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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewissen bis gewissenheit (Bd. 6, Sp. 6213 bis 6299)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewissen I, schwaches verb. , ableitung zu gewiss (s. sp. 6140 ff.), zuerst bei Notker belegt, der gewissôn (s. Graff 1, 1113) für probare, determinare, definire einführt und mit der passivconstruction (wirdit gewissot) das lat. constat wiedergiebt. in der mittelhochdeutschen dichtung wird das verbum häufiger verwendet und macht sich im

[Bd. 6, Sp. 6214]


formelhaften stil der rechtssprache geltend, vgl. auch Scherz-Oberlin 1, 549.
1) die ältesten verwendungen zeigen nur sächliches object:
a) dieses ist zunächst in passiver fügung belegt: al daʒ menniskin irrâtin mugin, taʒ wirdit hinnân gwissot. Notker d. syllogism. (3, 557b Hattemer); u. a. s. Graff a. a. o.;

diu rede diu wart gewisset dâ.
Gottfrid Tristan 12747; ähnlich (nu daʒ gewisset was) 6497.


b) active fügungen treten erst später zu tage:

wir suln sie nu so gewissen (die 12 offenen pforten)
und suln sie so vormelen
daʒ wir ir nicht vorfelen
mugen, so wir vorenden.
Heinr. v. Hesler apokalypse 21056 Helm,

swer [liut und] rîcheit behalten wil,
der muoʒ sîn manges mannes zil,
daʒ er des niht behüeten kan.
er muoʒ vil bœser nâchrede hân.
dirre triffet, der vermisset;
dâ von er dicke schaden gewisset.
Konrad v. Haslau der jüngling 1088 Haupt;

bewaisent er oder sie, das sie das erbe, zins, haus mit rechte verkauffet haben, das sullen sie gewissen. Altprager statutarrecht (14. jahrh.) § 119 bei Röszler 75.
2) ein persönliches object neben dem sächlichen erwächst später der poetischen sprache und ist andererseits in der rechtssprache an besondere fügungen gebunden.
a) mit accusativ des persönlichen objects:

'entriuwen' sprach diu künigîn,
'möhte ich der rede gewis sîn, ...
'frowe' sprach aber Tristan,
'ich gewisse iuch schiere dar an'.
Gottfrid Tristan 10524;

hiete dîn ieman vermist,
der wær der vart wol gewist (var. mocht die vart wol haben gewist),
sô vil was bluotes gegangen
ûf den wec von der schrangen,
unz dâ man dich voltôt,
dâ was der wec aller rôt.
Ottokar österr. reimchron. 49902 Seemüller;

ebenso (des himels ist gewisset) Lamprecht v. Regensburg tochter v. Syon 4087; (der genist, der im himel ist gewist) Nic. v. Jeroschin 25171.
b) die fügung mit dativ des persönlichen objects gehört der rechtssprache an, auf die auch einzelne poetische belege zurückweisen:

si gelobete unde gewissete in
mit ir triuwen unde mit gote
ze lebene nâch ir gebote.
Gottfried Tristan 1210;

niht anders ger ich, wan daʒ ir
gewissent bî dem eide mir (var. gewiʒʒent; bewisent),
daʒ ir mich iemer habent zer ê ...
Konr. v. Würzburg troj. krieg 9076 Keller;

mag er aber niht burgen gehaben oder wil villihte durh sinen ubeln willen niht verburgen, als in danne der vogt aht tage gehaltet, so sol er in dem selpscholn antwurten, unde sol in der gehalten, unze daʒ er im gewisset, daʒ er unde die nahgebure vor im ursorge sin. stadtbuch v. Augsburg (33, 1) 94 Meyer; ähnlich (16) 49; wer den andern anspricht umb aigen und umb lehen, dasz er bei nutz und bei gewer gesessen ist, als des landes recht ist, so sol der anklager dem antwurtter vor gewissen, und gut machen, ee er in antwort, ob er im mit dem rechten enpräst. urk. v. 1446 (Fürstenfelde), s. monum. Boica 9, 27; und hat es einer getan der wider haus noch hof, erb oder gut hat, der sol gewissen dem richter und dem cleger das er rechter teiding pflegen wolle, hat er nit borgen. stadtrecht v. Leutenberg (15. jahrh.) § 153 bei Michelsen rechtsdenkm. aus Thüringen 446. u. a. vgl. auch Fischer schwäb. wb. 3, 634.
c) zur unterdrückung des sächlichen objects, die auch neben persönlichem dativ nicht ausgeschlossen ist, vgl.: Tomas trêger gloube der hât uns mê gewissit und gesichert, dan Marîen Magdalênen sneller gloube. Herm. v. Fritzlar s. myst. 1, 24.
 
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gewissen II, verb. mit verstärkten formen zu wissen, scire (s. d.), die erst mittelhochdeutsch recht gebräuchlich werden (s. gewiʒʒen mittelhochd. wb. 3, 789b; Lexer 1, 995), um so weiter aber in die neuhochdeutsche periode reichen.
1) aus der älteren sprache (s. Graff 1, 1096) sind nur für Otfrid belege beigebracht, der mit dem präfix den

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absoluten, auf bedeutungswandel beruhenden, gebrauch gegen das einfache verbum abhebt:

thie zi thiu giwiʒʒent,zi herost ouh nu siʒʒent,
iʒ ouh nu wola weiʒentjoh biscofa heiʒent. 2, 10, 13 (doctorum est cognoscere distantiam legis et evangelii.
Beda);

dazu vgl. die variante giwiʒen neben irwiʒʒen 3, 22, 12;

ni mugun wir, thoh wir wollen,thoh wir es ouh beginnen,
zi then Kristes goumon siʒʒen,wir selbon ni giwiʒʒen. 3, 7, 70.


2) die mittelhochdeutschen beispiele zeigen durchweg relativen gebrauch; fast immer ist das präfix an den von hilfsverben abhängigen infinitiv gebunden; andere wendungen bilden die ausnahme. für beide richtungen bietet die spätere sprache bis in das 16. jahrh. belege:
a)

ern wil des niht gewiʒʒen (var. wiʒʒen),
daʒ ime lît an den ougen.
Gottfrid Tristan 17782 Marold;

daʒ si iemer suln gewiʒʒen,
waʒ under in vergeʒʒen sî. 18296;

ebenso G. Hagen Kölner chron. 3066. s. dtsch. städtechron. 12, 110; vgl. auch (mich ... gewiʒʒen ... lie) Konr. v. Würzburg Alexius 1198;

so enkan ich nicht gewiʒʒen, wie ich mit in sol leben. Wolfdietrich (B 313, 4) dtsch. heldenbuch 3, 214 (var.: so waiss ich nit);

ebenso Suchenwirt 24, 47; 29, 24; A. Kurzmann Amicus u. Amelius 945 Schönbach; Christus und die minnende seele 1758 (germ. abhandl. 29, 347); desgl. Hätzlerin 2, 68, 89; noch ist das aller gröste das ein mensch nicht gewissen kan, wenn, wo oder wie wir uber es pflupfling vallen. ackermann aus Böhmen 52, 11 Knieschek; kunne wii nicht gewetten, wu sek unser ein ane den andern darane entschuldigen moge. Hildesheimer urkunde v. 1440, s. urk. v. H. 4, 360; vgl. auch die späteren belege bei Schiller-Lübben 2, 104b; er tht eben wie ein bser erloser bb bei den Ephesiern, der kund nit gewissen, wie er jm thet, dasz man imm gantzen land von jm sagte, und verbrennet den aller schnsten kstlichen tempel Ephesi. dial. v. Mart. Luther u. Sim. Hesso, s. Hutten 4, 611 Böcking. vgl. dazu:

ik lach up eine tid in der erde,
unde wachtede, alze de seer begherde,
wo ik best gheweten konde
unde vor dat ik den schat ghevunde. Reinke de vos 1, 25 v. 2249 Prien

(sehr begierig, zu erfahren. Gottsched 48 Bieling; wie ich entdeckte den schatz. Göthe 40, 78); sie mohten niht gewiszen eben. St. Pauler evangelienwerk 64d (ignorabant, Marc. 14, 40; wussten Luther); uf daʒ du mugest gewissen was du dar mit habes gewunnen. pred. d. Leipz. handschr. bei Schönbach 1, 14; ganz ähnlich M. v. Kemnat chron. Friedrichs I. (quellen z. bair. u. dtsch. gesch. 2) 15; Joh. v. Neumarkt leben des heil. Hieronymus 146 Benedict (non intelligis); 167 (se nescire dicunt); Sigenot 69 Schade;

mein sn, ich ms dir ietz verjehen,
das ich lang zeit dein vatter was,
eh dann ich mocht gewissen das.
Jörg Wickram (irr reitend bilger cap. 5, v. 1213) 4, 169 Bolte (ebenso Albrechts Ovid 11 cap. 1, v. 88) 8, 88;

dasz ir so vil erschlagen wurden, dasz niemant die zal müg gewissen. Joh. Frank Augsb. annalen (1456) s. dtsch. städtechron. 25, 311; wi mocht Seraphin daʒ gewiʒʒen? er en weiʒ eʒ weder an im selber noch an der seln. daʒ ist daʒ ein, daʒ die sel enpheht sunder wiʒʒen des obersten engels. pred. der Nürnberger Eckharthandschr. bei Jostes s. 46 (no. 43); das ir auch hie beleibt dise nacht, das ich mug gewissen, waʒ dings mir der herr anderweid antwurt. 4. Mos. 22, 19 Mentel u. a. (das ich erfare. Luther); wo von mag ich gewissen das ich es bin. 1. Mos. 16, 8 (mercken Luther u. a.); 1. Mos. 43, 7 (scire, wissen. Luther).
b)

dô si den schaden gewisten (var. erwischten : mischten)
und mit der wârheit misten
drîer und zweinzec künege die dâ tôt
wârn belegen, Terramêres nôt
pflac dô decheinre vîre.
Wolfram v. Eschenbach Willehalm 107, 1 Lachmann;

dazu vgl. auch Lampr. v. Regensburg tochter Syon 825 (gewisse, var.: daʒ wisse), wo freilich die zugehörigkeit zu unserer form nicht ganz sicher ist; daʒ er gewiste. St. Pauler evangelienwerk 101a Schönbach (ut sciat. Luc. 19, 15,

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das er wüste. Luther); weil sie wohl gewuszten, dasz mit dem Türken und Franzosen so stehen würde. Luther (bedenken 1537) br. 5, 54.
 
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gewissen III, participiales adj. zu weisz, wissen, mit starker form im gegensatz zu den schwachen bildungen gewiss und gewuszt, mit denen unsere starke form die active bedeutung neben der passiven gemein hat. in beiden richtungen haben sich formelhafte verwendungen entwickelt, die der starken participialform eine begrenzte fortdauer auch in einer zeit noch sichern, die für das flexionssystem selbst schon die schwache form (gewuszt) durchgeführt hat. doch auch bei diesem spricht die buchung ich baiʒ, bir bissen ... ich han gebissen (voc. venet.-tedesc. von 1424 s. Schmeller 22, 1035) dafür, dasz in der zwanglosen sprachewenigstens bair.-österr. mundartdie starke form sich länger behauptete.
1) die active bedeutung: vgl. conscii, kiwiʒun. Steinmeyer-Sievers 4, 5; gewiʒener 4, 137; kawiʒʒun 2, 328; gnarus, gewiʒʒener. 2, 382; ähnlich 1, 368a; ignarus, ungewiʒʒener. 3, 243; vgl. auch 2, 173b; gewiszner, certus, concius idem, oder mitgewiszner oder ebenwiszner oder mitwisser, conscius. voc. theut. (1482) m 5a; ähnlich (wissenhafftig, gewissener) Melber vocab. praedic. F 3; desgl. vocab. variloquus s. Diefenbach 143c.
a) als prädicat in der verbindung mit dem verbum substantivum u. a. erscheint das participium verhältnismäszig selten in das eigentliche verbalsystem einbezogen: fone dero irhugedo mînero sundon, dero ih conscius (kewiʒʒin) pin. Notker ps. 37, 4 Hattemer 2, 132a (Wiener handschr. dero ih gewiʒel pin. Heinzel u. Scherer s. 102);

iʒ ist allen den forhtlich
die gewiʒʒen sint der sunden ane sich.
frau Ava jüngstes gericht bei Diemer dtsch. ged. 286, 18 (Görlitzer handschr.: di gwiʒʒen habent der sunde an sich. fundgr. 1, 199);

do waru sumeliche engile da ze himile. die des nie gewiʒʒin wrdin. daʒ got mennische was rtin. von diu daʒ diu gotheit ienti mit samt in was. speculum ecclesiae 78 Kelle. sonst weisen die belege, wo sie das particip mit dem verbum subst. verbinden, die bedeutung eines vom verbalstamm isolierten adjectivs auf:

manige zauberin lassen haben
den teufel oft ain hohes ampt ...
vil leut seind also gewissen
das si vasten mit drein pissen
und etleich unz si di steren sehen.
Hans Vintler blumen d. tugend 8204;

wann ainer umb ain sache wol waiszt, dʒ er spreche, ich bin gewissenn, item, der ist gewissen, item, wann die alten eeleüt den jungen gesellen nicht sagen, wie es in der ee z geet, so seind sie gewissen, schweigen stille, sagens niemand, und laszens die jungen gesellen selbs erfaren. Agricola sprichw. 1 (1529), 26b. in der mhd. dichtung ist das particip in solcher verwendung gern an bedeutungsverwandte adjectiva gebunden:

er war gewiʒʒen unde gt,
den tumben tump, den wisen frt.
Wirnt Wigalois 1409;

ebenso 3772; 8266; 11542; desgl. meister Otte Eraklius 149;

si sprach: 'gâ her, Paranîs,
dû bist getriwe, gewiʒʒen, wîs ...'
Ulr. v. Türheim forts. des Tristan (1990) 547, 10;

ebenso (wârhaft, gewiʒʒen) Seifried Helbling 7, 1150; (gewiʒʒen unde stæte) Wirnt Wigalois 205; (bescheiden und gewissen) Konr. v. Würzburg Alexius 93; (diemüetic und gewiʒʒen) Ottokar österr. reimchron. 12437; (hofsch und gewiʒen) s. Grimm altdeutsche wälder 3, 235;

minneclich und wol gestalt,
gar gewiʒʒen unde schœne,
so ist mîn trût, mîn künigîn.
Konrad v. Landeck (9, 20) bei Bartsch Schweiz. minnes. 222.


b) von hier aus entwickeln sich einzelne attributive verbindungen, die jedoch nur in wenig fällen zu festen formeln verwachsen, vgl.:

Jacob unde sine sun gewiʒʒen bidirbe unde vrum
die chomen in einer diche. Milstäter genesis 102, 28 Diemer;

fumve iunchfren gte,
kiusche, gewiʒʒen und biderbe.
Wernher Maria (fundgr. 2, 174, 14);

[Bd. 6, Sp. 6217]



daʒ wolt er gerne wiʒʒen.
sô sprach der riter gewiʒʒen:
daʒ sol ich iu sagen ...
Heinr. v. d. Türlin krone 17568;

ebenso (degen vil gewissen) Lohengrin 5300; (helde gar gewiʒʒen) Heinr. v. Freiberg Tristan 5946; gegen:

eʒ stuont als ein gewiʒʒen man,
der wol bedenken kan
wie man dem wirte danken sol,
der gemachlîche unde wol
herbergete sînen gast.
Konr. v. Fussesbrunnen kindheit Jesu 1477;

ebenso Heinr. v. d. Türlin krone 19582; Reinmar der alte minnes. frühl. 170, 33; Konr. v. Haslau d. jüngling s. zeitschr. f. d. alt. 8, 586; ditz bch ist gewiʒenen luten und wisen luten gt vor zelesenne, wan die kunnen eʒ versten und verkernt eʒ niht. unverstandenen luten und unwisen luten ist eʒ niht so gut, wan si verstent sich niht des an dem bche stet. Schwabensp. lehnr. § 159 Laszberg; ob, wie Fischer schwäb. wb. 3, 634 annimmt, auch einzelne belege für gewisser bote hieher gehören, ist durch die bedeutung doch in frage gestellt, eher kann mit fehlern der schreibung gerechnet werden. vgl. sp. 6169. als unpersönliche verbindungen vgl.:

und hüet sich aller bôsheit
ungewiʒʒen ist im vil leit:
mit gewiʒʒener ahte
ist er in lobes trahte
daʒ er iht des getuo
dâ diu werlt haʒ habe zuo. die warnung 405 zeitschr. f. d. alt. 1, 450;

jâ ist drîer slahte unreht;
einʒ daʒ man ân sîn wiʒʒen tuot,
daʒ ander mit gewiʒʒem muot,
daʒ dritte daʒ man wert niht.
Thomasin wälscher gast 13432; ebenso 9290 (var. gelerten);


c) gelöst von solchen verbindungen ist das particip vereinzelt als apposition belegt:

ir behaltet dise hochzit, beidiu man unde wip
mit der selben ewe so ich iuch hiute lere,
unde so iuch vragen iuriu chint 'waʒ meinen disiu dinch?'
ir tt si gewiʒʒen disses lambes eʒʒen. Milstäter exodus 154, 25 Diemer.


d) ergiebiger ist die substantivierung, die, schon früh für die umfassende bedeutung des particips belegt, in einzelnen stilformen später der bedeutungsverengerung unterliegt.
α)

die septem liberales artes:
daʒ eine ist der gewiʒʒen
unte in den pchen
der ander dar engegene
der die warheit unte die lge[ne]
enzwischen den peiden
mit gevge chan pescheiden
der dritte der mit chunste
ein sanc wol chan gerihten. priester
Arnold siebenzahl bei Diemer ged. 347, 11;

diu edele und diu schœne,
diu gewiʒʒen, diu unhœne,
diu süeʒe, diu guote.
Hartmann Iwein 7298 Lachmann;

indesz, je aufmerksamer ich vergleiche und erwäge, je wahrscheinlicher wird es mir, dasz derjenige ein gewissener hiesz, der wuszte, was er andern in den mannigfaltigen verhältnissen des lebens schuldig ist, was recht und billig ist, oder sich ziemt. Benecke Wigalois s. 605.
β) der vorspreche der sal nimandes wort sprechen. wenne der recht hat. unde sagen im sine gewissen das her unrecht hat. her sal sin wort nicht sprechen. Kulmisches recht 5, 61 Leman; dorumme so sal nimant orteil vinden, is en sagen im denne sine gewissen das is recht sei. 5, 66; ebenso 5, 24. 53; wa gewissen vor dem rechten oder in sprüchen sagent, da ist des gerichts recht anders nicht, dann ain schlechter pan, si schwern oder nicht. weisth. v. Vilanders s. österr. weisth. 5, 253 (15. jahrh.); ebenso weisth. v. Wangen ebenda 5, 204; und ob volg und frag prächt, daʒ er ain gezeug weer oder ain gewiʒʒen, deʒ wolten si nicht entün, eʒ schaff dan mein herr oder seiner gewaltiger hauptman. weisth. v. Passeier s. österr. weisth. 5, 94; und desselben jars am freitag vor Jacobi hieng man den Michel Haider zu Bamberg an einen strank, wann er was ein gewissner, er was der von Nürmberg veint, wann sie musten in verderben, und am andern tag nam man in vom galgen. Nürnberger jahrbücher des 15. jahrh. s. dtsch. städtechron. 10, 295; Areopagus der ort da

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man halsgerichte helt. item, das westphälische gericht. (areopagitas Vuestphali vocant, die gewissen). Faber 77a; er ist gewissen. disz hat man geret von denen die in dʒ gericht gschworen haben, nichts da von z vermelden, dann also hat man sie genennet, die gewissenen, dʒ ist, die ain wissenschafft dises gerichts haben, und seind doch verschwigen ... wa die gewissend seind zsamenkommen. Agricola sprichw. (no. 57) 1 (1529), 26a; vgl. auch Tappius adagia (1545) 54a; die gewissen, die geschwornen und gestrengen blutrichter, areopagita, ae. Henisch 1603; gewissener oder gewisser wisser, bei den ehmahligen vehmgerichten, gewisse leute, so das was sie gewisz wusten, anbrachten. des freien-gerichts wissende, delatores fide digni. Frisch 2, 454b; vgl. Westenrieder 7, 236; vgl. auch: um die gerügte person zu 'übersagen' genügte die eidliche erklärung von sieben anwesenden, dass sie ihnen als schädlicher mann 'kund und gewissen' sei (daher die gewiʒʒen, gewiʒʒende). R. Schroeder deutsche rechtsgesch.5 797.
2) in der passiven bedeutung gehört das particip fast ganz der verbalflexion an, die auch die formelhaften verwendungen umfaszt; den spärlichen attributiven verbindungen erwächst keinerlei bedeutungswandel.
a) die ... duruh scurt sint kewiʒʒan (qui ... per tunsuram noscuntur). Benediktinerregel 1. Hattemer 1, 34;

ir anegenge, ir endes zil
diu sint uns gewiʒʒen wol:
jâmer ist ir beider zol.
Lamprecht v. Regensburg Franciscus 27;

vgl. auch Hartmann Iwein 5486 u. 5489;

hiet si hin durch gepiʒʒen,
so were ir wol gewiʒʒen
daʒ da waʒ ein suʒʒer kern. Melker handschr. (35, 18) Leitzmann s. 47a;

ebenso jüngere Judith s. Diemer ged. 165, 8; kaiserchron. 13220; anegenge 17, 36 Hahn; 18, 26; Nibelungen 1399, 1; ebenso 1367, 4; Ottokar 12261; gesta Romanorum 100 Keller;

'nu sag uns, von Bernevil edel ritter guot,
wie dir sî gewiʒʒenumb der küniginne muot.' Nibelungen 1667, 4;

und vraget er einen sinen man, waʒ im dar umb gewiʒʒen si, und seit er bi sinen hulden, daʒ im niht dar umb gewiʒʒen si, so sol man in furbaʒ niht vragen. Schwabensp. lehnr. § 115 Laszberg; wie verre aber der purchfrid get und wa er wende, das ist dem lande und den leuten wol gewissen. was vreinusse auch daʒ dorf ... hab, das ist auch wol gewissen. urk. v. 1289 (spätere copie) s. österr. weisth. 6, 525; ebenso Münchener handschr. des 15. jahrh. bei Schmeller 22, 1035;

so duncht mich auch, sam gwissen ist,
die frawen sind nicht ane list.
Heinr. Wittenweiler ring 19d, 39 Bechstein s. 82;

und wer der were der dawider ræte oder tete haimlich oder offenlich daʒ gewiʒʒent were. Augsburger statut (1363) s. dtsch. städtechron. 4, 158; waʒ aber mit des manslek guet geschaft sei. ob die manslek chunt und gewiʒʒen ist. und er ir nicht gelangen mag. Heimburger handfeste (13. jahrh.) § 3 bei Senkenberg visiones diversae (1765) 270; und sind auch gezeuch diser sache die erbern leut die hernach geschriben sint ... und ander frumer leut genuech, den di sach chund und gewiʒʒen ist. urk. v. 1320 s. font. rer. Austr. II, 21 s. 150; das dem also sei, so dingte er sich des an den erberen Hannsen Graser .., der von ratswegen darzu gegeben worden were, das er der eltsten manne vier dorumb verhoren solt; die derselb Graser verhort het, den kunt und gewissen dorumb wer. E. Tucher baumeisterbuch v. Nürnberg 309; die sagten alle fünfzehen ainhelliklichen, daʒ in daʒ also wars chunt und gewissen wêr, daʒ daʒ mit alten rechten und gewanhaiten her komen wêr. weisth. v. Tries (1411) s. österr. weisth. 2, 293; und were eʒ aber dannoch so kuntlich und so gewissen und so offembar, daʒ er schuldic wer an dem totschlage. Nürnberger polizeiordn. 32 Baader.
b) die attributiven verbindungen beschränken sich auf einige wenige formeln, die zumeist aus Notker belegt sind: omne quod scitur ... alliu ding kewiʒeniu. Notker Boeth. (3, 244a Hattemer); eventus praescitae rei ... daʒ fore gewiʒʒen ding. (3, 223b); ter sîne frêhte nîeht neahtôt after liumende. nube after gewiʒenero wârheite. (3, 115b; veritate

[Bd. 6, Sp. 6219]


conscientiae); impugnatio agnitate veritatis, gewiʒʒener warheit widerstreit. Münchener handschr. des 14. jahrh. s. Schmeller 22, 1035;

machete er ime das selbe lant
von des rmschen kaisers hant
ze lehen: eʒ was sin aigen niht,
als diu gewiʒʒen warhait giht.
Rud. v. Ems Willehalm v. Orlens 15396 Junk.


