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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewissener bis gewissenruhig (Bd. 6, Sp. 6288 bis 6305)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewissener, m. , mit zwei bedeutungsrichtungen, die auf getrennte ausgangspunkte zurückführen.
1) bei gewissend war eben auf die participialform gewissen bezug genommen, für die oben (sp. 6217/8) festgestellt wurde, dasz sie in engerer bedeutung personen bezeichnet, welche durch ihre kenntnis von dem thatbestande im gerichtsverfahren bedeutung gewannen. auch der engere rahmen der auf die fehmgerichte bezüglichen litteratur war dort schon zu tage getreten. an diese bedeutungsverengerung knüpft sich nun auch eine formelle entsprechung. das dem participialen adjectiv in der sog. starken form des nom. sing. zustehende flexionssuffix wird für diese besondere bedeutung auch in die übrigen casus übergeführt, wo es nach analogie des hauptsuffixes der nomina agentis als mittel der substantivierung aufgefaszt wurde. so hält es sich dann auch in den verschiedenen nebenformen, die der kürzung unterliegen: dieser (der freigrafe) hatte seine feimern, gerichts-assessores und freischöppen, welche musten ... herumbziehen, in verschlagener kundschafft die maleficanten ausspioniren, und nachdem sie dieselbe dem fehm-gerichte denunciret, und sie verurtheilet waren, da musten die feimers folglich die malefitz-personen ... aufhencken. ich glaube eben diese executores ... sind die also genandte wissers, gewissers, gewisners und witzers gewesen, als des freien heimlichen gerichts wissende, wie der alte stylus lautete ... es kam ferner auf dieser leute wissen und gewissen nebst dero denunciation hauptsächlich an Casp. Calvör altes heidnisches u. christl. Nieder-Sachsen (1714) 169b; vgl. auch 170a. auf Calvörs angaben fuszen Chomel 4, 1062; Zedler 10, 139.
2) dagegen führt auf das substantiv gewissen (s. o. sp. 6219f.) eine spätere verwendung unserer form zurück, die im ausgang des 17. jahrh. der benennung einer secte diente: unter den Lutheranern war um das jahr 1673 viel redens in Sachsen von einer secte der so genanten gewissener, welche durch etliche scartequen, sonderlich auff denen universitäten Jehna und Altorff bekant worden Arnold ketzerhist. (3, 18) 2 (1700), 190; die notiz fuszt auf der 1674 zu Jena veröffentlichten abwehr des Johannes Musäus: 'ableinung der ausgesprengten abscheulichen verleumbdung, ob wäre in der fürstl. sächsischen residentz und gesambten universität Jena eine neue secte der so genanten gewissener entstanden'; der gleiche nennt auch die persönlichkeit, der man die schuld an der bewegung zumasz, und geht ebenso auf eine erklärung des namens ein ... dasz einer, namens Matthias Knutzen, aus Eiderstedt in Hollstein, ... zum urheber und anfänger der vermeinten gewissener secte angegeben wird ableinung 10; es soll dieselbe den namen führen vom wissen natürlicher vernunft, ... und vom gewissen, welches mit dem wissen müsse vereiniget sein, und sollen sich deszwegen also nennen, weil sie keine andere bibel ... keine andere richtschnur ihrer so genannten religion, thuns und lassens erkennen, als besagtes wissen der vernunfft und ihr gewissen ebenda 17; dieser etymologischen deutung entsprechen auch die verschiedenen von Musäus verwendeten zusammenstellungen gewissenlose gewissener s. 32; wissener und gewissener ... die gewisz gehen s. 34; auch die neueren nehmen von dieser secte noch kenntnis, vgl.: conscientiarii oder gewissener waren atheistische

[Bd. 6, Sp. 6289]


freidenker unter den protestanten des 17. jahrhunderts. Matthias von Knutzen ... verbreitete dann zwei gottlose schriften (im manuscript), worin er das dasein gottes, die auctorität der bibel ... läugnete und ... nur die eigene vernunft und das eigene gewissen als die norm seines denkens und lebens anerkennen wollte Wetzer u. Welte 3, 955; von Musäus ist zu dem worte auch ein compositum gebildet worden: obrigkeit und prediger sein nichts nütze ... ist demnach der vierde articul des gewisznerschwarms ableinung 45.
 
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gewissenfrei, s. gewissensfrei.
 
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gewissenhaft, adj. u. adv. , ableitung zu gewissen IV (s. d.), die zu beginn des 17. jahrh. zuerst belegt ist, später als gewissenhaftig (s. d.). vom älteren adjectiv wissenhaft, das auf das verbum wissen zurückführt, unterscheidet sich das unsrige nicht blosz durch herkunft und bedeutung, sondern auch durch die gebrauchsart. wissenhaft, das passive bedeutung zum ausdruck bringt, bezieht sich vorwiegend auf sächliche begriffe: ein wiʒʒenhaft ding mhd. wb. 3, 790b; zuo einer wiʒʒenthaften urkunde u. a. Lexer 3, 962; damit ... meniglich obbestimmte tax wissenhaft sei Schmeller 22, 1036 gegen zwêne wiʒʒenhafte burgere mhd. wb. a. a. o. (vgl. auch wissenhaftig). gewissenhaft dagegen ist ausschlieszlich auf personen oder deren handlungen bezogen, an denen es eine active bedeutung zum ausdruck bringt: weniger mit einem gewissen behaftet als sein gewissen bethätigend. eine ausnahme hiergegen bildet nur eine buchung, die Stieler unter anderen vorbringt, und der litterarische belege nicht zur seite stehen: gewiszenhafte sachen, negotia conscientiam attingentia 2569.
1) der älteste beleg zeigt das adjectiv schon in einer verbindung, die auch sonst zu den hauptformen seines gebrauches gehört: in der prädicatfunction neben dem verbum substantivum. hier ist es zunächst auch mit der verstärkenden partikel zu verbunden, die namentlich bei Grimmelshausen beliebt ist, später aber mehr zurückgedrängt wird (s. sp. 6292): gar zu gewissenhaft sein, nimia, summa magna religio Calvisius 334a.
a) diesem belege treten aus dem gleichen jahrhundert noch einige buchungen zur seite: gewissenhaft, religiosus, simplices ac religiosi homines, homo rectus, homo extra culpam vivens Schönsleder V 6a; vgl. auch Schottel 342b; Stieler a. a. o.; schon häufiger und lebhafter ist aber die verwendung in der litteratur der gleichen zeit. die belege weisen auf verschiedene landschaften, doch überwiegt das ostmitteldeutsche: als wir hierüber den gläubigen Abraham und frommen gewissenhaften Tobiam absonderlich zu hören haben A. Mengering Tobias conscientiosus 23; wo bleibet die religion und vorsorge für die arme posteritet? was kan dieses alles einem gewissenhaften mann fur trosts geben in seinem leben Moscherosch insomnis cura par. (8) 53 Pariser; inmassen dann solche testamentarii ... gehalten sein sollen, richtige rechnunge zu führen ... auch dahin gewissenhafft zu sehen, damit von solchen geldern nichts verwendet ... werde Fritsch sylloge var. tract. 267; dazu vgl. aus der schlesischen urkundensprache des 17. jahrh.: zum 25 ten die hege-weide zu rechter zeit, jedoch nicht bald auf einmal hinter den pferden aufgebraachet, sondern nach der gerichte gewissen haften, und auf die hube abgetheilten repartition und einrichtung aufgegeben drei-dings articul vor die gemeinde in Domslau (17. jahrh.) bei Meitzen 129; die reichste verwendung findet das adj. aber bald darauf bei Grimmelshausen und Abr. a S. Clara, s. u.
b) für die bedeutung hatte sich schon in dem schlesischen beleg eine erste spur des übergangs vom engeren religiösen begriffe zum weiteren ethischen gezeigt.
α) deutlicher werden diese unterschiede in den buchungen, die sich zum theil auf die anknüpfung an religio, conscientia beschränken, zum theil aber auch schon weitere bedeutungen anziehen, wie oben Schönsleder (neben religiosus auch rectus).
1)) gewiszenhaft et gewiszenhaftig, religiosus, et religiose, conscientia praeditus, vulgo conscientiosus Stieler 2569; pius, religiosus, sanctus Steinbach 2, 1061; pius, religiosus Frisch 2, 454b; religiosus, religiose Matthiae 2, 181b; Kirsch 2, 152a; er ist ein gewissenhaffter mensch, est homo religiosissimus, magna est, et antiqua religione Aler

[Bd. 6, Sp. 6290]


