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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewissensbedrängniss bis gewissensbund (Bd. 6, Sp. 6308 bis 6311)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewissensbedrängniss, f., vgl.: zuletzt war es seine mutter, die in ihrer steten gewissensbedrängnisz ... von selbst darauf kam ... K. Gutzkow d. zauberer von Rom (6, 3) 7. 63.
 
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gewissensberathung, f., vgl.: der kurfürst will diesen abend (in der beichte) eine gewissensberathung über die jüngste wichtige mittheilung aus dem Berliner kabinet haben H. König die clubisten in Mainz (2, 8) 1, 219: so wandte man sich in schwierigen fällen vielfach mit der bitte um belehrung ... namentlich an die reformatoren. so sind die gesammelten briefe Luthers und Calvins wie die gutachten Melanchthons ... zu einer reichen beispielsammlung evangelischer gewissensberatung geworden Herzog's realencykl. f. protest. theol. 103, 119; jesuitische gewissensberathung 103, 231;
 
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gewissensberuhigung, f., überschrift bei Küstner für:

ein doctor half einem gefälligen kinde
jüngst von der natürlichen folge der sünde;
er hat es verschworen, erinnert er sich,
ja, dacht er, für andre, nicht selbsten für mich. (sinnged.) 1, 13.

dazu vgl. als bedeutungsverwandte bildung: die besten halten das lieber zu ihrer eigenen gewissensbeschwichtigung für überschwenglichkeit, für poeten-phantasterei Bog. Goltz d. mensch u. d. leute 1 (1858), 17; in dieser verlegenheit beschlosz er endlich, Eccelius zu rate zu ziehen und diesem die halbe wahrheit zu sagen, und wenn nicht die halbe, so doch wenigstens so viel wie zu seiner gewissensbeschwichtigung gerade nötig war Th. Fontane (unterm birnbaum cap. 16) I, 6. s. 403.
 
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gewissensbeschwerde, s. gewissenslast.
 
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gewissensbeschwichtigung, s. gewissensberuhigung.

[Bd. 6, Sp. 6309]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewissensbeule, f., zu den ältesten zusammensetzungen gehörend: wie singt einer auf den andern, wie gehen ihnen die heimlichen herzgeschwüre und gewissensbeulen auf! Val. Herberger evang. herz-postille 676a Bachmann; vgl. gewissenswunde.
 
