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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
tretelohn bis tretwerk (Bd. 22, Sp. 182 bis 237)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tretelohn, m., lohn für die arbeit des traubentretens: darnach sollen die genanten Herman Jan von Melre und Agnese, des genanten Herman ehliche wirthin und alle ere erben leselon, tragelon, furlon, tretelon, hutelon, kelterlon adder was von dem winkoift inzubrengen, mit den genanten Hansze und Syfarde und eren erben uf beide partige glichtragen und usgeben (1418) urkundenb. d. stadt Arnstadt 216.
 
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treteltanz, m.: treteltantz Münchener codex bei Schmeller-Fr. 1, 679. vgl. DWB treten II A 2 d; B 7; C 2 b und treter 1 a.

[Bd. 22, Sp. 183]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) treten, vb. herkunft und form.
das wort ist gemeingermanisch: got. trudan; anord. troða, aschwed. troþa (neben dem aus mnd. treden entlehnten schw. vb. traedha); neugebildet sind norw. treda, schwed. träda, dän. traede; ahd. trëtan, drëtan (Otfrid), mhd. trëten; mnd. trëden; anfr. trëdan, ndl. treden; afries. trëda; ags. tredan, engl. tread. auszergermanische entsprechungen sind mit bestimmtheit nicht nachzuweisen. das wort als to-präsens zu idg. dreu 'laufen' aufzufassen, in welchem falle tretan u. s. w. neubildungen sein müszten (s. Osthoff parerga 372; Walde-Pokorny 1, 796), macht von der bedeutungsseite her schwierigkeit, da treten als bewegungsverb (s. II) wohl erst secundär ist.anord. troða und got. trudan mit unregelmäszigem präsensvocal gehört der 4. ablautreihe an (über das dem wurzelvokal vorangehende r vgl. Paul dtsch. gramm. 3, § 168 A 2), das westgerm. vb. der 5. klasse.
über das vorkommen eines germ. schwachen verbs s. 2treten. dieses, im spätmhd. versinkend, geht seit jener epoche eine form- und schreibungsmischung mit dem starken vb. ein, so dasz die belege z. t. einer zuordnung widerstreben. wohl als spiegelung jenes alten schwachen vb. weisen die obd. und vereinzelte md. mundarten im part. prät. heute noch schwache oder doppelformen aus: inf. trieden; part. getratt und getrueden wb. d. luxemb. ma. 441b; treden; getrót, geträt Follmann deutschlothr. 101a; drārən; jə— drārən und jədrat Hofmann niederhess. 241b; trédn; trédn und trett't Schmeller-Fr. 1, 678; dratte; dratte(d) Seiler Basel 84a; s. Fischer schwäb. 2, 372. formen. die 1. person sing. präs. kennt neben normalem trete vereinzelt formen mit dem i-vocal: tritte Luther 34, 1, 12 W.; trit 29, 263; Weckherlin 1, 179 lit. ver.
2. u. 3. person sing. präs.; neben trittst, tritt stehen nicht selten bis ins 18. jh. die volleren formen: trittest: 2. Mos. 9, 17; ps. 89, 40; Weckherlin 1, 384 lit. ver.; trittet: urkb. d. stadt Freiberg i. S. 2, 39; Weckherlin 2, 19; Stranitzky ollapatrida 102 Wiener ndr.; A. v. Haller briefe über d. wicht. wahrheiten d. offenb. (1772) 207; 213.
2. pers. plur. präs.; seltene fälle für ekthlipsis: trett Fischart flöhatz 40 ndr.; Gilhusius grammatica (1597) 62.
imperativ. neben dem üblichen trit(t) nicht selten tret S. Brant narrenschiff 2 Z.; trett Lehman florileg. polit. 1, 209. im plural mit ekthlipsis: tret(t) Luther 34, 1, 120 W. u. ö.; Schoch stud.-leben (1657) e 2a. — im 18. und 19. jh. taucht ein irriger schwacher imp. trete auf, z. b. Göthe 10, 375 W.; Brentano (1852) 3, 266; A. v. Arnim 7, 221; Bettine die Günderode 1, 103; Platen (1853) 1, 16; betrete Jean Paul 2, 365 akad. ausg.
construction mit dem hilfszeitwort. mit haben ist das transitive verb auszer wenigen fällen unter II A verbunden, ebenso das intransitive verb der bedeutungsgruppe I. als austriacismen aufzufassen sind ausnahmen wie: ihr seid einem edelmann aufs hühnerauge getreten Rosegger schr. I 13, 73; bin ich denn auf eine irrwurz getreten? Pichler gesch. aus Tirol 1, 81. das intransitive bewegungsverb (II B, C) geht mit sein, doch auch hier schwankt der gebrauch gelegentlich: ich habe getreten vor gott passional 390 Hahn; dat ik hebbe ghetreden van dusser lere 'imitatio Christi' mittelniederdeutsch 27 Hagen; das land, darauff du mit deinem fusz getreten hast Josua 14, 9; als hatte hertzog Wilhelm vor den konig getreten H. Cammermeister chronik 170. bedeutung und gebrauch.
I. auszugehen ist von einer (allen germanischen sprachen, dem gotischen jedoch ausschlieszlich eignenden) bedeutung wie 'den fusz in der verticalbewegung, ohne dasz der körper dabei fortbewegt wird, auf etwas darunter befindliches setzen'. in diesem sinne kann auch aus horizontalem schreiten eine einzelbewegung herausgenommen werden (s. DWB A 5 u. 6 b).

[Bd. 22, Sp. 184]



A. transitiver gebrauch (neben gelegentlichem reflexivischem und absolutem)
1) mit accus. der sache oder der person, 'den fusz aufsetzen'; vielfach mit dem moment einer gewissen heftigkeit.
a) got.: jah miþþanei saiso, sum gadraus faur wig, jah gatrudan warþ (κατεπατήθη) Luc. 8, 5; du trittest die berg und zermulest sie und setzest die buhel als den staub (triturabis montes) bibel (1483) 351b (Jesaias 41, 13).
tiere treten, namentlich kriechtiere, vgl. schlangentretten calcare Kramer 2 (1702) 1132c: du wirst die lwen und tracken trtten die gantze bibel (Zürich 1531) ps. 90, 13; keine natter kann so vergiftet sich anstellen, wenn sie getreten wird Lohenstein Arminius (1689) 1, 148b; sie hatten ihn (den igel) mit wasser begossen, gestoszen, getreten, mit spitzen, scharfen sachen in ihn hineingestochen H. v. Kahlenberg Eva Sehring (1901) 9. besonders häufig der getretene wurm; seit dem 16. jahrh. sprichwörtlich: wann man einen wurm lang trit, so krümpt er sich schöne weise klugreden (1548) 149b; man tritt ein würmlein so lang, bisz es sich krümbt Eyering proverbium copia (1601) 1, 332; ähnlich: man tritt ein frosch so lang, bisz er quackt ebda 706. vielfach fortwirkend:

Proc.: mit was entschuldigt man denn Artabazes ketten?
Ant.: mit dem, dasz man den wurm, der stechen will, musz tretten
Lohenstein Cleopatra (1661) abh. 1, sc. 3, v. 492;

ich bin nun nicht mehr Marwood; ich bin ... ein getretner wurm, der sich krümmet, und dem, der ihn getreten hat, wenigstens die ferse gern verwunden möchte Lessing 2, 325 L.-M.;

doch einen stachel gab natur dem wurm,
den willkür übermütig spielend tritt
Schiller 12, 258 G.

mit eigentümlicher ausdeutung: der getretene wurm krümmt sich. so ist es klug. er verringert damit die wahrscheinlichkeit, von neuem getreten zu werden. in der sprache der moral: demuth F. Nietzsche (1899) 8, 65.
vom menschen. aus der kampfsphäre stammend, ist der gebrauch, wohl unter biblischem einflusz, frühzeitig uneigentlich; ags. mê tredaþ feóndas mîne (nach ps. 55, 2: conculcaverunt me inimici mei) s. Bosworth-Toller 1012a; auch von einem volk, es unterdrücken, niederdrücken: inti Hierusalem ist getretan fon thioton io unz gifulto werdent zito thiotono (calcabitur a gentibus) Tatian 145, 13 Sievers (Luc. 21, 24); im mystischen bild: des solt du als dicke und als vil an geworffen werden, das du als wol getretten werdest in dem lidende, das du senftmütigkeit dinne lerst Tauler predigten 139 Vetter. mit klarer sinnlicher bedeutung im mhd.:

mit tjost er stach
den menlîchen heiden nider:
der mohte des niht kumen wider:
ob wol der tjost er wêre genesen,
er mûste zu tôde getret wesen kreuzfahrt d. markgrafen Ludwig d. From. 4144 Naumann;

der wunde sprach 'hin dan von mir!
wie ist in tretens mich sô gâch'.
Wolfram v. Eschenbach Parzival 522, 20;

nhd. vornehmlich uneigentlich; absolut:

wirff dein zweyhrnicht haupt zu seinen siegesfszen,
die zwar von segen thaun, doch nichts vom treten wissen
Lohenstein Arminius (1689) 2, 261b;

reichlich im 19. jahrh.: der könig ... schmeichelt dem militär ... er schimpft und tritt das volk, wie er nur kann Varnhagen v. Ense tagebücher (1861) 6, 179; arm leut tritt jedermann A. v. Arnim 14, 354 W. Grimm;

dasz zwanzig jahr der übermuth
des fremden volks mit spott
dich trat
Fr. Rückert werke (1867) 1, 53.

vor Österreich sicher, des nochmals umstrickten zaren gewisz, konnte Napoleon Preuszen nach laune treten und drücken Prutz preusz. geschichte 3, 464; von fürstenmacht die es (das volk der Friesen) zu lieben gar keine ursache hat, ist es getreten und vom meere zerschnitten worden, wie eine amphibie zertreten und zerschnitten wird H. Allmers marschenbuch 53. geläufig ist auch sich

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treten lassen: welche ansprüche hatte es also auf eine nationale dichtung zu machen, das volk, das sich damals verliesz und aufgab, sich unwürdig treten und miszhandeln liesz Gervinus gesch. d. dtsch. dichtg. (1853) 5, 363; wenn du (als verachteter Jude) was kannst, kannst'e dich wehren, brauchst'e dich nicht lassen zu treten W. Raabe der hungerpastor (1864) 1, 94; vgl. die heutige redensart: er ist eine radfahrernatur, nach oben bückt er sich, nach unten tritt er.
vereinzelt jemanden auf den fusz treten ihn herausfordern: der keyser hatte den brauch nicht, jemands krieg zu zufügen ... würde man ihn aber zuerst auff den fusz tretten, so solte man gleichwol auch erfahren, er wolte die hende nicht in busem stecken, sondern nach vermügen sein bestes thun C. Spangenberg mansfeld. chron. (1572) 172b.
b) besondere anwendungen.
'überfahren' von einem wagen: tretit ein wagen ein kint oder ein swin oder waz iz ist, der wagen ist unschuldic urk.-buch d. stadt Freiburg III 149. vom stechen des flohs:

manche die halten euch geringer,
also das, wann ihr meidleinzwinger
sie trett, und sie euch greiffen msz,
zertritt sie euch nur mit dem fsz
Fischart flöhatz 40 ndr.;

also das ihr auch in der kuchen
die kchin bey dem herd da schen,
trett sie, wann sie soll schüsseln spielen,
das sie euch stupffern nach musz wlen ebda 48.

eigentümlich: (als einem besessenen mädchen ein Marienbild auf den kopf gehalten wird, schreit der teufel) lasse mich gehn, du hur, wie tritstu mich so hart ders. binenkorb (1558) 206.
2) erweitert durch richtungsbestimmungen, vereinzelt schon ahd. und mhd.; der uneigentliche gebrauch wiegt bei weitem vor.
unter die füsze treten; im ahd. bereits uneigentlich, s. Otfrid 3, 7, 66; conculcare, prosternere under die fusz tretten gemma gemmarum (1508) t 2b; pessundare under dye fusz dreden Dieffenbach 431b:

da wurden billich sie, beiszend der walstat schosz,
under die füsz getretten
Weckherlin 2, 51 lit. ver.;

uneigentlich, 'unterdrücken', 'verächtlich behandeln' u. ä.: bewise dy so cleine unde so underdanich, dat se alle over dy moghen wanderen und dy under ore vote treden alzo drek der straten! urschriften der 'imitatio Christi' in mnd. übersetzung 69 Hagen; der mein brot asz, trit mich unter die füsze ps. 41, 10; ja gesetzt, dasz ein tugendhafter auch eine zeitlang zu boden gedrückt und unter die füsze getreten würde, so kommt doch endlich die zeit der belohnung Gottsched anmuth. gelehrsamkeit 1, 404; dieser ehrgeizige feldherr trat mit wenigen kriegsvölkern das übelbewafnete vaterland unter die füsze A. v. Haller Fabius u. Cato (1774) 286, 15; aber ich will das ganze geschlecht der menschen unter meine füsze treten Schiller 5, 2, 134 G.; geistlich: also ist dem teuffel auch, ist zornig, das yhn gott durch fleysch und blut will unter die fus dretten Luther 17, 1, 451 W.; du wilst got under die fussen tretten 34, 1, 543; eigentümlich: Christus aber, so bisher uns treulich beigestanden hat, wolte furder den Satan unter unser fusze tretten 26, 174; sprichwörtlich: wer zu geduldig ist, den trit man endlich gar unter die füsze Friedrich Wilhelm sprichwörterregister (1577) G d; sehr oft mit abstractem object: daz dirre mensche sal alle dinc vorsmêhen und under di fusze treten Hermann v. Fritslar bei Pfeiffer mystiker 1, 201; di muter unsers herrin hette der werlde itelkeit undir ir vuze getretin die heilige regel f. ein vollkommenes leben 12 Priebsch; übrige zierd der claider verschmähen, bösz gedenk und schädlich begird bald under die füsz tretten Stainhöwel de claris mulier. 220 lit. ver.;

reichthum, ehre, pracht und prangen
trit er unter seinen fusz Königsb. dichterkreis 84 ndr.;

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eben der, der in seiner jugend nicht gehorchen lernte, wird die gesetze der ordnung als jüngling und mann unter die füsze treten Gellert 7, 126; so wird er am besten thun, wenn er mit einer philosophischen groszmuth alle vergänglichen reichthümer unter seine füsze tritt Rabener s. w. 2, 194; die konstitution, schreit man, ist unter die füsze getreten Schiller 7, 111 G.; eigentümlich 'zu falle bringen': denn die schönheit und vollkommenheit der Juliana ... tretten gewisz die trew des Manni unter die füsze schausp. engl. comöd. 289 Creizenach.
ähnlich unter sich treten, seit dem mhd. uneigentlich:

das si solten durch gots gerich
ir viende alsus under sich
tretten
R. v. Ems weltchronik 16644;

wilche sich darwidder gelegt haben, die hat er (der papst) bald überteubt und unter sich getretten Luther 14, 49 W.; du trittest mein volck noch unter dich und wilts nicht lassen 2. Mos. 9, 17.

den stoltzen teuffel sol
er (Jesus) treten unter sich
Fischer-Tümpel evang. kirchenlied 1, 70;

schau, herr, mein feind verfolget mich,
er drücket meine seele,
er tritt mein leben unter sich
B. Neukirch gedichte (1744) 103;

verbunden mit zu boden, s. u.:

er jage meiner seele nach,
ergreiffe sie mit hon und schmach,
mein leben mög er grimmiglich
zûboden tretten unter sich
Kehrein die ältesten kathol. gesangbücher 3, 121.

mit besonderer bedeutung, 'innerlich überwinden':

alles treten unter sich und sich in sich verhüllen,
ist sonst kein beszrer schild für unfall deinem willen
Logau 525 Eitner;

wenn der mensch alles das unter sich getreten hat, was ihm zwang auferlegt Klinger 10, 251. gelegentlich taucht im 18. jh. die vermutliche grundanwendung empor:

im ersten strich
trat unsre reuterey es (das feindliche fuszvolk) rottweis unter sich
v. Besser 1, 48 König.

vgl. auch unter die zucht treten:

(seele) schaw, wie der sinnen frevel geht ...
verzäun' ihm seine wilde flucht
und tritt ihn unter deine zucht! Königsb. dichterkr. 79 ndr.


zu boden treten niedertreten, unterdrücken, vernichten: so verfolge der feind meine sele unt ergreiffe si unt trette mein leben zu boden Schede psalmen 30 ndr.;

ach herr, lasz mich doch nicht so gantz zu boden treten,
schau in mitleiden an mein uberhäufftes leid
Dietr. v. d. Werder buszpsalmen (1632) a 2a;

wil den, durch den er stund, der fürst zu boden treten
Gryphius trauerspiele 47 Palm;

er begehrt zu steigen und solte er alle andere zu boden tretten G. P. Harsdörffer frauenzimmer-gesprächspiele 6, 234; fahr wohl! da mich indesz die angst zu boden tritt Ch. Fr. Henrici ernst-scherzh. u. sat. ged. 1, 225;

und drückest volk und bürger nicht,
die ein tyrannisch haupt als knechte
zu boden tritt, ja gar zerbricht
Gottsched ged. (1751) 1, 162;

mit abstractem object, abgeblaszt: ist wohl eine schimpflichere dienstbarkeit zu ersinnen, als dasz ... Deutschland seine heilsame sitten ... zu boden treten ... sehen musz Lohenstein Arminius (1689) 1, 19b; dasz man die heiligsten dinge mit so ... von unwahrheiten vollgepfropften spottone zu boden tritt Lavater vermischte schriften (1774) 2, 160; mitten unter den zurüstungen der departements entschlosz sich ein mädchen, die zu boden getretene freiheit zu rächen Kerner bilderbuch (1849) 77; hat etwa der krieg wieder unser vaterland verwüstet, und sitte und wohlstand zu boden getreten Kretschmann s. w. 5, 202; wenn frevel des unterthans stürmisch aufwachset und den gehorsam zu boden tritt, den er dir zuschwor sammlung v. schauspielen (Wien 1764) 6, 74; war

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denn nicht der eid auf die constitution von 1833 factisch zu boden getreten ...? J. Grimm klein. schriften 1, 40.
vereinzelt in, an den boden treten:

reiszt die fahnen und die kreuze
nieder! tretet sie zum spott
in den boden
Tieck schriften (1828) 1, 375.

tritt den lügner an den boden,
trete auf das haupt der schlange
Cl. Brentano ges. schr. 3, 266.


zu grund treten, im 17. jh.:

dan billich trittest du zu grund die, welche (dich
verlassend) wandern fort auff ihren eyteln wegen
Weckherlin gedichte 1, 384 lit. ver.;

dienst, ämpter, glück und herrlichkeit
trit ich zu grund als eytelkeit ebda 179;

herr, lasz des zornes grimm auf sie wie strme flieszen,
den widersacher dmpf und tritt den feund zu grund
Rompler von Löwenhalt erstes gebüsch (1647) 15.


in grund und boden treten: ich auf meinem kleinen standpünktchen musz unterducken, will ich nicht in grund und boden getreten werden Holtei erzähl. schriften 36, 216.
zu staube, in (den) staub treten; vereinzelt mhd., s. Lexer 2, 1507. besonders seit dem 18. jh.: bis sein gespann ihn basz zu staube trat Bürger 165 Bohtz; bildlich:

feinde treten mich in staub,
neider spotten meiner klagen
Günther 14;

wie lange soll der fusz des ungerechten den armen in den staub treten, und der verächter gottes des zaudernden donners spotten Wieland I 2, 391;

nur der fürsten feige knechte,
nichts des volks empörte mächte
trit Napoleon in staub
Stägemann kriegsgesänge (1813) 107;

mit abstractem object:

hinweg, hinweg von diesen mauern,
wo tugend, unschuld, redlichkeit,
in staub getreten, trauern
und weinen
Kretschmann sämtl. werke 1, 68;

wie endlich der hunger nach brot alles edle in den staub trete und zerknirsche Herder 5, 654 S.; eine ... naturkraft, die eine schadenfreude hat, das schöne in den staub zu treten O. Ludwig ges. schriften 5, 321.
in den kot treten, selten eigentlich: da hiesz er das panier in den kot tretten Seb. Franck chronicon Germaniae (1538) 145b; herr Hommel ... glaubt, dasz es (das horn) in der schlacht, vielleicht auf der flucht, verlohren gegangen und in den koth getreten worden Gerstenberg recensionen 270 lit. denkm.
früh in uneigentlichem gebrauch: wans eim übel geht, und man erst darz wil küplen, so man solt trsten und herauszhelffen, der tritt den leydigen erst ins kot Seb. Franck sprichwörter (1545) 1, 66b;

was zeychst die armen rott,
das dus also tritst in das kot
H. Sachs 9, 358 lit. ver.;

wo die warhait miszbraucht, daselbs wirt sy getreten ins kot Berth. v. Chiemsee tewtsche theologey 128 Reithmeyer; so weit ist es nunmehro mit diesem ehrentitel und vormals hochgeachteten tugendbelohnung (dem doktortitel) kommen, dasz sie fast bey vielen in den koth getreten und den schweinen vorgeworffen wird Trebelius polit. narrenkappe (1663) 97; das unglück ist geschehn, das herz des volks ist in den koth getreten, und keiner edlen begierde mehr fähig Göthe 10, 127 W. (motto des 'Urgötz' nach Haller); auch scheint mir der äuszere endzweck, die christkatholische religion in den koth zu treten, offenbarer als es sich für einen poeten schicken will Göthe IV 15, 138 W.
vereinzelt in quark treten:

das gute schelten? — magsts probiren!
es geht, wenn du dich frech erkühnst;
doch treten, wenns die menschen spüren,
sie dich in quark, wie dus verdienst
Göthe 3, 325 W.

[Bd. 22, Sp. 188]



3) erweiterung durch eine instrumentale bestimmung. mit den füszen treten (s. DWB füszentretung teil 4, 1, 1022, fusztreten, fusztreter 1053); vor dem 16. jh. selten. lexikalisch auch: tretten mit den versen calcare gemma gemmarum (1508) c 8b; ähnlich Diefenbach 89a. schon mhd. jemanden mit dem fusz (schuh) treten in der absicht, ihm ein zeichen zu geben (vgl. I B 1 c α):

mit den ougen unverzaget
maz er zuo ir dicke
vil minneclîche blicke
und trat si mit den vüezen gesamtabenteuer 3, 50, 263;

wan daz ich si mit den schuon
lîse trat ûf iren vuoz 51, 295;

gang gemach z ir und drit sy ain wenig mit dem fsz und gib yr zaychen, dasz sy weck gang Wirsung Calixtus (1520) h 4a. sonst:

de Joden dô tô grêpen
unde dat holt (das kreuz) ût deme tempel slêpen
unde leden it over ein wâter to êneme stege ...
dâr it wart getreden mit vôten
dat holt dâr an lach vele gûte (ca. 1400) von deme holte des hilligen cruzes 609 Schröder;

do sy waren gegangen und hetten getretten mit den fússen die helsz der undertenigen erste deutsche bibel 4, 286 Kurr.; mancher knetet den koth mit den henden und trit das mehl mit den füszen Petri d. Teutschen weisheit 2 N n 5a; da wollen wir stark genug sein, den Behemoth zu überwinden und den Leviathan mit füszen zu treten Schupp d. freund in der not 50 ndr.; wie einer rose, die er von dem stocke abbricht, beriecht und dann gleichgültig mit füszen tritt Klinger 3, 129; dichterisch: sie wohnen hier so schwindlig hoch, sagte Friedrich, dasz sie die ganze welt mit füszen treten Eichendorf (1864) 2, 180; meist mit gefühlston, der in den ersten belegen schon anklingt, 'schimpflich, verächtlich behandeln' u. ä.:

(der herr zum lässigen koch)
ein guten lusten ich jetz hett,
dasz ich dich wol mit füssen trett
Scheit Grobianus 2799 ndr.;

schawet auch wie etliche ihrer töchter mit bürden beladen und darunter versincken, von den feinden mit füssen gedretten und gezwungen werden, fürter zu gehen S. Feyerabendt ungarische chronica (1581) 127b; Christoph (wird) beschuldiget, dasz er ... sie blutrünstig geschlagen, mit füszen getreten ... (habe) Chr. Thomasius ernsth. gedancken u. erinnerungen (1720) 2, 40; er folgte endlich, dasz sich die laien gegen die ... geistlichen auflehnten, ... den von ihnen consecrirten leib Christi mit füszen traten M. I. Schmid gesch. d. Deutschen 2, 446; uneigentlich: dieser grewel (der papst), der alle könige mit füszen getretten, und gott selbs uberpocht hat, der mus verzagen und fallen, fur einer armen stimme Luther bibel 7, 389 Bindseil; sie sein das volck gottes, wie ja yhr prophet Mahomet versprochen hat, das billich uber alle völcker hersche und mit füszen trette Seb. Franck chronica u. beschreibg. d. Turckey (1530) b 4a; und dem teuffel, der uns gefangen hielt, hiermit absagen, und ihn mit füszen tretten in unserm gemüthe Jacob Böhme schriften (1620) 3, 247;

billig trit man mit füszen den geck
Hollonius somnium vitae humanae 43 ndr.;

ja, da der groszvisier so schlecht soll seyn geschätzet,
dasz ihn des pöfels schaum mit füszen treten kan;
wer wird die hoheit mehr des sultans beten an?
Lohenstein Ibrah. sult. (1680) 92, 145;

Sejan ward hochgeehrt, Sejan wird angebeten,
die gröszesten der stadt dürfft er mit füszen treten
Rachel satyr. ged. 67 ndr.;

o königin! man tritt uns ganz mit füszen,
der tyranney, der härte wird kein ziel
Schiller 12, 405 G.;

in reichlichster fülle mit abstractem object: darumb wolten wyr solchen narren nur tzu trotz und tzu wider durch und durch beyder gestalt brauchen und yhr gesetz mit füszen tretten Luther 10, 2, 28 W.; aber viel mehr thut yhr unrecht, das yhr gots wort nicht alleine weret, sondern

[Bd. 22, Sp. 189]


auch mit füszen trettet 18, 305 W.; iura obterere abthn, vertilgken, mit füszen trätten, undertrucken, zenüte machen Frisius (1556) 900a;

des teuffels gifft, list und gewalt
wirstu mit füszen tretten
Ringwaldt handbüchlein b 12b;

werden die ... sacramenta von den fluchern gleichsam mit füszen getretten G. L. Hartmann fluchspiegel 44; so obsiegen endlich doch die tugenden; da hin gegen die laster mit füszen getreten werden Neumark neuspross. teutsch. palmbaum (1668) 83; gottes gaben mit füszen tretten calcare Kramer 2 (1702) 1232b; ein guter dichter müsse die grammatik mit füszen treten Gottsched anmuthige gelehrsamkeit (1751) 4, 715; der, wenn er die vernunft mit steifen füszen tritt A. G. Kästner verm. schriften (1755) 1, 102; zu solchen zeiten, wo man die philosophie fast mit füszen tritt Gerstenberg recensionen 172 lit. denkm.; Franz tritt die hofnungen des edelsten fräuleins mit füszen Schiller 2, 111 G.; alle gesetze der kunst mit füssen zu treten Hebbel ges. w. 7, 205; du trittst dein glück ordentlich mit füszen Eichendorf (1864) 3, 81; hier ... wurde ... das völkerrecht gradezu mit füszen getreten Mommsen röm. gesch. 2, 66.
4) besondere anwendungen, meist aus dem umkreis der berufs- und standessprachen.
a) bei der weinbereitung. die kelter, presse, trotte, torkel treten: zur selben zeit sahe ich in Juda kelter tretten auf den sabbath Nehem. 13, 15; sie zwingen sie, öle zu machen auff irer eigen mülen und ire eigen kelter zu tretten Hiob 24, 11; bildlich: warum ist denn dein gewand so rotfarb, und dein kleid wie eines keltertreters? ich trete die kelter allein, und ist niemand unter den völkern mit mir. ich habe sie gekeltert in meinem zorn, und zertreten in meinem grimm Jes. 63, 6; im anschlusz an dieses 'torcular calcavi solus':

er drat dî torculin altirseini summa theologia 138 Waag;

die pressen er allein trat:
do von wart melig sin wat
H. v. Neustadt gottes zukunft 1959 Singer

(ähnlich 3191); und also ist erfüllt worden die prophecey Isaie: die trotten oder kältern ... hab ich allein getretten Keisersberg schiff der penitenz 84a. ein anderes bild, mit dem ton auf allein, geht auf die einsame marter Christi:

und wan all mein junger fluchtig werden sein,
so wirt der glaub alain an dir erschein;
damit erfult werden di geschrifft des propheten,
der spricht: die torckl hab ich allain getretn altdeutsche passionssp. aus Tirol 292 Wackernell;

es war noch nit offenbar, das er der were, der die weinkelter allain solt treten ein ratschlag, den etliche christenliche pfarherrn ... gemacht haben (1525) 20b;

kan wol ein solcher schmerz als wie der meine (Jesu) sein?
ich habe ganz allein die kelter treten müssen
G. B. Hanke geistl. u. moral. ged. (1723) 256;

verweltlicht: leider musz ich die kelter alleine treten, denn jedermann hat für sich und mit sich zu thun Göthe IV 35, 198 W.
trauben, beeren treten, vgl. got.: nih þan us aihvatundjai trudanda weinabasja Luc. 6, 44; ferner: cuppa ein bdt, darin man die trauben drit Alberus N n 4b; trisa ein traub, den man yetz stampffen oder trätten wil, weyn zemachen Frisius 165b; trauben, weinbeer tretten Kramer 2 (1702), 1132c; (Noe) hat die weinbeer tretten und den wein pressen gelert Aventin 1, 327;

hie lesz und tret ich trauben zart
und presz sie ausz zu dieser farth
Petri d. Teutschen weisheit 2, Q q q 3a;

also schritt sie hinauf, sich schon des herbstes erfreuend
und des festlichen tags, an dem die gegend im jubel
trauben lieset und tritt, und den most in die fässer versammelt
Göthe 6, 180 W.;

er sieht dort seine mitpropheten,
im bottich tanzend, trauben treten
A. Grün 4, 303.

vgl. auch nl. die perse treden hor. belg 10, 152 nach teil 5, 524.

