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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewissensruf bis gewissensschmerz (Bd. 6, Sp. 6329 bis 6332)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewissensruf, m.: gewiszensruf, aculeus, testimonium conscientiae Stieler 1628.
 
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gewissensrüge, f. , in buchungen spät bezeugt, in einzelnen belegen in das 17 te jahrhundert zurückreichend: gewissensrug und anfechtung sind auch unter den dingen, die denen, so gott lieben, müssen zum besten dienen Chr. Scriver Gottholds siech- und siegsbitte 367; ein jeder kirchgänger und zuhörer sollte billich auch zugleich ein genauer kirchenrüger mit sein — es ist recht, dasz man andere; aber nicht unrecht, dasz man sich selbst urtheile und rüge. je schärfer seinem eigenen gewissen, je auffrichtiger gegen gott ... die gewissensruge ist eines christen einiger nöthiger ... des neunhäutigen baurenstandes lasterprobe (1684) s. 68; die buchungen setzen erst in der mitte des 18ten jahrhunderts ein; in ihnen, wie in den wenigen litterarischen belegen ist der bedeutungsgehalt des substantivs vorwiegend subjectiv gerichtet, die bethätigung erfolgt meist von innen heraus
1) unbestimmt bleibt: gewissensruge forum conscientiae Frisch 2, 454a; bei Campe andererseits scheinen beide richtungen getroffen zu sein: gewissensrüge, eine rüge, welche das gewissen trifft, wobei man sich getroffen fühlt; die rüge des gewissens, der gewiszensbisz 2, 367b; dagegen ist das objective moment sichergestellt, die bethätigung erfolgt von auszen in: die mittelbare gewissensrüge traf ritter Dankwarten auf den lebendigen fleck Benzel-Sternau bei Campe 2, 3676; ... so gewissenhaft war sie in absicht der vorrechte des himmels ... der arme Theodor muszte seine leichtsinnigen reden mit einer nachdrücklichen gewissensrüge büszen ... Musäus physiogn. reisen 3 (1788), 16;
2) die subjective richtung, in der sich schon die ältesten belege bewegten, wird auch durch die von Campe oben als letzte angezogene parallele mit gewiszensbisz gekennzeichnet, vgl. die gewissensrüge s. gewissensbisz Adelung 2, 671; desgl. Schwan 1, 748a. remorse Hilpert 2, 1 s. 465c; der schlechte thut es nicht ohne besonnenheit, nicht ohne gewissensrüge; das sittliche gefühl thut noch versuche, ihn eines bessern zu belehren Lavater ausgew. schr. 1, 321 Orelli; es war also kein wunder, dasz graf Gombald, der sitte und der denkungsart seines zeitalters gemäsz, eine schwere gewissensrüge über die zu nahe verwandtschaft mit seiner gemahlin empfand Musäus volksmärchen 3, 51 Hempel; vgl. auch 2, 119.
 
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gewissensruhe, f. , im gegensatze zu der verbindung unruhe des gewissens (s. sp. 6275) spät, zuerst zu ausgang des 17 ten jahrhunderts beobachtet und aus der litteratur des 18 ten wie des 19 ten jahrhunderts mehrere male bezeugt; vgl. religionsruhe theil 8, sp. 802.
1) (Christoph Fürer von Haimendorf) geistliche gewissens-ruhe oder antwort auf die frage; ob und wie einer bei der evangelischen religion ruhig und sicher sterben könne 1699; dann, unter allen schätzen, welche ein mensch, in diesem leben, besitzen kan, ist der fürnehmsten einer, die gewissens-ruhe Butschky rosenthal (no. 376: das behutsame gewissen) 812; kehre um o Lympida? lege einen eiferigen fleisz, einen standhafften ernst an, herwieder zubringen die verschertzte gewissensruhe: des hertzens zufriedenheit ... Grimmelshausen wiedererstandener Simpl. 3, 401; gewiszensruhe, conscientiae tranquillitas Stieler 1635; Aler 1, 940b; Matthiae 2 181b; Kirsch 2, 152a; la bonne conscience, paix de conscience

[Bd. 6, Sp. 6330]