1, 941a; gewissenhaffte leuth, homines simplices, ac religiosi, homines pii, ac sancti 1, 941a; vgl. auch teutsch-engl. lex. 2, 775; ein gewissenhafter mann, vir pius Steinbach 2, 1061; gewissenhaft handeln, sancte pieque facere 1061; religiose agere, magna sanctitate omnia gerere, quemque religiose tractare Aler 1, 941a; magna sanctitate omnia gerere, quaeque tractare Matthiae 2, 181b; Kirsch 2, 152a; gewissenhafft, oder nach seinem gewissen handeln, to act consciously, conscionably, or with a good conscience. teutschengl. lex. 2, 775. nicht in allen fällen freilich ist das religiöse moment durch die parallele mit religio, religiosus in vollem umfang sichergestellt. in den wendungen, die auf die rechtssprache, noch mehr auf den geschäftsstil weisen, liegt schon die möglichkeit einer verallgemeinerung, so wenn Steinbach (2, 1061) neben der buchung ein gewissenhafter richter, iudex sanctus et religiosus, die weiteren wendungen folgen läszt: gewissenhaft zeugen, religiose testimonium dicere; gewissenhaft in abstattung eines zeugnisses, in dicendis testimoniis religiosus; dazu vgl.: seinen eid gewissenhaft halten, observer la religion du serment Schwan 1, 748a; ein versprechen gewissenhaft halten, to observe a promise religiously Hilpert 2, 1 s. 466; er ist nicht sehr gewissenhaft im worthalten, he is not a very religious observer of his promise ebenda.
2)) früh treten zudem neben der parallele mit religiosus und ohne diese auch buchungen auf, die die verallgemeinerung des begriffes kennzeichnen: gewiszenhafter mann, homo religiosus, gravis integer Stieler 2569; noch deutlicher: ungewiszenhafter mensch, homo sublestae fidei, levissimus, inanis, vento levior ebenda; vgl. auch (scrupulosus et conscientiosus) Reyher 3, 1357; gewissenhaft, conscientieux, homme de conscience, religieux, scrupuleux; conscieusement, en conscience, scrupuleusement, religieusement Rondeau 2, Uu 3f.: ähnlich Schwan 1, 748a; Frisch dict. des pass. 2, 280; conscientious, conscionable, religious, scrupulous Arnold4 427b; vgl. auch: er handelt so gewissenhafft, als ie ein kauffmann thun kan, of a merchant, he is as conscientious as he can. teutsch-engl. lex. 2, 775; mit der gewissenhaften genauigkeit, with the most scrupulous exactitude Hilpert II, 1 s. 466a; ein gewissenhaftes betragen Adelung 2, 670; Campe 2, 367a; in der gleichen richtung hält sich auch die begriffsbestimmung der philosophen, die das religiöse moment aus dieser zumeist ausschalten, vgl.: wer nach einem freien gewissen handelt, und also den sinnen und affecten, das ist der sclaverei nicht raum giebet, der ist gewissenhafft Chr. Wolff ged. v. d. menschen thun u. lassen (§ 89) 54; vgl. dazu gewissenlos, s. u.; gewissenhafft heist derjenige, welcher sich bemühet, nichts wider sein gewissen, oder wider den ausspruch der vernunfft von der moralität einer handlung zu tun J. G. Walch philos. lex. 12, 1315; gewissenhaft heiszt derjenige, der bei seinen handlungen streng seinem gewissen folgt Kirchner-Michaelis phil. wb.5 s. 242; gewissenhaft pflegen wir nun sonst denjenigen zu nennen, welcher in der ausübung des übernommenen berufes nur auf das hinsieht, was dieser beruf ihm auferlegt; von allen, aus anderweitigen verhältnissen herüberzunehmenden, nebenrücksichten aber sich frei erhält; wer diesz nicht thut, den nennen wir gewissenlos D. Fr. Strausz streitschriften (1841) 176.
β) für den litterarischen gebrauch läszt sich die bedeutungsentwicklung am besten aus den verbindungen mit bedeutungsverwandten adjectiven erhellen; sie zielen fast ausschlieszlich auf den weiteren ethischen begriff; zum engeren religiösen Herder 20, 135 (sp. 6291); vgl.: die ... frauen ... waren so scrupulos, und gewissenhaft, dasz sie ihnen nit getraut am sabath die salben und specereien zu kauffen Abr. a S. Clara Judas der ertz-schelm 2 (1689), 206. den ethischen begriff begleiten vorwiegend verwandte adjectiva; contrastbegriffe sind selten: ich halte gewisz darvor, dasz ein jeder gewissenhafft und nicht gewissenlos seie neu eröffnetes wein-wirthshaus (1714) 31; dazu vgl. die zusammenstellung mit einem substantiv:

hör', Acron, kürtzlich was du bist:
scharffsinnig, doch ein guter christ;
ein staatsmann, doch gewissenhafft,
und sittsam bei viel wissenschaft.
Chr. Wernicke (9, 35: an Acron) 463 Pechel.

[Bd. 6, Sp. 6291]


die parallel gehenden adjective heben zumeist einen zug aus dem bedeutungsinhalt des begriffes rühmend hervor, zum gegentheil vgl.: einmahl macht sie ihm verblümter weise hoffnung zu der verlangten letzten gunst, ein andermahl aber stellet sie sich wieder gewiszenhafft und rappelköpffisch, dasz der von W. theils vor liebe, theils vor verdrusz hätte bersten mögen der im irr-garten der liebe herum taumelnde cavalier (1738) 480; bemerkenswert ist es, dasz die parallelverbindungen sich fast nur auf persönliche träger beziehen (zu den nomina actionis vgl. Göthe br. 20, 360; G. Keller 117, 343 s. u.) und dasz die function des adverbs hier nur in der neueren sprache berührt wird.
1)) desz getreuen Eckarths anhang, vorstellende einen rechtschaffenen und gewissenhafften medicum ... (anhang zu) Ettners unwürd. doctor (1697); im übrigen seind unter diesen leuthen die meiste sehr wackere und gewissenhaffte leuth Abr. a S. Clara etwas f. alle (der fleischhacker) 1, 594; nichts haszte der mann mehr, als die gewissenhafte redliche forschung und die entdeckungen der wissenschaft Keller (grüner Heinrich 2, 11) 117, 343; werdet ihr meinen lehren folgen, welche ich als ein ehrlicher und gewissenhaffter mann eröffne, so werdet ihr euer glück nach wunsch machen Stranitzky ollapatrida ... Fuchsmundi 54 (Wiener neudr. 10) 325; die erwägung der frage, ob eine entschlieszung richtig sei, und ob das festhalten und durchführen des auf grund schwacher prämissen für richtig erkannten richtig sei, hat für jeden gewissenhaften und ehrliebenden menschen etwas aufreibendes Bismarck ged. u. erinn. (53) 2, 158; dem bedächtigen, gewiszenhaften, wir wollen nicht sagen, langsamen und trägen charakter der Deutschen geschähe gewisz kein gefalle, wenn er zu behandlung gerichtlicher oder politischer geschäfte nach neuer französischer art und kunst gezwungen ... würde Herder (briefe z. bef. d. humanität: anhang) 18, 315; es wurde dieser beiden personen wegen raht gehalten und ihrenthalben auch unterschiedliche stimmen gesammlet. die auffrichtigste und gewissenhaffteste sagten, man sei schuldig, sie wiederum ohne allen engelt (!) ans land zu setzen Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3 (1713), 319; jeder möchte das universum vorstellen und aus sich darstellen ... thut er es nicht mit bewusztsein, so wird es ihm unbewuszt begegnen; empfängt er es nicht offenbar und gewissenhaft, so mag er es heimlich und gewissenlos ergreifen Göthe (gesch. d. farbenlehre 1. abth.) 53, 30.
2)) vornehme, hochverständige und gewissenhaffte räth seind ein grundfest eines lands Abr. a S. Clara etwas f. alle (der rath) 1, 45; die verständige und gewissenhaffte Hapsa überlegte und erwoge indessen der sachen umbstände und beschaffenheit Grimmelshausen wiedererstandener Simpl. 3, 425; er ist eine sehr gute art menschen, verständig und gewiszenhaft Göthe briefe 5, 217; Delius, der gewissenhafte und geistreiche editor F. Hebbel (Shakespeares zeitgenossen 3) 12, 290 Werner; vgl. auch (s. c, β: gewissenhaft ... klug) Lessing 13, 404; vgl.: das erfuhr neulich ein junger mann von feinem verstande, von untadelhaften sitten, ein gewissenhafter, bescheidener jüngling Herder (zerstr. blätter 5. samml.) 16, 151; grose männer solten ihren beifall öffentlich nicht blosz dem helden geben, ... sondern auch dem gerechten und gestrengen richter, dem gelehrten und gewissenhafften advokaten, dem sinnreichen und emsigen handwerker. fürchtet nicht dasz eure geschichtbücher mit nahmen überschwemmt werden würden G. Chr. Lichtenberg aphorismen 2, 90 Leitzmann; ihre art das von schriftstellern uns gewisz überlieferte erst zum grunde zu legen ... ist so gewissenhaft als geistreich, sie überzeugt und überredet Göthe briefe 20, 360.
3)) eine schrift, die von religion handelt, soll mit religion, d. i. gewissenhaft geschrieben seyn Herder (christl. schriften 5) 20, 135 (s. o.); sollten sie über brüderliche vergehungen menschlich d. i. gewissenhaft urtheilen (christl. schriften 5) 20, 262; trage jeder hiezu bei, was? und auf die würdigste, reinste, gewissenhafteste weise, wie ers thun kann (briefe d. stud. d. theol. betr. 1, 12) 10, 150; mit ihren kindern beschäftigte sie sich treu und unablässig und war gewissenhaft bemüht, nichts zu versäumen W. v. Kügelgen jugenderinn. (1, 4) 32 Nathusius;

[Bd. 6, Sp. 6292]


erworbne unschuld, dem erhitzten blut
durch list und schwere kämpfe abgerungen,
dem himmel, der sie fordert und bezahlt,
gewissenhaft sorgfältig angeschrieben.
Schiller (don Karlos 2, 15) 52, 268;

thut nicht ein braver mann genug,
die kunst, die man ihm übertrug,
gewissenhaft und pünktlich auszuüben?
Göthe (Faust I; vor dem thor) 12, 58;

