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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
schnäbeln bis schnabelweide (Bd. 15, Sp. 1148 bis 1150)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) schnäbeln, verb. mit dem schnabel berühren, früher als die vorige unumgelautete form und schon im späteren mhd. als snäbeln nachgewiesen (vgl. nachher).
1) von vögeln gebraucht, liebe, zärtlichkeit durch berühren der schnäbel kund geben: schnäbeln, primario dicitur de columbis rostra sua jungentibus, lusitare labellis morsicatim. Stieler 1894; transitiv:

komm (anrede an eine taube), hüpfe schön
auf meine brust,
komm, wölb' die seidnen flügel
und schnäble mich!
Fr. Müller 2, 358.

sich schnäbeln, einander schnäbeln: sich miteinander schnäbeln, ora oribus insertare Stieler a. a. o.;

allein die dame sah,
bis sie vorüber war, zur linken im gebüsche
zwey schönen gehaubten täubchen, die dort sich schnäbelten, zu.
Wieland 5, 20;

siehe, wie bey seinem bette
selbst die tauben traurig sind,
die sich sonst so fröhlich schnäbeln! Göttinger musenalm. 1771 83 neudruck.

subst. infinitiv: diu taub enzünt ir lieb mit snäbeln sam die menschen mit küssen. Megenberg 180, 2;

wie buhlen dort die turteltauben!
wer kann ihr girren nicht verstehn?
die liebe macht es doppelt schön,
und will und soll uns auch erlauben,
das schnäbeln ihnen abzusehn.
Hagedorn 3, 35.


2) übertragen auf menschen,
a) durch zärtliches küssen seine liebe zeigen: schnäblen, küssen, labra labellis componere, einanderen schnäblen, collabellare Maaler 358d; ich schnäbele, columbor, collabello oscula, sie schnäbeln sich wie die tauben, columbatim conferunt oscula labris Steinbach 2, 471; reiche deinen hals mir her und deine augen, dasz ich dich schnäbeln kann. Gesner 3, 39; und kann nicht genug sagen wie sich mein erdgeruch und erdgefühl gegen ... die zuckende, krinsende, schnäbelnde, und schwumelende mägdlein, und gegen die hurenhaffte, strozzliche, schwänzliche und finzliche junge mägde ausnimmt. Göthe briefe 3, 46 Weim.; sobald sie aufhörten sich zu schnäbeln. Keller werke 7, 52;

er schleicht stets mit jhr in ein eckn
und thun die mäuler zammen reckn,
schnebeln mit einander wie taubn.
Ayrer 2737, 22 Keller;

wo gleich und gleich sich sucht, und gleich und gleich sich findet,
da wird so lang' geschnäbelt und gegirrt,
bis dasz feins liebchen sich die schürze höher bindet.
Kl. Schmidt kom. dicht. 57;

subst. infinitiv:

die stunde, worinnen umarmung und schmeicheln,
behägliches schäckern, empfindliches heucheln,
und stärckender athem, und brünstiger wind,
und redliches schnäbeln verschwenderisch sind.
Günther 925;

[Bd. 15, Sp. 1149]



unser gott ist nicht die liebe;
schnäbeln ist nicht seine sache,
denn er ist ein donnergott
und er ist ein gott der rache.
H. Heine 1, 472 Elster.

die lippen schnäbeln, berühren sich im kusse: halt deine lippen doch auf meine lippen, dann, Damon! schnäbeln beyde. Gesner 3, 39.
b) schwatzen, plaudern: fiengen sie an auff gut parisich zubetten, zufluchen und zuschweren, dasz es donneren möcht, ... schnatterten, tadderten, kläpperten, unnd schnäbelten zusammen, wie die vögel wann sie dem garn entwischen, und etlich gesellen dahinden lieszen. Fischart Garg. 1, 233 neudr.; niederd. snäbbeln, schwätzen Woeste 244b.
3) mit einem schnabel versehen; gewöhnlich im particip prät.: geschnäbelt, als ein schiff oder dergleichen, rostratus Frisch 2, 210c; secht wie schön der geschnäbelt könig gutterschnatteret. Fischart Garg. 1, 150 neudruck; der knabe schien seine flöte versuchen zu wollen, ein instrument von der art, das man sonst die sanfte, süsze flöte zu nennen pflegte; sie war kurz geschnäbelt wie die pfeifen. Göthe 15, 323.
 
