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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
sehm bis sehnenbeinchen (Bd. 16, Sp. 148 bis 154)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) sehm, m., norddeutsch in vulgärer sprache für seim, dazu sehmig; vgl. oben sämig 8, 1739.
 
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sehmheiszgleicher, m. ein gleicher, sehmheiszgleicher schmiedet aus 'kölbeln bleche'. Jacobsson 2, 116b; ein förderheiszgleicher ist nach Jacobsson 1, 771b 'ein arbeiter beym blechfeuer, welcher die kölbel oder stürzlein, woraus bleche gemacht werden sollen, unter dem hammer strecket oder gleichet'. der ausdruck sehmheiszgleicher ist dunkel.
 
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sehmisch, adj., s. sämisch 8, 1739.
 
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sehmittel, n. und sehemittel Campe, z. b. fernröhre, brillen.
 
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sehnader, f.: senadra, arteria, nervus Graff 1, 157; sene-, senader, nervus Dief. 379a; sene-, sen-, seen-ader, sene adern, varex 606c; die sen-âder, nervus. voc. von 1618 bei Schm. 2, 287; sennader, nervus Dasypodius. Maaler 370a; senader oder sennader, un nerf Hulsius dict. (1616) 296a; senäderig, das viel senadern hat. ebenda; nervus, eine sennader, spannader. Corvinus fons lat. (1660) 430b; flachs- senn- sive spannader, tendo, nervus Stieler 8; die senn - adern am halse, tendini, corde del collo; senn-adericht, sennicht, voller sennadern. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 771b; sennader, nervus Frisch 2, 265a. Campe bezeichnet das wort als gleichbedeutend mit sehne, aber weniger gebräuchlich als dieses. das wort kann in der schwankenden terminologie früherer zeit ader, nerv, sehne, band bezeichnen; im sinne von nerv z. bei Wirsung: es ist ein streit, woher die nerven, spann- oder sennadern, so die lateinischen nervos nennen, welchen namen wir auch behalten, jhren ursprünglichen anfang nemen. arzneibuch (1597) 658 B (kapitelüberschrift: weisz geäder oder nerven). sennenadern als bezeichnung der bänder kennt er ebenfalls. 659b; sehne: (Frankreich) hätte seine macht beysammen, deme man nicht die senn - adern desz kriegs, wie vor zeiten den Hispaniern in den Indien widerfahren, so leicht würde abhauen lassen. Simpl. 4, 86, 5 Kurz; hieben ihm (dem kameel) die sehn-adern am hintersten schenckel entzwey. pers. rosenthal 7, 20; ader: (isz so heftig, gierig,) dasz dir's sahnäderla zerspringt. Wander sprichw.-lex. 4, 514.
 
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sehne, f. gemeingermanisches wort, im got. unbezeugt: altn. sin, f. (auch schwache flexion ist bezeugt), muskelband, männliches glied bei thieren; ags. seonu, sionu, senu, sinu, synu, daneben schwache formen, sinew, nerve, tendon, dän. sene, schwed. sena, engl. sinew, fries. sini, sine, sin, f. muskelband, nerv Richthofen 1016b (ostfries. sîne nd. korrespondenzbl. 10, 79), nld. zenuw; ahd. senwa, senawa, sinewa Graff 6, 266 (wo noch andere formen angeführt werden), nervus, corda, habena, retinaculum. als früheste und gemeinsame bedeutung wird im germanischen die anatomische bezeugt, die ursprüngliche bedeutung

[Bd. 16, Sp. 149]