diese gelegenheit hielten die beiden für geeignet, sich durch einen langen und fröhlichen blick von ihrem gegenseitigen vorhandensein in dieser schönen frühlingswelt genau und gewissenhaft zu überzeugen Georg Hermann Jettchen Gebert8 227; so lange Wilhelm eingetreten war, dachte ich freier athem zu schöpfen, er arbeitet sehr hübsch und gewissenhaft J. Grimm (an Gervinus 1859) briefw. 4, 135 Ippel; Salomon verhielt sich bei seiner arbeit so ernsthaft und unverdrossen, er führte das geschäft so geschickt und gewissenhaft durch ... G. Keller (landvogt v. Greifensee) 6, 159 (vgl. ungeschickt und gewissenlos, s. d.); und doch, wenn nun eine schöne natur sich allzu zart, sich allzu gewissenhaft bildet, ja, wenn man will, sich überbildet, für diese scheint keine duldung, keine nachsicht in der welt zu sein Göthe (lehrj. 8, 3) 20, 164.
c) formen.
α) zu den lautverhältnissen, resp. zur schreibung bietet unsere, der schriftsprache erwachsene bildung wenig bemerkenswertes. sie ist von anfang an mit dem doppel-s beobachtet (gewissenhaft Calvisius u. a.), das wenig variiert wird, vgl. gewiszenhaft Stieler 2569; Herder 18, 315 (neben gewissenhaft 3, 273); Serz 55a u. a.; zur doppelschreibung des labialen spiranten vgl. gewiszenhafft der im irrgarten ... umhertaumelnde cavalier 480; gewissenhafft Grimmelshausen wiedererstandener Simpl. 3, 482. 414; Butschky Pathmos 893; Chr. Wolff 54; Walch 12, 315. für den stammvocal kommen mundartliche schwankungen kaum in betracht, da das adjectiv für solchen gebrauch nur wenig verzeichnet ist; zuerst führt es Serz unter seinen idiotismen und volksausdrücken auf: gewiszenhaft, justus, numinis metuens, nil acturus quod iniquum 55a; von dialektwörterbüchern vgl. gewössenhaft, gewissenhaft wb. d. Luxemburger mda. 145b.
β) groszer beliebtheit erfreuen sich bei unserem adjectiv als einem lobenden epitheton die steigerungsmittel. zuerst sind steigernde partikeln beobachtet, die ein übermasz kennzeichnen, das auch im tadelnden sinne hervorgehoben wird: dieser zanck war kaum vorbei, da geriethen wir schon in einen andern, dan Hertzbruder war gar zu gewissenhafft; er wolte kaum zugeben, dasz ich einen pasz vom commandanten nam, der nach meinem regiment lautete Grimmelshausen Simpl. (5, 1) 373; das gleiche Calvisius 334a s. o.; weil der hauszvater diszfalls gar gewissenhaft war Simpl. 285; ich aber war damals noch viel zu gewissenhaft, tht als wann ichs nit merckte 168; man ist zu gewissenhaft, wenn man auf eine ängstliche art gewissenhaft ist Adelung 2, 670 (vgl. DWB allzu gewissenhafft, scrupulosamente, scrupuleusement Rädlein 1, 384b); nova nunc religio in te isthaec incessit, wie bist du nun so gewissenhafft worden, bist du nun so fromm worden? Reyher 3, 1060 (u. a. s. sp. 6293); ich nennte sie gerne grazien, wenn ich nicht historisch zu gewissenhaft wäre Seume (spaziergang 1) 2, 59: dasz ich ihn auch sonst über einem nicht allzugewissenhaften — — wenigstens nicht allzuklugen griffe, ertappt habe Lessing (die juden 18) 13, 404; allzu gewissenhaft (s. o.) Göthe 20, 164; sie schien es fast in der ordnung zu finden, dasz ein schlauer schurke mit einem mädel nicht sehr gewissenhaft umging, das eine so einfältige gans war, ihm zu trauen P. Heyse (das ding an sich) 2, 9 s. 141. die steigerungsformen setzen später ein und fast ausschlieszlich am attributiven und adverbialen adjectiv; zur prädicativen function vgl.: denn er wolte gewissenhaffter sein, als ein solches schelmstück vorzunehmen Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3, 414. bei den attributiven functionen tritt der comparativ natürlich hinter dem superlativ zurück: seine träume ... von einer grösseren nutzbarkeit des geistlichen standes, von einer gewissenhafteren pflege der menschheit Herder (br. z. beförd. d. humanität 57) 17, 276; diesem manne ... war es ... nicht zu beschwerlich, viele bögen wörtlich mit der gewissenhaftesten genauigkeit auswendig zu behalten J. v. Sonnenfels

[Bd. 6, Sp. 6293]


br. über d. Wiener schaubühne (Wiener neudr. 7, 202); mochten sie ihren Homer mit der gewiszenhaftesten treue gelernt haben ... die leichtigkeit des verses und der erzählung selbst lud zu veränderungen ein Herder (kl. schriften) 18, 425; zur gewissenhaftesten anwendung aller gaben (christl. schriften 5) 20, 246; die lokalität der hauptscenen mit der gewissenhaftesten treue anzuordnen F. Matthison erinnerungen (11) 2, 281; desto weniger konnte er des mannes entrathen, der, selbst auf unkosten des landes, mit der gewissenhaftesten ergebenheit und treue seinen nutzen besorgte Schiller (spiel des schicksals) 6, 110. dazu vgl. auch oben Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3, 319 (die gewissenhaftesten). in den adverbialen functionen halten sich die beiden formen mehr die wage: wenn sie es nicht mit der klinge behaupten, so hangen sie ihm desto gewissenhafter an Herder (br. z. beförd. d. humanität) 17, 303; vgl. (wichtiger und gewissenhafter machen) 3, 273; erfüll in jeder deiner bestimmungen deine jedesmalige pflicht aufs allergewissenhafteste (Hermes) Sophiens reise (1776) 3, 600; und suchte nun aufs gewissenhafteste die lehren in ausübung zu bringen Moritz Anton Reiser (2) 129 Geiger; vgl. (aufrichtigste und gewissenhafteste) Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3, 319.
2) die verbindungen.
a) neben dem verbum substantivum ist uns das adjectiv schon oben in der function des prädicats zahlreich entgegengetreten: in verbindung mit bedeutungsverwandten adjectiven bei Abr. a S. Clara Judas der ertzschelm 2, 206; Göthe br. 5, 217; 20, 360; noch häufiger durch eine steigernde partikel verstärkt (sp. 6292); dazu vgl. DWB wer ist heutiges tages so gewissenhafft, der ihm nicht selbst einen zahlungsan- oder stillstand mache Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. (3, 9) 3, 601; die juristen und rechtsgelehrten seind dannoch so gewissenhafft, dasz sie einen geringen gewinn vor zulässig erachten Abr. a S. Clara astriacus Austriacus (1684) 10; ach dasz ich so verliebt, ach, dasz ich so gewissenhaft in der freundschaft bin! Lessing (Damon 2) 33, 184; ebenso (die juden 14) 13, 397; der künstler soll nicht so wahr, so gewissenhaft gegen die natur, er soll gewissenhaft gegen die kunst sein Göthe (Diderots vers. über d. malerei 1) 36, 245; wer sich von grossen sünden rein halten wil, der mus in allen dingen gewissenschafft (!) sein Butschky Pathmos 893 (vgl. auch: so wirst du auch bei deinen complimenten gewissenhaft bleiben C. S. Ulber gewissensspiegel [1755] 407); gewissenhafft sein, to be conscientious, conscionable or tender conscienced teutsch-engl. lex. 2, 775; vgl. auch Hilpert 2, 1 s. 466a; dazu vgl. das vereinzelte unpersönliche subject in: da Römer durch steine und bäume zu sehen schien und jedem striche anmerkte, ob derselbe gewissenhaft sei oder nicht Keller (grüner Heinrich 3, 2) 2, 30; denn ist das gewissenhaft seinen einfältigen nächsten ums geld betrügen Ulber 94.
b) die attributiven verbindungen nehmen hier noch breiteren raum ein als oben (sp. 6291), da sich in ihnen der kreis der träger des begriffes erweitert.
α) mit beziehung auf personen: womit würde sich der sophist entschuldigen können, wenn ein gewissenhafter heide so zu ihm spräche? Herder (christl. schriften 5) 20, 143; Arnold Mathy lehrte noch etwa neun jahr am lyceum, dann liesz er sich wegen kränklichkeit in ruhestand versetzen; vielleicht auch deshalb, weil dem gewissenhaften mann die neue lehrweise und der systematische unterricht eines jüngeren geschlechts unbequem war G. Freytag (Karl Mathy) 22, 13; ebenso (gew. mann) Stranitzky ollapatrida 54; (gew. leut) Abr. a S. Clara etwas f. alle 1, 594; (mensch) Bismarck ged. u. erinn. 2, 158; (jüngling) Herder 16, 151; der herr wird hiemit als ein gewissenhaffter rechtsgelehrter mann zum schiede-richter, zwischen mir und meiner tochter erwehlet Stranitzky ollapatrida 10 (Wiener neudr. 10, 65); ebenso (advokat) Lichtenberg aphorismen 2, 90; (räte) Abr. a S. Clara etwas f. alle 1, 45; als der gewissenhafte kaufmann, der er war H. Sudermann das hohe lied (2, 3) 298; gleichwie nun aber die gewissenhaffte bediente ihre hände in des unschuldigen blut ungern wäschen ... noch ... ihre gewissen beschweren wolten Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3, 482; damit es sie zugleich in den stand

[Bd. 6, Sp. 6294]


seze, dem gewissenhaften W. ... der ihre schwester nicht verlassen mag, eine beruhigende tüchtige antwort zu geben Schiller br. 1, 135; ebenso schon Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3, 425; aber ein feiner kopf, ein edles, zartsinniges gemüt, ein gewissenhafter beobachter P. Heyse (die schwarze Jakobe) II, 6 s. 269; dazu vgl. die substantivierung in: (Angelo:) du reitest vorauf. reite doch, reite! und kehre dich an nichts! (Pirro:) nimmermehr! (Angelo:) wie? ich glaube gar, du willst den gewissenhaften spielen Lessing (Emilia Galotti 2, 3) 23, 396.
β) hier werden vor allem abstracta zum träger attributiver verbindungen, insofern einzelne verba, mit denen sich das adverb enger verbindet (s. c.), nomina actionis in die gruppe der substantiva überführen und damit auch andere entsprechende verbindungen anregen:
1)) gewissenhaffter krieg (überschrift) Logau sinnged. 1, 4, 49, Eitner s. 87; gewissenhaffter griff Lessing 13, 404; ich sehe gar nicht ab, warum wir uns einer so gewissenhafften gnauigkeit in unsern wercken befleiszigen und uns so sehr um das mehr oder weniger in denselben bekümmern J. Chr. Lichtenberg aphorismen 2, 96 Leitzmann; eine geschichte der meinungen, der praktischen grundsätze der völker ... in gewissenhafter prüfung der thatsachen und zeugen geschrieben; wäre eigentlich der schlüssel zur thatengeschichte Herder (br. z. beförd. d. humanität 58) 17, 321; das gleiche: P. Heyse (Romulus enkel) II, 2 s. 155; (forschung s. o.) G. Keller 117, 343; ähnlich (sektion) F. Hebbel (Shakespeares zeitgenossen 2) 12, 274; warten sie, unterbrach sich mein mann in einer sehr gewissenhaften wegweisung, da kommt mein Heinrich eben aus der schule und soll sie begleiten P. Heyse (der kreisrichter 2, 8) s. 6; indessen ich mit liebe die zeichnung nach meiner einsicht vervollkommnete und überall ein blatt oder einen stiel ausbesserte und einen schatten verstärkte. die neigung für das mädchen lehrte mich dies gewissenhafte fertigmachen und durchgehen der arbeit G. Keller (grüner Heinrich 2, 3) 1, 243; seine instruction wird er von Berlin erhalten; wenn graf Schlieffen decernent für deutsche sachen bleibt, so werden die instructionen gut sein; an ihre gewissenhafte ausführung glaube ich bei U. nicht Bismarck ged. u. erinn. (9) 1, 203; dieser offenbare nachtheil wird aber hier so ziemlich ausgeglichen, durch musterhaftere anordnung, gefälligern plan und gewissenhaftere pflege Matthisson erinnerungen 5 (1816), 49; in gewissenhaften gesinnungen Herder (christl. schriften 5) 20, 239; religion ist gewissenhafte verpflichtung 20, 210; 'pflichterfüllung' sagt schon so viel, dass 'gewissenhafte pflichterfüllung' nicht mehr sagen kann, sondern nur als eine tautologie bezeichnet werden kann E. v. Hartmann 22 (das sittliche bewusstsein) 260.
2)) da wir unmöglich alles merkwürdige mitnehmen können, so der hochwürd. hr. verfasser, der oberkeit hier auf eine gewissenhafte art anbefiehlt, ... Gottsched neuest. a. d. anm. gelehrs. 8, 770; vgl. auch gew. character Herder 18, 315; ich hoffte auf eine umständliche authentische nachricht, die ich nun überschicken kann. sie hat mich so offt innig gerührt als ich sie las, und das gewissenhaffte detail der erzählung nimmt ganz hin Göthe (an Sophie v. La Roche) br. 2, 57; wir wollen zusammen wohnen. ohne das hätt' ich des guten menschen gewissenhafte häuslichkeit zeither schon gern ein bischen ausgeweitet; als schwager wird's schon gehen (die geschwister) 7, 133; sondern versprachen unser ganzes künftiges leben auszuwechseln, d. h. uns gegenseitige gewissenhafte tagebücher zu senden Stifter (stud. 1: feldblumen 3) 1, 50 Sauer; mit einem wald-messer, frest, frest, hieb er ganze äste ab ... wenn er die hand zweimal umkehrte, so war schon ein büschel fertig; aber das waren büschel, gewissenhafte büschel ... es waren grosze büschel, fest gebundene büschel, wol gerattelte büschel Jobst Sackmann pred.3 (1833) 88.
c) die adverbialen functionen.
α) wenn sie ihr werk gewissenhaft thun, üben sie religion Herder (christl. schriften 5) 20, 248; ebenso 249; für dessen wohl sich der edle gewissenhaft hingab 20, 258; ihr kommt gewissenhaft auf eure stunde (most carefully) Schlegel Shakespeare (Hamlet 1, 1) 4, 125 Brandl; ich kam dieser weisung gewissenhaft nach Mörike (der schatz) 3, 36

