Wörterbuchnetz
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
schnuppicht bis schnürbrust (Bd. 15, Sp. 1394 bis 1404)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) schnuppicht, -ig, adj., s. schnupficht, -ig.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
schnüppig, adj., s. aufschnüppig theil 1, sp. 729.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
schnupps, m. augenblick: so was kann in 'n schnupps kommen. Siegfr. v. Lindenb. 2, 292 (1784); s. DWB schnupfen, m. 3.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
schnur, f. nurus, mhd. snur, snuor Lexer mhd. handwb. 2, 1046, ahd. snur (dat. snuri), snora, snra Graff 6, 850, eine den Indogermanen gemeinsame bezeichnung, die auch auszerhalb des ahd. mit verschiedenem suffix erscheint, dort aber anscheinend erst sekundär in die i - declination übergetreten und eigentlich entwederoder -u stamm, mnd. snor Schiller-Lübben 4, 279, mndl. snurre, snorre Kilian, snoere Franck mndl. gramm. glossar, altfries. snore Richthofen 1039a, ags. snoru Bosworth - Toller 892b, altnord. snor, snör Fritzner 3, 463a, sanskr. snušã, altslov. snŭcha, lat. nurus, griech. νυός (für *σνυσός?), unter hinweis auf schwäb. söhnin, söhnerin als ableitung zu indogerm. sunu-, sohn erklärt Kluge etym. wb.5 334b. Schade2 2, 840. 841, wo auch andere ableitungsversuche angeführt sind. der stammvocal ist, wie die übersicht der formen zeigt, ursprünglich kurz. mhd. snuor, gen. snüere, das durch reim gesichert ist (gesammtab. 2, 410, 109. 439, 885, die stellen s. unten), musz also wol als anlehnung an snuor, funis aufgefaszt werden. vgl. Haupts zeitschr. 8, 418. dasz die kürze des vocals sich daneben erhält, beweist die schreibung schnurr bei Maaler 360a. in der späteren schriftsprache erscheint das wort durchgängig als schnur, hat also wol allgemein langen vocal Hulsius 287b. Henisch 1548, 11. Schottel 1406. Stieler 1909 (schnur, schnure, abgeleitet von schnüren, copulare, alligare, quia adjungitur domui meae uxor filii mei) Kramer deutsch - ital. dict. 2 (1702), 634c. Steinbach 2, 482. Frisch 2, 218a. Adelung (als im hochd. veraltet, nur oberd. noch üblich bezeichnet). so schreibt auch Luther, durch dessen bibelübersetzung das heute ungebräuchliche wort unserer zeit bekannt geblieben ist. in einzelnen mundarten lebt es noch fort, schnur Höfer 3, 109. Schm.2 2, 584 (Oberpfalz, bair. wald), snur, snor cimbr. wb. 234a, schnûr, schnúre Hertel thüring. sprachsch. 219, schnur, fast schnurr, oft auch schnor Vilmar 364, schnor Müller - Weitz 219. md. scheint es sich länger zu behaupten als oberd. im Basler bibelglossar von 1523 wird es durch sonszfraw erklärt. doch steht dem die verzeichnung bei Dasypodius und Maaler gegenüber. die in heutigen mundarten begegnenden formen mit o sind fortsetzungen des ahd. snora (s. oben), dessen stammvocal durch das folgende a beeinfluszt (gebrochen) ist, während das u in snur(i) erhalten bleibt. auch für das ältere md. ist snor bezeugt (leben des heiligen Ludwig 61, 28, die stelle s. unten). eine andere nebenform des früheren md. snare Lexer handwörterb. 2, 1046 stimmt zu mnd. snar Schiller-Lübben 4, 279, mnld. snarre, snare, nnld. snaar, das auch 'schwägerin' und 'schwiegermutter' bedeutet. Franck etymol. woordenb. 912 vermutet für das niederl. hier anlehnung an snaar, funis, eine ablautsform zu snoer, deren mhd. entsprechung snar Lexer mhd. handwb. 2, 1021 dementsprechend zur erklärung der deutschen form herangezogen werden darf. die weiterbildung snurche, snorche, snürche, snereche, snurch Lexer a. a. o. 1047, frühneuhochd. schnorche: Ruth mit ihren zweien schnorchen. quelle bei Frisch 2, 218a, die ahd. snurihha lauten würde, hat sich nur mundartlich bis heute erhalten, schnurchen, schnorche, schnörche, schnerch Vilmar 364, schnerch, schnörch, schnürch Kehrein 1, 361, schnörg Schmidt

[Bd. 15, Sp. 1395]


203, schnörch Schm.2 2, 581 (Unter-Main), schnürche, schnerche Weinhold 87b, schnörche, schnürche Anton 4, 7, schnurich Schröer 204a, schnîrich Kramer 120. es wird dazu gelegentlich auch ein masc. schnörcher, schwiegersohn gebildet, so schlesisch Frommanns zeitschr. 4, 184. deminutiv zu diesem wahrscheinlich schon selbst als kosende deminutivform aufzufassenden schnürche ist das ebenfalls schlesisch übliche schniercherlai Weinhold 87b, schnürchelein:

willkommen, willkommen, mein söhnelein,
was bringst für ein bleiches schnürchelein?
Erk liederhort 40 (schlesisch).

der plur. von schnur tritt wie der der meisten feminina nach Steinbach 2, 482 und Adelung nhd. in die schwache flexion über. Campe verzeichnet neben schnuren die starke form schnüre, die Bürger und Voss verwenden (die stellen s. unten). auch ein umlautloser pl. schnure begegnet, so bei F. L. Stolberg (s. unten). vgl. DWB schnur, funis: ih quam man zi skeidanne uuidar sînan fater inti tohter uuidar irâ muoter inti snur uuidar irâ suigar. Tatian 44, 22; si nam zu sich etliche edele wise frouwen unde quam zu irre snore sente Elyzabethin uff daʒ sloʒ Wargperg. leben des heil. Ludwig 61, 28; es seyen ir süne, töchter, ayden, schnüre. Nürnb. polizeiordn. 57; wa aber ain frow mit tode abganngen were und mer stüle dann tochter oder schnur liesse. 116; do nun das schif gar berait war, trat er (Noah) .. mit seiner hausfrawen, mit dreien sünen, mit so vil schnüren in das schif hinein. Aventin chron. 1, 51, 3 Lexer; da nam Tharah seinen son Abram, und Lot seines sons Harans son, und seine schnur Sarai, seines sons Abrams weib, und füret sie von Ur aus Chaldea. 1 Mos. 11, 31; denn ich bin komen, den menschen zu erregen wider seinen vater, und die tochter wider jre mutter, und die schnur wider jre schwiger. Matth. 10, 35; wer ist dem mann neher zugethan, denn sein eheweib? dem son, denn sein vatter? der tochter, denn jhre mutter? der schnur, denn jre schwiger, und widerumb? Luther tischr. (1568) 89b; sintemal selten ein schnure sich mit jhrer schwieger vertragen kan. Hennenberger landt. 162; die den sohn gefreyet hat, ist die schnur. Comenius sprachenth. (1657) 593; wann ihnen gott der herr wunderlich geholffen hat, wie der betrübten Naemi, welche er nach vielen auszgestandenen creutz und armuth in des vornehmen mannes, des Boas zu Bethlehem hause wiederumb erfreuete durch ihre schnur, die Ruth. Schuppius 667; der hertzog von Northumberland ruffte seine schnur die Johannam Grajam als nun königin von Engelland aus. Wiedemann gefangensch. dec. 33; sie (die schwiegermutter) ergosz einen strom von lobsprüchen über die wohlgestalt der lieblichen schnur. Musäus volksmärchen 2, 30 Hempel; ich berufe mich auf das zeugnisz der ganzen, eben damals zu Wernigerode versammelten, in jedem ihrer mitglieder mir so theuren familie, auf den vater und auf die mutter, die söhne und die töchter, die eidamme und die schnure. F. L. Stolberg kurze abfertigung (1820) 13;