des wortes scheint spannendes band gewesen zu sein, darauf deutet vielleicht, dasz ein von den Lappen zu stricken verarbeitetes gras im norw. sinegras, sengras heiszt; vgl. Cleasby-Vigfusson 529a unter sin, dagegen Fritzner 3, 345b. Aasen norsk ordbog 651b. die beziehungen des wortes auszerhalb des germanischen sind unsicher, zu beachten ist die gleiche bedeutungsentwicklung bei sanskr. snâyu, snâvan, snâvas, griech. νεῦρον, νεύρη, lat. nervus. sehne steckt wol auch in unserm hechse, hachse, vgl. altn. hásin, dän. hase, ags. hóhsinu, engl. houghsinew, ahd. hahsanon, subnervare Graff 4, 800. Grimm gramm. 3, 405. mhd. senewe, senwe, sene mhd. wb. 2, 2, 252a. Lexer mhd. handwb. 2, 880, senne (bogensehne) mnd. wb. 6, 260; corda, sendwe, senwe Dief. 150c; sona, seene 542a; zona, senne, sene 635c; nervus, zene, senne, syn, semd vel oder. 379a; varex, de sene under dem knye, ein senwe. 606c; amentum, senebe vel snoher, senige, senne, sene an einem armbrust. 30a; senige Schm. 2, 287; sännwen, nervi Maaler 341a; die sennen an einem bogen. 370a; nervus in arcu, die senne am bogen. Corvinus fons lat. (1660) 431a; sehne, f. nervus Schottel 1414, sene 1415; senne, sehne Stieler 2007; senne Kramer deutschital. dict. (1702) 2, 771b; sehne, nervus, tendo, funis (am bogen) Steinbach 2, 580; senne, sene Frisch 2, 265a; Adelung meint, die form senne käme nur in 'einigen gemeinen mundarten' vor. Campe bemerkt, 'bei vielen lautet dies wort senne'. zum gebrauch der mundarten vgl.: sêne Hunziker 239; die sen, senn Schm. 2, 287; seneba, sehne, schnur, strick. cimbr. wb. 230b; senn Schultze 44b; nd. wird sêne mit offenem e gesprochen.
in der litteratursprache des 18. und 19. jahrh. ist senne häufig bezeugt, der neuere sprachgebrauch entscheidet sich für sehne.
1) die früher schwankende anatomische bedeutung (vgl. ader und nerv) des wortes erklärt sich aus der unklarheit der anatomischen vorstellungen, Hyrtl kunstworte der anatomie 143 belegt gesichtssenne, hör-, schmecksenne, wobei also senne den sinn von nerv hat. nach der aufnahme dieses wortes, das zunächst auch sehne bezeichnen kann (vgl. nervig), entwickelt sich allmählich eine scheidung beider, wie sie heute besteht, indem als nerven die vom gehirn oder rückenmark ausgehenden und sich verästelnden schnurartigen organe bezeichnet, sehnen dagegen die zähen muskelenden genannt werden, die muskel und knochen verbinden und die bewegung der glieder vermitteln. der gewöhnliche sprachgebrauch denkt vielfach an die muskeln mit, wenn er von den sehnen spricht (kraft der sehnen, sehniger arm), auch unterscheidet er nicht zwischen sehnen und bändern (verbinbindungen der knochen unter sich); die zeugnisse des altnord. (vgl. z. b. Vǿlundarkv. 17) und ags. beweisen das alter dieser bedeutung, erst durch den einflusz des latein. nervus entsteht schwanken in der anwendung des wortes; paukensehne ist z. b. bei Oken 4, 60 name eines nerven; sehe-nerve ò sehe - senne. Kramer dict. (1702) 2, 739c; für ader (oder nerv?) steht sehne noch bei Brockes:

hiedurch nun breitet sich durch meine gantze brust
ein süsz- und schnelles feur noch nie gespürter lust
in meinem wallenden begeisterten geblüte
und allen sehnen aus. 1, 148 (1739).

sännwen, nervi Maaler 341a; gliedersennen, vincula et firmamenta membrorum Stieler 2007; sennlein, nervulus, tendicula. ebenda; sehne, tendo Nemnich; dat flêsk sitt so ful senen, dat man't hâst nêt eten kan. ten Doornkaat Koolman 3, 174a;

dusse rede schaltu ome ok sagen darto:
Hinrikes hals en si von hardern senen nicht
denne Alebrechtes were, den he to dem dode brochte lesterlich.
Eberhard reimchron. von Gandersh. 1229;

denn ohn gesetz ist die gemein,
wie ein leib ohn sänen und bein.
Rollenhagen froschm. Bb 6a;

gichtrisch zuckt die starre sehne.
Schiller 1, 299;