[Bd. 22, Sp. 190]



seltener wein, saft treten: calcare, contundere uvas weintreten nomenclator lat.-germ. (1634) 93; er wein dretten begundt Wickram 7, 60 lit. ver.; wein ... ist das geträncke, so aus dem safte der reiffen weintrauben, die am rebenstocke wachsen, getreten oder gepresset wird Gueintz d. deutsche rechtschreibung (1666) 157;

hie krachet der herbstkarch, under dem vollen fasz,
da mit getrettnem safft die leut die bütten fillen
Weckherlin 2, 385 lit. ver.


b) treten im arbeitsgang verschiedenster gewerke.
in der getreidewirtschaft das entkernen der halme durch den tritt der haustiere; die seltenheit dieses vorgangs hat ihren niederschlag in karger belegung:

und wie die ochsen nach der zeit
desz schnitts an einem tennen weit
offtmals die gersten tretten hart,
dasz sie fellt ausz den hülsen zart
Spreng Ilias (1610) 288a;

vgl. die redensart (nach 5. Mos. 25, 5): du solt dem treschenden oder trettenden ochsen das maul nicht verbinden H. Lewenklau neuwe chronica türck. nation (1590) 185; sprichwörtlich: müde ochsen treten übel S. Franck sprüchw. 1, 18b.
treten in der absicht des zusammenpressens: item 2 m. das mel in tonnen zu stosen und treten Marienb. tresslerbuch 347 Joachim; den scheffel oder metzen tretten, rütteln mit dem fusz calcare Kramer 2 (1702) 1132c;

schöber treten tun sie (die kinder) beim heuen,
garben tragen tun sie im schnitt
Rosegger nixnutzig volk (1907) 77.


mit dem moment der bereitung: den teig tretten kneten, calcare la pasta M. Kramer 2 (1702), 1133a; häute, leder tretten calcare M. Kramer ebda 1132c; das treten der wäsche in der grube bei Homer K. Bücher arbeit u. rhythmus (1899) 368; mesz tredden mist machen Strodtmann osnabrug. 251; süddeutsch kraut treten es als sauerkohl in tonnen einpressen; das treten von stahlschienen, um ihnen eine ründung zu geben vgl. Lueger 7, 179.
insbesondere lehm, ton treten: gehe in den thon und tritt den leimen und mache starcke zigel Nahum 3, 14; der ein philosophus ist und kein medicus, dem ist wie eim hafner, der den leimen beren und tretten kan, aber nicht hafen machet und kans nit brennen Paracelsus opera 1, 371 Huser; feucht den (ton) an mit wasser, dasz er weich werde, dann lasz in dretten L. Ercker beschr. aller mineral. ertzt (1580) 7b;

lag dazu begabet im bett,
als wenn ich leym getretten hett
Rollenhagen froschmeuseler (1595) e 4b;

du deuchst mir der lehm zu sein, den ein gott bildend mit füszen tritt Bettine die Günderode (1840) 1, 235; sprichwörtlich:

der hafner, so den lehm nicht tritt,
verfertigt keinen topf damit
Binder 83;

mit übertragung auf die tanzbewegung:

tanzet munter, tretet leimen
A. v. Arnim werke 22, 73 W. Grimm.


c) technisch, durch niedertreten etwas in gang bringen oder in gang halten.
das rad treten. vorerst vom wasserrad: die selbige (die wasserkunst mit dem mangelrad) hat ... ein hltzen rad, das von denen, die es tretten, umgetriben wird Bech Agricolas bergwerckbuch (1621) 138; mit einem rade, welches die leut tretten Mathesius Sarepta (1571) 145b; komm, trete das wasserrad A. v. Arnim 7, 221; von da aus eimer aus dem brunnen treten: in der statt Susis sind rinder ..., die müssen im (dem könig) täglichs in seinem lustgarten ein gewisse zahl der eimer voll wassers ausz dem brunnen tretten Heyden Plinius (1584) 206; anders: auf dem hofe angekommen, trafen sie einen scherenschleiferkarren; ... ein mann trat emsig das rad Storm (1899) 1, 35; des zinngiessers spitzhund, der, das rad tretend, auf derselben stelle eine wallfahrt nach Jerusalem im sinne zurücklegt Cl. Brentano ges. schr. (1852)

[Bd. 22, Sp. 191]


5, 386; bildlich: (dem leiter eines seminars) da sie das rad treten müssen, das die ganze maschine bewegt Görres ges. briefe 3, 151.
sonst maschinell: weil auch die pulvermühle vor weinig monaten abgebrandt, richtete man eine, so von pferden gezogen und etliche stampffen, die von menschen getretten wurden, im barfussercloster an v. Chemnitz schwedischer krieg 2, 468; eine eigenthümliche maschinerie ..., welche wie eine nähmaschine getreten wurde Seidel vorstadtgeschichten 206; vgl. auch: doch Chateaubriands treue ging über alles ... er machte sich anheischig, nach Claye zu kommen und selbst die wiege zu treten K. Gutzkow (1872) 9, 58.
insbesondere beim weben und spinnen: die weberschemel tretten Kramer 2 (1702), 1132c; in ähnlicher weise bewirkt das treten jedes anderen haupttrittes das heben des gleichnamigen schaftes Karmarsch-Heeren 10, 465; ähnlich beim hin- und herwerfen des weberschiffchens, wo die verschiedene kraft der rechten und linken hand oder die absicht des arbeiters verschiedene töne hervorbringt, denen in regelmäszigem wechsel das treten der schäfte sich beimischt K. Bücher arbeit u. rhythmus (1899) 25.
oft absolut: bei seidenwebern trift dieses schicksal gewöhnlich nur denjenigen fusz, auf welchem sie stehen, selten jenen, womit sie treten Bremser (1806) 217; da soll eens treten vom frihen morgen bis in die sinkende nacht G. Hauptmann die weber (1892) I 1; am spinnrad:

das kleine füszchen tritt und tritt
Göthe 1, 36 W.;

endlich (fragte er) die dritte: woher den dicken fusz? 'vom treten, vom treten!' kinder- u. hausmärchen (1812) 1, 49; den blasebalg treten: die bälge, blasz-, windbälge tretten auf der orgel calcare Kramfr 2 (1702), 1132c; man musz den blaszbalck besser tretten Lehman florileg. polit. (1662) 1, 29; er (der schneider) habe ... die blasebälge in der kirchen zu der orgel etliche jahr nach einander treten müssen Trebelius polit. narrenkappe (1683) 281;

mein herr, ich bin — wann sie nur wüsten —
ein musicant, ein ganzer mann,
der allen herren organisten
den blaszbalch zirlich tretten kann
Kopp deutsches volks- u. studentenlied nr. 176 str. 5;

und die leichten bälge tretend,
sieht er einen goldumlockten,
schönen knaben freudig schweben
Cl. Brentano (1852) 3, 202;

als redensart: da hab ich den balgen getreten den impuls gegeben Fischer schwäb. wb. 2, 372. hierher auch: die pedale treten.
d) seit beginn des 18. jh. begegnet die redensart jemandem die brücke treten im sinne von 'ihm vorschub tun', 'ihn unterstützen'. zur erklärung der wendung vgl. teil 2, 415 s. v. brücke, doch kann sie auch aus jüngerem technischen gebrauch rühren, s. u. tretbrücke sp. 236: die Amine trate zum andern mahle dem träger die brücke (unterstützte sein gesuch) Bohse tausend u. eine nacht (1711) 233; die so genannte madame Leucorande hat in ihrem herausgegebenen gründlichen bericht sich sehr bemühet, dem frauenzimmer, so toback rauchet, die brücke zu treten Amaranthes frauenzimmerlex. 2028; ich glaube, sie treten ihm noch die brücke Lessing 3, 227 L.-M.; die mutter trat dem jungen die brücke, leistete seinen ungewöhnlichen bedürfnissen vorschub W. v. Polenz Grabenhäger 1, 271; man sollte sich hüten, dergleichen zu protegieren; ... vielleicht haben sie sich noch gar nicht überlegt, was es heiszt, einer so anrüchigen person die brücke zu treten ebda 2, 244; nd.: ik mot jummer de brugge dal treden vor dem risz stehn, das hindernis beheben vgl. teil 2, 415.
e) wasser treten (s. auch teil 13, 2306 s. v. wasser und 2536 s. v. wassertreten, wassertreter; ferner unten II A 2 c).
α) sich durch tretbewegungen über wasser halten: in das wasser schlahen oder das wasser trätten plaudere aquas natatu Frisius 110b;

[Bd. 22, Sp. 192]


er sprang in einen tieffen see gar freye,
darin trat er das wasser stoltz,
er stund aufrecht als wie ein boltz Ambraser liederbuch 226, 118 lit. ver.;

und ob schon etliche fortkamen, die da konten schwimmen oder das wasser tretten, wurden sie doch verhindert C. Lautenbach Egesippus (1575) 72b; endlich haben etliche gelernet wasser tretten, indem sie bis an den gürtel unter dem wasser gehen Comenius orbis pictus (1746) 179.
occasionell auch luft treten: sie sagen ausz, wann es einem traumet, als werde er am galgen gehenckt, und mit den fssen den luft trette, seye ein genaue weiszsagung, dasz er zu hhere wrde gelangen werde Abraham a s. Clara Judas der ertzschelm 1, 3.
β) tauchen: auch ist er (der polyp) denen, so das wasser dretten künnen, unnd under dem wasser geen, uffsetzig H. v. Eppendorff Plinius (1543) 9, 118; so er (der polyp) einen menschen, der schiffbruch erlitten oder sonst das wasser tretten wllen, ereilet, umbfahet er ihn mit aller macht J. Heyden Plinius (1565) 369 (ähnlich 386).
f) mit innerem object, den takt treten: dann nimmt er das stück wieder auf, wo er es gelassen hat. er tritt den tact Göthe 45, 36 W.; rondeau von der lerche, während dessen treufreund den tact tritt 17, 19; die scene hatte solchen eindruck gemacht, dasz ein bratschist auf seiner stimme die stelle bemerkt hatte, wo Mozart den takt mit füszen trat, dasz ihm eine schuhschnalle absprang O. Jahn Mozart 4, 479 anm.; er (der walzer) kommt hier weniger schnell als in der stadt, jedoch nicht ohne geschmack und anstand zur ausführung, wenn auch dabei die bursche den takt mit den füszen so energisch treten, dasz nicht selten bei solcher leibsübung der tanzboden ... durchbricht F. M. Böhme gesch. d. tanzes (1886) 203; sie tritt mit dem fusze den takt G. Hauptmann einsame menschen (1891) 2.
g) 'begatten', immer von vögeln gesagt: treten wenn das männliche federwild sich mit dem weiblichen begattet Train waidmanns praktika 311 Thüngen; treten bei allem wildgeflügel der hochjagd und im allgemeinen, namentlich bei allen hühnerarten 'sich begatten' Behlen forst- u. jagdkunde 6, 90;

Riechwetter, der mutige hahn
von dem schelm ward geklaget an,
dasz er den tod verschuldet hett,
weil er also die hüner trett
Rollenhagen froschmäuseler 1, 2;

was die kurtzweil doch bedeut,
wenn der hirt die hrtin hertzet,
wenn der bull so brummt und schreyt,
wenn der bock mit schafen schertzet,
wenn der hahn tritt unser hun
G. Voigtländer oden u. lieder (1642) 75;

so wol an denen zahmen als auch wilden tauben ist einiger meynung dieses etwas wunderwrdiges, dasz ein tubin, wann sie schon von andern taubern getretten wird, von solchen doch nicht, sondern nur von ihrem tauber zu concipiren pfleget v. Hohberg georgica curiosa aucta (1715) 3, 359a; wenn der hahn die henne tritt, so verrichtet er kein heiliges werk Hippel über die ehe (1774) 61; dasz die begattung erst in den ... späteren morgenstunden stattfinde, kann ich nicht anerkennen, da ich zu oft gesehen habe, dasz hennen ... in der morgendämmerung getreten wurden Brehm tierleben 5, 495 P.-L. absolut: als sagte es ihnen einige vernunfft, teils das alte nest oder vorigen wohnplatz wieder zu finden, ... sich zu gatten, zu treten, zu brten Prätorius winterflucht der sommervögel (1678) vorrede a 2b; sprichuörtlich: tritst du mein huhn, wirst du mein hahn oder die unfreye hand ziehet die freye nach sich Eisenhart grundsätze (1759) 75; bildlich: aber siehe da, unsere gnädige tasche. fickerment, wann ich so ein huhn (wie die eintretende wirtin) hätte, ich schlüge den hahn mausztodt und trete es selbst pedantischer irrthum (1673) 82; hier traff ich nun eine junge henne, welche gerne getreten sein wollte der verliebte u. galante student (1740) 32; in voller übertragung auf menschen:

[Bd. 22, Sp. 193]


wer sein fraw schlägt mit eim bengel,
der ist vor gott ein heiliger engel.
wer sein fraw schlägt und nicht tritt,
dem verzeiht gott die sünde nicht
Lehman florilegium politicum (1662) 3, 488;

die leber ist von einem bibr;
der bibergeil ist weibern liebr,
als wenn man ihnen sagt vom betn;
viel lieber lassen sie sich tretn
und spielen dick, dack, ausz und ein
das gfellt den jungen weiberlein
J. Sommer epatologia hierogl. rhythmica (1605) d 5b.


h) aus der studentensprache stammt die heute aus der umgangssprache geläufige bedeutung jemanden treten ihn erinnern, mahnen; nicht vor dem 18. jh. meist um geld mahnen: treten mahnen zur bezahlung der schulden Klosz idioticon d. burschenspr. 44 Frommel; einen treten id quod manichäern 18; jemanden um geld treten heiszt ihn vermögen, geld vorzuschieszen und da es nun dabei mit dem wiederbezahlen nicht so genau genommen wird, so heiszt es auch ihn darum betrügen (1795) John Meier studentenspr. u. studentenlied 110; über das standessprachliche hinaus: wenn du nach Köln schreibst, wäre es gut, wenn du sie wegen des reisegeldes trätest Fr. Engels briefwechsel mit Karl Marx (1851) 1, 173; mundartlich: treten um zahlung u. s. w. mahnen K. Albrecht d. Leipziger mundart 224b; einen treten ihn mahnen, um zahlung angehen Müller-Fraureuth wb. d. obersächs. u. erzgebirg. mundarten 1, 248a.
dann auch allgemeiner, an irgend etwas erinnern, um irgend etwas mahnen: treten heftig zusetzen, wozu vermögen Kluge studentenspr. 131a; jemanden bereden, z. b. eine gesellschaft mit kaffee u. s. w. zu regalieren ebda; ich trete jemanden, einer bierverpflichtung nachzukommen oder eine mensur endlich auszufechten studentensprache u. studentenlied 110; ostern (werde ich) den verleger treten, dasz er ... das für mich günstige erkenntnis nachliefern soll O. L. Jahn briefe (1837) 415; deshalb hat er selber gar nicht zeit, mich zu treten, sondern schickt nur immer den lehrburschen P. Cornelius lit. w. 1, 746; uneigentlich: ich ... vermeide ..., so viel als möglich, neue bekanntschaften zu machen, aus furcht, ich möchte auf fortschritte stoszen, die mich treten Holtei erzähl. schriften 38, 153.
mit besonderer bedeutung, 'prellen', 'neppen': das boot ... wartete meiner schon, und das 'treten' von fremden ist nicht blos in unserm Harz und bei den ... bewohnern der Schweiz und Tirols sitte, sondern fand auch schon bei den sonnensöhnen Afrikas eingang — wohl oder übel muszte ich ... mich entschlieszen, den etwas bitteren preis von 4 schilling für die her- und rückfahrt zu zahlen H. Soyaux aus Westafrika (1879) 1, 66.
5) gelegentlich ist treten nicht das senkrechte aufsetzen des fuszes von oben, sondern eine mehr seitwärts gerichtete oder horizontale stampfbewegung. bei tieren das ausschlagen: calcari equo vom rosz trätten werden Frisius dict. (1556) 478a; das pferd trat den knecht equus famulum conculcabat Steinbach deutsches wb. (1734) 2, 848; wann sich ein rosz selbs getretten hette, so schneid den tritt auff Seutter hippiatria 344;

das pferd fing weidlich an zu treten
vor ungeduld und trat
den armen Reinke Fuchs, der nichts an füszen hat.
'das nun hätt ich mir wohl verbeten,
tret er mich nicht, herr pferd! ich will ihn auch nicht treten.'
M. Claudius (1775) 1, 153;

mundartlich: den hat die schwarze kuh getreten über den ist das unglück schon gekommen, er ist ihm verfallen Weinhold beitr. zu einem schles. wb. 100a. auch intransitiv, vgl. DWB B einl. u. 3.
vom menschen, 'einen tritt versetzen':

und schlug den hund, der heulte sehr,
und trat und schlug ihn immer mehr
Heinr. Hoffmann Struwwelpeter 4;

da kann sich der spitz lassen treten, so viel er lust hat O. Ludwig ges. schriften (1891) 2, 153; vgl. schwäb.: einen treten ihm einen tritt, 'hundstritt' versetzen Fischer 2, 372;

[Bd. 22, Sp. 194]


vielfach, namentlich in älteren belegen, nicht immer ganz scharf von oben 1 zu trennen: sie hend mich gerouft, gstossen, treten, geschlagen N. Manuel ablaszkrämer 510 Bächtold;

(ich will) sie all uber einen hauffen
schlagen, tretten, schleiffen beim har
W. Spangenberg bei
Dähnhardt griech. dramen 2, 63;

er ist von seinen feinden geschlagen, gestoszen, getreten ... worden Schupp schriften (1663) 459;

senk die hellbarde nicht mir vor die brust,
sonst, bey sankt Paul, streck ich zu boden dich,
und trete, bettler, dich für deine keckheit Shakespeare 9, 17.

absolut: sollet ihr mit den zähnen dreyn fallen, solang ewer leib und leben wehret, mit tretten, reiszen H. W. Kirchhof militaris disciplina (1602) 74; (sich balgende kinder) lieszen es nicht an beiszen, kratzen und treten fehlen Göthe 22, 76 W.; aber künftig kannst du auch das puffen und treten unterlassen Immermann 1, 153 Boxberger; schon brennt es im schlöszchen. und mitten im treten und getretenwerden, im würgen und gewürgtwerden denk ich plötzlich der gräfin D. v. Liliencron s. w. (1901) 1, 263.
6) mit angabe der wirkung oder der absicht.
a) zu trümmern, stücken, entzwei treten:

und wo du nit baldt auff wirst than,
wirdt ich die thür tretten zu drümmern
H. Sachs 8, 252 lit. ver.;

aber wahr (ist), dasz beklagter Jeans mit unmenschlicher ... starcke die thor der hellen mit seinen fssen zu stücken getretten J. Ayrer histor. processus juris (1600) 70; so trett ich dir alle rippen im leibe entzwey H. L. Wagner theaterstücke (1779) 33.
gerade, krumm, schief, breit u. w. s. DWB treten: da ich sie (die stiefel) scheef getreten habe, da lasz ihn (den schuster) etwas unterlegen N. Volckmar 40 dialogi 162; wer die schuhe einwarts tritt, der wird reich, wer sie aber auswerts tritt, wird arm J. G. Schmidt die gestriegelte rockenphilosophia (1706) 1, 100; die schuh gerad, krumm, schb etc. tretten Kramer 2 (1702), 1132c; wie ich sie (die pantoffeln) krumm getreten habe Göthe 22, 168 W.; bildlich: er (der philister) hörte dann gnädig zu, wie seine freunde den stadtklatsch breit traten, und gab wohlgefällig seine hämisch verurteilenden vota ab G. Steinhausen aus dem tagebuch eines unbedeutenden (1893) 81; sie trat mit groszer geduld gemeinplätze breit T. Kröger schuld? 67.
etwas durch treten von oder aus einer sache entfernen: inzwischen wäre der gefangene numehro der rache der wtenden feinde aufgeopfert worden, wenn nicht zu seinem glücke ein pferd ihm den helm vom haupte getreten ... hätte Lohenstein Arminius (1689) 1, 39a; verworfener! nur einmal dich so unter meiner hand zu wissen, ... so dir die höllische seele aus dem leibe zu treten Gerstenberg Ugolino 225 Hamel; zwei ochsen, pferde oder maulesel werden im kreise auf dem hingelegten getreide herumgetrieben und treten die körner aus dem halm Stolberg gesammelte werke (1820) 8, 360; nicht wahr, unbestechlicher, es ist grausam, dir die absätze so von den schuhen zu treten? G. Büchner nachgel. schriften (1850) 81.
hierher weiter: ein überbein, das sich der stürmende geist der geschichte getreten habe K. Gutzkow ges. werke (1872) 12, 112.
b) mit einem bewegungsmoment und so zu II hinüberführend. tritte, stapfen, eine spur treten: da sahen sie die tritt, die Sant Michahel getretten hett in den stain der heiligen leben winterteil (1471) 1a;

der fuchsz ihm (dem löwen) schrifftlich antwort gab:
fürwar ich wol gesehen hab,
das alle fuszstapffen hinein (in die höhle)
und kein herausz getreten sein
Alberus fabeln 161 ndr.;

wo des teufels fusz die erde berührte, versengte er das frische gras und trat tiefe stapfen W. Grimm dtsche sagen

[Bd. 22, Sp. 195]


1, 105; schnee, in dessen harte kruste bei ziemlich beträchtlicher neigung eine unzahl stufen getreten werden muszten H. v. Barth nördl. Kalkalpen 14; das weib schritt dicht hinter dem mann und der geisz, die spur nutzend, die diese in den schnee traten E. Zahn Albin Indergand (1904) 149.
weiter gebildet eine strasze, einen weg u. s. w. treten. schon ahd.:

zi thiu thaz er gigarannethiu liuti wirdige,
selb druhtîne strâzazi dretane
Otfrid 1, 4, 46;

jedoch ersahe ich einen steig, der wol gebanet und getretten war Krüger Clawerts werckl. hist. 68 ndr.; (wesen) die sich im kornfelde tummeln, steige darein treten Laistner nebelsagen 12; bildlich:

wer sich auf der sündenwiese seinen fuszsteg erst getreten,
lernt, um selbst nicht umzukehren, sein gebetchen rückwärts beten
W. Müller gedichte 329 Hatfield.


B. intransitiver gebrauch. selten unerweitert; 'ausschlagen' (s. o. A 5): Oza der strackt die hande z der arch gotes und hielt sy: wann die ochsen, die traten und neygten sy (quoniam calcitrabant boves et declinaverunt eam) erste deutsche bibel 5, 152 Kurrelmeyer; ein wildes schlagendes und tretendes pferd U. v. Wilamowitz-Möllendorff griech. trag. 2 (1910) 231. meist neben einer präpositionalen bestimmung.
1) treten auf.
a) die von Meyland ... zerrissend den brief und trattend mit fssen daruff Tschudi chronicon Helveticum 1, 75;

trit auffs dischlach und auff die deller,
lasz dichs nicht irren umb ein heller
K. Scheit Grobianus v. 2637 ndr.;

so darf niemand in stiefeln auf die teppiche treten, worauf der hof sich befindet Göthe 7, 195 W.; dis blümchen jugend — wär es ein veilchen, und er (Ferdinand) träte darauf, und es dürfte bescheiden unter ihm sterben Schiller 3, 368 G.
oft von kriechtieren, besonders in geistlichen texten: seht ich habe ûch macht gigebin zuo tretine ûf di slangen und ûf die schorpiônen und ubir alle craft des vîendes Matthias von Beheims evangelienbuch (1343) 142; ähnlich erste deutsche bibel 1, 251 Kurrelmeyer;

du wirst auf wilden leuen stehn
und treten auf die drachen
P. Gerhardt bei
Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 403b;

im folgenden schwebt wohl das bild vom teufel, der in gestalt einer schlange auftritt, vor: ibi respicio, quod dominus mens sit und trit auf den teuffel Luther 29, 263 W.; auch sonst:

wann nun frgeht ein wanderszman
und tritt auff ihren bauch gar lind,
so pfeuszt sie (die schlange) gegen ihm geschwind
Spreng Äneis 31b;

Paris weicht erschrocken zurck, wie ein wandersmann, der auf eine schlange tritt, die er nicht gesehen hatte K. W. Ramler einl. in d. schönen wissenschaften (1758) 2, 176; häufig bildlich; von einem sieger in der schlacht:

weg, zwölfter Karl! obgleich dein schritt
auf tausend kalte feinde tritt:
hat doch die siegsbegier die brger auch erdrckt!
Gottsched ged. (1751) 1, 24;

von einem unterdrücker, tyrannen: der wüterich tritt auf den mann, den er sich unter seine füsze bringt Pestalozzi 9, 479;

machtlos, rechtlos war der Sachse;
dreist, wie auf die müden flanken
eines speerdurchbohrten ebers,
trat auf ihn der fusz des Franken
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 23;

sprichwörtlich und redensartlich: so lang die kinder noch auf den rock treten, machen sie dir am wenigsten sorge Fischer schwäb. wb. 2, 371; tritt nicht auf den rock ruft man weibern mit auffallend kurzem rock nach ebda; ähnlich:

[Bd. 22, Sp. 196]


tritt dir nich uf'n schlips hab dich nicht H. Meyer d. richt. Berliner (1925) 178b.
ganz uneigentlich, mit abstractem object: auff die liebe oder blschafft trätten, oder überwinden amorem calcare Frisius 177b; auff einsi meinung tretten oder mit ihm aufheben pedibus ire in sententiam alicuius 997b.
b) besondere bedeutungen hat die ältere sprache entwickelt in wendungen wie auf den fusz, auf die füsze, beine treten.
α) vorerst wie 'sich auf die beine stellen, aufstehen':

diu tohter ûf ir füeze trat,
nâch der Wîsheite rât
zer Minne sie vil balde gienc tochter Syon 359 Schade;

besonders bei Luther: worffen sie den man (einen toten) in Elisa grab. und da er hin kam und die gebeine Elisa anrüret, ward er lebendig und trat auff sein füsze 2. kön. 13, 21; und da ichs gesehen hatte, fiel ich auff mein angesichte und höret einen reden. und er sprach zu mir, du menschenkind, trit auff deine füsze, so wil ich mit dir reden Hesek. 2, 1; wens yhm ein gespot were gewesen et cogitasset tantum de fide etc. mansisset domi sed tantum serii est in regulo, das er auff die füsse tritt vel inscendit equum et profiscitur ad Christum Luther 32, 137 W.; non iubet (Christus) eum (dem gichtbrüchigen) nihil facere, sed trit auff den fus et hoc non solum, sed porta lectum 27, 380;

nu wolan wolan, trit uff die füsz,
das man din nit da la warten müsz
Mone schauspiele d. mittelalters 2, 274;

und tritt auf deine füsze eben! A. Hartmann volksschausp. in Bayern u. Österreich (1880) 40, 24; bildlich: zu keisers Heraclii zeiten fallen die Saracenen vom Römischen reich ab, das ist der anfang dieses eisernen beinbruchs. denn hernach kondten die orientischen keiser nicht mehr recht auff ire beine tretten, es zwacketen sie ire nachbarn, die Heunen ... traten sie hart auf ire zehen Mathesius Sarepta (1571) 87a; hierher gehörig wohl auch, im sinne von 'selbst ist der mann', die redensart: tritt auf deine füsze, du wirst nicht reich auf meinen Kirchhofer schweiz. sprüchwörter 241; ähnlich Fischer schwäb. 2, 371; Wöste-Nörr. westfäl. 274a.
auf die beine treten mit besonderem nebensinn 'zum handeln bereit, wachsam sein, aufpassen' bei Luther: denn der teuffel meinet es mit ernst und trit werlich auff die beine und ist steiff, feyert nicht und ist nicht faul zu verderben und zu schaden 23, 544 W.; darüber hebt sichs, daher kömpts, das wir auff unser beine tretten und setzen die hörner auff, und weil sie uns nicht wöllen gotts wort lassen halten, so wöllen wir auch nicht ein har breit halten alles, das sie setzen und gebieten 26, 571.
β) 'sich auf die beine machen', 'ausschreiten':

der minekliche süessen
tratt aber uff sin füsse:
behendenklich kertt er dran Göttweiger Trojanerkrieg 2392;

trat auff die bein
zum wald hinein
Fr. v. Spee trutznachtigall (1649) 12;


vereinzelt auf die lappen treten: er trat tapffer auf die lappen, so, dasz er ein bälde eine junge bauerndirn einholete Grimmelshausen Simplicissimus 3, 399 Kurz.
auf die hinterfüsze treten im sinne von 'kneifen', 'sich drücken': Clarisse (zum Pickelhering, der sich um eine auskunft drücken will): schelm, wilst du auff die hinterfüsze tretten? Pickelhering: ich wolte gern auf den gänsefusz tretten, ich hab keinen Chr. Weise d. grünenden jugend überflüss. ged. 199 ndr.
c) construction mit einem dativ der person.
α) jemandem auf die füsze (auf den, auf einen fusz) treten in mehrfachem sinn.
jemanden durch das treten auf etwas aufmerksam machen, ihm ein zeichen geben, insbesondere unter liebenden als

[Bd. 22, Sp. 197]


zeichen heimlichen einverständnisses, vielleicht auch als aufforderung:

und wer ein steten bulen hat, der soll ihm winken,
ja winken mit den augen und treten auf ein fusz
Erk-Böhme deutscher liederhort 2, 248.