 
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gewissen IV , (fem. und) neutr., verstärkte form des substantivierten infinitivs wissen, die sich in der nhd. schriftsprache an stelle eines älteren, vom participialen adjectiv (s. gewissen III) abgeleiteten femininums (vgl. gawiʒanî Graff 1, 1097; mhd. wb. 3, 791a, s. unten 1) durchgesetzt hat. in beiden formen ist die umfassende grundbedeutung des wissens, der kenntnis von einer sache zur entfaltung gekommen; am neutrum ist sie freilich nicht so reich belegt und nicht so mannigfaltig entwickelt, wie am fem., das namentlich in der rechtssprache eigenartige wendungen abzweigte. für dieses fem. war auch der übergang zu dem religiösenallgemeiner ethischenbegriffe, von dem unser schriftsprachlicher gebrauch getragen ist, eine möglichkeit der inneren entwicklung, die freilich durch den zwang, das vorbild der lateinischen conscientia nachzuahmen, überholt wurde. gleich diesem und dessen spätgriechischem urbilde, der συνείδησις, der unser fem. in der inneren anlage noch näher steht, hatte auch das deutsche wort einen längeren weg der bedeutungsverengerung durchzumachen, um zum heutigen ethischen begriff zu kommen. und wenn einzelne formen dieses entwicklungsganges, so die verbindung mit objectivem genetiv, im lateinischen vorgebildet waren (conscientia peccatorum), so kamen hier doch auch im deutschen gerade die beliebtesten wendungen entgegen: wann du absolvirt bist von sunden, ja wan dich in deiner sund gewissen ein frum christen mensch trostet. Luther (v. sakr. d. busze) 2, 717.
während das lateinische präfix (con) und noch mehr das griechische (συν) einem sociativen moment (der theilnehmerschaft an der verbalhandlung) ausdruck giebt, das erst im späteren verlauf der bedeutungsentwicklung verblaszt, hat das deutsche präfixwenn ihm auch in späteren deutungen das gleiche angedichtet wirdvon hause aus eine andere function: die perfective, die am klarsten beim fem. zu tage tritt. die wahrnehmung wird in ihrem ergebnis gefaszt. an dieser nächsten und allgemeinsten bedeutung vollzieht sich nunmehr die verengerung. aus dem beobachtungsmaterial werden einseitig menschliche handlungen herausgehoben und unter diesen wiederum die handlungen fremder subjecte ausgeschieden. mit dieser beschränkung auf die handlungen des erkennenden subjects geht die blosze wahrnehmung in beurtheilung über. zwei merkmale sind es also, die den ethischen begriff des fem. von der grundbedeutung abgrenzen, die reflexive einschränkung und das urtheil an stelle der wahrnehmung.
diesem neuen begriff erschlieszt sich im 16. jahrh. eine weite bahn in den schriften der reformatoren, deren lebensaufgabe ja dem religiösen kern des begriffes erwuchs: das ir mir zeugknusz gebet, das ich mein gewiszen errettet hab am jungsten tage und szagen konde 'ich hab gehandelt, wie ich sal'. predigten Luthers (1523) s. werke 12, 649. eben dem einflusz Luthers ist es aber zuzuschreiben, dasz das fem. nunmehr ganz vor dem neutrum zurückweicht, dessen ältere verwendungen keine so lückenlose verbindungslinie zu diesem ziele zeigen; selbst Melanchthon, von dem einzelne drucke noch das fem. zeigen, geht zum neutrum über: die freihait ist allain und aigentlich auff den friden und die frewde des gewissens z ziehen, welche allain der glaub gibt. dienstparkait oder gefängknüsz ist aigentlich von ainem gefangen und unrüwigen gewissen zverstön, das noch on vertrauwen ist, dann wa in dem gewissen freud ist, daselbst underwürfft der gaist frei willigklich das flaisch dem gesatz und hat lust das flaisch z kreutzigen. Melanchthon zur epistel an die Römer (Augsburg 1523) 66b.
die breitere grundlage, von der sich dieser engere begriff losgelöst hat, bleibt aber beim gebrauche des subst. lange noch sichtbar und wird spätervon gelehrten wie vom sprichwortimmer wieder neu entdeckt. etymologisch ist eben das deutsche wortund noch mehr das lateinische vorbildleicht auf seine herkunft zu bestimmen, und andererseits

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legt der engere begriff selbst in mannigfachen zusammenhängen es nahe, zum contrast den weiteren allgemeineren zu gewinnen: ignorantia et ignorantie, unwissenheit, das ist, wenn man künd zu latinsch reden, inconscientia, wenn einem von eim dinge nichts bewust ist odder hat des kein gewissen, wie David thut inn genantem psalm: da ihm Simei schuld gab, er hette Saul das königreich mit gewalt abgedrungen, zeigt er an, das inn seim gewissen nicht sei, und nennets ignorantia, wilchs wir müssen deudschen 'unschuld', weil wir kein besser wort haben, aber es ist zu starck; denn das laut gar fein demütiger und christlicher, das man sich fur gott nicht rhüme der unschuld sondern des gewissens. denn es mag iemand wol im gewissen nichts böses fulen das er dennoch darumb nicht unschuldig ist, wie Paulus spricht i. Cor. 2 'ich bin mir nichts bewust ...' wie Abimelech auch on gewissen war, da er Sara nam, und war ihm dennoch das werck fur gott unrecht, Gen. 20. also wil hie Habacuc auch bitten fur die frumen, die sampt den gottlosen gen Babylon gefurt worden ... die selbigen waren unschuldig, das ist, sie hatten kein gewissen und waren keins bösen stücks ihn bewust, aber musten gleichwol mit. nenne es nu unschuld odder unwissenheit odder frei gewissen. Luther (der proph. Habak. ausgel.) 19, 424 f.; es war in mir manigfaltige begirde, aber die weil das gewissen solches nit wist, empfand ichs nicht daz solch grosse sünd in mir war'n. Melanchthon zur epistel an die Römer 55.
diese anklänge an die grundbedeutung treten am ehesten da zurück, wo die regungen des gewissens über das menschliche subject hinaus unmittelbar auf göttliche einwirkung zurückgeführt werden. dies ist die eine richtung, in der sich der religiöse begriff zunächst bethätigt: die blindheit der natur ist also gros, das sie ihr schande nicht sihet, wo gott dem gewissen die augen nicht öffenet. Melanchthon erste epistel an die Korinther (1527) s. 192; ibi kutzelt deus conscientiam Adae et Evae ... do hat ehr Adam sein gewisszen gekutzelt. Luther (pred. über 1. Mos. 1523/4) 14, 152; die juristen haben unterschiedliche meinungen vom gewissen. die ersten sagen, ein mensch hat von gott ein gewissen. Lehmann (1630) 313; es ist das gewissen in dem menschen das kleine füncklein, so in und nach dem fall übrig geblieben, darinnen er nicht allein einiger massen, was gut oder böse seie ... erkennet, sondern auch wo er vorsetzlich sündigen will, eine bestraffung, um ihn zurücke zu halten ... bei sich fühlet ... daher ist es in gewisser maasz eine stimme gottes in der seele ... daher es auch zu weilen ein irrendes und zweiffelndes gewissen gibet, wo sich in dieses an sich selbs göttliche liecht irrthume oder zweiffel einmischen. Spener erste epistel Johannis (1699) 437 (vgl. dagegen G. Kramer: ist das gewissen gottes stimme? volksthüml. freidenker schriften no. 10); das gewissen, ist im menschen sein gott. Butschky 500 sinnen ... reiche reden 23; gott würkt durchs gewissen. Herder (an prediger) 7, 270; so gut und nothwendig es ist ... immer mit gewiszen und vor dem auge gottes zu schreiben. 273. vgl. auch die in der deutung des präfixes nicht für das deutsche geltende bemerkung: in der that wird ja schon die sprache, als sie das gewissen ein mitwissen nannte, darunter ursprünglich ein göttliches mitwissen verstanden haben. W. Wundt ethik2 482.
von dieser auffassung wird auch das volksempfinden im allgemeinen beherrscht; für die beurtheilung einzelner fälle tritt eine andere richtung, eine bedeutungsverengerung in kraft, die Schopenhauer kennzeichnet, vgl.: religiöse leute, jedes glaubens, verstehen unter gewissen sehr oft nichts anderes, als die dogmen und vorschriften ihrer religion und die in beziehung auf diese vorgenommene selbstprüfung. (grundlage d. moral 13) 3, 573 Grisebach; vgl. dazu: gewissen heiszt in der moraltheologie das vermögen des menschen, eine objective sittenvorschrift auf das subjective handeln anzuwenden. Wetzer u. Welte kirchenlex. 5, 564.
dieser verengerung des religiösen begriffes tritt bei den philosophen eine erweiterung entgegen, indem die gegebenen thatsachen nunmehr unter dem gesichtspunkt der ethik gewertet und erklärt werden. je weiter sie in die neuere zeit hereinreichen, um so mehr dehnt sich auch der umfang des

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begriffes in den feststellungen aus: das urtheil von unseren handlungen, ob sie gut oder böse sind, wird das gewissen genennet. Chr. Wolff ged. v. d. menschen thun u. lassen § 73 (1720) 45; man könnte das gewissen auch so definiren: es ist die sich selbst richtende moralische urtheilskraft. Kant (religion innerh. der grenzen d. bloszen vernunft 4. stück § 4) 6, 371 Hartenstein; denn gewissen ist die dem menschen in jedem fall eines gesetzes seine pflicht zum lossprechen oder verurtheilen vorhaltende praktische vernunft. (metaphysik der sitten 2, einleit. 12b) 5, 227; die stimme des gewissens ist die stimme unserer strebenden und wertschätzenden natur, oder das system unserer strebungen und wertschätzungen, das als ganzes gehört zu werden verlangt, und gegen die schädigung durch die einzelne strebung sich auflehnt. ... statt stimme des gewissens hätte ich auch sagen können, stimme des guten. Th. Lipps grundtatsachen des seelenlebens (1883) 617; wir hatten ... gesehen, dass unter gewissen der gesammtausdruck oder das resultat der totalität des sittlichen bewusstseins verstanden wird, so weit es sich überhaupt in dem betreffenden individuum entfaltet hat. es ist klar, dass nicht nur in bezug auf den inhalt, sondern auch in bezug auf die form, das gewissen ein wesentlich verschiedenes sein muss auf den drei stufen der unschuld, reflectirenden moralität und tugend. E. v. Hartmann 22 (d. sittliche bewusstsein) 259; man darf nur nicht vergessen, dass das gewissen nicht ein einfaches, ursprüngliches etwas ist, sondern ein sehr complicirtes resultat aller bei dem zustandekommen des ethischen bewusstseins betheiligten triebe, gefühle, meinungen, vorurtheile, geschmacksbildung, vernunftentfaltung u. s. w. 95. vereinzelt wird auch hier die anlehnung an die grundbedeutung des wortes, oder wenigstens an die sippe gesucht, der es entstammt. fehl greift: unsere sprache bezeichnet das sittliche gefühl mit dem sehr ausdrucksvollen worte gewissen, gleichsam anzuzeigen, nichts für den menschen sei gewisser als das gesetz. F. Delbrück Sokrates (1819) 20. vgl. auch (sp. 6222) die deutung Schopenhauers. dagegen trifft schon Chr. Wolff angesichts der formel wissen und gewissen, in der noch heute die ursprüngliche bedeutung des substantivs durchklingt, den richtigen zusammenhang: wenn der mensch auch unwissende das gute unterlässet und das böse thut, nemlich aus einem irrigen gewissen, so handelt er wieder das gesetze des natur, und also auch wieder das gesetze des gewissens, und folgends wieder das gewissen, aber unwissende. und daher ist es sonder zweiffel kommen, dasz wir in unserer deutschen sprache zu sagen pflegen: er handelt wieder besser wissen und gewissen. ged. v. d. menschen thun ... 76; andererseits wird es Lavater, der unserem engern begriff des gewissens einen umfassenderen begriff entgegenstellen will, nicht bewuszt, dasz hierfür schon die grundbedeutung unseres substantivs zuständig wäre; er giebt diesem weiteren begriff einen namen, der um diese zeit von England aus mit gewissen in concurrenz trat: moralisches gefühl (s. sp. 2177): es ist ein unterschied zwischen gewissen und moralischem gefühle; das gewissen urtheilt nur über geschehenes, nur über deine eigne handlungen und gesinnungen. das moralische gefühl über gleiche, auch über fremde handlungen. kleinere pros. schriften 3, 237f.; vgl. dagegen: gibts ein gewissen, ein moralisches gefühl, das mir, abgetrennt von allem erkenntnisz, richtigen weg zeige? Herder (vom erkennen u. empf.) 8, 199; Fichte, der gewissen und bewusztsein identifiziert, läszt sich auch die etymologische verwandtschaft beider bildungen nicht mehr entgehen: die formale bedingung der moralität unserer handlungen, oder ihre vorzugsweise sogenannte moralität besteht darin, dasz man sich schlechtin um des gewissens willen zu dem, was dasselbe fodert, entschliesze. das gewissen aber ist das unmittelbare bewusztsein unserer bestimmten pflicht. sittenlehre (1798) 225; dazu vgl.: ich bin im gewissen, durch mein wissen wie es sein soll, verbunden, meine freiheit zu beschränken. naturrecht (1796) einl. s. 14. und Hegel stellt seine begriffsbestimmung ganz auf die etymologische grundlage: allein dieser unterschied des allgemeinen bewusztseins und des einzelnen selbsts ist es eben, der sich aufgehoben, und dessen aufheben das gewissen ist. das unmittelbare wissen des seiner gewissen selbsts ist gesetz und pflicht; seine absicht

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ist dadurch, dasz sie seine absicht ist, das rechte; es wird nur erfordert, dasz es diesz wisse und dasz es die überzeugung davon, sein wissen und wollen sei das rechte, sage. das aussprechen dieser versicherung hebt an sich selbst die form seiner besonderheit auf; es anerkennt darin die nothwendige allgemeinheit des selbsts; indem es sich gewissen nennt, nennt es sich reines sich selbst wissen und reines abstraktes wollen. ... wer also sagt, er handle so aus gewissen, der spricht wahr, denn sein gewissen ist das wissende und wollende selbst. (phänom.) 2, 493; vgl. auch (grundlinien der phil. d. rechts) 8, 179. dagegen scheint es, als ob Schopenhauer einen älteren irrthum (s. sp. 6221) theilte, wo er gegen das vorhergehende gewissen das nachträgliche an den wirkungen des gewissens verficht (es liegt in der natur der sache, dasz das gewissen erst hinterher spricht; weshalb es auch das richtende gewissen heiszt. grundl. d. moral s. 3, 639) und seine auffassung durch etymologische gründe stützt: die angebliche praktische vernunft mit ihrem kategorischen imperativ ist offenbar am nächsten verwandt mit dem gewissen, wiewohl von diesem erstlich darin wesentlich verschieden, dasz der kategorische imperativ, als gebietend, nothwendig vor der that spricht, das gewissen aber eigentlich erst hinterher. vor der that kann es höchstens indirekt sprechen, nämlich mittelst der reflexion, welche ihm die erinnerung früherer fälle vorhält, wo ähnliche thaten hinterher die miszbilligung des gewissens erfahren haben. hierauf scheint mir sogar die etymologie des wortes gewissen zu beruhen, indem nur das bereits geschehene gewisz ist. (grundl. d. moral 9) 3, 550; vgl. auch (§ 29) 638.
weit lebhaftere und vielseitigere einblicke in die vorstellungen, die sich mit unserem substantiv verbinden, gewährt die dichtung und die erzählende litteratur. hier sind vor allem auch die versuche, gegen das gewissen anzukämpfen, gekennzeichnet, und während diejenige philosophie, die dem gewissensbegriffe die existenzberechtigung abspricht, in der wortgeschichte unseres substantivs naturgemäsz kaum vertreten ist, kommt sie dort stärker in den nachwirkungen zur geltung, die sie litterarisch ausübt.
auf die etymologische grundlage des substantivs greift die schöne litteratur kaum zurück. abgesehen von dem einseitig religiösen standpunkt, der wissen und gewissen in gegensatz stellt (viel wissens, wenig gewissens. Heinr. Müller geistl. erquickst. 209), sind parallelen hier nur wenig belegt:

das gewissen.
was niemand wissen soll, soll niemand auch begehen;
ein iedrer soll ihm selbst statt tausend zeugen stehen.
Logau sinnged. (zugabe 8) Eitner s. 636;

sein gewissen, das fortgehende bewusztsein seines lebens. Herder (theol. br. 31) 10, 338; das gewissen setzt ja doch ein wissen voraus. H. Laube (d. burgtheater) 5, 267 Houben.
auf begriffsbestimmungen an sich geht die schöne litteratur natürlich nicht aus; sie kommt ihnen aber nahe durch bilder und vergleiche; hier läszt sich deutlich verfolgen, wie die regungen des gewissens in neuerer zeit immer freier beurtheilt und unter höheren gesichtspunkten gewürdigt werden. anfänge einer solchen auffassung waren zwar schon bei Luther zu beobachten: erstlich, weil euer gewissen sich hierinne beschwert findet, so könnt ihr keinen bessern rathmeister und doctor finden, denn eben solch euer eigen gewissen. (an Chr. Jörger 1543) briefe 5, 613; vgl. auch:

wan recht leben hat gar ein krcze lere;
das gewissen zaigt selb auf tgent und ere.
darzu darff man nicht sere
vil pecher und lang untericht.
H. Sachs (Eulenspiegel disputaczen) fab. u. schw. 4, 69 neudr.;

bald aber sank die vorstellung vom gewissen mehr und mehr in den zusammenhang von lohn und strafe zurück:

dasz gewissen ist ein wegweiser.
mensch wenn du jrre gehst so frage dein gewissen:
du wirst ohn alln verzug die straff' erkennen müssen.
Angelus Silesius cherub. wandersmann (5, 175) 127 Ellinger;

das gewissen ist ein gesätzgeber in unserem leben; ein aufmerker; ankläger; der stärckste zeuge; folterer; richter; henker: daher auf di rechnung seines gewissens, ein ider wohl aufsicht zu halten hat. Butschky Pathmos 74;

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das gewissen, so versehret
ist der zeug' in unsern herzen
ist di ursach viler schmerzen
ist der freie richtersmann,
ist gleich wi St. Peters hahn.
Butschky 500 sinnen ... reiche reden 109;

dan das gewüssen ist ein nagender härz-wurm, welcher di verbrächcher un-auf-höhrlich zwakket und plaget. Zesen adriat. Rosemund 75 neudr.; gewissen. beschreib. man stellet solches als ein frauenzimmer vor, das zwischen dornen und blumen stehet, in der hand aber ein hertz hält, über welchem geschrieben stehet: das eigene gewissen; und das sie mit starren augen ansiehet. Hamann poetisches lexikon 472;

doch einen richter gibt's, der rache schafft,
gewissen heiszet, der die scharfen krallen
ins herz mir eingerissen voller kraft.
Chamisso sonette u. terzinen: ein baal teschuba;

aber was hilft es ihnen, wenn sie sich auch vor der ganzen welt verbergen könnten? das gewissen ist doch mehr, als eine ganze uns verklagende welt. Lessing (misz Sara Sampson 1, 1) 23, 267;

des menschen schuldbuch ist sein eigenes gewissen,
darin durchstrichen wird kein blatt, noch ausgerissen.
Rückert (weish. d. brahm. II, 4, 234) 8, 223;

dagegen vgl. die bekannte, den gewissensbegriff wenigstens in seinen voraussetzungen treffende würdigung bei Kant: zwei dinge erfüllen das gemüt mit immer neuer und zunehmender bewunderung und ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte himmel über mir, und das moralische gesetz in mir. (kritik der prakt. vernunft. beschl.) 5, 161 akademieausgabe;

Buttler: kein muthiger erbleicht vor kühner tat.
Gordon: das leben wagt der muth, nicht das gewissen.
Schiller (Wallenst. tod 4, 6) 12, 338;

(vgl. schon: uber alle irdische ding habe liep rein unde lauter gewissen! ackermann aus Böhmen 53, 2 Knieschek);

denn das selbständige gewissen,
ist sonne deinem sittentag.
Göthe gott u. welt: vermächtnis;

wenn man sich den weltgeist ungefähr auf dieselbe weise in die welt, wie den menschengeist in den leib versenkt vorstellen darf, so ist die poesie für ihn, was das gewissen für den menschen: das organ der inneren freiheit in der äuszeren gebundenheit, und eben deshalb unzerbrechliches und sich von selbst allem in's dasein hervortretenden anlegendes maasz. Hebbel tageb. (1. 8. 1844) 2, 422 Werner; wer hat die innern gegenden in uns ergründet, welche man gewissen nennt! gewissen ist eine unglaublich weite und mannigfaltige landschaft. da herrscht nicht blosz die moral, da herrschen alle möglichen systeme und formen, die uns am herzen liegen. was wir zu wissen und zu besitzen für nötig erachtet haben einen augenblick lang, das wird unser gewissen. dort ruht es, was der unabhängigste menschenteil in uns jemals angeregt, dort gestaltet es sich sogar in völliger verborgenheit oft jahrelang. H. Laube (einl. zu Gottsched) 2, 294; in dieser beschaffenheit des menschlichen geistes, des gewissens, besteht die grösze, die würde, die gottähnlichkeit des menschen. W. E. v. Ketteler ist d. gesetz d. öff. gewissen? s. 9.
diesen betrachtungen, die das gewissen als thatsache anerkennen und in seinen wirkungen hoch bewerten, tritt in der neueren litteratur nun auch die entgegengesetzte auffassung zur seite: die regungen des gewissens werden hier nicht nur als lästig und quälend dargestellt (sind wir nicht auch mit dem gewissen verheirathet das wir oft gerne los sein möchten, weil es unbequemer ist als uns je ein mann oder eine frau werden könnte? Göthe [wahlverw. 1, 9] 17, 107), sondern geradezu als schädlich und als ein hemmnis für den vorwärtsstrebenden menschen. der geltungsbereich des gewissens wird eingeschränkt; einzelne gattungen, lebensalter, berufs- und standesklassen werden ihm ausdrücklich entzogen. ehe die oben besprochene richtung der philosophie hier sich geltend machte, hatte schon die satire den boden bereitet: du fragst mich freund welches besser ist, von einem bösen gewissen genagt zu werden oder gantz ruhig am galgen zu hängen. G. Chr. Lichtenberg (aphorismen C 245) 2, 59 Leitzmann.

