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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
nadel bis nadelbinse (Bd. 13, Sp. 250 bis 253)
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[Bd. 13, Sp. 250]


Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) nadel, f. acus. das von nähen abgeleitete wort (andere vermutungen bei Leo ags. glossar 373) geht durch alle germanischen dialekte in voller, umgesetzter oder verkürzter form: goth. nêthla (von einem mutmaszlichen naian nähen), alts. nâdla, ags. naedl, engl. needle, altfries. nedle, nidle, ahd. nâdal, nâdalâ und (mit annäherung ans nd.) nâldâ Tatian 106, 4, mhd. nâdel, nâdele und (besonders md.) nâlde, mnd. nâlde, nælde (Kilian 332b), nôlde, nulde Diefenb. gl. 11b; schles. nulde (Weinhold 65b); nd. plattd. natel, naotel (brem. wb. 3, 224. Schütz 3, 135. Danneil 145); holl. naald, henneb. noedel, veraltet assimiliert nelle (Spiesz 169); mittelst ausstoszung des d verkürzte formen: altn. nâl, schwed. nl, dän. naal, köln. nôl, plur. nolde (Hönig 119a); wetterauisch nôle aus nôdle, bei Alberus (1540) nadel und nal. die heutigen oberd. mundarten bewahren die form nâdel mit dumpfem â, fast wie nôdel lautend (die nôdeln schon in den Nürnberger polizeiordn. 155 vom 14. jh.); eine dem ahd. (nd.) nâldâ entsprechende form nôlde kommt im älteren elsäszischen vor, s. Germania 3, 426, 15. Closener 107, 28.
Bedeutung; vgl. auch die composita.
1) die nadel als werkzeug zum nähen, nähnadel. nach Weinhold die deutschen frauen 1, 180 anm. 2 haben sich in frauengräbern der bronzezeit genug eherne nähnadeln gefunden, die gewöhnlich das öhr in der mitte haben, während in den ehernen und eisernen nadeln der prähistorischen eisenzeit das öhr in der regel am kopfe liegt; mhd. an im was niht ganzeʒ als ein nâdel möhte hân bedecket. Grieshaber pred. 2, 121;

mit der nâdel genât.
Heinzelin v. Const. 676;

md. placken satzte si dâ fur
nâch ir selbes willekur
des cleides allen enden
mit ir selbes henden
mit einer nâlden, dî was stump. leben der heil. Elisabeth 7027;

nhd. auch hab ich nadeln, pursten und kam,
fingerhuet, taschen und nestel vil. fastn. sp. 477, 25;

da den näderin die spitz an den nadeln abgebrochen. Fischart Garg. 112b; mit der nadel zusammen nehen. Lohenstein Armin. 2, 189a; eine spitze nadel .., da stach sie sich in den finger. Pauli schimpf u. ernst nr. 318 Öst.;

hast du der töchter noch mehr, die lieber sitzen und stille
weibliche arbeit verrichten, da ists noch besser, die nadel
ruht im jahre nicht gleich: denn noch so häuslich im hause,
mögen sie öffentlich gern als müszige damen erscheinen.
Göthe 1, 343;

August aber war ein wildes kind, welches .. unaufhörlich der nadel seiner mutter zu thun gab. Freytag ahnen 5, 242; die nadel führen (nähen). Bettine briefe 1, 213; die nadel verstehen, nähen können:

auch versteh ich die nadel zur noth.
Voss Luise 1, 546;

die nadel einfädeln, die nadel sticht, geht durch u. s. w. Steinbach 2, 99.
a) die nadel bezeichnet auch die beschäftigung mit der nadel:

unverschämte dirne,
zu der nadel zu dem zwirne
packe dich sogleich hinein.
Kotzebue dram. 2, 261;

in unsrer zeit,
wo reger eifer weit und breit,
vom sehrohr an bis tief zur nadel
den schatz der wissenschaften mehrt.
Gotter 1, 445;

wer .. zur nadel und zur ahle geboren ist. Wieland 7, 544.
b) sprichwörtlich und bildlich:

das kleinste ding ist auch zu ehren:
eine nadel mag einen schneider nähren.
Simrock 393;

eine nadel ohne spitz ist nicht viel nütz.
Wander 3, 857;

auf nadeln oder wie auf nadeln gehen, sitzen (vgl. DWB auf heiszen kohlen gehen, sitzen th. 5, 1584) 859; sehet zu wie er gehet schleichen, als hette er nadeln in den füszen stecken. Pauli schimpf 132b; er geht als wenn er auf nadeln gienge. Frisch 25b;

