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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewissenlich bis gewissensängstlichkeit (Bd. 6, Sp. 6300 bis 6307)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewissenlich, gewissentlich, adj. und adv.
1) verstärkte form zu wissenlich, (vgl. wiʒʒen, wiʒʒentlich Lexer 3, 962):

von diu solt uns sîn wîhe sîn gewizzenlîch,
sô waere sîn ampt nicht ungewislîch.
Heinr. v. Melk, priesterleben 412 Heinzel.

daz alliche niht gewizzenlich ist den smahvolchen himmelreich 126 (zsch. d. a. 8, 148);

das gleiche (daz ist gewizzenlîch) Ortnit (IV) 342, 2; wir lernen ouch die gewizzenliche minne, daz wir virsten sin gotelichen wundir Trudperter (Hohenburger) hohes lied 29, 13 J. Haupt; der gotlichen warheit gantzes gewissenliches

[Bd. 6, Sp. 6301]


urkunde Joh. v. Neumarkt leben d. h. Hieronymus) 135 Benedict (certum iudicium et veritatis experimentum); man sol auch keinem manne sein leip oder sein gut verteilen, er sei dan gegenwertig oder ime sein gewissenlich tag beschiden tedinges zu warten Kuttenberger zusätze zur 2. redact. des deutschen Iglauer bergrechts (§ 23a) Zycha s. 38; vgl. auch was in wissentleich were umme das geczugnusse ... Iglauer oberhofentscheidung bei Zycha. 429 (gewissentleich Tomascheck s. 63);

er (Joseph) hiez im entwichen den liut gaerlichen
daz nieman da waere der saehe sine gebaere,
so si sich ein andir bechanten und gewizzelichen maneten. Milstäter genesis 98, 18 Diemer (adverb fehlt in der Wiener handschr.);


2) unter dem einflusz des substantivs gewissen steht: gewissenlicher oder gotforchtiger, conscientiosus. voc. theut. m 5a; dazu vgl.: gewissenlich, adverb, conscientiose. voc. incip. teut. i 7a.
 
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gewissenliebend, participiale zusammensetzung: zeige mir der herr Lilienfeld, was für fug ein redlicher und gewissen-liebender politicus haben kann, diesen faulen krebs, diesen schädlichen authoren (Machiavelli) hohen gemütern in die hand zu geben Er. Francisci lustige schaubühne (2, 2) 2, 585.
 
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gewissenlos, adj. und adv.
1) zuerst im ackermann aus Böhmen belegt und dann wieder bei Eberlin v. Günzburg beobachtet, wird es doch erst im 17. jahrh. reicher verwendet, als contrastbegriff zu gewissenhaft, mit dem es auch oft zusammengestellt ist vgl. sp. 6290, 6291). wie dieses ist es bei Abr. a S. Clara und Grimmelshausen bevorzugt.
a) der bedeutung, die in dem gleichzeitigen wiʒʒenlos (vgl. von vil wiʒʒen wiʒʒelôs und von vil willen willelôs mystiker 2, 591, 14 s. mhd. wb. 3, 789b) zu tage tritt, steht unser adjectiv vom ersten belege an fern, es wird ihr erst in neuerer verwendung vorübergehend nahegebracht: kann ein gewiszenloses vieh sich denken, dasz alle die grossen, unterdrückenden massen, regierungen und bleiklumpen in der zeit bleiben, oder sich in nichts auflösen werden? Herder (Joh. offenb.) 9, 82 genau so 9, 81; vgl. auch die belege in γ.
α) im gegensatze dazu steht schon der erste beleg, der deutlich an das subst. gewissen anknüpft: jurist, der gewissenlosz crist hilfet do nit mit rechts und unrechts vorsprechung und mit seinen krummen urteilen ackermann aus Böhmen 41, 18; schon hier ist mit der negierung zugleich ein tadel und makel verknüpft, der namentlich auch in den buchungen zum ausdruck kommt: gewiszenlos, conscientiam negligens, contemnens, sine conscientia Stieler 1179 (unter los); Matthiae 2, 181b; Kirsch 2, 152a; homo parum religiosus, sincerus, nullius conscientiae homo Aler 1, 941a; ein gewissenloser mensch, un homme sans ame Schwan 1, 748a; a man of no conscience, an unprincipled man Hilpert 2, 1 s. 465c; gewissenlos, heist derjenige, der nicht nur aus einer sclaverei der unvernünfftigen neigungen und affecten wider das gewissen handelt, sondern sich auch über seine böse thaten kein gewissen machet J. G. Walch philos. lex. 12, 1316; daher ein weites gewissen jemandem zuzuschreiben so viel heiszt, als: ihn gewissenlos nennen Kant (metaphys. d. sitten 2, § 13) 5, 274.
β) im litterarischen gebrauche sind es namentlich parallelverbindungen mit anderen adjectiven, die dieses moment des tadels hervorheben: können auch gefährlichere, und gewissenlosere anschläge gegeben werden ungewissenhafter gewissensrat (1689) 42; entgegen aber seind auch einige, die sehr gewissenlosz und ungeschickt: gewissenlosz darum, weilen sie offt wegen eines nadelstich und geringen schaden grosses geld erpressen Abr. a S. Clara etwas f. alle (der wund-arzt) 1, 123; dasz er den lasterhafften und gewissenlosen sünder niemahlen weder ruh noch rast lässet gehab dich wohl! (7) 108; als sein die kriegsleuth jhres sträfflichen und gewissenlosens wandel halber den thieren nicht ungleich mercks Wien 145; dasz er gantz ehrlosz, gewissenlosz, gottlosz seinen herrn und heiland verrathen Judas der ertzschelm 2, 200; doch von wegen darf ich mit meinen landsleuten nicht sprechen; die sind wol selten in einem andern lande schlimmer und gewissenloser vernachlässigt als bei uns in Sachsen Seume (spaziergang 1) 2, 110 Hempel; um das masz der gewissen-losen