[Bd. 6, Sp. 6295]


Krausz; dasz sie nicht immer gar zu gewissenhaft mit dem ihnen anvertrauten umgingen, auch davon könnte ich gerüchte aus der historie anführen Herder (br. über tempelherrn ...) 15, 117; genau so Pestalozzi Lienhard (2, 62) 23, 215; ebenso P. Heyse 2, 9, 141;

nichts unversucht läszt dieser wackre mann.
gewissenhaft, als läg' ich selber hier,
wird er um deine tochter sich bemühen.
Göthe (nat. tochter 1, 4) 9, 259;

das gleiche W. v. Kügelgen jugenderinn. 1, 32; vgl. (sp. 6292) gew. arbeiten J. Grimm; und der könig verhiesz seinerseits, wenn in diesem sinne gewissenhaft verfahren würde, seinen ganzen einflusz ... einzusetzen Sybel begründung d. d. reiches 34, 55; vgl.(gew. durchführen) G. Keller 6, 159; und wenn sie eine woche die bücher gewissenhaft geführt hatte, kamen einige tage, wo die sonne lustig schien G. Freytag (soll u. haben 4, 3) 5, 60; vgl.(gew. ausüben) Göthe 12, 58;

was er dort sah, soll nicht verborgen bleiben,
ich will es euch gewissenhaft beschreiben.
Göthe 1 (die geheimnisse) 13, 188;

vgl. (gewissenhaft anschreiben) Schiller 52, 268; und herr Pix liesz gewissenhaft die sendung sich selbst zur last schreiben G. Freytag (soll u. haben 4, 5) 5, 98; gewissenhaft erklären Herder (christl. schriften 5) 20, 251; ermahnen 20, 249; gewissenhaft erzählen Göthe (Werther) 16, 143; vgl. (gewissenhaft überzeugen) G. Hermann Jettchen Gebert 227; die wir gewohnt sind ... die gesetze dieses landes ... auch dann gewissenhaft zu beobachten, wenn sie uns nicht gefallen Bismarck (in der 2. kammer 5. 2. 1850) 1, 198 Kohl; es war, als trüge sie einen schrittzähler bei sich, der jede verkürzung dieses ganges gewissenhaft berechnete und festhielt H. Sudermann das hohe lied (2, 22) 629.
β) freilich aber, um jeden kubikfusz erde, den die kultur mit unrecht vernachläszigte, zu nützenden oder verschönernden pflantzungen gewissenhaft in anspruch zu nehmen, ... Fr. Matthisson erinnerungen (11: acht tage in den Alpen) 2, 283; vgl. (gewissenhaft empfangen) Göthe 53, 36; (gewissenhaft bilden) 20, 164; sie legte eine art von verpflichtung, jedes gefühl, das ihr entgegengebracht wurde, gewissenhaft zu erwidern H. Sudermann das hohe lied (1, 3) 22; doch hielt ich jeden gedanken, mich ihr hinzugeben, für eine chimäre, und nahm eines nachdenklichen abends herz und kopf gewissenhaft zwischen die hände, mir einen vers auf die ganze sache zu machen P. Heyse (Maria Franziska) II, 7 s. 207; gewissenhaft benutzten wir die kurze frist ... zu mancherlei kunstwallfahrten Matthisson erinnerungen 5 (1816), 61; warum muszten von unserm Hagedorn ... die ersten schlechtsten lehrlingstücke, die er so gewissenhaft verhehlte und verwarf, hervorgezogen (werden)? Herder (recens. im Wandsbecker boten) 5, 421; mein herz war ungerührt und unbeschäftigt: ich vermied gewissenhaft alles nähere verhältnisz zu frauenzimmern Göthe (dicht. u. wahrh. 12) 26, 119.
 
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gewissenhaftig, adjectiv, (vereinzelt) adverb, ist früher als das einfache gewissenhaft beobachtet, stirbt aber, ohne grosze verbreitung gewonnen zu haben, im 18. jahrhundert wieder ab, während das auf ihm beruhende substantiv (s. gewissenhaftigkeit) gerade um diese zeit in die litteratursprache eindringt. anders als gewissenhaft (s. sp. 6289) aber ebenso scharf hebt sich unser adjektiv gegen das aus dem verbalstamm unmittelbar abgeleitete ab; vgl.: wo man denn findet erbare, zuchtige, gewissenhafftige menschen, welche ob diesem freuel erschrecken Joh. Eberlin (wie sich ein diener gottes wortes) 3, 210; gegen: und erwelten denselben Adolphum von Nassaw zu einem kaiser .. als einen geübten und wiszenthaftigen man umb alle sache des reichs Meisterlins chronik v. Nürnberg s. dtsch. städtechron. 3, 114 (expertum). die erste buchung ist aus 1664: gewiszenhaftig, consciencieux, religiosus Duez 199b; ebenso (gewissenhafftig, conscientiosus) Seidelius 182; König 258a; spätere buchen unsere bildung als nebenform zu gewissenhaft: er ist sehr gewiszenhaftig, religionis nimiae, summae, maximae est Stieler 2569; Rädlein 1, 384b; vgl. auch Steinbach 2569; von da ab fehlt in den wörterbüchern jede erwähnung und ein vereinzeltes niederdeutsches zeugnisz (gewiʒenhafdig, adj. gewiszenhaft Schambach 64a) läszt

[Bd. 6, Sp. 6296]


schon an der form erkennen, dasz es sich um beeinflussung durch die schriftsprache handelt. für den litterarischen gebrauch hören die belege noch früher auf als in den wörterbüchern, sie reichen nur in den beginn des 18. jahrh. die meisten stammen aus Grimmelshausen: also seind sie viel zu gewissenhafftig sich ... mit losen weibsbildern zu schleppen wiedererstandener Simplicissimus 3, 137; denn ich fing an so gewissenhafftig zu werden, dasz ich durchaus keinen christen bestehlen wolte vogelnest 1, 13 (3, 427) Keller; desgl. (waren so fromm und gewissenhafftig) wiedererstand. Simpl. 3, 364; ach wie ist mancher vater so gewissenhafftig, ehe er sein kind auf eine hochzeit gehen läst Weise die drei ärgsten erznarren (33) neudr. s. 161; wenn nicht noch der gerichts-verwalter ein klein wenig gewissenhafftiger, und mit dieser freundlichen vermahnung hinter dem edelmanne hergewesen wäre Kuhnau musical. quack-salber (29) 116 Benndorf; Gelanor sperrte augen und ohren auf, und verliebte sich fast in den gewissenhafftigen richter Weise die drei ärgsten erznarren (32) neudr. s. 153; ja indem er sich stelte ein Krist zu sein, war er unkristlicher als ein gewissenhaftiger heide Zesen verschmähete, doch wieder erhöhrte majesteht 217;

Thrax spricht, wenn ich ihn unerwacht
bei seiner schönen Thais finde;
sein ambt hab' ihn hieher gebracht,
um sie von ihrer schnöden sünde
durch seinen treuen unterricht
gewissenhafftig abzuschrecken: ...
Chr. Wernicke epigr. (7, 21): 382 Pechel.