in der arche hohewas Noe unte sîn gezohe,
er unde sin chone,sine snúre unde ire wine. genesis in
Hoffmanns fundgr. 2, 27, 25;

von diu werdent gesceiden
der sweher von dem eidem,
der vater von sînem sune,
diu swiger von ir snure. kaiserchron. 2261 Schröder;

gegen im lief sun unde snuor
mit vil snellîcher ruor. gesammtabent. 2, 410, 109;

vater mîn, nu gât
mit mir ze iuwer snuer(e) (: vuer(e). 439, 885;

nû enpôt im her fuor
diu kuniginne sin snuor.
Ottokar 92876 Seemüller;

ich beschwer dich auff diesen tag,
du teuffl, ...
bey schwieger- und schnur-einigkeyt
und bey aller ehbrecher trew.
H. Sachs 14, 179, 7 Keller-Götze;

laszt euch den neid nicht uberwinden,
ewr schnür zu hassn mit ewren kinden. 5 (1579), 237b;

'wenn wölt ir denn hochzeit haben?'
sprach die alte schwiger.
'gilt uns gleichwenn es sei':
sprach die schnur herwider.
Uhland volksl.2 553 (nr. 276, 4);

du wirst seyn Peleus schnur und Nereus schwägerinn,
wann Pyrrhus dich ihm freyht.
Opitz 1, 239;

die eltern rühr ich nicht die ich schon da verlor,
als Alexander mich zu seiner schnur erkohr.
A. Gryphius (1698) 1, 103;

ich bat jhn: nicht in ernst, also stallt ich mich nur,
dasz er mir es verzeih', und nehm mich an zur schnur.
D. v. d. Werder Ariost 9, 35, 8;

[Bd. 15, Sp. 1396]



so wolt' er mit gewalt
zur schnure mich. 41, 8;

es weinen schwäger, kind, schnur, neff' und enckelin.
Günther 615;

wenn ich erst elends genug erblickt: erschlagen die söhne,
weg die töchter geraubt, rein ausgeplündert die hallen,
säuglinge niedergeschmettert zu boden, im grimmen gemetzel,
und die schnüre geschleift von mördrischen händen der Griechen!
Bürger 235a (Il. 22, 65);

auch die schnüre geschleppt von grausamer hand der Achaier!
Voss Il. 22, 65;

und sagt herrn Ernstens schreiben,
das badermägdelein (die Bernauerin),
das könne leben bleiben,
wolls seine schnur nicht sein.
Ludwig (1891) 1, 123.

mit anspielung auf schnur, funis:

kommt mutter (schwiegermutter)! steurt auf mich den abgezehrten
leib!
legt den verdorrten arm um meinen hals! ich bleib,
vor eure schnur, itzt stab.
A. Gryphius (1698) 1, 453.


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
schnur, f. funiculus, mhd. snuor, ahd. snôr, snuor Graff 6, 819, eng verwandt mit mnd. snôr, m. (und n.) Schiller-Lübben 4, 278b, während das nnd. theilweise noch das alte geschlecht behalten hat Schambach 200b, meist aber ins fem. übertrat; weiter mit ndl. snoer, n.; altnord. snœri, n. Fritzner 3, 469a, schwed. snöre, n., dän. snøre, gen. comm.; und dem goth. snorjo, f., im ablautsverhältnis stehend zu ahd. snare, sner, fidis Graff 6, 849, mhd. snar, strick, saite, nhd. schnarre, nd. ndl. snaar, snare, altn. schwed. snara, dän. snare, schlinge, s. DWB schnarre 2 oben sp. 1185. zu grunde liegen soll eine wurzel indogerm. snô, sn, flechten, die man auch in ags. snod, binde und altir. snáth, faden erblickt und für dem thema von nähen verwandt hält Kluge etym. wb.5 334b. andere vergleichen lat. nervus, griech. νεῦρον. vereinzelt wird das wort im nhd., wol durch nd. einflusz, als m. behandelt: die gewohnheit, .. seine weste mit nadeln zu bestecken, dasz sie wie mit goldenem rundschnur besetzt aussah. Hippel 4 (1828), 393. Steinbach 2, 482 verzeichnet ein masc. schnur, plur. schnüre und ein fem. schnure, plur. schnuren, in der geschlechtsunterscheidung aber wol weniger einem wirklichen sprachgebrauch, als falschen theoretischen erwägungen folgend. die form schnure findet sich allerdings häufiger im älteren nhd. bis ins 18. jh. hinein, schnur, et schnure, die, plur. schnuren, et schnüre. Stieler 1907: das dann Heinrich Meychsner und ich von ratz wegen sahen und im an denselben winckelln der gemein namen und gaben, darmit er das new (den neubau) in ein schnure pracht. Tucher baumeisterbuch 263, 2; ich hieb gleichwohl über die schnure. Schweinichen 1, 46; ifg. würden nunmehro zweifelsohne einen diener bekommen, der alles in der schnurre hätte. 3, 100; und man könte vil exempel anführen, da die jenigen, so sich zu weit haben ausbreiten wollen, und über die schnure getreten, drüber gefallen seyn, und in die enge getrieben; ja zu lezt gar vom reiche und leben zugleich getrieben worden. Butschky Pathm. 817; aber, liebster freund, ums himmelswillen, wie konnten sie so über die schnure hauen? Reiske bei Lessing 13, 443. sie mag entstanden sein durch einflusz des alten gen. dat. snüere oder des neuen schwachen plur. schnuren, der hier jedoch nicht wie bei den meisten starken femininis durchgedrungen ist: die perlenschnuren, womit ihre arme und ihre kleinen netten füszchen umwunden waren, schienen blosz da zu seyn um die blendende weisze derselben zu erhöhen. Wieland 12, 180; vom dachboden und aus dem keller brachte man verschiedene trommeln, woran grosze bleierne kugeln an schnuren bevestigt hingen. Schiller 4, 220; 'was hindert mich, rief er aus, dasz ich nicht eine der grünen schnuren ergreife und sie, wo nicht eurem hals, doch eurem rücken anmesse!' Göthe 24, 97. das wort ist auch ins finnisch-lappische gedrungen Thomsen 158.
bedeutung und gebrauch. schnur bezeichnet in der regel ein aus mehreren fäden zusammengedrehtes rundes band von mittlerer stärke, das die mitte hält zwischen dem schwächeren faden und der stärkeren leine, dem seil. Adelung.
1) in allgemeiner anwendung, zum festhalten: eʒ spricht Albertus, daʒ er selber mit seiner hant ain snuor in ain geweltigeʒ feur würf, diu was gemacht auʒ des tiers (des salamanders) wollen, und lieʒ si sô lang in dem feur, unz daʒ si glüend wart als ain haiʒ eisen. Megenberg 278, 10; er (Simson) aber zureis die seile wie eine flechsen schnur zureist, wenn sie ans fewr reucht. richter 16, 9; deine lippen sind wie eine rosinfarbe schnur, und deine rede lieblich. hohes lied 4, 3; an einer schnure hangen, a funiculo pendere