da geht man fast auf lauter nadeln,
denn iede finden was zu tadeln.
Stoppe bei
Steinbach 2, 100;

auf die nadel (nadelspitze) stellen: und noch heutigs tags das misstrauen nicht aufhört, sonder die sachen nur auf die nadel stellet. Fischart bienenkorb 192a; auf der spitze einer nadel schwanken. Wieland Horazens briefe 1, 137; auf der nadel haben, ähnlich wie auf dem kerbholze haben, noch auf der (schneider-) rechnung haben, für etwas nach strafe, wiedervergeltung zu erwarten haben. Wander 3, 858, doch kann die redensart auch und vielleicht besser auf die stricknadel, von

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der noch etwas abzustricken ist, auf der noch maschen sitzen, zu beziehen sein, wofür das henneberg. es bei einem noch auf der nadel sitzen haben spricht (Reinwald 2, 90; Spiesz 159); er hat eins auf der nadel, poenae culpae eum manet. voc. v. j. 1616 bei Schm. 1, 1726 Fromm. Aler 1442a; sie zu Wittenberg hätten bereit genug auf der nadel. Melanchthon 1, 536;

manches stük von altem adel
vetter (Bachus), hast du auf der nadel,
vetter, übel kommst du weg.
Schiller 1, 212;

etwas mit der nadel treffen, mit der nadelspitze, ganz genau treffen (wie lat. acu rem tangere). Wander 3, 859; mit der spitze der nadel darauf getroffen. Wieland Horazens briefe 1, 189; epigrammatische nadeln (stechender spott in epigrammen). Schiller 11, 139. die nadel als etwas geringes und wertloses dient schon mhd. zur verstärkung der negation:

swie wol ir iuch dâ erwert,
ditz gevrumt iu niht nâdel zwô. krone 2743;

nhd. was wäre da zu fürchten?
mein leben acht ich keine nadel werth.
Schlegel Hamlet 1, 4.


c) die nadel (näh- oder stecknadel) spielt auch eine rolle bei orakelfragen: der unentschlossene findet nur sein heil im entschlusz, dem ausspruch des looses sich zu unterwerfen, solcher art ist die überall herkömmliche orakelfrage an irgend ein bedeutendes buch, zwischen dessen blätter man eine nadel versenkt und die dadurch bezeichnete stelle beim aufschlagen genau beachtet. Göthe 6, 124. daher heiszt es im westöstl. divan s. 115:

wer mit gläubger nadel sticht,

weil die Araber den koran mit der nadel stechend befragen, s. Löper zu obiger stelle (4, 94). vgl. nadelstich.
2) sticknadel, wofür mhd. drîhe: nadel, damit man stickt, acus pictoria. Aler 1442a, vgl. Weinhold deutsche frauen 1, 181 ff.; die von den Phrygiern erfundene seidenstückerei, da die nadel mit abbildung aller dinge es dem pinsel sich mühet vorzuthun. Lohenstein Armin. 2, 189a;

wie ihr plötzlich rahm und nadel
aus den bangen händen sinket.
Götz 2, 46;

aber ihr wallt' unruhig das herz und die zeichnende nadel
bebt' in der hand, die geheim abschattenden stiche verfehlend.
Voss ged. 2, 7;

ein allerliebstes frühlings-gelände (der vollkommenen stickerin),
mit nadeln zierlich schattirt und gebrochen.
Göthe 4, 113;

die frauen sticken mit der nadel bunte bilder auf gewänder. Freytag ahnen 1, 162.
3) stecknadel Jacobsson 3, 121b. Möser 1, 7 (s. nachttisch): ihre silhouette ist mit nadeln an die wand befestigt und ich verliehre meist alle nadeln und wenn ich beim anziehen eine brauche, borg ich meist eine von Lotten. Göthe an Kestner (d. j. Göthe 1, 369); schlugen sie nicht um gegen das wörtchen 'subordinazion', wie die raupe gegen die nadel? Schiller 3, 98 (Fiesko 3, 6); sie gab mir zum angebinde eine stecknadel .. diese nadel, sagte sie, sei ein kostbarer talisman. Platen 4, 329;

er lasz die nadel stecken.
Rachel 9, 336.


