, sehr trinken, weinen, lachen, hungern, dürsten, hassen, lieben, sich beklagen u. s. w.; das der gantze berg seer bebete. 2 Mos. 19, 18; er lies seer blitzen und schrecket sie. ps. 18, 15; ein zenkisch weib und stetigs trieffen wens seer regnet, werden wol mit einander vergleicht. sprüche 27, 15; gott aber ist nicht der todten, sondern der lebendigen gott. darumb jrret jr seer. Marc. 12, 27; und ich weinet seer. offenb. 5, 4; bey welcher gelegenheit mancher bischoff desselben schwere ungnade ja eben so sehr empfunden, als sehr hingegen andere seine güte zu preisen hatten. Hahn hist. (1721) 1, 179. im allgemeinen setzt der ausgebildete sprachgebrauch sehr nur, wo es sich um intensität, wirkliche gradsteigerung handelt, wir sagen sehr schreien, fremd klingt uns: von der und der materie werd ich in der nächsten zeile sehr reden. J. Paul aus d. teufels pap. 1, 110; die ältere sprache ist freier:

sô swer ich eu des sêre,
daʒ ich daʒ glas zerbrechen wil. ges. abent. 2, 514, 46;

hier hast du sehr gewohnt; hier hat man dich geehret.
Opitz 1, 89.

bei sein vor dem subst.: dasz mein sohn weiter nichts als ein brausender jüngling wäre! aber leider ist er schon zu

[Bd. 16, Sp. 162]


sehr mann. Gotter 3, 9 (1802); freilich nahm er, wie erwachend, aus der mondhelle ab, dasz es sehr nacht sei. J. Paul komet 1, 82; mein vater ist sehr kaufmann. Freytag ges. werke 4, 112; er ist zu sehr kenner, als dasz er getäuscht werden könnte; nach haben: ich habe sehr ursache, ihm zu danken; du hast sehr unrecht.
3) verstärkung des adverbiums:

diu edel küniginnevil sêre weinen began. Nib. 61, 4;

daʒ zurnde harte sêreder helt von Niderlant. 117, 1.

fast sehr (ebenso sehr fast): ich wil meinen bund zwischen mir und dir machen, und wil dich fast seer mehren. 1 Mos. 17, 2; wiewol ich euch fast seer liebe. 2 Cor. 12, 15; fast seher gedemütigt. Schade sat. u. p. 2, 103, 19; vielleicht ist genug in folgender stelle verstärkung zu sehr (doch vgl. oben DWB sehr öfters):

gewisz, gewisz sie werden noch alldar
in furchten stehn und sehr genug erschrecken.
Opitz psalmen 30.

gar sehr, maximopere Steinbach 2, 581; weren gans sere bekummert. quelle bei Schiller-Lübben 4, 192a; das verdreuszt sie uber die maszen sehr. Fischart bienenkorb 67a; ein reuterischer soldat und überaus sehr auf das jagen verbicht. Simpl. 3, 17, 1 Kurz; ich bin dem manne recht sehr gut, ob er gleich ein jesuit ist. Lessing 12, 254; er ist so sehr nicht krank ò nicht so sehr krank. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 756b; mit nachfolgendem satze: ich bin so sehr müde, dasz mir die augen zufallen; noch so sehr, duplo magis Stieler 1994; jetzt anders: sei noch so sehr ein kenner, man glaubt dir nicht;

si striten also sêredaʒ al diu burc erschal. Nib. 461, 1.

deine gedancken sind so seer tief. ps. 92, 6; gar zu sehr, nimium; allzusehr, plus quam satis; nicht zu sehr, mediocriter, leviter Stieler 1994; sie gefällt ihm mehr als zu sehr; er ist zu sehr hofmann, als dasz er diese frage unbefangen prüfen könnte; isz wie ein mensch, was dir furgesetzt ist, und frisz nicht zu seer, auff das man dir nicht gram werde. Sir. 31, 19;

nu versprich eʒ niht ze sêre. Nib. 16, 1.