[Bd. 15, Sp. 1397]


Steinbach 2, 483; mit schnuren binden, resticulis constringere. ebenda;

ein tîr gât in Libano,
daʒ heiʒ dû dir giwinni,
dî âdirin bringi.
ich sagi dir rechti wî dû dû.
dar ûʒ werchi eini snûr,
dû wirt scarf undi was.
Müllenhoff - Scherer denkm.3 1, 127, 44;

dô bunden si ir die hende ..
mit sîdînen snuoren. kaiserchron. 11882 Schröder;

daʒ zôch er ûʒem buosem sîn
an einer snüere sîdîn.
Wolfram Parz. 51, 16;

an sînen vuoʒ bant er (der frosch) die mûs
mit einer snüere.
Boner 6, 11;

ich bint an myn zehen
ein snuer und in daʒ vensterlein.
Keller altd. erz. 312.

gnomisch: einer mag uberweldiget werden, aber zween mügen widerstehen, denn ein dreifeltige schnur reisset nicht leicht entzwey. pred. Sal. 4, 12; nicht noch eins (ein glas), herr Just? eine vierfache schnur hält desto besser. Lessing 1, 511;

lange schnur hat auch ein end.
Droste - Hülshoff 359.

in sonstigen bildlichen wendungen:

Minne, dîne snüere
die twingent daʒ herze mîn.
Neidhart v. Reuenthal 55, 10;

dâ diu sælde span
sîner êweklîchen wunne snuor. minnes. 2, 324b Hagen;

wie die clâre Blanziflûr,
bestricket in der minne snûr,
mit Tristande durch amûr
heim zu Parmenîe fûr. erlösung 94;

wollte, wollte gott, dasz nur
deines lebens schwache schnur
etwas noch hier auf der erden
hätte müssen länger werden.
P. Gerhardt 255, 22 Gödeke;

das leben und der tod sind fest an einer schnur.
A. Gryphius (1698) 1, 154.


2) schnüre an rüstung und kleidung, so am helm:

die finteiln er für sich pant,
gein strîter wolde füeren
den helm er mit den snüeren
eben ze sehne ructe.
Wolfram Parz. 260, 14;

einen helm er in der hende
fuorte, des gebende
wâren snüere sîdîn. 443, 22.

am hut Adelung: ein grâwer windischer huot mit einer grâwen snuor. Schwabensp. bei Lexer mhd. handwb. 2, 1045; item der kaiser het einen slehten swartzen langen rok an, ein swartze slehte kappen am hals und einen swartzen praiten hut auf mit einer slehten snur vierfach darumb. d. städtechr. 10, 327, 9 (von 1471); so will ich eüch ein reiche schnr uff ewern ht schicken. Galmy (1540) 79a (cap. 32); do hat er ain quidam in der herberg gefunden, so ain guldene schnur umb den huet gehapt, wie ainest der adel zu haben pflegt. Zimm. chron. 2, 300, 19;

der huot was niwe, diu snuor niht alt.
Wolfram Parz. 313, 12.

vgl. auch hutschnur oben th. 4, 2, 1994. an sonstigen kleidungsstücken, schnur, an den kleidern, funiculus ad ornatum, limbus e funiculis constans Frisch 2, 217b: dy manne trugen jopen forne uffene mittenander unnd wisse adder von gewande kostliche brost tuchere unnd uber her gesnuret mit syden snuren adder mit breiten senckeln. K. Stolle Erfurter chron. Haupts zeitschr. 8, 319; und man sol das schiltlin mit seinen ringen, mit einer gelen schnur an die ringe des leibrocks knüpffen, das es auff dem künstlich gemachtem leibrock hart anlige, und das schiltlin sich nicht los mache. 2 Mos. 28, 28; seidene schnüre auf dem rock, liste, galloni, passamani di seta sulla gonna. Kramer deutsch - ital. dict. 2 (1702), 635a; denn er ist hochgewachsen und breit, trägt statt der schnallen schnüre an den beinkleidern. Hebel 2, 171;

man truoc im einen mantel dar:
den legt an sich der wol gevar;
mit offenre snüere.
Wolfram Parz. 228, 11;

diu magt si brâhte und begunde klagen,
der mantel wære âne snuor. 306, 18;

mit borten was alle ire wât
wol bestalt und umbenât,
gevaʒʒet mit spêhen snüeren.
Heinr. v. Freiberg Trist. 1533;

ich han gut schnur in das unterhemd. fastn. sp. 477, 24 Keller;

ach lüftet mir die schnüre (des mieders),
dasz mein beklemmtes herz raum hat zu schlagen. Shakespeare Richard III 4, 1.