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auch die schmiegsamkeit und anpassungsfähigkeit des gewissens dient der satire gern zur zielscheibe:

unsrer zeit gewissen
stehet auff genissen.
Logau sinnged. 3, 1, 41 (ietziges gewissen) Eitner s. 452;

es ist itzo die mode, schnallen an den beinkleidern zu tragen, womit man sie nach belieben weiter und enger schnürt. wir wollen uns ein gewissen nach der neuesten facon anmessen lassen, um es hübsch weiter aufzuschnallen wie wir zulegen. Schiller (räuber, schausp. 1, 1) 2, 26; vgl. auch:

(Karlos:) weh dem manne,
den weibliches erröthen muthig macht!
ich bin verzagt, wenn weiber vor mir zittern.
(prinzessin:) ist's möglich? — ein gewissen ohne beispiel
für einen jungen mann und königssohn!
Schiller (don Karlos, dram. ged. 2, 8) 5, 2 s. 228.

wo die satire bestimmten lebenskreisen, berufsständen und deren einzelnen gliedern das gewissen abspricht, denkt sie meist an einen verlust: ein soldat musz krieg führen, musz die tromel rühren, musz die bauern abschmiren, musz das gewissen verliehren, musz die leut verführen. Abraham a S. Clara auff, auff ihr christen (Wiener neudr. 1, 97); dazu vgl. die drastische erklärung dieses vorgangs in: de lüd vertellten sick nämlich, den herrn notarjus sin leiw vadding hadd em as lütten jungen ... as löper verköpen wullt und hadd em tau desen zweck ... de milz ufsniden laten wullt, dat hei dornah beter lopen süll; äwer de herr dokter ... hadd in 'ne slichte stund ... staats de milz dat gewissen utsneden, un nu müszte Slus'uhr mit de milz un ahn gewissen in de welt herümmer lopen, nich as löper. ne! as notarjus. Fritz Reuter (stromtid 2, cap. 25) 2, 378 Seelmann.
die auffassung von einem gewissen, das bei einzelnen menschen und in bestimmten lebensformen verloren geht, kommt auch in solchen betrachtungen zur geltung, denen es weniger um polemik als um würdigung des thatbestandes zu thun ist: mögen wirs nun gewissen, innern sinn, vernunft, den λογον in uns nennen, oder wie wir wollen: gnug, es spricht laut und deutlich, zumal in der jugend, ehe es durch wilde stimmen von auszen und innen, durch das gebrause der leidenschaft und das geschwätz einer klügelnden unvernunft allmählig zum schweigen gebracht oder irre gemacht wird. Herder (briefe d. stud. d. theol. betr. 3, 31) 10, 336;

kein gewissen zu haben, bezeichnet das höchste und tiefste,
denn es erlischt nur im gott, doch es verstummt auch im thier.
Hebbel (epigr. u. verwandtes 2: gnomen: das höchste u. das tiefste) 6, 338 Werner.

im gegensatz dazu steht aber eine auffassung, die sich eng mit der (sp. 6220) aus Luther ausgehobenen stelle berührt: und nun sind auch wir ... in dem kühlen schatten der buchen, und — wunderbar! ein gewissen hatten wir bis eben, aber nun ist es uns gleichfalls abhanden gekommen. sie haben alle kein gewissen in den gebrüdern Grimm, und wir stecken voll und ganz darin, in dem märchen, in der wonne des abenteuers der kinderwelt. W. Raabe alte nester cap. 5; vgl. auch: der handelnde ist immer gewissenlos, es hat niemand gewissen als der betrachtende. Göthe maximen u. reflexionen no. 421. anders zugespitzt liegt die gleiche auffassung den meisten betrachtungen zu grunde, die gegen das gewissen ankämpfen. in dieser richtung, in der schon Shakespeare seinen Richard III. auf die bedenken seiner getreuen hatte einwirken lassen, spiegeln mitte und ende des 19. jahrh. die nachwirkungen einer negierenden philosophie (vgl. dazu P. Rée die entstehung des gewissens. Berlin 1885) litterarisch wieder:

gewissen ist ein wort für feige nur,
zum einhalt für den starken erst erdacht:
uns ist die wehr gewissen, schwert gesetz (conscience).
Schlegel Shakespeare Richard III. 5, 3;

(Baltiel:) welch seltnes glück bringt dich auf unsre seite?
(Ganelon:) recht, frage so, wenn mich das alte weib
gewissen schilt. ich denke dann der pein
vergangner, böser tage,
in denen nicht der ehre sonne schien,
fahl angeleuchtet nur vom gelben neid,
so ekel, wüst und öde, regenhaft.
K. Immermann (das thal von Ronceval 3, 9) 16, 76 Hempel;

[Bd. 6, Sp. 6225]



(erste wache:) der graf von Sulzbach hält es mit dem könig,
und wir, wir sind des Sulzbach lehensmannen
und damit-holla! (zweite wache:) aber das gewissen —
(erste wache:) wir armen hunde brauchen kein gewissen,
so wenig als der spiesz hier eines braucht
und hat. ein blindes werkzeug ist er mir.
F. v. Saar Heinrichs tod (3, 1) 69;

Thomas: ich mache dir nichts zum vorwurf, nicht einmal dein gewissen. dies ist allerdings eine gefährliche mitgift, nur siegeshinderlich im kampf um's dasein. ... wie der hühnerhund, weil es seinen vorfahren eine reihe von generationen hindurch eingepeitscht worden ist, zuletzt schon geboren wird mit einem instinct, seinen schwanz zu verwenden zum rebhuhntelegraphen für den jäger — so ist unter den menschen das gewissen allmälig erblich geworden. Jordan Arthur Arden (1872) s. 12; oft spricht der geistliche im religionsunterricht vom gewissen; was waren die nachklänge ... in den schanzen der gefangenen? der eine meinte: 'ach was — gewissen! meines haben die hunde gefressen!' der andere 'meines hat ein loch', wieder ein anderer: '... das ist nur etwas für die armen teufel! die groszköpfe haben auch kein gewissen.' L. Jaeger hinter kerkermauern, arch. f. krim.-anthr. 22 s. 13; pah! das gewissen! auch so eine .. erfindung — für furchtsame. L. Goldschmied entweihung der erde s. 15.
aber wie Shakespeares Richard doch gerade den regungen des gewissens unterliegt (o feig gewissen, wie du mich bedrängst! ... hat mein gewissen doch viel tausend zungen. 5, 3), so auch die entsprechenden typen in der deutschen litteratur, von Iffland 'das gewissen' bis zu Max Kretzers roman 'mann ohne gewissen', der durch seine lebensschicksale die freche behauptung lügen straft: 'dafür haben die dummen auch das reine gewissen!' 'ach, was heisst gewissen!' wandte Gläser ein, wie jemand, der sich über diesen punkt längst klar ist. 'ja, aber ... ich verstehe sie gar nicht', rief der bautechniker aufgebracht aus. 'darüber kommen wir alle nicht hinweg.' 'doch, doch!' hielt ihm Gläser hartnäckig entgegen. 'die ausnahmemenschen kommen darüber hinweg.' s. 25.
für den geltungsbereich des schlusses, der aus diesem zusammenhang zu ziehen ist, sprechen zwei weitere belege, deren einer der erfahrung des täglichen lebens entnommen ist, während der andere der weltanschauung des dichters erwächst: 'haben sie ein gewissen' so habe ich gar oft und gar verschiedene menschen zu fragen mir erlaubt. die erste antwort war gewöhnlich ein blick — so flüchtig prüfend, oft auch wie entrüstet, wie schon durch die blosse frage beleidigt. dann kam erst die eigentliche antwort, und sie lautete gewöhnlich kurz und bündig: 'selbstverständlich, natürlich'. 'was wissen sie denn von ihrem gewissen'?, pflegte ich dann weiter zu fragen: 'das gewissen beunruhigt mich, quält mich, wenn ich etwas schlechtes gethan habe. es ist mir ein sanftes ruhekissen, wenn ich gutes that oder einem anlasse, schlechtes zu thun, nicht nachgegeben habe. oft macht das gewissen sich nicht erst nach geschehener that geltend, sondern drängt mich schon im voraus, etwas bestimmtes zu thun, anderes zu lassen. weshalb? nun eben, weil jenes gut, das andere schlecht ist.' Carring das gewissen im lichte der geschichte (1901) s. 7; was hat denn der mathematiker für ein verhältnisz zum gewissen, was doch das höchste, das würdigste erbtheil der menschen ist, eine incommensurable, bis in's feinste wirkende, sich selber spaltende und wieder verbindende thätigkeit? und gewissen ist's vom höchsten bis in's geringste. gewissen ist's wer das kleinste gedicht gut und vortrefflich macht. Göthe maximen u. reflexionen no. 1392 (schriften d. Göthegesellsch. 21, s. 286).
bei allen diesen gegensätzen in der beurtheilung und deutung des gewissens war uns der neue engere begriff bis auf den letzten beleg mit seiner vollen prägnanz nahegetreten; abschwächungen, verengerungen und übertragungen werden uns aber beim überblick über die verbindungen beschäftigen, die das neutrum in der heutigen sprache aufweist (s. 3), und die unser an sich schon vieldeutiges wort, das deshalb z. b. von Rothe aus der ethik ausgewiesen wurde, nunmehr aufs neue beeinflussen. die neigung zur personifizierung wächst mit den verwendungen, die das subst. als subject anziehen, während andere wieder die räumliche auffassung

[Bd. 6, Sp. 6226]


begünstigen, die das organ zu einem theile des menschlichen körpers macht: das gewissen leeren, räumen u. a. in formeln, wie sich ein gewissen machen, etwas nicht übers gewissen bringen u. a. ist die bedeutungskraft des substantivs, die in wendungen wie ein gewissen haben, das gewissen rühren, wecken u. a. voll zu tage tritt, mehr oder weniger verblaszt; andere wandlungen spiegeln sich in verbindungen mit subjectivem genetiv oder mit attributivem adjectiv. die attribute z. b., die das neutrum (s. 2) vom femininum (s. 1) übernahm, gelten zunächst einzelnen eigenschaften und zuständen, die dem neueren begriff in seinem ganzen umfang zukommen: enges, weites, gutes, böses gewissen. in neueren entsprechenden verbindungen dagegen werden die regungen des gewissens gern auf ein engeres gebiet menschlicher bethätigung eingegrenzt, vgl. bei Göthe (s. o.) vom gedicht. bei dieser verengerung des umfangs wandelt sich auch der inhalt des begriffs, und von den einzelnen zügen, auf die er sich concentriert, geht die möglichkeit zu übertragungen und neuer verallgemeinerung aus:

'was fang' ich nun, o Pan!
(ruft er zuletzt) mit diesem apfel an?
wem geb' ich ihn? bei meinem amtsgewissen!
ich kann, je mehr ich schau', je minder mich entschlieszen.'
Wieland (komische erz.) 10, 169;

die furcht vor dem lächerlichen ist das gewissen der französischen dichter; sie hat ihre flügel beschnitten, ihren schwung gelähmt. A. W. Schlegel über dramat. kunst 2, 1 s. 148; mein magen beschwert sich über die unmäszigkeit, jedes glied hat sein gefühl, das es warnt vor einem gegenstand, der ihm nachtheilig ist: diesz ist ein physisches gewissen. Hamann (brocken) 1, 147 Roth; dasz ich hier stehe, ein greis jenseits der grenze, wo man wirken kann, war das gefühl, als ich erschien — gleichsam wie ein gutes altes deutsches gewissen. E. M. Arndt s. berichte über die verhandl. d. dtsch. nationalvers. 1, 27b (19. 5. 1848); einer groszen geistigen und sittlichen bewegung dienen die besten kräfte unsrer generation ... ich glaube ... dasz man ihre vielseitigen und scheinbar widersprechenden lebensäusserungen am sichersten zusammenfasst, wenn man sie nach ihrem ursprung benennt als das erwachen des sozialen gewissens. Ludwig Fulda vorwort zur 2. aufl. der 'kameraden'.
1) das fem. gawiʒanî, gewiʒʒene (s. o.) hat sich auch erst gegen andere substantivbildungen gleichen stammes durchgesetzt, von denen es sich darin unterscheidet, dasz es von einer participialform des praeteritums ausgeht, ohne die active bedeutung des verbalbegriffs aufzugeben, im gegensatze z. b. gegen gewissheit, certitudo.
a) ursprünglich kommt dem fem. der ganze umfang der activen bedeutung des particips zu.
α) hieraus entwickelt sich einerseits ein collectivbegriff, der von den ergebnissen der erkenntnisthätigkeit ungezwungen zu dem erkenntnisvermögen selbst überführt, wie schon einer der ältesten belege für das fem. zeigt: unde fuor uf uf Cherubim ... dem vollen der gewiʒʒene. Windberger psalmen 17, 12 Graff (ubersteig er plenitudinem scientiae, folli chunste. Notker s. Hattemer 2, 63); ebenso 79, 2 (folli gewiʒʒedo. Notker s. H. 2, 286); 98, 1 (vgl. auch: folli wiʒʒinnis. 2, 351).
1)) Notker, der für unser fem. den ältesten beleg bietet, gebraucht es im engeren religiösen sinne (s. c); sein schwanken in der wiedergabe des allgemeineren collectivbegriffes scientia zeigt, dasz ihm ein geläufiger ausdruck fehlt. immerhin ist ihm die bildung auf ida, die er sonst ebenfalls für conscientia heranzieht (s. u.), auch im allgemeinsten sinne nicht fremd: utrum est scientia in altissimo, ist sar doh ein gewiʒʒeda an demo hohistin. psalm 72, 11 Hattemer 2, 254 (ob ist gewiʒʒene. Windberger psalmen; ist auch erkentnis bei dem höchsten. Luther als var.; ist wisheit. Trebnitzer psalmen); dazu vgl. sensu, gewizida. Steinmeyer-Sievers 2, 31; intellectus, giwizida. 2, 280b; scientiam, giwizidi. 1, 564a.
2)) fast ausschlieszlich auf die kennzeichnung des erkenntnisvermögens beschränkt ist das für die ältere sprache am meisten verbreitete neutrum, vgl. gawiʒʒi s. Graff 1, 1101; vgl. das ungewöhnlich zahlreich belegte giwit im Heliand:

thaʒ kind theh io filu fram,so selben gotes sune zam,
in wahsmen joh giwiʒʒeuns allen io zi nuʒʒe.
Otfrid 1, 22, 62 Erdm.

[Bd. 6, Sp. 6227]


(vgl. Luc. 2, 52: proficiebat sapientia et aetate. an weisheit. Mentel u. a.; ebenso Luther);

wôhs undar them werode,ward giwitties ful. Heliand 783.

neben einfacheren verwendungen (wisumu manne, the giwit habad. 1808 u. a.) ist im Heliand für den gebrauch des neutrums eine anschauung maszgebend, die auch in urkunden und beichtformeln durchbricht, dasz die geisteskraft ein geschenk höherer mächte sei, die gabe gottes:

nu he sulîk giwit habad,
so grôta kraft mid gode. 2883;

ähnlich 2657; 850 (sulîk giwit, vgl. 841 sulîk megin);

hwand thu giwit habes,
idis enstiô ful!thu skalt for allun wesan
wîbun giwîhit. 260.

dazu vgl.: so fram mir got giwizei indi mahd furgibit (savir et podir). Straszburger eide. s. denkm. 13, 231 und vgl. die beiden stellen der Fuldaer beichte s. 242. vgl.: rehta fruotheit, guot giwiʒʒa. Bamberger beichte, ebenda s. 305.
auch aus den glossen und den althochd. übersetzern sind zahlreiche belege für gewiʒʒe beizubringen, vgl. (sensum) Steinmeyer-Sievers 2, 42b; (mentem) 2, 257; (ingenio) 2, 31; spiritu sagaci, clenemo gewiʒʒe. altsächs. Prudentiusglossen 90 Wadstein; dazu vgl.: gheist chiwizsses, spiritus scientiae. Isidor 40, 7 Hench; ebenso 3, 5; iro anen gewiʒʒes aviti ingenii. Notker (Boethius) 3, 64b H.; mînes ungewiʒʒes, insipientiae meae. (ps. 37, 6) 2, 132a H. (unweisheit Eggesteyn u. a.; torheit Luther); in der mittelhochdeutschen dichtung tritt die bildung ganz zurück:

dirre was ir iegelich
dem andern also glich
an libe und an antlitze
doch schit sie daʒ gewitze
ambet alder unde sin.
Herbort v. Fritzlar troj. krieg 3180;

swâ ein vrouwe einen gemaheln hête, an dem si von maht unde von wîsheit unde von guote ... von edel, von schœne, von gewiʒʒe, von zühten, von minne ... David v. Augsburg s. myst. 1, 371. dazu vgl. aus der niederdeutschen prosa: dat dat mit sinen willen were scen unde mit sime ghewete. Stendaler urtheilsbuch 25 Behrend.
3)) auf kosten der beiden concurrenzformen breitet sich in der mittelhochdeutschen zeit hier unsere ableitung vom participium aus, deren bedeutungsumfang sich gern in syndetischen verbindungen abgrenzt:
a)) vgl.:

ir sælde diu was manechvalt
an libe und an gewiʒʒen.
Wirnt Wigalois 4124;

gegen:

zehant sach er ein ander an
der gewiʒʒen unt gebære
wâren unwandelbære. meister
Otte Eraclius 1887 Massmann;

dar z was ir herzen tach
gewiʒʒen, scham, und gte. (var.)
Wirnt Wigalois 8946;

ebenso (gewiʒʒen unde gte) 1229; 10466;

mit lobe ich niht verenden mac
ir schœne und ir gewiʒʒen;
... si bedorft wol schœne und jugent,
gewiʒʒen, und ganzer tugent,
sit si nam ein der schonest man. 989;

ebenso (gewiʒʒen und ganziu tugent) 732; 1393;

daʒ truwe und warheit wirt gespart
an manchem mentschen wol gelart.
der schrifft und der gewissen
die in got hie verluwen bat,
die bringt er wenig uff rechte stat.
Muskatblüt 86, 35 Groote s. 224;

mügen das ... nauch irr furnuftikait und gewiʒʒn an der egenanten stat schulde, nucz und notturft wenden und keren als si aller best kunnen. verleihung Karls IV. an Augsburg (1360) s. dtsch. städtechron. 4, 158; wan so verr als in sin aign gewissni und vernunfft wiset und laitt. urk. v. 1384 s. monum. Zollerana 1, 256 (no. 392); die vernunfft des menschen, die gewiszne. Paracelsus (frag. de nutu astral.) 1, 133; darumb kan auff die zweiffelhafftige gewiszne das ende nit gesichert werden, also empfahet es den namen ungewisz. (astronom. magna 1, 7) 2, 396; als ob sich der geist aller weiszheit und gewissen gottes, in dem rat solicher bszwilligkeit vermische (spiritus sapientiae et scientiae dei). Ulr. v. Hutten (die röm. dreifalt.) 4, 217 Böcking.

[Bd. 6, Sp. 6228]



b))

von dem holze des lebenes des gten und des ubeles,
von dem holze der gewiʒʒene vindet (erg. ir) hie geschriebene. Milstäter genesis 9, 24 Diemer; vgl. auch (s. u.) 10, 9;

bietet den gesten ere,
nach iuwer gewiʒʒen lere.
Wirnt Wigalois 11547;

swer mêret die gewiʒʒen mîn,
dem wil ich dienen, obe ich kan.
Dietmar v. Eist minnes. frühl. 35, 32;

nu sag mir nicht den namen sein,
(wann ich in die gewissen dein
mit vrag zu snell renne)
daʒ ich sein nicht derchenne.
Suchenwirt 28, 52 (der widertheil) Primisser s. 88b;

du vindest da daʒ dir liep ist.
nu var heim zu den dinen,
la din gewiʒʒen schinen.
var uʒ disem steingevelle,
sih waʒ dine chone welle.
Wernher Maria (fundgr. 2, 156, 16);

dâ wirt diu gimme in den mist
getreten âne gewiʒʒen.
Heinr. v. d. Türlin krone 27 Scholl;

er ist so gar an gewissen: (Rabers passion: ungewissen)
meinen mantel hat er mir zerissen,
unnd mit seiner valsch maisterschafft
verderbt er mir all mein kaufmannschafft. altdeutsche passionsspiele aus Tirol (vorspiel 1404) Wackernell s. 459.