ähnlich Eyering proverb. cop. 1, 98; ganz freundlich trat sie mir auf meinen fusz A. v. Arnim 13, 85 W. Grimm. mit dem transitiven verb schon mhd., vgl. oben I A 3 und das folgende:

swie vil daz si kunde
in ûf die fzze treten
und mit den augen weten
diu hertzen gæn ain ander
Johann v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 12929 Regel;

ähnlich: (Clawert) nam ... ein psalmbchlein in die handt, welchs Fabian bey sich hatte und keret das unterteil uber sich, darumb ihn Tawerbier auff den fusz trat, solchs verstund Clawert bald, wendet das bchlein umb Krüger Clawerts werkl. historien 27 ndr.
als zeichen der besitzergreifung und der angetretenen herrschaft:

und gap Lemberslinde
ze manne Gotelinde.
si sungen alle an der stat:
ûf den vuoz er ir trat
Wernher d. Gartenaere Meier Helmbrecht 1534 Panzer;

vgl.: die sitte ..., dasz noch in Altbaiern brautleute vor dem altare nach der einsegnung einander auf den fusz oder ein kleidungsstück zu treten suchen, in dem glauben, der zuerst getretene teil des paares werde während der ehe unter der herrschaft des andern stehn s. teil 4, 1, 985 s. v. fusz. vgl. auch 1053 s. v. fusztritt.
bildlich, im sinne von 'jemandem eine beleidigung, kränkung zufügen': einem auf den fusz tretten offendere Weismann lex. bipart. (1725) 2, 413a; wo man den rechten christen kan auffn fusz treten, da sparens die weltkinder nicht Petri d. Teutschen weisheit 1, h 2b; da Johannes dem Herodi selbst auf den fusz trat, da war es kein guter prediger mehr Schupp schrifften (1663) 14; (der fürsten ohne land) spottet der feind, die nachbarn treten ihnen auf den fusz und der pöfel spielet mit ihnen wie die hasen mit todten löwen Lohenstein Arminius 2, 154b. vgl. DWB wann einer einem auff di füsz tritt, so tritt er auff den gantzen menschen Lehman florileg. polit. (1662) 1, 187.
β) auf das hühnerauge treten zu nahe kommen: ihr seid einem edelmann aufs hühnerauge getreten P. Rosegger nov. (1903) 2, 73; obschon der Naz in seiner waldverborgenheit während der ganzen 87 jahre der welt nicht ein einzigesmal aufs hühneraug getreten war, so ist doch öffentlich von ihm die rede gewesen P. Rosegger wildlinge (1906) 194. ähnlich: auf die zehen treten: es war mir anfangs ungewöhnlich fremd, wenn ich in gesellschaften von beiden religionsverwandten ... mehrmals von einem lutherischen freunde auf die zehen getretten wurde Schubart leben u. gesinnungen 2, 16; vgl. reflexiv: und ... traten sich strenger hochmut und bornierter leicht sinn oft genug ... auf die zehen H. Hesse Peter Camenzind (1904) 7.
auf den schwanz treten, in einem vom hund genommenen bilde: tritt dem hund nicht auf den schwanz Brentano (1852) 2, 164; redensartlich: da kann der herr weit rum fragen in der stadt, ehe er einen findet, der den herrn oberst von Bullau nicht kennt. es ist in der ganzen stadt kein hund, welchem der nicht auf den schwanz getreten hat W. Raabe hungerpastor (1864) 3, 80; auch vom teufel: ein sprichwort sagt: wer dem teufel grob auf den schwanz tritt, den stöszt er mit den hörnern Ganghofer der mann im salz in: gartenlaube (1909) 972b; vgl. DWB dem teufel uf de schwanz treten feindschaften vermeiden Fischer schwäb. wb. 2, 371; schon im 16. jh. mit verallgemeinertem bild: aber vil der arzten, so ich berürt hab, denen ich auf den schwanz getreten, werden wenig wolgefallens haben Paracelsus opus chirurgicum (1565) 285; aber wir bäumen uns, wenn man uns auf den schwanz tritt. man hat mir auf den schwanz getreten Göthe 45, 67 W.

[Bd. 22, Sp. 198]



γ) auf das haupt, auf den kopf treten. geistlich, mit bezug auf 1. Mos. 3, 15:

du und daz wip (Eva)
traget ouf ein andir nit,
suone musz nimmir gewinnen
iur beidir chunne,
si trette dir ouf daz houbet Milst. genesis u. exodus 16, 29 Diemer;

wellen wir uns der sunden erreten,
so schulen wir im (dem wurm) ouf daz houbet tretten 18, 1;

nu wir den gemeinen orden Christi widerumb preisen, das derselb der beste und heiligst, ja allein der rechte heilige orden sey, damit treten wir der schlangen auff den kopff, das wil und kan er denn nicht leiden Luther 50, 272 W.; dann auch mit verweltlichtem bilde, 'übles zufügen' o. ä.: ein herr darff sich nicht frchten fr denen, die fern von ihm sind, sondern fr denen, die ihm zu nechst auff den fusz folgen, denn die wolten ihm viel lieber auff den kopff treten Petri der Teutschen weisheit (1604) 2, v 6a; ähnlich Zinkgref-Weidner teutscher nation weisheit 3 (1653) 24.
auf den hals, auf den nacken treten im sinne von 'unterdrücken', 'übel behandeln': in capite atque in cervicibus nostri restiterunt sy sind uns auff die achszlen gesssen, sy habend uns auff den halsz trtten Joh. Frisius (1556) 215a; also greyfft mich auch der tod an, will mich verschlingen, der teuffel tritt myr auff den hals, will mich unterdrücken Luther 17, 1, 295 W.; hiemit ... hat unser gott die liebe obrigkeit schmcken ... wllen, damit wir kirchendiener nicht mit fssen uber sie hinlieffen und tretten in auff iren halsz Mathesius Sarepta (1571) 42b; der erstere sah in den Schweitzern nichts als bauern, die ihm auf den nacken zu treten und den garaus zu machen suchten M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 4, 17.
anders, 'nahe kommen' (sinnlich), vielleicht mit dem nebensinn des bespitzelns: (da Lindamartus auftritt) aber ich musz erst sehen, was der federhans will, dasz er mir so nahe auff den hals trit Creizenach schausp. engl. comöd. 223.
δ) auf das herz treten betrüben, kränken: kleine kinder tretten auffn schosz, die grossen tretten auffs hertz Petri d. Teutschen weisheit (1604) 2, l e 7a; (die Pariser) jauchzten ..., dasz sie auf das herz des liebevollen sanften königs traten Schiller 13, 202 G.
ε) auf das maul treten zum schweigen bringen: aber der bäuerin gegenüber 'sich auf das maul zu treten' halte er durchaus für unnötig H. Stehr der heiligenhof 1, 166; vgl.: dam musz ma noch amol eim srge off de luffe trata K. Rother schles. sprichwörter u. redensarten (1928) 177.
d) das 16. jh. kennt die redensart der flasche auf den riemen treten im sinne von 'tüchtig trinken, zechen':

kumpt, lieben gvattren, sindt gebetten,
der fleschen uff den riemen z tretten
Murner narrenbeschwörung 66 ndr.;

kein ding schendt frowen mer uf erden,
den wen si z einer fleschen werden,
der fleschen uff den riemen dretten 68;

doch alles mit meszigkeit und vernunft, damit man uns nicht verheben konne, und man der flaschen nicht auf den riemen trete und den ordentlichen rund- und gesellentrunk nicht zu reichlich neme Mathesius Syrach 2, 49; oft in sprichwörtersammlungen: du hast der flaschen auff den riemen getretten ex amphiteto vel cottabo bibisti schöne weise klugreden (1548) 84a u. s. w.; vereinzelt mit dem transitiven verb:

ich bin ain jäger, erheb mich fruh,
bisz mein fläsch gefült, hab ich kein ruh,
tritt ir den riemen zwey mal mit fleisz,
geh dann fort desto sicherer weisz new. jägerbuch (1590) 2 bc.

der ursprung der redensart ist bisher nicht nachgewiesen. unbefriedigende versuche vgl. Wander 1, 1048; Binder 52; Fischer schwäb. 2, 1543; H. Schrader das trinken in mehr als 500 gleichnissen 61.

[Bd. 22, Sp. 199]



2) treten in.
a) in den stegreif, in den bügel treten: wenn man auff der erde stehet und in den stegreiffen tritt und sich darnach langsam hinauf schrotet in den sattel J. Walther pferde- und viehzucht (1658) 20; bei Hans Sachs ironisch für das gehenktwerden:

stirb ich gleich, eh ich kranck bin worn
und mit dem kopf ind stegreiff tret,
heb an zu trabn, wenn der wind weht,
thu auff ein hänffen rosz herreiten 21, 52 lit. ver.;

nun aber tret ich meisternd in den bügel
und treib es (das rosz) mit des willens sporn hinan
Brentano (1852) 6, 293.


b) den fusz in etwas setzen, z. t. dasz er darin einsinkt; ganz vereinzelt mit dem dativ: auch soltu wissen das eyn hirsch tieffer tritt inn der erden, dann eyn hindin Sebiz feldbau (1579) 572; in der regel mit dem accusativ: auch solt du wissen, das ein hirsch tieffer tritt in die erden dann ein hinden, dann ein grosz rosz tritt tieffer dann ein kleins Meurer jagd- u. forstrecht (1576) 69a; ewer einer hat in ein treck gedretten Till Eulenspiegel 73 ndr.;

auswüschens (der schuhe) solt dich nicht befleissen,
du msts doch gleich bald wider bscheissen,
und wider tretten in den kot
K. Scheit Grobianus 357 ndr.;

wenn er auf der strasze gehet, musz er nicht zu starck in koth treten Chr. v. Wolff vernünfftige gedanken v. des menschen thun u. lassen (1720) 380; erweitert: ich trete in den kot ein Pestalozzi 9, 479.
mit besonderer bedeutung in den bach, in eine pfanne treten von einem mädchen, 'zu falle kommen':

si ist weder die erst noch die letzt,
die mit dem fusz in bach ist treten fastnachtspiele 878 Keller;

der ... verliess seine alte witwe samt deren einzigen tochter, die krtzlich in eine pfanne getreten, und ihr von einem gadenhengst ein junges zweigen lassen Grimmelshausen Simplicissimus 345 ndr.; in bach treten noch anders, mit unklarem sinn s. teil 1, 1060.
redensarten mehr scherzhafter art sind landschaftlich verschiedentlich entwickelt. von einem feigling, ausreiszer: er hat ins hasenfett getreten Peisker index de vernaculae (1685) 74, vgl. hierzu teil 4, 2, 536 s. v. hasenfett; von einem hinkenden: er tritt in die grube Körte sprichwörter (1837) 179; von einem schwankenden betrunkenen: er hat in thran getreten H. Schrader das trinken 79; bei jemandem ins fettnäpfchen treten es sich unwissentlich mit jemandem verderben, s. Fr. Seiler deutsche sprichwörterkunde (1922) 279; ähnlich Hentrich ma. d. Eichsfeldes 61; hineintreten anstosz erregen: da hatten mer je neingetreten, dasz s hiben und driben rausschwappte Müller-Fraureuth 1, 248a.
c) in einen gegenstand, der in den fusz eindringt, treten: als ain leo in dem wald umstraiffet, ... tratt er gar hart in ainen stumpf Stainhöwel Äsop 139 lit. ver.;

nach ihm kam langsam das eichhorn,
und hatt getreten inn ein dorn,
und gieng an einem stab daher
Erasmus Alberus fabeln 160 ndr.;

wenn auch sonst ein pferd in etwas getreten, und den fusz verletzt hätte J. Walther pferde- u. viehzucht (1658) 76; sprichwörtlich: er (der behutsame) geht leisz, er frcht, er tret in ein glasz Seb. Franck sprichwörter (1545) 1, 51a.
d) sich etwas in den fusz treten: sich einen stachel in die fsse treten stimulo se induere Steinbach deutsches wb. (1734) 2, 848; (der esel zum wolf:) sieh nur, was für einen dorn ich mir in den fusz getreten habe Lessing 1, 205 L.-M; das kind hat sich einen dorn in den fusz getreten und zeigt dieses unglück der mutter vor Göthe IV 35, 280 W.;

und wie geächzt, gezittert,
als du im wald den dorn dir in die ferse tratst 15, 25;

[Bd. 22, Sp. 200]


ein bruder hatte sich barfusz im bach vergnügt und sich dabei einen scherben in den fusz getreten Hermann Hesse Narzisz und Goldmund (1931) 103.
3) andere präpositionen.
treten über: (zu Luc. 10, 19) senu ih gab iu giuualt zi tretanne ubar natrun inti scorpiones inti ubar al megin thes fiiantes Tatian 67, 5 Sievers; vgl.: zetretten auf die schlangen und auf den scorphen und uber ein ieglich krafft des feindes erste deutsche bibel 1, 251 Kurrelmeyer.
treten an; wie oben 2 b: wann ein pferd an einen nagel oder stecken getretten, so nimb alt schmeer Seutter hippiatria 342; an die fersen treten antreiben, drängen: man getraut sich amen zu sagen, bis der setzer uns an die fersen tritt Göthe IV 42, 19 W.; an das herz treten wie oben 2 c δ: wenn die kinder noch auffn schosz tretten, so treten sie nicht ans hertz Petri der Teutschen weisheit 2, B b b 5b.
vgl. auch frühes unter sich treten 'fest auftreten', vereinzelt: zu deme dritten mâle sal her (der mensch) glîcheit haben des ochsen. der tritet gar sêre mit den fuzen under sich Hermann v. Fritslar bei Pfeiffer mystiker 1, 201.
mit der bedeutung 'stampfen', 'ausstampfen' (vgl. oben I A 5) treten nach, wider:

drum blieb ihr auch der weise stets gewogen,
was auch Jack Spleen oft nach ihr schlug und trat
Bürger 317 Bohtz;

ich stehe nicht dafür, dasz ich nach den bestien trete, wenn sie mir zwischen die beine fahren Holtei erzählende schr. (1861) 1, 48; mit heftigkeit trat ich wider die thüre, sie erbebte in den angeln Klinger (1809) 4, 109.
hinter, um sich treten: der pfarherr trat im zorn hinder sich und traff den meszner an sein brust Kirchhof wendunm. 1, 563 lit. ver; dasz, wenn ... der doctor gerufen in das zimmer tritt, der kleine kranke engel zu heulen, sich zu wehren und um sich zu treten anfängt Heinr. Hoffmann Struwwelpeter, vorrede.
II. treten als bewegungsverb.
A. transitiv.
1) die aus I entwickelte bedeutung des horizontalen schreitens ist in den altgermanischen dialekten mit ausnahme des gotischen, wo sie nicht belegt ist, bereits ausgebildet, vgl. altnordisch:

manna þeiraer mold troða
þik kveð ekóblauðastan alinn Fáfnismál 23, 4 (edda 180 Neckel);

ags.:

inc is hālig feoh
ond wilde deoron geweald geseald
ond lifigende,ða ðe land tredaþ genesis 203 Holthausen;

ahd.:

thes wirdit worolt sinuzi ewidon blidu,
ioh al giscaft, thiu in woroltithesa erdun ist ouh dretenti
Otfrid 1, 12, 12;

firliaz er thia erda ouch thuruh thaz,wanta wirdig si ni was
bira missodati,thaz er sia furdir drati V 17, 22.

häufiger im mhd. und frühnhd., von verschiedenen örtlichkeiten, 'darauf gehen', 'sich darauf (darin) bewegen':

wander hie ein pfleger was
der reinen, die daz palas
solden treten dienstlich
erende den kunic rich Daniel 167 Hübner;

die (bösewichter) suln die stat treten
zwen und vierzic mande
nach einander gande
Hesler apokalypse 15588 Helm

(im glossar: eine stat treten irgendwo gehen); ein iegklich statt, die euwer fsz dritt erste deutsche bibel 4, 172 Kurrelmeyer; sy drgen die arch des gelúbds des herren und begunden z treten die trucken erde 4, 262; der sonsten zu nichts ist, dann allein den erdboden unnützer weisz zu tretten Guarinonius grewel der verwüstung 462. mit besonderer bedeutung schollen treten, wie 'bauernwerk treiben':

[Bd. 22, Sp. 201]


du schynest im glych, als ob du din lebtag me rüben dann figen gessen habest und mee schollen dann solen getretten Riederer rhetorik (1493) b 3b. schon im 17., vornehmlich aber seit dem 18. jh. auf gewählten poetischen ausdruck zurückgedrängt:

ackley, tulpen und narzissen
sieht man aus dem boden sprieszen,
den ihr tretet, für und für
Fleming 295 Lappenberg;

jetzt tret ich ihre (der vorväter) hügel; sie waren, was ich bin
Dusch verm. werke 43;

da trit man rosen nur
und singe nur berauscht
Uz werke 20 Sauer;

und sie (die furien) berechtigt zum verderben, treten
der gottbesäten erde schönen boden,
von dem ein alter fluch sie längst verbannt
Göthe 9, 49 W.;

die stolzen Spanier sind schon auf dem zuge,
sie treten schon den schnee der Pyrenäen
Tieck (1828) 1, 226;

hörst du (gott) sie mit dem schritt von blinden
das dunkel treten?
Rilke werke (1927) 2, 234;

in neuerer prosa zumindest ungewöhnlich: da wurden sieben glühende eisenschaaren gelegt, die sollte die fraue treten W. Grimm dtsche sagen 2, 98; ihr wiszt ja auch ..., wie leiden thut; die reichen, so lang sie ihren grund und boden treten, kennen das freilich nicht Pichler allerh. gesch. aus Tirol 2, 25. den boden treten leben: doch schützt sie (die erde) dich und mich, die wir noch den boden treten H. Zillich in der deutschen allg. ztg. 11. dec. 1932.
manchmal wie 'betreten':

wir vertrauten deiner stimme,
traten froh das neue land
Grillparzer (1887) 2, 11;

nun denn, da hierin deinem wort ich folgen musz,
tret ich den purpur (des teppichs), zieh in meine hallen ein
v. Wilamowitz-Möllendorff griech. trag. 2 (1910) 84.


2) festere anwendungsgruppen heben sich heraus.
a) einen steg, pfad, weg, eine bahn treten darauf gehen. vgl. altnordisch:

seinn er gltr þinngoðweg troða Hyndlolioð 5, 5 (ebda 284 Neckel);

láta flvan ióflugstig troða Helgakviða Hundingsbana II 49, 3 (edda 156 Neckel);

mhd.:

er (Hagen) und der von Spâne trâten manegen stîc Nibelungenlied 1734;

und dahin genötiget, dasz sie einen andern weg für sich nemmen und tretten müssen Lalebuch 8;

der weg zum strande zu ward ach wie viel getreten
Olearius persianische reisebeschr. 44;

(bis) des pöbels dringendes geschwärme
uns kaum den weg zu treten läszt
Kästner verm. schriften 1 (1755) 134;

sprichwörtlich:

der steinweg in stetten
ist heisz und hart zu treten
Petri der Teutschen weisheit 2, p 1a.

meist in bildlichem gebrauch:

(sie hat sich vorgenommen) der tugend rawen ranck zu tretten
Weckherlin 2, 314 lit. ver.;

wollust und üppigkeit der welt must du vermeiden
und tretten mit gedult der scharffen dörner weg
Opitz teutsche poemata 159 ndr.;

besonders oft der pfad zur hölle und der weg des todes:

ir hot uch dem tufel vorplicht,
er wollet nit gleuben, der uch geschaffen hot.
desz muszet ir tredden den hellenpaid Alsfelder passionsspiel 5109 Grein;

im alter weinen wir, wenn wir einen toten heraustragen sehen, denn wir müssen eben denselbigen weg tretten Lehman florileg. polit. 4, 216;

soll ich denn auch desz todes weg
und finstre straszen reisen:
wolan, so trät ich bahn und steg
Paul Gerhardt bei
Fischer-Tümpel evang. kirchenl. 3, 315;

[Bd. 22, Sp. 202]



es ist der weg des todes, den wir treten
Göthe 10, 26 W.;

die bahn des todes
tritt ein jeder einmal
Herder 26, 240 S.

hierher auch (neben meist intransitiver anwendung, s. II C 1 b):

der vätter fueszstapf treulich tretten Endinger judenspiel 31 ndr.


b) pflaster, gassen treten im sinne von 'sich müszig auf der strasze herumtreiben': daheim sicher und müessig das pflaster tretten S. Franck morie encom. 89 Götzinger;

tritt durch die gantz stat hin und wider,
ein gassen auff, die ander nider,
so sicht man dich das pflaster tretten
Scheit Grobianus v. 964 ndr.;

wofern ihr diese ding woltet uben, das pflaster tretten, spatzieren, reitten und schöne frawen beschawen Albertinus zeitkürzer 31b; werde ich erst vicecantzlar, ... so will ich nicht lange allhier das pflaster tretten. ich will mich in frantzösische dienste begeben alamod. technol. interim (1675) 190; da ich aber andere von meinem range sahe ... das pflaster tretten und den leib hoch tragen discourse der mahlern 2, 11. —

im land umb reyt ich hin und wider,
die gassen trat ich uf und nider
H. R. Manuel weinspiel 3076 Odinga;

die nichtes thun denn nur die gassen treten Reinicke fuchs (1650) 251; stutzen und braviren, gassen tretten und sich balgen Happel, vgl. zs. f. dtsch. wortf. 4, 311;

allenthalben schauen
von ihrer pracht entzückt, die leute nach, und wer
die gassen müszig tritt, läuft hinter ihnen her
Wieland 5, 194 Düntzer (Hempel);

vgl. auch gassentreter teil 4, 1, 1453.
c) wasser u. ä. treten darauf gehen (vgl. auch I A 4 e), schon ahd.:

thaz wazar er so drati (zu 'ad te venire supra aquas')
Otfrid 3, 8, 28;

(der herzog von Braunschweig auf der flucht an der Elbe:)

ich bath mein langen bruder,
ders wasser tretten kan,
das er zuricht sein ruder
und brecht sein segel an
B. Waldis streitgedichte 11 ndr.;

dann so wenig Petrus das meer wie Christus tretten kondte, so wenig könten sie weltregenten und geistliche hirten zu gleich sein Nigrinus papist. inquis. (1582) 6;

jetzt wird die wilde see sich sicher treten lassen
Opitz 189 Österley;

auch componiert wassertreten s. teil 13, 2536.
d) den reien, den tanz treten, vgl. auch B 7 und C 2 b. früh bildlich, etwa 'ich habe mich dahingewandt':

ich hân den reien getreten
dicke dar und ofte dan
Gottfried v. Straszburg Tristan u. Isolde 17114;

meist in bäurischem oder volkstümlichem milieu:

dô sî den krumben reien ûf dem anger trat
Neithart 60, 29 Haupt-Wieszner;

so sult ir alle sîn gebeten,
daz wir treten
aber ein hovetänzel nâch der gîgen 40, 22;

einen tanz si dô trâten
mit hôchvertigem gesange
Wernher der Gartenaere meier Helmbrecht 940;

so triben mer mit den judden unser gewalt
und sint in unsern reien gezalt:
den woln mer mit en treden in der hellen
mit allen tufelschen gesellen Alsfelder passionsspiel 302;

... so solt ir mir zu liebe singen,
herum ainen rayen zu treten altdtsch. passionssp. aus Tirol 347 Wackernell;

wie denn der fürst selbst den vorreien getreten G. Kraus siebenbürg. chron. 1, 10;

eins thails die (das volk) tratten singend reyen
H. Sachs 4, 168 lit. ver.;

[Bd. 22, Sp. 203]


compernis einer, der den schlemmen wol trätten kan Frisius 268a, varicare den schlemmer trätten, krumm und schlemm einhinschiegken ebda 1347a (vgl. hiezu teil 9, 720 s. v. schlimm 3 a ε und 721 s. v. schlimmen); den virley treten bei Schmeller-Fr. 1, 679. auch heute mundartlich: Gretl, welle mr eine trete Martin-Lienhart 2, 767; aufforderung: geh mer ens dredde Follmann deutschlothr. 101a. oft bildlich in der sprache der mystik: daz minnespiel, den vrödentanz in himelscher wunne ... eweklich treten Seuse deutsche schriften 225 Bihlmeyer; das ich den tantz eins warhaften lebens trett nach der suszen pfifen deins liebs Jesu Christi M. Ebner 257 Strauch; (gott in gestalt eines jünglings) wil den himelreigen mit dir treten Mechthild v. Magdeburg 90, 12.
B. intransitiv. meist mit durativer actionsart: peditare zu fusz gon oder tretten gemma gemmarum (1508) s 3d; gradior ich trett Alberus x ja; treten ambulare, ire, gradi Stieler 2334; s. auch unten 1, 2 a, 3-6. oder es ist der ausgangs- bzw. endpunkt der bewegung gegeben, s. 2 b, 7, 8.
1)

ich bin komen an die stat,
dâ got mennischlîchen trat
Walther v. d. Vogelweide 15, 5 L.

zu hant wart ein vrideschilt
gegeben. secht, ein treten
hub sich heimwert zu beten Daniel 683 Hübner;

das kind musz stammeln, eh es redt,
an bäncken klettern, ehe es trett
Fischart 1, 378 Hauffen;

ich wil mich auch nit lang hir seumen und meinen rath, so ich vor etlichen tagen bei mir beschlossen, folgen und meines weges tretten Balth. Stanberger ein dialog a 2a;

er setzt und richtet unsern fusz,
dasz er nicht anders treten musz,
als wo man findt den segen
Paul Gerhardt bei
Fischer-Tümpel evang. kirchenl. 3, 346a;

mit Phöbus glanz geziert trittst du voll ruhe
und trägst in deiner hand die lesb'sche leyer
Pyra-Lange freundschaftl. lieder 47 lit. denkm.