[Bd. 15, Sp. 1398]


an der uniform des soldaten als auszeichnender schmuck: schieszschnüre, schnüre der einjährigen, fangschnüre des generals. zum zusammenhalten und als schmuck der haare:

man sach ir goldes eine snuor
zeinem schapel ûfe ligen.
Konr. v. Würzburg Engelhard 3010;

'Grette flicht die zöpffe lanck!'
sie sein geflochten durch und durch mit schnüren. bergreihen 102, 16 neudruck.

von solchem gebrauche ausgehend in freier bildlicher anwendung:

heimat, höre meinen schwur!
kehr' ich heim, mit schnur um schnur
schmück' ich dich aus golde pur.
Rückert (1841) 290.

betschnüre der juden: die juden haben schnüre mit denen sie die arme beym gebet umwickeln, so wickle ich dein holdes band um den arm wenn ich an dich mein gebet richte. Göthe briefe 5, 80 Weim. ausgabe.
3) an mannigfachen werkzeugen und geräten.
a) am zelte:

uber dise selbe heilcheit
so was ein gezelt vil breit
gedenet mit den snren
von umbehangen tiuren.
Diemer deutsche ged. des 11. u. 12. jh. 81, 7;

disse zeltes snüere
wâren sîdîn garwe
und niht von einer varwe,
rôt grüene wîʒ gel
brûn, geworht sinwel.
Hartman v. Aue Erec 8921;

ein gezelt: daʒ zeigte rîcheit.
ouch was der plân wol sô breit,
daʒ sich die snüere stracten dran.
Wolfram Parz. 61, 17;

dha wart dhe plan mit richer wat
unz an dhe muren vordhecket,
menich pavlun und thelt gestrecket,
an ir snoere scone gerecket. deutsche chroniken 2, 543, 6699.

mhd. die snüere kommt oft der bedeutung 'zelte' oder 'zelt' gleich:

diu küngîn an die snüere reit.
Wolfram Parz. 82, 30;

Segramors im durch die snüere lief. 285, 14;

zwuo zuncfrouwen sprungenher ûʒ für die snüere. Tit. 156, 1;

der rœmesch keiser heltet noch
in den snüeren. Lohengrin 4935.


b) das netz, wildfallen bestehen aus schnüren. daher im bilde:

wenn ich ihn gefangen mit mir führe,
lock' ich manch andren fang vielleicht in meine schnüre.
Rückert (1882) 12, 151.

vgl. auch die oben unter 1 angeführte stelle Neithards v. Reuenthal 55, 10.
c) zur handhabung der puppen im puppenspiel:

rihtet zuo den snüeren
die taterman. wachtelm. 151.


d) schnur an der angel Campe. im bilde: geistesfreiheit, frivolität! da zappelt der fisch wieder an der langen schnur und hält sich für einen luftspringer! Keller (1894) 3, 206. vgl. DWB angelschnur oben theil 1, 347.
e) an der peitsche Campe. vgl. peitschenschnur oben th. 7, 1532.
f) am klingelzug: es blieb uns nichts übrig, um ihnen den einfall aus dem kopfe zu bringen, als dasz ich auszen am bette in die höhe stieg und die schnur vom drahtzuge abschnitt. Thümmel reise 7 (1800), 54.
g) an der uhr, schnure, woran das gewicht hanget, libramentum pendulum horologii Stieler 1907:

(sie) trippelte dann auf knirrendem sande zur wanduhr
leis', und knüpfte die schnur des schlaggewichts an den nagel,
dasz ihm den schlaf nicht störe das klingende glas und der kukuk.
Voss 2, 275.


h) am spinnrade, die spule und das rad verbindend, nach Jacobsson 7, 266a eine darmsaite, aber auch aus fäden gedreht, nd. snor korrespondenzbl. des vereins f. nd. sprachforsch. 1, 77. 2, 29: nein, der faden musz wenigstens abbrechen und die schnur vom rade fallen. Möser werke 9, 123.
i) sicherer als diese anwendung (h) weist der mhd. gebrauch von der sehne des bogens, die zwar manchmal aus fäden, meist aber aus thierhaut oder därmen gedreht ist, darauf hin, dasz das wort ursprünglich ein weiteres bedeutungsgebiet umfaszte als später:

ê daʒ der snelle phîl her dan
von der senewen snüere
gesnurrete und gefüere.
Konrad v. Würzburg troj. krieg 6121.

das gleiche gilt von der alten verwendung im sinne von 'saite' an musikalischen instrumenten, als man ehmahls eine lautenseite, eine schnur genannt. Frisch 2, 217b:

[Bd. 15, Sp. 1399]


die snüere müeʒen brechen wol,
swâ der esel klenket gigendœne. minnes. 3, 452a Hagen.


k) auch der gebrauch von den tauen eines schiffs, wie ihn die folgende stelle zeigt, veranschaulicht die ältere allgemeinere anwendung:

uns bricht mastboum, sägel, schnr.
Brant narrensch. 108, 105 Zarncke.

ebenso erscheint es sonst gelegentlich in älterer sprache für 'tau, seil', so für das seil des seiltänzers:

ich kan wunder an der snüere. minnes. 1, 209a Hagen.


