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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewissensfrei bis gewissensgewicht (Bd. 6, Sp. 6316 bis 6321)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewissensfrei, gewissenfrei, adjectiv, gleichzeitig mit dem viel gebrauchten substantiv (s. gewissensfreiheit) bezeugt und im gegensatz zu diesem nur selten beobachtet. die verwendungen, die in den entscheidenden punkten von diesem abweichen, stimmen dafür mit den lockeren formen der verbindung des adjectivs eng überein.
1) die beziehung auf eine übergeordnete instanz, die beim gebrauch des substantivs zunächst wesentlich ist, findet beim adjectiv wenig spielraum. höchstens mündet dessen vereinzelte verknüpfung mit einem unpersönlichen substantiv hier ein: gewissensfreie kirchensachen, adiaphora Stieler 558; vgl. dazu Luther 1 Corr. 10, 29 s. oben sp. 6274.
2) dagegen wurzelt im adjectivgebrauche eine auffassung, die beim substantiv erst in der neueren entwicklung durchbricht, der hinweis auf die innere veranlagung des gewissensträgers: gewissensfrei, securus in conscientia Stieler 558; ebenso Matthiae 2, 181b; Kirsch 2, 152a: war dagegen auch nur einer der parten 'antiduellant' oder gewissensfreier, so durfte nur auf eine mündliche ehrenerklärung erkannt werden M. Boehm Dorpater studentendeutsch s. z. d. allg. dtsch. sprachvereins 19, 69; vgl. ein frei gewissen (Opitz) sp. 6274; ins gefühl, in der bürgerlichen welt nur in einer ganz ehrlichen und gewissenfreien ehe glücklich sein zu können G. Keller (leute v. Seldwyla 1) 4, 150; vgl. ein frei gewizzen und ein rein sel (meister Eckart) s. sp. 6237.
 
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gewissensfreiheit, f. , wie das adjectiv erst zu ende des 17. jahrh. belegt, doch in bildung und entwicklung von diesem nicht beeinfluszt. vielmehr weist es auf fremdsprachliches vorbild. den ersten anhaltspunkt geben die edicte Heinrichs IV von Frankreich, die den religionskämpfen in diesem lande ein ende machten: les supplications & remonstrances, qui nous ont esté faites par nos sujets ... sur ce qu'ils desireroyent ... pour l'exercice de leurdite religion, la liberté de leurs consciences et la seureté de leurs personnes edict v. april 1598 vorr. (recueil des edicts de pacification ... 1626) 272. noch näher führt der vertrag des herzogs v. Rohan mit dem könig Philipp IV. v. Spanien, der für einen etwaigen sieg der Hugenotten die sicherstellung der französischen katholiken be zweckte: promet en outre ledit sieur de Rohan de maintenir & donner pleine et entière liberté de conscience (Mercure de France 15, 455). in beiden fällen baut sich der begriff des compositums auf dem äuszeren verhältnisse auf, in