[Bd. 6, Sp. 6302]


libertinischen flattirung vollzumachen ungewissenhafter gewissensrat 19; er könne demnach nicht glauben ... dasz ich so gewissenlosz und leichtfertig gewesen sei, ein so grobe sünd ... zu begehen Grimmelshausen (vogelnest 2, 16) 4, 630 Keller; so war er jetzt nach vollbrachter that (der bluthochzeit) weder leichtsinnig noch gewissenlos genug, der innern rüge derselben ... zu entfliehen Schiller (gesch. d. franz. unruhen) 9, 385; ein sehr unregelmässiger und gewissenloser lehrer G. Freytag (soll u. haben 2, 6) 4, 269; so lose leute ... die ... andere in gefahr der ewigen verdammnüsz vorsetzlicher und gewissenloser weisz stürtzen dörfften Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3, 243; du machst sie erstlich gewissenlosz, hernach forchtsam, und endlich grausam 3, 483; ihr seid gewissenlos und selbstsüchtig wie alle männer P. Heyse (Annina) II, 1 s. 288;

so sind sie alle, alle.wenn sie lügen,
so glauben sie sich klug.verrat ist schlauheit,
die härte festigkeit.gewissenlos
und taub sein bei der menschheit klageruf
ihr grosser sinn, der kleines nicht beachtet.
Grillparzer (Esther 2) 85, 242;