do si ores allir liebistin buln gebeine gesehen hat hange an den adirn unde an den senwin. Köditz leben des h. Ludwig 64, 11; tendones, die senen oder spannadern, und ligamenta die bandadern. Wirsung arzneib. (1597) 658 C; die zusammensetzung unsers leibs ... ausz knochen (beinen) knorspelbein haarwachs (seenen) spanadern, fleisch mäuszlein. Comenius sprachenth. (1657) 241; wobei die natur gesorgt hat, dasz er (der schenkelknochen) nicht über gewisse gränzen hinausschreite, in welchen sie ihn mit sennen und andern schönen einrichtungen zurückhält. Göthe 35, 378.
besonders als sitz körperlicher spannkraft, jugendlicher frische, auch in freier übertragung: will meine dürren sehnen in eurem dienst wie ein taglöhner abarbeiten. Schiller räuber 4, 2

[Bd. 16, Sp. 150]


schausp.; meine sehnen werden schlapp, der dolch sinkt aus meinen händen. 5, 2 (meine sennen werden schlaff. schriften 2, 322 var.); der witz der lotterbuben geht über die sennen der männer. trauerspiel 4, 16; (krieger,) bei dem jede senne in ungeheurer anstrengung dahin arbeitet. Göthe 35, 309;

hier spannt, o sterbliche, der seele sehnen an.
Haller 47 Hirzel;

nur seine brust und seiner hüfte sennen
sie waren nimmer welk noch matt.
Herder 26, 432 Suphan;

so viel sehnen die im grab erschlaffen.
Schiller 1, 179;

sieh, diese senne war so stark.
Göthe 1, 106;

ruhe stählet sehn' und mark,
macht zu jeder bürde stark.
Seume ged. 50;

von zorn die sehnen gestählet,
dringt er durch klippen und waldesnacht.
Grillparzer 2, 38 (5. ausg.);

da — o, lohn' es dieser thräne! —
hebt sich eines armes sehne,
und das unthier musz vergehn. 6, 147 (4. ausg.);

der schusz hat ihrer vieren
entstrickt des lebens sennen.
Rückert poet. werke (1882) 3, 84.


2) sehne des bogens (oder der armbrust), wie lat. nervus, vgl. griech. νεῦρον und νεύρη; die eigentlichen sehnen sind kein besonders geeignetes material für die bogenbespannung; entweder müssen wir für die älteste zeit den begriff noch weiter fassen (schnurähnliches im thierischen körper z. b. auch darm), oder es liegt eine bildliche anwendung vor, indem bei dem spannenden, treibenden theil des bogens an die spannende bewegende sehne gedacht wurde: senna, arcus corda Graff 6, 266; senn oder senne am armbrust. Hulsius dict. (1616) 296a; die senn auffziehen. ebenda; schlotternde sive schwache senne Stieler 2007; ein pfeil von der sennen schieszen. Maaler 370b; an demo bogen uuirt diu seneuua sô filo mêr zuogezogen, so filo man drâtor scieʒen uuile. Notker ps. 59, 6; humoristische schilderung eines unmöglichen bogens: er sall han eynen ywanbogen mit eyner syden senwen, mit eyner silberin strale, mit eyme lorbaumen tzeyn mit phaen federn gefyedert. weisth. 1, 502; der hanf wurde zu senigen für die pfeile gebraucht. quelle bei Schmeller 2, 287; men schüt ôk wol mit slapper sennen. Tunnicius 755; wenn man die sennen am armbrust zu hart spannet, so reyszet sie gern. Agricola sprichw. 236 (1534); die gottlosen spannen den bogen, und legen jre pfeile auff die sehnen. ps. 11, 2; mit deiner sehnen wirstu gegen jr andlitz zielen. 21, 13; do si nit pender und senig, weder werch kain hanf noch flachs zu irem schieszzeug .. hetten. Aventinus bair. chron. 1, 322, 23; einige spannen die sehne zu straff und drücken den pfeil mit gröszerer gewalt ab als nöthig ist. Wieland Lucian 1, 50 (1788); die verlängerte senne erschlaffte (im bilde). Herder 16, 102 Suphan; alle wissen wir, welche witterung es sei, die die senne des besten bogens erschlafft. 18, 182;