4) in der älteren sprache ist das wort der steigerung fähig, vgl. mhd. wb. und Lexer a. a. o., Schiller-Lübben 4, 192a; der ausgebildeten schriftsprache sind diese formen, die im 16. u. 17. jh. noch durchaus gebräuchlich sind (besonders der comparativ), verloren gegangen, Steinbach bezeichnet den comparativ als landschaftlich, Adelung kennt sehrer und am sehrsten aus 'einigen gemeinen mundarten'. Campe bemerkt, die steigerungen seien der guten sprechart und mehr noch der guten schreibart fremd. mundartlich haben sich gesteigerte formen erhalten, zum theil allerdings in entstellungen: sihrer, am sihrsten Bernd 285; serrer, am serrsten Anton Oberlaus. 4, 10; sêrer Kleemann 21a. Albrecht 211b; setter, serner 212a; serner, sernst Göpfert Erzgeb. 7, 74; sirrer Frommanns zeitschr. 3, 419, 601 (schlesisch); sera Bayerns mundarten 2, 267 (fränkisch).
comparativ: es gehet mir sehrer zu herzen, multo acerbius est Stieler 1995; das ärgert mich noch sehrer Albrecht 211b; das thut noch sehrer weh; noch sehrer schlagen Bernd 285; daʒ man sie darinnen meer und seerer beswerde dan in andern stetten. deutsche städtechron. 3, 374, 15; hantieren mit denen, die alle welt berauben, und stelen seerer, denn alle ander. Luther 2, 490a; je seerer die welt wütet, je küner und trötziger sie werden. 3, 431a; wiewol er hie sehrer und mehr geeilet hat. 4, 2b; wer die lügen nachsagt, der leuget noch seerer. 5, 168b; unsern herrn gott verdreuszet nichts sehrer unnd hefftiger. tischreden (1568) 25b; der knecht so des herrn willen weisz, und thut jn nicht, wird viel sehrer geschlagen werden. 44a; darumb desto sehrer (eilte man). 345b; solchs verschmâcht noch sehrer den juden, warn erst recht zornig. Aventin bair. chron. 1, 806, 34; vermitten nichts serer, dan das in ainer nur an der marter nit stürb, 815, 28; was scherpffet die augen sehrer denn neidwasser. Mathesius Sarepta 153a; unnd ist gäntzlich war, das die alten wölff sehrer fressen, dann die jungen. Linderer schwankb. 141 Lichtenstein; förcht die bauchfülle mehr und sehrer dann gott den herrn. Schumann nachtbüchl. 227, 15 Bolte; lieff darneben so schnell, dasz er sie nahe erreicht hette, und ye sehrer er eilet, jene noch vil mehr. Kirchhof wendunm. 1, 323 Österley; denn mich auff erden nichts sehrer zu solchem elendt bewegen kündt. buch d. liebe 255d; welches jfg. noch sehrer verdrosz. Schweinichen 184 Österley; damit nicht irgent ein kriegsknecht .. sehrer zu dürsten anfienge. Rollenhagen ind. reisen (1603) 9; Amurat

[Bd. 16, Sp. 163]


sehlegt noch sehrer zu. Ayrer 2, 765, 11 Keller; er lacht noch schrer. 4, 2527, 10; so werde ich noch sehrer von inwendig hinausz schieszen. Zincgref apophth. (1639) 129;

sô der man ie mê gewinnet,
sô erʒ guot ie sêrer minnet.
Vridanc 56, 4;

frasz sehrer denn der andern kein.
Waldis Esop 3, 89, 30 Kurz;

dan tag nt nacht mich trkt' dein' hand i serer.
Melissus ps. N 1b (1572);

hat abgnommen an ehr und gut
und niembt je lenger je sehrer ab.
J. Ayrer 3, 1750, 14 Keller;

du nimmst auf deinen rücken
die lasten, die mich drücken
viel sehrer als ein stein.
P. Gerhardt 72 Gödeke;

weil mancher arme leute sehrer als der teuffel plaget.
Logau 2, 58, 22;

mir ist es hertzlich leid, wenns gleich noch sehrer wär.
Rachel 119.