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gewissensbiss, m. , nach lateinischer vorlage gebildet und in buchungen (Stieler) früher als im litterarischen gebrauch belegt, erreicht eine reichere verbreitung erst in der neueren zeit (19. jahrh.). wo entsprechende lateinische wendungen im deutschen wiedergegeben wurden, war anfangs das verbum nagen in der verbindung mit gewissen bevorzugt, so dasz es auch für lat. mordere eintrat, vgl. noch nagende gewissen ... morsus Schönsleder s. o. sp. 6274, vgl. mein gewissen wird mich nagen sp. 6261. zuerst ist bei Luther (Hiob 27, 6 s. sp. 6241) die wendung mein gewissen beisset zu belegen, und in der verdeutschung von Bebels facetien (1589) findet sich neben dem nagen im gewissen schon auch ein beissen des gewissens s. oben sp. 6276; die lateinische verbindung, an die nunmehr enger angeknüpft wurde, ist vor allem in der philosophischen terminologie des 17. jahrh. beliebt, so bei Descartes (vgl. Eisler wb. d. philosophischen begriffe 293) und bei Spinoza, auf den der erste litterarische beleg des deutschen compositums unmittelbar zurückführt: conscientiae morsus est tristitia concomitante idea rei praeteritae, quae praeter spem evenit Spinoza eth. III, df. aff. XVII; dazu vergleiche: die unruhe und das miszvergnügen, welche das nachfolgende gewissen machet, werden gewissens-bisse genennet Chr. Wolff ged. v. d. menschen thun u. lassen § 109 (1720) 63.
1) lexikalisch ist das compositum jedoch schon vor diesem zu belegen, im anschlusz an eine andere wortfolge der lat. fügung: gewissensbisz, morsus conscientiae Stieler 127 (unter bisz). die späteren buchungen sind nur lückenhaft, vgl. DWB das nagen des gewissens, gewissensbisse, remords de conscience Rondeau 2, Uu 3 f.; desgl. Schwan 1, 747a; gewissensbisse, les remords de conscience, le ver de la conscience, le ver rongeur 1, 748a; lancinantis conscientiae furiis agitari Serz 55a; qualm or sting of conscience, remorse Hilpert 2, 1 s. 465c; der gewissensbisz, unruhe und miszvergnügen aus dem bewusztsein begangener unrechtmäsziger handlungen; ehedem auch die gewissensrüge Adelung 2, 670; ähnlich 2, 367a; vgl. auch dergleichen würckliche überführungen (dasz unsere begangene thaten unrecht sind) und die damit verbundenen regungen der reue, furcht, verzweiffelung und s. w. gewissensbisse heiszen Zedler 10, 1391. gewissens-bisse, nennt man die unruhe und das miszvergnügen des gemüths, welche aus der anklage des gewissens wegen einer vollbrachten bösen oder unterlassenen guten that entstehen J. G. Walch philos. lex. 12, 1317.
in diesen buchungen schon deuten sich unterschiede des gebrauches an: die begriffsbestimmung führt das substantiv im singular ein und stellt ihm auch die lat. parallele im singular gegenüber; wo die buchung jedoch mit französischen parallelen arbeitet, oder wo sie das wort als glied einer wortverbindung anführt, gebraucht sie den plural. und in der that ist dieser numerus der bevorzugte, der singulargebrauch ist nur wenig beobachtet: die erwähnung des wortes gerichtstag hat eine art gewissensbisz in mir erregt (a kind of remorse) Schlegel Shakespeare (Richard III 1, 4) 3, 167 Brandl; denn wie ein gewissensbisz ... lag dies stück des deiches ihm vor augen Th. Storm (d. schimmelreiter) 7, 264; dem unrecht-ausübenden ... stellt sich, sage ich, diese erkenntnisz augenblicklich, nicht in abstracto, sondern als ein dunkles gefühl dar: und dieses nennt man gewissensbisz, oder, näher für diesen fall, gefühl des ausgeübten unrechts A. Schopenhauer (die welt als wille u. vorstellung 4, 62) 1, 432; ich wollte wol einer häszlichen ohne allen gewissensbisz die schöne taille ins gesicht sagen, und loben, um die arme damit bekannt und darauf stolz zu machen Jean Paul (flegeljahre 2, 22) 27, 47; ebenso (ohne allen juristischen gewissensbisz) 1, 16) 26, 137; es wundert mich freilich heute noch, wie viel abenteuer der mensch erleben musz, ohne dasz er etwas dazu thut. manchmal ist das gar mein kummer und gewissensbisz so zu sagen: dann fühle ich es, wie als ob ich eine stelle in mir hätte, wo ich im gröszten

[Bd. 6, Sp. 6310]