daʒ begunde dem recken
sîne brust bêde erstrecken,
sô die senwen tuot daʒ armbrust. Parz. 36, 1;

er treip hin an des landes grieʒ
diu schif bereit ûf kampfes bîl,
alsam diu senwe tuot den pfîl,
der ûʒ der nüʒʒe snellet. troj. krieg 25290;

sô leget er den phîl darin
und ziuhet den bogen hin
von im mit der linken hende
und biugt zuo im ietweder ende,
swenn er zuo im der senewen bant
ziuhet mit der rehten hant.
Lamprecht v. Regensb. tochter Syon 3644;

in die schock si schuʒʒen,
daʒ die senib erduʒʒen
und nâch dem snall erklungen.
Ottokar reimchron. 16118;

eym bricht der bogen, senw, und nusz.
Brant narrensch. 75, 13;

dasz die senne der brust annaht'.
Voss Il. 4, 123;

doch eiferig hofft' er im geiste
schon die senne gespannt und den pfeil durch die eisen geschnellet. Od. 21, 127;

und doch nicht
konnt' er die senn' aufziehn. 247;

leicht wie der Iris sprung durch die luft, wie der pfeil von der senne
hüpfet der brücke joch über den brausenden strom.
Schiller 11, 80;

von deiner senne
kommt pfeil auf pfeil in meine brust geflogen.
Platen 102b;

sich spannen werden schon gezuckte sennen.
Rückert poet. werke 1, 25 (1882).

[Bd. 16, Sp. 151]



3) starke schnur. riemen: seniwa, habena, retinaculum Graff 6, 266; arch, leine senne, werden die starken stricke an denen jagdzeugen benennt. Heppe wohlr. jäger 39a.
4) von 2 aus erklärt sich die anwendung von sehne im mathematischen sinne: senne, in der mesz-kunst, chorda, eine linie innen am cirkel - kreisz. Frisch 2, 265a; eine linie, die zwei punkte des kreisumfanges verbindet ohne durch den mittelpunkt zu gehen, heiszt kreissehne, bogensehne die einen bogen abschneidende gerade linie (vgl. Diemer deutsche ged. 343, 19).
5) senne, das glied des männlichen geschlechts unter theils creaturen. Frisch 2, 265a; ebenso lat. nervus; ochsen - senne, nervus tauri. ebenda; als prügelwerkzeug wie ochsenziemer, vgl. oben theil 7, 1137 und Schm. 2, 287.
6) sehne für saite (vgl. saite 1, b theil 8, 1666): kein sterblicher kann diese akkorde, welche die seele von dem körper entfesseln, hervorbringen ohne mich: ohne mich, der ich da wirke und lebe .., wo die sehnen der schöpfung in ewiger eintracht erklingen. Klinger 10, 130.
 
