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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
burg bis bürge (Bd. 2, Sp. 534 bis 536)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) burg, f. arx, castrum, in allen unsern sprachen, goth. baurgs, ahd. puruc, purc, mhd. burc, alts. burug, burg, nnl. borg, ags. byrig, engl. borough, altn. schw. dän. borg. der abkunft von baurgs aus bairgan und seiner urverwandtschaft mit πύργος, φύρκος, maced. βύργος ist 1, 1052 gedacht worden. schon Tacitus schrieb Asciburgium und nach teutoburgiensis saltus zu schlieszen Teutoburgium, Ammian 18, 2 Quadriburgium, Ptolemaeus Ἀσκιβούργιον, Λακιβούργιον, Τουλιβούργιον (wie für Τουλισούργιον zu lesen), welche neutra wol wie das mhd. vorburge, franz. faubourg zu nehmen sind. Procop de aedif. 4, 6. 7 hat mehrere ortsnamen auf βοῦργος, mlat. schriftsteller setzen burgus und burgum, nie burga. der goth. anomalie gen. baurgs für baurgais, dat. baurg für baurgai begegnet auch noch, aber undurchgreifend, ahd. puruc, burg für burgî, wenn man will, mhd. burc. Nib. 456, 1. 727, 3. dem pl. gibt Adelung in beiden ausgaben richtig bürge, wie man mhd. bürge sagte: die Walseer (Walser, Walliser) in den hohen bürgen, die doch auch nit anders meinen, ir sprach sei die ganz welt. Paracelsus chir. schr. 160b; und so schreibt z. b. Niebuhr 2, 140 mauern und bürge, neuere ziehen burgen vor:

burgen mit hohen
mauern und zinnen.
Göthe 12, 52;

wenn am bestimmten tag die burgen fallen.
Schiller 531a;

der adel steigt von seinen alten burgen. 542b.


Dem wortverstande nach war burg bergende, schützende stätte, wie von arcere geleitet arx auf der höhe, die freien blick in

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das land gewährte und gegen ersten anlauf schirmte, gebaut. noch engern sinn verbinden wir mit schlosz, claustrum, das den weg oder zugang sperrt, oder mit feste, burgfeste. wie burg die darunter ausgebreitete stadt, arx die umgebende urbs, beherschte πόλις und ἀκρόπολις das ἄστυ, in den gedichten des mittelalters sind darum oft burg und stat neben einander genannt, z. b. Parz. 350, 17. man hält πόλις für gleichviel mit skr. purî; sollte diesem auch πύργος und burg verwandt sein, so müste, wie der fall öfter ist, die erste wurzel eine neue, ebenberechtigte erzeugt haben. Ulfilas verdeutschte πόλις unbedenklich durch baurgs. später als gröszere deutsche städte emporblühten, blieb ihnen häufig der alte name burg (Straszburg, Regensburg, Augsburg, Magdeburg) neben berg (Bamberg, Nürnberg).
1) gewalt und herschaft über ein gebiet werden episch durch land und bürge (wie sonst land und leute) ausgedrückt:

gisazt er sie thô scôno ubar burgî sînô.
O. IV. 7, 81;

der herre hieʒ lîhen Sîfrit den jungen man
lant unde bürge, als er hete é getân. Nib. 40, 2;

daʒ lant zuo den bürgen si im tâten undertân. 96, 4;

lant unde bürge daʒ sol mir werden undertân. 109, 4;

die iu friden helfen die bürge und iuriu lant. 144, 3;

ir solt iuch vröun balde: iu ist undertân
mîn lant und mîne bürge unde manic wætlîch man. 573, 4;

lant unde bürge, die unser eigen sint. 639, 2;

man beschiet der juncvrouwen bürge unde lant. 1619, 1;

mîn eigen sint diu lant und die bürge und ouch die liute. Gudr. 1029, 3;

dô bôt man Gudrûnen bürge unde lant. 1041, 3;

verkoufet lant und bürge. 1159, 4;

diz rîche lant und die guoten bürge. 1226, 1;

lant diu wîten und veste bürge guot. 1227, 2;

si hânt bürge und rîchiu lant. Dietl. 4395;

erwern die bürge und mîn lant. 6193;

beide bürge unde lant
began si ime dâ zeigen. krone 22375;

swenne ein lanttwinger ane siht
sîne bürge, sîn lant, so dunket in niht,
daʒ ie man ûf erden sî sîn gelîch. Renn. 6970.

aus der groszen zahl im lande liegender burgen folgt, dasz an sich die vorstellung einer ansehnlichen stadt nicht damit verbunden sein, sondern erst zufällig daraus erwachsen konnte. noch heute bezeichnet burg vorzugsweise einen edelhof oder festen rittersitz: eine burg bauen, belagern, einnehmen, schleifen, die burg steht, ist gefallen;

was, steht die burg noch?
Schiller 547b.


2) wie einigen thieren bau (1, 1161) und bette (1, 1725) zusteht, wird ihnen auch eine burg beigelegt. weidmännisch heiszt die höle oder der bau des bibers seine burg; Reinhart hat eine burg namens Übelloch oder Malpertuis. der ameisenhaufe wird in der thierfabel burg genannt (Reinh. 1257. 1264. 2055. 2062) und als der löwe, d. h. bär sie zu grunde getreten hatte, klagt der ameisenherre über den schaden seiner bürger (1274).

das leichte federvieh verläszt die warmen nester,
begibt sich ihrer burg.
Fleming 149.


