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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
brünstig bis brunzen (Bd. 2, Sp. 439 bis 441)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) brünstig, ardens, fervidus, fast nur in den drei letzten bedeutungen von brunst: wende deine augen von mir, denn sie machen mich brünstig. hohelied 6, 4; aber mein herz ist

[Bd. 2, Sp. 440]


anderes sinnes, meine barmherzigkeit ist zu brünstig. Hos. 11, 8; dieser war unterweiset und redete mit brünstigem geist. apostelg. 18, 25; seid brünstig im geiste (spiritu ferventes, goth. ahmin vulandans). Röm. 12, 11; habt unter einander eine brünstige liebe (caritatem continuam). 1 Petr. 4, 8; wenns auch aufs aller brünstigst, hitzigst, herzlichst erkant und bedacht wird. Luther 3, 85b; die guten engel sind viel hitziger und brünstiger zu helfen und aus aller not zu retten. 5, 337b; das gehör ist nicht die wenigst anreizung auch brünstige ursach zu lesen. Fronsp. kriegsb. 1, 173b; seinem brünstigen ehebruch willfahren. Kirchhof wendunm. 426b;

lindert sich der brünstig schmerz.
Melissus O. Z. 164;

feur aus seim mund fure prünstig. ps. F 7b;

ist in der lieb brünstig und heisz.
Ayrer fastn. 36a;

o du mein Pilades, mein Febus würde brünstig,
säng höher als vorhin, weil du ihm wärest günstig.
Fleming 47;

disz und jenes schneidt man auf von der hochzeit ersten nacht,
mich, sagt Else, schreckt es nicht, werde brünstig nur gemacht,
unter augen dem zu gehn, was mir letzlich kummen soll.
Logau 2, 6, 23;

in vergnügung ihrer brünstigen geilheit gar insationabilis. Simpl. 2, 60;

Philindrene war mir günstig,
Leonore gut und brünstig.
Günther 292;

streit, argwohn, eigennutz und klagen streut keinen mehlthau
auf die frucht,
die jedes auf des andern lippen mit brünstiger umarmung sucht. 441;

brünstige begierde des weltgeistes. Felsenb. 4, 558; nie hätte meine andacht inniger, brünstiger sein sollen als heute. Lessing 2, 135; jugendliche spiele, wornach die knaben so brünstig sind. Stillings jugend 83;

also sagt er, und schlang sich mit brünstigen, zitternden armen
um den erlöser.
Klopstock Mess. 2, 209;

wenn mit zärtlichkeit beide die brünstige mutter umarmte. 3, 193;

Paphos hat sie (die tauben) her gesendet
ihre brünstige vogelschaar.
Göthe 41, 172;

da klang so ahnungsvoll des glockentones fülle,
und ein gebet war brünstiger genusz. 12, 45;

durch brünstiges, ja gewaltsames gebet. 48, 144;

welch ein säuseln, welch ein wehen,
wenn sie kosend mich umfieng,
und mit süszem liebeflehen
brünstig mir am halse hieng.
Bürger 43b;

und die seele, die so brünstig,
die so liebend, die so bange
wohnte wie in sichrer kühle.
Tieck 1, 372;

einst folgt er mit zu brünstgem lauf
dem wild durch moor und ried.
Kinds gedichte.

man sagt auch ein brünstiges thier, die kuh ist brünstig; kaum aber eine brünstige flamme, ein brünstiges gestirn, brünstige krankheit, brünstiger most. bei Hohberg 3, 2, 64b steht: Zerbster bier kan machen, dasz der urin scharf und brünstig wird. vgl. inbrünstig, hirnbrünstig, rotbrünstig.
 