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sehnen, verb. , ein dem deutschen vor den übrigen germanischen sprachen eigenthümliches wort, characteristisch für das deutsche gemütsleben durch einen gewissen, dem worte eignen stimmungsinhalt, besonders beim gebrauche des part. präs. und des infinitivs. das verbum, dessen herkunft dunkel ist, wird uns erst aus der mhd. periode bezeugt, vergl. Graff 6, 239; in der dichtersprache dieser zeit erfährt die wortgruppe des sehnens eine starke ausbildung des gebrauchs, vgl. mhd. wb. 2, 2, 249 ff. und Lexer mhd. handwb. an den entsprechenden stellen. mhd. senen, sich senen heiszt sich grämen, härmen, nach etwas verlangen, besonders wird es auf die pein und verlangen der liebe bezogen und mit seiner sippe in der minnepoesie bis zur abnutzung gebraucht. Schiller-Lübben mnd. wb. 4, 189a verzeichnen dagegen nur ein vereinzeltes senentlîken, adv. in der empfindungshärteren zeit des älteren nhd. tritt das wort wieder zurück, Luther braucht sich sehnen in der bibelübersetzung, das baslerische neue testament von 1523 erklärt aber sehnet sich durch begern, begird haben, bei Maaler fehlt das verbum; weiteres über den gebrauch dieser zeit ergibt sich aus den unten gegebenen belegen; sehnen, verlangen, verlangen haben Hulsius dict. (1616) 295b; sehnen, cupidine ardere Schottel 1414; sich sehnen Stieler 1993; sehnen, einem ding das uns lieb gewesen, aber von uns weggegangen, oder auf andre art weggekommen, nachsehen, nachseufzen, dasselbe verlangen wieder zu haben .. wird allezeit mit sich und mit nach gebraucht. Frisch 2, 258a; sich sehnen, 'einen hohen grad des herrschenden verlangens nach einer sache empfinden'. Adelung; Campe betont, dasz sich das verbum durch die oft hinzutretende vorstellung des schmerzlichen von wörtern wie verlangen, begehren unterscheide. untergegangen ist im nhd. die bedeutung 'sich grämen, bekümmert sein, schmerz empfinden', am gewöhnlichsten die anwendung im sinne von verlangen, das häufig ein schmerzlich gespanntes ist. Hintner 205 bemerkt, dasz es im Defregger dialect nur von liebenden mädchen gebraucht wird. die reflexive construction ist die gewöhnliche, einfaches sehnen hält sich vereinzelt in mundarten, in der schriftsprache beim infinitiv und dem part. präs.; auszerdem wird nicht reflexives sehnen nur in dichterischem gebrauch aus der älteren sprache aufgenommen. zusammensetzungen sind z. b. einen, etwas ersehnen. sich aufsehnen (zum schöpfer); sich ab-, zersehnen u. s. w. durch den krieg angesehnet, belli cupiditate adductus Stieler 1993. bei O. von Wolkenstein begegnet die form senden (33, 1, 14), die vielleicht durch das part. senede, sende hervorgerufen ist; ebenso in älterer sprache sendlich neben sehnlich.
1) sich verzehren: sene, marceo, langueo Graff 6, 239; bekümmert sein, sorgen:

ich getrûwe ir wol, si sente
um mich, ze swelcher zît si sach
daʒ der künc sîn zuht an mir zebrach. Willehalm 287, 20;

den
wil ich leren, daʒ
er sî vrô, darzuo gemeit,
sich nicht sêre sen
ûf der valschen haʒ. minnes. 2, 239b Hagen;

ebenso das part. präs. im mhd., vgl. mhd. wb. 2, 2, 250b. jammern:

ein alte weisz ists, das die krancken
stets kröchtzen, sehnen, kreisten, ancken.
B. Waldis Esop. 3, 10, 8 Kurz;

Luther braucht sich sehnen im ähnlichen sinne von sorgen, bekümmert sein: denn wir wissen, das alle creatur sehnet sich mit uns (συστενάζει), und engstet sich noch jmer dar. Röm. 8, 22.

[Bd. 16, Sp. 152]



2) meist verbindet sich damit die vorstellung des verlangens, der begriff des schmerzlichen kann gänzlich schwinden.
a) einfaches sehnen (vgl. das oben vor 1 bemerkte): wachen aber ist anhangen dem ewigen gute, und nach demselbigen sehen und sehnen. Luther 3, 18a; er sänet nach tugend. Plutarch (1534) 2;

ich seh. ich sehn nach jhm (nach gott).
Weckherlin ged. (1648) 53;

mein gott wie mag dasz seyn? mein geist die nichtigkeit!
sehnt zuverschlingen dich den raum der ewigkeit!
Angelus Silesius 69 neudruck;

doch du sehnst nicht nach uns.
Haller ged. 211 Hirzel;

nach der heimat immerdar
sehnt mein herz auf's frische.
Rückert ged. (1841) 353;

o der reizenden begier,
wie nach mir du sehnest. ges. ged. (1840) 1, 422;

ob es die liebe ist, die ihn nach seiner heimgegangenen sehnen macht. Anzengruber 4, 314; er het derno g'sanet. Hunziker 216 (daneben sich sene 239); hê sênd d'r mit smarten na. ten Doornkaat Koolman 3, 174a; die kuh sehnt nach dem kalb, schreit 'mit wehmuth' nach ihm Schmid 492. mhd. senen ûf, verlangen nach (vgl. unten sich sehnen auf etwas unter b);

ich sol mich tuon des willen abe,
der ûf den gast von grunde senet. troj. krieg 8681.