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dem der gewissensträger an eine mächtigere instanz gebunden ist. in der deutschen reformationsbewegung war dieses äuszere moment hinter der innerlichkeit des gewissensdranges ganz zurückgetreten, es kam erst in den staatsrechtlichen umwälzungen um die mitte des 16. jahrhunderts zum durchbruch, ohne ein genügendes sprachliches ausdruckmittel zu finden: so sollen die kayserl. maj., wir, auch churfürsten, fürsten und stände des h. reichs, keinen stand des reichs, von wegen der augspurgischen confession, und derselbigen lehr, religion, und glaubens halb, mit der that gewaltiger weisz überziehen, beschädigen, vergewaltigen, oder in andere wege wider sein conscientz, wissen und willen, von dieser augsdurgischen confessions-religion, glauben, kirchengebräuchen, ordnungen und ceremonien ..- bringen ... sondern bei solcher religion, glauben, kirchengebräuchen ... auch ihren haab, gütern ... ruhiglich und friedlich bleiben lassen reichstagsabschied v. 1555 § 15. von hier aus war eine zusammensetzung mit religion vorbereitet, und in der tat erschien zu beginn des 17. jahrhunderts neben loseren verbindungen wie freistellung der wahren religion, freiheit der religion auch das compositum, das heute wieder boden gewinnt: die assecuration der religionsfreiheit relation von Böhmischen sachen (1609) s. 13. zunächst wurde diese entwicklung jedoch unterbunden: in den instrumenten des Westphälischen friedens tritt gleichzeitig mit der lateinischen formel (salva ibidem cujusque conscientiae libertate art. 7 § 1) auch unsere neue prägung zu tage, beides wohl nicht ohne französichen einflusz. neben: soll auch keinem theil, des anderen an seiner religions ubung ... zu deturbiren erlaubet sein. sondern die bürger sollen ... freier genieszung ihrer religion vnd güteren ... sich gebrauchen abdruck des instrumentum pacis 1648 X. no 11; vgl.: dasz was rechtens, oder beneficii ... den anderen ... reichs-ständen gönnen ... solches den jenen ständen gegönnet ... sei, welche reformirte genennet werden, doch allzeit mit salvirung der ständen, die man protestanten nennet ... auch mit erhaltung eines jederen gewissens freiheit VII. nicht also ein innerer zustand des gewissens, wie er in den verbindungen des adjectivs (s. freies gewissen, s. gewissensfrei) gekennzeichnet wird, soll mit dieser gewissensfreiheit erfaszt werden, sondern die geltendmachung von gewissensrechten nach auszen, und zwar zunächst im verhältnisz der reichsstände unter einander und gegenüber dem reichsoberhaupte. in den vorbedingungen des deutschen compositums ist dieser bedeutungsgehalt wenig vorbereitet, im gebrauch der wenig belegten lateinischen formel libertas conscientiae ebenfalls nicht, die in der philosophischen sprache des Boethius (vgl. oben sp. 6233) mit der beziehung auf den inneren stand des gewissens gebraucht wird, aber für das deutsche gewissen hatte sich oben (s. sp. 6244) in älteren buchungen doch engste berührung mit dem lat. religio ergeben, dazu kommt, dasz der contrastbegriff zu unserem compositum im gewissenszwang (s. d.) schon zu beginn des 16. jahrh. sprachlichen ausdruck gefunden hatte und dasz von diesem aus durch die kraft des gegensatzes schon die hebel für eine entsprechende wortschöpfung bereit lagen, ehe der französische einflusz sich geltend machte.
1) seitdem hat sich die bildung rasch eingebürgert und bei ihrer beschränkung auf das äuszere verhältnis des gewissensträgers zu einer übergeordneten instanz, von der er toleranz fordet, erweitert sie mehr und mehr den kreis der bevorrechteten. zunächst sind es staatsrechtliche corporationen, vor allem die reichsstände, die mit dieser freiheit begabt sind, allmählich aber tretenstark unter dem einflusse englischer anschauungen und des von Locke geformten begriffes der toleranzdie einzelnen unterthanen, tritt der mensch als individuum an die stelle.
a) ja wir (könig Karl) werden es an unserm teile, unsere bewilligung zu dieser zulaszung der gewissens-freiheit oder dergleichen verordnung der reichsglieder zu geben ... niemahls ermangeln laszen Zesen verschmähete, doch wieder erhöhete majestäht 245; wenn man zusage der gewissensfreiheit gethan, werden andere landgegenden ihnen zufallen Praetorius zodiacus Mercurialis 104; wiewol er (Cromwel) seine list meisterlich, unter dem fürwand der gewissensfreiheit, zu verstecken wissen Er. Francisci

