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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
sehnicht bis sehnsuchthauchend (Bd. 16, Sp. 155 bis 157)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) sehnicht (vgl. sehnig), adj., zu sehne, f. gebildet: senicht, nervosus Diefenb. 379a; senn-adericht, sennicht, voller sennadern; grosz-, dick-, starck-sennicht Kramer deutsch-it. dict. (1702) 2, 771b;

es sträubt sich — der krieg hat kein erbarmen —
das mägdlein in unsern sennigten armen.
Schiller Wallensteins lager 6.


 
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sehnig, adj. , zu sehne gebildet: zenich, synnig, nervosus Dief. 379a; sennig, sennaderig, nervosus Frisch 2, 265a. das wort bedeutet in neuerem gebrauche
1) mit sehnen versehen: sehniges fleisch, das viele sehnen hat Adelung; dat is so'n senig stük flêsk, dat man't hâst nêt snîden of bîten kan. ten Doornkaat Koolman 3, 174b; übertragen: sehniges eisen, besonders zähes.
2) entsprechend dem gebrauch von sehne als dem sitze der kraft: sehniger arm, sehnige faust:

mein herz erwacht,
es schlägt mit macht,
mein arm ist fest und sehnig.
Strachwitz ged. 71 (1891).


3) in der anatomie, von der besondern bildung und art, wie sie den sehnen eigen ist: die muskeln sind faserbündel, welche gewöhnlich von ihrem anfange weich und dicker sind, besonders in der mitte; am ende aber zäh, sehnig, sehr dünn und verlängert. Oken 4, 31; an andern stellen haben sich diese hautmuskeln in sehnige ausbreitungen verwandelt. 33.
 
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sehniglich, adj., mhd. seneclîch, nur noch im älteren nhd.; in gleicher bedeutung wie DWB sehnlich:

der ist entzündt im leib jr hertz
mit solchem sehniglichem schmertz
gen euch, ligt wie auff fewring rost.
H. Sachs fastn. sp. 5, 71, 70 neudruck.

traurig, schmerzlich (vgl. DWB sehnen 1):

da hub sich senigliche klag
von den zweyen (freunden). werke 20, 424, 28 Keller - Götze.


 
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sehnkraft, f., zu sehne, f.:

ein adlersjüngling hob die flügel
nach raub aus;
ihn traf des jägers pfeil und schnitt
der rechten schwinge sennkraft ab.
Göthe 2, 77;

ach! ich meyn, ich wollte dem adler zur sonne nach, hätte flügel und sehnkraft. Klinger theater 4, 138.

[Bd. 16, Sp. 156]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) sehnlich, adj. verlangend, heftig begehrend, mhd. senelîch, senlîch mhd. wb. 2, 2, 249a. Lexer mhd. handwb. 2, 878; im mhd. entsprechend dem gebrauche von senen sowol in bezug auf schmerz, kummer, als auf heftiges, schmerzliches liebesverlangen:

der marcrâve tet im kunt
um einen senlîchen (schmerzlichen, betrübenden) funt. Willeh. 464, 2;

mich hât ein wünneclîcher wân
und ouch ein lieber friunde trôst
in senelîchen kumber (liebesnot) brâht.
Walther 71, 37.

mnd.: darumme so hebben se senentliken unde barmichliken to om geropen. quelle bei Schiller - Lübben 4, 189a (vgl. oben sehnen vor 1); neben senlich kommt in älterer sprache auch sendlich vor (vgl. DWB sehnen a. a. o.), das mundartlich weiter zu sündlich entstellt wird, neben senlich steht ebenso sinnlich; belege bei Schm. 2, 289; die bedeutung traurig, schmerzlich hält sich noch im älteren nhd.: und der munch belaitet sie für die stat mit dem creutz und mit acht kirtzen, trugen acht schuler, und was gar senlichen an zu sehen. d. städtechron. 10, 299, 6; es begleiten ihn etzliche gute freunde, nehmen sehnlichen abschied von einander. Schoch studentenl. 5, 7;

die fürten senlich klage.
H. Sachs bei
Gödeke-Tittmann liederb. 381, 58;

auch ward gehort ein sehnlich stimb
ausz dem baum, gar kläglich und grimb.
H. Sachs 17, 493, 21 Keller-Götze;