dieser staub am wege hing um seelen;
wo ich trete, stäubt vielleicht ein herz
Tiedge (1823) 2, 71;

he, platz da! man kann ja nicht treten vor menschheit Eichendorf (1864) 4, 372; bei den soldaten ist das treten so taktmäszig in ordnung gebracht, dasz man jeden tritt einer ganzen reihe auf einen schlag hört Pestalozzi 9, 553 Seyffarth; von tieren:

(im kampfgetümmel)
von tretten ain gedunst
was da von den örshen
Johann v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 6246 Regel;

ja gar eigentlich soll er (der meier) beschawen, was sie (die haustiere) tragen, wie sie gehn und tretten und was sie für geberden erzaigen, hie mit zu sehen und zu erfahren, ob eine kranckheit ... darhinder stecke Sebiz feldbau 39; in der waidmannssprache gilt für die ruhige bewegung des wildes ausschlieszlich treten, s. Behlen reallex. d. forst- u. jagdkunde 6, 90; vgl. auch mundartliche redensarten wie: so geschwind, ass e gais drett, d. i. möglichst schnell Follmann wb. d. deutsch-lothring. maa. 101a; treden as de pogge im manenschien auf lächerliche weise stolz einhertreten brem.-niedersächs. wb. 5, 100.
2) mit adverbiellen zusätzen her, einher, daher, drein, herein treten im sinne von 'mit einem gewissen gewicht einherschreiten', auch 'einherstolzieren':

hat ein hüerli, wol usgebutzt,
mit siden, samet fri ufgemutzt
und trat mir wie ein gräfin her
N. Manuel 50 Bächtold;

an dem tage werden ... Johann Husz und doctor Luther neben andern trewen lehrern ihren lohn und kron emphahen und geschmuckt einher tretten Mathesius Sarepta 47b; ob einer in glichsznerer demütigheit ... stoltz inhar tretten wurd, umb sust uffblasen oder hoffertig Zwingli

[Bd. 22, Sp. 204]


v. freiheit d. speisen 37 ndr.; wann sich jemand nur bemühet, dasz er am sontage daher trete, dasz andere frauen und jungfrauen ihn in der kirchen anschauen sollen Schupp schriften 206; das wir also mit beiden fussen können drein tretten et dicere: nescio de peccato Luther 29, 572 W.; der hochtragend mit auffgerecktem hals herein trit, als wölle er alles fressen (ad 'Junonium ingredi') S. Franck sprüchw. 2, 33b; man meldt, er sei ein kleines männlin gewesen, hab grosze breite starcke brust gehabt und dapffer mannlich härein gedretten B. Hertzog chron. Alsatiae (1592) 1, 114; vgl. lexikalisch: gantz frölich und wol zu muth hereyn tretten andare pieno d'ogni allegrezza Hulsius (1618) 2, 27b.
3) mit localen zusätzen.
a) adverbia der richtung (vgl. oben 2), z. b.:

her pawes, du bist de hogeste nu up erden,
tret her des dodes danz 116 lit. ver.;

drastisch: z driten liesz er aber einen (furtz) her dretten, daz er stanck Dyl Ulenspiegel 126 Bobertag;

ir judden, die vor sammet sint hie,
die mogen wol treden her bi Alsfelder passionsspiel 4513;

de tyt vorgeit, dat older trit heran Tunnicius sprichw. nr. 439 Hoffmann v. Fallersleben; er sprach aber: trättend härz z mir. und sy trattend hinz d. gantze bibel verteutscht (Zürich 1531) 23d; ich tritt z her, das du mirs basz sagest Boltz Terenz (1539) 93b;

herfürer trat Aurora schon
mit rosenfarb schön angethon
Fischart flöhatz 16 ndr.;

treten sie hierher Lessing 2, 26 L.-M. und sollin dy klegere dar tredin und swerin zu den heilgin (1353) hessisches urkundenbuch 2, 592 Wysz-Reimer;

tret vort, êrst môstu liden den bitteren dôt des dodes danz 1300 lit. ver.;

weicht und tret hin dan verr
Wackernell altdeutsche passionsspiele aus Tirol 81;

da ist herr Heinrich mit dem krummen fusz mit seiner köchin zwischen-zweien liechten tagen davon getretten und niemands das valete geben J. Letzner Dasselische chronica (1596) 5, 32a; dasz sie (die leute) möchten etwas ausz dem wege weichen oder abseits treten oder gar nach hause gehen Prätorius Blockesberges verrichtung 16 u. s. f.
b) nahe treten: mann von erde, tritt nahe maler Müller (1811) 1, 41; meist mit dativ-object. hauptsächlich interessiert bildlicher und uneigentlicher gebrauch; in jenen übergehend: wenn man sihet, wie die leut gegen einem gesinnet seyn, so mercket man, wie nahe man ihnen treten oder wie fern man von inen bleiben sol Petri d. Teutschen weisheit 2, D d d 2a; mit abstractem subject: dieser wunsch kömmt euch als etwas ganz abgeschmacktes vor, folglich ist euch diese empfindung noch niemals nahe getreten Tieck (1828) 5, 62;

da plötzlich tritt mir die erinnrung nah,
Wien, carneval, der maskenball sind da
A. v. Droste-Hülshoff (1879) 2, 102;

dasz eurer excellenz dabei der gedanke an eine absichtlichkeit meinerseits hat nahe treten können, ist mir unerwartet und betrübend Bismarck gedanken u. erinnerungen 2, 220 volksausg.; anders, im bedeutungsgehalt dem folgenden angenähert:

die falschheit tritt mir nah, die tümmsten lästrer schmähn
J. Chr. Günther (1735) 395.


jemandem zu nahe treten, uneigentlich, ihn durch worte oder handlungen verletzen, kränken, beleidigen, zurücksetzen, gelegentlich auch schädigen, vgl. DWB zu nahe tretten offendere Weismann lex. bipart. 82, 413a; noch auf den sinnlichen ursprung weisend:

ob etlich bei dem schimpf (dem fastnachtspiel) hie stunden,
die her weren kumen ungebeten
und uns zu nahend würden treten,
dieselben wurd ich dannen weisen ...
darumb ge keiner zu nahet bei,
der nit zum spil gewidemt sei fastnachtspiele 2 Keller;

[Bd. 22, Sp. 205]


schon im 16., häufiger seit dem 18. jahrh. ganz unsinnlich: habe doch (wie oben gesagt) hierin meinem stilum und afect also temperiert und gemesziget, das ich niemant hie mit zu nahe getretten sei H. Gholtz lebendige bilder (1557) vorr. 3a; wie ich denn auch versichert bin, dasz keinem redlichen manne durch das gantze werckgen mit einem wort zu nahe getreten Riemer polit. maulaffe (1679) vorr.; schon der beleidiger, die dir (gott) heut zu nah getretten B. Schmolcke sämtl. trost- u. geistreiche schr. 1, 34;

du trittst mir allzu nah (tust mir unrecht)
Gottsched sterbend. Cato 953;

auch im scherz soll man einem braven mädchen nicht zu nahe treten O. Ludwig (1891) 1, 222; ich bitte darum die herren und damen, welchen ich einst (als theaterkritiker) zu nahe getreten, herzlich um verzeihung Börne (1829) 1, vorr. 29; mit abstractem object: dasz wir den personen keinen gedanken zuschreiben, der wieder ihren character laufe und ihrer würde zu nahe trete Bodmer abhandl. v. wunderbaren (1740) 50; wenn mir nicht ... freunde ... dargethan hätten, dasz ich (bei weiterer verzögerung in der vollendung des 'critischen musicus') meiner eigenen ehre zu nahe treten dürfte Scheibe crit. musicus 7; (aus) besorgnisz, dasz irgend einer seiner lieblingsmeynungen zu nahe getreten werden möge Lavater verm. schriften (1774) 2, 7; wir wollen, sagte Jarno, dem verstande nicht zu nahe treten und bekennen, dasz das auszerordentliche, was geschieht, meistens töricht ist Göthe 23, 21 W.; mit der zeit lernte man, ... die rede abzukürzen, ohne der verständlichkeit zu nahe zu treten Adelung umständl. lehrgeb. 2, 572; so fehlt ihm das gefühl nicht, damit der eigenthümlichen dignität Jesu zu nahe getreten zu sein D. Fr. Strausz ges. schriften (1877) 3, 30.
(jemandem) näher treten:

ich tratt ein weng im neher basz
H. Sachs 1, 438 lit. ver.;

belieben sie näher zu tretten, mein herr Lichtenberg aphorismen 2, 72; bildlich: es war meinem alter vorbehalten, einem so wissenden, vielseitigen, edlen manne näher zu treten Tieck (1828) 3, vorr.; ein vereinzelter reflexivischer gebrauch: sie erzählte mir von Annchens hochzeit, von Nanny Scheibler, mit der sie sich immer näher tritt A. v. Droste-Hülshoff briefe 123 Schücking; bei abstractem subject ist die bedeutung 'innerlich nahe gehen', 'berühren':

lasz eine kleinigkeit, mein bruder, dir
nicht näher treten, als sie würdig ist
Lessing 3, 47 L.-M.;

ich will todt sein in der todten masse, die mich umgiebt, kein gefühl soll mir näher treten Tieck (1828) 2, 152; mit abstractem object, 'sich mit etwas befassen', 'sich über etwas unterrichten': laszt uns der sache einen schritt näher treten und fragen, was war eigentlich der bardiet unserer vorfahren Kretschmann sämtl. werke (1784) 1, 8; ich selbst kann keine gewiszheit darüber haben, ob die aufgabe meine fähigkeit übersteigt, ehe ich ihr näher getreten bin Bismarck gedanken u. erinnerungen 1, 98 volksausg.; das hat die königliche regierung veranlaszt, der sache näher zu treten ders. politische reden 4, 114; anders: wie sehr hätte ich gewünscht, ... der erfüllung des wunsches näher zu treten, das unschätzbare andencken, das in unsern herzen ewig lebt, auch schriftlich zu bewahren Göthe IV 29, 258 W.
am nächsten treten mit abstractem subject und object 'am nächsten kommen', 'am weitesten heranreichen': da man sie (die 'histori') mit andern in comparation setzet, (bin ich gewisz, dasz sie) der vollkommenheit am nächsten trete v. Chemnitz schwed. krieg 1 (1648) vorr. 2; ich glaube, dasz diese letzte fassung der sache am nächsten tritt Moltke ges. schriften u. denkw. 7, 103.
c) durativ treten auf, über, durch, vgl. auch II C 3, 5, 10 c:

ich hab auch sunst nit vil offt beten,
ich will lieber uff der gassen tredten (1522) kegelspiel 25 Götze;

[Bd. 22, Sp. 206]


zu Augspurg war ein junger rotzaff, ... der ... tratt am feyrtag auff der gassen hin und wider wie ein ander jungkherr und edelmann Lindener katzipori 158 lit. ver.;

tritt (wandle) auf nelken und melissen,
tritt auf liljen und narzissen,
hülle dich in rosen ein
B. Neukirch gedichte (1744) 45.

wann eyne über gassen tritt,
so balt zellent sie ire schritt bei
Weller dichtg. d. 16. jh. 101.

wann Phillis in der nacht durch unsre gassen trit,
so nimt sie erstlich zwar auch eine leuchte mit
Grob dichter. versuchgabe (1678) 82.


aus der militärischen sprache stammt die fest gewordene wendung auf der stelle treten, d. i. die marschierbewegung auf demselben fleck. oft bildlich: der radikalismus der rechten, dessen örtliche erfolge bei teilwahlen nicht zu bestreiten sind, tritt als politische und geistige bewegung auf der stelle deutsche allg. ztg., 4. mai 1931.
4) mit modalen zusätzen.
a)

get dan und tret schon und eben
Wackernell altdeutsche passionsspiele aus Tirol 160.

hart treten im gehen stark, laut auftreten:

ouch das du einher trist (!) so hart,
als woltst all welt darnider trätten
P. Gengenbach 131 Gödecke;

hie schlafet (und got sey gedancket)
ein weib, das tag und nacht gezancket;
ach trettet nicht hart, liebe leut,
suns wöcket ihr ein newen streit
Weckherlin 1, 452 lit. ver.;

weil Christus das harte treten nicht vertragen konnte, so ging er ... auf strümpfen Jung Stilling sämtl. schriften 1, 386; die schaf hänt klein winzige kläle (klauen), aber könnet wütig härt trete Fischer schwäb. 2, 371. — sanft treten calcare dolcemente cioè caminare pian piano Kramer 2 (1702) 1133a; das gleichmäszige treten seiner pferde auf der landstrasze W. v. Polenz Grabenhäger 1, 62;

das träge treten ihrer (der raubtiere im käfig) tatzen
macht eine stille, die dich fast verwirrt
R. M. Rilke ges. werke (1927) 3, 38;

sprichwörtlich: es musz einer gar vorsichtig treten, dasz er das kraut nicht verschütte Körte sprichwörter 203. bildlich weit treten weit weg:

wi kömt es doch, o her, das du dich stelst
gen uns so fremd und trittest so gar weit
Schede psalmen 39 ndr.;

wiszt, dasz ihr überall auf stätten,
wo edle kämpften, starben, tretet —
ihr lieben jungen, lernet beten,
damit ihr fest auf ihnen tretet
E. M. Arndt 5, 124 R.-M.;

die französische diplomatie ist viel reicher und interessanter als unser schwer tretender geist glaubt Laube ges. schriften (1875) 5, 45. seit dem mhd. ganz uneigentlich, auf die innere verhaltungsweise bezogen:

nu seht, waz valsche kunheit tut,
als ich uch wil bescheiden.
da was ein der heiden,
der getrat also ho,
unz daz er Christoforo
gab einen grozen backenslac passional 350 Köpke;

eigentümlich:

(der herr spricht:)
úwere gen waren verlssen
und úwere oren gar vermszen,
úwer fsz súntlich trten
Mone schausp. d. mittelalters 1, 293.


b) einige verbindungen sind fest geworden. kurztreten: der eine, ein kleiner dicker runder mann ... trat beständig zu kurz Eichendorf (1864) 2, 414; meist uneigentlich, 'sich zurückhalten' (offenbar aus militärischer sprache stammend, vgl. DWB auf der stelle treten): der wunsch der englischen regierung, in der tributfrage kurz zu treten, ist natürlich kein hindernis für eine gründliche aussprache

[Bd. 22, Sp. 207]


über die tributfrage und ihre revision deutsche allg. ztg. 28. mai 1931; regierungsstellen, denen er zum vorwurf machte, dasz sie auf ihrem sanierungswege viel zu kurz träten ebda 9. mai.
leise treten. mhd. vom beherrschten, höfischen einhergehen:

er (könig Philipp) truoc des rîches zepter und die
er trat vil lîse, im was niht gâch krône.
Walther v. d. Vogelweide 19, 11 L.;

so lîse ein pfâwe nie getrat,
sam ez geschriten kam dar în
Konrad v. Würzburg Partenopier u. Meliur 1230.

nhd., doch heute antiquiert 'lautlos gehen':

das weiblin mit dem beltzlin weisz (die katze),
das also laurt und tritt so leisz
E. Alberus fabeln 216 ndr.;

o ihr! die ihr im dunkeln so leise daher tretet portraits (1779) 138;

welcher schatten wandelt dort her? wie fürchterlich leise
tritt er!
Klopstock oden 2, 77 M.-P.;

drinnen halten sie rath, den verödeten garten in Seldorf
anzubaun. trit leise; der bräutigam möchte dir nachgehn
Voss sämtl. gedichte (1802) 1, 128;

kommt heran, wir sind zur stelle, diesen hügel steigt herauf;
aber tretet leise, leise, wecket nicht die toten auf
Platen (1853) 4, 162.

heute durchaus im uneigentlichen sinn gebraucht; abschätzig von einem menschen, der in übertriebener weise bemüht ist, nirgends anstosz zu erregen. ähnlich schon bei Luther: (anläszlich einer anfrage des kaisers an die fürsten, ob alle artikel in der confession enthalten seien) falsus vero sum spe mea, qui vos adventare cogitabam, edicto caesaris iamdudo verberatos. sed nunc video, quid voluerint istae postulationes, an plus articulorum habevetis offerendum. scilicet satan adhuc vivit et bene sensit, apologiam vestram leise treten et dissimulasse articulos de purgatorio, de sanctorum cultu et maxime de antichristo papa briefwechsel 8, 1331 Enders;

sie (papistische mönche) werdn vielleicht umb eyer
und bettln nach irer alten weis, singn
derhalben treten sie so leis
Dedekind papista conversus (1586) c 5a;

Damiani hatte daher wohl ursache, so leise als möglich zu treten, und die demuth, die unterwürfigkeit, mit der er seine meynung vorträgt, dürfte die lobsprüche des Baronius so recht nicht verdienen Lessing 11, 119 L.-M.; doch nicht immer nur im tadelnden sinn:

list'ges weichen, falsche flucht,
waffen gegen eifersucht,
mächtiger als lanz und stahl.
muszt dich ja des trugs nicht schämen.
leise treten, klug benehmen,
sie bethören den rival
Göthe 2, 193 W.


fehl treten u. ä., mit starker beziehung zur hauptbedeutung I:

do ik up der straten mi begunde ummetôsen,
ik trat misse unde vêl in den rennenstên des dodes danz 1372 Bäthcke;

doppelte farbe der treppenstufen, dem hinabgehenden angenehm, weil er nicht fehl treten kann Göthe III 2, 79 W.; bildlich: doch aber ist ein dergleichen irrtum ja keine argsträfliche übelthat, denn niemand so weise und vorsichtig, der nicht einmal fehltreten sollte Butschky hochd. kanzelley (1659) 301; vgl. redensartlich: ma ka nit drnebe trete es kann nicht fehlen Fischer schwäb. 2, 371.
5) spazieren treten spazieren gehen:

so will ich auch gehn nausz in gartn,
da der köng ist spaciern tretten
mit seiner ritterschaft und räthen
H. Sachs 10, 324 lit. ver.;

als bald sie tratt spatzirn daher,
kam sie als balde umb ihr ehr
Ghroburger lehr-, wehr- u. nehrstand d 4b;

sonderbar erweitert:

wen sy solten metten betten,
spatzieren gondt sy in der dretten
Murner schelmenzunft 21 ndr.

[Bd. 22, Sp. 208]


ähnlich gebildet:

hör an, herr Oluf, tritt tanzen mit mir
Herder 25, 443 S.


6) getreten kommen:

er (Pfriem) kömpt getretten, geht ir hin
und wartet mein im hause drin
Hayneccius Hans Pfriem 43 ndr.;

so kumpt der fechtmeister gedretten
Bächtold schweiz. schausp. d. 16. jh. 2, 232;

gleich wie die frösch still werden, wenn der storch getretten kompt Abr. Sauer torturalis quaestio b 1a; bey diesen worten kam der priester, dem das haus gehörte, in das zimmer hinein getreten Chr. Weise erznarren 17 ndr.;

mit stillen, brünstigen gebeten
kam täglich vor Jehovens thron
Arist, ein frommer greis, getreten
Pfeffel poet. versuche (1812) 1, 6.


7) treten von der schreitbewegung des tanzes, vgl. auctor summae vict. et vit. loquens de quodam genere choreae, quod vulgariter vocatur tretten intrantes choream et cantantes in chorea vocat moniales diaboli (1461) bei Schmeller-Fr. 1, 679:

Jiutel sol in allen sagen,
daz sî dâ mit Hilden nâch der gîgen treten.
michel wirt der tanz
Neidhart lieder 37 Haupt-Wieszner;

alse di harfen clungen,
di juncfrowen sungen
und tanzeten unde trâten
Lamprecht Alexander 6057;

mit tanzen ward mir nie kain man gleich,
der al noten als wol kan treten fastnachtspiele 361 Keller;

wolan, pfeiff auff und verderbe den reygen nicht, las doch sehen, ob wir tretten odder springen sollen Luther 23, 96 W.;

aber wie süs,
wo gleich mensurlich tretten
zur melodei die füs
Fischart 3, 227 Hauffen;

sie treten nach dem tact so sauber und so leise,
als giengen ihre schuh auff halbgefrohrnen eise
Rachel satyr. ged. 134 ndr.

vgl. auch II A 2 d und II C 2 b.
8) sehr vereinzelt ist die bedeutung einen schritt weitergeführt, indem treten neben der bewegung auch das darauffolgende stehen mitbegreift, vgl. von ferne treten procul stare Stieler 2334; literarisch, etwa 'sich stellen', zur betrachtung eines bildes: treten sie so! Lessing 2, 381 L.-M.
mundartlich dann direct 'stehen': s tritt e mann drauszen Müller-Fraureuth wb. d. obersächs. u. erzgebirg. maa. 1, 248; wie ich dorten trat und e weilchen zusah ebda; treten bleiben 'stehen bleiben' u. s. w.:

dos pfarl (pferd) blieb aller finger lank träten ebda;

er liesz sein schiebbock träten ebda.


9) mit übertragung auf bewegungen anderer art. vom schwimmen der fische: so schütt an selben ort (des gewässers) hopen drein, so tretten die fische unter den stöcken herfür fischbüchlein 124; vgl. hiezu auch unten C 1 u α, 4 g.
übertragung auf die wirkliche oder scheinbare bewegung unbelebter dinge s. unten C 1 u, 2 i, 3 f, 4 g, 5 b, 6 e, 9 d, e.
C. präpositionale zusätze neben dem intransitiven verbum.
in dieser construction hat das verbum, in jüngerer sprache fast noch stärker als in älterer, das reichste leben entwickelt. aus der unzahl nominaler inhalte, die so mit dem verbum verbunden werden können, heben sich im eigentlichen verstand indes nur wenige von typischerem wert heraus. mehr ist in bildlicher und uneigentlicher sphäre zur festen wendung geworden; davon geht das meiste nicht mehr in die sinnlichen wurzeln des wortes hinab. überhaupt ist der sehr üblich gewordene gebrauch hervorzuheben, einen verbalen inhalt durch das entsprechende nomen in verbindung mit völlig sinnentleertem treten auszudrücken, wie denn die jüngere sprache überhaupt mehr

[Bd. 22, Sp. 209]


zum nominalen ausdruck hindrängt, z. b. in erscheinung treten für 'erscheinen'. eine ähnliche erscheinung kennt das mhd., allerdings blosz als stilmittel der poetischen sprache, z. b. in die helfe treten für 'helfen'. weitere beispiele s. unter den einzelnen präpositionen.
1) treten in.
a) in das haus treten: so bald aber der mangel ins haus tritt Gottsched deutsche schaubühne 3, 307; gestern träumte ich, die Herdern sey, eben als ich in ihr haus trat, in die wochen gekommen Göthe IV 8, 99 W.; besonders vom haus gottes:

ich aber wiel in dein haus treten
auf die meng deiner gutikait:
ia sein in deiner frcht berait,
in hailgen tempel dein getreten
P. Schede psalmen 22 ndr.


in die tür treten durch die tür eintreten:

herr Felix, der lang hat gewart
uff dieses filtzes himmelfart ...,
der tritt gantz lustig in die thür
B. Ringwaldt lauter warheit 30;

er war eben im begriff, in die türe zu treten, als Melina herbeikam Göthe 11, 143 W.;

alles bleibet hinter dir,
wenn du tritst in grabes thür
Paul Gerhardt bei
Fischer-Tümpel evang. kirchenl. 3, 318.


in ein schiff treten es besteigen: conscensio das steigen oder tretten in das schiff Calepinus xi ling. (1598) 312b; die Carthaginenser aber, als sie sahen, wie ihr feind zum theil erst in die schiff tratten Xylander Polybius (1574) 17; Marcebilla mitsampt Florentzen und iren jungfrawen saumbten sich nicht lang, sondern tratten baldt ins schiff und fuhren nach Pariss zu buch der liebe (1587) 26b; wann alles um ihr (der Normänner) lager rauchte, ... so traten sie wieder in ihre schiffe A. v. Haller Alfred, könig d. Angelsachsen 4.
in eine versammlung, einen kreis u. s. w. treten: an der thüre erwarteten ihn seine schwiegersöhne und kinder, auf deren arme gestützt er in die versammlung trat H. P. Sturz (1779) 1, 127; niemand tritt in unsern kreis, als wer gewisse talente aufzuweisen hat Göthe 25, 129 W.; wenn denn einmal ein fremder in den zirkel tritt Caroline 1, 16 Waitz;

tritt in unsre bunte mitte
Mörike (1905) 1, 105.


soldatische wendungen: si baptizatus es, rüste dich, inquit quia trits in ein spitze (= acies) und here und ligts zu feld contra unum, qui dicitur teufel Luther 34, 2, 361 W.; in aciem prodire in die schlachtordnung trätten und an streyt gon. zeforderst in die ordnung trätten, dapffer und mannlich fürhin ston Frisius 1065a;

und wann die sturmglock einst erschallt ...,
dann steig ich nieder, tret ins glied
und schwing mein schwert und sing mein lied
Uhland (1898) 1, 18.


b) in jemandes fuszstapfen treten. selten eigentlich: ich glaubte, in die blutigen fuszstapfen Philipps zu treten, als ich ihnen in die königlichen gemächer folgte Klinger (1809) 4, 91; meist, schon im 16. jh., uneigentlich 'jemandem nachstreben, nachtrachten', 'es ihm gleichtun': da mit deines anherren Maximiliani ... art, ader und gemiet nachfolgend erfüllest, in die fszstappfen deiner frummen elter und vorfaren drittest Murner an d. adel 6 ndr.; diser Caius nachkömling tritt in seiner voreltern fuszstapffen Mathesius Sarepta (1571) 10b; sintemal e. g. in ihres lieben vaters fusztapffen getretten Ringwaldt evangelia a 4b;

thut meines lieben kindes pflegen ...,
das es in die fuszstapffen trett,
darin jetzund sein vatter steht
Spreng Ilias 81b;

also wird sie auch billich in deroselben ehren- und glücksfuszstapfen tretten S. v. Birken ostländ. lorbeerhäyn (1657) 10b; ob diesem (dem hl. Eligius, einem goldschmied)

[Bd. 22, Sp. 210]


alle goldschmied nachfolgen und in seine fuszstapffen tretten, glaub ich hart Abr. a s. Clara etw. f. alle (1699) 261; denn was thaten seine nachfolger anders, als in seine fuszstapfen treten, und was er begonnen, etwas vorwärts rücken? Göthe 46, 77 W.; mit besonderer entwicklung in der rechtssprache, 'die gleiche strafe leiden': welcher ihm (dem verurteilten) darvon hilfft, soll in seine fuszstapffen tretten Reutter v. Speir kriegsordnung (1594) 66; wenn nun das urtheil ausgefällt ist, so wird jede weitere rache des schärfsten untersagt und zu recht gefunden, wer den tod des übelthäters ahnden wollte mit worten oder werken, der solle in dessen fuszstapfen treten, somit über ihn auch als einen übelthäter gerichtet werden Bluntschli staats- u. rechtsgesch. d. stadt u. landsch. Zürich 1, 204.
dann auch in die staffel, in die spur treten: daz, so ire voreltern mit groszem schwaisz ... behauptet hond, daszselbig inen nit lassen endtziehen, sonder in die staffel derselbigen treten, inen in allen tugenden ... nachfolgen Knebel chron. v. Kaisheim 3 lit. ver.; unsere fürsten treten ... in Gustav III. spur K. Fr. Cramer Neseggab 2, 12; der Barmecide ... sollte in die spur seiner ahnen treten Klinger (1809) 5, 45.
c) in die schranken treten eigentlich von den schranken des gerichts- oder kampfplatzes: wenn aber sich der schulteisz mit sampt dem gerichtsschreiber nidergesetzt, so facht der gerichtsweybel an und rüfft wie folgt: ir hauptleut, ir fenderich, ir feldweybel, ir geschworenen gerichtsleut, ir führer, trettend in die schranken und setzt euch hie nider Fronsperger kriegsbuch 1, a 6b; als, auf den dreifachen ruf des ... herolds beide, von kopf zu fusz in schimmerndes erz gerüstet, herr Friedrich und der graf Jacob. zur ausfechtung ihrer sache, in die schranken traten H. v. Kleist 3, 407 E. Schmidt; frei: war doch Frankreich selbst schon für Amerika in die schranken getreten, hatte seine erste hülfsflotte entsendet Dahlmann gesch. d. französ. revolution (1845) 77; mit jemandem in die schranken treten meist uneigentlich 'sich mit ihm messen', 'mit ihm wetteifern': meine mittel erlauben mir keineswegs, mit reichen nebenbuhlern in die schranken zu treten Holtei erzähl. schriften 1, 68; (Mozart, ein rival) der ... bald genug mit ihm (Salieri) in der italiänischen oper in die schranken trat O. Jahn Mozart 3, 62; mit der schönen grafentochter kann sie freilich nicht in die schranken treten Gaudy (1844) 4, 98.
d) in der sprache des rechts mit jemandem ins gericht treten ihn verklagen, anklagen, häufiger dafür ins gericht gehen; namentlich seit Luther: David begert, das gott nicht mit ihm in das gericht trette 16, 400 W.; wir mainen, wir wöllen gott lachen machen mit unsern wercken ... und wöllen mit im ins gericht tretten 34, 2, 95;

düsse minsche sick up syn werck vorleth,
mit gode in dat gerichte thret
und klaget godt syn schepper an,
dat he ohm hebbe tho kort gedaen
B. Waldis verl. sohn 1725;

einfaches ins gericht treten für 'sterben':

und weil keiner von euch weisz,
ob er morgen ins gericht wird treten,
sollt ihr alle gleicher weis
heut noch einmal mit der lieben beten
Brentano (1852) 1, 443.