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lustige schaubühne (1, 5) 1, 852; und woher ist das kleine Holland, zu einer so wunderwürdigen macht gelanget, als weil es allen völkern der welt die unschätzbare gewissensfreiheit erlaubet? Gottsched (v. d. verderblichen religionseifer) ges. reden (1749) 527; alle rechte, welche der letztere (der majestätsbrief Rudolphs II) den protestanten bewilligte, kamen nur den ständen, nicht den unterthanen zu gute, und blosz für die unterthanen geistlicher länder hatte man eine schwankende gewissensfreiheit ausbedungen Schiller (dreisz. jähr. krieg 1) 8, 67; den protestanten aber ward völlige gewissensfreiheit zugesichert Stolberg (reise in Deutschland ... 18. brief) 6, 200.
b) gewissens-freiheit, ist dem gewissenszwang entgegengesetzt, und bestehet darinnen, dasz eine weltliche obrigkeit einem ieden sein gewissens-recht, das ist in gewissenssachen nach seinem gewissen zu handeln, ungekränckt lasse J. G. Walch philos. lex. 12, 1318; ebenso Hübner 978. dazu vgl. schon: autonomia religionis, freistellung der religion, gewissens-freiheit derer unterthanen, die durch den religionsfrieden und andere reichssatzungen eingeführte freistellung der religions- und gewissensfreiheit Zedler 2, 2272; die gewissensfreiheit wieder hergestellt .. Herder (antrittspred. 1767) 31, 26; eminenz! wir sind in einem lande geboren und erzogen, wo vollkommene gewissensfreiheit herrscht Göthe (Philipp Hackert: kardinal Pallavicini) 37, 142; er (der 6. art. der constitution) verheiszt jedem bewohner Helvetiens die uneingeschränkteste gewissensfreiheit proklamation v. 1798. s. akten d. helvet. republ. 2, 927; die gewissensfreiheit ist uneingeschränkt (la liberté de conscience est illimitée) verfassung v. 1798 ebda 1, 568; rechtmässigkeit ... der toleranz und gewissensfreiheit (buchtitel) Hamburg 1728; über gewissensfreiheit und toleranz (buchtitel) Münster 1803; dulde jeden menschen neben dir in seinem glauben ... und verstatte ihm die gewissensfreiheit, die du für dich selbst verlangst F. G. Lüdtke über toleranz und gewissensfreiheit (Berlin 1774) vorr. s. 17 ebenso s. 12; jedem einwohner im staate musz eine vollkommene glaubens- und gewissensfreiheit gestattet werden. niemand ist schuldig, über seine privatmeinungen in religionssachen vorschriften vom staate anzunehmen; allgem. preuß. landrecht II, 11 § 2. ein grosser vorzug der neueren staatsverfassungen ist die öffentliche anerkennung des persönlichen glaubens und gewissensfreiheit M. Aschenbrenner lösung d. widerstreits des partic-kirchenglaubens, mit der glaubensfreiheit (Darmstadt 1843) s. 7; hiernach versteht man unter gewissensfreiheit meistens ... das recht der freien öffentlichen religionsübung ... als zunächst nicht eine innerliche vollkommenheit des gewissens selbst, sondern ein äuszeres ... rechtsverhältnis ... (die) vom staate gewährte anerkennung oder duldung eines religiösen bekenntnisses H. Th. Simar das gewissen und die gewissensfreiheit (1874) s. 66; gewissensfreiheit und toleranz sind erst möglich geworden, nachdem der protestantismus ... dem päbstlichen absolutismus für einen teil Europas ein ende gemacht hatte Friedr. Lazius der toleranzbegriff Lockes und Pufendorfs (1900) studien z. gesch. d. theol. u. kirche 6, s. 1.
2) vielfach läszt der neuere gebrauch den spender der gewissensfreiheit hinter dem träger derselben zurücktreten, wie sich auch in den buchungen andeutet, die die parallele mit der toleranz gar nicht kennen: gewissensfreiheit, libertas religionis Stieler 561 (unter freiheit); ebenso Matthiae 2, 181b; Kirsch 2, 152a; gew.- oder religionsfreiheit, heiszt bei den juristen autonomia Frisch 2, 454b; the liberty to do what one means. teutsch-engl. lex. 2, 775; freiheit des gewissens, liberté de conscience Rondeau 2, Uu 4a; Schwan 1, 748a; Hilpert 1, 1 s. 465c; die gewiszensfreiheit, plur. car., die freiheit, nach dem vorhergehenden gewissen zu handeln, besonders in sachen, welche die religion betreffen, die religionsfreiheit Adelung 2, 760 u. a. aus diesem engeren zusammenhang mit religion oder confession wird das substantiv auch in den litterarischen belegen verhältniszmäszig selten gelöst. die tatsächliche entwicklung des gebrauches führt aber doch darüber hinaus, wie namentlich die begriffsbestimmungen und buchungen auf philosophischer seite zeigen s. u. (3).