 
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gewissenhaftigkeit, f. , substantivableitung zum vorhergehenden adjectiv, mit dessen aussterben ihr erster gebrauch zusammenfällt. den ersten litterarischen belegen gehen schon buchungen voraus, die von 1716 ab eine fast ununterbrochene überlieferung darbieten: gewissenhaftigkeit, conscientiousness or conscionableness. teutsch-engl. lex. 2, 775; gewissenhaftigkeit, sanctitas, religiositas, religio, conscientiae religio Aler 1, 941a; ebenso (ohne die beiden letzten parallelen) Steinbach 2, 1061; Matthiae 2, 181b; Kirsch 2, 152a; dazu vgl. DWB gewissenhaftigkeit, religion, probité scrupuleuse (exacte) Rondeau 2, Uu 3f.; la conscience, délicatesse de conscience, religion, scrupule, probité exacte, scrupuleuse Schwan 1, 748a; conscientiousness, scrupulousness Hilpert II, 1 s. 466a; die gewissenhaftigkeit, plur. car. die fertigkeit, seine handlungen nach der vorschrift des gewissens einzurichten Adelung 2, 670; Campe 2, 367a; litterarisch ist das femininum zuerst bei Lessing belegt: Merope muszte nicht die gemahlinn des Polyphontes sein; denn es schien dem dichter mit der gewissenhaftigkeit einer so frommen mutter zu streiten, sich den umarmungen eines zweiten mannes überlassen zu haben, in dem sie den mörder ihres ersten kannte (Hamburg. dramaturgie 1, 40) 93, 353; daran schlieszen sich einige belege aus Hamann, mehrere aus Herder, vereinzelte aus Moritz, Lavater, Göthe, Schiller; viel häufiger wird der gebrauch im 19. jahrh., vgl. vor allem die belege aus G. Freytag und Bismarck. auch aus einzelnen mundarten ist das substantiv bezeugt, und im gegensatze zum adjektiv sogar mit eigenen formen; vgl.: kurjos waor, dat de aolle besmoor Röwesaot in üöre gewietenhaftigkeit sick gans genau an de beteeknung holl, well in 't Mönsterland füör den twedden gevadder anwendet wädd Franz Giese Frans Essink (3) (1875)2 18; gewössenhaftechkêt, f. gewissenhaftigkeit wb. d. luxemb. mda. 145b; zum formengebrauch ist nur anzumerken, dasz der plural, wie schon Adelung feststellt, nicht belegt ist.
1) unverhältnismäszig häufig ist das substantiv enger an andere gebunden,meist an bedeutungsverwandtewährend eine gegenüberstellung von contrastbegriffen wieder die ausnahme bildet, vgl.: das christenthum setzt den werth des menschen in seine innere gewissenhaftigkeit, das heidenthum in seine äuszere ... gesetzmässigkeit W. E. v. Ketteler ist d. gesetz d. öffentl. gewissen? 10. gegen: gewissenhaftigkeit und einsicht, was fordern diese von einem mann, der ein mitglied des Hamburger ministerii ist? untersuchet von M. R. Brandenburg 1773; religion ist ein römisches wort, das man hier nicht gebrauchen sollte. im reinsten verstande bedeutet es gewiszenhaftigkeit, scheu vor gott, treue in haltung seines worts Herder (christl. schriften 5) 19, 235; ganz ebenso 20, 248; 20, 264; meine religion, meine innerste

[Bd. 6, Sp. 6297]


gewissenhaftigkeit, mein glaube, meine sicherste zuversicht 20, 156; religion war also ... die sorgsamste gewissenhaftigkeit seines innern bewusstseins, der altar seines gemüthes 20, 141; die regel der wahrheit und einzigen tugend, der menschengüte und gewissenhaftigkeit 20, 258; vgl. auch 20, 239; was die gewissenhaftigkeit und treue seiner übersetzung betrift ... Schiller (vorw. zur 'zerstörung v. Troja') 6, 345; er verwaltete diesz amt mit der gröszten gewissenhaftigkeit und unpartheilichkeit Moritz Anton Reiser (2) 140 Geiger; desgl. (mit aller unpartheilichkeit und gew.) Lavater aussichten in die ewigkeit 3, xiii; er war der träger des ernstes und der gewissenhaftigkeit H. Laube (burgtheater 37) 5, 243 Houben; so fühlten sie doch alle, dass er diese kriegerischen pflichten nur aus gewissenhaftigkeit ohne freude erfüllte H. v. Treitschke deutsche gesch. 5, 11; das ist doch eine art, mich in der öffentlichen meinung herunter zu drücken, in meinem fleisz, in meiner gewissenhaftigkeit, mit der ich mich auf amtliche sachen vorbereite Bismarck (im reichstage 8, 5, 1879) 8, 41 Kohl; sie kennen die arbeit, die gewissenhaftigkeit, die sparsamkeit, aber sie wissen nicht, wie die runde summe, welche sie als lohn erhalten, im wind und wetter der konkurrenz zusammengekommen ist G. Keller (grüner Heinrich 2, 15) 1, 388. andere zusammenstellungen werden durch den bedeutungsgehalt vorbereitet, den unser substantiv durch zutritt eines attributes gewinnt: es müszte selbst für Lavater eine schwere aufgabe werden, in dieser kraftvollen und entschlossenen physiognomie (Philipps des groszmütigen) den verzagten kleinmuth und die demuthsvolle gewissenhaftigkeit zu entdecken, womit dieser fürst, wegen seiner nebenehe, in dem bekannten schreiben an Luther und Melanchthon, seine seele zu retten suchte Fr. Matthisson erinnerungen (5: vaterländische besuche) 1 (1810), 238; weil nachdenken und geistige gewissenhaftigkeit im refectorium nicht gekannt waren G. Keller (grüner Heinrich 2, 5) 1, 273; anders: bei unserer vielseitigkeit und gewissenhaftigkeit im denken Heine (Lutezia 1, 39) 6, 289 Elster; vorübergehenden bedingungen des zusammenhanges erwachsen: und sie (die apokryphen) von ihren verfolgern ... aus der welt geschafft, oder sind sie aus neid und gewissenhaftigkeit ... der nachwelt entzogen und in den ruinen der tempel mitbegraben ..? Hamann (fragmente einer apokryphischen sibylle ...) 6, 10 Roth; und es ist charakteristisch für den unabhängigkeitssinn des volkes, dasz diese gaben (an den häuptling) als geschenke behandelt werden ... und für die gewissenhaftigkeit des volkes, dasz sie mit regelmäszigkeit gegegeben wurden G. Freytag bilder a. d. dtsch. vergangenheit 124, 75.
2) einschränkungen des bedeutungsumfanges sind bei unserem substantiv verhältnismäszig selten und werden, wo sie sich neuerdings mehren, mit neuen mitteln durchgeführt. so läszt sich in dem hinweis auf bestimmte träger hier im gegensatze zu den beobachtungen an gewissen (sp. 6226. 6260) nur ausnahmsweise ein ausgangspunkt des bedeutungswandels feststellen vgl.: 'gewissenhaft!' — 'ich sage ihm, die gewissenhaftigkeit der herren advokaten gleicht der tugend alter jungfern: sie steht fest, so lang — sie niemand angreift' Mohrenfels ... ein schauspiel (1794) s. 17; gegen: wer darf über seine gewissenhaftigkeit den stab brechen? Hamann (Golgatha 1) 7, 28; vgl. auch (s. o.) W. E. v. Ketteler 10; Bismarck 8, 41; da seine (Mendelssohns) gewissenhaftigkeit in jeder beziehung im anfange geradezu an ängstlichkeit streift Danzel Lessing 1, 348; alle aber haben eine tendenz, gegenseitige gewissenhaftigkeit in einer gemischten volksgesellschaft als heilig zu begründen Herder (christl. schriften 5) 20, 231. ich bat also mein hausfräulein ... Julien zum kaffee einzuladen. sie hat das gethan, aber in ihrer gewissenhaftigkeit nicht ohne vater und mutter in kenntnis zu setzen Carl Hase (jugenderinnerungen) 11, 1, 165. die einschränkung des begriffes auf ein engeres gebiet der bethätigung kommt hier mehr zur geltung, aber in der reihe der attribute hat auch sie wenig zu bedeuten: solche regeln wie die obigen, wodurch man mit einem anstand von philosophischer gewissenhafftigkeit alle wege verdächtig zu machen sucht ... G. Chr. Lichtenberg aphorismen 2, 127 Leitzmann; seine schwächen sind ferner

[Bd. 6, Sp. 6298]


sichtbar in mancher komischen rolle, die er übertreibt. da er andere fein-komische rollen ohne irgend eine übertreibung spielt, so ist jene übertreibung ein mangel an geistiger gewissenhaftigkeit H. Laube (burgtheater 31) 5, 170; vgl. auch oben Matthisson 2, 83; W. E. v. Ketteler 10. dagegen ist es für die neuere entwicklung kennzeichnend, dasz bei der vielseitigkeit solcher beziehungen nunmehr weitläufigere präpositionalverbindungen, fügungen mit verbalformen, ja mit ganzen sätzen notwendig werden: da ward ich wohl zuweilen ein göttlicher sauhirt oder kuhhirt ... ich ärndtete wegen meiner sorgsamen gewissenhaftigkeit nicht miszuhüten auch hier lob ein E. M. Arndt erinnerungen 12; er war der träger des wortes ... der gewissenhaftigkeit für sinn und geist des ernsten stückes H. Laube (burgtheater 37) 5, 243; wir hatten am burgtheater mitglieder der älteren generation, welche an gewissenhaftigkeit des memorierens mustergültig waren (31) 5, 168; bei dem majoritätsvotum ... geht das gefühl persönlicher verantwortlichkeit, in welcher die wesentliche bürgschaft für die gewissenhaftigkeit der entscheidung liegt, sofort verloren, wenn diese durch anonyme majoritäten erfolgt Bismarck ged. u. erinn. (1) 1, 13; ich würde es mit der gewissenhaftigkeit in erfüllung meines königlichen berufes nicht vereinbar finden antwort könig Wilhelms auf die adresse des abgeordnetenhauses (1863) s. Bismarck 2, 252 Kohl; nachdem ich dergestalt durch perspectiven und parallelen dem geneigten leser einen begriff von der gewissenhaftigkeit beibrachte, welche uns autoren beseelt Anzengruber (dorfgänge 1) 33, 6; oben hatten wir die gefühlsmässige anerkennung der verbindlichkeit als pflichtgefühl bezeichnet; die pflichtmässigkeit des praktischen verhaltens, welches aus demselben folgt, stimmt überein mit der gewissenhaftigkeit, welche in der durchgehenden anwendung des actuellen gewissens, namentlich nach seiner formellen seite, besteht E. v. Hartmann 22 (d. sittliche bewusstsein) 260; sie sorgte für mich fast mütterlich, mit einer gewissenhaftigkeit, als ob ich ein kostbares gefäsz wäre P. Heyse (die hexe vom korso) II, 2 s. 226.
3) beim uneingeschränkten begriff, sofern er nicht durch zusammenstellungen mit anderen substantiven gestützt ist (s. o.), steht das substantiv nur selten ohne begleiter: die aegyptische zwar steife, aber grandiose, und in den verhältnissen bis zur gewissenhaftigkeit genaue kunst W. v. Humboldt Latium u. Hellas (s. litt. denkmale 58) 121; wenn ich auch so eine menge zeit verliere, so mag ich doch aus gewissenhaftigkeit das malzeug nicht hervorkramen, so lange eine verakkordierte arbeit nicht fertig ist G. Keller (an Marie v. Frisch 1879) 3, 433 Bächtold. meist dagegen zeigt sich das substantiv in der begleitung von attributiven bestimmungen, die zweierlei zwecken dienen. entweder lassen sie erkennen, wie der redende die anwendung des begriffes im besonderen zusammenhang bewertet, oder sie dienen ganz allgemein der steigerung. auch in diesem falle kann wie bei dem adjektiv lob oder tadel dadurch ausgedrückt werden: warum will sie uns denn eine unreife gewissenhaftigkeit, warum soll sie uns ein frommer eigensinn verbieten, wenn wir sie würdig brauchen können? Herder (über Jh. Abbts schr.) 2, 286; endlich bekommen diese erzählungen ein merkwürdiges gewicht noch dadurch, dasz sie als ein göttlicher stammesvorzug dieser nation beinah mit abergläubischer gewissenhaftigkeit jahrtausende lang erhalten ... sind (ideen 3, 12) 14, 59; aber auf der universität schon am glauben irre geworden, hatte er in ehrenwerther gewissenhaftigkeit kein geistliches amt begehrt W. v. Kügelgen jugenderinn (6, 3) 364 Nathusius; beispiele der biblischen geschichte .. sind es gar übungen, die von wahrer gewissenhaftigkeit gerade abführen; ach, so gelangt man gewisz nicht zum ziel Herder (christl. schriften 5) 26, 248; hymnen auf sie oder auf irgend einige naturgegenstände kann diese poesie nicht haben; das wäre abgötterei, und sie wiszen, mit welcher gewiszenhaftigkeit sie diese vermeiden muszte (v. geist d. ebr. poesie 1) 11, 272; ist denn dieses volck (das jüdische) so wichtig und so genievoll, so fruchtbar für uns, dasz wir es mit solcher gewissenhafftigkeit hegen sollen? Lichtenberg aphor. 5, 108; denn obgleich der prinz die ersten vorstellungen von anfange bis zu ende auf seinem

