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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
brustzungenbeinmuskel bis brüten (Bd. 2, Sp. 452 bis 454)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) brustzungenbeinmuskel, m.

[Bd. 2, Sp. 453]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) brut, f. fetus, germen, ahd. pruot, mhd. bruot (Ben. 1, 267), ags. brôd, engl. brood, nnl. broed, den nord. dialecten abgehend. brut wurde oben sp. 424 mit brühen, wie blut, glut mit blühen, glühen zusammengestellt, doch unterscheiden sich ags. brôd fetus und brôð jus (breád panis, unser brot liegt beiden ab). urverwandt scheint das lat. foveo, fotus, woher sich fetus und fetura leiten, vielleicht auch fovea, das nicht wie fossa zu fodio gehört und ursprünglich eine erwärmende grube ausdrücken mag. die analogie des finn. hauta fovea und hautoa foveo, calefacio, namentlich auch brüte spricht dafür auf das stärkste. fovere würde dann, mit frühem ausfall des R, für frovere oder forvere stehn und nahe an fervere reichen, dessen R in febris wieder mangelt. aber auch skr. bhraǵǵ, lat. frigere und unser bregen wie braten können sich anreihen, in allen wird die vorstellung der wärme enthalten sein. einzelne bedeutungen dürfen einzelnen formen zustehen und ein intransitives fervere dem transitiven fovere abliegen, wie jenes ags. brôð brühe, dem brôd brut.
Brut bedeutet uns
1) incubatio, das liegen (schw. ligga, dän. ligge) der vögel auf den eiern: die gänse, hüner sind in der brut = brüten; aber es sind böse brthennen, sie laufen gemeinlich bald von der brt. Garg. 196a; die tauben sind in der brut gestört worden; einige vögel machen des jahrs nur éine brut; die spatzen machen zwei bruten. der dümmling, welcher eier ausbrüten wollte, ruft:

ir bringt mich heut umb ehr und gut,
das ir mich zieht von meiner brut.
H. Sachs III. 3, 44c.

auch von den bienen sagt man, dasz sie die brut verrichten. Hohberg 2, 372a (2, 371a das brut).
2) fetus, collectivisch, die auf einmal ausgebrachten jungen eierlegender thiere, zumal der vögel, dann der fische, insecten und würmer: die junge brut der singvögel; die störche werfen ein junges von ihrer brut zum nest herab; heuer ist die erste brut der hüner besser als die zweite ausgekommen; sieh diese kleine brut, diesen gefährlichen anflug! wies trippelt, wies stutzt, wies hüpft, scheut und wieder kommt. Göthe 14, 94; unter und neben ihm riefen und flatterten die kanarienvögel, singdrosseln, nachtigallen und die geätzte brut schlief gedeckt unter der brücke. J. P. Tit. 2, 50. die fische setzen brut, wenn sie leichen ihr leich heiszt die brut; die bienen setzen brut: bienenbrut, immenbrut;

die raup umspinnt den goldnen zweig
zum winterhaus für ihre brut.
Göthe 2, 182;

was lockst du meine brut
mit menschenwitz und menschenlist
hinauf in todesglut? 1, 185,

d. i. die mir als meerweib gehörige fischbrut;

in hölen wohnt der drachen alte brut. 1, 177. 18, 233;

wie sich vom schwefelpful erzeugte drachen
bekämpfend die verwandte brut verschlingen. 9, 56;

wie der eulen nachtgewohnte brut
von der zerstörten brandstatt, wo sie lang
mit altverjährtem eigenthum genistet,
auffliegt in düsterm schwarm.
Schiller 500a;

die brut des drachen haben wir getödtet,
der aus den sümpfen giftgeschwollen stieg. 529b.


3) progenies, in gehässigem sinn, von bösem gezücht: das ist böse brut! eine rechte brut! eine verworfene brut!; freude über die zerstörung einer so häszlichen brut ausgearteter menschen. Wieland 7, 104; fort mit der jungen brut (Ugolinos söhnen) in den thurm! Hahns aufruhr zu Pisa 135; ich will meinen hasz an eurem untergang sättigen, die ganze brut, vater, mutter und tochter will ich meiner brennenden rache opfern. Schiller 194a; sagt ihr das, um meinen zorn gegen diese verdammte brut noch mehr zu erhitzen? Göthe 15, 54;

ach, die blumen sind erstickt
von den sohlen dieser brut,
wer begegnet ihrer wut? 2, 27;

schloszenregen
ströme dieser brut entgegen. 2, 28;

du niedrige brut! du vom bettlergeschlecht. 3, 5;

himmel verderbe
die schändliche brut! 11, 187;

ein frech soldatenvolk ward hergesandt
die widerspenstig starre brut zu zwingen.
Chamisso 551.