4) schnur zum foltern (vgl. DWB schnüren 3): die schnur, da der hencker einen mit fiedelt, folterseil, fidicula. Corvinus fons lat. (1660) 261b. Frisch 2, 217b.
5) zum aufreihen, schnur, etwas daran in eine reihe, durch gebohrte löcher anzufassen, linea. Frisch 2, 217b; perlen, korallen, tobaksblätter auf eine schnur ziehen. Adelung, 'auch eine menge solcher aufgereiheter körper' ebenda, mit gen.: eine schnure perlen, margaritarum linea Steinbach 2, 483, eine schnur korallen Adelung: sie nahm ihre schnure perlen vom halse. Lohenstein Armin. 2, 410b; die erbschaft, worin auszer dem baaren gelde, viele kostbare diamanten, und insbesondere eine schnur orientalischer perlen von solcher schönheit wären, dasz eine kayserin sich nicht schämen dürfte sie zu tragen. Möser patr. phant. 4, 78; damit die reichen vettern eine gute meinung von ihrem wohlstande bekämen und sich ihrer nicht schämen dürften, band sie eine schnur gekrümmter dukaten um den hals. Musäus volksm. 1, 39 Hempel; du kannst dich mit einer schnur perlen erwürgen. Schiller kab. 5, 1; wenn sie was zaubern wollen, so möchten sie die schnur perlen von einander reiszen. Raimund 1 (1891), 302, neben einem unflectirten collectiv: eine schnur tobak, auf eine schnur gereihte tabaksblätter Adelung; ich möchte mir selbst einmal eine schöne schnur bernstein zusammenfischen. Cl. Brentano ges. schriften 4, 425; oder als compositum, so korallenschnur, perlenschnur, fruchtschnur, blumenschnur, laubschnur bei den malern und bildhauern Jacobsson 4, 31b. Adelung. die bêtschnuer (Pusterthal), der rosenkranz, paternoster Schöpf 642, vgl. oben 2 am ende. bildliche wendungen: am ende hört sich eine geschichte, die uns gerade in den wurf kommt, wohl noch zum zweitenmal wieder, sonderlich wenn sie auf die schnur gezogen ist. Claudius 7, 11 (wol 'mit andern in verbindung, in einen gröszeren zusammenhang gebracht ist'); ich theilte nun den reichthum meiner von den myriadenfältigen schönheiten überschwängerten blicke, und warf, so viele ich deren von den gegenständen meiner bewunderung loszureiszen vermochte, auf das freundschaftliche wesen in mir, das jeden thautropfen der äuszeren sinne mit dürstendem verlangen auffing, und zu einer schnur für die ewigkeit an einander reihte. Thümmel reise 7 (1800), 225. auf der schnur haben, von einer reihe von vorstellungen, die man fest im gedächtnis hat: der gemeine mann hat das mannigfaltige, was ihm aufgetragen wird, gemeiniglich besser auf der schnur, es nach einer reihe zu verrichten und sich darauf zu besinnen. Kant 10, 193, vgl. DWB am schnürchen haben unter schnürchen. auch die wendung von, aus der schnur leben, zehren, mhd. verzern wird auf diesen gebrauch zurückgeführt, von der schnur zehren Schottel 1112a, vivere dalla cordicella, cioè dalla borsetta senza guadagnar nulla Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 634c, von der schnur leben, heiszt bey einigen, die nicht zu zehren haben, von dem zurück gelegten immer etwas zusetzen, als von den zusammen gerollten ducaten, immer einen nach dem andern von dem hals - gehäng herab ziehen, sensim consumere parta Frisch 2, 217b, von der schnur leben, zehren, vom capital, vom grundstock des vermögens (fränkisch) Schm.2 2, 581, vunn der schnûre lwen Jecht 98b, vgl. von dem bändlein ò bändel zehren, vivere dalla cordelletta cioè dalla propria borsa senza guadagnare nulla; tirare la cordelletta (della borsa) Kramer deutsch-ital. dict. 1 (1700), 113c, auch bendlein oben theil 1, 1466 und Borchardt-Wustmann sprichw. redensarten (1894) 423, 1057: die von der schnur zehren, die müssen das gelag (geloch) bezahlen. Petri 2 (1605), R sa. Henisch 634, 20; wo will aber ein faullentzer diese 3 pfennig (zehr-, ehr-, notpfennig) nehmen, der nichts begehrt zu erwerben, sondern immer auff der bärnhaut liegt und aus der schnur zehret? Creidius nupt. 2, 277; weiln (ich) aber auszer dem geld-beutel meiner lieben mutter, die doch nebst denen noch übrigen 5. kindern, selbst von der schnure zehren muszte, wenige beyhülffe zu suchen wuszte. Felsenburg 2, 10;

[Bd. 15, Sp. 1400]


swie er hete vil genûc,
alsô lange er umme fûr,
und verzerte von der snûr,
unz er wart metalle blôʒ. Marienleg. 20, 32 Pfeiffer.

dieselbe anwendung liegt augenscheinlich dem ausdruck die schnur nehmen, die zeche bezahlen, es büszen zu grunde: aber leider mein sn hat die schnr dar ob nehmen müssen. Wickram nachb. 94a. ebenso erklärt man daraus östr. schnur als bezeichnung des zusammen gesetzten geldes beim kegelspiel, das derjenige einzieht, der die meisten kegel schiebt, der einsatz Castelli 228. Schm.2 2, 581: Lottchen gilt die schnur! mein musz sie sein! (er scheibt hinaus, die kegel fallen alle.) Raimund 1 (1891), 287. bergmännisch ein faden, woran der bergmeister die muthzettel fädelt, so lange die muthung noch nicht bestätigt ist, daher: das gemuthete, die muthung an der schnur halten, durch erlängen, antrag um bewilligung einer frist das recht am gemutheten erhalten, auch diese bewilligung ertheilen Jacobsson 4, 31b.
6) zum messen, zur bestimmung gerader richtung: lundisch, ennglisch, perpinionisch, oder einich annder dergleichen tuch, die man ungehefft, auch ein teil on verzeichnüss der pley herbringt, und die mit der schnur gestrichen oder gemessen [werden]. Nürnb. polizeiordn. 133; da war ein man, des gestalt war wie ertz, der hatte eine leinen schnur (variante messchnur) und ein mesruten in seiner hand. Hesek. 40, 3; dein acker sol durch die schnur ausgeteilet werden. Amos 7, 17;

nun pflügt er als ein feuermann
auf seines nachbars flur,
und miszt das feld, hinab hinan,
mit einer glühnden schnur.
Hölty 187, 44 Halm;

im bilde:

der wirt der kan des hûses reht
wol meʒʒen nâch der snüere. minnes. frühl. 22, 22.

bergmännisch schnur, funiculus cannabinus Bech Agricolas bergwerkbuch register, eine dünne leine aus hanf, zwirn oder seide für markscheiderische vermessungen, auch maszschnur, verziehschnur Veith bergwb. 425. Scheuchenstuel 216: die schnur strecken, ziehen, vermessen Veith 425. in die schnur greifen, den markscheider am messen hindern, temerario ausu negotium mensoris metallici impedire Frisch 2, 217b. Jacobsson 4, 33b. Veith 425. mit verlohrner schnur messen, wann einer nur zu seiner nachricht durch den marck-scheider sein feld bis zur marckscheide abziehen und abpfählen lesset, obgleich sonst die gewöhnlichen umstände nicht dabey vorgehen. Frisch 2, 217b, vorläufig vermessen, überschlagen, auch eine verlorene schnur ziehen, die verlorene schnur gehen lassen Veith 425. weiter bergmännisch auch im sinne von loth, faden mit bleigewicht zur bestimmung verticaler richtung Jacobsson 4, 31b. allgemeiner im baugewerbe, bei den malern u. s. w. zur bestimmung gerader richtung überhaupt, so bei den maurern ein stricklein, dessen sie sich bedienen um die mauer nach der länge in gleicher dicke darnach aufzuführen. ebenda, auch in weiterer anwendung: intendant Gayot hatte sich vorgenommen, die winkeligen und ungleichen straszen Straszburgs umzuschaffen und eine wohl nach der schnur geregelte, ansehnliche, schöne stadt zu gründen. Göthe 25, 255. ähnlich bei den zimmerleuten, schnur, oder linien der zimmerleuthen, rubrica Dasypodius, amussis fabrorum materiariorum, regula fabrorum rubrica illita Frisch 2, 217b, auch richtschnur, rötelschnur: der ander zimert holtz, und missets mit der schnur, und zeichets mit rötelstein, und behewet es. Jes. 44, 12; im bilde:

er (der kämpfer) zimberte wol âne snuor.
Stricker Daniel v. d. bl. Th. 3690 Rosenhagen;