β) andererseits ist das fem. auf einzelne akte der erkenntnis bezogen, hier berührt es sich nur mit gewiʒʒede.
1)) (non) secretum, giwiʒʒida. Steinmeyer-Sievers 1, 539b; litteraturam, puochkewiʒida (gl. zu ps. 70, 15; buchstaben ältere bibel) Steinmeyer-Sievers 1, 519a; diu channusse des gotes unte diu gewiʒʒede der warheîte, scientia veritatis. übers. v. Nortperts tract. de virtutibus, s. diut. 1, 282; einzelne zusammenhänge leiten schon hier vom intellectuellen begriff zum moralischen über: in huoris giwiʒʒide. Bamberger beichte s. denkm. 13, 304; die unreinesten mîna giwiʒʒida von allen mînen sundon. ebenda 306. dazu vgl. den sprachgebrauch Notkers: noh diê mîne gestechot ne werden mit dero conseientia peccatorum (gewiʒʒedo sundon). ps. 29, 13 Hattemer 2, 99a (mit dero gewiʒʒeli dero sundono. Wiener handschr. Heinzel u. Scherer s. 72); genau so 45, 2 (2, 162a); 97, 7 (2, 350b). so wird von Notker selbst bona conscientia nicht mit kuôtiu, sondern mit kuôtis kewiʒʒeda übersetzt. ps. 99, 1 (2, 333a).
2)) aber beim fem. gewissene überwiegen noch wendungen, die den allgemeinen intellectuellen begriff sichern, gegen solche, die zum engeren moralischen begriffe überführen:
a))

du maht wol heiʒen leitvertrip, du rehter minnen bluete,
der gewissen dir vil wol min herze jiht,
swaʒ ich liebes ie gewan, daʒ kumt von diner guete.
Reinmar v. Brennenberg (4, 5) bei v. d. Hagen 1, 336b;

got dem manne widerseit daʒ er leidir niht vermeit
ze nieʒʒen des obeʒes der gewiʒʒen gtes und ubeles. Milstäter genesis 10, 9 Diemer;

wederem under in wirser sî?
daʒ eine ist gewiʒʒen vrî:
sô weiʒ daʒ ander unde entar. Mai u. Beaflor 220, 6;

'sun herre, waʒ diu rede sî,
der gewiʒʒen bin ich vrî:
ichn weiʒ umbe deheinen brief.' 172, 26;

ebenso 74, 7; 138, 18; 188, 10; Neidhart 77, 12; Ottokar österr. reimchron. 17541; er scol die scrift alter ewe in zuei teilen daʒ er wiʒʒe rehte gewarheit. geistlichere unde werltlichere gewiʒʒine. physiologus s. diut. 3, 34;

solde ich von der tât,
als man ir guot gewiʒʒen hât,
mit brieven bringen zenden,
... des muoʒ eʒ belîben
ungeschriben von mir.
Ottokar österr. reimchron. 72454;

wand eʒ ist ein grôʒ gewiʒʒen,
dô daʒ leben het versliʒʒen
her Hertnît von Ort,
daʒ dô dem goteshûs ledic wart,
swes man in hôrte jehen
von dem bischolf ze lêhen,
als Wehseneck und ander guot. 26860; vgl. auch 27661;

iedoch wil ich enbinden
die gewiʒʒen, die ich hân
von den Tiutschen sunder wân,
und wil daʒ vrîlich sprechen.
Konr. v. Würzburg St. Nikolaus s. Piper höf. ep. 3, 175;

[Bd. 6, Sp. 6229]



swer nu in solher gwiʒʒen sî
daʒ im wonet zuht und êre bî,
den bite ich durch den willen mîn
daʒ er iʒ lâʒe ân zorn sîn,
ob ich strâf die jungen kint
diu bî siben jâren sint
und noch niht gewiʒʒen hânt. tischzucht 1 u. 7 Haupt (zeitschr. f. d. alt. 7, 174)

(in der ndd. übers.: we hir von guder art si ... de ... noch neine wisheit bekennen. zeitschr. f. d. alt. 21, 60); vgl. noch: die gerecht gewiszne zu leben. Paracelsus (wundartzney 2) chirurg. schriften 1 (1594), 294; ähnlich 168.
b)) den ersten schritt auf dem wege der bedeutungsverengerung kann das folgende belegen:

den kunic darunder ruorte
diu gewiʒʒen der sippe,
daʒ von sînes enen rippe
die frouwen beide wâren komen,
die er vor het genomen
und die er nû nemen wolte.
Ottokar 20316.

der zweite spätere beleg steht schon ganz unter dem einflusz des moralischen begriffs: hastu kein gewiszne einer todsünd, die du nit gebeicht hast. Geiler v. Keisersberg siben tractat: dreieckecht spiegel Ff 6a.
b) ungewöhnlich häufig ist das substantiv in der rechtssprache angezogen, die sich gegen die concurrenzformen dagegen spröde erweist. nur mittelbar sind bildungen hier anzugliedern, mit denen die Tatianübersetzung das lat. testimonium wiedergiebt: gewiʒnessi (171, 2 und oft); gewiʒscaf (13, 4 und oft; vgl. auch Schiller-Lübben). sonst reicht nur ein substantiv herein, das sich als nebenform zu gewiʒʒen erweist, entsprechend den participialformen auf end (s. sp. 6218) und gern mit gewiʒʒede variierend (s. sp. 6233): culpis, excessibus et forefactis quibuslibet, ... corrigendis per inquisicionem ... que vulgariter gewiʒʒende dicitur. constitut. könig Rudolfs (1279) s. monum. germ. leg. 4, 3 s. 222. hier steht das substantiv, das der bedeutung nach von dem grundbegriffe weit entfernt ist, losgelöst vom syntaktischen gefüge, das es in der rechtssprache sonst fast durchweg aufweist, nämlich der präpositionalverbindung. diese präpositionalverbindungen zeigen in der äuszeren form kleine verschiedenheiten, die aber ihrerseits auf starke gegensätze der bedeutung weisen, je nachdem die grundbedeutung noch durchschlägt oder in den isolierten verwendungen verloren ging.
α) der ursprünglichen bedeutung am nächsten stehen einige feste verbindungen mit subjectivem genetiv, bei denen das genus nicht in allen fällen gekennzeichnet ist, die aber trotzdem für das femininum anzusprechen sind.
1)) wo das subject mit dem des satzes nicht identisch ist, wird das subst. meist in zusammenhängen gebraucht, die aus der kenntnisnahme den begriff der zustimmung hervorgehen lassen: den selben schaden schol der burcgrave tragen an sime gelte, unde schol man auch diu gt uf den schade geschihet besetzen unde libunge tn, nach des burcgraven rate, unde mit sinre gewiʒʒen. urk. v. 1297 s. mon. Zollerana 2, 245; so sol aber ir einer dem andern niht arges tun, er widersoge imm danne mit gewiʒʒen zwaier erbern manne. Nürnberger polizeiordn. 31 Baader; swenn er den brief mit gewiʒʒen erbrer lüt antwurt. Nürnberger urk. v. 1349 s. dtsch. städtechr. 3, 33; zehen schokken groʒʒer phenning, di man mit einer gewiʒʒen meiner erben sol anlegen. Hohenfurter urk. v. 1365 s. font. rer-Austr. II, 23, 133; eʒ sol auch diu stiftung der guter von jar ze jar, geschehen mit unser ... gewiʒʒen. Münchener urkunde von 1307 s. mon. Boica 17, 108; ist eʒ mit des gunst und gewiʒen, der di perge verlihen hat (ex consensu et scitu). Iglauer stadthandfeste (2. redact.) bei Zycha 11; ebenso (mit ires bergmeisters gewissen) Kuttenberger zusätze; ebenda s. 38; mit der gewercken gewissen. s. 37; und lost aber der perkherr nit, so soll er in (den müllstain) verkaufen mit gewissen der perkleut und soll davon nemen sein lon. banntaiding zu Wenigzell (16. jahrh.) s. österr. weisth. 6, 105; der richter sol chainen versloʒʒen brief, der zu der stat gesent wirt von den fürsten oder sst den purgern nicht aufprechen an ir gewiʒʒen, er chm in zu der hant versloʒʒen. Mühlhauser stadtrecht s. dtsch. städtechron. 15, 406; wir setzen das recht in der gemainen landschaft gewissen. landtag zu Straubing 1425 s. Schmeller 22, 1035.
2)) in den wendungen, die für das substantiv das gleiche subject fordern wie für die verbalhandlung, liegt der ausgangspunkt zu anderer mannigfacherer entwicklung: und ob

[Bd. 6, Sp. 6230]


die perkrecht nicht ganz aigenlich in der gegenwurtigen zedel in geschrift begriffen wëren, das sol besteen bei den eltisten weisen perklewten auszerichten nach irer gewissen. bergrechte in der Gastein u. Rauris (1300—1350) s. österr. weisth. 1, 199; item, wenn ain aidswerer trüwlichen nach seiner gewissen sein pest thut, so ... Münsterthaler civil- u. criminalstatuten (1427) s. österr. weisth. 4, 360; vgl. auch 6, 525; und sol bei seiner gewissen ansagen wie vil aus solhem steenden traid bei einem gleichen werden mag. stiftrecht v. Wieting (15. jahrh.) s. österr. weisth. 6, 512; den mag man dar weisenn und zuesprechen was jm darumb wissenn sei. unnd werden si zue krieg mit einander, wem der merär tail sait da sol man nach richten. sein si aber gestorben unntz an ainen. des gewissenn sol man auch hören. und sol darnach richtenn als recht ist. wie weit ainem sein gewissenn in seinem aigen oder lehen gesagenn mög. des wellenn wir auch beschaidenn. jst es auf ainem acker so sol di gewissenn nicht weitter sagenn dann ains pfluegs lannck. Ruprecht v. Freising rechtbuch (2, 75) 286 Maurer. hieher gehören wol auch die folgenden belege, in denen das genus nicht sichergestellt ist: er sol ouch niemans wort sprechen, wan der dâ reht habe, unde seit im sîn gewiʒen, daʒ er unreht hât, er sol sîn wort niht sprechen. Schwabenspiegel landr. § 72 Wackernagel; und nach dem aidt sein gewissen sagen. steir. landrecht art. 3. Bischoff s. 77; so sol die kunschaft sagen, was si ir gewissen weist. urk. v. 1446 s. mon. Boica 9, 270 (s. u. 2); kundschafft und gewissen. österr. weisth. 5, 95.
β) von hier aus erklärt sich die rolle, die das substantiv im beweisverfahren spielt, und für die schon das oben gebuchte gewiʒʒende charakteristisch war: swer den andern veindlichen haimsuchet, wirt er des uberredet mit siben geziugen oder mit der gewiʒʒen, er sol in der æht sin. landfrieden v. 1255. monum. Wittelsbac. 1, 145; ebenso 1, 341; und müs dem richter ze püʒʒ geben 60 und dreu pfunt, eʒ sei denn als vil. daʒ er bereden mug mit seinem aide. daʒ er emalen um di march nicht gewest hat da im di gewiʒʒen hin zaigt hat, so sol er ledich sein von dem richter und von dem chlager. und sol er fürbaʒ laʒʒen ligen, daʒ im deu gewiʒʒen herausgesait hat. rechtbuch des Ruprecht v. Freising s. Westenrieder beitr. 7, 107; dem sol dirre widergeben swaʒ er sin genoʒʒen hat, als er bereit ze den heiligen mit sinen zwain vingern, in wise danne iener mit der gewissen, daʒ er sin mer genoʒʒen habe. stadtbuch v. Augsburg (75) 149 Meyer; ebenso (daʒ er mit einer gewiʒʒen geweisen mag) österr. weisth. 1, 340; wer darumb ze chlagen hat, der in dem gericht geseʒʒen ist, von dem selbscholen, der die unzuht getan hat 2 pfenning, von ieder gewiʒʒen 1 pfenning, dem der für gepeutet, als vil der ist. rechtbuch v. Brixen s. österr. weisth. 5, 384; so wird es möglich, die verbindung mit sächlichem genetiv, die zunächst dem objectiven genetiv gehört, in bestimmten fällen vielmehr dem subjectiven zuzuweisen: sonnder haben die gezewgen als krannck und alt zewgen die absterben mochten oder vom lande zihen zu ewiger gedechtnuss und bestenndiger gewissen irer sachen erlangt zu sagen. urk. v. 1469 (Michelfeld) s. mon. Boica 25, 298; und darumb so sol der richter dem nachvolgen, das im vollecleich furkumpt mit gewissen der sachen, di man fur im bewert (et ideo judex id sequitur, quod plene apparet ex fide eorum, que coram eo probantur). Iglauer jus reg. mont. (1, 6 § 2) Zycha s. 71.
γ) beiden obigen bedeutungsgruppen konnte der begriff der rechtsgültigkeit in den folgenden präpositionalverbindungen erwachsen. hier berührt sich das subst. mit gewisse (securitas s. sp. 6213, vgl. auch: wolten ... ein gewissne haben. Züricher chron. 88 Dierauer), von dem es sich nur durch die bildungsweise, in vielen belegen (s. sp. 6231) auch durch die schreibung des dentals abgrenzt:

mit swiu ich des wird ermant
nâch der lantherren gewiʒʒen,
die wîl mîn leben unversliʒʒen
ist, sô muoʒ eʒ stæte sîn
daʒ lob ich ûf die triwe mîn.
Ottokar österr. reimchron. 2337;

der selbe mag is nimmer an gesprechen. hat her is mit der gewissen (var. rechte). alse hivor gesprochen ist. Kulmisches recht 5, 53 Leman s. 180; noch dem sol auch der gelaubigen das haus odererbe dem schuldigen anpieten

[Bd. 6, Sp. 6231]


mit der gewissen, das ist vor zwen scheppfen oder genannten oder vor dem rat. Altprager statutarrecht (14. jh.) § 119 bei Röszler s. 74 u. öfters; und wenn daʒ ist, das got uber mich peutt und daʒ ich nicht enpin, so schullen mir und allen mein vodern di herren in dem egenanten chloster unsern jartag alle jar jærleich begen mit einer gewissen. Hohenfurter urk. v. 1348 a. a. o. 95; das si dann mit einander die reservation und stök aufschliessen, und was dann gefallen und vorhanden ist, nichts hindangesetzt mit einer gewissen zu sich nemmen. urk. v. 1432 bei Meichelbeck histor. Frisingensis 2, 2 s. 240.
δ) dieser bedeutungsrichtung entsprechen eigene feste verbindungen mit attributiven adjectiven, die seltener auch anderen bedeutungsfärbungen dienstbar sind.
1)) vor allem gilt dies für die formel mit rechter gewiʒʒen; sie stimmt zu den unter β) verzeichneten wendungen in: und hân im denselben newen pfantbrief über die vogtî ze Uttenbûren ... mit rechter gewiʒʒen zuo den zîten, dô ich eʒ wol getuon mocht, und als eʒ billichen und von recht kräft und macht hât, ingegeben und geantwurtet. urk. v. 1421 bei Loersch u. Schröder 12, 208. zu den unter γ) belegten vgl.: ist daʒ diu frowe daʒ verworht hat unde von ir schulden dar ist chomen unde daʒ mit rehter gewiʒʒen dar wirt braht daʒ diu schulde ir ist, so hat si ir morgengabe verlorn, daʒ ist reht. stadtbuch v. Augsburg (84, 5) 164 Meyer; wann chain gelt veriert sich, daʒ man mit einer rechten gewissen pringen mag. Wiener stadtrechtsbuch (art. 16) 54 Schuster; als man in darumb ansprichet nach der stat recht, ist es denn ein rechten gewiʒʒen, also, das er daran schuldig ist, so schol der richter ... (art. 149) 133.
2)) am vielseitigsten in dieser beziehung ist die formel mit guter gewiʒʒen.
a)) schon der collectivbegriff von scientia, der auch in rechtsangelegenheiten eine rolle spielt, kommt in ihr zur geltung: ist mit guter gewissen und vernunft gewesen uncz in ein end. font. rer. Austr. 2, 7, 59; beim folgenden könnte auch an conscientia im sinne von mitwissenschaft gedacht werden: das wir mit wolbedachten mute, guter gewissen und zeitigen vorrate unnser vormünde, recht und redlich ... zu kauffen geben haben. urk. v. 1465, mon. Boic. 25, 272.
b)) meist weisen die belege jedoch auf eigentliche prägungen der rechtssprache: die formel geht vom begriffe der inquisitio aus; noch häufiger bringt sie den begriff der rechtsgültigkeit, losgelöst vom beweisverfahren, zum aus druck.
α)) spricht der antwurter, ich hab daʒ erb inne gehabt, als davor geschriben stet und wil das bewären mit guter gewissen als recht ist. Steierm. landr. art. 83 Bischoff s. 109; vgl. auch: daʒ wir ... unsern chuniclichen brief ... versigelten mit unserem chuniclichem insigel, beweren und bestetigen mit warer gewiʒʒen, der her noch von worte ze worte also geschriben stet. urk. kaiser Ludwigs v. 1328, s. mon. Zollerana 2, 413 (no. 631).
β)) und suln daʒ vorgnant halp phunt mit guter gewissen uf daʒ aigen schlahen uf hufe und uf hofstat. urk. v. 1314, s. mon. Boica 23, 46; so gebn wir ... disen gegenwertigen brief, versigelten mit unsern ... und der vorgeschribn burgen jnsigeln, die mit guter gewiʒʒen dar an sin gehenket ze einem gezugnisse urkunde und sicherheit aller dirre vorgeschribn dinge ... und ze einer getzugnisse dar uber habn wir unser jnsigel gehenket mit guter gewiʒʒent an disen brief. Würzburger urk. v. 1328, s. mon. Boica 39, 357; und wir graf Ludwig von Oeting der elter veriehen, daʒ wir, unser insigel an disen brif gehenkt haben, durch des vorgenanten juden bet willen, und auch mit gter unserer gewiʒʒen, z ainer geziugnsse. (1344) monum. Zollerana 3 no. 122; wir haben jn die perg mit ainer guten gewissen ingeantwortet. Salzburger urk. v. 1423, s. Schmeller 22, 1036; es sollen auch am ersten all unser supan schwern dasz si ainsten in jar rüegen sollen wasz den richter angehört zu püessen, das ist pluet und nottnuft und deup und aufprüch. daʒ sol man mit gueter gewissen hinz in weisen mit zerbrochen fenstern und mit zerbrochen türn und soll auch die selb puesz an unsern ambtman erfodern. rechte des stifts zu Tragöss ... (15. jahrh.), s. österr. weisth. 6, 309.

[Bd. 6, Sp. 6232]



ε) in den letzten bedeutungen wird auch die kürzeste formel mit gewiʒʒen beobachtet, die eben wegen dieser verwendung für das fem. anzusprechen ist: si habent auch geoffnet umb malefitz und umb frävel, daʒ sich erfunden mit gewiʒʒen, von dem Schlumpsbach oben her bis an Chastelbeller pruchk ... seien die läut, wer si wellen, man oder weib, welches hern si sein, das so [sol?] in dem gericht beleiben. landsprach v. Schlanders (1400) s. österr. weisth. 4, 165; als nemblichen das ründer vich soll auf allerheiligentag frei sein, schof und gais auf Marthinitag, ross und schwein auf weinechten und wer dergleichen vich fündt und inhalt, der soll es mit gewissen und nit verporgner weis inhaben. ehehaft taiding v. Taxenbach, s. österr. weisth. 1, 272; ist es im höher geschetzt, dann es im stet, so sol er das übrige mit gewissen dem richter zu behalten geben. ist aber das pfant erger, des muess er den schaden haben. weisthum v. Salern u. Vahr, s. österr. weisth. 5, 408;

und swaʒ ieglicher guotes hât,
swie daʒ wære genant,
daʒ solde man zehant
mit den gewiʒʒen behalten.
Ottokar 91436 (zum plural s. sp. 6238);

ebendort ist die gleiche formel aber auch für die grundbedeutung von scientia mit reflexiver einschränkung belegt:

swaʒ der man gesundet het,
dâfür der bischolf gap
den himlischen leitstap,
ân für unreht guot aleine:
swer das grôʒ oder kleine
mit gewiʒʒen het in der gewalt (var. der gewiʒʒen),
die wurden ûʒ gezalt
und behert der gnâden. 9644;

dazu vgl.: wer ... us vremdem werke gewant wircket ... das ist des mit rechte, des ouch der getzug ist ... tut her is mit gewissen ... das der getzug sin nicht en were. Kulmisches recht 5, 72 Leman; wir setzen fr daʒ der frid geschndet wirt, daʒ niemen deheinen schedlichen man behalte. behalt er in dar ber, so sol er fur in buʒʒen, und tt er es mit gewiʒʒen. landfrieden v. 1300, monum. Wittelsbacensia (no. 217) 2, 119.
ζ) ob die folgende vereinzelt belegte verbindung in seiner gewissen sein irgendwie auf einen rechtsbegriff zurückführt, ist fraglich. vielleicht beruht sie auf späterer verwechslung von gewiʒʒene und gewisse (s. d.): etwan so leugnet man dem armen handwerks manne die schuld, so kan es er nit beweren wie recht ist, so wil dar nach der selb schalck, er sei ledig und in seiner gewüszne. du irrest dz er die schuld nit beweren kan. Geiler v. Keisersberg narrenschiff (70, 4) 141a.
c) die geistliche litteratur (prosa und dichtung) begünstigt andererseits die bedeutungsverengerung, die zu dem neueren begriffe von conscientia führt und die auf dem zusammenwirken der reflexiven eingrenzung und der ethischen bewertung des wahrgenommenen beruht. die reflexive einschränkung ohne das ethische moment ist hier (vgl. dagegen sp. 6228 oben) nur selten belegt:

nun luog selber in diner gewissne,
wie möcht ichs bas han beschissen. des teufels netz 12938.

