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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
dichtung bis dichtwerk (Bd. 2, Sp. 1071 bis 1072)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) dichtung, f. poesis. das wort kommt im ahd. und mhd. noch nicht vor.
1. im allgemeinen die erhebung der wirklichkeit in die höhere wahrheit, in ein geistiges dasein. gut sagt schon Maaler ein liebliche dichtung, der warheit nit ungleich 89c. in diesem sinn nennt Göthe die beschreibung seines lebens dichtung und wahrheit: es soll damit kein gegensatz ausgedrückt werden, die wahrheit bezeichnet die wirklichkeit, aus welcher die dichtung als die blüte hervorsteigt; sie enthüllt und verdeckt zugleich. so spricht die poesie zu Göthe,

empfange hier was ich dir lang bestimmt,
dem glücklichen kann es an nichts gebrechen,
der dies geschenk mit stiller seele nimmt:
aus morgenduft gewebt und sonnenklarheit
der dichtung schleier aus der hand der wahrheit 1, 7.

da der dichtung zauberische hülle
sich noch lieblich um die wahrheit wand
Schiller 21b.

so schimmert auf dem dürftgen leben
der dichtung muntre schattenwelt 25a.

so führt ihn (den künstler) in verborgnem lauf
durch immer reinre formen, reinre töne,
durch immer höhre höhn und immer schönre schöne
der dichtung blumenleiter still hinauf 25b.

der dichtung heilige magie
dient einem weisen weltenplane 26a.

der dichtung schöner flor zerreiszt 48b.

und jetzt an des jahrhunderts ernstem ende,
wo selbst die wirklichkeit zur dichtung wird 318b.

sie (die philosophie) kleidet sich in alle reize der jugend, in die ganze anmut der dichtung ders.

ein jedes weltlich ding hal seine zeit,
die dichtung lebet ewig im gemüte,
gleich ewig in erhabner herrlichkeit
wie in der tiefen lieb und stillen güte,
gleich ewig in des ernstes düsterheit
wie in dem spiel und in des scherzes blüte
Uhland 183.

auf ewig schwörst du nun vernichtung
der alten liebe, der alten dichtung:
und ach! dein sänger kann allein
auf trümmern ein Jeremias sein
Platen 55b.


2. erdichtung im gegensatz zur wahrheit, in gutem und bösem sinn; s. DWB andichtung. was er sagte enthielt keine wahrheit, es war dichtung. es ist nicht dichtung dasz bruderblut (um rache) schreit Herder. wenn aber auch ein solch hoher stil, eine solche veredlung der menschheit nur eine schöne dichtung bliebe J. Paul Siebenkäs 1, 108.
3. die geistige abfassung und niederschreibung eines werks, dichtung und beschreibung eines buchs scriptura Maaler 89d.

[Bd. 2, Sp. 1072]



4. ein dichterwerk. tichtung gedicht, poema, poesis, dictamen Voc. incip. teut. x 4. Voc. theut. 1482 e 7b. dichtung der poeten kunst, die kunst zu dichten poesis Maaler 89d. seine dichtungen entzücken jedermann. dasz ich ihrem befelch und satzungen in meinen dichtungen nicht gehorche und nachkomme Weckherlins vorrede zu den weltlichen dichtungen. verschiedene gedanken und tichtungen sinnreicher geister Opitz. den tiefen richtigen blick, mit dem Sie dichtung und besonders dramatische dichtung beurtheilen Göthe 19, 95. beinahe jeder genusz den seine (Klopstocks) dichtungen gewähren, musz durch übung der denkkraft errungen werden Schiller 1203b. der leser von geist und empfindung verkennt zwar den werth solcher dichtungen nicht, aber er fühlt sich seltner zu denselben gezogen und früher davon gesättigt ders.
 
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dichtungsart, f. carminum genus. man unterscheidet drei hauptdichtungsarten, die lyrische, epische und dramatische. Engels anfangsgründe einer theorie der dichtungsarten. vergangenheit und zukunft, nur zwei verschiedene dichtungsarten unseres herzens, eine Ilias und Odyssee, ein verlorenes und wiedergefundenes Miltonparadies J. Paul Titan 2. die vorzüge der griechischen dichtungsart Göthe 50, 54. ruhe wäre also der herschende eindruck dieser (der idylle) dichtungsart, aber ruhe der vollendung, nicht der trägheit Schiller 1208a. das verhältnis beider dichtungsarten (der naiven und sentimentalen) zu einander und zu dem poetischen ideale das. s. DWB dichtungsweise.
 