Lohenstein braucht unpassend brut, oder wie er schreibt brutt, als n. auch vom bären: die bären geben ihrem ungestalten brutte mit ihrer leckenden zunge eine gestalt. Arm. 2, 81.

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4) figürlich, die laster, als die brut gesetzwidriger gesinnungen. Kant 5, 233;

wie hasz ich diese liederbrut
der affen deines Gleims.
Uz 1, 51;

ein schönes, keusches, liebetreues weib
umlagert von der schnöden wollust brut.
Bürger 82b;

ehrenlose, sträfliche gebilde
reger wollust brut, umschwärmen sie (meine seele). 99a;

die brut des unsinns.
Gotter 1, 113;

der krankheiten zahllose brut.
Platen 135.


5) brut ist auch germen, trieb, anflug, anwuchs und frucht der pflanze. die bruet, der junge holzanflug im wald. Schmeller 1, 272; rosenstauden, ribesl, agrest und allerlei brut (junges gesträuch) versetzen. Hohberg 1, 109b; das laubrechen in den wäldern verbieten, weil das brut dadurch ausgerissen und verderbt wird. 1, 138b; der lorbeerbaum treibt bei uns keine brut, doch kommt er zur blühe. 1, 612a; die alten zwiebeln setzen brut an, es wachsen kleine an ihnen heraus. s. DWB brutknospe.
6) mit bezug auf die ursprünglich im wort gelegne bedeutung der wärme läszt sich auch sagen die brut der hitze, der sonne, der warmen, feuchten luft, und die brut der krankheiten, der pest kann eben hierher genommen werden. brut am finger, paronychia gehört in diese reihe.
7) viele uneigentliche zusammensetzungen mit dem gen. z. b. drachenbrut, natternbrut, schlangenbrut, eulenbrut, bienenbrut, auch lügenbrut, sinnenbrut u. a. m.
 
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brutal, ferinus, immanis, ein fremdes wort mit betonung der letzten silbe, it. brutale, franz. brutal, wonach es im 18 jh. üblich wurde, Stieler und Frisch nehmen es noch nicht auf: ein brutaler kerl, eine brutale handlung u. s. w.; dann ward er brutal und brach mir den schrank auf. Göthe 14, 303.
 
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brutbiene, f. fucus, drone.
 
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brutbreme, m. dasselbe. Henisch 541, 24.
 
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brutei, n. ovum interrupta cubatione perditum, ein bebrütetes, der henne weggenommenes ei.
 
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brütelmasz, n. ein masz, wonach sich die fischer beim fang der jungen brut zu richten haben. Frisch 1, 148b.
 
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brüteln, incubare:

nachdem komet uns der werde meige,
so brüetelt ieder swalme sin eige. namenb. 113;

so sitzt die gans da und brütlet, die schreiet gaga, gaga! ..... schreit er gaga, gaga! und meint, die weil er junge gäns brütlet, so könd er auch kein andere sprach. Frey garteng. cap. 1; welche hennen sporen haben, wie ein han, die brütlen nicht gerne. Sebiz 102; brüteln narren aus. Garg. 51a. vgl. DWB ausbrüteln.
 
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brüteln, fervere, bullire: wann der unwillen im hafen zu viel wil sieden, brüteln und grollen, so hebt sie den deckel ab, schaft ihm luft. Garg. 70b; beim heiligen milz, ich wil bei dem könig auch die streu machen und alle die arglistige bubenstück, die ihr hierin kocht und brütelt, entdecken. 158b; murmelt und brüttelt (der betrunkene) bei sich selber, als einer der nicht weisz was er plaudert. Kirchhof wendunm. 444b. es brütelt, ist faule, erstickte luft. Stald. 1, 235. dieses brüteln stimmt zu brodeln sp. 396, bestätigt aber die bei brut angenommene verwandtschaft zwischen fovere und fervere.
 
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brütelnest, n. was brutnest: man soll auch gute sorg haben, das kein han ins prütelnest komme. Sebiz 105.
 