vgl. auch: der arzt soll stehen in des himmels, des wassers, des luffts, und der erden erkantnusz, und auff solche erkantnusz sein gewiszny vertädigen, nichts gott entziehen noch zulegen, dann allezeit gnad und barmhertzigkeit erwarten. Paracelsus (paragranum 4) 1, 230; wo das substantiv sodann den übergang vom intellectuellen zum ethischen begriff vollzogen hat, ist dieser nur ganz selten durch eigenes ausdrucksmittel gekennzeichnet:

intelligentia verstandenheit,
diu dînes herzen gewiʒʒen treit,
mit der solt dû dich verstên
daʒ dû mit nihte umbegên
solt dan mit im (gott).
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 807 Weinhold.

meist vielmehr musz dieser aus dem zusammenhang durchgefühlt werden: dehein versunnen herze, swenne eʒ im gedenke wie eʒ ein hôhvart vollebrâht habe, und eʒ dar nâch in sîn lûter gewiʒʒene siht, eʒ scheme sich der hôhvart. Berthold v. Regensburg 1, 104; hetti min herze aller herzen minne, min gewisseni aller engel klarheit und min sel aller selen schonheit. Seuse (büchl. d. ewig. weish. cap. 23) 294 Bihlmeyer; ieder mensch sech sich selb

[Bd. 6, Sp. 6233]


an und nim sein aigne gewiszen für sich und erfahre die, so findt er, wie mannigfaltiklich er wider gott gesündet hat. Burk. Zink Augsburger chron., s. dtsch. städtechron. 5, 184; und ward einer sach halben befragt, was sein meinung darinn were. er felt nach seiner gewisne ein urteil, welche in gut bedunckt. Jörg Wickram (rollwagenbüchlein 89) 3, 116 Bolte.
α) in der älteren zeit sind auch für diesen engeren begriff concurrenzbildungen belegt: alliu iro guollichi dero selbun chuningo tohter ist in wert in iro conscientia (kewiʒʒe). Notker ps. 44, 14 (Hattemer 2, 160b); intrate in conspectu eius in exultatione. kânt in iûwera conscientiam (gewiʒʒeda) mit freuui. ps. 99, 2 (2, 354a); quoniam iudicas populos in aequitate. wanda nâh rehte unde nah iro conscientia (gewiʒʒeda) irteîles dû uber diê liûte. ps. 66, 5 (2, 224a);

so crimmet sich zeware
der arme suntare
deme sin gewiʒʒede daʒ saget
daʒ gotes hulde niene habet.
frau Ava jüngstes gericht bei Diemer dtsch. ged. 285, 6 (Görlitzer handschr.: sîn gewiʒʒen. fundgr. 1, 198);

vgl. auch: und in uns ein stilleswîgen wirt aller meine und unser gewiʒʒede uns niht mêr strâfet. meister Eckhart s. myst. 2, 191; in der kennzeichnung dieses begriffes von conscientia variiert gewiʒʒede mit gewiʒʒende (s. sp. 6229), das seinerseits mit gewiʒʒen in der handschriftlichen überlieferung abwechselt, vgl.: den ir gewiʒende daʒ saget. Crescentia 48, 32 Schade; vgl. gewiʒʒende gegen gewiʒʒede. Berth. v. Regensburg 1, 149 Pfeiffer; gewiʒede frau Ava Diemer dtsch. ged. 277, 2 gegen gewiʒʒende. fundgr. 1, 191;

ein ander rger rget dan:
din gewiszen, die da kan.
wer sin gewiszende hat beht,
der weiʒ wol wann er ubel tt:
gewiszen leret gte ding.
Heinr. v. Neustadt gottes zukunft 6749 ff. Singer;

vgl. auch die varianten gewiʒʒene und gewiʒʒende. Berth. v. Regensburg 1, 104. 398; gewiʒʒen var. gewiʒʒent. mon. Boica 39, 357; vgl.: sie waren auch also luter in irre gewiszende unde also reine in iren gedencken, und also gt in iren willen unde also clar in irre sele, daʒ sich keine unreinekeit der sünden in irme gemde mohte verbergen noch enthalten. Nic. v. Landau bei Zuchhold s. 131; ebenso 36; 96; s. auch gewiʒʒent sp. 6231.
β) unser fem. ist in diesem engeren sinne zuerst bei Notker belegt, der das wort überhaupt nur an dieser einzigen stelle gebraucht: mîna scama, quae mordet conscientiam (diu mih pîʒʒet in mînero gewiʒʒeni). ps. 68, 20 (Hattemer 2, 237b) (vgl. Trebnitzer ps. 68, 21 lastir sal beiten daʒ hercze min). sonst lag Notker auch für das lat. conscientia eine andere bildung näher: gewiʒʒede (s. o.), das er namentlich für die ursprüngliche bedeutung von conscientia verwendet, während er dem ethischen begriff mehrfach ausweicht: qui non metitur bonum suum populari rumore, sed veritate conscientiae .. after gewiʒenero wârheite. Boethius s. Hattemer 3, 115b; et quid habet libertas conscientiae, unde also îo tûot tiu baldi dero sichurheite. 3, 28a. den nächsten beleg für unser femininum bietet Heinr. v. Melk:

nû wie welle wir sumlîch êren,
die sich solher tât hânt gevliʒʒen
unt gênt mit unräiner gewiʒʒen
ze sînem tische vil nâch alle tage? priesterleben 307 Heinzel.

dem epos und der lyrik ist das femininum fremd; es tritt in der geistlichen dichtung vereinzelt auf und verbreitet sich erst in der didaktischen dichtung und in den chroniken. die meiste verwendung findet es in der prosa des 14. und 15. jahrhunderts.
1)) gern wird das substantiv in verbindung mit andern eingeführt, anfangs mehr mit fernerstehenden als mit bedeutungsverwandten: der ander wîngarte dc ist ain lûteriu gewissen. alder ain wolgeordenʒ leben. pred. des 13. jahrh. bei Grieshaber 2, 46; ebenso 2, 49; wer ist der burne sich daʒ ist ein gewiszen und ein luter bihte mit der soltu alle dine sünde abe waschen. pred. aus einer Straszb. handschr. s. zeitschr. f. d. alt. 7, 143; daʒ ist diu gewiʒʒen in der sêle, daʒ ist diu einvaldige nâtûre der sêle. meister Eckhart s. myst. 2, 383; daʒ sol er bekennen dabei so diu waurhait und sin gewissen zugnusz geit aller siner werck. pred.

[Bd. 6, Sp. 6234]


s. zeitschr. f. d. ph. 38, 353; den reinen sind alle ding rein, aber den vermaszgeten und ungleubigen ist nüt rein, sunder jr gmüt und gewüszny sind vermaszget ... jr gemüt und conscientz si befleckt. Zwingli v. freiheit der speisen 9 Walther (Tit. 1, 15: wann ir gedancken und die gewissen die seind unrein. Mentel u. a.; ebenso Eberlin v. Günzburg 2, 6 Enders; vgl. dagegen jr sinn und gewissen. Luther); unnd wie wol sein conscientz oder gewissen im sagt, das solliche hinderred, niemants keinen nutz bringt. Geiler v. Keisersberg siben tractat: klappermaul A 5b; ebenso Eschengrüdel a 4b; darumb so folget dick hernach grosz nagen, beissen und rüwen der conscientz und der gewiszne. Pauli schimpf u. ernst (257) 170 Österley; on anrüren mines eids und gewüszne. Zwingli 2, 2, 316; darin soll er bei seiner gewissen pflicht, treuen und eren, bei seiner sell sälligkait und bei gots huldn kain gevär prauchen. landtaiding in der Rauris (1565 u. 1624) s. österr. weisth. 1, 231; wann das ist des teüfels betrug und arglist, damit er die gewiszne und die liebe der menschen von dem glauben abzühet. Eberlin v. Günzburg 2, 116 Enders; es ist gar not durftic, das ein mensche sich selber erkenne; wan die versumunge, unser gewiʒʒen und verlaʒʒenheit, die blenden unsers herczen ougen. der veter buoch (§ 56) 18, 16 Palm; viel sein der alten scribenten, die da von der lässin geschrieben haben .., und wissen bei ihrer gewiszne und billigkeit, dieselbigen lässin mit grunde in nichten zu defendiren. Paracelsus (v. aderlassen) 1, 727.
2)) während in der bibelübersetzung (s. u.), der fremden vorlage entsprechend, das possessivpronomen in diesen und anderen verbindungen des subst. zurücktritt, überwiegt es in sonstigen belegen durchaus (s. auch oben); dagegen ist der subjective genetiv hier ganz vereinzelt: des menschen gewizne. Schmeller 22, 1036;

'nu mirke (fürst) daʒ virde, daʒ du dine wirde
geistlich behalst, daʒ du nit spalst
die kron diner gewissen! ...'
Muskatblüt 67, 48 Groote s. 168;

ein lieht meiner gewiʒʒen. Münchner hdschr. s. Schmeller 22, 1036; (der teufel) traff auch die heimlichen ort meiner gewissene und conscientz mit disen ... gefarlichen scrupeln. Eberlin v. Günzburg 2, 106;

als uns Sixtus urchunt geit,
das die üppigen wort sein
ain richter der üppigen gewissen dein.
Hans Vintler blumen der tugend 8767 Zingerle;

nit über ain jar rait grauf Hainrich gen Hewen z sinen brder und verliesz sinen habit; z merer sicherhait siner gewiszne dispensiert er darüber und belaib on ainen elichen gmachel sin leben lang. Gallus Oheim chron. v. Reichenau 161 Barack; mit einem anstossen seiner gewissen. Eberlin v. Günzburg 2, 44; on schaden seiner gewissen. 2, 126; in der beschwert seiner gewissen. Hans Sachs 22, 8;

ir gewiʒʒen di was gt
unde ir vernunfteclicher mt
was alle wege sunder var
einfaltec, luterliche clar. leben der hl. Elisabeth 8675 Rieger;

vgl. (die gewiszne wurd uns rein und klar) tragöd. Joh. C 3ab;

sô heiʒt mich mîn gewiʒʒen vlîehen
al daʒ wertlich ist getân.
Teichner 71 Karajan s. 36;

du sihst den rihter ob din
und under dir der helle pin
und in dir din gewiszen,
die dich biʒʒet und hat gebiʒʒen.
Heinr. v. Neustadt gottes zukunft 6294 Singer;

vgl.(hatt jhn sin gwüssne truckt) Bullinger s. Bächtold schweiz. schausp. 1, 125; (dein gewiszne strafft dich darumb) Geiler v. Keisersberg brösamlin 1, 7c; (sind üwere gewiszne gar vertriebet) trag. Joh. C 3ab; (sein gewissen drang in) Aventin 4, 750;

des slafes, und ir gd gebet
wol sicher ir gewiʒʒen det. leben der hl. Elisabeth 1712 Rieger;

unt erkennt den tôt unt daʒ leben,
unt wil dem wirserm geben
bêdiu sêle unde lîp,
eʒ sî man oder wîp,
daʒ sîne gewiʒʒen übersiht
unt der werlt guoter freude giht. die warnung 1639 Haupt (zeitschr. f. d. alt. 1, 483),

[Bd. 6, Sp. 6235]


anders (sich dîn gewiʒʒen an) buch der rügen 258 Karajan; vgl. aber (erblendet alle dîne gewiʒʒene) Berth. v. Regensburg 1, 398; wan sô diu sêle von den dingen erlediget ist, der ir gewiʒʒen kuntschaft hât. meister Eckhart s. myst. 2, 409; ich weiss einen menschen in Christo, do der an vieng, do rumde er des ersten siner gewúsni mit einer ganzen bihte und waʒ do alle sin fliʒʒ, wie er der biht reht getete, daʒ er alle sin missetat einem wolbescheiden bihter fúr leti. Heinr. Seuse (leben cap. 34) 99 Bihlmeyer; und darmit er seiner gewüszne gng thett, übersendet er h. Sigmunden einen besondern und eignen absagbrieff für sich und sein gottshausz. Stumpf Schweiz. chron. (5, 7) 2 (1548), 33b; so wintzlestu in deiner gewisni. Geiler v. Keisersberg emeis (1516) 34a; (in üwere gewiszne erdoupt) trag. Joh. C 3ab; (so du betrübt bist in deiner gewissen) Eberlin v. Günzburg 2, 188; er beger dann trost und sterck in seiner gewissen. 2, 187; das er ... in seiner gewissen ein christ war. Aventin 4, 750; wann ob ich schon weisz in meiner gewissen, das sie mein eeweib ist, dannocht ergert das meine pfarrkind, welche meinen sie sei mein hr. Eberlin v. Günzburg 2, 62; auch so merkt ir darbei, dasz ir uns in der beicht nit beschweren und über unser gewiszne nit ergraben solt von euch selber, das dann vast euwer brauch ist. dial. zw. pfarrer u. schultheisz bei Schade sat. u. pasqu. 22, 144.
3)) auszerhalb dieser verbindung mit dem possessivpronomen ist das femininum, sofern es nicht von attributen begleitet ist, selten zu belegen, vgl.: das puechel oder der spiegel der gewissen. (beichtspiegel) s. Schmeller 22, 1036; der wurm der gewiʒʒene. ebenda; neben verbis wird das pronomen leichter entbehrt, namentlich in den festen verbindungen, die dafür aber gern ein attribut [s. 4))] anziehen:
a)) verbalverbindungen:
α)) lose:

als diu buoch sagent
die wurme steteclich nagent
der eine diu gewiʒʒin
der ist deʒ gar gefliʒʒen.
Hugo v. Langenstein Martina 117b, 47 Keller s. 296;

gebet, wachen, swaʒ man tut,
dar ûf ist man vervliʒʒen.
dar nâch als die gewiʒʒen
ein teil beginnet fûlen ...
sô kumt daʒ ungelucke
daʒ îtele wort werden balt
und daʒ herze an gnâden kalt. Marienlegenden 18, 46;

(so die gewissene verwirret wurt) Heinr. Seuse (pred.) 503 B.; (wie diu hôhvart die gewiʒʒene erblende) Berth. v. Regensburg 1, 398; die gewiszne ... an z greiffen. Murner von der babyl. gefengknusz C 3a;

dô nemt die gwiʒʒen in die hant,
diu hât die schulde wol erkant,
unt wart von jâre ze jâre,
sô vindet ir zewâre
alle iwer bôsheit:
diu gewiʒʒen si zesamne treit.
sehet ir den hûfen rehte an ... die warnung 3173 u. 3178 Haupt (zeitschr. f. d. alt. 1, 525);

und da sie alt was worden (die ratte) da trucht sie die gewiszen. Pauli schimpf u. ernst (282) 184 Österley; so verhoff ich, die gewissene werdt treiben einen jeglichen auff sein hertz. Paracelsus 1, 627.
β)) feste verbindungen:

manger ein gewiʒʒen hat,
daʒ ein groʒʒe fuder heuwes gat
durch sie mit gutem raume.
Hugo v. Trimberg renner 21799;

nieman sich an die gaistlichen ker!
kain gewissne hand si umb kain sach,
ir gemüt ist unrain, bœs, nidig und swach. des teufels netz 5064 Barack;

Paulus schlacht es luter ab,
dass niemants nüts daruf hab:
lassend üch kein gwüssne machen
über spis und trank.
Nik. Manuel (Barbali 1581) 190 Bächtold;

wend jr die gwüszne bhalten rein,
so b'trachtent was gott gbotten hab,
darvon land üch nit triben ab,
weder eigner nutz noch zitlich ehr. tragödia Johannis (1549) B 7a.


b)) noch seltener entbehren die präpositionalverbindungen des pronomens ohne zutretendes attribut: ist nutzer in der gewissen frei sein. Eberlin v. Günzburg 2, 87; ähnlich Sirach 13, 30 Mentel (s. u.); wannen kumet etlicher gtschinenden

[Bd. 6, Sp. 6236]


menschen groʒ gedrange und úbrigú engi, dú sú hein an der gewizseni, und aber etlicher anderre menschen ungeordentú witi? Heinr. Seuse (büchl. d. wahrheit cap. 7) 358 Bihlmeyer.
4)) zahlreich und mannigfaltig sind schon bei dem femininum die attribute, die sich mit ihm verbinden. sie finden sich mehrfach bei dem im genetiv untergeordneten substantiv, sowol für den subjectiven (Seuse 375; Eberlin 2, 81; österr. weisth. 6, 60), als auch für den objectiven genetiv (Seuse 495; Vintler blumen d. tugend 8767; vgl. auch Schmeller 22, 1036). noch häufiger aber sind die attribute in den festen verbal- und präpositionalverbindungen belegt: je allgemeiner und verblaszter das zugehörige verbum ist, um so eher scheint sich das bedürfnis nach einem belebenden attribute geltend zu machen; vgl. zu gewissen haben: des teufels netz, Christus u. d. minnende seele, Seuse, Dreyding, s. auch Schmeller 22, 903; zu gewissen machen Joh. v. Neumarkt, meister Eckhart, zu mit (guter u. a.) gewiszne Züricher schulordnung, Elsäss. jüngstes gericht, Eberlin, Stumpf, Heinr. Süss, sat. u. pasqu.; dazu vgl. (wegen ihrer gewüszne) J. Wetzel und (aus blossen gewissen) Hutten. der bedeutung nach gliedern sich die attribute hauptsächlich in zwei gruppen, je nachdem der grad der empfänglichkeit am gewissen erfaszt wird oder der zustand, der durch die wahrnehmung herbeigeführt ist. verhältnismäszig selten ist ein attribut hier als vertreter eines subjectiven genetivs eingeführt: warumb solt ich mein freihait lassen urtailen von einer andern gewissen. Hans Sachs (zu 1. Corinther 10, 29, das gleiche schon Mentel u. a., s. u.) 22, 71 Goetze; darz ist kein grösser unglück, dann eigner gewissen täglichs nagen und unr. Eberlin v. Günzburg 2, 81; vielfach führen auch die attribute dieser art in eine der beiden hauptgruppen über: die wülfisch gewissen, conscientia lupina. Münchener handschr. v. 1455, s. Schmeller 22, 903.
a)) der grad der empfänglichkeit wird, von vereinzelten ausnahmen abgesehen (der üppigen gewissen. Vintler blum. d. tugend 8767), nur unter einem gesichtspunkt gekennzeichnet, der aber zu anschaulichen bildern führt. schon in der stelle der Marienlegenden wird von dem verderbten gewissen (als die gewissen ein teil beginnet fûlen. 18, 46) weiter ausgesagt:

und an ir tor sûlen
sich rucket in die wîte
daʒ wol hindurchglîte
bewîlen ein michel stucke.

die formel weites gewissen ist jedoch am femininum noch nicht belegt, sie tritt erst im gebrauch des neutrums in den vordergrund, dagegen sind für den contrastbegriff auch am femininum schon attributive verbindungen ausgebildet, als erste sogar mit grosz, vgl.: betrogen werden vil einveltiger leute: wann in die prediger umb kleine dink groʒʒe gewissen machen (alligant onera gravia), und die groste sunde bleiben ungestraffet. Joh. v. Neumarkt leben des hl. Hieronymus 24 Benedict; eʒ hœret wol zeinem milten vergoteten gemüete, daʒ er ûʒ einer kleiner schulde ein grôʒ gewiʒʒen mache. meister Eckhart s. myst. 2, 647; später setzt sich hier der contrastbegriff zu weit durch: da besorgt er, nu wär des kalbs nit genug und gedawcht in der kue ze vil. doch gedacht er im wie er mocht ain ze enge gewissen haben und schatzet die kue für 6 und daʒ kalb fur 2 und nam si paide. Münchener handschr. v. 1455, s. Schmeller 22, 903; hab ein enge conscientz. das schafft etwan der feind, das er einem mönschen ein enge zweifelhafftige gewissne und conscientz macht z grossen schaden des mönschen. Geiler v. Keisersberg siben tractat: hellisch löw c 1a.
b)) mannigfaltiger sind die gesichtspunkte, unter denen der zustand gekennzeichnet wird, den die wahrnehmungen des gewissens herbeiführen.
α)) die ältesten belege weisen auf den gegensatz zwischen dem unberührten und dem beschwerten, befleckten gewissen: sich bi dem mantel und bi dem rocke son wir merchen ain rain gewissen. und unser êre. wan swenne dc l dc ist diu sünde in unser gewissen kumt. waisgot so kumt si niht balde dar ûʒ. pred. des 13. jahrh. bei Grieshaber 2, 69;

er muos ain luter gewissni han,
der sich an sünd mit koffen wil began. des teufels netz 9272 Barack;

[Bd. 6, Sp. 6237]


genau so Berthold v. Regensburg 1, 104; Christus u. d. minnende seele 1692; ähnlich (funf zaichen einer lutern gewissen) Münchener handschr. s. Schmeller 22, 1036; (z eime lobe einre lutern gewissen) Heinr. Seuse 495; (mit luterre gewissene) Elsäss. jüngst. ger. s. Ch. Schmidt Els. wb. 145a; Stumpf Schweiz. chron. 2 (1548), 34b; vgl. auch: ein lautre gewissen. Schmeller 22, 1036; jedoch wegen irer unbefleckten conscientz oder gewüszne auch irer unschuld sich tröstende. J. Wetzel reise d. söhne Giaffers 17 Fischer u. Bolte (ital. conscienza); wer sich cheren wil zu der gnaden gots, der sol haben ein einsam, ungehindert stat und sol haben ein unbechumerteʒ hertze und ein frei gewiʒʒen und ein rein, dimutig begernde sel zu got. pred. der Nürnberger Eckharthandschr. bei Jostes s. 56 (no. 54); mit trúrigen geberden, mit unschuldiger gewiszne. (Heinr. Süsz) der ewigen wiszheit betbüchlin (Basel 1518) 112a. contrastbegriffe sind hier nur spärlich vertreten: ein keuscher leib mit brunst und unreiner gewissen miszfeldt got. Eberlin v. Günzburg 2, 25; was habe ich von allen minen minnern, denn verlornes zit, vervarnú wort, ein ler hand, wenig gter werke und ein geladen gewisseni mit gebresten. Heinr. Seuse (büchlein d. ewigen weish. cap. 7) 229.
β)) der schon in lateinischen wendungen vorgebildete gegensatz von DWB gut und DWB böse ist hier erst in späten belegen vertreten, dabei überwiegt das gute gewissen.