unbestimmtes verlangen:

mein herze seufzt und senet,
verhaft mit liebesbrunst.
Uhland volksl.2 91.

unpersönlich:

doch wenn's im innern sehnt und dröhnt,
geb' ihm ein gott — zu weinen.
Göthe 3, 290.


schon oben ist bemerkt, dasz beim participium präsentis und dem infinitiv der alte nicht reflexive gebrauch des verbums erhalten ist; für die mhd. minnedichtung ist das participium, liebeskummer und liebesverlangen bezeichnend, typisch, vgl. mhd. wb. 2, 2, 250b, ein gebrauch, der lange nachwirkt. sehnend, sich sehnend, aspirante, tendente Kramer deutsch - ital. dict. (1702) 2, 755c; ein sehnendes herz Campe; in zusammensetzung: liebessehnend;

lont ewer sendes trauren sein
und gedenkent euch keins leides.
Uhland volksl.2 610:

ach durch holdselig augenblicken
machet jr mein sehnend hertz heyl.
H. Sachs fastn. sp. 1, 38, 51 neudruck;

schaw, in solchem senenden schmerz
ich mein elent leben verzer. 5, 128, 150;

einst kannt ich nicht der liebe macht;
an Daphnes aug' und rosenwangen
blieb nie mein auge sehnend hangen.
Gotter 1, 58;

Gabriel, er, und der sonne beherrscher erwarteten sehnend,
unter gesprächen vom heil der menschen, des ölbergs anblick.
Klopstock Mess. 1, 720;

zwar nicht ahndetet ihr, welche gestalt voll glanz
euch, den knaben, im traum sehnende freude sang.
Voss 3, 47;

dich trag' ich im herzen, das sehnend sich quält.
Bürger 33a;

sehnend an der sternenbühne
suchte die geheime thräne
keine götter noch.
Schiller 1, 237;

buhlerisch drückt sie (die welle) die sehnende brust.
Göthe 1, 71:

da er, Lida, dich mit sanfter neigung
mir, dem lange sehnenden, geeignet. 2, 110;

(du) wendest dein jungfräulich angesicht
nach seinem ew'gen lichte sehnend still. 9, 59;

schwankende beugung
schwebet vorüber.
sehnende neigung
folget hinüber. 12, 75;

sehnend ergriff mich ein tiefes heimweh.
H. Heine 1, 170 Elster;

sie stimmen zu einer unruhigen, weichen und sehnenden empfindung. Göthe 52, 316. für uns fremd:

der kaum der ernde glühend geschäfte
sehnend vollbracht nach kühlender ruh.
Creuz 1, 158 (1769).


infinitiv: das sehnen, desiderium rursus videndi, denuo habendi. Frisch 2, 258a; mein sehnen, mein streben bist du. Campe; todes-, liebessehnen u. ähnl.; ein sehnen, eine unbestimmte (durch keinen objectbegriff bestimmte) empfindung eines bedürfnisses. Fichte sittenl. 132; darumb gewan er so grosze begirde und senen noch ir. d. städtechron. 8, 288, 21;

[Bd. 16, Sp. 153]


ein unnennbares sehnen zu den rosen ergriff mich. Tieck 4, 203;

o senen du vil bitters kraut,
we dem der dich in herzen baut. Germ. 6, 304;

auch krencket mich sehnen und meyden (spricht ein buhler).
H. Sachs 17, 259, 18 Keller-Götze;

eyfersucht oder das seenen. fastn. sp. 1, 132, 11 neudruck;

vor groszem sehnen thu ich schwitzen.
o theilt mir mit ewer genad. 1, 39, 82;

er zählt den laufder heiszen thränen
und faszt zuhaufall unser sehnen.
P. Gerhardt 275, 20 Gödeke;