ân winkelmâʒ, ân snre
vil mangeʒ wirt verhouwen
in geselleclîcher fre,
swâ ein geselle dem andern wil getrouwen.
Hadamar v. Laber jagd 283.

enen in den snoor krigen, mit der meszschnur fangen, wie die zimmerleute und maurer thun, wenn sie von einem, der den bau besieht, ein trinkgeld haben wollen. brem. wb. 4, 897, in die schnur nehmen Wander 4, 310, vgl. DWB schnüren. über die schnur hauen, eigentlich vom zimmermann, der beim behauen der balken über den mit der gefärbten schnur geschlagenen strich hinaus haut, der die richtung angibt, nach Frisch 2, 217b auch vom bergmann, wann er dem nachbarn über seine schnur haut, häufig in bildlicher anwendung, passer les bornes de son devoir Schottel 1406, transilire lineam, immodice facere, lascivire Stieler 1907, stratagliare il filo ò la corda, cioè passar il segno, il termine, i limiti Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 634c, lineas transilire Steinbach 2, 483, excedere, modum transire Frisch 2, 217b, das

[Bd. 15, Sp. 1401]


gehörige masz der menge, der billigkeit, der wahrscheinlichkeit und so fort überschreiten Adelung. Schm.2 2, 581. Vilmar 364. Seiler 261b, ôwer den snôr hauen Schambach 200b. in ausgeführtem, die entlehnung veranschaulichendem bilde: was das bleyscheid und rechte kirchenschnur unnd masz belanget, sollet jr wissen, das der propheten und apostel lere, unser richtschnur unnd bleywoge und rötelstein ist, darnach wir alle andere abrisz oder muster in der kirchen abmessen sollen, auff das wir bawleut nicht uber dise schnur hawen, oder den kirchenbaw nicht ungerad auffüren, ... denn der propheten und aposteln schnur und rötelstein, rötet und weiset uns auffs blut unnd wunden Jesu Christi, disz ist das einige löszgelt und bezalung für unsere sünde. Mathesius Sar. (1571) 98b. der zusatz der folgenden stelle kennzeichnet die absichtlichkeit, verwischt aber die alte bedeutung: er (Voltaire) machte sich manchmal sprung- und stoszweise luft, liesz seiner laune den zügel schieszen und hieb mit ein paar fechterstreichen über die schnur. Göthe 26, 60. in älterer sprache wird unbildlich das vergehen in einem syntactisch gleichen zusatze genannt:

der official ist kumen her
und wil verhörn man und frauen,
ob iemant über di schnur het gehauen
mit spil, mit wucher, mit feir zuprechen
und was das gaistlich recht schol rechen. fastn. sp. 769, 6 Keller.

ähnlich: so der künig über die schnr heüw in eim todtfall (in causa capitali), er wurd gleich wol verurteylet zum todt. Franck weltb. 87a. ohne derartige nähere bestimmungen, in allgemeinem sinne, das rechte masz, seine befugnis überschreiten: der hencker sollte mir den dienstboten holen, der mir ein einziges mal über die schnur hiebe. Möser patr. phant. 4, 103; wie unsre vorfahren alle ehrfurcht für ihren fürsten gehabt, wenn er sie regiert wie er sollte; und wie sie sich gleich vorsahen, wenn er über die schnur hauen wollte. Göthe 8, 201; gleich hauen die männer über die schnur, wenn man ihnen ein bischen luft läszt. 11, 310; sie (die bauern) schreiben dem sonderling besondere einsichten und kräfte zu, welche zu nutznieszen sie eine unüberwindliche lust verspüren, im gegensatze zu den städtern und aufgeklärten, so ihren rat bei denen holen, die niemals von der goldenen mittelstrasze abweichen und niemals über die schnur gehauen haben. Keller 5 (1894), 159;

wer iemant hett an eren geletzt,
oder uber die schnur gehauen,
es weren man oder frauen,
das sol man an dem rechten melden. fastn. sp. 241, 8;

wir haben zu ser über di schnur gehauen
und haben ein grobs leben gefürt. 724, 6.

so in älterer sprache vielfach vom unerlaubten geschlechtlichen verkehr: der könig hat nun zum vierdten mal herrn Tristanten und der frawen gewalt geben, und mit willen vergönnet, dasz sie bey einander seyn sollen, als offt es jhnen gefalle. hauwet aber herr Tristant uber die schnur, es ist jhm je nach meinem verstandt nicht zu verargen. buch der liebe 89c; Juno, wurde ganz voller eiffer, aus beysorge, ihr buhlerischer gemahl würde ihr nun wieder über die schnur hauen. Birken ostl. lorbeerh. 395; wenn schon ein mann über die schnur hauet. Lohenstein Armin. 2, 100;

do sprach einer, der mir (Alheit) args gunt,
ich hett ein eisen ab gerant
und hett oft uber die schnur gehauen. fastn. sp. 248, 31;

hort, freunt, so must ir euch auch sparn,
furpas mer uber die schnur zu hauen,
und zieht nit mer mit andern frauen! 546, 2;

auch clagens über closter frauwen
die also über die schnr thünd hauwen,
wann sy aderlassen und baden,
thnd sy junckherr Clementen laden,
der hat mit jn ain haimlichs mütlin.
Gödekes Pamphil. Gengenbach 405, 82.

nd. över de snoor hauen, einen tüchtig überholen, überlisten, betrügen Schütze 4, 146, lügen, aufschneiden: also machte ich es auch, wann ich von vögeln, thieren, fischen und erdgewächsen zureden kam, meinen beherbergern, die solches begehrten, die ohren damit zukrauen. wann ich aber verständige leute vor mir hatte, so hieb ich bey weitem nicht so weit über die schnur. Simpl. 2, 197 Kurz;

grob hab ich ubert schnur gehawt,
derhalb man mir auch nit mehr trawt.
H. Sachs 1 (1558), 542c.