wie sehr dieses moment des tadels den bedeutungsgehalt beeinfluszt hat, zeigt sich vor allem darin, dasz das adjectiv nunmehr sogar zu eben dem substantiv gesetzt werden konnte, das es negiert: und ohne beobacht- und beängstigung deines gewissenlosen gewissens durch allerhand vortheil, list und betriegerei erschächern Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. (3, 2 rathstübel Plutonis 14) 3 (1713), 166; auszerdem vgl. gewissenlos als schimpfwort bei L. v. Pansner dtsch. schimpfwb. 23a; vgl.: so wäre er ja der gröszeste übelthäter, der auf ewige zeiten hin gewissenlose frevler vor gott zu gerechten machte Herder (christl. schriften 5) 20, 259.
γ) erst in jüngerer entwicklung ist das adjectiv mehrfach auch ohne beimischung eines tadels belegt, entsprechend der wandlung im bereiche des substantivs (vgl. oben sp. 6224 zu Hebbel und W. Raabe): vgl. der handelnde ist immer gewissenlos; es hat niemand gewissen als der betrachtende Göthe maximen u. reflex. nr. 241; kann ein gewissenloses vieh sich denken das die ... verderbung dieser welt alzo bleiben ... werde Herder 9, 8; ebenso (s. o.) 9, 82; nur der paradiesisch naive, der beschränkte und der gewissenlose mensch lebt leicht, dem tiefer gehenden hämmern die pulse, wenn er bedenkt, welch ein fürchterliches schraubenwerk das leben ist. Fr. Th. Vischer auch einer (1904) 475. unter den buchungen sind nur wenige, die sich auf blosze negierung beschränken, und auch bei ihnen ist für die deutung einige vorsicht geboten: ungewissenhafft oder gewissenlos sein, to be unconscientious, unconcionable, not conscientious, not conscionable; to have no conscience ... teutsch engl. lex. 2, 2264; senza conscienza (anima), privo di conscienza, sans conscience Rädlein 1, 384b; sans conscience Rondeau 2, Uu 3 f; ebenso Schwan 1, 748a; gewissenlos, ohne gebrauch des gewissens handelnd, fertigkeit besitzend, ohne gebrauch des gewissens zu handeln Adelung 2, 670; ähnlich Campe 2, 367a.
b) zur form ist das vereinzelte eindringen des compositionszeichens hervorzuheben: dasz solche gewissenslose drucker und buchhändler gefunden werden, welche sich so viel mehr dieser sünden theilhafftig machen, so viel mehr sie die schand-possen unter die leute bringen Weise die drei ärgsten erznarren (vorrede, 4 neudr.); vgl. auch gewissenslos (in der ausgabe v. 1687 gegen gewissenlos 1680) Abr. a S. Clara mercks Wienn 77; die sich nicht scheuen, einer so gewissens-losen sache den rükken zu halten, und mit ihrer feder zu schützen Butschky Pathmos (nr. 629) 903. einmal ist das wort als compos. zu lose statt zu los belegt (vgl. auch unten th. 6 sp. 1181 ff.): wer wieder das überwiegende gewissen handelt blosz deswegen, weil es gehindert wird, den nennet man gewissenlose Chr. Wolff ged. v. d. menschen thun u. lassen (§ 89) s. 54.
wie bei gewissenhaft sind auch bei gewissenlos verhält nismäszig häufig steigerungspartikeln und steigerungsformen beobachtet: ich wil auch nit sagen ... wie gar sorgfeltig gewissenlosz sie (die mönche) seint Eberlin v. Günzburg (vermahnung an den rat v. Ulm) 3, 32; item seind wohl einige anzutreffen, die gantz gewissenlos die artzenei zu theuer geben Abr. a S. Clara etwas f. alle (der apothecker) 1, 116; aber von anderen leuthen blut leben, ist gantz gewissenlos (der schneider) 1, 492; vgl.(sp. 6301) sehr gewissenlosz

[Bd. 6, Sp. 6303]


