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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
dichter bis dichterei (Bd. 2, Sp. 1063 bis 1065)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) dichter, m.
1. poeta, carminum auctor, mhd. tihtære, niederl. dichter, dän. digter. bei den Römern vates, weil er von dem göttlichen erfüllt und begeistert ist, bei den Griechen ποιητής, wie im ahd. scaffo, scuof (Graff 6, 454), ags. scôp, weil er erschafft und erfindet: und das ist auch bei dichter der grundbegriff. in diesem sinne übersetzt der Voc. ex quo v. j. 1469 aruspex durch divinator, ein wetterdichter. tichter poeta, compilator, dictator, fictor inventor carminis Voc. incip. teut. X 4.

sins diechters darf es (das gedicht) sich nit schamen.
Brant Narrenschiff 1, 36.

und was weiser denn alle menschen, auch weiser denn ein tichter 1 Könige 4, 31.

der dichter sagt es sei sein rath,
warzu ein (einen) gott verordnet hat,
das er im selben stand fortfahr.
Ayrer Fastnachtsp. 122a.

und Horaz war doch wol dichters genug Lessing 4, 9. hier ist der ort zu bemerken dasz man sich bei auslegung von dichtern zwischen dem wirklichen und ideellen zu halten habe Göthe 45, 322.

dichter lieben nicht zu schweigen,
wollen sich der menge zeigen 1, 12.

nur der sanfte dichter siehet
dich (die unschuld) im nebelkleide ziehn 1, 58.

dichter, wohin versteigst du dich? 1, 270.

einem dichter zu liebe verkürze die herrlichen stunden. 1, 282.

so legt der dichter ein räthsel,
künstlich mit worten verschränkt, oft der versammlung ins ohr 1, 296.

und erreicht wol der dichter den schmelz der farbigen blumen?
neben deiner gestalt bleibt nur ein schatten sein wort. 1, 307.

ach, und der dichter selbst vermag nicht zu sagen 'ich liebe',
wie du, himmlisches kind, süsz mir es schmeichelst ins ohr das.

dasz ich fühle welche du seist von den ewigen töchtern
Zeus, und der dichter sogleich preise dich würdig im lied 1, 315.

wen der dichter aber gerühmt, der wandelt, gestaltet,
einzeln, gesellet dem chor aller heroen sich zu. 1, 320.

bildete doch ein dichter auch mich, und seine gesänge
ja sie vollenden an mir was mir das leben versagt. das.

uns begleite des dichters geist, der seine Luise
rasch dem würdigen freund, uns zu entzücken, verband. 1, 331.

denn gaukler und dichter
sind gar nahe verwandt, suchen und finden sich gern. 1, 362.

[Bd. 2, Sp. 1064]



was mit mir das schicksal gewollt? es wäre verwegen
das zu fragen, denn meist will es mit vielen nicht viel.
einen dichter zu bilden, die absicht wär ihm gelungen,
hätte die sprache sich nicht unüberwindlich gezeigt. 1, 368.

alle freude des dichters ein gutes gedicht zu erschaffen,
fühle das liebliche kind das ihn begeisterte, mit 1, 396.

eh er singt und eh er aufhört
musz der dichter leben 5, 21.

wenn des dichters mühle geht,
halte sie nicht ein 5, 23.

einsam geht der gemütvolle dichter als ein priester der natur umher, berührt jede pflanze ... und weiht sie zu gliedern einer liebevoll übereinstimmenden familie 33, 149. der deutsche, mit sich selbst und seinen leistungen im hohen alter wolbekannte dichter, womit Göthe sich selbst meint 46, 229. gestalter aller seiner ideen! immer halbtrunkener dichter der sieht was er sehen will 48, 152.

mädchen, stark wie eiche stehet noch dein dichter.
Schiller 4b.

reich ihm die schale,
schenke dem dichter,
Hebe, nur ein 50b.

der fromme dichter wird gerochen,
der mörder bietet selbst sich dar 59a.

glückliche dichter der glücklichen welt! von munde zu munde
flog von geschlecht zu geschlecht euer empfundenes wort 84a.