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brünstig, adv. ardenter, heftig, innig: und habt euch untereinander brünstig lieb aus reinem herzen. 1 Petr. 15, 22;

hier fieng sie brünstig an zu weinen.
Günther 295;

ich schlosz ihn brünstig in die arme. 434;

wer brünstig liebt, dem macht die furcht stets bange. 909;

ach wäre Galathee zugegen,
ach sollt ich, holde Galathee,
um deinen weiszen hals die arme brünstig legen!
Uz 1, 133;

ewiger vater, das weist du, das wissen die himmel, wie brünstig
mich seit diesem entschlusz nach meiner erniedrung verlangte.
Klopstock Mess. 1, 102;

schnell mit brünstig eröfneten armen, mit herzlichen blicken
eilten sie gegen einander. 1, 321;

Bethlehem, wo ihn Maria gebar und ihn brünstig umarmte. 2, 29;

wer weisz es besser, wie brünstig,
wie lange sie Karamell liebt.
Wieland 5, 33;

wie um ihren stab die rebe
brünstig ihre ranke strickt.
Bürger 38a;

brünstig wird das neue bild geküst. 68b;

es lebt ein mann, der so das leben liebte,
dasz brünstiger kein nönnchen ihr brevier
Gotter 1, 314;

ist euch schon der wind nicht günstig,
zu den rudern greifet brünstig!
Göthe 2, 40;

[Bd. 2, Sp. 441]


dort naht der feind, die deinen harren brünstig,
befiehl den angrif, der moment ist günstig. 41, 271;

dann küste sie ihr haupt zwischen den gescheitelten haaren brünstig und wiederholt in frommer absicht. 23, 206; so wünschte ich brünstig. 55, 130;

schon kniete brünstig, stillandächtig
der kaiser vor dem hochaltar.
Platen 33.


 
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brünstigkeit, f. ardor:

o welche wollust, welch entzücken!
vergebens wünsch ichs auszudrücken,
mit welcher brünstigkeit die frau den mann umfieng.
Gellert 1, 141.


 
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brünstlenzen, ustionem redolere: dan wo man die gerst uber einem feuer derren solt und hernach mit essig besprenget, so möchte sie davon brünslenzen (so) und von dem ros nicht gefressen werden. Zechendorfer 85.
 
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brunstschütze, m. sagittarius exercitatus:

der brümte brunstschütz zu Alcon.
Haupt 3, 259.


 
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brunz, m. urina, lotium, was brunne 4. Dasyp. 310a. Maaler 80b. Stieler 253; brunz verhalten, remorari lotium; brunz nicht halten; seinen brunz lassen, sein wasser abschlagen, franz. lâcher l'eau; brunz geben, von sich geben, mingere. Garg. 101a; sagt, es wer im nit anderst gewesen, danner eitel klaren brunz getrunken. Frey garteng. cap. 22; an seinem ganzen leib mit brunz uberschüttet. Wickram rollw. 65b; weiche es in kühbrunz, dasz es werde wie ein dicker brei. Wiedeman juni 118; der kalte brunz, stranguria.
 
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brunze, f. dasselbe: ich wolt der hrn in die har gefallen (sein) und den man, wann er hinaus zu ihr hett wöllen gehn, mit brunzen begossen haben. Alberus ehbüchlein C 3b; ein art thierlein wie omeisen, so in der brunz wachsen. Privatus 350; er solte die augen mit der brunzen eins weibs waschen ... hie möchte ich nun wol wissen, was grosze kraft in eines weibes brunze sein möchte, dasz er sein gesichte davon bekommen solte? 398. vgl. Herod. 2, 111.
 
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brünzel, m. lotium, auch penis. Stalder 1, 234.
 
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brünzelbecke, n. scaphium, brunzkachel. Maaler 79d.
 
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brünzeln, mingere, bei Stieler falsch geschrieben brinzelen: brünzlen, das wasser abschlahen; das kraut macht brünzlen, bringt den harn, trahit urinas haec herba. Maaler 79d; uf einmal da kam der vatter usz dem rat, da stnd sein sun in dem sal under dem fenster und schlg das wasser ab oder brünzlet z dem fenster usz, und da er den vatter sahe, do hort er uf brünzlen und flh wider z dem fenster hinin. sch. und ernst 1522 cap. 22; groszen durst, das ich manchmal mir selbs in dhand brünzlet han und das für den durst getrunken. Tho. Plater 13; die dochter hatt villicht in die neszlen brünzlet und dem vatter entrinnen (wöllen). 62; die Persier haben nit in die flüsse gebrünzlet. Münster 1371; brünzelt nit, man schlug ihm dann ans zümplin und pfif ihm wie den pferden darz. Garg. 130b; man lasz sich nit irren, das dem kinde viel wasser zu den augen ausgehet, es brünzelt nur desto weniger. Spangenb. lustg. 453. s. DWB wässerlen.
 