ähnliche wendungen: si (deus) illa (opera nostra) respiceret, wurde er in ein rechnung tretten Luther 27, 246 W.; lasset sie mit einander ins recht treten ders., briefe, sendschr. u. bedenken 4, 448 de Wette-Seidemann; vgl. accedere ad causam in ein rächtshandel treten, die sach zehanden nemmen und anfangen Frisius 201b; ingredi in causam in ein sach gon oder trätten, die klag anfahen 202a.
e) in die stelle treten selten statt des häufigeren an: und in eines ieden erlegten lücke trat alsobald ein ander in die stelle Lohenstein Arminius 1, 41a; uneigentlich: nach dessen tödlichen hintritt were dessen eintzige tochter ... in seine stelle getreten v. Chemnitz schwed. krieg 2, 27.
f) ins gewehr treten zum präsentieren des gewehrs antreten: überall, wo französische truppen standen, traten

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sie an dem ufer ins gewehr und machten ihre kriegerischen ehrenbezeigungen aus groszem und kleinem geschütz S. v. Bandemer zerstreute blätter (1792) 26; mit diesem vorsatz, entzückt zu werden, passiert' ich durch das thor. eine ehrenwache desselben trat ins gewehr Jean Paul (1841) 14, 114 Reimer; daher wir den leichnam auch des unbedeutendsten menschen nicht ohne ehrfurcht betrachten und sogar, so seltsam an dieser stelle die bemerkung klingen mag, vor jeder leiche die wache ins gewehr tritt Schopenhauer 2, 750 Grisebach. anders, etwa 'unter die waffen eilen', 'sich kampfbereit machen': als sei ein deutscher general zu den Franzosen übergegangen, worüber sogar das feldgeschrei verändert worden und einige bataillons ins gewehr getreten Göthe 33, 273 W.
g) vom theater genommen ist in den vordergrund, in den hintergrund treten, heute mit vorliebe von ganz abstracten subjecten: merkwürdig eröfnet Leroy ... seine betrachtungen über die thiere mit dem wolf und dem fuchs: sie traten also auch seiner wahrnehmung gleich in den vordergrund J. Grimm Reinhart fuchs, vorr. 21; im ersten satz (der arie) tritt der ausdruck eines ernst bewegten gefühls durchaus in den vordergrund O. Jahn Mozart 3, 107, anm. 38; dasz diese frage hier in den vordergrund treten würde, darauf konnte ich gar nicht gefaszt sein Bismarck polit. reden 4, 77. — uneigentlich: wir traten in den hintergrund, er aber fragte genau nach allen umständen Göthe 33, 25 W.; wer sich ruhe gönnte in Florenz, trat in den hintergrund H. Grimm Michelangelo 1, 92.
h) ins mittel treten in verschiedenem sinn. im 17. jh. entwickelt ist die auch heute gültige anwendung wie 'sich ins mittel schlagen, legen', 'vermitteln', 'versöhnen', vgl. rem moderari Frisch 2, 385c; 'zweene miteinander versöhnen' Ludwig teutsch-engl. 2016: dasz der könig zu complanierung derer zwischen ihm und besagter stadt schwebender differentien ins mittel treten möchte v. Chemnitz schwed. krieg 1, 66; nachdem ... also ein schwerer krieg entstehen könnte, so dürften die protestierenden sich vollends aufreiben und ihren feinden ein gladiatorum spectaculum geben, wenn churfürstl. durchlaucht von Brandenburg nicht ins mittel treten Leibniz deutsche schriften 2, 147; eine mesalliance ist nichts kleines, doch so bald ich ins mittel trete, so fallen die schwierigkeiten weg G. Stephanie d. j. lustspiele (1771) 258; die bischöfe traten (bei familienstreitigkeiten der Merowinger) oft in das mittel, so dasz sie sogar die friedegelder aus den kirchengütern zahlten M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen 1, 308.
'beschwichtigen': St. Germain wäre in die tiefste armuth versunken, hätten ... nicht alle offiziere ... einen jahresgehalt dem greise ausgeworfen, der von den höheren gehaszt, allenthalben die liebe seiner untergebenen zu gewinnen verstand. so ward denn auch die regierung fast gezwungen, sich seiner wieder zu erinnern; sie trat mit einem jahresgehalt ins mittel Dahlmann franz. revolution 59; mit abstractem subject: vielleicht rechnete er (der general) ein wenig zu sehr darauf, dasz der kommandant (der belagerten festung) sein sohn ist und dasz die kindliche liebe zu unserm besten ins mittel treten werde Kretschmann sämtl. werke 3, 2, 40.
dann 'hindernd dazwischen treten', 'einschreiten gegen': er hat seinen gott, der ... es auch wohl zuläszt, dasz ihm ... unrecht geschieht, aber einmal, eh man sichs vermutet, ins mittel tritt und ihn zu ehren sezt J. M. Miller predigten fürs landvolk (1776) 2, 354; der schloszherr ... hätte sie (die kinder), wären nicht andere treffliche eigenschaften und umstände ins mittel getreten, vollständig verzogen Stifter sämtl. werke 5, 1, 353.
seltener 'stören', 'störend eingreifen': ich hatte bereits hoffnung, dieses ansehnliche werk ... gegen eine grosze menge zwar kleinerer, aber einem collegio zuträglicherer bücher, zurückzuerhalten, als die universität Helmstedt ins mittel trat und sich lieber alles mit eins umsonst ausbat, was ich dafür zur eintauschung hatte anbieten können

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Lessing 18, 349 L.-M.; in diesem falle ist es aber nicht gut, dasz der staat ins mittel trete und die reihe der begebenheiten störe, welche der natürliche lauf der dinge ... entspringen läszt W. v. Humboldt gesammelte schriften (1903) 1, 217.
i) durch einen dativ der person erweitert: jemandem in den weg u. s. w. treten. einfach 'begegnen':

noch hab ich selber ihm nicht danken können,
so oft ich auch ihm in den weg getreten
Lessing 3, 65 L.-M.;

auch uneigentlich in solchem sinn, 'zu tun haben mit': ich denke mir doch, dasz sie sich in Berlin um so besser finden werden, als sie zunächst sich völliger unabhängigkeit erfreuen und niemanden (!) in den weg treten Dahlmann an J. u. W. Grimm 1, 421 Ippel. dann 'sich hindernd in jemandes weg stellen': wir hatten nur wenige schritte gemacht, als ein ehrwürdiger barfüszer sich durch das volk arbeitete und dem prinzen in den weg trat Schiller 4, 206 G.; als auf einmal der blonde Friedrich ihnen in den weg trat und sie mit groszem gelächter und allerlei possen aufhielt Göthe 23, 11 W.; ich bin ein furchtbarer kerl und wer mir in den weg tritt, dem speie ich feuer ins gesicht graf Pocci lust. komödienbüchlein 29; (ein berg) der so überraschend, trotzig ihm hier in den weg tritt H. v. Barth nördl. Kalkalpen 90; beliebt ist uneigentlicher gebrauch: sie antworteten, es nehme sie wunder, dasz der papst ihnen bei dieser wahl mit einem verbot in den weg treten wolle, was der römische stuhl noch niemals gethan Ranke sämtl. werke 1, 249; ihr tretet eurer eignen freyheit in den weg, wenn ihr eurem freunde euren kummer verheimlicht Shakespeare 3, 259; nur manchmal scheint in kleinen umständen etwas nicht richtig zu seyn, was dann der anschaulichkeit in den weg tritt W. Schlegel im Athenäum 2, 320; wenn die verkettung der begebenheiten den wohltätigsten entwürfen so in den weg tritt und sie ohne unser zuthun vereitelt, dann dürfen wir vielleicht sagen, dasz die welt für manches gute noch nicht reif zu sein scheint F. G. Forster sämtl. schr. 4, 45. vgl. noch in die bahn treten:

o herr, du trittst, der welt ein retter,
dem mordgeist in die bahn
H. v. Kleist 4, 34 E. Schmidt.


jemandem ins angesicht treten: die hohenpriester zu Jerusalem hatten eyn grosz volck unter sich und wollen yn angreiffen ... noch stehet da der arme mensch fur sein person allein und gehet auff das fest und tritt ihnen ins angesicht (und für die nasen), fraget nichts nach ihren groszen ehren, wirden und herrligkeit Luther 33, 403 W.;

es mus doch werden ausgericht,
sihe do, tritt er uns ins gesicht,
doch selber ungesucht, wolan,
so gehe ich hin und sprech ihn an
Hayneccius Hans Pfriem 62 ndr.


jemandem ins licht treten, bildlich 'ihn in den schatten stellen': ich sehe wohl vielerlei weiber, aber du tritst allen ins licht Cl. Brentano an Sophie Mereau 2, 142 Amelung.
j) ins leben treten in mehrfachem sinn. durch die geburt: durch die geburt treten wir hinein ins leben, ins leyden, durch den tod heraus aus dem leben, aus dem leyden H. Müller geistl. erquickstunden (1714) 589; meist in freier anwendung: indem er einen süszen traum ins leben treten liesz E. Th. A. Hoffmann 10, 38 Grisebach; die forellenzucht trat auch wirklich ins leben Moltke schriften u. denkw. 1, 243; seit die nationalliberale partei ins leben getreten v. Bennigsen d. nationallib. partei 3; 'erscheinen': die der gröszeren masse eines volkes eigene sprache, so wie sie von jahrhundert zu jahrhundert wechselnd ins leben tritt Schmeller d. mundarten Bayerns (1821) vorr. 7. — 'ins weltgetriebe u. s. w. eintreten':

wie war ich damals frisch und rege!
wie keck ich in das leben trat
Hoffmann v. Fallersleben (1890) 2, 16;

eine edle natur, begabt mit allen vorzügen des körpers und geistes, trat ich ins leben Holtei erzähl. schriften

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2, 10; (Hans Unwirrsch) trat ... in das reale leben Raabe hungerpastor (1864) 1, 255.
seit dem 16. jh. oft als übertreten aus einem leben in ein anderes; mit attributivem zusatz: die nu frölich getreten hat in ain beschauendes leben Keisersberg nach Kehrein gramm. d. deutschen spr. d. 15.-17. jh. 3, 37; denn was heiszet busze anders denn den alten menschen mit ernst angreiffen und in ein newes leben tretten? Luther 30, 1, 221 W.; ein christ hat ... zu hoffen, ... das er in ein ewig leben und himlisch wesen tretten werde 34, 2, 109; durch welche (predigt) ihr das hertz dermaszen gerühret worden, dasz sie gäntzlich von der büberei abgelassen und in ein ander leben getreten ist J. D. Ernst denckwürdigkeiten (1700) 452;

so tritt der herzog in ein geistlich leben
und läszt die pracht des hofes hinter sich? Shakespeare 4, 308.


ähnlich in den tod treten:

kan doch ein bruder in der not
den andern nicht erretten,
so kan ein mensch auch in den todt
nicht für den andern tretten
B. Waldis psalter (1553) 83a;

bist bereit, auch für diesen artickel in den tod zu tretten? Fr. Spee güld. tugendbuch (1649) 12.
in die welt treten in das weltgetriebe eintreten: es ist gut, dasz der mensch, der erst in die welt tritt, viel von sich halte Göthe 23, 119 W.; könnte man nur immer ... jungen menschen, welche in die welt treten, ... die überzeugung mitgeben Tieck (1828) 4, 65; genial, schön, unabhängig und von unbestimmtem tatendrange glühend, treten sie in die welt H. Grimm Michelangelo 1, 44. in eine gegensätzliche welt übertreten: in die ehrbare welt treten, ohne erst vom theater zu steigen Ramler einl. i. d. schönen wissensch. 2, 258; würdest du (aus dem ordensstande) in die welt treten, die ihre eigenen gesetze befolgt, so würde dein klarer stern zum lächerlichen irrwisch C. F. Meyer novellen (1923) 2, 34; uneigentlich: die schönheit ist allerdings das werk der freyen betrachtung und wir treten mit ihr in die welt der ideen Schiller 10, 366 G. dann etwa wie 'ins leben treten', 'neu werden': es war ... ein neues philosophisches streben in die welt getreten E. M. Arndt (1892) 1, 67.
k) in verbindung, berührung, in ein verhältnis, in beziehung, verkehr (mit, bzw. zu jemandem) treten: dasz ich durch euch mit dem tapffersten menschen von der welt in genauere und beständige verbündnüsz tretten kan Chr. Weise d. grünend. jugend überfl. ged. 229 ndr.; da er mehr wünsche, in wissenschaftliche als politische verbindungen zu treten Göthe 23, 241 G.; das einigungsrecht, d. h. die befugnis, mit anderen freien leuten zur erreichung eines selbstgewählten zwecks in verbindung zu treten Eichhorn dtsch. staats- u. rechtsgesch. (1821) 2, 507; mit dem von uns anerkannten souverain eines wichtigen landes in nähere verbindung zu treten Bismarck ged. u. erinn. 1, 205; wenn irgendwie 101 theile quecksilber in verbindung treten mit einem körper, dessen gewicht a heiszen mag J. Liebig chemische briefe (1844) 43. — wo ich vielleicht in eine nähere berührung ... mit ihm hätte treten können Pückler briefw. u. tageb. 1, 192; wie die defensoren, seitdem die gerichtsbarkeit erhielten, mit der curie ... in unmittelbare berührung treten muszten Savigny röm. recht 1, 80; in nahe berührung mit dem adv. tritt das adj. als prädikatives attribut H. Paul prinzipien (1920) 368; vereinzelt elliptisch: überall aber trat natur und kunst nur durch leben in berührung Göthe 28, 149 W. — wie lebhaft auch immer mein verlangen war, in ein näheres verhältnis zu ihnen (Göthe) zu treten Schiller briefe 3, 480; ich freue mich ..., mit ihnen ... in ein noch näheres geistiges verhältnis zu treten Göthe IV 28, 87 W.; auch ohne zweites präpositionales obj., wie 'in einen zustand treten': eine sache wird, wenn sie in dieses verhältnis tritt, gern durch eine präposition ausgedrückt Adelung umständl. lehrgeb. 2, 432; er ist dann auch später ... in ein offenes verhältnisz der anerkennung

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getreten Nitsch deutsche studien (1879) 35. — nachdem ich mit dem staatlichen räderwerk in unmittelbare beziehung getreten war Bismarck ged. u. erinn. 1, 20; in zwei monaten wäre es uns vielleicht geglückt, in freundlichere und nützlichere beziehungen zu den Bugnos zu treten Steinen naturvölker Zentralbrasiliens (1894) 3; dieser satzteil ... kann eben deshalb auch in eine direkte beziehung zum präd. treten H. Paul prinzipien (1920) 368. — dasz der mensch mit unsichtbaren mächten in verkehr treten und sie zur folgsamkeit zwingen könne Peschel völkerkunde 280; der einzelne ist ja in bezug auf gestaltung seiner lautvorstellungen ... immer nur von denen (abhängig), mit welchen er in sprachlichen verkehr tritt H. Paul prinzipien (1920) 61.
in ein bündnis, einen bund u. s. w. treten: der könig zu Schweden hette zwar dieser schleunigen endschafft der handlung sich im weinigsten nicht vermuthet, sintemahl erst im verwichenen jahre er mit dem könige zu Dennemarck in bündnusz getreten ... war v. Chemnitz schwed. krieg 1, 11; derselbe säumte demnach nicht mit dem herzog in ein bündnis zu treten und die Schweizer mit ihm zu befehden M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen 4, 17;

wann er mit seinesgleichen
sol treten in ein band
S. Dach 707 Österley;

er war im besitze der von ihm selber ausgesprochenen eigenschaften, um mit der ... glückgöttin in einen bund zu treten S. Brunner erzählg. u. schriften 2, 101; welche verstärkung für religion und geseze, wenn sie mit der schaubühne in bund treten Schiller 3, 514 G.; vgl. noch: leute, die ... zusammen in eine so nahe blutfreundschaft treten wollen Grimmelshausen 2, 345 Keller.
in unterhandlung, verhandlung, beratschlagung treten: nach einigen nicht viel bedeutenden scharmützeln sahe sich der graf genöthiget, mit dem feinde in unterhandlung zu treten Lessing 10, 9 L.-M.; die begüterten bürger ... (waren) sehr geneigt, ... mit dem herzog von Parma in unterhandlungen zu treten Schiller 9, 47 G.; Georg Monk trat sogar mit den katholischen nativisten in verhandlung Ranke 4, 29; wenn das herrenhaus ... in eine zwischenverhandlung mit dem abgeordnetenhause in der hier angeregten richtung trete Bismarck polit. reden 2, 45 Kohl; abermals trat er in berathschlagungen mit mir Klinger (1809) 4, 67.
in vergleich, einung, vertrag treten: Swammerdam versicherte ..., dasz er ... nur deszhalb gekommen sei, um rücksichts der Dörtje Elverdink mit Leuwenhöck in gütlichen vergleich zu treten E. Th. A. Hoffmann 12, 104 Grisebach; der schwäbische bund ... war mit den fürsten, namentlich mit der Pfalz in einung getreten Ranke 2, 78; die steppenvölker ... traten ... in clientel oder in vertrag mit dem könig Mommsen röm. gesch. 2, 275.
l) in einen krieg, streit, kampf treten, seit dem 16. jh.: der unüberwindtlich gewalt Julii des keysers ... hat mit den Danis, Gothis, Noricis und Aquilocianibus nit dörffen in einen krieg tretten, deren gewalt förchtende S. Franck weltbuch (1534) 95a; Rolandus, ein pfaltzgraff am Rhein trat auffgefordert mit einem helden des Saracenen ungewönlicher grösz in ein sonder kampf chron. Germ. (1538) 73a; eben als wann er mit einem duellanten ... in einen zweykampff hätte tretten wollen Grimmelshausen 2, 533 Keller;

todt und leben tratten in kampff,
ein starker lew und ein schwaches lamb bei
Kehrein d. ältest. kathol. gesangbücher 1, 491;

jede philosophie tritt in einen kampf mit der religion ihrer zeit Lange gesch. d. materialismus 3. dieweil man ihm nicht auffthun wolte und ihm ward die zeit lang, dasz er in streit tretten solt Amadis 94 Keller; wenn ihro majestät mir erlauben wollen, so will ich hingehen und mit dem gewaltigen riesen in den streit treten Göthe 21, 9 W.
in wettstreit, gegensatz, widerspruch treten und ähnliche wendungen:

und kunst und wissenschaft in einen wettstreit traten
Dusch vermischte werke (1754) 391;

[Bd. 22, Sp. 215]


eine reihe tüchtiger fachzeitschriften ... trat in wissenschaftlichen wettbewerb Luschin v. Ebengreuth münzk. u. geldgesch. 11; ein plan, der auszerdem mit der dynastischen vorliebe sr. majestät für Ansbach in concurrenz treten würde Bismarck ged. u. erinn. 2, 46; das sichere gefühl ... für das verhältnisz der verschiedenen mit einander in contract und conflict tretenden elemente ... ist die grundbedingung für die schöpfung eines kunstwerks O. Jahn Mozart 4, 139; da man sich einmal im abfall von der römischen kirche begriffen sah, so gewährte es eine gewisse befriedigung des selbstgefühls ..., dasz man in einen vollkommenen gegensatz trat Ranke 3, 63; (es) tritt das lateinische in einen gewissen gegensatz zu den ... dialekten Mommsen röm. gesch.2 1, 13; ich wäre in widerspruch mit meinen geliebtesten menschen ... getreten Ebner-Eschenbach (1893) 4, 428; der vortheil des volkes tritt in widerspruch mit dem des adels Moltke ges. schr. u. denkw. 1, 115.
vgl. auch in (einen) streik treten, z. b.: die börsen in Breslau, Stettin, Königsberg traten in einen proteststreik die tat (1931-2) 847.
m) in die ehe u. s. w. treten: inire conjugium ein ehe machen, in die eh tretten, zur ehe greiffen Alberus S jb; und gab inen sölche antwurt, so ferr dann ir will were, ze mannen, wölten sie ir dann zil geben, so wölt sie wider in die ee tretten Stainhöwel Boccaccio 149 lit. ver.; gleich wie wyer frey sind, ausser der ehe zu bleyben oder yn die ehe zu tretten Luther 18, 113 W.; Luther ... ist ausz dem gelübdt der keüschait mit einer meineydigen nonnen in ein verbotne ehe getretten J. Nas antipapist. eins u. hundert 1, 151a; dem weibe, sobald sie in die ehe tritt, ziemt nicht mehr der schmuck der jungfrau Herder 22, 135 S.;

der frauen zumal, die jüngst in die ehe getreten
Mörike 1, 256.


auch in die heirat: anno 1626, in welchem jahr er (Zinkgref) in heyrath mit fraw Angnete Nordeccin ... getreten Zinkgref-Weidner teutsch. nation weish. 3, 98; vgl. bildlich: auszer diesem behauptete sie, dasz gewisse reime ... durchaus ins eheband treten müszten Hippel lebensläufe (1778) 1, 44.
in einen stand treten, vgl. ingredi vitam vel viam vivendi Schönsleder prompt. (1647) J i i 8b. wie das vorige, in den ehelichen stand: inire connubium sich verheüren, vereelichen, in eelichen staat trätten Frisius 301a;

welt ir paid treten in den elichn standt Sterzinger spiele 2, 61 Zingerle;

wer in den ehestand tritt Luther 34, 1, 63 W.; die von dem ledigen in den ehestand tretten Harsdörffer frauenzimmergesprächspiele 2, 44; es ist nicht unwahrscheinlich, dasz Hermann ... noch diesen herbst in den heiligen ehestand tritt Dahlmann an Gervinus 2, 337 Ippel.
in den geistlichen (heiligen) stand: wo einer in diesen h. stand ... tretten solte Moscherosch insomnis cura parentum 37 ndr.; sonderlich aber, wann ihnen geliebete, in den geistlichen stand zu tretten Happel akad. roman (1690) 486; nichts ist merkwürdiger, als dasz ohne besondere königliche erlaubnis kein freygebohrener in den geistlichen stand treten durfte M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen 1, 341.
in den ruhestand: Doler ... trat 1789 in den ruhestand und starb 1799 O. Jahn Mozart 4, 472; der in ruhestand getretene handelsherr Holtei erzähl. schriften 3, 8.
n) in ein amt treten: obire munus nomencl. lat.-germ. (1634) 137; der keyszer Caius, als er in sein burgermeysterampt gedretten ... ist Eppendorff Plinius (1543) 214; er ohnedas bei der Agrippina leben keine hoffnung hatte, in neue ehrenämter zu treten A. U. v. Braunschweig Octavia 2, 979; die bilder seiner lobwürdigen vorfahren ladeten ihn gleichsam ein, lieber mit schweisz und blut in ihre fuszstappen und in dis von ihnen geführte ambt zu treten, als die hände ... auf die schoos zu legen Lohenstein Arminius 1, 28a; in das heilige predigtamt zu treten Lessing 6, 56 L.-M.

[Bd. 22, Sp. 216]



in jemandes dienst (dienste, sold) treten:

(Sathan, Jesus verführend)
das well alles geben dir,
wiltu dich unterdenigk machen mer
und in minen dinst tredden Alsfelder passionsspiel 37 Grein;

oft geistlich: wilt du in dienst gotts treten Keisersberg schiff d. penitenz (1514) 76a; der mag in den dienst des herrn tretten H. v. Cronberg schriften 70 ndr.; er würde bey geistlichen auch geistlich gesinnet werden und in ewigwährenden gottesdienst tretten Grimmelshausen 2, 444 Keller; seit dem 17. jh. ist der plural geläufiger: als ob er ... in schwedische dienste wieder zu treten gesonnen (wäre) v. Chemnitz schwed. krieg 4, 1, 108; einige ..., welche sichs für eine grosze gnade halten, als hofmeister in ew. excellenz dienste zu treten Rabener sämtl. werke 3, 22; graf Sch., der aus sächsischen diensten in österreichische als major trat Gentz tagebücher 1, 268; dasz Amalie aus dem hause ihrer mutter ging und als kammerjungfer bei einer gräfin in dienste trat Castelli (1844) 10, 63; mit dem singular in neuester sprache zumindest ungewöhnlich: die strenge weisung, ... in vaterländischen dienst zu treten Heine 2, 352 Elster; auszer, die bedeutung ist 'in eine feste dienststelle': nein, wenn ich das voraus gewuszt hätt', in diesen dienst wär ich nicht um eine million getreten graf Pocci lust. komödienbüchlein (1859) 141.
o) in das regiment, das reich, in die regierung u. s. w. treten das regiment u. s. w. antreten, vgl. rem publicam accipere in ein gemein regiment trätten, die verwaltung desz gemeinen nutzes annemmen, des radts oder der rädten werden Frisius 17a: do er (Christus) nach der tauff in sein regiment und reich tretten ist S. Franck chronica (1531) 84a; dann vor disem füret er ein krieg, so bald sein vatter starb, da er in das reich trat ders., chron. Germ. (1538) 72b; Orchanes, der ander türckische keyser, Ottomanni sohn, trat in das regiment anno 1351 Stumpf Schweizerchron. (1606) 14b; nachdem keiser Friedrich in die regierung tratt Tschudi chron. helv. 1, 86; durch tyraney in regierung tretten, nimpt selten ein gut ende Friedrich Wilhelm sprichw.-register (1577) g 1c; damit derselbe (der sohn) alsbald nach seinem abgang in vollkomene regierung treten köndte W. Spangenberg eselkönig 21; ist Carolus, Pipini sohn, nach absterben seines herrn vatern ... in die franckreichische regierung getreten Binhardus thüring. chron. (1613) 43. vgl. auch: Walafridus Strabo ... tratt in die abtey (d. i. 'wurde abt') anno domini 842 Stumpf Schweizerchron. 406a.
ähnlich in eine laufbahn, ein metier u. s. w. treten: ich trete erst itzt in meine laufbahn Knigge roman meines lebens 2, 22; wenn der sohn in des vaters metier tritt Göthe IV 10, 109 W.; Emil soll kein gelehrter werden, sondern in das geschäft seines vaters treten Gutzkow (1872) 8, 23. vgl. bei Paracelsus: da suchtet ir nach subtilere werck und trattet in die alchimey, waret doch so geschickt darinn als ein esel auff einer sackpfeiffen chirurg. (1618) 288 Huser.
p) vom eintreten in bestehende, feste menschliche gemeinschaftsformen. verschiedentlich, in einen orden treten: adoptare se alicui ordini sich einhin flicken, zu einer rott thun, in ein anderen orden trätten Frisius 40b; in einen orden tretten entrar' in un ordine, abbracciar' un instituto religioso Kramer 2 (1702) 1133a; er ist in Cartheuserorden getreten Eyering proverb. copia 2, 355; füget es das glükk, dasz jemand aus niedrigem stande ... in diesen durchl. palmenorden zu treten gewürdiget wird Neumark teutsch. palmbaum (1668) 79; in mannichfaltige geheime orden ... treten itzt unsere jünglinge Zimmermann über die einsamkeit 1, 32; bildlich:

ausz meines bruders ehegemahel ...,
so neulich ist verheurath worden
und tretten in ehelichen orden,
hastu ein wittib bald gemacht
Spreng Ilias 238a;

für 'betteln':

müssn uns doch so von hunger rettn,
wolln wir nicht in betlorden tretn jedermannes jammerklage (1621) a 3b.