und ungeschickt (der wundarzt) 1, 123; in werken und tahten (ist mancher) aber wohl viel gewissen-loser als jene Butschky Pathmos (nr. 569) 816; also schied er mit schwerem herzen von da, wo ihm, wenn er sich gewissenloser betragen, wohl jede erwünschte gunst geblüht hätte P. Heyse (der verkaufte gesang) II, 5 s. 99; es geht mir recht nahe, sprach er (der wolf), dasz ich unter euch schäfern als das grausamste, gewissenloseste thier verschrieen bin Lessing (fab. 3, 18) 13, 225.
2) unter den verbindungen des adjectivs überwiegen die attributiven, während die mit dem verbum mehr auf einzelne gebrauchsformen beschränkt sind.
a) er musz in sich selbst gewisz sein, auszerdem wäre er gewissenlos, wenn er nach seiner überzeugung zu handeln ... und auch andere zu einem handeln ... zu bringen suchte Fichte sittenlehre (1798) 313; dazu vgl. (sp. 6290) gewissenhaft und nicht gewissenlos sein; (vgl. sp. 6302) Grimmelshausen 4, 630 Keller; Grillparzer 85, 242; Abr. a S. Clara etwas f. alle 1, 492; desgl. Schiller 9, 385; Göthe max. u. refl. nr. 241; P. Heyse II, 1, 288; als man befürchten muszte ... wenn man die richtigkeit der Kantischen darstellung (des gewissens) leugnete, für gewissenlos zu gelten A. Schopenhauer (grundlage der moral 9) 3, 552 Grisebach; vgl. (sp. 6290) den nennen wir gewissenlos D. Fr. Strausz streitschriften 176; vgl. gewissenlos machen Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3, 483.
b) der gewissen-lose mensch hätte tausend thaler gewinst genommen, und einen unschuldigen zum tode verdammen helffen polit. stockfisch (1681) 31; das gleiche F. Th. Vischer auch einer 475; sonst ward ich in diesen frommen jahren des garnhandels bald überdrüszig, weil ich dabei, wie ich wähnte, mit zu viel rohen und gewissenlosen menschen umzugehen hätte Bräker der arme mann im Tockenburg (6) 188; weil die Engländer gewissenlose leute sind Sophie v. La Roche frl. v. Sternheim (2) 247; dasz ihr ein gewissenloser mann seid Pestalozzi Lienhard u. Gertrud (2, 62) 23, 215; gew. männer) Kotzebue (der rehbock 3, 9) neue schausp. 19, 136; dasz die gewissenlose welt so wol o allmächtiges gold, als o allmächtiger gott seufftzen pfleget Abr. a S. Clara mercks Wienn (1680) 77; (gew. lotters-gesind) etwas f. alle (der bettler) 1, 708; (gew. geitzwänste) Butschky Pathmos (nr. 266) 352; (gew. reiche) Moscherosch insomnis cura parent. (29) 113; einer, der unter die gewissen-lose ungerechte advocaten geräth Fr. Caccia hl. Antonius v. Padua (1692) 275; vgl. auch (sp. 6301) gew. krist ackermann aus Böhmen; sünder Abr. a S. Clara gehab dich wohl! 108; (grundschelme) Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3, 240; (betrüger) Stranitzky ollapatrida Fuchsmundi 50 (Wiener neudr. 10, 298; (verleumder) Bismarck ged. u. erinn. (25) 2, 155; (volksverführer) Sudermann sturmgeselle Sokrates 10, 30; — waren fünff grausame mörder, die ... alles umbrachten, was in ihre gewissenlose händ geriehte Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3, 299; einen der durch gewissenlose reden ist verschwätzt worden Abr. a S. Clara etwas f. alle (der advokat) 1, 61; (gewissenlose servitut) Moscherosch gesichte Phil. (1, 7) 412; (gewissenlosen wandel) Abr. a S. Clara mercks Wienn 145; dieses ist in wahrheit eine lästerliche vorkehrung und ein gewissen-loser miszbrauch der göttlichen lehre d. ungewissenhafte gewissensrat 54; ebenso (sp. 6301) anschläge 42; flattierung 19; bei der gewissenlosen tournüre, die in Weimar überhand nehmen will, musz man niemanden mehr trauen Göthe (an Kirms 2. 4. 1799) briefe 14, 65; ein gewissenloses betragen Adelung 2, 670; (an unconscionable behaviour) Hilpert 2, 1, 465c; so hat herr Langhans auch den nahmen gottes unverantwortlich, und gewissenloser weise miszbrauchet d. ungewissenhafte gewissens-rat 14; du mit zween landfahren, gewissenloser weisz, seiest nach Rom geloffen franz. kriegs-Simpl. 1 (1683), 185; desgl. Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3, 243; und dasz sich die geschicke eines staates von zwanzig millionen weder in gewissenloser noch anders als in der weise eines ehrenmannes lenken lassen Bismarck (im landtage 6. 2. 1868) 3, 463 Kohl.
die substantivierung zweigt nur vereinzelt vom attributiven gebrauch ab und ist in diesen ersten ansätzen auf die personification beschränkt, während für das nomen

[Bd. 6, Sp. 6304]


actionis eine eigene substantivbildung (s. gewissenlosigkeit) entwickelt wird: was wunderst dann dich so mächtig. dasz unter den geistlichen auch einige gewissenlose anzutreffen seind Abr. a S. Clara etwas f. alle (die geistliche) 1, 5; gewissen, ein miszbrauchter, von vielen sogar verachteter, name, und dennoch der einzige wahre tempel einer menschen-religion: denn dem gewissenlosen bleibt nichts übrig, als leere andacht, meinungen und gebräuche Herder (christl. schriften 5) 20, 160.
c) ganz spärlich sind die adverbialen functionen entwickelt: gewissenlos handeln Campe 2, 367a (nicht bei Adelung); (vgl. sp. 6291) gewissenlos ergreifen Göthe 53, 30; vgl.(sp. 6301) gewissenlos verrathen Abr. a S. Clara Judas der erzschelm 2, 200; die heiligste religionshandlung kann irreligios, d. i. gewissenlos verrichtet werden Herder (christl. schriften 5) 20, 249; neuerdings mehren sich hier die belege für abschwächende verallgemeinerung: hier kam ich bei den berühmten quellen des Clitumnus vorbei, die jetzt von den eseltreibern und waschweibern gewissenlos entweiht werden Seume (spaziergang 1) 2, 102 Hempel; uns wird meistens der schöne reis gewissenlos zu einer art kleister verkocht, welcher nach gar nichts schmeckt Herm. Hesse Peter Kamenzind (7)28 195.
 