superlativ: szo denn die priester, die von göttlicher ordnung eingesetzt sind und gottis gesetz lernen, das mehr mall unnd am sehrsten yrren. Luther 8, 377 Weim. ausg.; triben das gesetz am sehrsten. 14, 368, 16; die groszen hansen aber, die am besten und sehrsten fluchen können. fluchteufel (1564) B 7b; wie die seichtesten über die steine schüssenden bergbäche am sehrsten rauschten. Lohenstein Armin. 2, 283b; als er (der holzstosz) aber am sehresten loderte. 970b; das schmerzet mich am sehresten. Stieler 1995;

des ich aller sêrest ger, sô ich des bite,
sô gît siʒ einem tren ê.
Walther 117, 20;

wenn sie euch geben gute wort,
so thun sie am sehrsten liegen. Ambras. liederb. 79, 35 (s. 80);

welche iren man
am aller-sersten mag petören.
H. Sachs 22, 460, 6 Keller-Götze;

aber das mich am sersten anficht.
Schade sat. u. pasqu. 1, 71, 114;

wer holtz abschlägt in den letzten zween tagen
des christ-monats, desgleichen im ersten
des neuen jenners, solches währt am sehrsten,
es bleibt unverfault.
Hohberg adel. landl. 3, 1, 97b.


5) landschaftlich (Preuszen) wird auch ein diminutiv gebildet: sehrchens häszlich. Frischbier 2, 236a.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
sehr, adj. wund, mhd. mnd. ahd. sêr, ags. sár, altnord. sárr (vgl. das vorhergehende wort); sehr begegnet noch im älteren nhd., ist aber dann der schriftsprache verloren gegangen. in den mundarten, hoch- und niederdeutschen, lebt das wort fort, meist im sinne von wundgerieben, noch nicht verharscht und deshalb empfindlich u. ä.: seer oder geschwärig machen, exulcerare; seergemacht, exulceratus Maaler 369b; das antlitz ist sehr, und rot mit zerblgten und flyetzenden augen. Gersdorf feldb. der wundarznei (Straszb. 1528) 80; dasz jhm die zhn seer seynd. Seuter roszarzn. (1539) 118; wann die wunden, ob sie schon noch frisch ist, nicht seer ist oder gar empfindlich, also dasz der patient wol leiden kann, dasz man jhme dieselbige betaste. Würtz practica der wundartzn. (1612) 309; durch die rauchen bletter wird leichtlich die haut verletzt und seer gemacht. anm. weish. lustg. 755; seere haut, empfindliche, bei berührung schmerzende haut; seere zähne, empfindung am zahnfleische, wenn man z. b. unreifes, saures obst iszt. Stalder 2, 367; vgl. Tobler 423a. Bühler Davos 1, 129. 2, 28b. Frommanns zeitschr. 4, 14b. verwundet, krank, unwohl (es ist-mr sêr und blôd) Hunziker 340; wund, aufgerieben, von schweisz, hitze und dergl. Seiler 267b; seir, seer, wund, empfindlich. Schmid 490; vgl. Lexer 232. Castelli 254. Hintner 207. Bayerns mundarten 1, 57; die haut ist sehr, die wunde ist noch sehr. Klein prov. wb. 2, 152 (Elsasz); ene sere stede, schmerzhafte oder wunde stelle am leibe; sere ogen, böse, rothe augen; daher sprichwörtlich: solt un sere ogen, was sich gar nicht verträgt; een seer been, ein schadhaftes bein; sprichw.: dat hebb' ik an mien seer been, der schade ist mein, diesen verlust musz ich tragen; een seren kopp, ein grindiger kopf; een seren mund, ausschlag an den lippen; dat deit mi seer, das thut mir weh, schmerzt mich. brem. wb. 4, 754, vgl. Danneil 191b; mi is sihr, ich fühle mich schwach, krank. Mi 79a. Woeste 235b; he deit sükk säär, er thut sich weh, bildlich: er greift seine kasse zu sehr an. Stürenburg 209a; de schô drükt mîn fôt sêr; wen man sük snidt, den deid dat sêr. ten Doornkaat Koolman 3, 175a; de wat lêves hett, de geit dernâ; de wat sêres hett, de föhlt dernâ. Frommanns zeitschr. 4, 142, 335.