Schwan 1, 748a; peace of conscience Hilpert 2, 1 s. 456c; die gewissensruhe, die ruhe des gewissens, d. i. die überzeugung von der übereinstimmung seiner handlungen und seines ganzen zustandes mit dem göttlichen gesetze Adelung 2, 671;

und wenn ihm noch die sünde droht,
so eilt es Salems hügeln zu
und hohlt sich dort gewissen-ruh
Joh Chr. Günther (die früchte eines guten gewissens) ged.2, 97;

welcher zustand des gemüthes die freudigkeit des gewissens, oder die gewissens- ruhe ... genennet wird Zedler 10, 1391;

lern, dasz nichts selig macht als die gewissens-ruh,
und dasz zu deinem glück dir niemand fehlt als du.
Haller (die verdorbenen sitten 221) 98 Hirzel;

denn dafür kann bei meinem herrn kein mensch schwören, der seine gewissensruhe lieb hat Matthias Claudius an Herder (1771) aus Herders nachlasz 1, 368;

beschämet eilt er hin,
zu seiner niedern, ihm nun wieder theuren hütte,
in der die segenspenderin,
gewissensruhe, wohnt.
Alxinger (Doolin 1, 43) 4, 20;

zu verlieren habe ich nichts, als gewissensruhe, die ich nicht verlieren möchte Iffland (dienstpflicht 5, 8) 10, 139; frevel am eigenthum und an der gewissensruhe armer ... menschen K. E. Franzos ein kampf ums recht (5) 14, 112.
2) dazu vgl. die adjectivbildung ohne compositionszeichen: man giebt sich ein leichtes, gewissenruhiges ansehen, trällert, spricht vom diner K. Gutzkow aus der knabenzeit 285.
3) der contrastbegriff in der negierten form, der in der losen wortverbindung früh belegt ist (s. sp. 6275), erscheint in der composition seltener: dem hofmeister traue ich diese gewissensunruhe nicht zu Kästner 4, 123; dazu vgl. gewisensunruhe bei Campe 2, 367b; trouble de conscience Hilpert 2, 1, 466a.
 
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gewissensrührig s. das folgende.
 
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gewissensrührung, f. (vgl. DWB das gewissen rühren sp. 6283), aus der rechtssprache für die zuschiebung des eides belegt: dasz dergleichen ... wider den landes-herrn und dessen beamte ..., unternommene gewissens-rührung nicht statt finde Klingner 3, 56; allgemeiner: zumal sein gesicht keinerlei zerknirschung und gewissensrührung verriet P Heyse (das freifräulein) II, 17, 159: dazu vgl. die adjectivbildung: ich leugne es nicht, dasz der brief an meine mutter mit bitterkeit gewürzt war; der an Herrmann war gewissensrührig Hippel (lebensläufe 2) 2, 456;
 
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gewissenssache, f. , mit gewissensfall (s. sp. 6313), wie schon bemerkt, in der verdeutschung des lat. casus conscientiae zusammentreffend, während zu gewissensfrage (s. sp. 6314) nur mittelbar verbindungslinien führen.
1) die nächsten berührungen mit gewissensfall erschlieszt der an sich nicht so häufige pluralgebrauch, der nur in älteren zeugnissen belegt ist. die syntaktischen verbindungen, die hier beiden compositis gemeinsam sind, werden von anderen durchkreuzt, die unserem allein zugehören.
a) und sollen (bischöfe) doch so manche 100 und 1000 seelen regieren, darzu in geistlichen und hochwichtigen gewissenssachen, darauff sie sich doch so wenig verstehen Chr. Andreae trewhertzige busz-posaune (1643) F 2; (churfürst Friedrich III hat auf dem reichstag zu Augsburg) diese denkwrdige wort vorgebracht: ich erkenne in gewissens und glaubenssachen mehr nicht als einen herrn, den knig aller knige ... Zinkgräf apophthegmata 1, 105; ähnlich F. G. Lüdtke über toleranz s. 247;

disz bitt ich: wird mir eine that
des pöbels hasz und fluch gebähren,
so rede weder schlimm noch gut,
und schätze nur mein redlich blut!
in übrigen gewissens-sachen
darff doch kein andrer vor mich stehn.
Joh. Chr. Günther ged.2 85.

dasz diejenigen, die mit gewissens-sachen zu thun haben, eine fertigkeit im demonstriren erlangten Chr. Wolff ged. v. d. menschen thun u. lassen (§ 59) 99; desgl. (von gewissenssachen sprechen) verdeutschung von Marivaux paysan parvenu 78 (s. oben gewissensrat).