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gewissenlosigkeit, f. , substantivbildung zum vorhergehenden, wie dieses einigemal auch mit dem compositions -s belegt: gewissenslosigkeit Hermes 6, 229; Wilh. Raabe alte nester kap. 5. die belege für das substantiv setzen erst zu ende des 18. jahrh. ein und reichen bis in die neueste zeit. die buchungen suchen die bedeutung des substantivs in der bloszen verneinung: die gewissenlosigkeit (plur. car.) die fertigkeit ohne gebrauch des gewissens zu handeln Adelung 2, 670; Campe 2, 367a; le peu ou point de conscience Schwan 1, 748a; want of principle, unscruplousness Hilpert 2, 1 s. 466a. der litterarische gebrauch tritt nur selten in diese grenzen zurück: was geht in der menschheit betragen über diese ganze volle gewissenslosigkeit des märchens oder noch besser der jugendzeit? — die 'ewige seligkeit', denn die wird freilich in einem noch etwas höheren grade gewissenslos sein W. Raabe alte nester kap. 5; dazu vgl. E. M. Arndt schr. f. s. l. Deutschen 1, 506; sonst kommt das beim adjektiv beobachtete moment des tadels beim substantiv fast noch stärker zum ausdruck: gewissenslosigkeit ist nicht mangel des gewissens, sondern hang sich an dessen urtheil nicht zu kehren Kant (metaphysik d. sitten 2 einl.) i, 6, 401; vgl. auch Stäudlin gesch. d. lehre von d. gewissen s. 84, s. unter gewissensbiss. das substantiv ist gern mit anderen substantiven zusammengestellt, die das vorwurfsvolle am unserigen herausarbeiten. das ist vor allem da der fall, wo ein träger des begriffes gekennzeichnet ist:
1)

denn, was entschlossenheit den männern heiszt des staats,
ist meisten falls gewissenlosigkeit,
hochmuth und leichtsinn ...
Grillparzer (ein bruderzwist 3) 95, 82;

die form, in welcher die gemeinheit, die gewissenslosigkeit und der profansinn bei ihm auftritt Bog. Goltz ein jugendleben 22 201; er dachte auf keine flucht, sondern fuhr fort, die thorheit der Athenienser und die gewissenlosigkeit des tyrannen heftig zu tadeln Schiller (Solon) 9, 181; herr Ribezal aber dringt ins innre der familien, straft ... die unverträglichkeit der ehegatten ... den aufwand, die unwissenheit, die gewissenslosigkeit der herrschaften gegen das gesinde Hermes Sophiens reise 6 (1778), 229; ich wurde mir über die unwissenheit und gewissenlosigkeit meines artztes klar ... Bismarck ged. u. erinn. (10) 1, 235; anders: aber das ungeheuer war siegreich durch die kühnheit seiner entwürfe, durch die leichtigkeit und gewissenlosigkeit alle hülfsmittel an sich zu reiszen E. M. Arndt, (England u. Frankreich) schr. f. s. l. Deutschen 1, 506;
2) er begriff nicht, wie man die gewissenlosigkeit so weit hatte treiben können, ihnen die kranke und sie sich selber zu überlassen Immermann (epigonen 1, 10) 3, 61 Maync; dasz sie blind wider ihr urtheil und gewissen für denjenigen stimmen, der in dem ersten scrutinium die relative majorität gehabt hat. es heiszt dies bei den wahlmännern von Glatz eine gewissenlosigkeit bei der wahl der abgeordneten voraussetzen, welche ... Bismarck

[Bd. 6, Sp. 6305]


(1851) 1, 284 Kohl; es ist heillos, mit welcher gewissenlosigkeit sogenannte volksliebhaber und republikaner mit dem volke umgehen Jer. Gotthelf (Käthi, die groszmutter 3) 10, 74 Vetter.
 