Salomon spricht: wa ain guete scham ist,
da ist ain guete gewissen ze aller frist (var. guettew; ein guct).
Hans Vintler blumen der tugend 6547 Zingerle;

es gilt mir alles gleich, ich hab ein gutt gewissen, das ist mir ein starcke maur wider solche klappermeüler. Geiler Brants narrensch. (41) s. kloster 1, 450; die nomen in guet gwissen über ir sünd und was in laid. Burkard Zink s. dtsch. städtechron. 5, 46; predige ich nitt, so mag ich nit mit gter gewissen das pfarramt haben. Eberlin v. Günzburg 2, 72; genau so Züricher schulordnung v. 1523 bei Müller 13, 241; dasz sich bischöf mit gter und sichrer gewiszne von hren neren mögen. gespräch (1525) bei Schade sat. u. pasqu. 32, 194 (mit sichrer gewiszne geleben 195); di pur, lauter warhait, gerechtigkait und freihait sagn, melden und erkennen, nach anweisung gerechter gter gewissen; darwider so ie ainer thät treulosz und ungewissen sol werden bekend. banntaiding zu Reichenau (16. jahrh.) s. österr. weisth. 6, 60; vgl. dagegen: bepst oder concilia ... zwingen uns bei lebendigem leib in hellischenn kercker, da ein böse gewissen in brinnendem leib gefangen ligt. Eberlin v. Günzburg 2, 30.
γ)) andere attribute sind kaum entwickelt:

daʒ er bleib ungebiʒʒen
von murmulender gewiʒʒen,
die in pflac selden strafen. passional (Ambrosius) 249, 36 Köpke;

die da vor swarlich gelestet und gebunden waren mit stehlinen reifen in trurkeit und swermtekeit der strafenden gewússne. Heinr. Seuse (briefbüchlein: 5. brief) 375 Bihlmeyer; vgl. dagegen: dornoch er sich zurichten und fröliche gewissen haben mag. Dreyding A 4.
d) in den formen ist das fem. weit mannigfaltiger als das neutrum.
α) das suffix, mit dem es sich vom neutrum abhebt (gewiʒʒine physiologus; in sîn lûter gewiʒʒene Berthold v. Regensburg, Milstäter genesis; gewisseni Seuse; gewissene Eberlin), ist schon in mittelhochdeutschen belegen (Heinr. v. Melk, Reinmar v. Brennenberg, Hugo v. Trimberg), namentlich auch in der ältesten rechtssprache, durch apokope beseitigt. andererseits greift die synkope bei Schwaben und Alemannen ein: gewüsni Seuse; gewissni Zollernsche urk.; ähnlich Geiler, Zwingli, Paracelsus; gewissne teufels netz; ähnlich (vereinzelt) Geiler, Pauli, Manuel, J. Wetzel, Bullinger, Züricher schulordnung, Murner, Stumpf.
β) der stammvocal ist in Schweizer denkmälern gerundet, nur in der Züricher schulordnung und vereinzelt in der trag. Johannis findet sich gewiszne. auf verlängerung des vocals deutet vielleicht die vereinzelte schreibung gewisni bei Geiler, ähnlich Seuse; die ältere schreibung hält durchweg an der doppelspirans fest, s. u.
γ) der dental. die allgemeine schreibung der mittelhochdeutschen zeit (gewizzen Wigalois u. a.; selbst noch in einer urkunde von 1421) wird zunächst durch einzelne ausnahmen

[Bd. 6, Sp. 6238]


nur wenig gestört: gewiszen bei Heinr. v. Neustadt, gewissen teufels netz, bei Muskatblüt und Reinmar v. Brennenberg. in den rechtsquellen dringt die schreibung gewissen vor, die namentlich auch in bairischen und österreichischen denkmälern des 15. und 16. jahrh. bevorzugt ist. auch Seuse, Geiler, Eberlin lassen ss neben sz belegen, während die Schweizer im allgemeinen die schreibung sz lieben; gewiszne auch bei Murner.
δ) für das präfix ist schon im Wigalois, bei Lamprecht v. Regensburg und in der tischzucht die synkope belegt, die später auch bei den Schweizern (Manuel, Bullinger, J. Wetzel) und bei Eberlin hervortritt.
in allen diesen einzelheiten hält sich das neutrum viel strenger an einheitliche normen, weil es die schriftsprache ist, der es seinen sieg über das fem. verdankt.
2) das neutrum. sicherstellung gegen das fem. bedeutungsumfang und entwicklung, statistik, formen.
a) abgrenzung des neutrums gegen das fem.
α) oben sind für das fem. zahlreiche belege in anspruch genommen worden, deren genus an sich nicht ersichtlich ist. maszgebend sind beobachtungen gewesen, die an gesichertem material gewonnen wurden. für die mittelhochdeutsche dichtung z. b. ist ein neutrum nicht festgestellt. daher wurden die ihr entnommenen, nicht sicheren belege dem fem. zugezählt, was für einzelne dichter, wie Wirnt, Ottokar und den verfasser der heil. Elisabeth, um so unbedenklicher war, als diese in den fällen, wo das genus sichergestellt ist, das fem. zeigen. das gleiche ist für meister Eckhart belegt und für die oberdeutsche bibelübersetzung von Mentel bis auf Zainer, der zuerst das neutrum einführt. in späterer zeit halten noch Geiler v. Keisersberg, B. Zink, Paracelsus, selbst Hans Sachs und Jörg Wickram am fem. fest. im gegensatze dazu steht Luther, der in allen fällen, in denen das genus erkennbar ist, das neutrum zeigtwiederum ein beispiel dafür, dasz er züge seiner mundart in die neuhochdeutsche schriftsprache einbürgert. am strittigsten ist das genus in der rechtssprache. erkennbar ist es zunächst in der stattlichen reihe der präpositionalverbindungen, die ein attribut bei sich haben, und diese zeigen fast ausnahmslos das fem. deshalb werden auch verkürzte formen dieser wendungen, die ihr attribut abgestreift haben und das genus nicht erkennen lassen, für das fem. anzusprechen sein (s. sp. 6232 zu mit gewissen). fraglicher sind die wendungen, die das substantiv als subject oder object einführen. auch wo attribute beigefügt sind, giebt die flexion keinen anhalt, da auch feminina in diesen casus gern unflectiertes attribut zeigen. wir haben die belege unter das fem. gereiht und sehen aus inneren gründen auch im folgenden, wo die bedeutungen des substantivs verschieden sind, keinen wechsel der genera: swaʒ man varende guot heiʒet, hât daʒ ein man in stiller gewer driu jâr âne rehte ansprâche bî dem, der bi im in dem lande ist, unde seit im sîn guot (fehlt in einigen handschr.) gewiʒen daʒ er reht dar an hât: so hât er eʒ mit rehte. seit aber im sîn gewiʒen daʒ er niht reht dar an hât, swie lange erʒ danne inne hât, so hât erʒ doch mit unrehte ... hat erʒ mit der gewiʒʒen als ich hie vor geseit han (die stelle fehlt in einigen handschr.). Schwabensp. landr. 49 Wackernagel (vgl. oben sagen im sine gewissen. Kulmisches recht 5, 61 u. a.).
β) auch im pluralgebrauche wird das genus verschleiert, und es ist nicht unwahrscheinlich, dasz gerade von hier aus das vordringen des neutrums begünstigt wird. fraglich ist, ob hieher schon die folgenden belege für präpositionalverbindungen gehören, die auch aus der schwachen flexion des adjectivs erklärt werden können: und durch ihr aller bitt haben wr unser insigel mit ganzen gewissen, und gueten willen an diesen brieff zu einer zeugnus gehangen. Abensberger urk. von 1318 bei Falckenstein 165; haben wir ... unsere insigele mit guten gewissen gehangen an diesen briff. Würzburger urkunde v. 1383 (geöffnete archive ... Bayerns 1, 3, 125); vgl. auch Ottokar 91436 (s. o.) sp. 6232. gesichert ist der plural in: ob iemant zuo bischofflichen wirden, ausz gots geschick gefordert wrde, der selbig sol ausz reinen gemdten der menschen, ausz blossen gewissen der wal, ausz lauterer volmeinung und achtung meniglichs dohin gefordert werden (nuda electionis conscientia). Hutten (Vadiscus) 4, 162.

[Bd. 6, Sp. 6239]


kint, nû hebet mit mir an,
daʒ ir eʒ endet mit êren.
als iuch iuwer gewiʒʒen lêren (var. wiʒʒen). der schlägel 78 (gesammtabenteuer 2, 409).

vielfach fehlt jedes formelle merkmal, um zu entscheiden, ob sing. des fem. oder ein plural vorliegt, der dann auch für das neutrum angesprochen werden könnte. aus inneren gründen ist der plural anzusetzen in: da mst ich heimlich widerrüffen und protestier aber, ich wolte das thn mer uff ire gewissen, dann uff mein gewissen. Eberlin v. Günzburg 2, 107; solch lerer seind lugenreder, haben brandtmasig gewissen. 2, 12; fraglich ist schon: der gewissen halb seinnd sie ann ainen stetten beichtvatter gebunden. 3, 85, und sichergestellt ist der singular des femininums in: mit disem glawben faret der mensch durch alle würckung unnd leiden on schaden seiner gewissen. 2, 126 u. a.; das gleiche gilt für: sol si (die seele) durch ungedult nit verlieren den glast irer gtten gewissen. noch den geschmack ires auszerweltesten lieblichsten geruches verlaszen. Geiler v. Keisersberg seelenparadies (4. cap.) (1510) 22d; solt dann ein getauffter christ seinem bruder nit helffen, so er in sech ligen in der beschwert seiner gewissen? H. Sachs (disp. zw. einem chorherren u. schuchmacher) 22, 8; der zuorsicht es werde ein ieder der gewissen und erbarkeit sein, solchs nicht umb sunst: es dringe in dann die not: zbegeren. Zwickauer schulordnung v. 1523 bei Müller 13, 247;

dich lassen genissen
friedsamer gewissen,
dir auch zeugnis geben
zum ewigen leben.
Michael Weisze menschen kind, merck eben bei Wackernagel kirchenlied 3, 232b;

vgl. dagegen den plural in:

(bischof:) ich pin gesetzt in das pistum,
das ich das ewangelium
und gottes wort dem volck sol predigen,
die sünding gwissen dröstn und ledigen.
H. Sachs (eigentl. beschr. aller stände) 23, 273;


γ) auf das neutrum beschränkt ist der gebrauch in den niederdeutschen mundarten. neben parallelen zu gewiʒʒe (gewit, gewete) läszt sich dort auch die form geweten belegen (s. Schiller-Lübben 2, 104), die sich als verstärkte form des inf. erweist (wo ik best geweten konde u. a.). in den überlieferten zeugnissen für den subst. infinitiv ist die bedeutung zwar schon zum collectivbegriff weiter verschoben und in der richtung auf das ethische gebiet verengert: dath schal stan up ore eigene samitticheit und guweten. Brandenburger urkunde v. 1474 bei Riedel I, 8 s. 436; dat schal genslick up or gewetten unde in orem willen stan. Braunschweiger urk. v. 1510, s. dtsch. städtechron. 16, 545; sü mi an mit der lefflicheit dines angesichtes in minem geweten, dath ick mercke, dat du mi noch günstich sist. Georg Smaltzing psalter (1543) 26b. in solchem übergang zum neuen religiösen begriffe wird sogar der pluralgebrauch begünstigt: und bringe dat hemmeliche licht des gelouen jnn unse geweten, dar dorch wi unsen gelouen unnd uwetenheit ... erkennen mögen. ein christl. bedebökelin (Rostock 1543) 26b; erbarme di aller klein mödigen geweten. 57b.
δ) die lücken, die die niederd. belege in der bedeutungsentwicklung des subst. inf. offen lieszen, können aus älteren belegen für die form gewissen ergänzt werden.
1)) im folgenden Kölner zeugnis liegt zwar wol hochdeutsche umbildung der niederdeutsch viel gebrauchten genetivform wetens vor (vgl. Schiller-Lübben 5, 701): im fal ich mich auch in beschribung diss boichs versehen ader geirret hett, villicht das die handlungen, geschichten und dait anders zugegangen weren, dan hie angezeignet ist, das doch mines gewissens nit sin wirt, dan ich hab mit wissen van mir ader den minen nit anders geschriben dan die warheit. buch Weinsberg 1, 9 Höhlbaum. aber über die grenzen dieser mundarten hinaus weisen weit ältere zeugnisse. das spec. ecclesiae, das die ersten bietet, läszt sowol den allgemeinen, als auch schon den engeren begriff belegen: daʒ der heilige geist erschein ... ob den zwelf botin unsers herrin in vivrinin zungin. und gab in das gewiʒʒin allirslahte zungin. 83 Kelle; dazu vgl. (s. u.) s. 42; weiter folgt die oberdeutsche bibelübersetzung: es ist nit unser gewissen: wer es hat gelegt in unsern beigúrtel

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1. Mos. 43, 22 Mentel u. a. (wissen Otmar; bei Luther geändert: wir wissen aber nicht; wi en weten niet. Quentel, non est in nostra conscientia). dazu gehört wol auch: genediger herr, nu haben wir des kain wissen, das iemant mit solhem hohem schaden umbgee, solten wir aber des ain gewissen gewinnen, wir wolten des mit unsers allergenedigisten herrn des romischen kaisers hilffen treulich gedenkchen zu widersteen. copeibuch der stadt Wien (1461) s. font. rer. Austr. II, 7, s. 257.
2)) in der rechtssprache dringt das neutrum nur langsam vor; ganz vereinzelt steht der älteste beleg: und schol auch geben des selben tags (meines todestages) zehen schilling Wienner phenning armen leuten; und furbaʒ alle weg, als man meinen iartag weget ze Altenburch, do schol meiner nesten erben ainer darchomen mit zwain pherften, dem der apt geben schol zechen schilling Wienner phenning, di er tailen schol armen leuten mit einem gewiʒen, daʒ iʒ di herren sechen. Altenburger urk. v. 1337, s. font. rer. Austr. II, 21, s. 193. ein anderes, weit späteres zeugnis, in dem das genus formell nicht gesichert ist, darf für das neutrum aus dem grunde in anspruch genommen werden, weil das substantiv hier in einer verbindung erscheint, die beim rechtsbegriff nicht beobachtet ist, die aber gerade der neue religiöse begriff am neutrum entwickelt: darnach offent man euch, das ieder man meld und rueg auf sein gewissen, was er wisse. öffnung u. recht v. Axams, s. österr. weisth. 2, 256. andere belege entspringen noch späterem gebrauche, der den rechtsbegriff am substantiv festhält, im genus aber den sonstigen normen folgt: auf klage, antwort und erfolgte gesetze Hansen Schönbrodts klägers an einem, George Schönbrodts, beklagten andern theils, so derselbe ... unsere rechts-belehrung darüber gebeten, erachten wir ..: dasz beklagter sein gewissen gebührend vertreten, derowegen er von der wider ihn erhobenen klage zu entbinden und loszzu zehlen ... gutachten der Leipz. jur. fak. 1744 bei Klingner dorf- u. baurenrechte 1, 550. das gleiche formel 3, 486; dazu vgl. das compositum gewissensvertretung, s. d.
3)) die bedeutungsverengerung zum ethischen begriff ist, wie bemerkt, schon unter den ältesten zeugnissen für das neutrum vertreten: die botiche sint unser sunde. die wurme unser boseʒ gewiʒʒen. specul. eccles. 42 (Kelle); andere belege gehören erst dem übergang vom 15. auf das 16. jahrh. an.
a)) und presentierten sich gleich vor jhm die nagende würmlin desz gewissens, und malten jhm für den gewalt unnd unrecht, so er jr gethon het. Amadis (1, 43) 414 Keller; auch uns und den unsern im gwissen beschwerlich und der seligkait geferlich sei. Clemens Sender Augsb. chron., s. dtsch. städtechron. 23, 347;

das selb mir in gedancken leit,
macht meim gewissen manchen streit,
das wir so vil uszgeben han,
unds doch geleget übel an.
Ulr. v. Hutten (klag u. vermahnung 316) 3, 486 Böcking;

widderumb wo das gewissen blöde und unsicher ist, da kan auch das hertz nicht recht keck sein. Luther (ob kriegsleute ...) 19, 624 u. a. (s. u.); denn ich weisz, dasz jr ding dreck ist, was das gewissen belanget, aber sie haben kein gewissen, nemmen ein thaler oder zehen, und dienen bösen sachen. tischreden (62. von juristen) 398b Aurifaber (1593); dieweil ich aber befunden, das kain schwerer orden auff diser welt, dann ain kriegsmann ze sein, mit guetem gewissen hab ich mir fürgenommen, ain ainsidlisch leben an mich zunemen. Ferdinand II. v. Tirol spec. vitae humanae (1) Minor s. 15.
b)) bei der vorliebe dieser zeit für unflectierte formen des pronomens oder adjectivs ist es für manche belege unsicher, ob sie hierher gezogen werden können: du weiszt wohl, sie können süsze wort, die da schmähen die armen seelen und mindern dir dein ehr und guten leumund, die dir auch dein gewissen verhärt machen, dasz du nicht kannst erkennen, was du wider gott sündigest. Barbara Fürer an ihren bruder (um 1467) bei Steinhausen 2, 124; dasz sie viel jahr groszen jammer, hunger und kummer ... erlitten und sie in ihr eigen gewiszen gangen, haben sie bei sich befunden, dasz ... Zorn Wormser chron. 14 Arnold; (Runcus:) ja kaiser Augustus musz gar kein gewiszen

[Bd. 6, Sp. 6241]


haben. (Rilpus:) ach der kaiser weisz viel davon, der schelmische landpfleger steckt alles in seinen sack. Joh. Hübner Christ-comödia (2, 1) 16 Brachmann; mit gröszerer sicherheit können belege eines verfassers, dem ein neutrum nachgewiesen wurde, hierher gezogen werden, so vgl.: ein vorlipt gewissen. Hutten (Vadiskus) 4, 169; ob dann ein cristenmensch seiner sind halben ain irrig gewissen hette. C. Sender Augsb. chron., s. d. städtechron. 23, 348; dazu vgl. die umdeutung der alten rechtsformel: ain erbarer rat hette sich auff beschechen erpietten diser andtwurt nit versechen, und wissen darauff weitter nit z handlen, bis sie ir gewissen weitter weise, oder wellen sich halten, sovil sie ir gewissen weisen werde. ebenda 353.
c)) ganz sicher führt freilich auch diese rechnung nicht, denn gerade bei den oberdeutschen denkmälern hat das vordringende neutrum schwankungen im genus verursacht. diese beschränken sich nicht blosz auf varianten in der überlieferung: sein (Pilatus) gewissen drang in, das er von Christi die wârheit bekennet und nun in seiner gewissen ein christ war (var. in seinem gewissen) Aventin (bair. chron. 2, 77) 4, 750; vgl. auch die verdrängung des älteren femininums durch das neutrum in späteren drucken von Melanchthons erklärung des Corintherbriefes. bei Eberlin v. Günzburg, der sonst durchweg am femininum festhält, deutet das neutrum, das einmal hier zu belegen ist, auf eine beeinflussung durch den gebrauch anderer: predige ich nit den klaren text der bibel in biblischem verstandt, so hab ich ein grosses gewissen darumb, auch wird ich veracht von gemeinen leien. (7 fromme pfaffen) 2, 71; andere lassen das fem. nur der älteren vollen form, während sie die kürzere im neutrum einführen. das mag schon für S. Franck gelten, vgl.: es ist nicht über ein gt gewissen. 1 (1541), 54a; es ist nüt über ein gte gewüszne. 2 (1545), 86a; jedenfalls gilt es für Frisius; denn wenn die lexikographen seit Dasypodius das neutrum buchen, so bezeugt Frisius das fem. für die volle form, während er dem neutrum dagegen die kurze als die nächstliegende und gebräuchlichere zuerkennt: conscientia, ein gewüsse kundtschafft oder wüssen unnd versicherung dessen, das in unserem gemüt oder hertzen ist, es seie dann gts oder bösz, ein gewüszen oder gewüszne. 303a. vgl. auch: von einer rechten gten gewüszne. Cholinus-Frisius 205a; mit was aufrechtem gwüssen. 750a.
b) statistik.
α) aus dem gebrauch, den die bibelübersetzung von unserem substantiv macht, läszt sich die entwicklungsgeschichte desselben nach zwei richtungen beleuchten.
1)) in der gröszeren zahl der belege folgen die übersetzer übereinstimmend dem beispiel ihrer vorlage. lateinisches conscientia (συνείδησις im griechischen texte) wird, soweit es nicht wie bei Quentel einfach als lehnwort übernommen ist, durch gewissen wiedergegeben, das sich bei Mentel noch als femininum erweist, während schon Zainer das neutrum einführt. an diesem substantiv kommt durchweg der heutige engere begriff zum vorschein, und in dem einzigen falle, in dem die vorlage mit conscientia auf die grundbedeutung weist, der auch die älteren übersetzer rechnung tragen, bringt Luther ausdrücklich den neueren engeren begriff zur geltung, dem er auch die construction opfert: denn das ist gnade, so jemand umb des gewissens willen zu gott, das ubel vertregt, und leidet das unrecht. 1. Petr. 2, 19 Luther (umb die wissentheit gots. Mentel u. a.; gewissen gottes. Zainer u. a.; consciencien Quentel; im andenken an gott. Weizsäcker; propter dei conscientiam, διὰ συνείδησιν); in den wendungen nun, in denen die vorlage mit conscientia den neueren begriff verbindet, treten ähnliche gebrauchsformen dieses substantivs zu tage, wie wir sie beim deutschen fem. belegt haben. der schlusz liegt also nahe, dasz lateinische wendungen schon auf den gebrauch des fem. bestimmend eingewirkt haben: nur in bezug auf das possessivpronomen war im freien deutschen gebrauch ein ganz anderes zahlenverhältnis zu belegen, als im biblischen texte, der hier mehr zurückhaltung zeigt.
a)) den reinen ists alles rein, den unreinen aber und ungleubigen ist nichts rein, sondern unrein ist beide jr sin und gewissen. Tit. 1, 15 Luther (et mens et conscientia, ir gedancken und die gewissen. Mentel u. a.; denken und gewissen. Weizsäcker); vgl. (von gutem