[Bd. 16, Sp. 164]


in besonderer verbindung: en sêre wind, lästiger, heftiger Schambach 190b.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
sehr, m. n., sehre,f., alts. althochd. sêr, n. körperliche oder geistige verletzung, schmerz, leid; mhd. sêr, m. n., sêre, f., mnd. sēre, sēr, n., sēre, f. schon im älteren nhd. sind die substantiva selten: wunden im maul. welches pferd die sehre im munde hat, dem gib nichts denn kleyen von korn zu essen. Pinter pferdschatz (1688) 389; verletzung:

der ausspruch, endungsart, und der mundarten köhr,
die stehen stammfest noch, und ohn des wesens sehr.
Schottel 1006;

alterthümelnd:

sie fürchtet' eine sehre,
die ihr würde gethan!
Rückert (1882) 5, 156

(wol auf miszverständnis beruhende übersetzung von si vorhte ir sêre, mîn vrouwe wolgetân. minnes. 2, 278a Hagen);

nichts ihr bringe fahr und sehr. 7, 84.

in den mundarten sind dagegen substantivbildungen erhalten, z. th. mit specialisierter bedeutung im sinne von geschwür, grind, besonders diminutivbildungen im sinne von pustel, kleines geschwür u. ä. abzuscheiden hier ein anderes wort, mhd. siure, f. milbe, krätzmilbe und die durch sie hervorgerufene pustel oder ähnlicher ausschlag, s. mhd. wb. 2, 2, 362a. Lexer mhd. handwb. 2, 949, vgl. Graff 6, 273; cantharis, siure Dief. 96a; cyrillus, wasser sure, handsury, -süry, -seyrin 122c; siro, sirones, sre, seuren, seiren, siur, seyrin, sury, eyn ser, zuer, zure, sir, sur 538b; teredo, seurle vel beiszende bletterle, siere, sierken 579a; verteca, suer, siere, ziere 614b. dieses wort mhd. siure und sêr, sêre sind z. th. durcheinander geworfen (s. unten die notiz aus Kramer) oder berühren sich nahe in der bedeutung; sähr, seer, sehr, ulcus Schottel 1414; sehr, sähr, ser, m. ulcere, ulcera rodente e cocente ma piccola Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 756c; sehrlein, sährlein, pustula ardente, certo vermicello, che nasce frà carne e pelle con più pizzico che dolore ebenda; siârstêd, wunde, seere stelle (Helgoland); iârig siâr, kopfgrind Frommanns zeitschr. 3, 29; nd. sêr im allgemeinen, alten sinne von schmerz: enem veel hartseer (herzeleid) andoon. brem. wb. 4, 755; specialisiert, jede verletzung an der haut, besonders eiternder ausschlag, grind, schurf; quaad seer, der böse grind 754; aber sür, süre, filzlaus, hitzblatter; nig een sür, nicht das geringste 1103; koppseer, kopfweh, tänseer, zahnweh; bös seer, grind Schütze 4, 90. 91; sêr eiternder ausschlag der haut; sêrkn, der mundausschlag saugender kinder, bestehend in weiszen bläschen auf der zunge Danneil 191b; srkn, kleines geschwür 217a; sêr, n. verletzung am körper, eine kleine wunde, offene stelle; ein geschwür, der ausschlag Schambach 190b; söæreken, n. mundausschlag 202a; sêr, n. übel, krankheit Woeste 235b; säär, säre, verletzung der haut, wunde, kleines geschwür Stürenburg 209a; geen sier, sierke, nicht das mindeste (mhd. siure) 246b; ser, sêr (de und dat) schmerz, leid, wunde, schmerzende stelle, namentlich geschwür ten Doornkaat Koolman 3, 175b; sîre, f., sîrechen, n. hautbläschen, pustel, hitzbläschen (siure) Liesenberg 215; sihrele, wasserhitzblätterchen Klein prov. wb. 2, 155 (Elsasz); sujerl (Österreich); suir (Ulm) 181; seure, seiren, seirle, suira, suiren Birlinger 386b; seier, f., seierlein, n. hautbläschen, hitzbläschen; venediger sürren, eine art hautausschlag. Schmid 490. diu sêre (mhd. sêre), die krankheit, empfindlichkeit Tobler 423a; sêri, f., empfindliche stelle, wo die haut nach einer schnittwunde, brandwunde oder aufgebrochenem geschwür sich neu bildet Bühler Davos 1, 151; s. besonders seurlein, seure bei Schm. 2, 322.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
sehren, verb.
1) verwunden, verletzen mhd. sêren (aus sērian, sērōn) mhd. wb. 2, 2, 255a. Lexer mhd. handwb. 2, 890; vgl. Graff 6, 271. mnd. sēren Schiller-Lübben 4, 192a. die nhd. schriftsprache hat das wort früh eingebüszt, erhalten in der composition versehren, vgl. auch oben besehren theil 1, 1612. Schm. 2, 322; und das hirn also geseeret wird. quelle von 1512 bei Birlinger 386. verletzen in übertragenem sinne:

niemand verachten noch unehrn,
noch was mit stichelworten sehrn.
Ringwaldt laut. wahrh. (1597) 139;

ein mensch der da den ehstand sehrt. 169;

doch solt jr nicht jhr leges ehrn,
wofern sie das gewissen sehrn. 300;

sehren, sähren, laedere Schottel 1414. mundartlich ist das wort erhalten: si' searn, sich wund reiben oder liegen. Lexer 232; nd. seren, versehren, verletzen, beschädigen, die haut abreiben, schmerzen erwecken; ik hebbe mi seret, ich habe mich verletzt, mir wehe gethan brem. wb. 4, 755; sären Stürenburg 209a (häufiger aber als dieses wird besären gebraucht); dat serd

[Bd. 16, Sp. 165]


mî; hê hed sük serd oder beserd. ten Doornkaat Koolman 3, 176a.
2) intrans. mhd. sêren (ahd. sêrên, dolere Graff 6, 271) setzt sich fort in searn, wund werden Lexer 232; serende krankheit Schm. 2, 322; wol auch in sich abseren, sich durch sorge und krankheit zu grund richten. ebenda; vgl. Bayerns mundarten 2, 257.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
sehrig, adj., mhd. sêrec, wund, betrübt, schmerzhaft mhd. wb. 2, 2, 255a. Lexer mhd. handwb. 2, 889; ahd. sêrag Graff 6, 270; mnd. serich Schiller-Lübben 4, 193a; nur in mundarten erhalten: sirig, schmerzhaft, empfindlich, aufgebracht, unwillig, heftig, begierig. Schm. 2, 323; vgl. Schöpf 676. Bayerns mundarten 2, 257; sērich, schmerzhaft Kramer Bistritzer dialect 123. Frischbier 2, 338b; nd. sêrig, grindig Frommanns zeitschr. 4, 277, 30. brem. wb. 4, 756; kleensērig, empfindlich beim geringsten schmerz ebenda (aus Richey). Schütze 4, 91; särig, grindig Stürenburg 209b; säärkellig, empfindlich, weichlich ebenda; serig, sêrig, versehrt, wund, krank, schwärig, grindig; ser-, sêrkellig, ser-, sêrkrênig, gegen schmerz empfindlich und scheu ten Doornkaat Koolman 3, 176a; in besonderer bedeutung: sêrig, schnell Schambach 190b (vgl. DWB sehr, adv. vor 1). s. unten sehrigkeit.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
sehrigen, verb. verletzen, wund machen, mhd. sêrigen mhd. wb. 2, 2, 255a. Lexer mhd. handwb. 2, 891; ahd. sêragôn Graff 6, 270; mnd. serigen Schiller-Lübben 4, 193b; das brem. wb. bezeichnet sērigen, verletzen als noch üblich 4, 756; den heutigen nd. mundarten scheint es fremd zu sein; intrans.: sērigen, leiden, kränkeln Pfister 275 (Westerwald).
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
sehrigkeit, f. zu sehrig, wund (s. dieses): von der serigkeit oder frätte der kinder, so ihn die haut abgehet. Ryffius schwangerer frauen rosengarten (1569) 333b; heylen damit die fäule, und allerhand seerigkeit im mund. Tabernaemontanus kräuterb. (1664) 1490 A.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
sehrkerl, m. ganzer kerl, tüchtiger kerl (s. oben sehr, adv. vor 1): so ein sehrkerl bin ich nun wohl nicht, dasz ich der würdigste mann heiszen könte. Hermes Sophiens reise 3, 23 (1776); es gehört ganz gewisz das herz eines sehrkerls dazu, mit einer schwiegermutter es zu wagen. 383, s. DWB sehrmann.