Wörterbuchnetz
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
deutsche bis deutschland (Bd. 2, Sp. 1050 bis 1052)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) deutsche, das neutrum des adj. substantivisch gebraucht bezeichnet das eigenthümliche deutsche wesen; vergl. deutsch 5. ebenso war die abneigung Friedrichs (des groszen) gegen das deutsche für die bildung des literarwesens ein glück Göthe 25, 105. die feinere welt hat das gerade deutsche von ihm noch nicht abgerieben Klinger 1, 377.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
deutschen ,
1. wie verdeutschen, ausdeutschen, bedeutschen Schmeller 1, 406. ist wider geistlichkeit, wider erberkeit (contra religionem): lat sich da nicht tütschen Keisersb. Sünden des munds 24a. ausz latein von doctor Henrico Steinhöwel schlecht (schlicht) und verstendtlichen geteutschet Steinhöwel Vorr. (1555). darumb hab ich geteutscht kindschaft und nicht kindheit Luther 1, 94b. ignorantia welches wir müssen deutschen unschuld 3, 254b. hat herr Leonhart begert das zu deutschen 3, 417. und ich gedeutscht habe 4, 16. denn das Mose wart gedeutscht 'eisen und erz sei an deinen schuhen' hat eigentlich diesen verstand

[Bd. 2, Sp. 1051]


Mathes. 2a. die kleider kan ich nit wol teutschen Frank Weltb. 36b.

wie man sie (die sprichwörter) teutscht nach dem latein.
Eyering 1, 412.

wie das wort tessera versirt,
welchs mancherlei geteutschet wird 2, 229.

von wenig worten in latein
die weitleuftig zu deutschen sein 2, 472.


2. erklären, auslegen, verständlich machen, ich kan die species nicht basz teutschen Keisersberg Postille. und erstlich als auf dem gehalten reichstag zu Freiburg im Breisgau (1498) etlich artikel unsers künigklichen landfriedens des erstgehaltenen reichstag zu Worms aufgericht, weiter geteütscht und erklert sind Reichstagsabsch. Augsb. 1500 B iija. Schmeller führt 1, 406 aus den bairischen landtaghandlungen folgende stellen an, dasz den ambtleuten des fürstenthums Baiern dieselbig pflicht bas geteutscht werde Landtag von 1514 s. 500. solche schraufworte wollen sich auf eine fehde und verwahrung ziehen, mögen auch wol für keine gedeutscht werden bair. landtaghandlungen von Krenner 9, 65. nun wolle er zu besserm verstand den artikel deutschen 14, 275. wer teutschet uns das teutsche? wer erklärt uns schlechtes undeutsches deutsch? Stieler 2278. ausdeutschen ist oben 1, 844 bemerkt, Schmeller führt aus den landtaghandl. 14, 66 bedeutschen an.
3. sich wie ein deutscher anstellen, deutsches wesen annehmen,

und wer franzet oder brittet,
italiänert oder teutschet,
einer will nur wie der andre
was die eigenliebe heischet
Göthe 5, 110.


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
deutscher für teufel bei ausrufungen. tausend deutscher! wofür halten Sie mich Hermes Sophiens reise 4, 100. das taugt den deutscher nicht! 6, 588. wo der deutscher! bist du mit einem mahle hergekommen? Michaelis Poet. werke 4, 105.

dasz dich der deutscher! ein pabst der jagt
mir gar recht zum segen behagt
Arnim 19, 406.

man sagt auch deutsch! pfui deutsch! Frisch 2, 170b. s. deikert.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
deutscherweise, adv. nach deutscher art. er ist weit mehr poet als philosoph, verachtet aber deutscherweise die poesie so wie alle kunst Tieck 15, 305.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
deutschfranzos, m. der mit einmischung französischer wörter das deutsche auf französische weise ausspricht. diese kauderwälsche sprache ist in den gedichten des Deutschfranzosen gut durchgeführt. J. Paul sagt die deutschfranzen Vorsch. der ästh. 3, 19.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
deutschfranzösin, f. freilich kommen die meisten Deutschfranzösinnen auf unschuldigen wegen zu diesen französischen geburten J. Paul Herbstblumine 3, 24.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
deutschfrei, adj. und adv. dieses darf nicht vom verfasser, so deutschfrei er sonst hier spricht, genannt werden J. Paul Freiheitsbüchlein 123.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
deutschheit, f. deutsches wesen, deutsche natur.

mein teutschikait und üppig er
ist mir durch in an (ohne) wasser oft erloschen.
Oswald v. Wolkenstein 13. 16, 15.

bei Stieler 2278 wird es übersetzt natio germanica, gens teutonica; ferner integritas fides et religio Germanis propria und salus gloria et dignitas populorum Germaniae. deutschheit würde sich nicht (in die übersetzung der Ilias in hexametern) hineinbringen lassen und griechheit, dasz ich so sage, noch weniger. deutschheit, gedrungene markige nervenstraffe deutschheit find ich auf dem wege den ich wandle, und sonst auf keinem andern Bürger 180b. ein gesicht von edler deutschheit Lavater. der lächerliche trotz auf deutschheit und die thörichte verachtung der ausländer Lichtenberg 4, 304. dasz z. b. der Baier dem Preuszen gegenüber sich der gemeinsamen deutschheit nicht entsinnt Fichte Deduc. plan 109. Göthe gebraucht es gerne ironisch,

mit deutschheit sich zu zieren
hat jeder sein armes wams zerschlitzt:
sie ziehen ihr hemdchen durch die spalten,
das gibt gar wunderreiche falten 13, 54.

jeder schauspieler sah nun wie er bald in helm und harnisch, jede schauspielerin wie sie mit einem groszen stehenden kragen ihre deutschheit vor dem publico producieren werde 18, 198. so dasz männer und frauen, mägdlein und

