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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
sehenswert bis seherisch (Bd. 16, Sp. 145 bis 147)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) sehenswert, adj. Corvinus fons lat. (1660) register;

ihm wird ein hofgepräng, in lichtervollen zimmern,
weit sehenswerther seyn, als wenn die sterne schimmern.
Uz poet. werke 244 Sauer.


 
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sehenswürdig, adj.: das schlosz ist sehenswürdig; ah schön! schön! sehenswürdig! Schiller Fiesko 1, 4. dazu sehenswürdigkeit, f.: die sehenswürdigkeit der ruine zieht viele wandrer an; die stadt bietet manche sehenswürdigkeiten;

besitzen sehenswürdigkeiten,
kann werden unbequem und leid,
doch schlimmer ist gewisz zu zeiten,
selbst sein die sehenswürdigkeit.
Hoffmann v. Fallersleben mein leben 6, 330.


 
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seher, m. seher, schawer, qui voit. Hulsius dict. (1616) 295b; seher, visor, spectator Stieler 2022; in diesem neutralen sinne kommt das wort natürlicherweise nur selten vor: es kommt sehr viel auf die augen und die gemüthsverfassung des sehers gegen dich an. Cefise wird dich gewisz nicht des zehnten theils so schön finden als Chaerefon. Wieland suppl. 4, 48; seher, epopten und zeugen der leiden (Christi). Hamann 7, 126, vgl. unten Herder 8, 40; in zusammensetzungen, z. b. vogelseher, augur Steinbach 2, 563; kristallenseher, crystallorum magicorum indagator Stieler 2022; geisterseher, sternseher; für letzteres dichterisch seher;

sphären rollt sie (die freude) in den räumen,
die des sehers rohr nicht kennt.
Schiller 4, 2;

ruhe führt des sehers sinn
höher durch die welten hin,
wo er Orionen miszt.
Seume ged. (1826) 50

(vgl. DWB seherauge). gewöhnlich wird das wort in verengter bedeutung gebraucht; so verwendet es Luther in seiner bibelübersetzung für männer, die verborgnes oder zukünftiges schauen: vorzeiten in

[Bd. 16, Sp. 146]


Israel, wenn man gieng gott zu fragen, sprach man, kompt lasst uns gehen zu dem seher, denn die man jtzt propheten heiszt, die hies man vorzeiten seher. 1 Sam. 9, 9; Adam ist ein groszer prophet, unnd der elteste seher gewest. Mathesius Sar. 8a (1571); seher in sacris sumitur pro propheta. Stieler 2022. erst durch die dichtersprache des 18. jahrh. ist das wort wieder gangbar geworden. Adelung empfindet das wort, abgesehen von der bibelsprache, als ein neueingeführtes und weist auf die seherin gottes, wie Klopstock seine muse bezeichnet (doch s. unten seherin); Campe bringt reichliche belege. der gewöhnliche sinn ist der von vates, jemehr sich dieser im sprachgebrauche festsetzt, verschwinden andre anwendungen;

am grabe der seher
wächst dort unten ruhiges moos in der kühlenden erde.
Klopstock Messias 1, 66;

vom blicke gottes:

von deinem antlitz wandelt, unendlicher,
dein blick, der seher, durch mein eröffnet herz. werke 1, 56.

vom eigentlichen sinne (= der sehende, gesehen habende) hinleitend zu dem von vates:

ich sah! — (der seher bebt, es anzusagen:
noch ist sein auge nacht! —) ist volk um mich,
das hör' und heul' den trümmern klagen,
beasch' und bücke sich!
denn ein gesicht zur zeit der sabbatsstille
sah ich, entzückt den blick emporgewandt:
sah: in Obaddons wolkenhülle,
das feurschwert in der hand,
sank auf des sturmes flügelwagen nieder —
ein todesengel.
Herder 29, 13 Suphan;