[Bd. 6, Sp. 6331]



b)

es sind gewissens-sachen,
gottes güter schmaler machen.
Petri 2, Cc 6a;

ein testament verständlich machen,
ist eine von gewissens-sachen.
Grimmelshausen wiedererst. Simpl. 33a (inhaltsangabe von 2, 6);

ich glaube gar, wenn sie (deine mutter) noch lebte, du schämtest dich ihrer ... doch das sind gewissens sachen, die dir dein beichtvater einschärfen soll, wenn ich sehe, dasz du in deinen verderblichen irrthümern verharrest Lessing (der junge gelehrte 1, 3 ausgabe v. 1754) 13, 290.
2) im singulargebrauch entfernt sich unser substantiv von seinen nächstverwandten am weitesten. freilich läszt sich dies auch hier nicht aus den buchungen nachweisen, die zwar früh einsetzen, aber dann sehr lückenhaft fortgeführt werden. so tritt bei einigen das bedeutungsverwandte gewissenspunkt in die lücke, das nur in buchungen belegt ist; vgl. gewissenspunkt, res conscientiae Stieler 1486; ebenso Frisch 2, 74b; gegen: gewissenssache, un cas de conscience, casus conscientiae Duez (1664) 199b; a matter of conscience. teutsch engl. wb. 2, 775; ebenso Hilpert 2, 1 s. 465c; le cas de conscience Schwan 1, 748a; eine jede sache, welche das gewissen betrifft; eine sache, wozu man des gewissenswegen verbunden ist Adelung 2, 671; ähnlich Campe 2, 367b; obwohl Adelung 2, 671 ebenso wie Rondeau 2, Uu 4a, Schwan 1, 748, desgl. Campe 2, 367b; Hilpert 2, 1, 465b auf gewissensfall verweisen, sind gerade bei Adelung und Campe die charakteristischen verbindungen gebucht, in denen sich gewissenssache von gewissensfall abhebt: es ist eine gewissensache für mich Campe; sich etwas zur gewissenssache machen Adelung, Campe; vgl. auch Sertz 55a s. u.
a) unter den präpositionalverbindungen tritt beim singular die mit in zurück, sie ist hier nur mit collectivbedeutung belegt, die sich mit den obigen pluralen aufs engste berührt:

nit gestatten, dasz man neue lehr
einführe, noch das reich beschwer
mit neuerung in gewissens sach. kampf- u. streitl. v. 1620 bei
Opel u.
Cohn 362;

eine ausnahme bildet sonst nur die philosophische darlegung in: in einer gewissenssache (causa conscientiam tangens) denkt sich der mensch ein warnendes gewissen (praemonens) vor der entschlieszung; wobei die äuszerste bedenklichkeit (scrupulositas) ... in fällen, darüber das gewissen der alleinige richter ist (casibus conscientiae), nicht für kleinigkeitskrämerei ... beurtheilt werden kann Kant (metaphysik d. sitten 2, § 13) 5, 274. dagegen sind mit dem singular neue verbindungen verknüpft: wolte deszwegen auch nicht zu einer gasterei gehen, darzu er geladen worden. weil es aber doch für ein gewissenssache zu halten, seinem nachbarn nicht vorzuspannen, wann es an die freszarbeit gehet, hat er sich dennoch eingestellet Grimmelshausen wiedererst. Simpl. 3, 564; ich halte es für eine gewissenssache, rei religio me tenet, in religionem verto Serz 55a; wollten es für eine gewissenssache halten Göthe (deutsche sprache) 45, 135: und endlich machte man es sich überhaupt in den klöstern zu einer pflicht und gewissenssache, die werke des altertums zu erhalten Fr. Schlegel (gesch. d. alten u. neuen lit. 1); sein beichtvater machte es ihm zur gewissenssache die weihe zu nehmen Göthe (Philipp Neri; gewissens sache s. Weimarer ausg. 32, 411) 20, 195; seid ohne sorgen, freund Sancho, sagte der barbier, denn wir wollen euern herrn bitten und ihm noch dazu den rath geben, ja es ihm zur gewissensache machen, kaiser und nicht erzbischof zu werden Tieck übers. des Don Quiqote (3, 12) 15, 213; das gleiche auch Nicolai Sebald. Nothanker 3, 16;
b) aus dem letzten gebrauch entwickeln sich vereinzelte objectfunctionen des substantivs, dem solche verbindungen sonst fremd sind: man wollte eine staats und gewissenssache daraus machen Göthe (an frau v. Stein 2. 11 1779) briefe 4, 119; dazu vgl. auch: der kurfürst betrachtet aber die geschäfte auch als gewissenssache H. König die clubisten in Mainz (1, 6) 1, 75; vgl. religionssache th. 8, sp. 802.
c) die meist belegte verwendung trifft die subjectfunction, vorwiegend in der verbindung mit dem verbum substantirum,