[Bd. 2, Sp. 1052]


junggesellen fast aller deutschheit und nationalität zu vergessen scheinen 32, 129. ich hatte erst lust in die komödie zu gehen um die deutschheit (etwa im Otto von Wittelsbach) in ihrem glanze zu sehen ders. Briefe an frau v. Stein 3, 213.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
deutschherrig und deutschherrisch,adj. dem deutschen orden angehörig. durch Sontheim, das deutschherrisch ist Göthe 43, 80.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
deutschkomisch, adj. die englische poesie hat eine gebildete komische sprache, welcher wir Deutschen ganz ermangeln. das deutschkomische liegt vorzüglich im sinn, weniger in der behandlung Göthe 46, 208.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
deutschland, n. Germania. im ahd. findet es sich so wenig als diutschiu lant, beide erscheinen erst im 12ten und 13ten jahrhundert, aber selten. von Diutischlant hat Ben. 1, 326 kein beispiel, es kommt aber in der Kaiserchronik vor,

daz mære in Dûtisklant kom 102d.

dô karte er in Dûtisklant widere das.

im 16ten jh. zeigt es sich öfter, und gewöhnlich wird das deutsche volk darunter verstanden. tutsch land Almania Alemania, Teutonia, Germania Vocab. incip. teut. y 4. das teütsch land Alemannia, Germania Dasypod. 86a. 440b. die kriegsleut die die Römer ins teütsch land brauchten ders.

einen stäten friden zu machen
wol in dem ganzen rich,
das seind uns frembde sachen,
ein jeder lug für sich.
sol ich von wunder sagen,
so ist ir das wol eis (eins),
das auf dem loblichen tage
Deutschland ist worden eis
Soltau 2, 62 (v. jahr 1512)

ganz Deutschland unden und oben
würt ir keins sicher sin 2, 69.

der grosz adler
der fliegen wirt ausz teütschem land
Gengenbach 8, 182.

Teutischland (sags mit vergunst)
begabet ist mit mancher kunst.
P. Melissus in W. Wackernagels Leseb. 2, 123.

weil sie weis leut nit hören mag
und folgt der schnöden heuchler sag,
derhalb steckt jetzt vol ungemachs
Deutschland; das klagt thewer H. Sachs (1558) 2. 2, 95c.

so lang Deutschland sein sprach versteht,
bisz das himmel und erd vergeht.
Rollenhagen Froschm. A iij.

ausz Schweiz und ganzem deutschen land Nn iij.

geboren aus dem teutschen land
Eyering 1, 170.

Wilhelm ein fürst von deutschen landen Boccaccio 2, 189a. Deutschland ist blind und mangelt ihm an nichts ohn an verstand und rechtem brauch der gaben gottes Henisch 684.

die musen wirken zwar durch kluge tichtersinnen
das Deutschland solte deutsch und artlich reden können,
Mars aber schafft es ab und hat es so geschickt
dasz Deutschland ist blutarm, drum geht es so geflickt.
Logau 1. 3, 57.

Deutschland bei der alten zeit
war ein stand der redlichkeit,
ist jetzt worden ein gemach,
drinnen laster, schand und schmach,
was auch sonsten ausz man fegt,
andre völker abgelegt 1. 6, 18.

Deutschland hat für längst geherrscht als ein haupt der cristenheit,
aber deutscher sprache werth lag in tiefster dienstbarkeit. 3. 6, 18.

wieviel golds die neue welt biszweilen Europae und dem Teutschland dargebe Schuppius 703. da ich, das des Teutschlands langwehrendes elend und trübsal solches vilmehr buszförtiger und besser dan gailer und ärger gemacht haben solt, gedacht Weckherlins Vorrede zu den weltl. ged.

was (wie wenig) macht doch ein tag froh! eh man recht fanget an,
so ist es ganz und gar um alle lust gethan.
mein Deutschland hat in dem weit eine bessre sitte,
nimmt auf den andern tag auch noch den dritten mitte.
der erste macht bekant, der andre stärkt den mut,
dasz man den dritten oft wie braut und bräutgam thut.
Fleming 173.

es schickt sich leider nicht, dasz ich wider in Teutschland soll, man hat mich, unter uns geredt, wider meinen guten willen hieher (nach Frankreich) gesteckt; hie musz ich leben und auch sterben Elisab. v. Orleans 114. was hat der herr hier (in Paris) zu thun, warumb geht er nicht in (nach) Teutschland? er macht sich hier nur auslachen 271. der vorschlag das gelehrte oder vielmehr das ungelehrte Deutschland

[Bd. 2, Sp. 1053]


zu beglücken Carl August Herzog von Weimar in Mercks briefen 1, 240.

alles in Deutschland hat sich in prosa und versen verschlimmert,
ach, und hinter uns liegt weit schon die goldene zeit.
Schiller 96a.

als herzog Friedland die zerstreuten feindesheere
herbei von allen strömen Deutschlands zog 342a.

ganz Deutschland seufzte unter kriegeslast 342b.

und wie die ström aus ihren ufern brausen,
so wogt es weit von Deutschlands heldensöhnen.
Uhland Ged. 185.

denn Deutschlands völkerstamm
war grosz von anbeginne,
erst der freiheit damm,
dann der herschaft zinne
Rückert 145.

da rief er in der mitten
noch einmal 'Deutschland hoch!' 178.

dahin ist längst der schöne traum Deutschlands, des einen ganzen
A. Grün 250.

eines unsterblichen (Schillers) mutter liegt hier bestattet; es richten
Deutschlands männer und fraun eben den marmor ihm auf
Mörike Ged. 110.