[Bd. 22, Sp. 217]



in eine zunft, eine gesellschaft, einen bund treten:

das ich wolt brauchen mein vernunft,
nit tretten in der narren zunfft
Schwarzenberg Cicero (1535) 151;

an nicht wenigen orten konnten auch frauen als selbstständige meisterinnen in die zunft treten K. Bücher frauenfrage im mittelalter2 18; es war am 2. jänner 1740, als ich in die wünschende gesellschaft trat Rabener sämtl. werke 1, 158; es scheint fast, dasz von jeder vornehmen familie durchgehends eine oder mehrere personen in diese gesellschaft treten, deren unabänderliches grundgesetz ist, dasz keines ihrer mitglieder kinder haben dürfe G. Forster sämtl. schriften (1843) 2, 98; Albrecht fand es ... rathsam, selbst in den schwäbischen bund zu treten Ranke sämtl. werke 1, 69.
q) zeitlich, das eintreten in einen zeitabschnitt, zustand, in ein bestimmtes stadium:

als du (die welt) ins fünffte alter (weltalter) trattest
Hans Sachs 3, 583 lit. ver.;

meines sohns gemahlin ist so grob schwanger, dasz ich mich nicht ein augenblick endtfernen kan, ... bis mitwog trit sie in ihrem 10. mont, kan also nicht viel weitter gehen Elis. Charl. v. Orleans briefe 149 Menzel; er tritt in die zeit, wo die natur sich zu regen anfängt und wo leicht sein übriges leben verdorben werden kann Göthe IV 8, 335 W.; Abrokomas, der damals sechzehn jahre zählte und in das jünglingsalter trat Bürger 251 Bohtz; sie treten, liebster Wilhelm, in wenig tagen ... in ein neues lebensjahr Dahlmann an Wilhelm Grimm 1, 442 Ippel; dann auch mit unpersönlicher construction:

jetz tritt es bald ins siebente jahr,
so berichtet die alte märe,
dasz er ein grauser sünder war Schweizer volkslieder 1, 102 Tobler;

nachdem russische uhlanen Kellermanns reiter ungestüm geworfen (hatten), ... trat der kampf nicht weit von diesem dorfe in seinen prägnantesten moment Häusser deutsche geschichte (1854) 2, 687; mit spannung beobachtete ich die entwicklung seiner (eines gebirgsstockes) gipfel, die von sekunde zu sekunde in neue phasen trat H. v. Barth nördl. Kalkalpen 444; was nun die besteuerung der offiziere betrifft, so ist ja die sache durch die gesetzesvorlage ... in ein anderes stadium getreten Moltke schriften u. denkw. (1892) 7, 91.
hieran schlieszt sich in die brunst (brunft) treten, waidmännisch vom hirschen: der hirsch tritt in die brunst nach deme der stern Arcturus auffgangen ist Heyden Plinius (1565) 172; wann er aber eine gute mast von eicheln und obst hat, so trit der hirsch eher als sonsten in die brunft Heppe wohlredender jäger (1763) 291; vgl. in die brunst treten entrar' in brama, al bramare, bramito del cervo Kramer 2 (1702) 1133a. auch auf die, aus der brunst treten, s. u. 3 c, 4 e.
das erreichen eines gewissen entwicklungsabschnittes vgl. auch in folgenden belegen: andere nemmen den safft der wurtzel eher dann das kraut in stengel trittet Tabernämontanus kräuterbuch (1687) 958; ach, dasz gerade heute das wunderbarste aller moose in die blüthe treten muszte Hebbel (1891) 9, 126.
r) in handlung, tätigkeit, action treten: ein personificierter gegenstand, sobald er in handlung tritt, die einen allgemeinen satz anschaulich macht, wird fabel Herder 12, 12 S.; er (der könig), wie wir waren in volle arbeit getreten Laube ges. schriften (1875) 3, 57; die sitzungstage, an welchen die schöffen in tätigkeit zu treten haben gerichtsverfassungsgesetz § 46; truppenteile, die, nahe der grenze, vielleicht berufen sind, gleich im ersten augenblick des krieges in aktion zu treten Moltke schriften u. denkw. 7, 133; zumal wenn ... in leibhafter gegenständlichkeit die verschiedenen momente in action treten O. Jahn Mozart 4, 380.
s) rechtssprachliche wendungen.
in den besitz von etwas treten: (sie) ersuche ihn, ohne weiteres bedenken, durch die vollziehung der in dem

[Bd. 22, Sp. 218]


testamente vorgeschriebnen verbindung, in den besitz eines vermögens zu treten Lessing 2, 331 L.-M.; (Franz Moor) trat sodann in den vollkommensten besitz seiner güter und rechte Schiller 2, 355 G.; sobald die colonie als staat in den besitz ihrer rechte getreten war Niebuhr röm. geschichte 1, 303. das 16. jh. kennt abgekürzte wendungen wie in die güter, ins erbe treten: im glauben verkleret sich Christus uns selber ... mit wercken kumpt man nit an in, die wercke kommen hinden nach. ich musz zum ersten in seine güter treten, dasz er meyn sey und ich seyn Luther 10, 3, 210 W.; haereditatem adire den erbsal annemmen oder ins erb tretten und ston Frisius 32b.
in ein recht, in rechte treten rechte erlangen, überkommen, in ihren genusz treten, vgl. bei Luther: quia ex servili condicione yns kynderrecht getretten 34, 2, 534 W.; in neuerer sprache vornehmlich mit dem plural:

wer ihr das leben so erhielt,
tritt einzig in die rechte desz, der ihr
es gab
Lessing 3, 130 L.-M.;

die menschliche gestalt tritt in alle ihre rechte Göthe IV 8, 255 W.; du tratst in den namen und die rechte deines verstorbenen bruders Klinger (1809) 4, 46; man hegte die ... meinung, die churfürsten seien in die rechte des römischen senates ... getreten Ranke sämtl. werke 1, 36; die alten freunde des hauses traten darauf wieder in ihre rechte A. v. Arnim (1853) 8, 111; oft mit unpersönlichem subject, in die alten rechte treten, uneigentlich, beinahe formelhaft: (die unarten des kindes waren) nach dem tode dieser freundin alle wieder in ihre alten rechte getreten Göthe 23, 139 W.; so trat dieses berühmte carneval wieder in seine alten rechte Archenholz England und Italien (1785) 2, 14; die ein halbes jahrhundert in hasz verkehrte liebe trat in ihr altes recht Ebner-Eschenbach (1893) 1, 147. ähnlich in den anspruch: der könig trat in den anspruch des von einem concilium eingesetzten fürsten Ranke sämtl. werke 8, 28.
in jemandes contract, miete treten vorerst 'secundär, an stelle eines ausscheidenden in das bestehende vertragsverhältnis eintreten': dieweil hr. Micipsa mit der fr. Timandra des gewölbes halber dergestalt accordieret und contrahiret, dasz er von künftigen ostern an, so fern er sodann das gewölbe allein bekommen möchte, jährlich 200 rthl. miehtzinsz bezahlen und richtig machen wolle ... als verspricht hr. Gobigas gleichfalls so viel miehtzinsz zu geben und in hr. Micipsae contract nach erlegung der 200 rthl. zu treten Menantes neue briefe (1723) 708; ich erbot mich daher zu einer unbedingten aufhebung des geschäftes (mit dem Berliner verleger), sie erfolgte ohne hader und Göschen trat in des Berliners contract Müllner dram. werke (1828) 8, 42; (brief an Schiller; frau v. Kalb zog vor ablauf ihres mietcontractes aus ihrer wohnung:) frau v. Kalb scheint mit bergrath Scherer abgeschlossen zu haben, dasz er in ihre miethe treten solle ... der hausherr aber ... braucht sich, wenn er nicht will, diese sublocation nicht gefallen zu lassen und will auf mein zureden ihnen das quartier geben Göthe IV 14, 167 W. doch bedeutet in jemandes miete treten auch 'sich bei ihm einmieten': er (Wieland) erklärt, dasz er Ludekus hausz kaufen würde und dasz es ihm ganz lieb wäre, wenn ich in seine miethe treten wollte IV 9, 302.
vgl. auch in den kauf treten 'sich an einem kauf beteiligen': (ein schreinermeister, der billiges holz kauft, soll es) umbsagen und verkonden und dan denjhenigen, die das in 3 stunden nach dem umbsagen begeren, an demselben kauffen umb bare gelt teyle daran werden lassen ... und welcher auch also in den kauff trede, ... der sal darfur ... sin bezalunge nit verhalten (1473) Frankf.zunfturk. 2, 7.
juristisch etwas tritt in kraft 'erlangt gesetzeskraft', 'wird gültig', erst seit dem 19. jh.: das testament trat in kraft Mommsen röm. gesch. 2, 139; die bundesverfassung war am 1. juli 1867 in kraft getreten Bennigsen d. nationallib. partei 42; diese satzung tritt am 1. october 1929

[Bd. 22, Sp. 219]


in kraft versicherungsprospect. ebenso auszer kraft treten, z. b. gesetz, betr. die einf. d. allg. dtsch. wechselordnung u. d. allg. dtsch. gesetzb. in Elsasz-Lothringen vom 19. juni 1872, § 1, abs. 2; bankgesetz v. 14. märz 1875, § 46, abs. 2.
vereinzelt in wirkung u. s. w. treten: so wirdt der erblauff desz firmaments hingenommen, also dasz du nachfolgendt magst mit der artzney in vollkommene würckung tretten Paracelsus op. (1616) 1, 725 Huser; vorerst freilich schien die gabe der himmelskönigin nicht in wirksamkeit treten zu sollen R. v. Binding ges. w. 1, 350.
t) um eine innere veränderung auszudrücken, werden seit dem mhd. überhaupt die mannigfachsten abstracta dem verb als präpositionale objecte verbunden, z. b.:

Gâwân ûz sorge in vröude trat
Wolfram v. Eschenbach Parzival 654, 25;

den vater er (der sohn) des uberwant,
daz er in sinen (des sohnes) willen trat passional 567 Köpke;

'waket unde bedet', sprikt de here, 'dat gy nicht treden yn bekorynghe' 'imitatio Christi' in mittelnd. übers. 42 Hagen (nach Matth. 26, 41: intrare in tentationem);

wachent hie und betten,
das ir nit in verschnúsz tretten
Mone schausp. d. mittelalt. 2, 264;

du solt ... in gtú werk vrölich treten und dar inne veste beliben Suso 25 Bihlmeyer; sie (männer) vergessen der eren, sie vergüden ir gt, sie werden hessig und offt tretten sie in tötlich sorg und selten on grossen schmerczen desz gemütes Stainhöwel Boccaccio 86 lit. ver.; sein (des Moses) weib hat nicht gewolt in diese schmach treten, das ir son beschnitten wurde Luther 16, 63 W.; also das ein solcher understat sich (als war und gewisz) zu beweren, glauben an Christum mache nit frumm und trit tyeffer in den yrsal, als ob die werck frumm machen Eberlin v. Günzburg 2, 156 ndr.; sondern von uns soll dasselbig kleydt hingethan werden und derselbig alt saurteig von uns und da ein neues anlegen, von der alten geburt in die neue tretten Paracelsus op. (1616) 2, 426 Huser; (es ist not) dasz wir ... mit den Ninivitern in busze tretten 2, 429, vgl. auch an die busze (u. 2 f) und zur busze (9 c) treten; in einsi meinung trätten, einsi sinn und meynung seyn discedere in aliquam opinionem Frisius (1556) 423a (auch auf die meinung, s. II C 3 e; vgl. auch zu einer sentenz treten u. 9 c); dann so das kind (der fötus) anfacht, in sein vollkommenheit zu tretten Wirsung artzneybuch (1588) 548c; dasz es diesem doch noch sehr daran fehlt, um in sich selbst in die klarheit getreten zu sein W. v. Humboldt an Welcker 43 Haym; nachdem die sechs brüder solchergestalt wieder in das fürsichsein getreten waren Immermann 1, 36 Boxberger.
u) übertragungen. eine reihe von bewegungsvorgängen, concretsinnlicher sowohl als abstracter, werden, zum teil schon in älterer sprache, mit treten bezeichnet.
α) von der schwimmbewegung der fische, vgl. oben II B q und unten 4 g: die fische treten ... aus dem meer in das haff Micrälius altes Pommerland (1640) 6, 585; bey der fischerey sollen auf den teichen und fischhältern die wunnen zu rechter zeit ... gehauen werden, weil sonsten die fische in die höhe treten, luft suchen und entweder an dem eise mit den floszfedern hängen bleiben oder gar ersticken allg. haushalt.-lex. (1749) 1, h 2b; wer mit der angel gehet, musz dieselbe, weil der fisch nun tiefer ins wasser tritt, länger bekielen ebda f 2b; der lachs lebt besonders in den nordischen meeren, tritt aber im sommer in die flüsze Campe s. v. lachs.
β) vom fahren des schiffes. wohl nur zufällig karg belegt: daz schif mag als verre in daz mere treten, daz eines menschen auge unden pei dem mastpaum daz zil an dem ufer oder an dem gestat niht gesehen mag Megenberg deutsche sphära 127 Matthäi; modern mehr auf den visuellen eindruck hin; das fährboot ... trat eben wie ein schatten in den hellen schein Storm (1899) 1, 111.
γ) astronomisch, vom eintritt der sonne in die zeichen des tierkreises, s. auch unten 10 c: wenne die sunne ze niderst

[Bd. 22, Sp. 220]


in daz zaichen tritte Megenberg deutsche sphära 18; daz ander zaichen haizzt der ochs, dar ümb so den sunne in ez tritet, so ist ... ebda; das (wunder) soll sich aber anfahen, ... wenn die sonn in wider dritt Eppendorff Plinius (1543) 10, 138;

der frühling musz sich paaren,
wenn in dem winter schon die sonn in steinbock tritt
B. Neukirch in: herrn v. Hoffmannswaldau u. a. Deutschen auserl. ged. 6, 248;

es wird am Sankt Matthäustag
die sonne treten in die wag
A. v. Arnim (1853) 14, 68;

in vermenschlichtem bilde: was mich betrifft, so werde ich, wie sie wissen, immer in meinem zodiak herum genöthigt, und jedes zeichen, in das ich trete, giebt mir neue beschäftigung und stimmung Göthe IV 13, 87 W.
δ) von flieszendem gewässer:

bäche schmiegen
sich gesellig an. nun tritt er
in die ebne silberprangend
Göthe 2, 54 W.;

von da in die Normandie tretend, wird sie (die Seine) voller und voller Laube (1875) 4, 172; der flusz windet sich um scharfe felsvorsprünge, nimmt eine kurze strecke die doppelte breite ein und tritt dann in eine neue felspforte, bis das thal kurz vor Ogradina sich erweitert Moltke ges. schr. u. denkw. 1, 123.
ε) überhaupt von flüssigen dingen, wenn sie gewissen bewegungen unterliegen:

der safft tritt in den baum, an äpfeln, pfirschgen, nüssen
B. Neukirch in: herrn v. Hoffmannswaldau u. a. Deutschen auserl. ged. 1, 106;

die (die dichtkunst) eben ist das gifft, das, wie die missethat,
gleich mit der milch mir ins geblüte trat ders., gedichte (1744) 141;

wenn das tier beiszt, so tritt das gift ... in den zahn J. P. Hebel 2, 22 Behaghel; dem bürgermeister war das blut glühend in die stirn getreten A. v. Arnim (1853) 3, 205; die galle trat ihr in das blut O. Ludwig (1891) 2, 356; das wasser trat in den wagen Moltke ges. schr. u. denkw. 1, 135; insbesondere von tränen: hierbey traten mir die thränen in die augen Schnabel insel Felsenburg 6 Ullrich; die thränen traten, unverberglich, mir in die augen J. T. Hermes manch hermäon (1788) 1, 148; nie sehe ich einen mit flachs umwundenen spinnrocken, ohne dasz mir die thränen in die augen treten E. M. Arndt schriften für u. an s. l. Deutschen 2, 152; dabei wurde ich so gerührt, dasz mir das wasser in die augen trat Laube ges. schriften (1875) 8, 85.
ζ) optisch, seelische zustände und veränderungen malen sich in der menschlichen miene: die kinder Israel können solchs weder sehen noch erkenn, ja die todsangst und not tritt inen ins angesicht Luther 16, 183 W.; statt des ernstes ... trat augenblicklich der wehmuthvollste gram in ihre miene Ayrenhoff werke (1814) 2, 291; kein gedanke tritt in dis angesicht, der mir entwischte Schiller 3, 370 G.; er wurde vor ihren augen immer schöner, wie seele und liebe in sein gesicht trat Stifter sämtl. werke (1901) 1, 31; bald aber trat ein ausdruck der freude in das alte gesicht Storm (1899) 1, 78.
η) überhaupt von inneren veränderungen im menschen. mystisch: di (werke) inspringint in deme herzin und tredint furbaz in die gelide und werdin vollinbracht an der hant paradisus anime intellig. 108 Strauch; also tridit di gotliche craft furbaz fon dem lichamin und arme in di hant ebda; in neuerer sprache: der kummer trat ins blut Gellert 1, 141;

untrauen tritt ins herz
Göthe 3, 46 W.;

das schwarze treffen in der scheibe, das
kann auch ein andrer; der ist mir ein meister,
der seiner kunst gewisz ist überall,
dems herz nicht in die hand tritt
noch ins auge
Schiller 14, 359 G.;

liebes kind, nun ich dich nicht gleich wieder bekommen kann, fängt die sehnsucht auch an, mir in die seele zu treten Caroline briefe 1, 274 Waitz.

[Bd. 22, Sp. 221]



θ) optische erscheinungen oder veränderungen bzw. davon abgeleitete uneigentliche sind auch ausgedrückt in belegen wie: da, ganz nahe, wo einzelne felsen ins meer treten, ... da mündet die Bidassa ins meer Laube (1875) 4, 122; sie (die berggruppe) zeigte sich mir von einer neuen seite und manch neuer gipfel war in ihren rahmen getreten H. v. Barth nördl. Kalkalpen 346; bald tritt im nordwesten ... die Wetterwand wieder in sicht 525; uneigentlich: von diesem punkte aus betrachtet, tritt unser werk erst in sein rechtes licht Ranke (1867) 1, 351; indem ich dieses genauer bedachte, trat mein vorhaben in ein sehr ungünstiges licht G. Keller 3, 44; auch hier war endlich der bau einer schienenstrasze in aussicht getreten 3, 255.
fest geworden und häufig gebraucht ist heute die wendung in erscheinung treten, eine unschöne nominale umschreibung für ein inchoatives verb: jede grosze idee, sobald sie in die erscheinung tritt, wirkt tyrannisch Göthe 22, 241 ausg. l. h.; dasz er gewiszenhaft das wirklich geschehene so zu verstehen sucht, wie es thatsächlich in die erscheinung getreten war G. Freytag (1887) 14, 14; tritt aber das schöpferische im konkreten fall immer nur in menschlich und also individuell bedingte erscheinung H. Hefele das wesen d. dichtung (1923) 44. ähnlich in die sichtbarkeit, in den gesichtskreis treten: am zweiten (tage) aber begann der wiederaufbau durch die gesamtkraft der nation in die sichtbarkeit zu treten Immermann 18, 20 Boxberger; Constantinopel trat in den gesichtskreis Scherer lit.-gesch.7 88; und diese (einheit der naturkräfte) tritt in den gesichtskreis menschlicher weisheit Ritter erdkunde 1, 5.
ι) dem vorigen ähnlich, ganz blasz in die erinnerung, das gedächtnis, die phantasie, das bewusztsein treten: alles, was uns bewegsam beglückte, musik, tanz, ... mag uns wohl beim anblick dieses bildes in erinnerung treten Göthe 49, 327 W.; wie seinem erinnern ein überliefertes gute niemals versagte, so trat eine classische stelle alsbald ihm ins gedächtnisz 24, 299; ihre verwirrung ward dadurch erhöht, dasz ihr der letzte abend, den sie in Fontainbleau zugebracht, grell ins gedächtnisz trat Laube (1875) 3, 145; nicht eher tritt sie (die harmonisch zusammengefügte notwendigkeit des weltalls) gestaltet in die künstlerische phantasie Solger Erwin (1815) 2, 53; hier treffen wir nun auf die eigne schwierigkeit, die nicht immer klar ins bewusztsein tritt, dasz zwischen idee und erfahrung eine gewisse kluft befestigt erscheint Göthe II 11, 56 W.; halb unbewuszt war das gefühl gewesen, welches ihn mit Fränzchen verband; nun das Fränzchen nicht da war, trat es klar ins bewusztsein Raabe hungerpastor (1864) 1, 150.
κ) grammatische veränderungen: worauf aber doch die erzählung so gleich wieder in das imperfect tritt Adelung umständl. lehrgeb. 2, 380; nur dasz hier auch der infinitiv in das passiv tritt H. Paul prinzipien (1920) 293.
2) treten an.
a) eigentlich: damals trat nun der versucher an mich Stifter (1901) 3, 176; häufiger und fester sind verbindungen wie ans land treten: also dass die flotte daselbst wol einlauffen und sicher vor ancker liegen, daher auch die armée sehr bequemlich debarquiret werden und ans land treten konnte v. Chemnitz schwed. krieg 1, 55; ähnlich: dass ein meerknabe sey gesehen worden, welcher ans ufer getreten Prätorius anthropodem. pluton. (1666) 2, 59. an die seite treten, häufiger jedoch auf die, zur seite treten: ihr herren, sie treten ein wenig an die seite bei Creizenach schausp. engl. comöd. 154; gegen ende der arie wird Rosa still, tritt an die seite Göthe 2, 298 W. anders ist jemandem an die seite treten, bildlich, 'ihm helfen', 'ihn unterstützen':

mein vater, mutter und was hier
sonst ist von guten leuten,
das ist zu schwach und können mir
nicht treten an die seiten
P. Gerhardt bei
Fischer-Tümpel evang. kirchenl. 3, 363;

bin ich ja schwach, lass deine treu
mir an die seite treten 390.

[Bd. 22, Sp. 222]



b) an den tanz, an den reihen treten (vgl. oben II A 2 d und B 7): (vom tanzen in der gildestube) dat he in den dans trede (1354) Stieda-Mettig gilden in Riga 316;

das der lantzknecht sol thun ein schlacht,
dem feind unter die augen kommen
frölich mit pfeiffen und mit trommen,
sam tretten sie an einen tantz
H. Sachs 9, 248 lit. ver.;

in gefälliger ableitung tritt ... poesie, gesang und tanz an den reihen mit unendlicher anmuth Göthe 49, 67 W.;

wollen dir den brauttanz tanzen;
komm tritt mit uns an den reihn
Rückert (1867) 1, 209;

und er (der tod) bläst sein horn und alle
müssen an den tanz sie treten
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 313;

vgl. auch: (vom kranzsingen beim abendtanz)

mit lust trit ich an disen ring,
gott grsz mir alle burgerskind
Uhland volksl. 1, 9.


c) an die spitze treten, mit soldatischem ausgangspunct: das du an die spitzen trettest und zu felde ligst wider viele fürsten und gewaltigen Luther 34, 2, 388 W.;

als Leucus hingerichtet war,
Ulysses sich betrübet gar,
sein besten freund hett er verloren,
trat an die spitz, sach umb in zoren
Spreng Ilias 49b;

bildlich: das volk, an dessen spitze er (Moses) treten soll, ist dieses kühnen wagestücks (der selbsterlösung) eben so wenig fähig als würdig Schiller 9, 119 G.; was hätte ... erfolgen müssen, wenn ein utraquist an die spitze des reiches getreten wäre? Ranke (1867) 1, 40; verblaszt: dass das psychologische subjekt oder prädikat auch zum grammatischen gemacht wird, wobei entweder das erstere oder das letztere an die spitze tritt H. Paul prinzipien (1920) 288.
d) an jemandes statt, stelle treten: will sich ein mann vorander (heiraten), der do kindeskinder hat, nach absterben seines weibes, der sall sich von erst und vorhin theilen und entscheiden mit den kindeskindern, wan die selbigten kindeskinder an irer vater und mutter stat tretende sein (Arnstädter stadtr. d. 15. jh.) bei Michelsen rechtsdenkm. aus Thüringen 28; recentes milites gerugt, so an die stadt deren, so müd seind, tretten Alberus (1540) m 3a; diesen gezeug, welche das wasser ausz dem schacht ziehet, ... treibend zweyunddreyszig pferd umb, auff einmal treibends acht vier stunden lang umb, darnach ruwen dise zwölff stunden und so vill trätten widerumb an jhr statt Ph. Bech Agricolas bergwerckbuch verdeutscht (1621) 157; in seiner verzückung hat er nicht bemerkt, dasz Sandrina bei seite gegangen und der podesta an ihre stelle getreten ist O. Jahn Mozart 1, 378; bildlich: nein, auch in jenen fehlt es uns nicht an männern, die alsdenn an die stelle der groszen ausländer ... treten müszten Lessing 8, 14 L.-M.; ein Germane trat ... an die stelle der cäsaren Ranke (1867) 1, 6; nachdem Arnim sich 1873 in Berlin überzeugt hatte, dasz seine aussichten, an meine stelle zu treten, noch nicht so reif waren Bismarck ged. u. erinn. 2, 190; ist über das vermögen eines gesellschafters der konkurs eröffnet, so tritt der konkursverwalter an die stelle des gesellschafters handelsgesetzbuch § 146, abs. 3; seit dem 18. jh. reichlich in uneigentlicher, unpersönlicher anwendung: dienstbarkeit und furcht ... traten an die stelle der freyheit, tapferkeit M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen 3, 216; unter diesen umständen trat auch sogleich die mythenbildung an die stelle der geschichte Ruge briefw. u. tagebuchbl. 2, 36 Nerrlich; an die stelle der schönheit trat die künstlichkeit W. Schlegel pros. jugendschr. 1, 9 Minor; jetzt hat die freude ein ende und angst tritt an die stelle Jung-Stilling 3, 214 Grollmann; ersetzen wir den schwefel im zinnober durch sauerstoff, so tritt ein sauerstoffatom an die stelle des schwefelatoms Liebig chem. briefe 61.
e) an den sturm treten: und als der kaiser an den sturm will treten mit den seinen, so vallen die mäur der stat

[Bd. 22, Sp. 223]


nider U. Füetrer bayer. chron. 114 Spiller; Otho belagert Mentz, warff die mauren nider, liesz offt an sturm trätten Stumpf Schweizerchron. (1606) 74a. vgl. auch zum sturm treten unten 9 c.
an das reich, die regierung, ein amt treten:

grâf Ruodolf an daz rîche trat
Ottokar v. Steiermark reimchron. 12750;

als sie an die regierung traten Micrälius altes Pommerland (1640) 3, 308; trat mit freuden an sein neues ampt Wickram 2, 285 Bolte. auch treten in (C II 1 n und o), von (7 c), zu (9 c) dem reich u. s. w.
an die arbeit, ans geschäft treten: seiffner sollen täglich früh mit der sonnen auffgang an ihre arbeit treten Chr. Herttwig bergbuch (1734) 361a; du trittst mit vieler kühnheit ans geschäft Göthe 10, 303 W.
f) mit verschiedenen abstracten objecten, wie oben II C 1 t:

Agly und ir brder
triben solher tumpheit vil,
der ich nu geswigen wil
und an den rehten ernst treten
Johann v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 1619 Regel;

an rehten gelouben
was er noch niht getreten veterbuch 7939 Reissenberger;

du salt an die vaste treten 16311;

uffe die selige statt,
dar crist an daz cruce trat
H. v. Hesler apokalypse 18962 Helm;

disz gebot er uns geben hat,
eh denn er an sein marter tratt
Hans Sachs 15, 422 Götze;

dornoch alszo marggraven Heynrichs sone etzwas gross worden, ..., unde her ouch an das aldir trad, do ... J. Rothe düring. chron. 424 Liliencron; an die busze treten: (vom eintritt in die geiszlerbruderschaft) n was dis ire regel, wer in die bruderschaft wolte und an die bsse tretten, der mste 33 dage dinne sin und bliben Fritsche Closener in städtechron. 8, 106 (Straszburg), vgl. auch in die, zur busze treten.
g) an das licht, an den tag treten in mehrfacher hinsicht; vgl. auch DWB zu tage treten unten 9 d.
'entstehen', von menschen 'geboren werden': zu derer weiteren erbauung wir diese itzt an das licht trähtende deutschgesinnete genossenschaft ... gestiftet Ph. Zesen helikon. rosenthal (1669) 44; allein es ist nunmehr offenbar, dasz Otto Magnus acht tage vor seines groszvaters Ottonis Illustris abschied aus dieser welt, an das licht getreten S. Fr. Hahn teutsch. staats-, reichs- u. kayserhist. 2, 44; gerade in der glänzendsten zeit von Dänemark ... trat auf einer der dänischen inseln der gefeierte geschichtsschreiber seines vaterlandes ans licht Dahlmann gesch. v. Dänemark 1, 9.
von büchern und überhaupt gedruckten erzeugnissen; heute dafür 'erscheinen', 'herauskommen'; schon im 16. jh. mit vertauschtem subject: vil ... personen ... mich embsig vermanet, fortzufaren und mit mehren hunderten (von anekdoten, s. d. buchtitel) ans liecht zu tretten J. Nas d. antipap. eins und hundert 2, vorr. 3a; wir (die tadlerinnen) unterwerffen uns keiner männlichen aufsicht in verfertigung der blätter, ... sondern sind entschlossen, dieselbigen ... ans licht treten zu lassen d. vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 2; von der beredsamkeit aber erinnern wir uns aber gar nicht, jemals eine sammlung von dahingehörigen stücken gesehen zu haben, welche in solcher gestalt ans licht getreten wäre Schwabe belustigungen 1, 4; der Amsterdammer nachdruck, den ich davon vor mir habe, ist 1696 ans licht getreten Lessing 8, 159 L.-M.; als nun das kleine gespräch ans licht treten wollte, erzeigte die damalige französische censur in Berlin ihm ganz unerwartet die ehre, das imprimatur zu verweigern Fouqué gefühle, bilder (1819) 1, 34; und ich hätte grosze lust, einen supplementband ... an den tag treten zu lassen Göthe IV 30, 159 W.