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brüten , fovere, incubare, auch wol blosz cubare (wie schw. ligga), it. covare, franz. couver, prov. coar; ahd. pruotan, mhd. brüeten, ags. brêdan, engl. breed und brood, nnl. broeden, von der urverwandtschaft eben unter brut und von der nahen berührung mit brühen oben sp. 454; nnl. sind broeijen und broeden kaum zu scheiden und auch unsere volksmundarten mengen sie. Alberus hat unter dem wort hn neben brüen zugleich brüten und dem part. gebrüt ist nicht anzusehen, auf welchen der beiden inf. es zurückgehe.
1) transitiv, ausbrüten, bebrüten: sie brüten basilisken eier und wirken spinneweb. Es. 59, 5; was die jungen legten, musten die alten prüten. Garg. 282b; ein hun kann zwölf eier brüten; eine glucke brütet wol zehen küchlein, doch nicht alle werden so grosz, dasz sie mit auf die stange fliegen;

gedrängter quellet,
zwillingsbeeren und reifet
schneller und glänzend voller!
euch brütet der mutter sonne
scheideblick.
Göthe 1, 92;

unheil brütende weiber.
Voss Od. 11, 437;

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wenn Dion, wie es scheint, irgend ein gefährliches vorhaben brütete. Wieland 2, 293; der strahl der liebe brütet die mächtigsten triebe und kräfte in unserm innersten. Leisewitz Jul. v. Tar. 2, 5;

Electra nur
bethörte noch das volk und brütete den samen
der unzufriedenheit.
Gotter 2, 103;

mensch, was brütest du? Schiller 200a;

weisz ich nicht, dasz Alba rache brütet? 280b;

so wie die schöpferische wärme dieses himmels die unglückliche wirkung hatte, die abscheulichsten geburten der tyrannei an das licht zu brüten. 1040a; zweifel und mistrauen brüten. Woldemar 217; in nacht gebrütet und in nacht vollführt, so mag diese freche that der ungerechtigkeit sich verbergen. Göthe 8, 287; stiefeln, welche jeden tag ein neues hünerauge aus den zehen brüteten. J. P. Fibel 150; ich meine, dasz ein hochberühmtes geschlecht nach gottes weisheit von der höhe schwindet, wenn seine fortdauer greuel brütet. Arnim kronenw. 1, 308;

was ich heute verschlossen im obern stübchen gebrütet,
hast du beim abendtisch lächelnd umsonst mich befragt.
Rückert 278:


2) intransitiv, das hun brütet schon acht tage; die grasmücke brütet gauchseier; als man einer hennen tt, wenn sie der klück ankompt und wenn man geren hat, das sie nit brüten sol, so stoszt man sie in ein kalts wasser und reibt sie mit nesseln und berupft si und stürzt sie under ein metzen. Keisersberg geistl. spinnerin c 8c; der igel wird auch daselbs nisten und legen, brüten und ausheggen unter irem schatten. Es. 34, 15;

hofnungen von brütender begier
sanft entfaltet.
Wieland 9, 306;

ein brütend saatfeld für den tag der garben.
Claudius 1, 77;

der vogel ist froh in der luft gemütet,
wenn es da unten im neste brütet.
Göthe 2, 238;

er fühlt, dasz er eine kleine welt
in seinem gehirne brütend hält. 13, 125;

andere hocken zu haus und brüten hinter dem ofen. 40, 216;

dieses gewissen soll erregt, soll beschwichtigt werden. erregt, wenn es stumpf, unthätig, unwirksam dahin brütet. 21, 123; die stille weit verbreitete ruhe über dem breiten Rhein, über den brütenden weinbergen. Bettine br. 1, 73; das schwüle brüten der natur. J. P. Kamp. 17; da der abend schwer auf allen brütete. Hesp. 3, 257.
Man sagt, das hun brütet auf oder über den eiern, öfter letzteres: über der idee einer sache brüten. Kant 2, 564; desto weniger blieb es ihm zweifelhaft, dasz man über einem geheimen anschlag gegen ihn brüte. Wieland 7, 359;

wenn über werdend wachsendem vorher
der vatersinn mit wonne brütend schwebte.
Göthe 9, 320;

jenen heiszen himmelsstrich, wo die sonne noch immer über unsäglichen geheimnissen brütet. 14, 136; meine einbildungskraft brütete über der kleinen welt (des puppenspiels), die gar bald eine andere gestalt gewann. 18, 27; die einbildungskraft brütet über einer wüsten sinnlichkeit. 45, 299; wüste leerheit umfängt erst alles, der geist jedoch brütet schon über beweglichem und gebildetem. 49, 3; über widrigen empfindungen brüten. Klinger 5, 10; brütete über dem was er vernommen hatte. 7, 82; bewustloses brüten oder stand der gänzlichen unschuld. Schelling ak. stud. 149;

während ich, der im gemüte
auf den wink der gunst verzichtet,
bücher vor mir aufgeschichtet,
überm rauch der lampe brüte.
Platen 8b.

statt des dat. begegnet einigemal der acc.: dasz er über eine idee in sich brütet. Kant 1, 180; indem die vernunft über ihre eignen begriffe brütet. 3, 249; hier sitzt er, brütend über sein geschick, den leichnam seiner gattin entseelt im schosze haltend. Göthe 44, 132. vgl. hinbrüten und oben sp. 378. schweiz. brüten, kränkeln. Stald. 1, 236.