den treibt nur ein vergeblich sehnen.
Günther 146;

mich labet nicht ruhe, mich labet nicht rast,
bevor du gestillet dies sehnen mir hast.
Bürger 33a;

welch ein sehnen, welch ein schmachten,
wann sie mich nicht sah und fand! 43b;

bis steigt von saiten das sehnen des todtengesangs.
Herder 25, 424 Suphan;

all mein sehnen, all mein denken
soll der schwarze Letheflusz ertränken,
aber meine liebe nicht.
Schiller 1, 128;

nach der feldschlacht ist mein feurig sehnen. 11, 8;

jede kraft in meinem busen,
lösen sie (die töne) in weichem sehnen. jungfrau von Orleans 4, 1;

o Bertha, all mein sehnen in das weite,
was war es, als ein streben nur nach euch? Tell 3, 2;

der schöne schäfer zog so nah
vorüber an dem königsschlosz;
die jungfrau von der zinne sah,
da war ihr sehnen grosz.
Uhland ged. (1864) 197;

da hab' ich ihr gestanden
mein sehnen und verlangen.
H. Heine 1, 66 Elster.


b) reflexiver gebrauch; sich sehnen, heftig, schmerzlich verlangen; ohne nähere bestimmung: du hast langeweile, du sehnst dich. Gotter 3, 138 (1802);

gar mancher mensch sich thörlich sent.
Schwartzenberg 151a (1535).

bei der verbindung mit präpositionen kann die vorstellung zu grunde liegen, dasz man begehrt nach einem bestimmten orte oder unter gewisse verhältnisse oder personen versetzt zu werden; in gleichem sinne verbunden mit richtungsadverbien wie heim, fort, weg, hin, her, zurück und ähnl.: sich nach hause sehnen Stieler 1994; sich nach dem vaterlande sehnen; meine seele verlanget und sehnet sich nach den vorhöfen des herrn. ps. 84, 3;

mit heiszen thränen wirst du dich dereinst
heim sehnen nach den väterlichen bergen.
Schiller Tell 2, 1;

(wie) wir uns nach diesen ufern hingesehnt.
Göthe 7, 262;

oft
hab' ich mich hingesehnt; nun bin ich da. 9, 104;

sich auf die berge, auf's meer sehnen;

sehnst du im frühling dich auf's land, auch dort
ist uns ein haus, ein garten uns bestimmt.
Göthe 9, 280.

sich in die ferne, in den wald, in's gebirge, in's gefecht sehnen;

oft sehnt' ich mich in ferne weiten hin.
Göthe 9, 338.

ich sehne mich zu den meinigen. Campe; hê sênd sük to bedde. ten Doornkaat Koolman 3, 174a;

so wie ein pflüger sich sehnt zur nachtkost.
Voss Odyssee 13, 31;

aus der verderbnisz dieser zeit
hatt' ich zu gott mich hingesehnet.
Uhland ged. 398 (1864).

richtung von einem bestimmten orte, aus bestimmten verhältnissen fort: ich sehne mich weg von hier, fort aus diesem trubel.
in andern fällen liegt keine so bestimmte örtliche vorstellung zu grunde, der nachdruck liegt auf dem gegenstande der sehnsucht: sich nach einer jungfer sehnen, bramare una donzella Kramer deutsch-it. dict. (1702) 2, 755b; sich nach einem ehrenamt, nach reichthum, nach groszen dingen sehnen. ebenda; ich sehne mich nach schmerzen. sich nach ruhe sehnen; wan sen dich nit dar nâch, daʒ ich dir von iedem wort ain halbeʒ plat schreib. Megenberg 5, 31; Justina, du schönste ob allen frouwen, mein herz hat sich ser nach dir gesenet. heiligen leben (1472) 204a; was er hat, das gefelt im nicht, was er nicht hat, da sehnet er sich nach. Luther 20, 23 Weim. ausg.; itzo aber sind ihrer mehr, die sich nach meiner gesellschaft sehnen. Felsenburg 3, 233;

sein leib pringt freuden vil,
darnâch sich sent mein gier.
Oswald von Wolkenstein 39, 1, 36;