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gewissenruhig, s. gewissensruhe.
 
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gewissenrührlich, adjektiv zu der oben sp. 6283 aus älteren denkmälern belegten wortverbindung (vgl. auch die form mit dem compositions s. gewissensrührig unter gewissensrührung): ausgeschüttete, herz- ehr- und gewissenrührliche lästerungen Butschky hochd. kanzlei (3, 120) 3, 210.
 
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gewissensanfechtungf., vgl.: richtet er sich in solcher seiner gewissens - anfechtung und gemüts-verwirrung ohnversehens im bett auf und schriehe ... Grimmelshausen wiedererstandener Simpl. 3, 455.
 
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gewissensangelegenheitf., vgl.: die sprache der mandate und edicte kann bei solchen gewissensangelegenheiten unmöglich durchaus bestimmt sein Lichtenberg aphorismen 4, 10 L. vgl. DWB gewissenssache.
 
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gewissensangst, f. in der zusammensetzung früher bezeugt als in der loseren form der wortverbindung, vgl. den buchtitel: gewissensangst eines fürnehmen catholischen politici, welcher bei disem wandelbaren glück fast lutherisch werden will (1631) gegen angst des gewissens sp. 6275; vgl. auch trouble, remords de conscience, dechirement de coeur Rondeau 2, Uu 3 f; ähnlich Schwan 1, 748a; anguish of conscience Hilpert 2, 1, 465c. gleich im 17. jahrhundert ist das compositum viel beobachtet, bei Opitz, Hammer, Rist und Scriver, einen höhepunkt der verwendung erreicht es im gegensatz zu Göthe. dem nur ein beleg entnommen ist, in der sprache Schillers. von der verbreitung, die das fem. dort und anderswo erreicht, sticht die spärlichkeit der belege für das bedeutungsverwandte gewissensfurcht ab: die gewissensfurcht Campe 2, 367a; gewissensfurcht, fear of remorse or conscience Hilpert 211, 465c; eine art natürlicher pietät oder gewissensfurcht hielt mich ab, das unbequeme wesen (Zwiehans schädel) unterwegs auf gute weise wegzuwerfen oder zurück zu lassen Keller (grüner Heinr. 3, 10) 2, 135. dazu vgl. DWB gewissenssorge: die tiefe überzeugung von unserer unvertilgbarkeit durch den tod, welche, wie auch die unausbleiblichen gewissenssorgen bei annäherung desselben bezeugen, jeder im grunde seines herzens trägt Schopenhauer, welt als wille (2, cap. 41) 2, 557.
1) bei gewissensangst unterliegt die bedeutung auch im wechsel der zusammenhänge kaum irgend welchen schwankungen.
a) zu dem oben angegebenen ersten belege stimmen auch die buchungen durchaus, die mit Stieler einsetzen, aber nur lückenhaft weiterführen: gewiszens, sive seelenangst, morsus, vulnus conscientiae, furiae Stieler 380 (unter angst); angor, cruciatus conscientiae Matthiae 2, 181b Kirsch 2, 152a; vgl. auch Kramer 2. 97b die gewissensangst, plur. car., die angst, d. i. hoher grad der unlust, aus vorstellung der unrechtmässigkeit einer handlung oder seines zustandes Adelung 2, 670; ganz ähnlich Campe 2, 367a (höchster grad der unlust, die ein böses gewissen hervorbringt). nur das deutsch - engl. lexicon will die unterscheidung zwischen nachfolgendem und vorhergehendem gewissen (vgl. sp. 6222, 6275 oben) auch auf die zusammensetzung übertragen: gewissens-angst 1) ehe man was thut, ein gewissens-scrupel, scruple, scrupulosity. scrupulousness or doubt of conscience. 2) nachdem man etwas böses gethan; die gewissensnagung, marter, folter oder qual; der wurm des nagenden gewissens, the sting, remorse or cheeck of pour conscience 2, 775.
b) wie wenig diese letzte eintheilung dem sachverhalte entspricht, das zeigen schon die zusammenstellungen mit anderen substantiven; wenn unter diesen wohl auch furcht und absicht auftreten, so gilt doch der in ihnen liegende hinweis auf die zukunft nicht der handlung, an die die gewissensregung anknüpft, sondern deren folgen: wie gehts denn zu, dasz ihr ... eure seele für der gewissensangst, für schrecken und furcht ... mannigmal nicht bewahren könnt Scriver seelenschatz (4, 12, § 76) 2, 426a; furcht, unruh, gewissensangst, verzweiflung wirken nicht viel weniger als die hizigsten fieber Schiller (versuch über den zusammenhang § 15) 1, 161; doch nicht