freund, du kennst doch die goldene zeit? es haben die dichter
manche sage von ihr rührend und kindlich erzählt? 87a.

leben athme die bildende kunst, geist fordr ich vom dichter:
aber die seele spricht nur Polyhymnia aus 92b.

weil ein vers dir gelingt in einer gebildeten sprache,
die für dich dichtet und denkt, glaubst du schon dichter zu sein? 92b.

der moralische dichter 95b.

noch einmal laszt des dichters phantasie
die düstre zeit an euch vorüber führen 318b.

in jenes krieges mitte stellt euch jetzt
der dichter 318b.

der dichter der keusche jünger der muse 1205a.

man rettet gern aus trüber gegenwart
sich in das heitere gebiet der kunst,
und für die kränkungen der wirklichkeit
sucht man sich heilung in des dichters träumen.
Uhland Ged. 134.

weithin wird lobgesungen
wie du (Tell) dein land befreit,
von groszer dichter zungen
vernimmts noch späte zeit 451.

mahlt nicht ein dichter freuden und beschwerden?
Platen 29.

des königs kron, des dichters harfe wanken,
der weisen marmor, volk und schlosz und wall.
A. Grün Ged. 195.

und singend einst und jubelnd
durchs alte erdenhaus
zieht als der letzte dichter
der letzte mensch hinaus 207.

anders mag der spruch auch klingen,
'dichter, schaffet kein gebild
dem ihr seele nicht könnt bringen,
das nicht ganz von leben quillt' 208.

so schied auch er (Göthe), der nun dahingegangen,
der hohe mann, der kräftge dichtergreis,
auf dessen lipp, auf dessen bleichen wangen
der kusz des glücks noch jetzt verglühet leis 217.

doch jubelnd tönt des dichters mund 372.

der dichter steht auf einer höhern warte
als auf den zinnen der partei.
Freiligrath Zeitgedichte 9.

sing (Muse) und reich, die wir lange nicht übten, die flöte dem dichter
Mörike Idylle 38.

wie es (das empfundene) in der seele lebte,
in des dichters zweite seele,
den gesang, hinüberspielte ders. Ged. 10.

und lichter wards und immer lichter
in mir und auszer mir: da gieng
die sonne auf, von der der dichter
den ersten strahl für euch empfieng 52.

wie wenn der göttinnen eine, vorüberfliehend, dem dichter
durch ambrosischen dufte ihre begegnung verrät 154.

das sprichwort sagt reimschmiede genug, aber wenig dichter Simrock 1562. s. reimdichter.
2. das werk des dichters. in diesem schrank sind die dichter aufgestellt. es ist uns ein exemplar unseres dichters

[Bd. 2, Sp. 1065]


zu händen gekommen Ramlers und Lessings vorrede zu Logau xi. eine auflage dieses dichters das. iv.

die alten und die neuen dichter
mit witzgen fingern nachzuschlagen
Lessing 1, 116.


3. im 16ten und im 17ten jahrh. auch der verfasser einer nicht poetischen schrift. ein brieftichter ald ein buochtichter Vocab. optim. 37b. tichter derjenige der einen brief schreibt Wittenweiler Ring 13a, 16. in einem büchlein, worin bewiesen wird dasz 'der heilig apostel Petrus gen Rom nicht kommen' (o. o. und j. aber aus dem ersten viertel des 16ten jahrh.) heiszt es der evangelist Lucas der dichter des bchs von den werken der apostel D ij. treffliche und billich keiserliche tichter und schreiber Luther 5, 290a. wolan da haben wir den öbersten tichter dieses edicts, den geist des bapsts 290b. also haben sich diese schendliche tichter auch müssen durch ir eigen maul verraten und schenden 290b. auch die bücher haben sie schmachbücher genennet, da doch die namen der tichter aufgedruckt gewesen 5, 303a. die tichter dieses büchlins 303a. schreibt und verwickelt sich der dichter des buches dergestalt, dasz man nicht leichtlich abnehmen mag ob er der protestierenden oder der christlichen partei sei Melanchthon opp. 4, 451 Bretschneider. Schuppius 663 spricht von pasquillenmachern oder pasquillendichtern. schriftdichter werden in der ältern Baireuth. polizeiordnung die verfasser von bitt- und rechtsschriften genannt Schmeller 1, 355. noch bei Henisch 686 und Stieler 297 buchdichter scriptor. auch der etwas erdichtet, ersinnt, Wolf Freiberger und seine tichter Krenner Bair. landtagshandl. 18, 250.
 
