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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewissenschlüssel bis gewissensfall (Bd. 6, Sp. 6311 bis 6313)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewissenschlüssel, n.: es heissen nit hertzen schlüssel oder gewissen schlussel, sondern himel schlussel. Christus sprach nit zu Petro: »ich wil dir geben die schlussel der hertzen oder gewissen« ... sondern also sagt er: »ich wil dir geben die schlussel des himel reichs« Luther (v. d. beicht. ... 1521) 8, 161 Weimar.
 
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gewissensdirektor, s. gewissensrat.
 
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gewissensdrang, m. , nur in fester präpositionalverbindung bezeugt.
1)

wie einst den könig Salomo,
die narrenpossen auch gereuten,
daher er aus gewissensdrang
die männer seiner weiber zwang,
ihm eine kirche zu bereiten,
um da durch predigt und gesang
so lieb' als wein, die eitelkeiten!
ohn roth zu werden, zu bestreiten.
Goekingk (ep. an frau Holzmann) ged. 1 (1780), 71;

[Bd. 6, Sp. 6312]


dazu vgl.: Sophiens gefährliche entdeckung aus gewissensdrang Klinger (Sahir 4, 2 überschrift) 10, 156.
2) in der gleichen präpositionalverbindung ist auch das bedeutungsverwandte gewissenstrieb zuerst belegt: da die alte dienstmagd ... aus eigenem gewissenstriebe, der obrigkeit angezeigt hatte wie ... Schnabel insel Felsenburg 1, 311 Ulrich; ebenso F. G. Lüdtke über toleranz (1774) s. 380; desgl. Campe 2, 367b; hier sind aber auch noch andere formen der präpositionalverbindung beobachtet: die zu einem heilsamen gewissenstriebe nöthigen überlegungen Zedler 10, 1391; durch schamhaftigkeit, ehrliebe, gewissenstrieb H. H. Clodius bildung d. ndd. bauern 44; anders gewissensempfindung (s. d.) und gewissensregung (s. d.).
 
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gewissensdruck, m.: die zwangsvorrichtungen des gewissensdruckes C. Boruttau gedanken über gewissensfreiheit (1867) 17; gewissensdruck und unsicherheit des geistes B. Weber 234; vgl. auch gewissens-pressur-zwang.
 
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gewissensehe, f., eine der jüngsten verdeutschungen für die in den verbindungen 'matrimonium conscientiae', 'matr.-clandestinum', 'mariage, de conscience' vorliegenden begriffe. als ältere ersatzworte vgl. DWB des hailigen tridentinischen concilij satzungen, von den haimlichen oder winckelheiraten Dillingen 1565; solche geheime ee und heirathen ebenda A 3a; haimlichen ehen und heirathen A 3a; gewissensheirath Schwan 1, 748a; Hilpert 2, 1, 465c.
unsere bildung begegnet bei Joh. Nic. Hertius (näml. Sam. Gottlieb Hoffmann) de matrimonio instaurato et conscientiae. von der wiedererneuerten, und gewissensehe diss. v. Wittenberg (1702, recusa 1740); später ist sie von Campe in sein verdeutschungswörterbuch aufgenommen und hat sich sowohl in der juristischen litteratur, als vor allem in der allgemeineren sprache durchgesetzt, teilweise mit änderung des begriffes insofern die den grundbegriff überwuchernde vorstellung des heimlichen neuerdings wieder mehr zu gunsten der ursprünglichen bedeutung, der verpflichtung auf das gewissen (s. gewissenspflicht), zurückgedrängt wird, vor allem bei P. Heyse, der dem compositum am meisten spielraum giebt: mariage de conscience ... gewissensehe das ist eine solche, bei der die gesetzliche form nicht beobachtet wird Campe verdeutschungswb. (2) 457a; dazu vgl. die gewissensehe ... auch die gewissensheirat, mariage de conscience wb. 2, 367a; mit dieser (der morganatischen) ehe darf man die sogenannte gewissensehe nicht verwechseln. man versteht darunter 'eine gesellschaft zweier personen verschiedenen geschlechts, welche für ein ausschlieszendes eheliches beisammensein auf lebenszeit, ohne beobachtung kirchlicher ehefeierlichkeiten, blos durch gegenseitige erklärung des eheconsenses errichtet wird' Weiske rechtslex. 3, 567; ehe, heimliche kann sein 1. eine formlose ehe (matrimonium clandestinum), auch winkelehe oder gewissensehe (matrimonium conscientiae) genannt Wetzer u. Welte 4, 165: ich sagte ihm, wir würden eine gewissensehe schlieszen. er müsse mir vor gott und seinem gewissen geloben, mir treue zu halten bis an den tod, das gleiche würde ich ihm geloben P. Heyse (gesch. aus Italien, Fedja) II, 11 s. 156; erst von ihm hab ich das wort 'gewissensehe' gehört; meine ganze religion tritt dawider, dann war ein stolz in mir, der lehnte sich auf gegen das heimliche. wenn zwei es wert sind, sich anzugehören, und ihr gewissen zum zeugen nehmen dürfen, sollen sie es vor den menschen verbergen, wie eine sünde? (im grafenschlosz) II, 7, 162.
 