[Bd. 6, Sp. 6306]


dieses inhalts allein; zärtlichkeit, reue, gewissensangst, unterwerfung, nehmen ihr theil daran Lessing (Hamburg. dramaturgie 1, 27) 93 294; wie das ich in diesen tagen bei dem jetzigen bösen zustand unser zeiten, in eine schwere anfechtunge und gewissens angst bin gefallen gewissensangst eines fürnehmen cathol. politici A 1b; sie waren ohne zweifel eine erfindung der dichter, welche die strafe des bösen und die gewissensangst in lebendigen und persönlichen bildern darstellen wollten Stäudlin gesch. d. lehre v. d. gewissen 7; auszer dem beschriebenen ... ist ihr nun aber noch eine davon ganz verschiedene und besondere pein beigesellt, welche bei jeder bösen handlung fühlbar ... wird und, nach der länge ihrer dauer, gewissensbisz oder gewissensangst heiszt A. Schopenhauer (die welt als wille u. vorstellung 4, 65) 1, 469 Grisebach; jenes gefühl, das die ausübung des unrechts und des bösen begleitet, oder die gewissensangst (4, 62) 1, 433; in jener dunkel gefühlten, aber trostlosen quual, die man gewissensangst nennt welt als wille (1, 4) 1, 432; sterben war ein scherz, lag nur auch der nebenbuhler tot. gewissensangst, das drohende jenseits, alles war erträglich, nur eines nicht: sie in seinen armen zu wissen O. Ludwig (zw. himmel u. erde) 1, 319 Stern; die stimmung einer wie von furien verfolgten und wie der höchsten gewissensangst kam über die in sich haltlose und so tief ehrgeizige seele K. Gutzkow d. zauber von Rom (5, 15) 6, 74; ... einer gequälten, angstvollen seele, bei ihren redlichen absichten und gewissensängsten, (zufriedenheit ... zu geben Herder (abschiedspred. 1769) 31, 135.
c) Adelung, der dem grundwort (angst) den plural zubilligt, will ihn doch für das compositum abstreiten, desgl. Campe. aber schon Grimmelshausen giebt ein beispiel auch für dieses: mir gefiele vielmehr an meinem mann, dasz er vorsichtig handelte, und ... der gewöhnlichen weiblichen leichtsinnigkeit ... beizeiten vorbauete, und sie mit betrohenlichen gewissensängsten umschreckte wieder erst. Simpl. 3, 382; dazu vgl.:

ich klagt' um könige, die vor dem blitze
der geister in gewissensängsten zagen,
statt treu zu stehen an der bildung spitze.
Immermann (Tristani 1 nachgesang) 13, 249 Hempel;

ich habe ihnen gegenüber einstmals aus meinen kleinen gewissensängsten kein geheimnis gemacht H. Sudermann das hohe lied (2, 14) 515.
2) syntaktische verbindungen geht das substantiv am liebsten in der begleitung eines attributiven adjectivs, seltener einer possessivbestimmung, ein. andernfalls scheint es beim substantiv ein bedürfnisz, anlehnung an parallele substantive zu suchen, wie sie eben belegt wurden, vgl. zur function des subjektes Lessing 93 294; Schiller 1, 161; Schopenhauer 1, 469; O. Ludwig 1, 310; dagegen vgl. nur:

gewissensangst war ihnen strahlenlicht,
erstickt war nie die röthe holder scham.
Seume ged. (elegie geschr. auf einem dorfkirchhofe)2 7;

zum objectsacc. vgl. Stäudlin 7; Schopenhauer 1, 433 gegen einige buchungen, die ihre im lebendigen sprachgebrauch nicht fehlende begleitung abgestreift haben: gewissensangst haben, in delicto morderi conscientia Aler 1, 491a; gewissensangst ausstehen, to suffer the pongs of conscience Hilpert 2, 1, 465c; ähnliches gilt für genetivund präpositionalverbindungen vgl. (s. 1, b) Gutzkow 6, 7