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dichter, m. lumpenflicker, centonarius, dann auch stipator navium Chytraei Nomenclator sax. 236.
 
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dichter, nepos, s. DWB diechter.
 
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dichterader, f. bildlich die natürliche anlage zum dichter, wie man auch die poetische ader sagt. es ist keine dichterader in ihm.
 
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dichteranlage, f. ingenium poëticum.
 
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dichterart, f. das ist dichterart so machen es dichter. s. DWB dichterweise.
 
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dichterberuf, m. natürliche anlage, bestimmung zum dichter. seinem spott liegt überall zu wenig ernst zu grunde, und dieses macht seinen dichterberuf mit recht verdächtig Schiller 1200b.
 
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dichterbrust, f.

so schlang ich mich mit liebesarmen
um die natur mit jugendlust,
bis sie zu athmen, zu erwarmen
begann an meiner dichterbrust
Schiller 48b.

du sendest, freund, mir lieder
voll frischer waldeslust:
du regtest gerne wieder
auch mir die dichterbrust
Uhland Ged. 362.


 
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dichterbund, m. zu Göttingen ward im jahr 1772 ein dichterbund geschlossen, an dessen spitze Voss stand. s. dichterkreis.
 
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dichterdeutsch oder poetendeutsch, sprache der dichter Stieler 2277.
 
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dichterei, f. ausübung der dichtkunst und die dichtung selbst. man hat auch wol geringschätzung beider damit ausgedrückt. Luther gebraucht es noch in der alten bedeutung von erdichtung. 1. gar nichts zur sachen dient und vergebliche dichterei ist Luthers Briefe 3, 362. 5, 122. ich will meiner tichterei ursach anzeigen, damit jedermann greife ob ichs recht ertichtet habe, oder ob der meuchler recht sage Luther 5, 304b. 2. noch unglückseliger achtet sich Irenian, dasz er unwürdig eurer schönsten dichtereien inhalt worden S. v. Birken Margenis 50. dichterei als gleichbedeutend mit dichtung führt Stieler 297 an. da vor der reinen dichterei die deutsche sprache noch in den hülsen der unvollkommenheit lag Chr. Knittel Poetische sinnenfrüchte (Colberg 1677) vorr. und s. 5.

und aller dichterei auf ewig abzusagen
Canitz.

dasz meine dichterei dem reim noch dienstbar ist.
Hagedorn 1, 85.

drum send ich dir die zeilen
die meine dichterei zu deiner lust entwarf 2, 96.

da das licht der philosophie die heiligen schatten der dichterei vertrieben Herder 2, 28. ich lege jetzt einige meiner dichtereien wieder bei ders. in Mercks briefs. 1, 18. in der

[Bd. 2, Sp. 1066]


that ist der fortschritt, welchen unsere sprache und dichterei gemacht hat, ein riesenschritt Wieland 26, 314. ihm habe ich sie (die jugend) zur dichterei gemacht Klinger 5, 158. nun erfuhr ich was eigentlich wahre dichterei sein und sagen will 9, 16. nur halbe menschen taugen nichts, nur ihnen gelingt nichts. bei mir würde ein wenig dichterei den weltmann verderben, bei dir etwas vom weltmann den dichter 9, 69. ihr (staatsmänner) möchtet gern aller dichterei ein ende machen 9, 109. wenn die wahre dichterei ein beweis von höherer moralität in dem menschen ist, so ist es die veredelte liebe zwischen den geschlechtern auch. aber ist nicht auch die liebe dichterei? 11, 119. 151. Göthe und Schiller gebrauchen das wort nicht, aber Platen hat es wieder aufgenommen,

immer war ich hold den dichtern und der holden dichterei. 283.