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gewissensempfindung, f., wenn sie ... den allgemeinen menschlichen gewissensempfindungen, dem naturgesetz zuwider sind F. G. Lüdtke über toleranz und gewissensfreiheit (1774) s. 135; wenn man den grundbegrif der ganzen ästhetik, die schönheit, in ein ich weisz nicht was? des geschmacks verwandelt: und die grundlage der moral in ein gefühl, oder gewissensempfindung, oder gar in einen angebohrnen gehorsamstrieb sezzet ... Herder (fragm. über d. n. d. lit. 3) 1, 415; der vergleich der gewissensempfindung mit der wahrnehmung einer unser gehör treffenden stimme C. Boruttau gedanken über gewissens freiheit 3.
 
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gewissensentscheidung, f., vgl.: die schriften, welche zur darstellung dieser vermeintlichen wissenschaft

[Bd. 6, Sp. 6313]


dienten, waren die sogenannten summen von gewissensfällen (summae casuum conscientiae), zusammenstellungen von fällen besonders schwieriger gewissensentscheidung auf dem gebiete des sittlich erlaubten und unerlaubten, aber auch mit vielem kirchenrechtlichen inhalt Herzog's realencyklopädie f. protest. theol. 103, 118.
 
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gewissensentschuldigung, f., gewissens - entschuldigung, man pflegt offt zu sagen, dasz einen das gewissen entschulde ... diese entschuldigung (besteht) darinnen, dasz das folgende gewissen mit dem vorhergehenden übereinstimmet ... J. G. Walch philos. lex. 12, 1317; vgl. gewissensschuld.
 
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gewissenserforschung, f., s. gewissensprüfung.
 
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gewissensernst, m., wir hatten dem tapferen manne, dessen gewissensernst, dessen ehrliche überzeugungstreue über alles lob erhaben war, bisher treulich zur seite gestanden R. Haym aus meinem leben 165.
 