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brunzen, mingere, würde ahd. prunnazan, prunazan lauten, erscheint aber nicht verzeichnet. it. far l'acqua, franz. lâcher l'eau, engl. make water, böhm. wodu pustiti, na wodu gjti = brunzen gehn; vgl. DWB bächeln 1, 1062. mhd.

die lêr ich kolen waschen,
die brunzen in die aschen. a. w. 2, 56;

ein witwîp brunzet hovelich
durch einer nâdlun œre. Ls. 2, 388.

nhd. da aber ieder heim gieng und Esopus Xanto nachfolget, füget sich, das Xantus gieng und brunzet. Steinhöwel (1555) 6b; dann ich msz hinausz brunzen gehn. Frey garteng. cap. 118; wie er aber seinen ht also finsterlich aufsetzen wil, so haben in die katzen voll gebrunzt. cap. 77; der lgt einsmals, dasz er zwei käntlin uberkam, das ein brunzt er voll, das ander liesz er im voll weins schenken. cap. 22; einer von den zweien ward sehr wol betrunken, were derhalben gern von dem tisch gewesen, ein wässerlin z machen. sein gefatter sagt, hei, wolt ir darumb aufstehen, nempt hin meinen ht, brunzt darein. Wickram rollw. 65b (115);

wer im in die schueh laszt brunzen
und gstatt, das sein fraw ir profunzen
feil mag iederman heine tragen,
der mag wol han ein guten magen.
Murner narrenb. cap. 59;

ich wolt dich nider werfen vor,
und dir selbst brunzen in ein or.
H. Sachs IV. 3, 45a;

[Bd. 2, Sp. 442]



auch wann dir not zu prunzen ist,
und mitten in der gassen bist,
so ler die blasen aus und steh,
und acht nit wer fur uber geh.
Scheit grob. D 4a;

in dhosen brunz zuweiln darz,
dasz es hinab rinn in die sch. D 4b;

es ist kein jungfer so verzwunzen,
sie lasz ein furz, wann sie will brunzen;

und wer ihnen die blase schon se verstopft gewesen, dasz sie kein bone hetten prunzen können, noch werden sie in eim schnaps so gesund, wie ein fauler apfel auf faulem stro. bienenk. 114a; dann dieselben (Hundsruckerinnen) sitzen grattelig, wann sie zu acker fahren, und schadet ihnen nichts am brunzen. Garg. 230b; ei was zeihest du dich im stinkenden see, darein die fische brunzen (vgl. pisciare mit piscis), zu wohnen. Philand. lugd. 3, 243; du darfst nur das linke bein aufheben, wie ein hund, der an eine ecke brunzt. Simpl. 1, 97; brunze nicht gegen den wind. Simrock no 1365; von dem trocisci werde geben z iedem mal 7 gerstenkörner schwer, also lang bisz er plt brunzet. Braunschweig 29; wann einen gaul die feifel anstoszt, so geusz ihm wasser in ein ohr oder brunz ihm darein. Seuter 229; laszt einen gesunden menschen, der lauter wein trinket über zwei handvoll gersten s. v. brunzen, laszt die gersten die ganze nacht in dem harn erweichen. Hohberg 3, 2, 209a.
Adelung sieht wol ein, dasz dieses wort anfangs ein anständiges war, 'allein es sei mit allen seinen ableitungen nunmehr schon lange dem niedrigsten pöbel preisgegeben worden, daher er sich nicht dabei aufhalten wolle'; als wenn es nicht pflicht der sprachforschung wäre, solchen wörtern, die herabgekommen sind nicht weil sie das volk in ihrer natürlichen geltung festhielt, sondern weil die vornehme welt sie durch fremde, nichts sagende verdrängte und zuletzt vergasz, gleichsam die ehre zu retten. würde ein italienischer lexicograph über far l'acqua so unbesonnen geurtheilt haben? diese althergebrachten, grunddeutschen wörter in ihrer vermeinten erniedrigung hat selbst die neue sprache, wenn sie sie auch nicht oft in den mund nimmt, für die kraft und abschattung der rede als nothwendige und durchsichtige aufrecht zu erhalten und die vorausgehenden belege sind dazu aufgesucht worden. wer wollte in Platers treuherziger erzählung für brünzeln irgend einen andern ausdruck setzen?