[Bd. 16, Sp. 154]



auch hier (im herzen) war's nacht und sehnte sich nach licht.
Grillparzer 6, 51.

sich auf etwas sehnen ist ungewöhnlicher: die frau grüszt sie bestens und sehnt sich auf ihre wiederkunft so wie ich. Schiller briefe 6, 71 Jonas; vgl.:

der muot sich gerne darûf sent,
und stât ouch dar nâch ir gerinc.
Konrad v. Würzburg Silv. 3580

vgl. oben senen ûf unter a); sich senen umbe:

ir jeht, ir sent iuch umben grâl. Parz. 468, 10

(verlangt mit sorge, kummer, vgl. oben unter 1); s. im übrigen Grimm gramm. 4, 839. 964.
reflexiv mit abhängigem infinitiv: wir sehnen uns heftig, dich zu sehen. Stieler 1993; ich sehne mich mit dir vertraulich zu reden. 1994; gestern war oper, sie dauerte bis nach mitternacht, und ich sehnte mich zu ruhen. Göthe 27, 80.
reflexiv, mit angabe der wirkung: sich müde, krank sehnen.
3) besonderes.
a) eine im mhd. gewöhnliche verbindung ist ich sen mîn herze nâch, z. b.:

die mir vröude enbunnen
und mir die guoten verrent nâch der ich mîn herze sene.
Neidhart von Reuenthal 56, 7

ähnlich:

doch war mein herz nach liebe hingesehnt.
Tieck 2, 72.


b) der gegenstand des verlangens im accusativ bei einfachem sehnen:

sie wären beide,
nachdem sie auf dem lebensmeere lang'
herum getrieben, alt und ruhesehnend
in diese stille gruft herab gestiegen.
Wieland 18, 29.

vgl. einen herbei sehnen.
c) in besonderer wendung:

es sind seufftzer, blutstropffen, threnen,
die arme leut vom hertzen sehnen.
Rollenhagen froschm. T 6a.


d) unpersönlich, es sehnt mich:

nach dir, herr, sehnet uns.
Weckherlin ged. 282 (1648);

mich sehnt darnach, sie zu sehen. Schiller briefe 7, 118 Jonas.
e) die vorstellung des heftigen verlangens geht bisweilen in die des hoffens über:

auf das ich nicht gleich werde denen,
die inn die gruben fahren hie,
bei den verloren ist das sänen.
Fischart 3, 187, 10 Kurz;

ich sehne mich morgen nach hause, ich hoffe morgen in meine heimat zu kommen. prov. wb. 2, 151 (Oberpfalz).
 
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sehnen, sennen, verb. zu sehne, f. gebildet, mhd. senewen, senwen, senen mhd. wb. 2, 2, 252a. Lexer mhd. handwb. 2, 880: ein hülzen instrument mit zweien hagken als die armbroster brauchen die bogen zu sennen (zu spannen). Braunschweig chir. (1498) 99b. gesembdeu armbrust, mit der sehne bezogne, gespannte, zum schusz fertige armbrust. quelle bei Schmeller 2, 287; ebenda gesenigt und gesennet. aus dem häufig gebrauchten part. perfectum wol entwickelt sich schweiz. senden, die armbrust spannen, schieszen (s. DWB senden). einfaches sehnen ist im nhd. ungebräuchlich, vgl. aber besehnen, mit einer sehne beziehen; zu sehne 1 gehört aussehnen: ausgesehntes fleisch, aus dem die sehnen entfernt sind.
 
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sehnen, verb., s. DWB segnen.
 
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sehnenausbreitung, f. aponeurosis: sie stehen immer mit muskeln in beziehung. fast immer verbinden sie sich mit ihnen: einige aber umhüllen überdies andere muskeln, andere bilden, in verbindung mit den muskeln, an welche sie sich heften, hüllen für andere organe. Meckel anatomie (1815) 1, 455.
 
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sehnenbeinchen, n.: ossa sesamoidea, sehnen-, flechsenbeinchen, sehnen-, kapselkerne. Hyrtl kunstworte der anatomie 202; vgl. DWB sehnenknöchelchen.