Pentheus mit senlicher stimb
bat gnad. 498, 19;

wenn ander brassen und sich füllen,
so hat er gar kein pfenning nicht.
als denn er so sehnlich zusicht. fastn. sp. 2, 106, 54 neudruck;

o wie sehnlich und klein er sach,
wenn ich jm sagt, jr wert nit da. 122, 202;

nun will ich jhn tragen ins hausz
und will jhn lassen wäydnen ausz
und jhn auff das best balsamirn,
stett sehnlich klag über jhn führn.
J. Ayrer 902, 27 Keller;

liebes kind, was hilfft dich doch das klagen,
und sehnliches geschrey?
Opitz 1, 437;

die (freiheit) schreyt uns sehnlich zu, die müssen wir beschützen. 3, 302.

Stieler kennt das wort nur in der uns jetzt geläufigen bedeutung (heftig verlangend), aber doch in freierer verwendung als es später gebraucht wird: die sehnliche geltsucht verblendet ihn, argenti cupiditate caecatur; sehnliche hand, festinabunda manus; passivisch: das sehnliche, cupitum, desideratum, desiderabile, desiderandum. 1994. es ist zu beobachten, dasz der gebrauch des wortes wenigstens für die gewöhnliche rede sich auf bestimmte verbindungen einschränkt (sehnlich auf etwas hoffen, etwas erwarten, sehnlicher wunsch, ich wünsche auf das sehnlichste u. ähnl.); andächtige, sehnliche wüntsch und seufftzer. Corvinus fons lat. (1660) 753b; heftig, hoch, sehnlich bitten. Stieler 175; sehnlicher wunsch, votivae preces; sehnliche lust, acerrima incitata cupiditas. 1994; ein sehnliches verlangen, sehnliche begierde. Kramer deutsch - ital. dict. (1702) 2, 755a; hat er seine fürstl. durchl. unsern herrn sehnlich gebeten, ihme die gnade zu erweisen. Olearius pers. reisebeschreibung 400b; auf ihr sehnliches bitten. Felsenburg 1, 203; mein verlangen nach der Euphrosina war anjetzo weit heftiger und sehnlicher als vorher. Plesse 3, 92; der so sehnlich erwartete sonnabend erschien endlich. Schiller 4, 328; Mignon .. blickte sehnlich nach ihrem kranken beschützer hin. Göthe 19, 47;

doch breitet' er sich mit sehnlichen armen
nach dem göttlichen aus.
Klopstock Mess. 2, 156;

so blickt ein noch sterblicher frommer sehnlich gen himmel. 13, 74;

wenn du nicht selbst des freundes hand ergreifst,
die, sehnlich ausgereckt, dich nicht erreicht.
Göthe 9, 236;

wenn mich am tag die ferne
blauer berge sehnlich zieht. 47, 69;

doch ach! mein liebstes wohnet fern,
und sehnlich musz mein augenstern
auch in der wonne weinen.
Arndt ged. 347 (1860);

ihr wunderklänge, vernommen kaum,
wie besäuselt ihr sehnlich mein ohr.
Uhland ged. 7 (1864);

das sehnlichste, das quälendste verlangen,
das schuldbewuszte seelen weicher art
ergreift auf ihrer dunklen erdenfahrt,
ist der gedanke: hätt' ich's nie begangen.
Lenau 2, 400 Koch.

auf eine person bezogen: der sehnliche (von sehnsucht erfüllte) schreiber und maler. Keller 6, 82. hierzu sehnlichkeit,

[Bd. 16, Sp. 157]


fem.: herzens sehnlichkeit, appetitus, et summa cupiditas animi, alias gemüts sehnlichkeit. Stieler 1994.
 