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dann allgemein 'sichtbar werden', sinnlich: siehst du, wie rein und kalt er (der bach) unter der rasendecke hervor an das licht tritt Solger Erwin 1, 2; bäche von schmelzwasser schossen ... dahin, um nach kurzem laufe in dunkle löcher sich wieder zu verlieren, an anderen stellen eben so plötzlich ... wieder ans tageslicht zu treten Barth nördl. Kalkalpen 250; uneigentlich: da tritt sodann das gute und böse gleich ans licht Herder 17, 12 S.; als im jahre 1839 die kunde laut ward, Mozarts vollständige originalpartitur sei aufgefunden, glaubte Weber ... die tatsächliche bestätigung seiner aussichten an den tag treten zu sehen O. Jahn Mozart 4, 784.
h) etwas tritt ans herz, 'macht eindruck', 'beschwert', 'bedrückt' u. ä., seit dem 17. jh.: es mir an das herze tritt, ihn in den armen meiner schwester zu wissen A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 3, 218; es wird mir über dem schreiben immer schlimmer. itzt tritt mirs recht ans herz Gellert (1784) 4, 209;

es trat uns allen
eiskalt bis an das herz hinan, aufhorchten
die rosse und es sträubt' sich ihre mähne
Schiller 15, 1, 79 G.;

indessen ists immer gut, dergleichen gedanken ins publicum zu bringen; sie können jemand ans herz treten, wenn man es am wenigsten denket Herder 23, 477 S.
i) ganz blasz ist ein gebrauch, der visuelle eindrücke widergibt (s. oben II C 1 u θ):

hoch was er (der baum), dazu vil breit,
also daz sin wibpel trat
oben an des himels grat Daniel 3579 Hübner;

da die wilde see bisz an die wolcken trat
Opitz teutsche poemata 175 ndr.;

weiter nach osten ... tritt schon dasjenige sandsteinflötz an das meer, welches in der nähe der Capstadt ... vorkommt Ritter erdkunde 1, 115; fast ganz ohne vorland sieht man den noch nicht sehr hohen deich hart an den strom treten H. Allmers marschenbuch 389; bald unterhalb Moldava treten plötzlich bedeutend hohe berge mit zerklüfteten felswänden hart an den flusz Moltke ges. schr. u. denkw. 1, 118.
3) treten auf.
a) unde trat ûf einen hôhen predigestul und saite dem volke bei Pfeiffer mystiker 1, 104; wer ein liecht sein sol, der ... krieche nicht in winckel, sondern trete frey auff den platz Luther 32, 351 W.; ich meine, wenn ich sol starck und fest sein, ich muste auff ein guten grund tretten und ein harnisch anziehen 151; als sie einmal ... nach Wittenberg gefahren und ausz dem schiff auffs land getretten waren theatr. diabol. (1569) 29a;

ja, wer ist auch manlich alda
auff das rathhausz getretten zwar
W. Spangenberg bei
Dähnhardt griech. dramen 2, 48;

als plötzlich einmal mein vater auf mein zimmer tritt Cramer Neseggab 1, 30; wir gedachten niemals als feinde auf deutschen boden zu treten briefe von u. an Herwegh (1896) 155.
häufig auf die strasze, den weg, den pfad u. s. w.: ich trette schon auff meine straszen Chr. Weise grünend. jugend 152 ndr.; auf den weg treten ingredi, insistere viam Dentzler 290a; im bild: sie werden grosze freyheit des hertzens erlangen, die umb deines namens willen auff den engen weg getreten Joh. Arnd Thomas a Kempis' nachf. Christi (1631) 80;

dâ ich trit ûf lasters pfat
Wolfram v. Eschenbach Parzival 693, 18;

tretet uf der buze stec! Daniel 2913 Hübner;

up den wech der gerechtigkeit tho treden B. Rotmann restitution 43 ndr.;

selig zu preisen ist der mann,
der sich enthelt von den gotlosen
und wandelt nicht im rat der bösen,
trit auch nicht auff der sünder ban (nach d. 1. ps.) bei
Kehrein d. ältest. kathol. gesangb. 3, 113.

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auf die bühne, aufs theater u. s. w. treten: auf die schaubühne tretten comparir su'l teatro Kramer 2 (1702) 1133a; die von mir öffters begehrte Catharine tritt nunmehr auf den schauplatz Gryphius trauersp. 143 Palm; indem sie nach dem hintergrund abgehen, tritt Wilhelm Tell mit Baumgarten vorn auf die scene Schiller 14, 287 G.; ein bestimmtes gefühl des schicklichen bei einer groszen gabe der nachahmung muszte man an ihm, wie er aufs theater trat, ..., bewundern Göthe 22, 84 W.; oft bildlich, 'die schauspielerlaufbahn ergreifen': ich war damals froh, dasz ich noch nicht genug italiänisch konnte, denn ich besorgte, ich würde auch auf die bühne tretten müssen Petrasch lustsp. (1765) 2, 357; anders: in diesen umständen trat Klodwig auf das theater, worauf zeither so viele deutsche helden einer nach dem andern erschienen sind M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen 1, 201; vielleicht reizt auch wohl einmal (zur erwiderung auf kritik) die erzgeneralfelddummheit, — denn die tritt ganz gewisz mit auf die bühne Bürger 184 Bohtz.
b) auf die seite treten (vgl. auch an die seite oben II C 2 a).
α) als ein hinwegtreten:

ir selen, tretet uff die anderen seiten,
dan das schifflein neiget sich hie her
Hutten 4, 8 Böcking;

ich trat daher mit meinem manne auf die seite Gellert 4, 249; erlauben sie, dasz ich ein wenig auf die seite trette und dieses schreiben erbreche Petrasch lustsp. (1765) 1, 5; optisch: des Kranalkogls, der nun völlig auf meine linke seite getreten ist H. v. Barth nördl. Kalkalpen 60.
β) ein hinzutreten bedeutet auf jemandes seite treten, uneigentlich 'seine partei ergreifen' seit dem 18. jh., früher auf jem. partei treten (s. u.): ja diese schmeicheln sich, dasz du auf ihre seite getreten, seit Milton der gegenstand deiner bewunderung geworden Schwabe belustigungen 1, 57; so wird sichs zeigen, was von euch auf unsere seite treten wird Heilmann gesch. d. peloponn. krieges (1760) 50; (der groszherzog) trat auf die seite der majorität Göthe IV 39, 180 W.; zum zeugnis gegen mein eigen zweifelnd herz, das manchmal auf die seite des ungläubigen pöbels treten will und den gott läugnen, der in den menschen ist Hölderlin 3, 361 Hellingrath; der patriarch Bertold von Aquileja trat öffentlich auf des kaisers seite Raumer gesch. d. Hohenstaufen 4, 44.
in älterer sprache auf jem. partei treten, vgl. auch zu jem. partei treten unten 9 c: ich in nit zwing, auf mein parthey zu tretten städtechron. (Nürnberg) 3, 42; Nero ... ihren alda bestellten anhang überreden wolte, auf ihre partei zu tretten A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 3, 605.
c) auf die brunst treten, vom hirschen, s. in die (II C 1 q) und aus der brunst (4 e) treten: wann der hirsch auf oder in die brunst tritt quando il cervo entra in brama Kramer 2 (1702) 1133a; wie der hirsch auff die brunst trit, so gehet er wider davon Petri d. Teutschen weisheit (1604) Lll 5a; der hirsch ... tritt auf die brunft Döbel jägerpractica 1, 18.
d) auf etwas treten es in angriff nehmen, weiter betreiben u. ä.: nun dasz ich auff mein angefangene vorred tret, zu beschreiben die geschichte Paracelsus opera 2, 657 Huser; will ich ... als denn widerumb auff die fürgenommene histori trätten Stumpf Schweizerchron. 197a; soviel, lieben freunde, und jetzt lassen sie uns auf einen anderen punkt treten Cl. Harms pastoraltheologie (1834) 1, 138.
e) mit verschiedenen abstractis: so tretten wir nu auch widerumb auff unser nein Luther; Heinricus Glareanus in Cesarem und Oswaldus Myconius tretten auff die meinung Julij Cesaris und teilen Helvetiam in vier göw Stumpf Schweizerchron. 345b, auch in die meinung, s. II C 1 t. auf seine tage treten alt werden: und ob er wol zimlich auff seine tage getretten, wie ich vermerke, auch das redlich eine raume zeit getrieben hat C. Ulenberger

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antwort auff Joannis Badii warnung (1592) c 1b. da schüret der teufel zu, das man auffs leugnen tritt und schweret stein und bein Gr. Strigenitz Jonas (1595) 167b; da sie auff der schrifft dunckel tratten und nicht der schrift folgen wolten, da waren sie schon auff dem neben- und irrwege Nigrinus anticalvinismus (1595) 151. auf ein gedinge treten 'in ein gedinge, einen dienstvertrag eintreten', vgl. auch II C 1 k: dasz die schäfer auf vorgesetztes gedinge zu treten schuldig, oder, im fall sie es nicht tun und in dienst nicht gehen wollten (1652, schles.) in zs. f. d. phil. 20, 491; ähnlich: nicht darauf treten noch sich vermieten wollten ebda. unpersönlich construiert, wie II C 2 h: es trit mir aufs herz Schottel 1116a.
f) übertragungen, vgl. oben II C 1 u: der angstschweiss trat ihm auf die stirn Laube (1875) 3, 149; ein purpurroth war auf Monikas wangen getreten Gutzkow zauberer v. Rom (1858) 4, 42; ein scherzhaftes wort schien ihm eben auf die lippe zu treten Fontane ges. werke I 1, 104; ein trauriges lächeln tritt auf die lippen Ludwigs Ebner-Eschenbach (1893) 4, 72; das herz trat, wie man sagt, dem kandidaten auf die zunge Raabe hungerpastor (1864) 1, 149. von der bewegung von fischen s. d. beleg aus Eppendorff unten 4 g.
4) treten aus.
a) das was er hert in den sattel gefroren, dermaszen, das er und der sattel nit konten von einander kommen noch er ausz den stegreiffen tretten Frey gartenges. 135 Bolte; e navi desilire ausz dem schiffe treten nomencl. lat.-germ. (1634) 564, vgl. auch in das schiff, zu schiff treten;

in erhabner pracht
schimmernd tritt er (der genius) aus der nacht,
wie der erdensöhne keiner
Schiller 4, 6 G.;

es währte nicht lange, so trat ein bauer aus der menge Göthe 21, 148 W.
b) fester geworden ist aus dem wege, aus den augen treten, heute eher gehen, vgl. auch unter, vor die augen u. s. w. treten (II C 6 c, 8 c): es ist ein gewaltiger text, er leidet keine glossen, es lest sich alhier nicht deuten noch aus dem wege tretten Luther 33, 210 W.; dasz ... einer heftigeren liebe die mäszigere aus dem wege treten müsse Lohenstein Arminius (1689) 2, 23b; um den bellenden hunden aus dem wege zu treten Göthe 37, 245 W.; pfui! trit mir aus den augen, denn ich erzürne mich zu tode, wo ich mich recht erbittere Gryphius horribilicr. 21 ndr.; vereinzelt im gleichen sinn gebraucht aus den füszen treten: o mein sohn, vielmehr denk ich immer, musz es uns wohl ums herz machen, wenn wir fein ordentlich unsere strasze gegangen, andern, so viel wir gekonnt, aus den füszen getreten sind und von der erde nur das unentberliche, so im vorbeygang gekostet haben U. Bräker (1789) 2, 188.
c) verschiedene wendungen meinen ein übertreten, überschreiten von pflichten oder gesetzten grenzen, vgl. unter 5 a und 10 f. aus der bahn, den schranken, dem geleise treten: wenn (der prediger) aber wolt aus der bahn tretten und einen andern weg gehen Luther 32, 529 W.; diejenigen, die sich also unterstehen, aus ihren schranken zu treten, werden offters an leib und leben oder doch sonst auf das allerschärfeste und härteste bestrafft Fleming vollk. soldat (1726) 215; um so viel mehr war er zu fürchten, sobald er um ein haar aus seinem gelaise trat Lenz vertheidigung des herrn Wieland (1776) 9;

was soll das glück denn mit ihm machen,
der immer aus dem gleise tritt
Kretschmann (1784) 5, 332.

mit sehr verblasztem bild schon mhd.:

ouch habent ire sinne
getreten uz den wegen,
sie gen nu an den stegen
vol aller unstetikeit Daniel 3053 Hübner.


erotisch, von frauen aus dem gestell, der schnur treten: zu Straubing im Baierland gab ein bader eim jungen gesellen sein thochter zu der ehe; die wolt nicht schneiden

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(geraten), sie tratte täglichs mit dem hindern ausz dem gestell Frey gartenges. 40 Bolte; etwan dein weib ausz der schnur trit und hanget einem andern an Guarinonius greuel d. verwüstung (1610) 399.
d) aus einem stand, orden, beruf, dienst treten, vgl. auch II C 1 m, n, p: aus dem ehestand getretten Luther 34, 1, 68 W.; das heist denn aus dem magdstand getreten und aus den circel gangen 34, 2, 106; ob ettliche (klosterleute) ... werden ausz dem orden trätten Eberlin v. Günzburg 1, 102 ndr.;

her adler, wolt ir die staren morden
und doch nie getreten haben ausz irm orden?
R. v. Liliencron volksl. 109;

niemand solle aus seinem ihm zustehenden beruf treten Reinicke fuchs (1650) 350; wie habt ihr euch denn mögen resolvieren, aus einer so verständigen frauen dienste zu tretten Stranitzky ollapatrida 16 Wiener ndr.; der beste theil seiner (des feldherren) offiziere trat solgeich aus dem kaiserlichen dienst Schiller 8, 143 G.
e) aus der brunst treten, vgl. in II C 1 q, auf 3 c: wenn der hyrtz usz der brunst dritt Eppendorff Plinius (1543) 66; wie denn ein alter guter hirsch schon um Laurentii den kopf schüttelt oder den wirbel in den kopf bekommt und sein wildpret anfängt zu suchen; er trit auch bei gehabter guter mast nicht so bald aus der brunst Heppe wohlredender jäger (1763) 291.
f) mit verschiedensten abstractis (s. II C 1 t, 2 f, 3 e):

so wil ich treten gar beneben
uz minem gelouben, den ich han passional 88 Köpke;

sonst hiet got (dem menschen) freyhait gegeben, aus seiner ewigen ordnung zetreten Berthold v. Chiemsee teutsche theologey 255 Reithmeyer; der hertzog aber sucht hie mit erdichte ursachen usz der richtung (= vertrag, vergleich) ze tretten und brüchig ze werden Tschudi chron. helvet. 1, 425; anfang, mittel und ende aller yrthumb ist, das man aus den einfeltigen worten gottes trit Luther 26, 608 W.; aus dem gelubd der keuscheytt tretten 10, 1, 1, 702;

die durch den krieg getreten aus gottes eyd und pflicht
Logau sinnged. 218 Eitner;

wie die arme Briseis tahte,
da sie ausz der freyheit trate
Stieler geharnschte Venus 111 ndr.;

unpersönlich: sind die atmosphärischen erscheinungen aus aller regel getreten Göthe an Zelter 5, 365 Riemer. vgl. insbesondere mystische wendungen wie: und sol elend annemen et in solo Christo fidere, quem non videt, das heist aus allen seinem tretten und springen in Christum Luther 27, 122 W.; denn es gehet in keines menschen hertz, das man so gar aus ihm selbs trete und alles lasse nichts sein, was jemand weis oder vermag, und blos und nacket in Christus gerechtigkeit, heiligkeit, weisheit ... krieche 28, 185 W.; anders, profan, 'activ aus sich heraus wirken': da aber alle kräfte sich äuszern und aus sich treten und widerstehn, wo ihnen andre oder das ganze universum entgegenstrebet Herder 22, 53 S.
g) sinnlich übertragener gebrauch, vgl. auch II C 1 u, 3 f, 5 b u. s. w.: verwundern sich über irem fisch ... der ... auff das land schlaffens halben usz dem mör dritt Eppendorff Plinius (1543) 113; so musz er (der fischer) auch ihre leichzeiten eigentlich wissen, dann da sind sie am besten zu fangen, da tretten sie aus dem tieffen heraus fischbüchlein 138; er (der krebs) tritt auch aus dem fluszwasser nach dem ufer 94;

eins tages dieser wasserflusz
von schnee und regen sich ergusz,
wuchs grosz und ausz seim ufer trat
H. Sachs 9, 200 lit. ver.;

strömen gleich, die aus ihren ufern treten E. M. Arndt schr. für u. an s. l. Deutschen 1, 447;

(Bacchus) nahm ein rebenblatt,
das wasser weg zuethun, das ihr mit hauffen trat
ausz ihrer augen bach
Opitz teutsche poemata 211 ndr.;

[Bd. 22, Sp. 228]



denn läst sie gar zu viel
die augen ausz den falten tretten
und sicht den himmel an,
so heysts, sie meynt den courtisan
Chr. Weise grünend. jugend 130 ndr.;

nur frau Dörrs augen traten immer mehr aus dem kopfe Fontane I 5, 176; aus diesen (samen) treten zuerst lange, dünne wurzeln Ratzeburg standortgewächse (1859) 18.
5) treten über.
a) einige redensarten, vornehmlich der älteren sprache angehörig, bedeuten etwa 'das rechte masz überschreiten', 'des guten zuviel tun' von frauen 'sich erotisch verfehlen' u. ä., vgl. auch II C 4 c und 10 f.
über das ziel treten: und was doch ir (der als reich angesehenen Megulia) zu gelt nit mer, wan etlich tusend kupferpfennig. o gute ainfeltikeit, o lobliche armut ...! wann wir haben úberal so vil über das recht zil getretten, daz nun me weder ledergerb, schuchmacher, zimmermann, schnyder, kfmann oder ritter gefunden würt, der ain wyb haim welle füren mit solcher gab, als diser Megulie gegeben ist, die so hoch begobet genenet ward Stainhöwel Boccaccio 199 Keller;

(der wolf bekennt)
ich hab auch dürffen leut angehn,
das mir der hunger möcht vergehn,
was sol ich aber sagen viel?
ich hab getretten ubers ziel
und hab des dings zuviel gemacht
Alberus fabeln 51 ndr.;

du bist getreten ubers zil
und hast der speisz gfreszen zuviel,
drumb spey sie halb von dir 163;

lust hat sein zil.
wer drüber tritt
nur einen schrit,
wirt unlust drausz
Forster frische teutsche liedlein 67 ndr.;

er (der liebste) soll nicht lachen viel,
auch nicht stets saur sehn, sonst tritt er ubers ziel
G. Voigtländer oden u. lieder (1642) 74;

concreter: circumscribere luxuriam utilitate die unmäszigkeit demmen, ... damit sy nit über das zil der guten hauszhaltung trätte Frisius (1556) 226a, über das ziel treten in erotischer hinsicht s. den nächsten absatz. in neuerer sprache über die grenzen, schranken: wenn nur die menschen nicht so leicht und so gerne über die grenzen träten, die für alles gezogen sind S. v. Laroche fräul. v. Sternheim (1771) 1, 192; ich trete über die schranken, die mir angewiesen sind Pestalozzi 9, 479 Seyffarth.
über das böglein (den bogen) treten: ultra septa transilire uber das böglin tretten Tappius adag. cent. sept. (1545) t 6a; er hat uber die schnur gehawen, er hat uber das boglin tretten Eyering proverb. copia 2, 294; die vil z thn haben, stehend winter und sommer frü auf und wann einer schon auch übers böglin tritt, kann einer etwann umb mittag mit einem schläflin dasselbige wider herein bringen Petrarca, zwei trostbücher von artznei (1559) 19a; oft mit erotischem sinn, von verfehlungen der frauen und mädchen: Salamon spricht: nicht schyhmphe mit den frauen, die vor über das czile oder pöglein getreten hat Arigo blumen der tugend in zs. f. d. phil. 28, 469; darumb, das ein eefraw oder ein junkfraw uber das böglin trit, darumb soltu nit alle frauwen hren schelten Keisersberg emeis (1516) 19a; dasz sie (das eheweib) nit dieweil übers pögle tret Bebel geschwenck (1558) e 4; und wo sy (die tochter) denn zum mann kumpt, das sy nit übers bögle träte Zürcher bibel (1530) 648b (Ecclesiast. 42, 10); sonderlich, wo du etwa ein wenig strauchlest und über das pöglin tritest Huberinus spiegel der hauszucht (1553) 128b; haben wir etwan übers böglin getreten, so sollen wir auch als frome kinder gern uberbücken und uns züchtigen lassen Artomedes erklerung d. catechismi (1605) 337;

tritt sie (die frau) ihm (ihrem manne) einsmals ubern bogen,
so hat er sie darzu bewogen
J. Ayrer fastnachtspiele (1610) 70b.


über die schnur treten: dann wann fürneme leut ... (in der aufstellung theologischer unrichtigkeiten) uber die

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schnur treten, müsse man umb ihren willen die irrthumben nicht verthedigen oder untaxiert bleiben lassen S. Huber grundtliche antwort (1592) 149; wie oben erotisch, von frauen: sie (die frau) darff alles thun, was sie wil, allein das sie nicht uber die schnur trette und einem andern anhange Luther 24, 324 W.; certe quilibet sihet auff sein weib, so er anders nicht ein schelm ist. aber man achtet nicht so seer, wenn andere uber die schnur tretten 30, 37; ähnlich 34, 2, 53. vgl. DWB aus der schnur treten oben 4 c.
b) auf andere bewegungen übertragen, vgl. II C 1 u:

ströme tretten über ufer, schwellen sich und laufen aus
S. v. Birken ostländ. lorbeerhäyn (1657) 307;

nach jedem starken gewitterregen trat das durch die teiche gestaute wasser über die ufer Moltke ges. schr. u. denkw. 1, 244; die Oder ist wieder über alle grenzen getreten 4, 14; der mond, der eben über die wipfel trat Eichendorf (1864) 3, 120; nun trat er (der mondstrahl) über ein kleines bild Storm (1899) 1, 4; ganz blasz: noch ists zeit. noch trat das gift nicht über diese lippen Schiller 5, 2, 375 G.; das gebet kann ohne mühe über die lippen treten J. Grimm kl. schriften 2, 462.
6) treten unter.
a) eigentlich: weise leut ... tretten unders dach, wenn es spiesz und kugeln will regnen Lehman floril. polit. 1, 359; jetzt tritt er unter die thüre maler Müller (1811) 1, 65;

ich möchte aus meinem herzen hinaus
unter den groszen himmel treten
Rilke (1927) 2, 49.

unter = lat. inter: anders wird sich dieselbe gesellschaft betragen, wenn ein vornehmerer unter sie tritt Göthe 45, 174 W.; die hoffnung, ... als ein geist erster grösze unter die menschen zu treten Klinger (1809) 3, 7.
b) unter die waffen, unter gewehr treten:

lasz meine garden unter
die waffen treten
Schiller 5, 438 G.;

laszt dann die regimenter unter die waffen treten Chamisso (1836) 5, 177; letztere (die infanterie) aber trat augenblicklich in guter ordnung unter gewehr Moltke ges. schr. u. denkw. 3, 25.
c) unter (jünger unter die) augen treten, vgl. DWB aus den augen treten II C 4 b, vor augen u. s. w. treten 8 c: (du gott richtest gerecht) denn es kan dir weder könige noch tyrannen unter augen tretten (erg.: um zu bitten) für die, so du straffest weish. Salom. 12, 14; (der gesell) von leder zuckt, dem vollen esel under augen drat, mit rauhen worten in ansprach und sagt Montanus schwankbücher 281 Bolte; schämt ihr euch nicht, dasz ihr uns mit solcher unwahrheit unter augen trettet Schoch studentenleben (1657) l 2b; darff ich euch unter augen treten Gryphius lustsp. 113 Palm; aber so ... darfst du Ännchen nie, nie mehr unter augen treten U. Bräker (1789) 1, 66; ich fühle übelkeiten, sobald mir der mensch unter die augen tritt Lenz 3, 304 Tieck;

seitwärts lauschet' indesz die jüngere Thecla, sich schämend,
unter die augen zu treten in ihrem bäurischen anzug
solchem staatlichen herrn
Kosegarten dichtungen 1, 197;

bildlich: freu du dich, dasz du eine sprache hast, die der griechischen nicht nur frey unter die augen treten, sondern die ihr auch wol diese und jene frage thun darf Klopstock gelehrtenrepublik (1774) 137; ich trete nunmehro meinen lesern (mit einer fortsetzung) aufs neue unter die augen Scheibe d. crit. musicus (1745) 257; 'geistig vor augen treten': sie können denken, wie oft mir unter diesen arbeiten der Heidelberger platz und schlosz unter die augen tritt Göthe IV 29, 296 W.
auch unter das gesicht treten: habt ihr ihm gestern zur bravade einen brieff schreiben können, so trettet ihm auch heute unter das gesichte Chr. Weise erznarren 102 ndr.; Alatheus und Saphrax ... getrauten sich ... nicht, den Hunnen unter das gesicht zu treten M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen 1, 130.