[Bd. 15, Sp. 1402]


milder, von übertriebenen behauptungen, betrachtungen Reiske bei Lessing 13, 443 (die stelle s. oben unter dem formalen); gott weisz, wie lange ich noch unter meiner reisemütze so über die schnur gehauen hätte, wäre mir nicht, sobald ich auf meinem gestrigen plätzchen wieder fest sasz, der beschwichtiger aller heillosen grillen (der schlaf) .. zu hülfe gekommen. Thümmel 10 (1805), 149. vom übermäszigen geldausgeben: für das verflossene jahr habe ich ohnedem schon über die schnur gehauen, und mehr gekauft als ich sollte. Lessing 12, 391. von unmäszigkeit im essen und trinken: allein wie die masz zu allen dingen gut ist, so soll man auch sehen, dasz man hie (beim hochzeitsmahl) nicht über die schnur haue, und etwa das hertz beschwere mit fressen und saufen. Creidius nupt. 2, 214, besonders im trinken Frommanns zeitschr. 5, 73, 111 (nd.): do beflisse sich menigclich, das dem doctor der durst würde gelescht, und wiewol er ungern sich im trunk einliesze, dann es war nur eitel weisheit und vernunft umb in, iedoch liesze er [durch] die guete wörtlin sich dohin bringen, das er weiter, dann sein brauch, über die schnur heube und nit ausserm haus kommen kont, sondern sich uf den nechsten banck schlaffen legte. Zimmer. chr.2 3, 113, 28. daher auch über die schnur trinken: auszerdem brachten sie mir alten ächten Rheinwein zu. selbst der pastor hätte sich da nicht gehalten. ich trank etwas über die schnur. Sturz 2, 410. statt über die schnur hauen sagt man auch appenzellisch weder d' schnuer ana haua, nebet d' schnuer usa choh (kommen). Tobler 396, in älterer sprache über die schnur fahren: wie mag ich mich gewis versehen, das alle meine werck gott gefellig sind, so ich doch zu weilen falle, zu viel rede, esse, trincke, schlaffe, oder je sonst uber die schnur fare, das mir nicht müglich ist zu meiden? Luther 1, 230a; wenn man ein wenig zu viel lachet, und uber die schnur feret, so schnurren und purren sie (die gleiszner). 4, 128b, mit veränderung des bildes (etwa vom angespannten pferde her oder allgemein die abgrenzung eines raumes durch eine schnur meinend) über die schnur treten: Vespasianus, der zechent kaiser, da das ganze reich ersaigert was bei vier kaisern nach einander vor im (wan die amptleut reich waren worden, die kaiser und kamer arm), schauet er gar eben auf die selben procurirer: so sie nur ain wenig über die schnur traten, straft er sie. Aventin werke 1 (1881), 224, 27; sie (die christliche kirche unter dem bilde der Sara) darff alles thun was sie wil, allein das sie nicht uber die schnur trette, und einem andern anhange. Luther 4, 100b; wie solt doch unser liebe mutter (die kirche) also uber die schnur getretten haben? solten sich dann alle catholische mit jren viln centnern gute werck und verdiensten ohn begeltung verrechnen? Fischart bienenk. 96a. in ausgeführterem bilde Butschky Pathm. 817 (die stelle s. oben unter dem formalen). ähnlich über die schnure schreiten, modum excedere Steinbach 2, 483, vgl. auch schnurschlag unten. Wolfram gebraucht von allzu hitzigen kämpfern eʒ überhouwen:

in dûhte, er hete wol erbiten
der die vaste vor im striten:
wie siʒ heten überhouwen,
daʒ wolt er gerne schouwen (mit folgender beziehung auf den zimmermann). Willeh. 394, 11,

und als gegensatz dazu nach der snuor houwen:

Poydwîʒ al anders fuor:
er kunde wênic nâch der snuor
houwen nâch ir marke. 18.

auch allgemeiner findet die schnur mannigfache anwendung zur bestimmung gerader richtung: bäume etc. nach der schnur setzen, plantare alberi etc. alla fila. Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 634c. vergleichend mhd. als ein snuor, in gerader richtung: unde der eine wec, der dâ zuo dem himelrîche gêt, der gêt die rihte rehte für sich zuo dem himelrîche als ein snuor ân alleʒ irresal. Berth. v. Regensburg 1, 170, 23;

der engil der ir solde pflegen
pflach ir daʒ ir schif vûr
wol gelîches als ein snûr
hin zu Hyspanienlande. pass. 220, 45 Hahn,

ebenso:

die richte alsam an einer snuor
der schifman gein Litan vuor.
Heinrich v. Freiberg Trist. 4093.

in gleichem sinne:

der die werlt umbe füere
gelîch nâch einer snüere.
Heinrich v. Neustadt Apoll. 4213;

der deu lant durchfüere
gelîch nâch einer snüere
von Ackers zuo dem Rîne. 15284.

[Bd. 15, Sp. 1403]


freier die rechte schnur, die gerade linie: also haben sich Antiphon, Cusa, Cardus, Borillus und andere jämmerlich geplagt und bemühet, wie sie das, so rund ist, in das gevierte könnten bringen, auch die rechte schnur oder gleiche linien mit der krummen vergleichen. Luther tischreden 1, 67. auch schnur allein erscheint im sinne von 'gerade linie, gerade richtung': einen neubau in ein schnure pringen. Tucher 263, 2 (die stelle s. unter dem formalen); sprichwörtlich: nicht alles kan zur schnur gebracht werden. Schottel 1119a. in der besonderen bedeutung 'gerade geschlechtsreihe, directe descendenzlinie': aber vor Christus geburt, nam gott nur eine schnur für sich von Adam auf Abraham, und furthin auff David, bis auff Mariam, Christus mutter, die gottes wort gehabt haben. Luther 2, 421b; Jacob sey Josephs natürlicher vater, nach S. Mattheus schnur, aber Eli ... sey sein vater nach Lucas schnur. 8, 126a; weil der verheissene weibes samen ausz Sems schnure und nachkommen solte geboren werden. Mathesius Sarepta (1571) 81b. nach rechter schnur, nach der schnur heiszt weiter bildlich 'nach der ordnung': liesz einem jeden nach der schnur der gesetze widerfahren. Micrälius altes Pommern 4, 120; nach der schnur leben, vivere alla fila cioè regolatamente, assestatamente Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 634c; alles nach der schnure haben wollen, ad perpendiculum omnia dirigere Steinbach 2, 483, exactum esse Frisch 2, 217b; ihr letztes schreiben, liebster Lessing, hat sich unter meinen papieren verloren, also kann ich's nach der schnur nicht beantworten. Gleim bei Lessing 13, 100; einmal stand er mir in der fehde gegenüber; er focht nicht nach der schnur, aber überflusz an kraft und unerschrockenheit machte den mangel dreyfältig gut. Ludwig 4, 265; es ging mir jetzt alles nach der schnur. Keller 4 (1894), 33;

herr ...
gib, dasz ich allen pracht der welt,
mög' inniglich verachten,
auch nimmermehr
nach hoher ehr
und groszem namen strebe
besondern nur
nach rechter schnur
der wahren christen lebe.
Rist n. himml. lieder 3, 266.