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gewissen und von ungeferbtem glauben) 1. Tim. 1, 5; ähnlich 1. Tim. 1, 19; warumb solte ich meine freiheit lassen urteilen von eines andern gewissen. 1. Cor. 10, 28 (von einer fremden gewissen. Mentel; ebenso H. Sachs 22, 71); 2. Cor. 4, 2 (gegen aller menschen gewissen); ich sage die warheit in Christo, und liege nicht, des mir zeugnis gibt mein gewissen, in dem heiligen geist. Römer 9, 1 (mein gewissen gibt mir gezeug. Mentel u. a.; wetenheit Quentel; conscientia mea); ähnlich Röm. 2, 15 (consciencie Quentel); 2. Cor. 1, 12 (das zeugnis unsers gewissens); vgl. auch die possessivpronomina in Tit. 1, 15; Ebr. 9, 14; 1. Tim. 4, 2; 1. Cor. 8, 10. 12; 2. Cor. 5, 11.
b)) charakteristisch sind die attributiven verbindungen, die der biblische text an conscientia entwickelt; sie beherrschen auch den gebrauch unseres substantivs bis in die neueste zeit: ich dancke gotte, dem ich diene von meinen voreltern her, in reinem gewissen, das ich on unterlas dein gedencke in meinem gebet. 2. Timoth. 1, 3 Luther (in conscientia pura, in reiner gewissen. Mentel; consciencien Quentel); ebenso 1. Timoth. 3, 9; der bund eines guten gewissens mit gott. 1. Petr. 3, 21 (conscientiae bonae, der guten gewissen. Mentel); das gleiche (gut gewissen) 1. Timoth. 1, 5; 1, 9; 1. Petr. 3, 16; Ebr. 13, 18; apostelgesch. 23, 1; los von dem bösen gewissen. Ebr. 10, 22 (a conscientia mala, von der bösen gewissen. Mentel; dem b. g. Zainer u. a.). neu und ohne einflusz auf den gebrauch des femininums sind dagegen wendungen, wie: übe ich mich zu haben ein unverletzt (var. unanstossig) gewissen. apostelgesch. 24, 16 (sine offendiculo conscientiam habere); ein erschrocken gewissen. weish. Salom. 17, 11 (perturbata conscientia, die betrübten gewissen. Mentel; vgl. DWB erschrocken gewissen, timida conscientia. Henisch 1604); schwaches gewissen. 1. Cor. 8, 12 (kranck gewissen. Mentel u. a.). zu entsprechenden verbindungen des neutrums in der späteren litteratur s. unter 3).
c)) unter den objectverbindungen mit verbis, die der biblische text aufweist, ist die mit haben (habere) auch dem allgemeinen sprachgebrauch vertraut; in der bibelübersetzung ist sie noch mit objectbestimmungen belegt, wie sie den neueren begriff von conscientia einleiten: wo die ... kein gewissen mehr hetten von den sünden. Ebr. 10, 2 (haberent conscientiam peccati, heten kein gewissen. Mentel u. a.; sünden bewuszt sein. Weizsäcker). häufiger hat das substantiv ein attribut neben sich, vgl. (s. o.): habt ein gutes gewissen. 1. Petr. 3, 16; Ebr. 13, 18; ähnl. apostelgesch. 24, 16.
andere verba zieht das substantiv als object nur in vereinzelte verbindungen, vgl. (s. o.): unser gewissen reinigen von den todten wercken. Ebr. 9, 14 (mundabit conscientiam, ebenso Mentel u. a.); desgl. 1. Cor. 8, 12 (schlahet ir schwaches gewissen); so esset nicht, umb des willen, der es anzeiget, auff das jr des gewissens verschonet. 1. Cor. 10, 28 (ebenso H. Sachs 22, 71; anders Mentel u. a.).
d)) auch die präpositionalverbindungen knüpfen vielfach an solche der vorlage an: die das geheimnis des glaubens in reinem gewissen haben. Luther 1. Timoth. 3, 9 (in conscientia pura; in reiner gewissen. Mentel u. a.); genau so 2. Timoth. 1, 3; umb des gewissens willen. Römer 13, 5 (propter conscientiam, umb die gewissen. Mentel u. a.); nach dem gewissen. Ebr. 9, 9 (juxta conscientiam, nach der gewissen. Mentel u. a.); dazu vgl.: ich hoffe aber, das wir auch in ewrem gewissen offenbar sind. 2. Cor. 5, 11 (conscientiis vestris, in euweren gewissen. Mentel u. a.); andererseits vgl.: ich habe mit allem guten gewissen gewandelt fur gott bis auff diesen tag. apostelgesch. 23, 1 (bona conscientia, mit einer ieglichen gten gewissen. Mentel; allem Zainer u. a.; mit aller guden gewetenheit. Halberstädter bibel); durch die, so in gleisnerey lügenreder sind, und brandmal in jrem gewissen haben. 1. Timoth. 4, 2 (suam conscientiam, habent unrein ir gewissen. Mentel u. a.).
2)) wie weit aber das substantiv in Luthers sprachgebrauch sich schon eingebürgert hatte, das zeigen die zahlreichen fälle, in denen er es gegen die vorlage einführt (zum umgekehrten verfahren vgl.: reichthum ist wol gut, wenn man es on sünde brauchet. Luther Syrach 13, 30, cui non est peccatum in conscientia, dan do nit ist die sünde in der gewissen. Mentel u. a.). hier zeigt sich das substantiv ebenfalls einmal in der verbindung mit objectivem

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genetiv, die den übergang des allgemeineren älteren zum engeren neueren begriff vor anderen begünstigt. Luther setzt es hier für cogitatio ein: sie werden aber komen verzagt mit dem gewissen irer sünden. weish. Salom. 4, 20 (in cogitatione peccatorum, in die gedenckung irer sund. Mentel u. a.). in den anderen fällen sind feste verbindungen mit verbis bevorzugt. einerseits erscheint hier das auch im obigen überblick vertretene gewissen haben: so hastu ein rügig gewissen. Luther Syrach 19, 10 (fidens, bis nur gehertzt. Dietenberger); das er kein böse gewissen hat. Syrach 20, 23 (et in requie sua stimulabitur, ebenso Mentel u. a., braucht er keine gewissensbisse zu haben. Kautzsch); ebenso Syrach 14, 1; daneben bringt Luther auch eine andere in der bibelübersetzung nicht vertretene, aber im kirchlichen latein viel gebrauchte, wendung zu ehren: so lasset nu niemand euch gewissen machen uber speise oder uber tranck. Coloss. 2, 16 (nemo ergo vos judicet, dorumb keiner urteil euch. Mentel); genau so Römer 14, 22; ähnlich 1. Corinth. 8, 7; auch in anderen wendungen, die später für unser substantiv charakteristisch werden, führt Luther zum ersten male und gegen seine vorlage gewissen ein: den schwachen im glauben nemet auff, und verwirret die gewissen nicht. Römer 14, 1 Luther (non in disceptationibus cogitationum, nit in den kriegen der gedancken. Mentel u. a.; nicht um über ansichten zu richten. Weizsäcker); mein gewissen beisset mich nicht meines ganzen lebens halben. Hiob 27, 6 (neque enim reprehendit me cor meum, mein hertz berespt mich nit. Mentel u. a.; mein gewissen schilt keinen meiner tage! Kautzsch); der es isset mit einem anstos seines gewissens. Römer 14, 20 (per offendiculum, der do ist durch die ergrung. Mentel u. a.; wenn ein mensch es mit anstosz iszt. Weizsäcker); und ich jm widersagt nach meinem gewissen (var. wie ichs inn meinem hertzen hatte). Jos. 14, 7 (quod mihi verum videbatur, daʒ mich daucht gewer. Mentel u. a.; nach bester überzeugung. Kautzsch); offenbars nicht, wo du es on böse gewissen thun kanst. Syrach 19, 8 (noli denudare, nichten wölst du si entblössen. Mentel u. a.).
β) die wörterbücher lassen im allgemeinen nur den engeren religiösen begriff hervortreten. reste älterer bedeutungen, die durch den neueren begriff verdrängt wurden, sind in einzelnen wörterbüchern noch belegt, theilweise wol aus kenntnis der umfassenderen bedeutungen des lat. conscientia, die noch immer gebucht werden, vgl. z. b.: conscientiam habere conditionis suae, ein gt wüssen haben seins stands oder wäsens. Cholinus-Frisius 202b; Frisius 303a; dazu kommt, dasz einzelne verbindungen, die mit dem übergang vom alten zum neuen begriff verwachsen sind, nicht gleich abstarben, so die verbindung mit objectivem genetiv, die (s. o.) Luther noch pflegt, und die von Faber gebraucht wird: mit dem gewissen solcher grewlichen that. auf grund solcher wendungen, zu denen in der zeit des erwachenden studiums der deutschen rechtsquellen auch alte formeln traten, zog Adelung den umfang der grundbedeutung des substantivs schon überraschend weit. manchen lexikographen dagegen bereitete der versuch, den ihnen allein geläufigen engeren begriff etymologisch zu begründen, grosze schwierigkeit. diese wurde noch durch eine zweitheilung des begriffes erschwert, mit der man die bedeutungsentwicklung vollends verdunkelte. neben dem gewissen, dessen wirkung auf grund einer handlung einsetzte, wurde auch ein vorhergehendes unterschieden, das vor der handlung schon einsetzte. da ergab sich nur für das eine (das erstere) ungezwungen eine anlehnung an das verbum wissen, während für das zweite nach einem anderen verbum ausschau gehalten wurde, vgl. z. b.: gewissen, conscientia. duplex est, alia, quae bene vel male factorum sibi conscia est, alia, quae dictat quid faciendum aut omittendum sit. illa sic dicitur a wissen scire, conscire. hae a wisen, weisen, indicare, monstrare. Wachter 583; dem gegenüber ist von andern weit früher der richtige standpunkt getroffen worden: dasz das gewissen sei ein gewisses erkentnis, und natürliches wissen, da einer weisz was er wieder gottes gebot und gesetz gehandelt, was recht sei oder nicht. Decimator gewissens teuffel 29; freilich warum die verstärkte form, und nicht das einfache verbum zu dieser bedeutungsentwicklung kam, konnte auch er nicht erklären: es wird das gewissen nicht

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schlecht genant scientia, ein wissen oder bewust, sondern conscientia, dz ist so viel als ein mitleiden, mitbewust, neben bewust, quasi cum alio scientia. 19; der bedeutungsgehalt des deutschen wortes wurde gewöhnlich aus conscientia zu bestimmen gesucht; mit ihm wird unser substantiv auch in den buchungen zuerst fast ausschlieszlich in beziehung gesetzt: gewissent oder gewissenheit, oder conscientz, conscientia. voc. theut. (1482) m 5a u. a. auch die französischen und englischen parallelen beschränken sich auf den gleichen begriff; vorübergehend wird in buchungen auch das lat. religio in parallele gesetzt, das deutlichste kennzeichen der neuen verengerung des begriffes: religio, enge gewüszne. Cholinus - Frisius; antetulit irae religionem, er hat sein gewissen dem zorn vorgehen lassen. Reyher 3, 1061; gewissen ... conscientia, religio. Henisch 1603; das gleiche Calvisius 332b; Stieler 2568; Steinbach 2, 1060; Aler 1, 939a; gewissen, religio, sich ein gewissen machen religioni ducere. proprie est ipsum dictamen faciendorum aut omittendorum, et dicitur religio, quatenus cum metu gravandi conscientiam conjunctum est. inde gewissenhaft religiosus, qui conscientiam dictantem offendere metuit. Wachter 583; dem entgegen sucht die neuere zeit den engeren begriff von dem gebiete der religion abzulösen und allgemeiner der ethik zuzuführen: gewissen (von wissen) ist die gesamtheit aller bei einer willensentscheidung mitwirkenden inneren bestimmungsgründe. Kirchner - Michäëlis phil. wb.5 241; (συνείδησις, conscientia) ist die eigene innere beurteilung unserer handlungsweise. Eisler wb. d. philos. begriffe 292 f.; um so fester haftet die oben erwähnte beschränkung im volksmunde; dort spitzt sie sich sogar confessionell zu: zwei gewissen ruejen nit guet uf eim kissen. Dunzenh. (urtheil über eine mischehe). Martin u. Lienhart 2, 870b.
1)) buchungen, die auf ältere, umfassendere bedeutung des substantivs weisen.
a)) dem lat. conscientia entsprechend, wird das präfix sociativ gedeutet: das gewissen, das mitwissen. Alberus 310a; homo omnium meorum studiorum ... conscius, der sonderlich für andern ein gewissen hat, oder wissenschaft tregt, umb alle meine fürnemen und anschlege. Faber 725b.
b)) dasz diese bedeutung jedoch dem deutschen gebrauche nicht gemäsz ist, zeigen schon die ältesten wörterbücher, die entsprechenden lateinischen wendungen andere fügungen entgegensetzen, in denen das substantiv ganz auf die sphäre des erkennenden subjectes eingeschränkt ist: in conscientiam assumere aliquem, eim unser fürnemmen oder handel entdecken, eim unsere gewüssne offenbaren. Frisius, ebenso Maaler; die gleiche auffassung geht aus den nachsätzen hervor, mit denen Frisius die begriffsbestimmung aus eigener zuthat erläutert: praecipitem eum agunt poenae civium, die todschleg die er thon hat, die treibend jn in seiner gewüszne, dasz er gleich als taub und unsinnig ist. Frisius 67a; ein unverruckt unverseert gewüssen haben. Cholinus - Frisius u. a., Frisius (fügt hinzu: bei jm selbs wol wüssend sein); und auch in den buchungen, die unserem substantiv aus etymologischen gründen den allgemeineren begriff des erkenntnisvermögens zu grunde legen, wird der übergang zum engeren begriff in der einschränkung auf das erkennende subject gesucht: gewüszne (die) oder gewüssen (das), ein gewüsse kundtschafft oder wüssen und versicherung desse, das in unserem gemüt oder hertzen ist, es seie dann gts oder bösz, conscientia. Maaler 180c d; gewüszne (die), kundtschafft bei jm selbs rächt und frommklich gelübt haben, conscientia. 202a; conscientz, gewissen oder wissenschaft, dz einer weisz wie es in jm selbs gegen gott und seinem nechsten ein gstalt hab. S. Roth D 6a; gewissen, conscientia, cognitio, notitia sui. Decimator X 1a; conscientia, notitia, scientia sui. Emmel silva quinquelinguis Qq 4d; conscientia, quae nobiscum scimus sine aliis, das gewissen. Corvinus 689; dazu vgl. unter den umfassenden begriffsbestimmungen von Henisch, Calvisius, Stieler, Steinbach, Aler die immer wiederkehrende erklärung: mens sibi conscia, animus sibi conscius.
c)) im 18. jahrhundert, wo die historische kenntnis den entwicklungsgang des substantivs deutlich erkennen liesz, knüpft die begriffsbestimmung übereinstimmend an der ursprünglichen, durch die sippe gekennzeichneten bedeutung

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an. sie stimmt so mit den ältesten buchungen am engsten überein: neben den parallelen der vocabularien (conscientia, gewiszne, gewisse, ein gewissen, ... wiszigkeit, witscap, wisse, die wiszheit, wissenheit, bekenntnisse, erkantnusz, s. Diefenbach 143c) vgl. nunmehr die darstellung bei Adelung: das gewissen, das bewusztsein einer sache, doch in dieser bedeutung ist es im hochdeutschen gröszten theils veraltet; in engerer bedeutung: das gewisse bewusztsein einer eigenen handlung; in welchem verstande es in den rechten der wissenschaft oder dem wohlbewuszt, d. i. der wahrscheinlichen kenntnisz von der handlung eines andern, entgegen gesetzet wird; in noch engerer und gewöhnlicher bedeutung, in der sittenlehre, das bewusztsein des verhältnisses seiner handlungen gegen das gesetz, die überzeugung von der rechtmäszigen oder unrechtmäszigen beschaffenheit seiner handlungen. 2, 669 f.; den versuch, neben dem bewusstsein auch das formgleiche gewiss auszunützen (vgl. sp. 6222) wiederholt Campe: das gewissen, das bewusztsein einer sache. in engerer bedeutung, das sichere bewusztsein einer sache, eines zustandes, dann das richtende bewusztsein von der sittlichkeit seiner handlungen, von der rechtmäszigkeit oder unrechtmäszigkeit derselben. in engerer bedeutung versteht man unter gewissen das bewusztsein der unsittlichkeit einer handlung und die daraus flieszende unruhe und unzufriedenheit mit sich selbst. 2, 360b.
2)) dem neuen engeren begriff ordnen die buchungen zunächst noch den absterbenden objectiven genetiv unter. es ist charakteristisch, dasz hier nur solche verbindungen belegt sind, die thatsächlich die bedeutungsverengerung belgleiten: conscientia bene actae vitae ... das gwüssen eins wol unnd recht gefürten läbens. Cholinus-Frisius 204b; conscientia sceleris, avaritiaeque suae; die gewüszne desz lasters und desz geits, das gnagen und iglen. Frisius 303a; sceleris (parricidii in matrem) conscientiam nunquam ferre postea potuit ... mit dem gewissen solcher grewlichen that, hat er hernach nie können zu frieden sein. Faber 348a; dazu vgl. die buchung entsprechender biblischer wendungen bei späteren lexikographen: mit dem gewissen ihrer sünden (with the consciousness of their sins) Hilpert 2, 1 s. 465c u. a. unter den begriffsbestimmungen scheint schon eine der ältesten auf den engeren begriff zu zielen: gewissen, conscientia. i. puritas mentis. voc. incip. theut. i 7a; noch deutlicher spricht die parallele mit dem lat. religio, das bald als einziges bestimmungsmerkmal, bald als eines unter vielen angeführt ist: vgl. conscientia religio gewissen. Garth - König 998b; Matthiae 2, 181b; Kirsch 2, 152a; gegen: das gewissen, erjnnerung imm hertzen, jnnerliche zeug, conscientz, conscientia, religio, animi sui complicata notio. est autem notitia naturalis practica, seu discrimen honestorum et turpium, συνείδησις. Henisch 1603; gewissen, conscientia, religio, mens sibi conscia, animus sibi conscius, testimonium, signum conscientiae. Calvisius 332b; gewiszen, das, plur. die gewiszen, conscientia, religio, mens sibi conscia. Stieler 2568; gewissen, conscientia, animus conscius, religio. Steinbach 2, 1060; conscientia, mens conscia, religio; testis quem die, nocteque gestamus in pectore. Aler 1, 939a; auch die einfache zuzusammenstellung mit conscientia (conscientia, gewissne. Murmelius [1517] 41; Dasypodius H 1b; Faber 725b; Garth - König 135b; Schönsleder V 5d; Frisch 2, 454a) darf für den engeren begriff in anspruch genommen werden, noch mehr die zusammenstellung mit den lehnworten, die das lateinische conscientia in deutschen mundarten, im englischen und französischen eingebürgert hat: so wird auch ... was ein mensch in seinem hertzen, seines thuns und lassen halben weisz und überzeuget wird, ein gewissen oder conscientz genant. Decimator gewissensteufel 14; gewissen, conscientia, συνείδησις, conscience. Emmel nomencl. quadril. 3a; conscienza, rimorso a conscienza. Hulsius (1605) 63a; conscience, conscienza. (1616) 138b; la conscience, conscientia. Duez 199b; conscienza, coscienza, conscience. Rädlein 1, 384a; conscience Frisch dict. des pass. 2, 280; Schwan 1, 747b; the conscience. Arnold4 427b. dazu vgl.: gewissen, the conscience, the testimony or witness of your own mind. teutsch-engl. lex. 2, 775; conscience, ame, coeur. Rondeau; gewissen, gewisse, geweeten, gemoed. Kramer 2, 97b.