daneben im sinne des über das gewöhnliche masz eindringenden betrachters: die bemerkung unsers philologischen sehers in den orientalischen sprachen (Michaelis). 1, 168; betrachter: wenn allen sehern (allen denen, die eine silhouette als physiognomiker betrachten) sinn beiwohnte, dies nichts erst in ein treues etwas zu verwandeln. 8, 40 (jener seher, nämlich Lavater. Göthe 48, 140); vgl. Suphan in der zeitschrift für d. philologie 6, 192; vates: so müszt ihr ein seher oder der gute engel meines buhlen sein, dasz ihr das alles so wisset. Musäus volksm. 1, 27 Hempel;

arm in arme, höher stets und höher,
vom Mongolen bis zum griechschen seher.
Schiller 1, 287;

ein gott gebeut jezt durch des sehers mund,
auf schneller flucht die heimat zu gewinnen. 6, 355;

des helden that, des sängers heilig lied,
des sehers schaun, der gottheit spur und walten,
die sammlung hat's gethan und hat's erkannt.
Grillparzer 6, 46.

weidmännisch von den augen gewisser thiere: der kopf (des dachses) ist breit, fast wie beim fuchs dreieckig, in einen kurzen stumpfen wurf auslaufend, mit kleinen abgerundeten, seitwärts stehenden lauschern, kleinen schwarzbraunen sehern. Thüngen weidm. practica 163; seher, die augen des hirsches. Nemnich; seher, benennung der augen des federwildes der niederjagd. Behlen lex. der forst- u. jagdk. 5, 606; augen des hasen, des bibers und verschiedener kleiner jagdthiere. Kehrein wörterb. der weidmannssprache 270. anders in fernseher, tubus opticus Stieler 2022.
 
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seheramt, n. Collin bei Campe.
 
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seherauge, n.:

wir folgen blind, wohin die göttliche
uns führt! ihr seherauge soll uns leiten.
Schiller 13, 220 (jungfr. von Orleans 1, 10);

nur selten dem eigentlichen sinne von seher (betrachter, beobachter) folgend: nun war es zeit, dasz dieser (der vollmond) sich wieder zur abnahme neigte, und zwar dergestalt, dasz die eine hälfte ganz dem beobachtenden seherauge verschwand. Musäus volksm. 4, 15 Hempel.
 
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seherblick, m. Collin und Schiller bei Campe;

die schranke fällt vor ihm zurück
des raumes und der zeit,
die ferne bannt sein seherblick.
Ludwig 1, 67.


 
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seherei, f. das fernsehen, prophetische sehen: wenn sie (die vernunft) .. die sich so versteigende einbildungskraft in die schule nimmt, und ihr das thörichte ihrer seherey recht streng verweist. Klinger 12, 104; seiner bildung entsprechend nimmt das wort einen tadelnden sinn an; in zusammensetzung: gespenster-, geisterseherei u. ähnl.
 
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seherfahrung, f.: seherfahrungen der kinder. Herder bei Campe.
 
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sehergabe, f.: hiezu mochte wohl beitragen, dasz in ihrem vaterland ein gewisser grad prophetischer sehergabe nicht selten ist. Brentano ges. schr. 4, 296.

[Bd. 16, Sp. 147]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) seherin, f. (vgl. DWB seher, m.):

die du himmlische lieder mich lehrst, gespielin der engel,
seherin gottes, du hörerin hoher unsterblicher stimmen.
Klopstock Mess. 1, 243

(wie aus hörerin hervorgeht, will Klopstock nicht seine muse als prophetin bezeichnen, sondern lediglich als eine, die gott schaut ebenso wie sie die himmlischen chöre hört); gewöhnlich dagegen ist seherin das übernatürlich begabte, verborgnes und besonders zukünftiges schauende weib:

sie nennt sich eine seherin und gottgesendete
prophetin.
Schiller jungfr. v. Orl. 1, 9;

und von ihrem gott ergriffen
hub sich jetzt die seherin. schriften 11, 395;

(er) kündigte die dame bald als eine kranke, bald als schweberin oder seherin an. Musäus volksm. 1, 70 Hempel.
 
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seherisch, adj.: in seine augen trat ein seherischer glanz, sie blickten unbeweglich mit geisterhaftem blicke vor sich hin. Immermann Münchh. 4, 55 (1841).