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a) ob die religion, und gewissensfreiheit, mit dem schwert zu verfechten, oder nicht M. Zeiller episteln ... v. polit. ... materien (471) 5, 457; ohne aus staat, religion und gewissensfreiheit drei moralische wesen oder personen zu dichten ... sind staat, religion und gewissensfreiheit zuvörderst drei wörter ... Hamann (Golgatha u. Rhabl.) 7, 21; ich würde für die denk-, press- und gewissensfreiheit mein ganzes vermögen hingeben akten der helvet. republ. 2, 22 (1798); zwölf bisthümer sollten in den burgundischen landen eingerichtet werden, damit er (Philipp) das ganze besser zügelte ... alles dies sollte auf kosten der ständischen verfassung und der gewissensfreiheit durchgesetzt und eingerichtet werden E. M. Arndt ansichten und aussichten der teutschen gesch. 305; bleibt eingedenk der güter, die ... unsere vorfahren blutig erkämpften: gewissensfreiheit, ehre, unabhängigkeit, handel, kunstfleisz und wissenschaft aufruf Friedrich Wilhelms III 'an mein volk' (17. 3. 1813) Schles. priv. zeitung 20. 3. 1813; jeder Deutsche hat volle glaubens- und gewissensfreiheit art. 3 § 11 der grundrechte s. berichte d. Frankfurter nat.-vers. (3) 1632; und zugleich neben der berechtigten selbständigkeit der kirchen- und religionsgemeinschaften die glaubens- und gewissensfreiheit der einzelnen zu schützen Bismarck (im landtage 27. 11. 1871) 5, 218 f;
b)

das auch satanisch fein — die geister uns
bestrickend — uns das höchste aller güter,
gewissensfreiheit auch uns rauben will!
Z. Werner Luther (4, 1) 226;