[Bd. 6, Sp. 6299]


sessel sitzend, mit der gröszten gewissenhaftigkeit abwartete, so schien er sich doch nach und nach auf eine gute weise davon zu dispensiren Göthe (lehrj. 3, 8) 18, 283; vgl. DWB er beobachtet die gröszte gewissenhaftigkeit ... the greatest conscientiousness Hilpert I, 1, 466a; vgl. auch mit grote gewissenhaftigkeit F. Reuter (stromtid 2, 22) 2, 348; vgl.(sp. 6298) sorgsame gew. E. M. Arndt er innerungen3 12; dasz sich Olga der ihr gewordenen doppelaufgabe: das kind ruhig und das wasser im kochen zu erhalten, mit einer durch furcht und hoffnung gleichmäszig geschärften gewissenhaftigkeit unterzogen hatte Th. Fontane (Stine cap. 5) I, 5 s. 29; welche ... münz, till und kümmel mit mathematischer gewissenhaftigkeit verzehnteten Hamann (Golgatha u. Scheblimini!) 7, 63 Roth. vielleicht hielten es auch einige aus übertriebener gewissenhaftigkeit für unverzeihliches verbrechen, von einem bundsgenossen des teufels zu schreiben J. F. Köhler dr. Joh. Faust (1791) 49; was sie selber schlimmes wirklich gethan ... sich zurückzurufen ... und mit unbarmherziger gewissenhaftigkeit zug um zug O. Ludwig (Heiterethei) 2, 139 Stern; dasz gerade dieser hohe herr in seiner peinlichen gewissenhaftigkeit jede mittheilung in die fremde vermieden hat G. Freytag der kronprinz u. d. deutsche kaiserkrone 39; desgl. Fontane (v. d. sturm) i, 1, 193.
 
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gewissenheit, f. , substantivbildung zu dem participialen adjectiv gewissen III (s. sp. 6216f.), dessen active bedeutung es hauptsächlich übernimmt. in der mittelhochdeutschen periode am meisten verbreitet (vgl. gewiʒʒenheit mhd. wb. 3, 791b; Lexer 1, 996), reicht es mit ausläufern noch in das 16. jahrh. herein. von gewissen IV, mit dem es sich in seiner hauptverwendung am nächsten berührt, grenzt sich unser fem. mehr stilistisch und zeitlich ab. vielleicht dasz es auch am grundbegriff der scientia länger festhält, der ja in der negierten bildung unwissenheit (vgl. ungewissenheit mhd. wb. 3, 792a; vgl. auch variante zu Luther 2, 718) fortlebt. der bedeutungsübergang in der richtung auf conscientia ist in den frühesten wie in den spätesten zeugnissen belegt, wenn auch nicht immer zu entscheiden ist, wie weit dabei der religiöse begriff durchschlägt. auf die passive bedeutung des zu grunde liegenden particips führt vielleicht die zusammenstellung des fem. mit gewissheit zurück, mit dem es auch oft in der handschriftlichen überlieferung variiert, vgl. (s. auch unter gewissheit) Freiberger stadtrecht 23; Freidank 5, 21; U. v. Richental 152; Bamberger halsgerichtsordnung 66; Karolina 2, 31, im gegensatz zu den varianten mit gewizheit zeitschr. f. d. a. 7, 330; (weishaite) K. v. Würzburg Partonop. 16887. formell ist festzustellen, dasz der für die präsensformen des particips zuständige dental nur bei Freidank 5, 21 beobachtet ist: gewissentheit in variante mit gewissenheit. die doppelspirans geht auch hier in der schreibung späterer belege von zz zu ss über:
1) das substantiv bringt die am particip entwickelte grundbedeutung zum ausdruck: gewissenheit, scientia, prudentia:

daʒ êrste cleit sî milte diu vor gote ie schein
ob aller tugent schôn reht als ein edel stein.
daʒ ander sî gewiʒʒenheit mit stæte
daʒ dritte wârheit unde scham. Kolmarer handschr. (124, 42) Bartsch s. 491;

schœne mit rîcheit,
dar ûf sint si vil gemeit.
si solden merken schœne jugent,
gewiʒʒenheit und ganze tugent (var. gewiʒheit)
an einem ieglîchem man. fink u. nachtigall zeitschr. f. d. alt. 7, 330;

dâ wâren undr in beiden,
als si kunden underscheiden
ir ieglîches gewiʒʒenheit:
wan beidenthalben wart geseit,
die wîle sie dâ lâgen,
nâch iegelîches vrâgen
von lande und von mâgen.
H. v. d. Türlin krone 17556;

ich, der mit mîner hant
hân überwunden elliu lant,
müeste nû gevangen sîn
von der gewiʒʒenheite mîn,
würb ich anders danne mir
nû riete mînes herzen gir.
Konrad v. Würzburg Silvester 1147

dazu vgl. (der gewissenheit sigen wir bar) W. v. Rheinau Marienleben 117, 42; (ist ane gewiʒʒenheit) zeitschr. f. d. alt.

[Bd. 6, Sp. 6300]


7, 330; desgl. altd. blätter 1, 109; (mit gewiʒʒenheite) Konr. v. Würzburg Partonopier 16887. auch bedeutungsverengerungen erwachsen einzelnen zusammenhängen:

und daʒ sie einegen trit dar abe
deheinen wîs wolten komen,
sît sie hâten genomen
Gâwein ze einem wîssere,
swie er ungewis wære:
wan eʒ nâch wâne was geschehen,
daʒ sie in hâten ersehen
ze alsolher gewiʒʒenheit.
H. v. d. Türlin krone 28278;

won! dem weine der do wechsit an dem weinstocke. wen man den lesen sal. von den zeichen der reifkeit. von der gewissenheit die man sal habin beide in der pressen und auch in dem kellir md. weinbuch (Wiener handschr.) s. Wiener sitzungsber. 71, 553 Haupt.
2) der übergang zum ersatz des lat. conscientia; vgl. gewissenheit conscientia. voc. variloquus (15. jahrh.) Diefenbach-Wülcker 620; vgl. conscientia, gewissenheit, erkantnisz, quod se quis noscit et iudicat peccatorem vel non. Melber voc. prädic. F 3b. scrupulus .. remorsus conscientie. pinlich unrwe der gewissenheit b 4, 3b; auch hier ist der engere religiöse begriff gelegentlich durch angeschlossenen objectiven genetiv gekennzeichnet; vgl.:

ich wil eu sagen mêre
von deme uʒʒeren altare
da man daʒ vihe z treip
daʒ ist den sunden gewiʒʒenheit (J. Grimm: der). bücher Mosis (Vorauer handschr.) bei Diemer deutsche ged. 61, 6

gegen:

vil groʒ wirt unser smerze
die wurme eʒʒent uns daʒ herze
daʒ ist uns gewiʒʒenheit
diu tut uns also michel leit. jüngstes gericht bei Diemer deutsche ged. 290, 11;

swer niht gebeten künne,
der versuoche des meres wünne.
mennegelîches gewiʒʒenheit (var. gewissenheit, gewissentheit, gewisseheit, witzekeit)
vor gote sîne schulde seit. Freidank 5, 21 W. Grimm;

die nôt ich dir niht wil verheln:
daʒ ist mîn gewiʒʒenheit,
die mir an das herze gneit.
Ebernand v. Erfurt Heinr. u. Kunigunde 3107 Bechstein;

ich wil euch aber in dieser faulen bben belonung nit haben, sonder euch bei meiner gewissenheit, und nach ewer arbeit belonen Aimon (1535) F 2a; aber bei meiner gewissenheit, hat er mir slichs, oder sunst einich verdriesz gethan, so uberziehe ich jnen mit hunderttausent mannen ebenda b 3a; schweren einen eidt zu gott ... ob jhr das in ewer gewissenheit thun mögent, dasz ... kammergerichtsordn. v. 1555 bei Bergmann corp. iur. iud. civ. germ. acad. 174; des mir dem statschreiber wider mein consciens und gewissenheit gewesen Zapf reformationsurkunden v. Aalen 23 (1575).
3) zur berührung mit gewissheit vgl.: und batt die von Ulm, das si der schuld uff inn kemind, so wölt er si erlichen zalen in kurtzer zit und wölt inn gewissenhait (var. gewiszhait) gng darumb tn Ulr. v. Richental Constanzer concil 152 Buck;

möcht hiemit gern ein gewissenheit habn,
tu ich euch mit warheit sagn:
mein zeug steht hier in groszer gefar. Oberuferer Christigeburtspil 105 Schröer.

eben so gwissz msz der inner mensch ... des seinen sein, das warheit und kein gespenst .., sunder ein plerophonia unnd gewissenheit des innern menschens, jha vil gewisser dann der eüsser mensch des seinen ist Franck weltbuch a 5b. dazu vgl. die oben angeführten varianten.
 