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sehnsucht, f. schmachtendes verlangen; mhd. sensuht, krankheit des schmerzlichen verlangens, liebeskrankheit, liebesbegierde. mhd. wb. 2, 2, 359b. Lexer mhd. handwb. 2, 886: der den siechtum hat von der sensuchte, der sol reden mit den, die im lieb sint, und schol horen schoneu mære, die in geluste ze horen. quelle bei Schm. 2, 289; cupedia, die sehnsucht nach solchen (guten) biszlein. Corvinus fons lat. (1660) 225a, vgl. Stieler nachschusz 26a; sehn-sucht, desiderium quo quis quasi morbo laborat. Frisch 2, 258a; mit sehnsucht auf etwas hoffen. Adelung; 'ein hoher grad eines heftigen und oft schmerzlichen verlangens nach etwas, besonders wenn man keine hoffnung hat das verlangte zu erlangen, oder wenn die erlangung ungewisz, noch entfernt ist'. mit sehnsucht wünsche ich mich zu dir. Campe; der leere wunsch, die zeit zwischen dem begehren und erwerben des begehrten vernichten zu können ist sehnsucht. Kant 10, 276; diese erklärung faszt nur etwas, das in dem wort begriffen werden kann, die unbestimmtheit des gemütszustandes (vergl. DWB sehnen zu anfang). in anderen fällen kann die richtung auf ein bestimmtes object sehr scharf hervortreten. schilderung der sehnsucht als liebeskrankheit s. in den fastn. sp. 1283. sehnsucht, verlangen, mit abhängigem genitiv:

die sehn-sucht frembder sachen
was wird sie dermahleins noch endlich aus dir machen.
P. Fleming ged. (1666) 615;

sehnsucht tragen zu etwas:

die sehnsucht, die das volck zu erster herrschaft trug.
Gryphius 1, 563 (1698);

sehnsucht nach:

du lehrst, du lehrst mich kämpfen;
die sehnsucht nach der welt,
und ihren lüsten dämpfen.
Schubart ged. 1, 11 (1787);

komm mit in meine kammer — ich glühe vor sehnsucht. Schiller räuber 3, 1; in dem: dahin! dahin! lag eine unwiderstehliche sehnsucht. Göthe 18, 235; er verfiel in eine träumende sehnsucht. 19, 66;

nur wer die sehnsucht kennt,
weisz, was ich leide. 67;

o, du fühlst nicht so, wie ich!
wenn dich gleiche sehnsucht triebe,
wüsztest du wohl, dasz die liebe
auch das eigne leben ehrt
weil's dem theuern angehört.
Grillparzer 3, 72;

(soll ich) kein zeichen deiner huld, kein armes pfand
fort mit mir tragen, meiner sehnsucht labung? 6, 59;

still und tot ist alles sinnen,
nur die sehnsucht nimmer still.
Ludwig 1, 45.


ungewöhnlich ist der plural: was auf leere wünsche und sehnsuchten nach unersteiglicher vollkommenheit hinausläuft. Kant 4, 279; allerlei sehnsuchten, liebschaftliche seufzer und landschaftliche effecte sind das höchste, was die empfindsame welt an den mond knüpft. Brentano ges. schr. 4, 406; ich bin also überzeugt, dasz ihre drei sehnsuchten meinem miethpferde magische schlingen um die füsze legten. Immermann Münchh. 1, 105 (1841).
gegenstand der sehnsucht: da sah ich ein kind, einen kleinen engel, ganz meine sehnsucht. Freytag graf Waldemar 2, 1.
 
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sehnsüchtelei, f. spöttische bildung. H. Heine 1, 296 Elster.
 
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sehnsuchterweckend, adj.:

von dämmrung sofort,
das sehnsuchterweckende auge umflort.
Leuthold ged.4 312.


 
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sehnsuchtflötend, adj.:

du sehnsuchtflötende nachtigall.
Leuthold ged.4 3.


 
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sehnsuchtglut, f.:

und die sterne grosz wie sonnen,
schaun herab mit sehnsuchtglut.
H. Heine 1, 157 Elster;

und dennoch duld' ich alles gern um ihn,
um ihn die schauer dieser einsamkeit
und diese ungestillte sehnsuchtglut.
Hoffmann von Fallersleben mein leben 6, 198.

gewöhnlich sehnsuchtsglut.
 
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sehnsuchthauchend, adj.:

du stralst als tag liebathmend vor, wir hinterdrein
sind sehnsuchthauchend deine nacht.
Rückert ges. ged. 2, 444.