innere gewissensfeiheit .. ist denkfreiheit; angewandt auf religiöse gesetze, wenn die anordnungen über die gewissensfreiheit treffen, (müssen wir) darunter eine äuszere gewissensfreiheit verstehen G. Th. B. v. Linde staatskirche, gewissensfreiheit (Mainz 1845) s. 1; es ist die vorstellung vollkommener gewissensfreiheit .. der freiheit des gewissens von jedem subjektiven wie objektiven zwange C. Boruttau gedanken über gewissensfreiheit (1867) s. 16; so wendet Locke .. nur den einen gedanken der persönlichen gewissensfreiheit hin und her, die andere seite der frage, das recht des staates berührt er ebenso wenig wie Bayle. Treitschke (Samuel Pufendorf) hist. polit. aufsätze 4, 283. ich nahm für mich selbst die volle gewissensfreiheit in anspruch, die ich auch meiner braut gewähren wollte. was die kinder betraf, so sollte die mutter darüber entscheiden, bis sie selbst in der frage über ihr seelenheil eine stimme haben würden P. Heyse (ital. nov. 1: Beatrice) II, 1. s. 329; lasset jedem die gewissensfreiheit, welche die philosophische duldung des jahrhunderts und besonders die constitution der ... republik allen bürgern zusagt akten der helvet. republ. 2, 233 (1798); die gewissensfreiheit soll nicht nur ungekränkt bleiben, sondern die religion und die gottesdienste unserer väter geschützt und geehrt werden Schweizer proklamation v. 1800 s. akten der helvet. republ. 6, 44 (im frz. text: la liberté de conscience).
c) in zusammenhang damit steht, dasz für das verhältnis des gewissensträgers zu den äuszeren gewalten mehr und mehr concurrenzformen in gebrauch kommen: glaubens- und gewissensfreiheit F. G. Lüdtke 236 u. a., freiheit in glaubenssachen s. 226; gedanken über die toleranz, d. i. über glaubens- und gewissenfreiheit. verdeutschung von Lockes epistola de tolerantia (1827) 21 (de mutuo inter Christianos tolerantia); nur von gewissensfreiheit, nicht von glaubensfreiheit war die rede C. Boruttau gedanken über gewissensfreiheit s. 62; zur religionsfreiheit (s. o) vgl.: über religions- und kirchenfreiheit von J. H. M. Ernesti (buchtitel) 1817; religionsfreiheit F. P. Stahl über christl. toleranz (1855) s. 173; in den reichstagsverhandlungen der session 1909/10 wurde bei der debatte über den sogenannten toleranzantrag des centrums mit vorliebe das wort religionsfreiheit gebraucht, gewissenfreiheit nur vereinzelt.
3) diese begünstigung der concurrenzformen hat auch darin seinen grund, dasz das wort gewissensfreiheit immer mehr von dem religiösen gebiet auf das allgemein sittliche gebiet hinübergreift, so dasz es den alten engeren begriff nicht mehr für jedes bedürfnis deckt: wer denk-, gewissens- und religionsfreiheit dem menschen raubt Ernesti s. 15; in der forderung der 'gewissensfreiheit' ist die negation jeder heteronomie betont, also indirect die selbstgesetzgebung

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ausgesprochen ... der ausdruck 'freies gewissen' hat ... für die bestimmung der sittlichen principien einen bloss begrenzenden, falsches ausschliessenden, d. h. negativen werth E. v. Hartmann 22 (das sittliche bewusstsein) 95; gewissensfreiheit ist das recht des menschen, in seinen reden und handlungen seiner eigenen überzeugung zu folgen Kirchner-Michaelis phil. wb.5 242. auf diesem rein sittlichen gebiete wird die schwer erkämpfte errungenschaft neuerdings am meisten auch wieder bestritten: preszfreiheit, redefreiheit, gewissensfreiheit, alles unsinn, alles ballast, von dem wir eher zu viel als zu wenig haben Fontane (Cécile 20) I, 4 s. 397. von allen möglichen standpunkten, oft in buntem durcheinander, redet und schreibt man heute über die gewissensfreiheit, vom standpunkte des glaubens und des unglaubens, vom standpunkte der kirche und des staates ... von gewissensfreiheit reden selbst diejenigen, und vielleicht am dreistesten, welche nicht an gott und das gewissen glauben H. Th. Simar das gewissen und die gewissensfreiheit; dazu vgl. DWB denkfreiheit, DWB gedankenfreiheit.
 
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gewissensfreude, f., vgl. gewissensfreude, gaudium bonae conscientiae Stieler 552 (bei freude);

dann hierinn wirst du finden,
ein abscheu gegen die sünden,
und in traurigkeit,
eine gewissens-freud.
Abr. a S. Clara gehab dich wohl (1729) titelblatt;

vgl. gewissensfriede.
 
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gewissensfreund, s. gewissensrat.
 
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gewissensfriede, m., vgl. gewissensfreude: das (Röm. 5, 1) ist der innerliche gewissensfriede, der nur ein vorschmack himmlischen friedens giebet J. B. Carpzow leichenpredigten (1698) 78; ja, der euserliche kirchen-fride, flöst sich allgemach gar dem innerlichen gewissens-fride ein, und verkehret di arbeit der jenigen, so streitschrifften machen und lesen, in eitele andacht und busswerke Butschky 500 sinnen reiche reden no. 306; vgl. A. Hevekosz, gewissensfriede Leipzig 1907.
 