freier alles in der schnur haben, in ordnung. Schweinichen 3, 100 (die stelle s. oben unter dem formalen). daher dann überhaupt schnur metaph. amussis Dasypodius, figürlich, wonach man sich richten musz, als nach regeln, canon Frisch 2, 217b: diese güldene schnur der heil. schrift, daran er sich stets gehalten, hat ihn nicht lassen zu weit gehen. Brandt bericht vom leben Taubmanns 64.
aus dem gebrauch der schnur als maszwerkzeug entwickelt sich die verwendung des worts als maszbezeichnung: und er machet ein meer gegossen, zehen ellen weit von einem rand zum andern, rund umbher, und fünff ellen hoch, und eine schnur dreissig ellen lang war das mas rings umb. 1 kön. 7, 23; es fielen aber auff Manasse zehen schnüre ausser dem lande Gilead und Basan, das jenseid dem Jordan liegt. Jos. 17, 5; eine schnur, so wol die land- als wald- und holtzes-schnur hält 52. Prager ellen. das maasz oder mesz aber der schnur hat den anfang von einer gewissen reise. dann die Egypter und andere völcker pflegen ihre schiffe an dem gestad oder ufer mit seilen gegen dem strom zu ziehen, in gewisser weite, so sie schnüre nennen, da dann, wann ein theil müde, und von der arbeit verlegen ist, die andere sie ablösen müssen. Hohberg 3, 56. bergmännisch ein lehen von 7. lachten, portio septem orgyiarum Frisch 2, 217b. Veith 426: der perkrihter sol die grûben verleihen und schnûr geben. quelle bei Lexer mhd. handwb. 2, 1045. freier wie 'antheil':

ich wil dich, fieng er an, bedencken,
und das land Canaan dir schencken,
dasselbe sol euch ingemein
des erbes losz und schnure seyn.
Opitz ps. s. 198.

die zum zwecke geographischen messens um die erde gedachten grade werden gelegentlich so bezeichnet:

was volcks wone under yeder schnr.
Brant narrensch. 66, 12 Zarncke.


7) schnurähnliches,
a) in nabelschnur, samenschnur.
b) als bezeichnung der in einem ziegelofen rückwärts parallel liegenden ziegel, die zum brand eingelegt sind Jacobsson 4, 32a.
c) eine pferdekrankheit, wobei sich beim atemholen an jeder seite nach den rippen zu eine schnurartige rinne bildet Adelung.
d) bergmännisch ein trumm von geringer ausdehnung Veith 425.

[Bd. 15, Sp. 1404]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) schnuraal, m. ein bandförmiger fisch in fremden gewässern, dessen schwanz in eine saite ausläuft, länger als der leib selbst, stylephorus chordatus Oken 6, 141.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
schnurassel, f. eine gattung der asseln, walzig und wurmförmig, sich spiralförmig zusammenrollend, Julus. Oken 5, 619.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
schnürband, n. band zum schnüren, besonders an kleidungsstücken, taenia, ein schnürriem, schnürband Corvinus fons lat. (1660) 655b, funiculus quo contrahitur pectorale muliebre, quod velut lorica pectus circumdat Frisch 2, 217c. Adelung, niederd. snrband ten Doornkaat Koolman 3, 248a: 'mit der vergangenheit', faszte sie sich in drey stolzen worten, 'der gegenwart und der zukunft'; spielte bey dem ersten mit dem schnürband — warf sich bey dem zweyten in die brust und blickte bey dem dritten mit gräszlich andächtigen augen gen himmel. Thümmel reise 9 (1803), 50;

was er verhüllte, war freylich kein hals
von solcher Griechischen federkraft, als
hier einer sein schnürband zerrisz. 6 (1794), 256.


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
schnürboden, m.
1) im bühnenraume des theaters der boden zum befestigen und handhaben der schnüre, an denen die decorationsstücke hangen Hügel 143b, allgemein üblich.
2) aufreiszboden, ein wagrechter bretterboden, auf welchem zeichnungen in natürlicher grösze aufgetragen werden, behufs genauer ausarbeitung der theile, z. b. bei holztreppen Karmarsch-Heeren3 7, 778.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
schnürbrett, n. 1) bei den buchbindern brett zum schnüren der bücher Jacobsson 7, 266a. 2) in der weberei harnischbrett, gallirbrett Karmarsch-Heeren3 7, 778.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
schnürbrust, f. zum schnüren eingerichtete brustbekleidung des weiblichen geschlechts, corset, brustschnur, quod frequentius efferunt eine schnürbrust, mamillare Stieler 1907, busto da donna da esser lacciato dinanzi ò dietro Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 635b, fibulatorium, ometis Steinbach 1, 212, pectorale muliebre, schnür-leib Frisch 2, 217c, schnür-brust, schnürleib, schnür-mieder, auch gorgentine genannt, ist ein .. mit eitel dicht an einander geschobenen fischbein-stäblein durchsteifftes und belegtes brust-stücke .., worinnen das frauenzimmer ihren leib zusammen zu schnüren und zu befestigen pfleget. frauenz.-lex. (1715) 1753. bei Adelung vom schnürleib als mehr gesteift und an der brust mehr gewölbt unterschieden; Lessing schreibt schnierbrust; da kombt etwan eines seidenkramers jung, der bringt etwas der frauen zur schnürbrust, dem mann etwas zu ausz-staffierung eines kleides. Schuppius 203; er (Lelio) ist besser gewachsen und schlanker, ob er gleich keine schnierbrust trägt. Lessing 1, 378; kein nackend hälsgen mehr, nicht mehr ohne schnürbrust, dasz es mir ordentlich lächerlich tuht. Göthe briefe 1, 133 Weim. ausgabe; der hofmeister ... umkleidete mich mit einer entsetzlichen schnürbrust. Arnim 2, 154;

mit einer schnürbrust war des Putzes brust bedecket.
Zachariä 106 (renomm. 6, 61);

den matten damen ward schnürbrust und saal zu enge. 259 (schnupft. 3, 346);

in eine kleine fliege, —
siehst du, was ich erfand! —
verwandle dich (Amor), und fliege
auf ihrer schnürbrust rand.
Bürger 5a;

drauf leg' ich ihr die schnürbrust an. 18b;

auch ward ihr in die länge
die schnürbrust mächtig enge. 22a;

(er) hub, um brust und hüften,
die schnürbrust an zu lüften. 23a.

im bilde: ich soll meinen leib pressen in eine schnürbrust und meinen willen schnüren in gesetze. Schiller räuber schauspiel 1, 2.

 

Eingabe
Wörterbuchtext:
Stichwort:
 
  

 

Artikel 1 bis 2 von 2
1) gon
 ... gon , gohn , m. , ein schöpfgefäsz
 
2) gon
 ... gon , gohn , m. , der für