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gewissensfall, m. , vorwiegend im plural beobachtet, ist wie gewissensehe, -erforschung u. a. die verdeutschung eines lat. terminus der theologischen sprache, die auch in den allgemeineren sprachgebrauch überdringt. aus dem letzteren sind einige wenige singularformen belegt.
1) in der mehrzahl der belege ist das lateinische vorbild (casus conscientiae) dem deutschen worte vor- oder nachgesetzt: worauff sich angeregter herr Adam Burghofer in seinem noch vor 12 jahren in offentlich druck dazumal in duodez ausgegangen büchl, von gewissensfählen (centuriae selectorum casuum conscientiae Friburg 1665) ... beruffen Abele künstl. unordn. (1, 18) 1, 163; da haben sie (begegnete herr Ehrenhold) Mosen und die propheten, und ihre casus conscientiae, oder gewissensfälle, darinn sie besser finden, was grossen herren zu antworten sei, weder im Tacito Er. Francisci lust. schaubühne (2, 2) 2 (1671), 580; genau so Butschky Pathmos (no 938) 915; gewissens-fall, caso di conscienza, cas de conscience Rädlein 1, 384b; a case of conscience, teutsch-engl. lex. 2, 775; scrupel, casus conscientiae ... Aler 1, 941a; gewissensfälle, casus conscientiae Frisch 2, 454b; cas de conscience dict. des pass. 2, 280; ... gewissenssache, cas de conscience Rondeau 2, Uu 3 f.; ... gewissensfrage, le cas de conscience, point de religion Schwan 1, 748a; case of conscience Hilpert 2, 1, s. 465c; casuistik und ascetik, unnütze entscheidung künstlich ausgedachter gewissensfälle, und anweisung zu eben so unnützen geistlichen andachtsübungen, machte den gröszten theil der scholastischen moral aus (casuistry and an ascetic morality made up, in most cases, the greater part of the moral philosophy of the schools) Garve übers. v. Adam Smith's nationalreichthum (5, 1 3 abt. 2. hauptst.) 4 (1796), 146; einer der in gewissensfällen unterricht giebet, a. casuist. teutsch-engl. lex. 2, 775; der sich auf die gewissensfälle versteht, casuiste. Frisch dict. des pass. 2, 280; lehrer der gewissensfälle, casuiste Rondeau 2, Uu 4a; einen gewissensfall auflösen, resoudre un cas de conscience 2, Uu 3 f.; endlich bildete sich eine casuistik, in welcher man die lehre vom gewissen ausführlich und genau untersuchte und eine menge von gewissensfällen auflöste Stäudlin gesch. d. lehre v. d. gewissen 3;
2) so gebe ich einen jeglichen der seine seele von solchem satanischen reich und beherrschung der gewissen erretten wil, folgende gewissensfälle auf sein gewissen (Abr. v. Franckenberg) einige gewissensgründe ... (1692) s. 5; oder bei der so sehr herrschenden ungewissenhaftigkeit, wäre sie ein spiel, das unter gewissensfälle gar nicht zu rechnen wäre (Hermes) Sophiens reise nach Sachsen 3 (1778) 557; ich ging in gegenwart der schwester Agathe mit einem meiner anverwandten zu rath; er war in gewissens- und sündenfällen sehr bewandert und wuszte auf ein haar, was verdammlich und nicht verdammlich sei Klinger (Faustsleben 2, 10) 3, 104; gewissensfälle sind lagen des menschen, in denen er handeln musz, ohne über die moralität der handlung zur klarheit zu kommen Kirchner-Michaelis phil. wb.5 242; diesen ... grundsatz nun ... setzt Cicero, wie ich schon gesagt habe, ins licht, wendet ihn sogar auf einen gewissensfall an ... Garve anm. zu Ciceros de offic. 3 (1783), 41; und alles was man von dem Norrmann dafür verlangte, war, dasz er ein christ werden sollte. Rollo rief seine

[Bd. 6, Sp. 6314]


korsaren zusammen, und überliesz den gewissensfall ihrer beurtheilung Schiller (übersicht d. merkw. staatsbegebenh. zu d. zeiten Friedrichs I.) 9, 248; der gewissensfall ... ein fall, welcher das gewissen, d. i. das urtheil über die rechtmäszigkeit der unrechtmäszigkeit einer handlung betrifft; der gewissenspunct Adelung 2, 670; ebenso Campe 2, 367a. siehe auch bei gewissensfrage, gegewissenspunkt, gewissenssache, gewissensscrupel.
3) ganz vorübergehend zeigt der zweite compositionstheil hier die verstärkte form: dann auch dieses gehöret unter die politische geheimnisse des pabstthums, dasz sie rathen, man müste in gewissens-gefällen oder in auslegung heil. schrifft die gesunde vernunfft beiseite setzen, und einig und allein, oder doch vornehmlich sein vertrauen auff die autorität der kirchen setzen Chr. Thomasius (v. d. kebs-ehe) auszerlesene schr. 2 (1714), 520.

 

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