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gewissensführer, s. gewissensrat.
 
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gewissensfurcht, f. s. gewissensangst.
 
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gewissensgeisel, f.: viele jahre hernach, als Jacob ... den weg aller welt gegangen war, wurde die gewissens-geissel, bei ihnen aufs neue rege; dann, sie fürchteten sich, und sprachen: Joseph möchte uns gram sein, und vergelten alle bosheit, die wir an ihm gethan haben Butschky rosenthal 1096; vgl. DWB ja, DWB es hat manchem die geissel. seines gewissens ... mitgespielet 1097.
 
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gewissensgemahlin, f., vgl. gewissensehe: madame de Maintenon mit ihrer gewöhnlichen gravité, welche einen königlichen epouse de conscience oder gewissensgemahlin, wie man concubinen von condition nach heutigem stylo nennet, sehr wohl anstunde des träumenden Pasquini staats-phantasien (1907).
 
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gewissensgericht, n. , mit verschiedenartigen beziehungen beobachtet:
1) ganz allgemein gehalten sind verwendungen, wie das stichwort gewissensgericht im register zu Rollenhagens froschmeuseler (1627) für die stelle:

so setzt mens der vernunfft sein liecht,
darnach sie die abmessung richt.
lehret was gott und tugend sei ...
wie auch untugend tausentfacht
gestraffet wird durch gottes macht Ff. 3b;

in der gleichen richtung bewegen sich die verdeutschungen des lateinsichen vorbildes: so lehret jedoch der weltberühmte rechtsgelehrte Bartholus, dasz dieses gesatz in dem gewissens-gericht, oder in foro conscientiae nicht statt oder platz habe Abele künstl. unordn. (3, 40) 3 (1671), 274; gewissensgericht, forum conscientiae, sive chori Stieler 1557; gewissensgericht, das aus trieb des gewissens, der billigkeit wegen niedergesetzt und gehalten wird Campe 2, 367a.
2) auf bestimmte fremdländische (russische, englische) behörden weisen einige andere belege; gewissensgericht, das, ist in jeder statthalterschaft der richterstuhl wo streitigkeiten gütlich verglichen, auch verbrechen der unmündigen, wahnwitzigen u. d. g., abgeurtheilt werden (Aug. Wilh. Hupel) idiot. d. deutschen sprache in Lief- u. Estland 78; dazu vgl. schon: das gewissensgericht, oder das

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gericht der billigkeit, ist eine behörde, welche man in andern reichen nicht findet staatsverf. d. russischen reichs 1 (1791) 478; nur das canzleigericht (court of chancery) welches ein gewissens- oder billigkeitsgericht ist, nahm es zuerst über sich, den beklagten zu einer genaueren befolgung der im vertrage versprochenen sache anzuhalten (the court of chancery, as a court of conscience ...) Garve übers. v. Adam Smith's nationalreichthum (5, 1, 2) 4, 54; gewissensgericht, court of conscience Hilpert 2, 1, 465c.
3) das nomen agentis hierzu, das früh belegt ist, geht nicht über die allgemeineren verwendungen hinaus: hat er endlich einen kloster-geistlichen gefunden der in sein begehren gewilliget ... dieser gewissens-richter ware dem wucher sehr angenehm Abr. a S. Clara grammatica religiosa oder geistl. tugend schul. (1699) 511; ohne dieses werden sie in kurzer zeit schädlicher als nützlich, bilden herrscher, sklaven, heuchler, sekten, sektirer, kleingeister, gewissensrichter, scharfrichter, altfromme ... Lavater (über privatversamml. zur erbauung) ausgew. schr. 1, 266 Orelli.
 
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gewissensgewicht, s. gewissenslast.

 

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