tumult wie ein stück holz werde, während die andern sich weiter abängsten W. Raabe alte nester 2, cap. 8; sie läszt mich seit einer halben stunde mit einem unbekannten jungen herrn die wunderlichsten gespräche führen, ohne dasz der geringste gewissensbisz ihren schlummer beunruhigt P. Heyse (unvergeszbare worte) 2, 10, s. 191.
2) zu der bevorzugung des pluralgebrauches stimmt denn auch das zurücktreten von attributiven oder gar von possessiven bestimmungen. neben dem subst. sind hier nur im folgenden attribute beobachtet: wenn er linderung an seinem fusze fühlte, umher sprang oder lief, so fühlte er darüber die heftigsten gewissensbisse Moritz Anton Reiser (1) 16; da ich mir bittere gewissensbisse machte P. Heyse (geteiltes herz) 2, 9, s. 23; die narben der kleinen gewissensbisse brannten ihn noch ein wenig Jean Paul (flegeljahre 3, 33) 28, 1; in der tiefen stille, die ... die nie ruhende gewissensbisse ihr, der mörderin ihres gatten, ihres sohnes zum bedürfnisse machten Fr. Halm (haus an der Veronabrücke) 11, 126. auch zusammenstellungen mit parallelen substantiven sind selten belegt: gewissenlosigkeit, wo der mensch vor seinen handlungen auf das, was vernunft und gesetz gebietet, nicht achtet und nach begehung einer sünde keine gewissensbisse und keine furcht vor dem göttlichen gerichte empfindet Stäudlin gesch. d. lehre v. d. gewissen 84; ein geständiger todtschläger, der, von reue und gewissensbissen zerfleischt, sich angiebt Immermann (Münchhausen 7, 8) 2. 308 Maync; wie viel ruhiger lebten wir in der welt, wenn wir uns nicht immer aus unserem schicksal unsere reue und unsere gewissensbisse zurechtschnitten W. Raabe alte nester 237.
unter den syntaktischen verbindungen überwiegen zwei formen: die funktion des objekts neben verbis und die präpositionalverbindung. dem gegenüber ist die funktion des subjekts weniger belegt, nur in den beiden obigen stellen aus Jean Paul und Halm; dazu vgl.: gewissensbisse der schlimmsten art, ... nämlich die der vielbeschäftigten selbstgenügsamen indolenz, die plötzlich zu dem bewusstsein kommt, wie wenig auf erden durch sie zum guten, wirklichen und wahren ausgerichtet wird W. Raabe alte nester 1. cap. 13. dagegen vgl. nun: glauben sie denn, dasz es einmal einer ehrlichen seele keine gewissensbisse verursachen musz, wenn sie ihre herrschaft für null und nichts betrogen hat? Lessing (der junge gelehrte 3, 12) 13, 355; gewissensbisse empfinden, heilen Adelung; hab ich jemals gewissensbisse gefühlt, so ist es bei der erinnerung an mein betragen gegen dich auf unserer reise H. v. Kleist br. 5, 282 Minde-Pouet; der rothhaarige setzte sich mit einem giftigen blicke auf einen schemel im flur, nicht weit von der kranken blässe, deren qualen ihm durchaus keine gewissensbisse aufzuregen schienen Immermann (Münchhausen 7, 1) 2, 261 Maync; soll ich, um ihm die gewissensbisse zu ersparen, mich selbst mit dem mord beladen Hebbel (der diamant 4, 2) 1, 365 Werner; ich redete mir ein, dass ich mir in keiner weise gewissensbisse zu machen hätte Dete v. Liliencron (aus marsch u. geest) 2, 126; die fünfzig pfennige aber, die er dem blumenmädchen für die rose gab, bereiteten ihr gewissensbisse H. Sudermann das hohe lied (1, 14) 154, zu den präpositionalverbindungen vgl.: dies ist gerade aber doch der fall bei gewissensbissen, wo das ich ein gegenstand der betrachtung wird Herder (über Hemsterhuys lettre sur l' homme) 5, 469; und so meinen sie das vergnügen des müsziggangs und das vergnügen der sünde ohne gewissenbisse und ohne andere schlimme folgen zu genieszen Nicolai beschr. einer reise 1, 111; und man konnte den finger ohne alle gewissensbisse ablecken; denn nach wenigen minuten hatte sich der sirupspiegel wieder geglättet O. Ernst Asmus Sempers jugendland 128; er ist jahre lang von gewissensbissen gequält worden Pestalozzi Lienhard 23, 292; später rang er mit gewissensbissen Stifter stud. (d. alte siegel) 2, 325; »es ist ein kostbares geschenk«, warf der lieutenant mit gewissensbissen ein G. Freytag (soll u. haben 2. buch 1) 4, 168.
 
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gewissensbissigkeit, f., scherzhafte weiterbildung des vorigen: auch noch in andrer beziehung ist die beichte hier so nützlich: die sünderin behält ihr furchtbares geheimnis

[Bd. 6, Sp. 6311]


nicht lange lastend im kopfe, ... besser ... als dasz sie in die gefahr geraten, plötzlich in übewallender zärtlichkeit oder schwatzsucht oder gewissensbissigkeit dem armen gatten die fatalen geständnisse zu machen Heine (geständnisse) 6, 64 Elster.
 
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gewissensblätter, s. gewissensbuch.
 
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gewissensbuch, n., zu der oben sp. 6276 belegten verbindung buch des gewissens ist hier früh auch die zusammensetzung beobachtet, deren belege aber nur dem älteren stil angehören; Fr. Spee, gewissensbuch: von prozessen gegen die hexen (cautio criminalis) deutsch v. Joh. Seifert 1647;

und sehe den gericht-tag schon,
der mir auch wird ein urtheil fällen;
hier weiset mein gewissens-buch
da aber des gesetzes fluch
mich sünden-kind hinab zur hellen.
J. Dach (todes-erinnerung) 201 Österley (no 72);

wirst du, so oft du zu sündigen lust hast, fleissig an dieses gewissensbuch gedenken Butschky, Pathmos (no 180) 243 (vgl. DWB das alle meine werke in das buch meines gewissens geschrieben werden 353 s. 480); vgl. auch gewissensbuch bei Hamann poetisches lex. 471 aus Wentzel; der gleichen vorstellung entspringt auch das compositum gewissensblätter:

mein helffer, mein erretter,
schreib' eitel gnaden gab'
in die gewissensblätter
welch' ich zerrissen hab'.
Rist (himml. lieder 14, 4) 236.


 
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gewissensbund, m, vgl.:

baue deinen seelen grund
nicht auf zweiffelhaffte schrauben,
lasse den gewissens bund,
so geschlossen in der tauff,
gott nicht wieder sagen auff.
Benj. Prätorius (sei getreu bisz an d. ende) Fischer u. Tümpel 4, 53a.

 

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