gegen: was heiszt die zukunft, die uns gräber deken?
die ewigkeit, mit der du eitel prangst?
ehrwürdig nur, weil schlaue hüllen sie versteken,
der riesenschatten unsrer eignen schreken
im holen spiegel der gewissensangst.
Schiller (freigeisterei u. resignation) 4, 29;

vgl. Scriver 2, 426a; Herder 31, 135 und die obigen belege (1, c) aus Immermann und Sudermann gegen:

die ziegen-insel auch, da jener keiser sasz,
und sein betrübtes brod mit furcht und zittern asz,
blosz ausz gewissens angst, zum spiegel der tyrannen,
die erstlich gute leut', hernach sich selbst verbannen.
Opitz (Vesuvius) weltl. poem. 1 (1646), 27;

endlich aber wachete das bellende hündlein an der lincken brust auff, dasz er nicht wust vor gewissens angst was er thun solte Matth. Hammer histor. rosengarten (cap. 38) (1654) 435.

[Bd. 6, Sp. 6307]



a) die attribute sind weniger quantitativer, als qualitativer art:
α) und darum aus lauterer gewissens-angst sein leben abgekürzet Abr. a. S. Clara huy u. pfuy der welt (der hahn 1707) 156; als er eben im begriffe war, von unaufhörlicher gewissensangst getrieben, den meineid ... wieder gut zu machen Moritz, Anton Reiser (3) 307;
β) dasz alle diese ... weltliche ubungen ... dennoch in der erschrecklichen gewissens-angst, sonderlich aber in der letzten stunde des todes .., einem menschen nicht das allergeringste nützen Rist himml. lieder (dedicat. zur 3. zehn) (1643) A. 3a (nicht in der ausgabe von 1652); vgl.(s. o.) (betrohenliche gew.) Grimmelshausen wieder erstand. Simpl. 3, 382; die bängste gewissensangst bemächtigte sich meiner A. G. Meiszner (mordbrenner ...) bei Fürst dtsch. erz. 69;

man raunt sich grauenvolles
in die ohren, unnatürlich ungeheure
verbrechen wecken unnatürliche
gewissensangst, und die beladene seele beichtet
dem tauben kissen ihre schuld.
Schiller (Macbeth 5, 1) 13, 135;

Gellerts ... den ich ... mit solchen wunderlichen fragen nicht belästigen wollte, um so weniger, als ich mich derselben in heiteren stunden selbst schämte und zuletzt diese seltsame gewissensangst mit kirche und altar völlig hinter mir liesz Göthe (dicht. u. wahrh. 2, 7) 25, 126; wie heimliche gewissensangst war es, wie ein verlangen nach sühne, wie ein niemals schweigender vorwurf H. Sudermann das hohe lied (2, 19) 587; erschauernd in grundloser gewissensangst (1, 16) 192.
b) zu den possessivbestimmungen vgl. gewissens angst eines fürnehmen catholischen politici, welcher bei diesem wandelbaren glück fast lutherisch werden wil. entdecket einem fürnehmen catholischen geistlichen zu Stade (Halberstadt 1631); die gewissensangst eines verbrechers, welche durch die Furien versinnlicht wird Schiller (zerstreute betracht. ü. versch. ästhet. gegenstände) 10, 185; vgl. dazu (sp. 6306) gewissensangst eines politici; die eilfertigkeit meiner flucht hatte meine gewissensangst zerstreut, aber sie kam schrecklicher zurück, wie meine kräfte mehr und mehr ermatteten Schiller (verbrecher aus verlorener ehre) 4, 73.
c) zu anderen bestimmungen vgl.: gewissensangst über das begangene ist nichts weniger als reue, sondern ... erkenntnisz seiner selbst Schopenhauer welt als wille 1, 350.
 
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gewissensängstig, adjectivableitung zum vorigen, nur in adverbialer stellung belegt: weil diese ... eine verschleierung der unterlassungssünden sind, die so schwer und gewissensängstig auf mir ruhen Bogum. Goltz, ein jugendleben 2, 212; dazu vgl. je gewissensbanger er an seine unwiderruflichen gelübde dachte K. Gutzkow d. zauberer v. Rom (5, 11) 5, 350.
 
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gewissensängstlichkeit, f.; ist das nicht eine beschreibung des gewissens und der kranken gewissensängstlichkeit? Stäudlin gesch. d. lehre v. d. gewissen 51.

 

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