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schnabelresch, adj. und adv. rasch mit dem schnabel zur rede bereit, vorlaut, s. DWB resch theil 8, 818:

ein jüngling denck und red gar wenig,
geb nicht antwort auff all gewesch,
sonst spricht man, es sey schnabelresch
und bleibt der nam ihm klappertesch.
Kirchhof wendunm. 3, 121 Österley.

vgl. DWB schnabelschnell.
 
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schnabelrinke, m. eiserner ring an der hinterachse eines wagens (vgl. rinke 3, th. 8, 1017): die hinter-achse, an welcher die zwey grossen räder umlauffen, hat einen schnabel von zwey spitzig zusammen lauffenden höltzern, welche mit einem eisernen rincken, der schnabel - rincken genannt, zusammen gebunden sind. öcon. lex. 2567; in der form schnabelringe, der eiserne ring womit der schnabel (am wagen) zusammengebunden wird. Jacobsson 4, 13b.
 
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schnabelschall, m.:

da pfiffen amsel, drossel, staar,
und gümpel, und die ganze schaar
versprach sich auch des adlerohres
gehör bei ihrem schnabelschall.
Karschin ged. 275.


 
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schnabelschnell, adj. und adv. schnell mit dem schnabel, unüberlegt und vorlaut redend (vgl.schnabelresch): wan wenn du dinen hunt das ist dinen ernst nit von jugent uffrecht gewent und erzogen hest, das du z gehe und zorn wehe und schnabel schnell bist on mosz und bescheidenheyt dinen nechsten stroffest mit sölcher grymme und ungestymme in anschnauwest. Keisersberg bilg. 146a; die weiber haben im paradies ererbet, das sie noch schnabelschnel sind, geben bald antwurt, z zeiten ehe man sie recht gefragt. Wickram irr reit. bilger 12b; und man sagt, es sei die jung domals ganz schnabelschnell gewest. Zimm. chron.2 3, 267, 21.
 
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schnabelschuh, m. vorn spitz, schnabelartig zulaufender schuh, wie er bis gegen ende des mittelalters in Deutschland vielfach getragen wurde (s. Schultz höf. leben2 1, 296 und schnabel 5, l): in dieser zeit war grosze hoffart im lande, sonderlich mit den schnabel schuhen, einer hatte einen schnabel vorn an den schuhen, eines fingers lang, der ander einer spannen lang, der dritte einer halben elen lang, dar nach als einem gefiel, auch trugens weiber an den korcken, item reuter hattens an den stieffeln. Hennenberger preusz. landtafel 278;

die dünnen schürtzen, flohrne röcke,
schnabel-schuh und krausen löcke,
und was vor allamoden-sachen
die staats-welt sonst pflegt mehr zu machen.
Brodtkorb teutsche wahrheit (1700) 107.


 
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schnabelstiefel, m. vorne schnabelartig auslaufender stiefel, s. DWB schnabelschuh: warum könnte nicht unsern zeiten der fang zufallen, dasz ihnen das glück einen incroyable mit pulsierenden hutkrempen und schnabelstiefeln und fleischernen cravatten - zacken bescherte, frag' ich? J. Paul Katzenbergers badereise 31.
 
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schnabelthier, n. name für das säugethier ornithorhynchus paradoxus Oken 7, 834.
 
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schnäbelung, f. das schnäbeln, rostrorum mutua conjunctio, osculatio, basiatio, amplexus Stieler 1895.
 
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schnabelwäscher, m. jemand, der den schnabel, den mund wäscht; verächtlich für barbier, bader: sonderlich die in der wundartzney erfahren, und jhre kunst auff den universiteten erstmals gelernet, und folgends in kriegen und heerzügen geübet, und nicht, die jhre kunst in der scheerstuben

[Bd. 15, Sp. 1150]


und bey den zahnbrechern gelernet haben, wie unsere bartscherer und schnabelwäscher, die sich fälschlich vor wundärtzt auszgeben, und auch viel leut verderben. Tabernaemontanus 245a; es werden von dem gliedkraut und allen seinen geschlechten, von den rechten wahren chirurgis und wundärtzten (ich meyne nicht scherenschleiffer, schnabelwäscher oder baderhütmacher) heylsam gute wundträncke bereitet. 371a.
 