4) nadel zu therapeutischen zwecken, impf-, heft-, staarnadel u. dgl., s. encycl. wb. der medicinischen wissenschaft 24, 564 ff.: du solst auch haben dreierlei form stehelin heft nalen. Braunschweig chirurgie (1498) 19b.
5) punktir-, radirnadel, ätznadel Jacobsson 3, 121b: gestochen von einigen vorgängern des Piranese .., deren nadel sehr deutlich und schätzbar ist. Göthe 24, 17;

von Eduard Willmanns kunstfertiger nadel
stehts in kupfer radirt und geätzt sonder tadel.
Scheffel waldeinsamkeit 46.


6) probir-, streichnadel: die weisze nadel, diesz ist der probierer und untersucher aller silberproben, wie viel nämlich dieselben an metallischem gehalte haben. Richter berg- und hüttenlex. 2, 73; das gold (der seidensticker u. dgl.) nach den nadlen versuchen. Hartfelder die alten zunftordnungen der stadt Freiburg i. B. 1, 31 (16. jh.). auch die Nürnberger polizeiordnungen 155 (14. jh.) kennen die zu den streichstainen (probiersteinen) gehörenden nodeln.
7) haarnadel, zur befestigung der haare und als haarschmuck:

sie sprach: mein alter ist nicht hoch, doch hab ich schon so manchen freier
... genau und sinnreich ausstudirt
und so viel sparren angetroffen, als hier mein aufputz (kopfputz)
nadeln führt.
Günther bei
Steinbach 2, 99;

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wie ein schönes mädchen thut, das ..
... seine rabenschwarzen haare
nach strasburgischem gebrauch in zwei lange zöpfe bäudelt
und gleich einer krone sie mit der grüngeschmelzten nadel
in vier ringel umgelegt mitten auf den scheitel heftet.
Götz 2, 74;

aus den flechten des dunkelschwarzen haares glänzte eine schwere silberne nadel in form eines löffels. Scheffel Ekk. 362.
8) stricknadel: eine nadel abstricken, eine masche von der nadel fallen lassen u. dgl.; auf vier nadeln gezogen. Nicolai Seb. 1, 166;

das gestrickte mit den nadeln ruhte.
Göthe 2, 105.

s. auch unter 1, b bei den sprichwörtlichen redensarten.
9) wie raum-, schiesznadel zur reinigung des zündloches oder sprengbohrloches Bobrik 555. Veith 375.
10) wie zündnadel an einem hinterlader.
11) magnetnadel, kompass: mhd.

und ouch der nâdel îsen
konden sî niht wîsen
schôn in dem rehten furte. Reinfried v. B. 27227;

nhd. unsere Friesen schmieden mit ihrem gerade gegen mittag gekehrten antlitze eine stählerne nadel, und ziehen den glüenden drat auf dem ambosse unter den hämmern recht gegen sich und mitternacht. dieselbe spitze hat hernach diese geheime kraft, dasz, wenn man die nadel in der mitte feste, iedoch zum umwenden geschickt macht, sie sich allezeit gegen mitternacht wendet und also ein richtiger wegweiser der schiffe ist. Lohenstein Armin. 1, 131b;

denn der magnet forscht mit der nadel
bisz er den mittelpunct ergründt.
Hoffmannswaldau 354;

so wie steur und nadel leitet
durch das ungeheure meer.
Voss ged. 4, 153;

dann glüht ein lämpchen noch auf dem verdeck ..
und hält dem steuermann die nadel hell,
die ihm untrüglich seine richtung weist.
Uhland (1879) 1, 146.