[Bd. 6, Sp. 6332]


wie sie ja auch beim pluralgebrauch mehrmals beobachtet war.
α) (ich würde) es für christenpflicht halten durch meine enthaltsamkeit zu zeigen, die sache sei mir gewissenssache (Hermes) Sophiens reise (1776) 3, 563; die republik ist für uns eine gewissenssache, eine religiöse angelegenheit Herweghs progr. der süddeutschen partei bei Sybel begründ. d. d. reiches 14, 154; nur freilich in der ersten freude meiner geistigen erneuung war es mir eine dringende gewissensache ... für meine eigenen reformen heftige und tumultuarische propaganda zu machen Gervinus selbstbiogr. 131.
β) es ist eine gewissenssache, mit der wir zusammen wirken müssen Göthe briefe 28, 110; religion ist gewissenssache; wer sie zwingt, zerstört sie Lavater (duldung) ausgew. schr. 1, 275 Orelli; ist es auch erlaubt, im namen der bauern eurer getreuen gemeinde Bonnal etwas anzubringen, das eine gewissensache ist? Pestalozzi Lienhard (1, 90) 13, 297; (dasz es gewissenssache war) D. F. Strausz (leben Jesu) 3, s. XV; sie wollten sich die mühe nicht geben, ihm seinen irrthum zu benehmen, da es ihnen schien, dasz es keine gewissensache sei, wenn sie ihn darin lieszen Tieck übers. d. Don Quixote (3, 121) 15, 213; das ist eine gewissensache, für holländ. daar zon ist eene gewetenszaak van maken Wander 1, 1675; muszt ... mir auch nit bös sein, dasz ich dir nit klar machen kann, was mich da verpflicht't und bind't; aber es is ein' g'wissenssach', wohl ein g'wissenssach', dasz ich mein' andern kindern ihretwegen nix entziehen darf Anzengruber (der schandfleck 21) 23, 290; 'um Jesu willen!' rief die schwester: 'das darf nicht sein — wo soll sie bleiben in der nacht? ich gehe ihr nach und rufe sie zurück: es ist gewissensache — nicht wahr papa, so darf man sie nicht lassen?' Mörike (maler Nolten 1) 4, 228 Krausz; 'das wort sie sollen lassen stahn', das ist recht und ordnung; dafür bin ich da, das ist gewissenssache. für alles andre aber haben wir die vernunft Fontane (Cécile 13) I, 4 s. 324; dazu vgl.: aber von Vincke mich loszusagen, den trotz allem hochverehrten führer zu verlassen, das ging mir nahe wie eine gewissenssache R. Haym aus meinem leben 300.
 
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gewissensschanze, f.:

so bleibt dir doch an diesem tantze
die glaubens- und gewissens-schantze
gantz unverletzt, und kannst ertragen,
was gott zuschickt an schmertz und plagen.
J. W. Brodtkorb Ringwalds teutsche warheit 194.


 
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gewissensschärferschärfung, aus Immermann belegte composita zu der verbindung das gewissen schärfen (s. sp. 6284): die herzogin konnte dem gewissensschärfer doch nicht auf sein dörflein folgen; er muszte sich also damit begnügen, eine ausgearbeitete heilsordnung zu hinterlassen (epigonen 8) 4, 154 Maync; jetzt wandte sich der polizeicommissarius um und wollte mit noch höherer würde diese gewissensschärfung vornehmen (5, 6) 3, 371;
 
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gewissensscheu, adjectiv: Benno grüszte einfach und schüttelte dem gewissensscheuen, im laternenschimmer vollends geisterbleichen Thiebold die hand K. Gutzkow d. zauberer v. Rom (5, 5) 5, 123; vgl. gewissensängstig.
 
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gewissensschlaf, m. (vgl. DWB schlaf des gewissens sp. 6276); gewissens-schlaff, ist derjenige zustand des gemüths, da die vernunfft den affecten des willens dermassen unterworffen ist, dasz sie die anklage unvernünfftiger thaten, welche wider die regeln des gesetzes streiten, eine zeitlang unterlässet J. G. Walch philos. lex. 12, 1319; vgl. der gewissensschlaf ... fortdauernder mangel der beurtheilung seiner handlungen nach dem gesetze Adelung 2, 671; l'endormissement de la conscience Schwan 1, 748a; vgl. auch Campe 2, 367b; Hilpert 2, 1, 465c.
 
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gewissensschmerz s. gewissenspein.

 

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