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gewissenlich, gewissentlich, adj. und adv.
1) verstärkte form zu wissenlich, (vgl. wiʒʒen, wiʒʒentlich Lexer 3, 962):

von diu solt uns sîn wîhe sîn gewizzenlîch,
sô waere sîn ampt nicht ungewislîch.
Heinr. v. Melk, priesterleben 412 Heinzel.

daz alliche niht gewizzenlich ist den smahvolchen himmelreich 126 (zsch. d. a. 8, 148);

das gleiche (daz ist gewizzenlîch) Ortnit (IV) 342, 2; wir lernen ouch die gewizzenliche minne, daz wir virsten sin gotelichen wundir Trudperter (Hohenburger) hohes lied 29, 13 J. Haupt; der gotlichen warheit gantzes gewissenliches

[Bd. 6, Sp. 6301]


urkunde Joh. v. Neumarkt leben d. h. Hieronymus) 135 Benedict (certum iudicium et veritatis experimentum); man sol auch keinem manne sein leip oder sein gut verteilen, er sei dan gegenwertig oder ime sein gewissenlich tag beschiden tedinges zu warten Kuttenberger zusätze zur 2. redact. des deutschen Iglauer bergrechts (§ 23a) Zycha s. 38; vgl. auch was in wissentleich were umme das geczugnusse ... Iglauer oberhofentscheidung bei Zycha. 429 (gewissentleich Tomascheck s. 63);

er (Joseph) hiez im entwichen den liut gaerlichen
daz nieman da waere der saehe sine gebaere,
so si sich ein andir bechanten und gewizzelichen maneten. Milstäter genesis 98, 18 Diemer (adverb fehlt in der Wiener handschr.);


2) unter dem einflusz des substantivs gewissen steht: gewissenlicher oder gotforchtiger, conscientiosus. voc. theut. m 5a; dazu vgl.: gewissenlich, adverb, conscientiose. voc. incip. teut. i 7a.
 
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gewissenliebend, participiale zusammensetzung: zeige mir der herr Lilienfeld, was für fug ein redlicher und gewissen-liebender politicus haben kann, diesen faulen krebs, diesen schädlichen authoren (Machiavelli) hohen gemütern in die hand zu geben Er. Francisci lustige schaubühne (2, 2) 2, 585.
 
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gewissenlos, adj. und adv.
1) zuerst im ackermann aus Böhmen belegt und dann wieder bei Eberlin v. Günzburg beobachtet, wird es doch erst im 17. jahrh. reicher verwendet, als contrastbegriff zu gewissenhaft, mit dem es auch oft zusammengestellt ist vgl. sp. 6290, 6291). wie dieses ist es bei Abr. a S. Clara und Grimmelshausen bevorzugt.
a) der bedeutung, die in dem gleichzeitigen wiʒʒenlos (vgl. von vil wiʒʒen wiʒʒelôs und von vil willen willelôs mystiker 2, 591, 14 s. mhd. wb. 3, 789b) zu tage tritt, steht unser adjectiv vom ersten belege an fern, es wird ihr erst in neuerer verwendung vorübergehend nahegebracht: kann ein gewiszenloses vieh sich denken, dasz alle die grossen, unterdrückenden massen, regierungen und bleiklumpen in der zeit bleiben, oder sich in nichts auflösen werden? Herder (Joh. offenb.) 9, 82 genau so 9, 81; vgl. auch die belege in γ.
α) im gegensatze dazu steht schon der erste beleg, der deutlich an das subst. gewissen anknüpft: jurist, der gewissenlosz crist hilfet do nit mit rechts und unrechts vorsprechung und mit seinen krummen urteilen ackermann aus Böhmen 41, 18; schon hier ist mit der negierung zugleich ein tadel und makel verknüpft, der namentlich auch in den buchungen zum ausdruck kommt: gewiszenlos, conscientiam negligens, contemnens, sine conscientia Stieler 1179 (unter los); Matthiae 2, 181b; Kirsch 2, 152a; homo parum religiosus, sincerus, nullius conscientiae homo Aler 1, 941a; ein gewissenloser mensch, un homme sans ame Schwan 1, 748a; a man of no conscience, an unprincipled man Hilpert 2, 1 s. 465c; gewissenlos, heist derjenige, der nicht nur aus einer sclaverei der unvernünfftigen neigungen und affecten wider das gewissen handelt, sondern sich auch über seine böse thaten kein gewissen machet J. G. Walch philos. lex. 12, 1316; daher ein weites gewissen jemandem zuzuschreiben so viel heiszt, als: ihn gewissenlos nennen Kant (metaphys. d. sitten 2, § 13) 5, 274.
β) im litterarischen gebrauche sind es namentlich parallelverbindungen mit anderen adjectiven, die dieses moment des tadels hervorheben: können auch gefährlichere, und gewissenlosere anschläge gegeben werden ungewissenhafter gewissensrat (1689) 42; entgegen aber seind auch einige, die sehr gewissenlosz und ungeschickt: gewissenlosz darum, weilen sie offt wegen eines nadelstich und geringen schaden grosses geld erpressen Abr. a S. Clara etwas f. alle (der wund-arzt) 1, 123; dasz er den lasterhafften und gewissenlosen sünder niemahlen weder ruh noch rast lässet gehab dich wohl! (7) 108; als sein die kriegsleuth jhres sträfflichen und gewissenlosens wandel halber den thieren nicht ungleich mercks Wien 145; dasz er gantz ehrlosz, gewissenlosz, gottlosz seinen herrn und heiland verrathen Judas der ertzschelm 2, 200; doch von wegen darf ich mit meinen landsleuten nicht sprechen; die sind wol selten in einem andern lande schlimmer und gewissenloser vernachlässigt als bei uns in Sachsen Seume (spaziergang 1) 2, 110 Hempel; um das masz der gewissen-losen

[Bd. 6, Sp. 6302]


libertinischen flattirung vollzumachen ungewissenhafter gewissensrat 19; er könne demnach nicht glauben ... dasz ich so gewissenlosz und leichtfertig gewesen sei, ein so grobe sünd ... zu begehen Grimmelshausen (vogelnest 2, 16) 4, 630 Keller; so war er jetzt nach vollbrachter that (der bluthochzeit) weder leichtsinnig noch gewissenlos genug, der innern rüge derselben ... zu entfliehen Schiller (gesch. d. franz. unruhen) 9, 385; ein sehr unregelmässiger und gewissenloser lehrer G. Freytag (soll u. haben 2, 6) 4, 269; so lose leute ... die ... andere in gefahr der ewigen verdammnüsz vorsetzlicher und gewissenloser weisz stürtzen dörfften Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3, 243; du machst sie erstlich gewissenlosz, hernach forchtsam, und endlich grausam 3, 483; ihr seid gewissenlos und selbstsüchtig wie alle männer P. Heyse (Annina) II, 1 s. 288;

so sind sie alle, alle.wenn sie lügen,
so glauben sie sich klug.verrat ist schlauheit,
die härte festigkeit.gewissenlos
und taub sein bei der menschheit klageruf
ihr grosser sinn, der kleines nicht beachtet.
Grillparzer (Esther 2) 85, 242;

wie sehr dieses moment des tadels den bedeutungsgehalt beeinfluszt hat, zeigt sich vor allem darin, dasz das adjectiv nunmehr sogar zu eben dem substantiv gesetzt werden konnte, das es negiert: und ohne beobacht- und beängstigung deines gewissenlosen gewissens durch allerhand vortheil, list und betriegerei erschächern Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. (3, 2 rathstübel Plutonis 14) 3 (1713), 166; auszerdem vgl. gewissenlos als schimpfwort bei L. v. Pansner dtsch. schimpfwb. 23a; vgl.: so wäre er ja der gröszeste übelthäter, der auf ewige zeiten hin gewissenlose frevler vor gott zu gerechten machte Herder (christl. schriften 5) 20, 259.
γ) erst in jüngerer entwicklung ist das adjectiv mehrfach auch ohne beimischung eines tadels belegt, entsprechend der wandlung im bereiche des substantivs (vgl. oben sp. 6224 zu Hebbel und W. Raabe): vgl. der handelnde ist immer gewissenlos; es hat niemand gewissen als der betrachtende Göthe maximen u. reflex. nr. 241; kann ein gewissenloses vieh sich denken das die ... verderbung dieser welt alzo bleiben ... werde Herder 9, 8; ebenso (s. o.) 9, 82; nur der paradiesisch naive, der beschränkte und der gewissenlose mensch lebt leicht, dem tiefer gehenden hämmern die pulse, wenn er bedenkt, welch ein fürchterliches schraubenwerk das leben ist. Fr. Th. Vischer auch einer (1904) 475. unter den buchungen sind nur wenige, die sich auf blosze negierung beschränken, und auch bei ihnen ist für die deutung einige vorsicht geboten: ungewissenhafft oder gewissenlos sein, to be unconscientious, unconcionable, not conscientious, not conscionable; to have no conscience ... teutsch engl. lex. 2, 2264; senza conscienza (anima), privo di conscienza, sans conscience Rädlein 1, 384b; sans conscience Rondeau 2, Uu 3 f; ebenso Schwan 1, 748a; gewissenlos, ohne gebrauch des gewissens handelnd, fertigkeit besitzend, ohne gebrauch des gewissens zu handeln Adelung 2, 670; ähnlich Campe 2, 367a.
b) zur form ist das vereinzelte eindringen des compositionszeichens hervorzuheben: dasz solche gewissenslose drucker und buchhändler gefunden werden, welche sich so viel mehr dieser sünden theilhafftig machen, so viel mehr sie die schand-possen unter die leute bringen Weise die drei ärgsten erznarren (vorrede, 4 neudr.); vgl. auch gewissenslos (in der ausgabe v. 1687 gegen gewissenlos 1680) Abr. a S. Clara mercks Wienn 77; die sich nicht scheuen, einer so gewissens-losen sache den rükken zu halten, und mit ihrer feder zu schützen Butschky Pathmos (nr. 629) 903. einmal ist das wort als compos. zu lose statt zu los belegt (vgl. auch unten th. 6 sp. 1181 ff.): wer wieder das überwiegende gewissen handelt blosz deswegen, weil es gehindert wird, den nennet man gewissenlose Chr. Wolff ged. v. d. menschen thun u. lassen (§ 89) s. 54.
wie bei gewissenhaft sind auch bei gewissenlos verhält nismäszig häufig steigerungspartikeln und steigerungsformen beobachtet: ich wil auch nit sagen ... wie gar sorgfeltig gewissenlosz sie (die mönche) seint Eberlin v. Günzburg (vermahnung an den rat v. Ulm) 3, 32; item seind wohl einige anzutreffen, die gantz gewissenlos die artzenei zu theuer geben Abr. a S. Clara etwas f. alle (der apothecker) 1, 116; aber von anderen leuthen blut leben, ist gantz gewissenlos (der schneider) 1, 492; vgl.(sp. 6301) sehr gewissenlosz