[Bd. 22, Sp. 230]



d) unter die oberhoheit, unter einen maszstab, einen zwang treten: die vereinigten provinzen ... hatten endlich den entschlusz gefaszt, unter die oberhoheit Frankreichs zu treten Schiller 9, 49 G.; ihm (dem Griechen) ist die vernunft niemals blosz vernunft, darum darf er auch nicht zittern, unter ihren maszstab zu tretten 10, 69; gut war der erste der menschen, schwach und verdorben der, welcher unter den zwang der gesellschaftlichen anstalten trat J. v. Müller (1810) 1, 24.
e) terminologisch in gewerken: welches ... besser nicht geschehen künd, dann auff das schmeltzen der Goslarischen art, in der das bley unter das leichte gestüb tritt Ercker mineral. ertzt (1580) 30a; deumling sind kleine höltzer an dem stempffeln, worunter die hebarmen tretten und die stempffel uffheben G. Junghans auszgekl. kräublein ertz b 3a.
7) treten von.
a) vom pferde treten, heute steigen, 'absitzen':

Isoten sie an lachten
und mit ir schine machten,
daz sie von dem pferde trat
Heinrich v. Freiberg Tristan 3771 Bechstein;

alsz trat er bald von dem rosz und wolt under das behemisch volk geloffen sin Richental chron. d. Constanz. conzils 77 lit. ver.;

ich trat von meinem pfärd
Hätzlerin liederbuch 47.


b) von der bahn, dem steg treten, bildlich: Cain und seine nachkommen (sind) ... von der rechten bahn getretten Dedekind papista conversus (1596) vorr. 2b;

weiche von dem sündenwege,
trit vom breiten lasterstege
Neumark musik.-poet. lustw. (1657) 1, 88.


c) verinnerlicht, von jemandem (von etwas) treten davon lassen:

sit du von den touben
abgöten bist getreten
Konrad v. Würzburg Sylvester 2515 W. Grimm;

allen fleisz anwenden, von den nachteulen zu den einfeltigen dauben und kindern desz liechts zu tretten Fischart 2, 21 Hauffen; geradezu 'abfallen': dargegen sy aller menschen roub machen, so sy von im (gott) trätind Zwingli deutsche schriften (1828) 1, 274;

gott tritt von dem nicht ab, der nie von ihm getreten
Weichmann poesie d. Niedersachsen 1, 28;

vgl. auch: also wurdend si (die Zürcher) durch etlich überredt, ... dasz si vom rich tratend Tschudi chron. helv. 2, 346.
von concreten dingen: cessionem bonorum quasi naufragii tabulam apprehendere von seinem gut trätten und faren lassen, darmit sein läben zu erretten Frisius (1556) 1285b; blasser: vom krieg, von einer pfarre, einem amt: der kung schraib allen steten briff und mant si ir ayd, di si im gesworen heten, und ir briff, di si im geben heten, und daz si in dem puntnus ausgenumen heten, dem römischen reich alle sein recht zu halten, das si von dem (kriege) treten und ab lieszen und den lantfrid swuren städtechron. (Nürnberg) 1, 47; dem D. Carlstad, als er letzt zu Wittemberg war, gab er sich williglich dreyn von der pfarre zu tretten, weyl er sahe, das nicht anders seyn wolte Luther 18, 99 W.; ja er (der bergamtmann) spricht recht, ordnet oberkeit und heiszet sie auch von ihrem ampt tretten Ph. Bech Agricolas bergwerckbuch verdeutscht (1621) 70. vom amt treten auch 'seine amtspflichten, befugnisse überschreiten bzw. vernachlässigen': decedere officio vel de officio sein ampt übersehen und underlassen, von seinem ampt trätten, etwas thun, das sich weder gebürt noch zimpt Frisius (1556) 365b.
mit verschiedenen abstractis schon mhd.:

hir muz ich von der rede treten (aufhören zu reden)
H. v. Hesler apokal. 15434 Helm;

wente wo vakene ik to unvrede werde unde worde besweret, so vynde ik, dat ik hebbe ghetreden van

[Bd. 22, Sp. 231]


dusser lere ('rat, anweisung') 'imitatio Christi' mittelniederdeutsch 27 Hagen; drumb wer meyn bitt, das beyde, Bemen und Romer, von yhren harten synnen tretten Luther 6, 81 W.; so kan und wil die wellt nicht von ihrer blindheit und vermessenheit treten 28, 160; dazu auch alle christliche lerer verbieten, man solle nymer mehr von gemeiner ... deutunge eins worts tretten und newe deutunge annemen 26, 279. insbesondere von einem glauben treten:

ich han aber stätz für dich gebetten,
das du vom glouben nit tättist treten
Mone schausp. d. mittelalters 2, 259;

darauf ettlich vermaint ewangelisch leüt von irer ellter warem glaub treten und sich von gemainer kirch läszterlich absundern Berthold v. Chiemsee theologey 65 Reithmeyer; nun ist der mehrer teyl der romischen gemein und etlich bepst selbst mutwillig, on streit, vom glauben getreten und leben in gewalt des teuffels Luther 6, 315 W.;

etlich vom glauben werden tretten
und anhangen des teuffels reten
H. Sachs 6, 373 lit. ver.;

sintemal der Scalichius vom glauben getretten J. Nas antipap. ein u. hundert 2, 153a.
d) bei Luther von sich treten, geistlich: difficillimum, das einer von sich selber trette und erwege, quod aliena justitia salvetur 34, 1, 376; vgl.: hoc est, hominem a se ipso tretten und heng sich an Christum 27, 228, in der Kopenhagener hs.: wenn ein minsche van sick sulwen trit und gifft sick gentzliken tho Christum ebda. vgl. auch II C 4 f aus sich treten.
8) treten vor (für).
a)

Maria: nimmant triddet vor die thore,
der disse noit wolle anden Alsfelder passionsspiel 6047;

und wenn ich für den beichtstuel trat,
geringe reu im hertzen hat
Ringwaldt christl. warnung (1588) h 5a;

bey demjenigen, für dessen richterstuhl in nun bald zu treten gedenke A. G. Meiszner skizzen (1778) 1, 80; sprichwörtlich: trett vor den spiegel und besiehe dich selbst Lehman florileg. polit. 1, 209. bildlich vor den risz treten: (nach des königs tode sind die) dem reiche vorgestellete vormundsregenten ... vor den ris getreten und hiesigem reiche dergestalt vorgestanden Chemnitz schwed. krieg 2, vorr. 5;

und wie du manchesmal schon für den risz getreten
und selbst des himmels zorn entwaffnet durch dein beten,
so komm und lege heut auf dieses theure paar
den mütterlichen wunsch und deinen segen dar
v. König gedichte (1745) 31.


vor menschen, ihnen entgegen, gegenüber treten:

mit groter klaghe he (der arme mann) vor en (den könig) trat,
umme enen penning he ene bat
meister Stephan schachbuch 3488;

do trat marggraff Albrecht für die herrn und beclagt sich grosz städtechron. (Nürnberg) 2, 141;

die (Thetis) tratt für Jovem unverzagt
Spreng Ilias 1b;

wenn der edelmann im gemeinen leben gar keine grenzen kennt, wenn man aus ihm königl. oder königähnliche figuren erschaffen kann, so darf er überall mit einem stillen bewusztsein vor seinesgleichen treten Göthe 22, 150 W.; oft bildlich vor gott treten, im gebet: ubir das seyn wir priester, das ist noch viel mehr, denn künig sein, darumb, das das priesterthum uns wirdig macht, fur gott zu tretten und fur andere zu bitten Luther 7, 28 W.;

in schmertz, kranckheit, sorg und nöten
pflegt sie (die fromme frau) vor gott zu tretten,
hertzlich mit dem mann zu betten
Voigtländer oden u. lieder (1642) 17;

dazu laszt uns izt vor ihm treten mit gebet Schleiermacher (1834) II 4, 63. vor das gericht, die obrigkeit treten:

mit mir tretten für das gericht
H. Sachs 6, 160 lit. ver.;

[Bd. 22, Sp. 232]


zween tretten vor gericht. einer beschuldiget den andern eines diebstals Harsdörffer teutsch. secretarius 1, C c 6a; damit er seine unschuld besser an den tag legen möhte, währe er nicht abgeneigt, ... vor die obrigkeit zu treten Buchholz Herkuliskus (1665) 6; Gracchus war mit einer einzelnen administrationsreform vor die bürgerschaft getreten Mommsen röm. gesch. 2, 104.
b) für (vor) jemanden treten in älterer sprache bis zum 17. jh. nicht blosz räumlich, sondern etwa im sinne von 'ihn vertreten, stellvertreten' o. ä.; meist geistlich:

dar uber ist mir kunt getan
siner tugende also vil,
daz ich uns genzlich raten wil
an in schrien mit gebete,
daz er dort vor uns trete,
got unsern herren vor uns bite passional 16, 24 Köpke;

es solle fur dich tretten, peccata tua ferre Luther 34, 1, 37 W.; allein der ewige und allerunschuldigste son gottes hat müssen herhalten, sein leben darüber einbüszen, für uns tretten, gnugthun und bezahlen C. Huberinus mancherlei form zu predigen (1557) 28a; doch wäre das folgende auch räumlich aufzufassen, anders allerdings, als oben unter a 'jem. vor augen treten', sondern etwa wie 'sich schirmend vor jem. stellen':

weyl Christus ist der mitler worn
zwischen dem menschen und auch got,
der für uns tritt in aller not
H. Sachs 15, 37 lit. ver.


c) vor das angesicht, vor die augen u. s. w. treten, vgl. auch aus den augen, unter die augen u. s. w. treten (C II 4 b, 6 c): nit verarge mirs, o frummer kayser, das ich so ylendtz für dein genädig angesicht trit Eberlin v. Günzburg 1, 2 ndr.;

mit blauem licht
wird sein gemach erfüllt,
ein mädchen tritt ihm vors gesicht,
ins leichentuch verhüllt
Hölty gedichte 17 Halm;

tritt einer unverlangt dem könig vors gesicht,
du weiszt, der tod steht drauf
Göthe 16, 32 W.;

ob wir gleich ... unsern richtern mit zittern und zagen vor die augen getreten sind Schwabe belustigungen (1741) 2, 103; so war er auch mit seinem plane ... vor die augen des monarchen getreten Meinecke v. Boyen 1, 93; ehr mus ein hertz haben gehabt, das ehr ihnen fur die nasen tritt Luther 33, 344 W.; nun, ich dachte nur, weil du so keck dem vater vor die füsze tratst Storm (1899) 2, 221.
mit unpersönlichem subject, etwas tritt vor die augen, die seele, den geist: eine Ilias beweinenswürdiger umstände tritt dem geschichtsforscher vor augen Herder 17, 278 S.; ich fühle deutlich, dasz der innere sinn so hoch angeregt werden kann, dasz die innere erscheinung vor das körperliche auge treten kann Bettine die Günderode 1, 10; denkt zuweilen an mich, Margarita, und ... lasset ... mein bild in mancher zeit vor eure augen treten Stifter (1901) 2, 310.

denn ihm trat vor die seele des edlen Antilochos bildnisz
Voss Odüssee 59 Bernays;

so hoffte ich, sollte sich auch der leser erfrischt und gehoben fühlen, wenn ihm die sittliche hoheit der deutschen arbeitsidee recht lebendig vor die seele träte W. Riehl d. deutsche arbeit 1. und oft tritt mir vor den geist, wie der schöne mann die schönen verse prachtvoll recitierte M. H. Jellinek in zs. f. d. altertum 68 (1931) 96.
9) treten zu.
a) und der versucher trat zu im und sprach: bistu gottes son, so sprich, das diese stein brot werden Matth. 4, 3;

nun laszt uns gehn und treten
mit singen und mit bäten
zum herrn
P. Gerhardt bei
Fischer-Tümpel evang. kirchenlied 3, 333a;

oft bildlich 'jemandem anhangen', 'jemandes partei nehmen':

nun weil dann dieser Rabus hie
uber der eltern sorg und müh
zu diesen gsellen ist getretten,
die nur den bapst für gott anbetten
Fischart 1, 7 Kurz;

[Bd. 22, Sp. 233]


auf dasz auch der bischoff von Cöln und die fürsten von Lothringen und Brabant zu Philippo tratten Stumpf Schweizerchron. 89b; ich höre, Weislingen ist wieder auf eurer seite. tritt er zu uns? Göthe 8, 58 W.; schon beklagten sich die prälaten ..., dasz der kaiser ... den protestanten zuneige, gleich als wolle er ... ganz zu ihnen treten Ranke (1867) 4, 159.
zu einem treten vereinzelt auch 'ihm feindlich gegenübertreten': unde quamen die vigende ... unde vilen des morgens, da di sonne ufging in die vurstat gensit der brucken unde verbranten me dan zwenzig huis unde schuren unde di von Limpurg traden zu in unde daden grosze gewer mit werfen unde schiszen Limburger chron. 76 Wysz.
b) in festerer verbindung zu land, zu schiff treten vgl. in das, aus dem schiff treten (II C 1 a, 4 a): de ... wedder bi Wusterhausen to lande treden (16. jh.) Th. Kanzow chron. v. Pommern 163 Gäbel;

an Pylos traten wir zu lande
Göthe 15, 218 W.;

in wenig stunden kam er in die handelstadt
nach Cales, da er noch den tag zu schiffe trat
D. v. d. Werder rasend. Roland (1636) 34;

zu hauf:

der freche pöbel trat zu hauf
P. Gerhardt bei
Fischer-Tümpel evang. kirchenlied 3, 304.


c) mit abstractem präpos. object, zu etwas treten 'es beginnen, in angriff nehmen' u. ä.:

geruchez, herre, in vergeben
und laz si wenden sich in tugent,
darinne si dich vinden mugent
unde zu dime lobe treten passional 332 Köpke;

wenn nun die zwentzigk margk silber vorbürget und die parten zum rechten treten wöllen (1541) bei Wagner berggesetze 11; nach disem hatt man wider angefangen, zu der wahl zu tretten Pantaleon mitnächt. völckerenhist. (1562) 2, 183; sihe also stellen sie denen nach, so ein mal von ihrer fantasey wider zur busz tretten Nas antipap. eins u. hundert 4, 391a (vgl. auch in, an die busze treten); die Römer ... zu solchem fürhaben getretten seindt Xylander Polybius (1574) 2; zu einem vergleich, zur execution, zur sache tretten Kramer 2 (1702) 1133b; vgl. auch zu den tieren treten zu ihrer behandlung weitergehen: laszt uns zu den anderen thieren dretten, ... so uff dem erdtreich wonen Eppendorff Plinius (1543) 40.
insbesondere zur wehr, zum streit, kampf, sturm treten, vgl. in den kampf u. s. w. treten II C 1 l, an den sturm 2 e:

de ridder schal ok ane gresen
der menen lude hueder wesen,
beyde in borghen unde in steden
scholen se vore ter were treden
meister Stephan schachbuch 1856;

nu wil ik van deme ryddere reden,
wo he to stride schole treden 5657;

wenn es (das tier) sich ... bekleybt hat, so dritt es dann zu dem kampff Eppendorff Plinius (1543) 60; mit den werbern zu kampf tretten Schaidenraisser Odyssea (1537) 3b; und traten zu sturme an einem morgen, gewannen und brachen zu Braunschweig ein durch die Altewick M. Dreszer sächs. chron. (1596) 254.
zum reich, regiment, einem amt, einer würde treten, vgl. in, an das regiment u. s. w. treten (II C 1 n, o; 2 e):

daz was der milte künig Heinrich,
bi dem was fride stæte.
we daz nieman tuot dem gelich,
der zuo dem riche træte
und im mit triuwen wære bi
Tannhäuser 25 Singer;

Bajezet der türkische kayser wird in der flucht von seinem eigenen sohn Selim ertödtet, der darauf zum regiment trit und dasselbe ins neunte jahr besitzet (1512) v. Wedel hausbuch 40 Bohlen; als nun könig Matthias mit sondern freuden zum regiment getretten H. Rätel Joach. Curäi schles. chron. (1607) 20; so treten die guten engel wieder an die spitze zu ihrem ampt Luther 34, 2, 240 W.; ein apt, ehe er zu den geistlichen würden getreten Reinicke fuchs (1650) 163.

[Bd. 22, Sp. 234]



zu einem glauben, einer lehre, einer religion u. dgl. treten, s. auch von dem glauben u. s. w. treten (II C 7 c): es sollten yhr (der Juden) viel rechte Christen werden und widder tzu yhrer vetter, der propheten und patriarchen glauben tretten Luther 11, 315 W.; als wolt er darumb vom catholischen christlichen glauben zu irem falschen fünften evangelio tretten J. Nas antipap. eins u. hundert 1, 11b; aus dem luthertumb zu den Calvinisten zu tretten Ulenberg erhebl. u. wicht. ursachen (1589) 267; derselbige verleugnet gar seine ... lehre und tritt zur andern Reinicke fuchs (1650) 342; die angemaste specification deren ... zur evangelischen religion trettenden unterthanen Harsdörffer teutsch. secretar. (1656) 2, 313; die zu unserer religion treten wollen Lessing 17, 23 L.-M.; zu dem judentum ... zu treten A. U. v. Braunschweig Octavia 2, 1089.
ähnlich zu einer sentenz, partei treten: (Tacitus über Deutschland) von wälder allenthalb wild und von seen stinckendt, feuchter dann Gallia, windiger dann Pannonia, fruchtbarer beum ungedultig ... zu disem sententz trit auch Strabo S. Franck chron. Germ. (1538) 3a; die evangelischen aber musten alsbald von der keyserlichen partey sich abthun und zur chursächsischen treten Chemnitz schwed. krieg 1, 215.
d) in übertragenem gebrauch zu tage treten, vgl. DWB an den tag treten II C 2 g. von concretis wie 'sichtbar werden', erst in jüngster sprache: im trocken liegenden geröllstrome des Wimbachs, dessen gewässer nur bei auszergewöhnlicher schwellung durch regenwetter ... zu tage treten H. v. Barth nördl. Kalkalpen 8; die beiden flügelthüren von Annas schrank standen geöffnet und ihr unschuldiges eigentum trat zu tage G. Keller 2, 75; die berge auf beiden seiten bleiben steil, sind aber mit wald bedeckt und der fels tritt nicht mehr zu tage Moltke ges. schr. u. denkw. 1, 124. aber schon im 17. jh. uneigentlich in einer bedeutung wie 'erkennbar, DWB bekannt werden': so treffliche erfindungen der welt nicht verborgen blieben, sondern mit ihr zu tag treten möchten A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, h 5b; so tritt der ungrund jener vorspiegelung noch mehr zu tage Göthe IV 16, 284 W.; greller noch als im kriege trat in den diplomatischen verhandlungen die scheidung des österreichischen hausinteresses von dem vortheil und den bedürfnissen des deutschen reichs zu tage L. Häusser deutsche geschichte 1, 28; jetzt aber fangen die angenehmen seiten des verhältnisses (der isolierten stellung des jüdischen volkes) an, zu tage zu treten Raabe hungerpastor (1864) 1, 210.
e) ganz verblaszt, mit abstractem subject und object; 'hinzukommen': eben so muszte zu dem sinnlichen wohlgefühl der körperlichen gesundheit auch die feinere empfindung einer geistigen realverbesserung treten Schiller 1, 164 G.; zu dem gram über sein häusliches unglück ... trat die furcht des vaters, der seinen kindern zu lange lebt Niebuhr röm. gesch. 1, 290; der name Hindenburg trat erst 1789 zu dem unsrigen Hindenburg aus meinem leben (1920) 4.
10) treten mit verschiedenen anderen präpositionen.
a) treten ab:

willekomen sîn mîn vriundedie getreten sind ab der ünde (ans land gestiegen sind) Gudrun 1575, 4;

dann als sy ainist ab dem rechten wege sint getretten N. v. Wyle translationen 100 Keller; ist er von stund an ab dem weg getretten, hat sich seins glücks ubernommen Xylander Polybius (1574) 230.
b) treten bei (s. bei teil 1, 1346 ff.): tritt bei dein brandopfer 4. Mos. 23, 3; gieng hin und trat bei das rad Hesek. 10, 6; denn wo die heyligen und gelereten mit den geweltigen und hern, datzu mit den reychen, nicht widder, sonder bey das recht und die warheit tretten, wer wolt unrecht bleiben? Luther 7, 590 W.; 'beistehen', 'helfen':

ich halt es vor den höchsten schutz
auff erd und vor den grösten nutz,
das einer grosze freundschafft hat,
die bey in tretten in der not
B. Waldis Esopus 1, 75 Kurz;

[Bd. 22, Sp. 235]



wo mir der herr nicht hülffe thet und bei mich
so müst mein seel verschwinden, tret,
gantz trostlosz stünd dahinden
B. Waldis psalter (1553) 168b.


c) treten durch, ähnlich wie unter II C 1 u γ: wann die sonne durch den wider, stier, zwilling tritt quando il sole entra nel segno dell' ò nell' arieto, toro, gemini Kramer 2 (1702) 1133a.
d) treten gegen, mhd.:

mit Gawân si gein dem turne trat
Wolfram v. Eschenbach Parzival 408, 4;

ir herren alle, stât ez sô,
daz ir disputieren welt,
so werden zwelfe ûz iu gewelt,
die gegen disen zwelfen treten
K. v. Würzburg Sylvester 2805 W. Grimm;

geselle, drit gen mich her! Alsfelder passionsspiel 5274;

'auftreten':

nun sag ich, schweig! sonst tret ich selbst gen dich
Brentano (1852) 6, 146.


e) treten hinter; zu erwähnen ist vornehmlich der reflexive gebrauch hinter sich treten 'zurücktreten', besonders mhd., doch auch ins nhd. hineinreichend:

Philippe setze den weisen ûf und heiz si treten hinder sich
Walther v. d. Vogelweide 9, 15 Lachmann;

er trat hinder sich und stant mit grimme heil. regel f. ein vollk. leben 89 Priebsch;

Tyras nü die frag hatt.
ain lutzel er hinder sich dratt
Heinrich v. Neustadt Apollonius 686 Singer;

er schien verlegen und trat hinter sich und sah sich um H. v. Hofmannsthal die frau ohne schatten (1920) 81; sehr oft in bildlichem gebrauch:

die gelub, diu er hat geben
dem bâbest und in über sich,
der wære er gewislich
hinder sich getreten (hätte er unerfüllt gelassen)
Ottokar v. Steiermark reimchron. 40010;

mit wachen, mit gepet, mit vasten
sach man in selten rasten.
in gottes dinst früh und spat
hinder sich er nie getrat (erlahmte) märterbuch 18358 Gierach;

mit componiertem, adverbialem hinter sich: und dar umbe ensúllent ir nút lichtklich (aus dem sündelosen leben) hindersich tretten, umbe das ir úch gebrestlich bekennent, sunder ir súllent deste ilen z ze gonde Tauler predigten 268 Vetter; wer hindersich tritt und in der lere Christi nit bleibt, der hat got nit bey ime und ist kain rechter crist Berthold v. Chiemsee teutsche theologey 429 Reithmeyer.
f) treten neben: do dú frowe nahe z im kom, do weich er ir ab dem truchen wege und trat neben sich in die nessin H. Suso deutsche schriften 49 Bihlmeyer; nunmehro stünde das werck auf der spitze, derhalben müste man sich rund aus und cathegorisch erklären, ob man bey und nebenst die Evangelische treten wolte oder nicht Chemnitz schwed. krieg 2, 170. neben den weg, nebenaus treten von frauen, sich mit einem mann verfehlen, vgl. auch oben C II 4 c und 5 a: ob sie (die reisenden kaufleute) nit sorgeten, das vil hübscher junger edelleut und sunst gesellen da werend, da yeder seiner schantz lget und die guten freulin (ihre ehefrauen) etwan von des langen ausbleibens wegen blöd und beredt würden und neben den weg dretten möchten J. Frey gartengesellschaft 55 Bolte; Elsa: wenn ich lang zu marck bin, so helt mich mein herr verdechtig, als trete ich neben ausz J. Vogelgesang heiml. gespräch 25 ndr.
g) treten zwischen:

der mann musz sterben, wenn du selbst
nicht zwischen ihn und deinen rächer trittst
Hebbel werke 4, 112 Werner.

eigentümlich: lassen sie mich zwischen mein vaterland treten und mit demselben ihnen, mein vater, zurufen: es lebe! Schiller 1, 26 G.; uneigentlich: lasz auch hindernisse

[Bd. 22, Sp. 236]


wie gebürge zwischen uns treten, ich will sie für treppen nehmen und drüber hin in Louisens arme fliegen 3, 372;

gott, inbrünstig möcht ich beten,
doch der erde bilder treten
immer zwischen dich und mich
Eichendorf (1864) 1, 588.


D. compositionsbildung.
fast alle composita schlieszen an treten I, insbesondere I A 4 an, entstammen also dem umkreis der gewerke, neuerdings auch der technik. neben der zusammensetzung mit dem präsensstamm tret- finden sich vereinzelt formen mit fugenvocal, z. b. tretebrett, -lohn, -maschine, -platz. auszer den in den folgenden typen verzeichneten zusammensetzungen s. auch die dazugehörigen an alphabetischer stelle.
1) composita aus dem bereich des weinkelterns, meist gefäszbezeichnungen (s. I A 4 a): tretbehälter:

die traube trieft im tretbehälter,
die winzerschaar nach käufern lechzt
V. Mayer ged. (1864) 290;

-bütte Mongrovius dtsch.-poln. wb. 770a; -geschirr Staub-Tobler 8, 1175; -kufe Kramer 2 (1702) 1133b u. s. f.; -leiterlein, zum entleeren des buttens in die kufe, s. Fischer schwäb. 2, 372b; -stiefel Karmarsch-Heeren 10, 576; -trog Mozin - Biber - Hölder wb. d. frz. spr. 3, 24b.
2) örtlichkeiten, in (auf) denen das treten in verschiedenen gewerken geschieht (s. I A 4 b): tretbühne, zum treten des tons, s. Karmarsch-Heeren 9, 373; -grube, dass., Mozin-Biber-Hölder frz. wb. 3, 24b; -horde, zum erweichen der häute durch treten, in der gerberei, s. Lueger 6, 111; -hütte: in den mittelrheinischen waldgebirgen findet man häufig auf abgelegenen hügelköpfen ... grosze schlackenhaufen. es sind dies die stätten der uralten, vielleicht als hand- oder trethütten betriebenen 'waldschmieden', von denen unsere heldensage singt W. H. Riehl naturgesch. d. dtsch. volkes (1851) 1, 40; -platz, zum treten des tons und lehms, s. Karmarsch-Heeren 9, 262; treteplatz Mothes 4, 370; -stock, bei den kürschnern, eine auf einem dreibeinigen kupfernen kessel stehende tonne, worin das pelzwerk mit sägespänen rein getreten wird Schrader dtsch.-frz. wb. 2, 1381; -stube zum tontreten in töpfereien, marchoir Schaffer dtsch.-frz. wb. 3, 377; -sumpf, bei ziegelhütten, ebda; -tisch, zum saubertreten verunreinigten tons, s. Muspratt-Stohmann chemie (1905) 8, 327.
3) vorrichtungen, geräte und maschinelle werke, die durch treten in tätigkeit gesetzt werden, bzw. bestandteile davon: tretbalg, blasbalg zum treten: trettbälge mantici che si calca Kramer 2 (1702) 1133b; -balken: das auf- und niederhupfen an den tretbalken (des orgelblasbalgs) Rosegger (1895) 3, 8, 234; -brücke, eine art von tretwerk für tiere, insbesondere pferde, s. Brockhaus' conv.-lex.14 15, 975, synonyma sind roszkunst, -mühle, -werk; s. auch unten tretgöpel; -eisen, in verschiedener bedeutung: ein nagel zur befestigung des trittlings am webstuhl, s. Staub-Tobler 1, 546; ein scharfes eisen zum heuabschneiden ebda; ein gerät zum eintreten der rebpfähle ebda; -gangrad, dass. wie tretrad: trettgangrad tympanum Dentzler 2, 290a; -göpel Brockhaus' conv.-lex.14 15, 975; Lueger 4, 721; -harke Schaffer dtsch.-frz. wb. 2, 377, dass. wie tretrechen; -haspel, mittels eines tretrades betriebener haspel Veith bergwb. 265; Mothes 4, 370; -kurbel, beim fahrrad, s. Lueger 4, 66; -lager, wie beim vorigen, 4, 67; -maschine Mothes 4, 370; tretemaschine: weise einrichtung des staates, der lieber gute, brauchbare maschienen, als kühne geister unter seinen bürgern duldet, ..., der die hände und füsze als dauerhafte dreh- und tretemaschienen höher anschlägt, als die köpfe seiner landeskinder Bonaventura nachtwachen 112 lit. denkm.; -mühle, s. an alph. stelle; -nagel, dass. wie treteisen, s. Staub-Tobler 1, 546; -orgel: (ein kutscher) der den schlitten wie eine tretorgel behandelte, denn wenn dieser

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umstürzen wollte, warf er ihn mit den füszen im fluge auf die andere seite Gutzkow (1872) 11, 88; -rechen: ein rechen mit fingerdicken zähnen, die man auf das feld leget und darauf tritt. dadurch werden auf einmal viel löcher, worein man bohnen, zuckererbsen ... stecket allg. haushalt.-lex. (1749) 3, 545; -scheibe, dass. wie tretrad, laufrad, s. Mothes 4, 371; -schwengel, ein pumpenschwengel, der von einem tretrad bewegt wird Mothes 4, 371; -vorrichtung Fontane I 6, 134; tägl. rundsch. (1905) unterhalt.-beil. 188a; -wagen: der lahme schuster Hagel kam auf seinem tretwagen vorüber Frenssen Hilligenlei (1905) 436; -werk, in bergwerken, dass. wie DWB tragwerk, s. teil 11, 1, 1169; ähnlich: tretwerke für pferde, rinder ... zur inbetriebsetzung kleiner maschinen tägl. rundsch. nr. 146 (1905) 1. beil. 1.