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dichtungsgabe, f. befähigung zum dichten, gebraucht Göthe und Klinger 12, 227. s. dichtergabe.
 
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dichtungskraft, f. wie dichterkraft. die dichtungskraft allein entwerfe dieses bild Wieland 32, 39. der aufwand der dichtungskraft war grosz Göthe 33, 54. ich bin geneigter als jemand noch eine welt auszer der sichtbaren zu glauben und ich habe dichtungs- und lebenskraft genug, sogar mein eigenes beschränktes selbst zu einem schwedenborgischen geisteruniversum erweitert zu fühlen ders. an Lavater 133. die dichtungskraft hat in darstellung derselben (der idylle) wirklich für das ideal gearbeitet Schiller 1206b. die lebendige schöpfung der dichtungskraft ders. s. DWB dichtungsvermögen.
 
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dichtungstrieb, m. der drang, die natürliche neigung zum dichten. der dichtungstrieb war in ihm erwacht. aber hat ihn sein dichtungstrieb aus dem einengenden kreis der verhältnisse heraus in die geistreiche einsamkeit der natur geführt, so verfolgt ihn auch noch bis hieher das ängstliche bild des zeitalters und leider auch seine fesseln Schiller. treibt ihn hingegen der sentimentalische dichtungstrieb zum ideale, so verfolge er auch dieses ganz, in völliger reinheit 1207. s. dichtertrieb.
 
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dichtungsvermögen, n. wie dichtungskraft. ein mächtiger und unvertilgbarer trieb, der moralische, treibt ihn (den dichterischen geist) auch unaufhörlich zu ihr (der natur) zurück, und eben mit diesem triebe steht das dichtungsvermögen in der engsten verwandtschaft Schiller 1197b.
 
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dichtungsweise, f. wie dichtungsart. poetische technik übt den gröszten einflusz auf jede dichtungsweise aus Göthe 6, 108. eine vorzüglich der natur und man kann sagen der wirklichkeit gewidmete dichtungsweise 33, 160. beide dichtungsweisen (die naive und sentimentale) sollten sich bequemen einander gegenüber stehend sich wechselsweise gleichen rang zu vergönnen 50, 54. zwei ganz verschiedene dichtungsweisen Schiller 1196a. diese dreifache empfindungsweise und dichtungsweise 1206a. s. dichtweise.
 
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dichtverzäunt, adj. mit dichten zäunen umgeben, dichtverzäunte felder Hagedorn 2, 14.
 
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dichtwerg, n. franz. calfatage, engl. oakum, man sagt auch dichtwerk und dichterwerk. werg von ausgezupften alten tauen, womit man die schiffe dichtet oder calfatert. man nennt es auch pflückwerk. eine anzeige lautet, 'verkauf von gepflücktem schiffstauwerk. in der hiesigen armen- und arbeitsanstalt ist eine partie pflückwerk oder dichterwerk aus seeschiffstauen gezupft für die h. schiffsbaumeister vorräthig. Spandow 1824'.
 
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dichtweise, f. wie dichtungsweise. ich las Herders fragmente, Winkelmanns briefe und erste schriften, ferner Miltons verlorenes paradies, um die mannigfaltigsten zustände, denk- und dichtweisen mir zu vergegenwärtigen Göthe 31, 85.
 
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dichtwerk, n. wie dichterwerk. die verskunst hat ganz besondere regeln vom sylbenmaasz und vom dichtwerk Günther

[Bd. 2, Sp. 1073]


vorr. 4. ich unterzog mich daher sogleich der vorläufigen arbeit, die gröszeren und kleineren dichtwerke meiner zwölf bände auszuzeichnen Göthe 24, 6. wenn die tragödie ein vollkommenes dichtwerk sein soll 46, 17 und öfter. alle elemente, aus welchen ein dichtwerk zusammengesetzt wird Schiller an Göthe 304.