3) die heiden schrieben vielen ihrer götter eignen sitz, eine burg am himmel zu, noch neuere dichter nennen den himmel die blaue burg oder lassen gott über der blauen decke sitzen:

mein jammerseufzen hat die blaue burg erreicht.
Fleming 16 (18);

drum wann gott die blaue burg öfnet und ihm (dem sterbenden)
beut die hand.
Logau 1, 8, 61;

der zürnende himmel heiszt die erzürnte burg:

nach dir, herr, dürstet mich in diesem dürren harme,
wie ein entsaftet land, das sich zum himmel neigt
und der erzürnten burg die tiefen risse zeigt.
Fleming 27 (29),

nach ps. 143, 6, wo aber dies bild nicht steht. himmelsburg, sternenburg, und wolkenburg begegnen sonst. Opitz hat 3, 280 des himmels veste.
4) wiederum heidnisch und beziehungsvoll sind die ahd. frauennamen auf burg: Diotpurc, Guntpurc, Hadupurc, Helmpurc, Hiltipurc, Itispurc, Liutpurc, Suanapurc u. a. m. sie können doch nur besagen, dasz ein höheres weibliches wesen wie Diot, Gunt, Hadu, Hilt, Itis die menschen barg. Diotpurc ist ganz Teutoburgium, aber weiblich, und örter heiszen noch heute so, z. b. Dieburg in der Wetterau.

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5) burg bezeichnet noch in andern zusammensetzungen schutz und schirm, namentlich in wagenburg. Luther sang:

ein feste burg ist unser gott;

der herr ist mein fels und meine burg und mein erretter. 2 Sam. 22, 2; herr mein fels, mein burg, mein erretter, mein gott, mein hort. ps. 18, 3; sei mir ein starker fels und eine burg, das du mir helfest. 31, 3; denn du bist mein fels und meine burg. 71, 3; meine zuversicht und meine burg. 91, 2, in welchen stellen die vulg. refugium, domus refugii setzt; die kirche hat ein feste engelburg zu Rom, die sie entgegen setzt der lutherischen feste burg ist unser gott. bienenk. 35b;

der feind hat dir dein schlosz, dein haus hinweg gerissen,
fleuch in der manheit burg, die wird er nicht beschieszen.
Opitz 3, 295;

und vor den strafen, die verstockten frevlern dräun,
sich in die burg der allesleugner retten.
Gotter 1, 397;

Freiburg ist eine sichre burg der freien.
Schiller 542b.


6) vgl. DWB felsenburg, DWB hofburg, DWB kaiserburg, ritterburg, vorburg, wasserburg.
 
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burgamtmann, m.
 
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burgartig, wie eine burg gebaut und eingerichtet.
 
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burgbann, m. jurisdictio castrensis. Haltaus 193.
 
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bürgbauer, m. conditor arcis. Katziporus D 8b.
 
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burgberg, m. wie schloszberg.
 
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burgbewohner, m. incola castri.
 
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burgbrauch, m. mos castri. Phil. 2, 139.
 
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burgdienst, m. officium a castrensibus praestandum.
 
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burgding, n. judicium castri.
 
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bürge, m. vas, sponsor, fidejussor, ahd. purgio, purigo (Graff 3, 177), mhd. bürge (Ben. 1, 164. 165), nnl. borg; das goth. baurgja ist πολίτης, bürger. man sagt bürge sein, bürge werden, bürgen setzen, stellen, wollen, anrufen, fordern: ich wil bürge für in sein. 1 Mos. 43, 9; ich bin bürge worden für den knaben. 44, 32; ob du gleich einen bürgen fur mich woltest, wer wil fur mich geloben? Hiob 17, 3; mein kind wirstu bürge fur deinen nehsten. spr. Sal. 6, 1; wer für einen andern bürge wird, der wird schaden haben. 11, 15; nim dem sein kleid, der fur einen andern bürge wird. 20, 16; ein frommer man wird bürge für seinen nehesten, aber ein unverschämter läszt seinen bürgen stehen. Sir. 29, 17; ich wil burg für disen sein, dasz sein rechter ernst ist. Alberus wider Witzel M 4a; s. Cosman und s. Damian werden bürg für alle böse geschwären und geschwulst. bienenk. 184a;

vil zeit nimbt bürg werden und borgen.
H. Sachs II. 2, 74b;

wenns übereilung war, so war es die
verzeihlichste, da bin ich für ihn bürge.
Schiller 286a;

wiszt, ich bin bürge worden für den ausgang,
mit meinem haupte haft ich für das seine. 390a;

ich machte noch kein fragment ausfündig, das mir für milde und ruhe zum bürgen stand. J. P. aesth. 3, 144. ein altes sprichwort lautet: bürgen sol man würgen. Agricola no 136, sponsio damna dabit. Frank spr. 1, 62b. Eyering 1, 246; du narr, fühle doch zuvor an den hals, ob du kützlich bist, denn es heiszt bürgen soll man würgen. Weise erzn. 421; ein altes sprichwort, bürgen musz man würgen, herr Sandel. Fr. Müller 2, 45;

ich lasse den freund dir als bürgen,
ihn magst du, entrinn ich, erwürgen.
Schiller 62a.

bürgen: würgen steht schon im Karlmeinet (Lachm. 367) gereimt,

he nam sine vrowe mit der hant
inde boit se da zu brgen.
so mze mich got wrgen,
sprag Karl, ove dat gescheit.

früher hiesz es aber in anderm sinn mit demselben reim:

dar umbe hât man bürge (castra, arces),
daʒ man die armen würge.
Freidank 121, 12;

in wüestunge machents bürge,
daʒ man arme liute würge. Renn. 22726.