[Bd. 6, Sp. 6303]


und ungeschickt (der wundarzt) 1, 123; in werken und tahten (ist mancher) aber wohl viel gewissen-loser als jene Butschky Pathmos (nr. 569) 816; also schied er mit schwerem herzen von da, wo ihm, wenn er sich gewissenloser betragen, wohl jede erwünschte gunst geblüht hätte P. Heyse (der verkaufte gesang) II, 5 s. 99; es geht mir recht nahe, sprach er (der wolf), dasz ich unter euch schäfern als das grausamste, gewissenloseste thier verschrieen bin Lessing (fab. 3, 18) 13, 225.
2) unter den verbindungen des adjectivs überwiegen die attributiven, während die mit dem verbum mehr auf einzelne gebrauchsformen beschränkt sind.
a) er musz in sich selbst gewisz sein, auszerdem wäre er gewissenlos, wenn er nach seiner überzeugung zu handeln ... und auch andere zu einem handeln ... zu bringen suchte Fichte sittenlehre (1798) 313; dazu vgl. (sp. 6290) gewissenhaft und nicht gewissenlos sein; (vgl. sp. 6302) Grimmelshausen 4, 630 Keller; Grillparzer 85, 242; Abr. a S. Clara etwas f. alle 1, 492; desgl. Schiller 9, 385; Göthe max. u. refl. nr. 241; P. Heyse II, 1, 288; als man befürchten muszte ... wenn man die richtigkeit der Kantischen darstellung (des gewissens) leugnete, für gewissenlos zu gelten A. Schopenhauer (grundlage der moral 9) 3, 552 Grisebach; vgl. (sp. 6290) den nennen wir gewissenlos D. Fr. Strausz streitschriften 176; vgl. gewissenlos machen Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3, 483.
b) der gewissen-lose mensch hätte tausend thaler gewinst genommen, und einen unschuldigen zum tode verdammen helffen polit. stockfisch (1681) 31; das gleiche F. Th. Vischer auch einer 475; sonst ward ich in diesen frommen jahren des garnhandels bald überdrüszig, weil ich dabei, wie ich wähnte, mit zu viel rohen und gewissenlosen menschen umzugehen hätte Bräker der arme mann im Tockenburg (6) 188; weil die Engländer gewissenlose leute sind Sophie v. La Roche frl. v. Sternheim (2) 247; dasz ihr ein gewissenloser mann seid Pestalozzi Lienhard u. Gertrud (2, 62) 23, 215; gew. männer) Kotzebue (der rehbock 3, 9) neue schausp. 19, 136; dasz die gewissenlose welt so wol o allmächtiges gold, als o allmächtiger gott seufftzen pfleget Abr. a S. Clara mercks Wienn (1680) 77; (gew. lotters-gesind) etwas f. alle (der bettler) 1, 708; (gew. geitzwänste) Butschky Pathmos (nr. 266) 352; (gew. reiche) Moscherosch insomnis cura parent. (29) 113; einer, der unter die gewissen-lose ungerechte advocaten geräth Fr. Caccia hl. Antonius v. Padua (1692) 275; vgl. auch (sp. 6301) gew. krist ackermann aus Böhmen; sünder Abr. a S. Clara gehab dich wohl! 108; (grundschelme) Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3, 240; (betrüger) Stranitzky ollapatrida Fuchsmundi 50 (Wiener neudr. 10, 298; (verleumder) Bismarck ged. u. erinn. (25) 2, 155; (volksverführer) Sudermann sturmgeselle Sokrates 10, 30; — waren fünff grausame mörder, die ... alles umbrachten, was in ihre gewissenlose händ geriehte Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3, 299; einen der durch gewissenlose reden ist verschwätzt worden Abr. a S. Clara etwas f. alle (der advokat) 1, 61; (gewissenlose servitut) Moscherosch gesichte Phil. (1, 7) 412; (gewissenlosen wandel) Abr. a S. Clara mercks Wienn 145; dieses ist in wahrheit eine lästerliche vorkehrung und ein gewissen-loser miszbrauch der göttlichen lehre d. ungewissenhafte gewissensrat 54; ebenso (sp. 6301) anschläge 42; flattierung 19; bei der gewissenlosen tournüre, die in Weimar überhand nehmen will, musz man niemanden mehr trauen Göthe (an Kirms 2. 4. 1799) briefe 14, 65; ein gewissenloses betragen Adelung 2, 670; (an unconscionable behaviour) Hilpert 2, 1, 465c; so hat herr Langhans auch den nahmen gottes unverantwortlich, und gewissenloser weise miszbrauchet d. ungewissenhafte gewissens-rat 14; du mit zween landfahren, gewissenloser weisz, seiest nach Rom geloffen franz. kriegs-Simpl. 1 (1683), 185; desgl. Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3, 243; und dasz sich die geschicke eines staates von zwanzig millionen weder in gewissenloser noch anders als in der weise eines ehrenmannes lenken lassen Bismarck (im landtage 6. 2. 1868) 3, 463 Kohl.
die substantivierung zweigt nur vereinzelt vom attributiven gebrauch ab und ist in diesen ersten ansätzen auf die personification beschränkt, während für das nomen

[Bd. 6, Sp. 6304]


actionis eine eigene substantivbildung (s. gewissenlosigkeit) entwickelt wird: was wunderst dann dich so mächtig. dasz unter den geistlichen auch einige gewissenlose anzutreffen seind Abr. a S. Clara etwas f. alle (die geistliche) 1, 5; gewissen, ein miszbrauchter, von vielen sogar verachteter, name, und dennoch der einzige wahre tempel einer menschen-religion: denn dem gewissenlosen bleibt nichts übrig, als leere andacht, meinungen und gebräuche Herder (christl. schriften 5) 20, 160.
c) ganz spärlich sind die adverbialen functionen entwickelt: gewissenlos handeln Campe 2, 367a (nicht bei Adelung); (vgl. sp. 6291) gewissenlos ergreifen Göthe 53, 30; vgl.(sp. 6301) gewissenlos verrathen Abr. a S. Clara Judas der erzschelm 2, 200; die heiligste religionshandlung kann irreligios, d. i. gewissenlos verrichtet werden Herder (christl. schriften 5) 20, 249; neuerdings mehren sich hier die belege für abschwächende verallgemeinerung: hier kam ich bei den berühmten quellen des Clitumnus vorbei, die jetzt von den eseltreibern und waschweibern gewissenlos entweiht werden Seume (spaziergang 1) 2, 102 Hempel; uns wird meistens der schöne reis gewissenlos zu einer art kleister verkocht, welcher nach gar nichts schmeckt Herm. Hesse Peter Kamenzind (7)28 195.
 
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gewissenlosigkeit, f. , substantivbildung zum vorhergehenden, wie dieses einigemal auch mit dem compositions -s belegt: gewissenslosigkeit Hermes 6, 229; Wilh. Raabe alte nester kap. 5. die belege für das substantiv setzen erst zu ende des 18. jahrh. ein und reichen bis in die neueste zeit. die buchungen suchen die bedeutung des substantivs in der bloszen verneinung: die gewissenlosigkeit (plur. car.) die fertigkeit ohne gebrauch des gewissens zu handeln Adelung 2, 670; Campe 2, 367a; le peu ou point de conscience Schwan 1, 748a; want of principle, unscruplousness Hilpert 2, 1 s. 466a. der litterarische gebrauch tritt nur selten in diese grenzen zurück: was geht in der menschheit betragen über diese ganze volle gewissenslosigkeit des märchens oder noch besser der jugendzeit? — die 'ewige seligkeit', denn die wird freilich in einem noch etwas höheren grade gewissenslos sein W. Raabe alte nester kap. 5; dazu vgl. E. M. Arndt schr. f. s. l. Deutschen 1, 506; sonst kommt das beim adjektiv beobachtete moment des tadels beim substantiv fast noch stärker zum ausdruck: gewissenslosigkeit ist nicht mangel des gewissens, sondern hang sich an dessen urtheil nicht zu kehren Kant (metaphysik d. sitten 2 einl.) i, 6, 401; vgl. auch Stäudlin gesch. d. lehre von d. gewissen s. 84, s. unter gewissensbiss. das substantiv ist gern mit anderen substantiven zusammengestellt, die das vorwurfsvolle am unserigen herausarbeiten. das ist vor allem da der fall, wo ein träger des begriffes gekennzeichnet ist:
1)

denn, was entschlossenheit den männern heiszt des staats,
ist meisten falls gewissenlosigkeit,
hochmuth und leichtsinn ...
Grillparzer (ein bruderzwist 3) 95, 82;

die form, in welcher die gemeinheit, die gewissenslosigkeit und der profansinn bei ihm auftritt Bog. Goltz ein jugendleben 22 201; er dachte auf keine flucht, sondern fuhr fort, die thorheit der Athenienser und die gewissenlosigkeit des tyrannen heftig zu tadeln Schiller (Solon) 9, 181; herr Ribezal aber dringt ins innre der familien, straft ... die unverträglichkeit der ehegatten ... den aufwand, die unwissenheit, die gewissenslosigkeit der herrschaften gegen das gesinde Hermes Sophiens reise 6 (1778), 229; ich wurde mir über die unwissenheit und gewissenlosigkeit meines artztes klar ... Bismarck ged. u. erinn. (10) 1, 235; anders: aber das ungeheuer war siegreich durch die kühnheit seiner entwürfe, durch die leichtigkeit und gewissenlosigkeit alle hülfsmittel an sich zu reiszen E. M. Arndt, (England u. Frankreich) schr. f. s. l. Deutschen 1, 506;
2) er begriff nicht, wie man die gewissenlosigkeit so weit hatte treiben können, ihnen die kranke und sie sich selber zu überlassen Immermann (epigonen 1, 10) 3, 61 Maync; dasz sie blind wider ihr urtheil und gewissen für denjenigen stimmen, der in dem ersten scrutinium die relative majorität gehabt hat. es heiszt dies bei den wahlmännern von Glatz eine gewissenlosigkeit bei der wahl der abgeordneten voraussetzen, welche ... Bismarck

[Bd. 6, Sp. 6305]


(1851) 1, 284 Kohl; es ist heillos, mit welcher gewissenlosigkeit sogenannte volksliebhaber und republikaner mit dem volke umgehen Jer. Gotthelf (Käthi, die groszmutter 3) 10, 74 Vetter.
 
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gewissenruhig, s. gewissensruhe.

 

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