12) anderes nadelähnliches.
a) der nadelförmige drücker an dem stechschlosse eines gewehres, auch tupfnadel genannt. Jacobsson 3, 120a. Kehrein weidmannssprache 216: siehst du, ich spanne, siehst du, ich lege an! .. siehst du, ich steche .. wenn du nicht auf der stelle das document herausgibst .., so rühr ich diese kleine nadel und du bist auf der stelle mausetodt. Göthe 15, 72.
b) krystall-, eisnadel: nadeln, zarte spiesgen oder zacken, welche in manchen mineral auf den flächen aufrecht stehen wie am federerz, kobaltblüthe etc. Chemnitzer bergm. wb. 364a.
c) spitzer felsengipfel: die gipfel der felsen .. sind sehr spitz ausgezackt .. solche zacken werden nadeln genennet, und die Aiguille du Dru ist eine solche hohe merkwürdige spitze, gerade dem Mont-Anvert gegenüber. Göthe 16, 247.
d) spitzsäule, obelisk: sand Peter ward .. gekreutzigt auf einem perg zwischen den zweien nodellen. Muffel beschreibung der stadt Rom 28 (15 jh.); zwischen den groszen grebern oder nadeln 49; (die königin Semiramis) hat auch ein groszen stain in Armenien aushauen lassen, gein Babilon auf dem wasser gefüert, alda an offner strasz aufgericht, ist anderhalb schuech hoch .. gewesen, hat man die nadel gehaiszen. Aventin. 4, 95, 29; am östlichen ende des Bruchium (in Alexandria) ragten die sogen. nadeln der Kleopatra empor, zwei schlanke obelisken aus dem 16. jahrh. v. Chr. Meyer konversationslex. (1874) 1, 361b.
e) ein kleiner zugespitzter pfahl im wasser- oder faschinenbau Schm. 1, 1726 Fromm. vgl. DWB nadelwehr.
f) die kleinen wagerechten hölzer, womit der schiffsboden befestigt wird. Stalder 1, 499. beim schleuszenbau: um einen schleuszenboden gegen das aufspannen zu sichern und um das bodenholz .. niederzuhalten, leget man queer über das bodenholz 10 bis 14 zoll starke balken, welche nadeln genannt werden. Benzler deich- u. wasserbaulex. (1722) 2, 6.
g) spitziges schneckenhaus der helm- und trompetenschnecke: nadeln sind eine sorte cassides oder seeschnecken-häusergen, welche spitzig zulauffen und streiffig sind. Hübner 1251. Frisch 2, 5b. daher namen von schnecken aus der familie der bucciniden: buccinum cranulatum, die gekörnte und gekrönte pfrieme oder nadel; b. dimidiatum, die umwundene nadel; b. duplicatum, die stahlnadel, nähnadel; b. hecticum, die eingedruckte nadel; b. maculatum, die grosze seenadel; b. murinum, die dornnadel; b. vittatum, die gekerbte nadel, s. Nemnich 1, 693—767; in compositis auch für andere thiere, s. meer-, sack-, see-, spitz-, teufelsnadel.

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h) das spitzige, nadelähnliche, meist immergrüne blatt der koniferen; zuerst von Frisch 2, 5b in dieser bedeutung gebraucht: nadel, die spitzigen blättlein am tanger-holz, als an tannen, fichten, kienbäumen, wacholder etc.;

das (bäumlein) hat nadeln gehabt statt blätter;
die nadeln haben gestochen.
Rückert (1847) 121;

von nadeln glatt bestreut der pfad.
Immermann 1, 198.


13) von einer krankheit des habichts: die sucht des habichs, die da haisset nadel, wann sy den habich stecht, als ob in ein nadel stäch. Mynsinger (1450) 52.
 
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nadelarbeit, f.:

ihm flieszt den hals hernieder von troddeln ein gehäng
mit bunter nadelarbeit gesticket und geprägt.
Rückert Hamasa 2, 372.


 
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nadelarm, m. poetisch für die zweige des nadelholzes: ein dampfschleier zieht von den schroffen über die bäume, an den nadelarmen löst der schleier sich in wolkige flecken auf. Westermanns monatshefte 45, 405a.
 
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nadelbahre, f. bei den strumpfwirkern derjenige theil des stuhles, worin die nadeln stecken, auf welche die maschen eines strumpfes geschlungen werden. Jacobsson 3, 121a.
 
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nadelbank, f.: das Kapland senkt sich terrassenförmig zum meer herab. diese senkung ist auch noch im meer in der sogen. nadelbank erkennbar, die .. die küste umsäumt. Meyer konversationslex. (1876) 9, 782a. s. DWB nadel 12, c.
 
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nadelbaum, m. nadeln tragender baum, fichte, tanne u. dgl.
 
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nadelbein, n. nadelbüchse aus bein, policium. voc. 1482 x 2a; schon mhd. bei Hadloup:

alsô warf si mir ir nadelbein dort her. minnesinger 2, 279b.


 
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nadelbereit, adj. vom tuche, völlig bereit oder fertig zur bearbeitung mit der nadel. Zedler 23, 326.
 
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nadelberg, m.: nadelberge (aiguilles) und alpenrosen. J. Paul komet 2, 23. s. DWB nadel 12, c.
 
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nadelbesteckt, partic.: in nadelbesteckten lätzen. Fischart Garg. 18b.
 
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nadelbinse, f. scirpus acicularis Nemnich 2, 1243.

 

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1) nachtrabe
 ... nachtrabe , m. ahd. nahthraban, nahtraban, nahtrafan,