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schnabelweide, f. weide für den schnabel, mhd. snabelweide.
1) in komischer rede für gutes, reichliches futter, fressen: esculenta, vesca, schnabelweid Frischlin nomencl. 403; der vögel: derowegen kluckerte er (der haushahn) durch seine sprach, die ich eben nicht austrücken kan, seine hüner zusammen, und sagte zu ihnen: potz 1000 säck voll regen - würm und allerley kräuter-samen! die garten-thür ist offen, kompt, es wird ein treffliche schnabelweid setzen. Simpl. 3, 659;

ein kluger stieglitz pfiff sie aus,
und sprach: ihr herrn! ihr irret beide
mit eurer schlechten schnabelweide,
ich weisz wohl einen bessern schmaus.
er sollte distelköpfe kosten,
das ist ein essen für starosten.
Lichtwer fab. 3, 23.

übertragen auf das fressen anderer thiere: dise heyligkeit bestund also ein zeytlang, da begundt dem gten Reinharten der bauch schmal z werden und das maul nach der gten schnabelweyd z stincken. Kirchhof wendunm. 1, 82 Österley;

der wurm gienc von dem loche,dâ er aber der weide phlac.
durch sîne snabelweidegie er von dem neste dan. Wolfdietrich A 582;

ich (ein floh) sprach: o muter, trautes herz,
es ist mir fürwar gar kain scherz,
dan ich an orten war gerait,
da sah ich ander schnabelwaid.
Fischart 2, 29 Kurz;

besonders ist die schäferey
ein werck vor seine (des bären) schnabel-weyde;
er schleichet sich des nachts herbey,
und findt ein loch in das gebäude.
Picander (1734) 2, 367.

futter, gutes essen der menschen: würde er (ein fürst oder kriegsoberster) aber zu geschwindt ubereylt, so sol er doch alle gelassene schnabelweyd also wercklich kuttiniren und spicken. Fronsperger kriegsb. 1, 176a; der leute datum stund auff guter schnabelweide, drumb beflisz sich Zilla, die köstliche köchin auff gute gerichtlein unnd naschbiszlein. Mathesius Sar. 9b; weil mir die schneider die kleider mit fleis zu weit machen musten, um der hoffnung willen, die man hatte, ich würde in kurtzer zeit zulegen, in welcher gefaszten hoffnung sie auch nicht betrogen wurden, sintemahl ich bey so guter schnabelweid und maulfutter augenscheinlich zunahme. Simpl. 1, 73 Kurz; aber der teutsche knecht sagte mir, dasz er (ein hase) uns nicht an die zähne brennen würde, dann sein herr hätte den kostgängern ausgedingt, dasz er so keine schnabelweide speisen dörffte. 351;

des weinent dicke mîniu kint,
bœs' ist ir snabel weide. minnes. 2, 259b Hagen;

wer es so gt, ein urtheil fellen,
als bancketirn mit gten gsellen
und trachten nach der schnabelweyd.
Kirchhof wendunm. 1, 193 Österley;

sprichwörtlich: man musz nicht neue schnabelweide schütten, es sei denn die alte verdaut. Wander 4, 283. dazu: wann er sich nun also uberworffen und purkratzet het, nach der regel (schüt nicht ein newe schnabelweid, du hast dann vor die alte verdäut, welche wird vernummen, an dünnem speichel, unnd magenprummen) so nam er als dann die morgensup ein. Fischart Garg. 160a; bezeichnung von feinerem schlachtvieh: obengedachte zahme schnabelweid. Simpl. 1, 176 Kurz (vorher hüner, gänsz, enten, spanferkel, geiszen, hämmel); für eine gegend, welche gute schnabelweide bietet: schnabelweyd, regio amoena et fertilis Maaler 358d; schnabelweid, name eines adelichen gutes im fürstenthum Bayreuth, weil schöne jagd, fischerei und andere bequemlichkeiten für einen herrn da sind. Frisch 2, 210c.
2) in bildlicher sprache, vom kusz:

ihr kusz ist mir
die schönste schnabelweide:
kein bock hüpft so voll freude,
als mir das herz bey ihr.
Weisze kom. op. 1, 11.

vom geschlechtlichen verkehr: wer gern mit dieser schnabelweid umgehet, kan wohl gedencken, wie mir ums hertz wurde, vornehmlich wann er erachtet, dasz ich damal noch vom trunck erhitzt und noch lang nicht durch den schlaff widerum zu meiner rechten vernunfft gelangt war. Simpl. 3, 415 Kurz;

[Bd. 15, Sp. 1151]


glück zu, vergnügte braut! die haut ist nun verkaufft,
das hertze weggeschenckt, doch nicht zu deinem leide;
dein täuber ladet dich auf eine schnabel-weide,
und kühlt den heiszen brand, der dir zum hertzen laufft;
dein schenckel wird nicht mehr den grimm des winters fühlen,
da dich und deine brust dein schöner vogel wärmt.
Günther 540.