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3)) den breitesten raum nehmen in den buchungen die verbindungen des substantivs ein.
a)) unter den attributiven verbindungen steht der schon in der bibel angezogene gegensatz von DWB gut und DWB böse im vordergrund: ein gt gwüssen. Cholinus-Frisius u. a. (fides, conscientia bona, salva u. a.); religiose ... treuwlich und mit gtem gwüssen. ebenda; mit einem guten gewissen etwas thun, bona mente, conscientia. Henisch u. a.; ein gemüt durch böses gwüssen geplaget. Cholinus-Frisius; bösz gewissen, mala conscientia. Henisch; ein böses, unruhiges, mit sünden beladenes gewissen. Rondeau; an diesen gegensatz knüpfen sich bei Treuer die mannigfaltigsten, litterarischen quellen entnommenen, beiworte: gewissen das gut ist. das redliche, freie, loszgesprochene, gute, freudige, heldenmuthige, hertzhaffte, unverzagte, vergnügte, beredte, fröliche, fruchtlose (!), reine gewissen. Dädalus (1675) 1, 661; gewissen das bösz ist. das zagende, nagende, klagende, zitternde, schütternde, bebende, scheue, böse, zaghaffte, stechende, würmichte, wurmfressende, tolle gewisse (!). 1, 663; dazu vgl. nagendes gewissen. Schönsleder; wundes gewissen, conscientia saucia. Stieler. die gegensätze, die sich auf dem grad der empfänglichkeit aufbauen, werden anfangs wenig, später um so mehr beachtet: religio, enge gewüszne. Cholinus-Frisius; weit gewissen, raum gewissen, dilata conscientia. Henisch u. a.; ein schwach, blöd gewissen. ebenda; ein zart gewissen. teutsch-engl. lex.; ein gutes, ruhiges, reines, zartes gewissen. Rondeau; ein schlafendes gewissen. Adelung; schwaches, enges, weites, stumpfes, starkes, zartes gewissen. Kirchner-Michaelis. auszerhalb dieser beiden gruppen sind nur wenige beiworte gebucht; gegenüber von: exemplar antiquae religionis, ein beispiel einer aufrächten gewüszne. Frisius, Maaler; vgl. ein zweifelhaftes gewissen. Rondeau; das irrende gewissen. Adelung; theoretisches und practisches, überlegendes und richtendes gew. Zedler; das vorhergehende gew. Adelung, Campe.
b)) unter den verbindungen mit verbis sind
α)) diejenigen, die das substantiv im accusativ einführen, am frühesten belegt. sehr zahlreich sind die wendungen, die für das substantiv ein anderes subject fordern als für das verbum: ein gewissen machen, conscientiam metum incutere, obstringere religione. Dasypodius u. a.; man machte ein gewissen drausz, religio (-sum) erat. Aler u. a.; gewissen machen von einigen sachen. Henisch; religionem alicui offerre, eim ein gwüssen machen und gottsforcht einstossen. Cholinus-Frisius u. a.; eim ein enge gewüszne machen. Maaler; religionem aliquem obstringere, einem ein gewissen einjagen. König; einem ein forcht desz gewissens über einer sachen einstecken. Henisch; obligare religione, obstringere, eim sein gwüssen beschwären, eim ein gottsforcht einstossen. Cholinus-Frisius u. a.; eim sein gewüszne beladen. Frisius; exolvere religione, eim sein gwüssen ringeren, einer gottsforcht entledigen. Cholinus-Frisius; einem von seiner gwüszne entledigen, der gewüszne raumen. Frisius; die gewissen zwingen. Rondeau; eines gewissen regieren. Adelung, Campe; die gewissen beunruhigen, ängstigen. Hilpert; conscientiam ... permovere, das gewissen rühren. Reyher u. a.; das gewissen erforschen ... conscientiam excutere. Schönsleder u. a.; das gewissen einschläfern. Campe; doch kommen schon früh auch die jetzt bevorzugten wendungen zur geltung, in denen substantiv und verbum ein gemeinsames subject fordern. in dieser fügung wird auch das eben belegte gewissen machen gern verwendet; ausschlieszlich aber gehört ihr das vielgebrauchte gewissen haben an: habere religioni ... im selbs ein gwüssen machen, ein gottsforcht haben. Cholinus-Frisius u. a.; religio est mihi, ich mach mir ein gwüssen darumb. ebenda; habere religioni aliquid ... ihm über ein ding ein gewissen machen. Reyher u. a.; er macht ihm kein gew. darausz. Aler u. a.; ihm ein gew. machen ob etwas, constringi, tangi religione. ebenda; einer sachen jhme kein gew. machen. Henisch; man musz sich ein gew. machen dieses zu thun. Rondeau; optimae mentis conscientia consolari se, sich des trösten, das man ein gut gewissen habe. Faber u. a.; ein unverruckt, unverseert gewüssen haben. Cholinus - Frisius u. a.; conscientiam

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illaesam, ein unverletztes gew. haben. Garth - König u. a.; der ein zartes gew. hat. Aler; ein böses gewissen haben. Aler u. a.; ein weites gew. haben. Rädlein u. a.; ein verletzt gew. haben. teutsch-engl. lex.; ein (kein) gewissen haben. Aler u. a.; religionem se exolvere, sein conscientz oder gewüszne entladen. Frisius; conscientiam exonerare, sein gewissen erleichtern. ebenda; sein gewissen entledigen. Reyher u. a.; sein gewissen zu befreien. Rondeau u. a.; religione exolvere, die forcht und sorg hinnemmen, das gewissen zufrieden machen. Dasypodius; sein gewissen fragen. Henisch, Stieler; untersuche dein gewissen. Frisch; sein gewissen wohl in acht nehmen, animi conscientiam curare. Aler u. a.; sein gewissen nicht achten, contemnere, negligere conscientiam. Stieler u. a.; sein gewissen an einen nagel henken, conscientiam negligere. Aler u. a.; sein gewissen beflecken, Rädlein u. a.; rein erhalten. Campe.
β)) verba, mit denen das substantiv als subject in verbindung tritt, werden erst später gebucht: magna vis est conscientia, das gewissen vermag viel. Faber u. a.; hat grosse kraft. Calvisius; so weit das gew. leidet. Aler u. a.; das gew. tringt, truckt, conscientia stimulat, mentem vexat. Schönsleder u. a.; schlagt ihn. Aler; sein gew. wird ihn schon dermaleins darüber nagen. teutsch - engl. lex.; mein gew. beiszt mich nicht. Adelung u. a.; das gew. ängstet ihn, propter facti conscientiam timet. Steinbach; conscientia obstrepente, da sich das gew. widersetzt. Schönsleder, Aler; wenn jhnen das gew. widerspricht. Reyher; das gewissen legt sich, conscientia conticescit, sedatur. Stieler; schläft, erwacht, regt sich. Campe; das gewissen hält mir mein voriges leben für. Stieler; sîn gewêten segd hum, dat ... ten Doornkaat Koolman.
c)) präpositionalverbindungen sind nur in der ältesten zeit für sich allein gebucht: iudicata, nach ernst und eignem urtel und gwüssen. Cholinus-Frisius (vgl. dagegen: nach seinem gewissen handeln. teutsch-engl. lex.); fide bona, in gten trüwen, auff sein gewüszne, on liegen und on falsch. Frisius u. a.; gewissens halben (prohiberi religioni u. a.). Calvisius u. a. (vgl. dagegen: etwas um des gewissens willen leiden, oder unterlassen. Adelung, Campe). später werden die präpositionalverbindungen überwiegend im anschlusz an ein verbum gebucht (zur verbindung mit dem substantiv vgl.: ein mensch ohne gewissen. Adelung); hier treten die wendungen, in denen substantiv und verbum verschiedenes subject fordern, noch mehr zurück, vgl.: einen bei seinem gewissen erinnern. Calvisius u. a.; ich stelle es auf dein gewissen. Duez u. a.; einem etwas auf sein gewissen geben. Aler u. a.; das ist mir auf mein gewissen gebunden. Steinbach u. a.; einem eine klage ins gewissen schieben, causam alicuius conscientiae committere. Stieler u. a.; einen aufs gewissen fragen. Aler u. a.; unter den wendungen, die für substantiv und verbum das gleiche subject fordern, fehlt noch das heute so beliebte über das gewissen bringen, dagegen werden neben einigen vereinzelten oder abgestorbenen fügungen auch manche der jetzt gangbaren gebucht: ich lasz mich auff mein gut gewissen. Schönsleder; ich tröste mich meines gewissens, ich verlasse mich auff mein gut gewissen. Calvisius u. a.; ich verlasse mich auf mein gewissen. Aler; sich aufs gewissen berufen, implorare conscientiam et fidem suam. ebenda; auf sein gewiszen hinnehmen, conscientiam suam onerare. Stieler u. a.; im gewissen verbunden sein. Rondeau, Adelung; conscientia convinci, in seinem gewissen überzeugt werden. Reyher u. a.; in sein gewissen gehen. Duez u. a.; ich versichere euch auf mein gewissen, upon my conscience, indeed. teutsch-engl. lex. (andere: bei seinem gewissen beteuern); sagen sie mir es auf ihr gewissen. Adelung, Campe; das habe ich nicht auf dem gewissen. Hilpert; er hat alles gesagt, was er auf dem gewissen hatte. ebenda.
4)) die mundartlichen buchungen sind vor allem für die formen von wichtigkeit (s. d.), da unser subst. sonst fast nur in der schriftform belegt ist. die angaben zeigen aber zugleich wie tief das wort auch in der volkssprache sich eingebürgert hat. namentlich in festen verbindungen ist es dort zu belegen, die vielfach der schriftsprache selbständig gegenüber stehen: dai het en gewieten as en mallersack. Woeste wb. der westfäl. mda. 79a; e breites gew.

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Follmann wb. d. deutsch-lothring. mda. 204a; ei~s gwiss'n go~, resipiscere, vom unrecht abstehen. Schmeller 22, 1036; das soll der uf um gewisse brenne. Martin u. Lienhart 2, 870; 's druckt mich eps uf dem gew., eim ufs gew. redden (ein trinkgeld fordern), uf's gew. ist gschisse. ebenda; er macht sich e g. drus. Follmann 204a; wemmer redt vom g., isch's geschisse. ebenda; dem volkswitz giebt auch die grundbedeutung formelhafter verbindungen anknüpfungspunkte, vgl.: e gw.?, nein e par hose mach ich drus. Martin u. Lienhart.
γ) im sprichwort wird unser substantiv ungewöhnlich oft angezogen, naturgemäsz immer mit dem neuen, engeren begriffe, dessen religiöser inhalt das volksempfinden auf das lebhafteste beschäftigte. die grundbedeutung, aus der dieser engere begriff erwuchs, blieb daneben aber nicht ganz unbeachtet. die volksthümliche neigung, eine bildung aus der sippe, der sie entstammt, heraus zu deuten, fand gerade in den gebrauchsverhältnissen unseres substantivs einen günstigen boden: es (das gewissen) ist tausent zeugen, du magest wol redenn was du wilt, du weist und hast aber in deinem hertzen nit was du wilt, ja du wöltest lieber nit wissen noch haben. das nagend würmlin mein ich dein hertz und gewissen, ein jeden büszt und vexiert sein list. Franck (1541) 1, 76a (s. auch unten); dazu kommt die neigung für das wortspiel, in dem die beiden begriffe bald als nahe verwandt, bald als gegensätze zusammengestellt werden, vgl.:

das ist gut zu wiszen
was erbaulich ist zum guten gewissen.
Lehman (1630) 313;

das gewissen verführt niemandt, der im wissen den warhafften grund hat. 311; gegen: viel bemühen sich, dasz sie viel wissen, achten aber wenig desz gewissens. ebenda; die alten vor alters haben sich befliessen auff ein gut gewissen und nicht auff viel wissen, zu diesen zeiten achtet man mehr auff wissen als auffs gut gewissen. ebenda; gewissen ohne wissen ist besser als wissen ohne gewissen. Winckler 14, 43.
bei den zahlreichen wendungen, die an unserm engeren begriff bald das ergebnis der verbalhandlung, bald diese selbst zur geltung bringen, ist auf lateinische parallelen zu achten, denen die deutschen nachgeahmt sein können.
1)) so stehen sich z. b. in den wendungen, die dem wirkungskreise des substantivs gelten, solche, die an eine lateinische fassung anknüpfen, und andere, denen dieses vorbild mangelt, gegenüber.
a)) mortalibus omnibus conscientia deus, das gewissen ist in allen menschen gott. Franck (1541) 1, 76a; ist des menschen gott. Sailer 235; Simrock 3620; das gewissen ist der richter, wir empfangen, was unser thaten werth sein, sagt der schecher am creutz. Lehman (1630) 312; conscientia est domesticum tribunal; das gew. überzeigt (überzeugt) den menschen (den man). Eyering 1, 305. 317. 451; conscientia mille testes, das gewissen ist ein tausend zeug. Bachmann 17; Tappius 24a; Henisch 1606; vgl. auch: eigen gewissen ist mehr, den tausend zeugen. Petri 2, S 4a; Henisch 1606; das gewissen weist am besten was man heimlich verübt, actum saepe latet cum res sine teste geruntur, at mens indicio proditur ipsa suo. Aler 1, 941a; vgl. Wander 1, 1666 u. 1667; theatrum virtutis conscientia, der tugent schouplatz sie die gewüszne. Franck 2, 86a; ebenso: schöne weise klugreden (1560) 328a; Petri 2, P 2b; Henisch 1606; Körte 2151; conscientia verberat animam, das gewissen schlegt die seel, man kan jm nit unrecht thn oder einn affen treen. Franck (1541) 1, 76a; vgl. auch:

das gewissen lehret ein jeden wol,
was er hoffen und fürchten soll.
Henisch 1606;

ähnlich (sagt) Gruter 3, 13; Lehman (1641) 75, 10; Simrock 3623; vgl. Wander 1, 1667; wie einer ein gewissen hat, also ist ihm zu muth, conscia mens ut cuique sua est, ita concipit intra pectora, pro meritis spemque, metumque suis. Aler 1, 940b; Wander 1, 1673; wo kein gewissen, da ist auch keine schande. Winckler 19, 45 (franz. u. ital. Wander 1, 1673).
b)) die deutschen prägungen, für die eine lateinische parallele nicht belegt ist, zeichnen sich auch da, wo sie sich in ähnlichen gedankengängen bewegen, meist durch eine beweglichere phantasie und sinnliche frische aus: das

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gewissen ist des menschen schuldbuch darinn er sein schuld unnd sünden schreibt. Lehman 313; Sailer 235; Körte 2151; Simrock 3621; Braun 1, 805; das gewissen ist gleichsam unser kirchner, welcher den tempel des hertzens bewachet. Joh. Riemer apophthegm. 256; das gewissen ist wie ein guter hauszhundt, der wacker die dieb sünd unnd laster anbelt, schreckt, unnd verscheucht. Lehman 312; Sailer 235; ist ein scharf ding, sagte der pfaff, und hing es an den nagel. Wander 1, 1666; 't geweten is'n scharp ding (ostfries.). 1, 1672; das gewissen ist des verstandes treuester rathgeber. 1, 1666; red ein ieder was er wil, so wirt sein hertz und gwissen nit liegen, dz weisz wol wie all sach steet. Franck (1541) 1, 76a; das gew. lügt nicht (bairisch). Mayer 1, 190; leidet kein schertz. Henisch 1606; das gew. verführt niemandt. Franck (1541) 1, 76a; Henisch 1606; Schottel 1127a; Gruter 1, 11; Braun 1, 801; Körte 2149; Lehman (1630) 311 (fügt hinzu: der im wissen den warhafften grund hat); Simrock 3626; dem gewissen kan man kein affen drehen. Lehman 311; Sailer 235; Simrock 3624; dem gew. kann man keinen bart machen (keine nase drehen) ... kann niemand entfliehen. Wander 1, 1667; er hat das gew. an nagel gehängt (Schweiz). Kirchhofer 154 (holländ. Wander 1, 1673); he lât sîn gewieten vör der dühr liggen, wenn he ut geiht (Lippe). Wander 1, 1674; dem deutschen sprichwort eigen scheinen wendungen zu sein, die den widerstand kennzeichnen, den die lebensklugheit den regungen des gewissens entgegensetzt, vgl.: die band desz gewissens sind schlächte fäden die den ochsen nicht halten. Lehman 311;

gewin in der kisten
macht schaden im gewissen.
Petri 2, Ff 4a;

genau so Henisch 1601; das heisset reich sein, arm sein im kasten, und reich im gewissen. Petri 2, M 3b; Henisch 1606; geld zubricht ehr und gewissen. Petri 2, Ff 1b; ähnlich Henisch 1606; was gewissen, gewissen, davon wird man nicht reich. Petri 3, Sss 2a; wenig gewissen und grosser fleiss machen goldenen beutel. Winckler 11, 12; petite conscience et grande diligence font l'homme riche à Vallance. Wander 1, 1672. besonders zahlreich sind die wendungen, die sich mit der empfänglichkeit oder regsamkeit des gewissens beschäftigen. sie sind meist der neueren sprache entnommen, vorwiegend den mundarten, und haben gelegentlich auch französische parallelen zur seite. als empfänglich wird das gewissen hier nur selten dargestellt, einmal als überempfänglich getadelt (es solt jhme keiner selbst ein wurm ins gewissen setzen. Lehman 312), andererseits zahlenmäszig gewertet: inn einem gewissen ist die sünd zu schwer, inn zweien gerecht. Henisch 1606: besser zehn gewissen als ein kind auf dem kissen. Wander 1, 1665/6. die meisten prägungen gelten der unempfänglichkeit, vgl. schon den beliebten reim:

wer trawt eim wolff auff der heid,
und eim bauren auff seinn eid,
und eim pfaffen auff sein gewissen,
wirt von jn all dreien beschissen.
Franck (1541) 2, 18b;

ebenso (1545) 11, 22a (gwüszen); wenn's onkommt ufs g'wissen, ît's g'schissen (Troppau). Wander 1, 1672. als träger der wendung erscheint vorwiegend die verbindung gewissen haben, seltener mit attributivem adjectiv, fast ausschlieszlich mit vergleichssätzen: es hat mancher ein so raum gewissen, man möcht mit einem fuder hew hindurch fahren. Petri 2 (1604), Z 8b; Henisch 1604; vgl. noch Wander 1, 1671; er hat ein gewissen, es könnt' ein frachtwagen darin umwenden. Wander 1, 1673; he hett' gewêten dar 'n mit 'n fôer heu umwennen kan (Ostfries.). 1, 1674 (daselbst auch holländ. sprichw.); Körte 2154; böse buben haben weite gewissen, man möcht junge hunde dardurch beutelen. Henisch 1604; mancher hat ein weites gewissen, wie Fransziskaner-ärmel. Sailer 235; Simrock 2632; Körte 2154; vgl. noch Wander 1, 1673; dä hät e gewessen we en münchsmau (mönchsärmel) (Köln). ebenda; er hat ein gewissen wie ein haiduck. ebenda (daselbst auch holländ. sprichw.); wie ein fleischerhund. ebenda; an gewêten üs an schlaghterhünj (Nordfries.). Firmenich 3, 6, 91; asn schlachterhund, wat he nich upfritt, nimmt he mit (Oldenb.). Wander 1, 1674; sein gewissen ist wie Jakob's lämmer, als sie vom brunnen kamen. ebenda; er hat ein

[Bd. 6, Sp. 6250]


gewissen wie ein schergenhaus, kann viel unterbringen. ebenda; wie ein scheunenthor. ebenda; en gewîeten as 'ne lange wiske un 'n gewîeten as en eckern döpeken de düget alle beide nit (Münster). Firmenich 1, 297, 8; Frommann 6, 425, 28; wie ein bockhaut, die sich selbst dehnt. Lehman (1630) 313; Körte 2154; Braun 1, 811; vgl. auch (s. o. as en mallersack) Woeste 79a; (grafschaft Mark) Frommann 5, 59, 67; e gwössa hâ wie en laubsack. Tobler 294 (Appenzell); he hett 'n geweten as 'n fêlske hase, 't kann engen und wîden. Stürenburg 52a (westfälische strümpfe); wie ein rohrstuhl. Wander 1, 1674; wie ein wolfsgarn (eine ritere) (Schweiz). Kirchhofer 340, a hot a gewissen wie a pimpsteen (Schles.). Robinson; Gomolcke, s. Wander 1, 1673. seltener werden sinnkräftige verba zur kennzeichnung herangezogen: das gew. erwacht zu letst allzeit. Henisch 1606; wenn das gew. erwacht, kommt der teufel es einzuwiegen (wend. Lausitz). Wander 1, 1672; wenn das gew. schläft, wird dem teufel die beute leicht. ebenda; wenn auch das gew. schläft, wachen doch die hunde. ebenda; sein gew. hat den hals gebrochen. Winckler 20, 26; ist zerrissen. Mayer 1, 190; wenn das gew. scharten bekommt, so wetzen sie sich böse aus. Wander 1, 1672; sein gew. spielt in allerhand farben. 1, 1674 f.; muss tanzen wie er pfeift. 1, 1674; fährt davon wie abgetragene schuhsohlen. ebenda; das gew. wohnt bei vielen auf der breiten gasse. Winckler 12, 10.
2)) für die kennzeichnung des zustandes, in den sich das subst. durch eigene thätigkeit versetzt, lagen mehrfache lateinische wendungen vor, denen aber das deutsche sprichwort viel häufiger aus dem wege geht als dasz es sie nachahmt. am ehesten wirkt die verbindung conscientia pura (s. auch oben sp. 6242) auf deutsche wendungen ein:

ein gewissen pur und rein,
ist über gold und edelgestein.
Lehman 311;

ein guter wein, das gewissen rein,
mag wol das beste leben sein.
Henisch 1606;

inm glauben und gewissen rein,
soll unser trost und frewde sein. ebenda;

vgl. auch, anknüpfend an Tit. 1, 15 (s. o.): dann bede unrein ist jr sinn unnd gewüszne unnd sind z allem gten untüchtig. Franck (1545) 1, 241b; vgl.: es nem offt einer nicht die welt dasz man jhm in sein gewissen solt sehen, es were dann sauber mit einem strohwisch unnd scharpffer laug geputzt. Lehman 313; mancher rhümbt sich seines gewissens, welches als dann zu glauben, wenns im fewer poliert unnd lauter erfunden worden. 312; ohne fremdes vorbild scheinen die folgenden wendungen entstanden zu sein:

leb gott zu dienst fürsichtig klich,
kein weltlich frewd lasz triegen dich,
für sünd behalt dein gewissen frei,
zur heimmfart stets geschicket sei.
Henisch 1606;

lass jeglichem sein gewissen frei. Lehman (1641) 372; vgl.: einem die freiheit seines gewissens lassen, die freiheit, nach seinem gewissen zu handeln. Adelung 2, 669; Campe 2, 366b; gottes huld, desz gewissens unschuld, und christliche gedult, seindt die drei besten stuck inn diesem leben. Henisch 1606; gott gib mir gedult, und desz gewissens unschuld. ebenda; der hat ein rüwig freudig hertz, dessen gewissen nicht in die schwertz ist kommen. Lehman (1630) 312; erschrocken gewissen versihet sich jmmer desz ärgesten. Henisch 1604; Petri 2, T 6a (vgl.böses gew. Körte 2154); ein betrübt gew. auffrichten, ist mehr, denn zehen königreiche haben. Henisch 1604; ein verloren gewissen ist für den teufel ein gesuchter bissen. Wander 1, 1671; ein wurmstichich gewissen gibt kein gut alter. Lehman 313; ein wackliches gew. hebt man mit kupfergeld aus dem sattel. Wander 1, 1671.
die hauptmasse einschlägiger verbindungen entfällt beim sprichwort auf die beiden gegensätze gutes, böses gewissen. wenn diese typen auch im lateinischen schon vorgebildet sind (vgl.bona, mala conscientia in der vulgata, s. sp. 6242), so ist doch die ungewöhnliche verbreitung, zu der der lateinische gebrauch in gar keinem verhältnis steht, ein deutscher zug unseres sprichworts. charakteristisch ist hier, dasz gerade da, wo der deutschen wendung lateinische parallelen zur seite stehen, unsere adjectiva meist fehlen.
a)) so tritt gut für sanus ein, dessen bedeutung hier nur selten gewürdigt wird (mit gesatz und worten heilt

[Bd. 6, Sp. 6251]


man die gewissen. S. Franck [1541] 2, 30b), vgl.: murus aheneus sana conscientia, es ist nicht über ein gt gewissen. S. Franck (1541) 1, 54a. auch für rectus, das dabei mehrmals in anderer syntaktischer verbindung steht, wird gut als attribut eingeführt: ein gut gewissen lest sich durch verleumden nicht verwunden, conscia mens recti famae mendacia ridet. Lehman 312; ein gutes gewissen störet sich an nichts, caret metu recta conscientia. Aler 1, 939a; desgl. (conscientia rectae voluntatis) 940b; dazu vgl.: ein gutes gewissen soll den tod weder fürchten, weder wünschen, nec timeat mortem bona conscientia nec optat. 1, 941a.
α))

ein gut rein gewissen,
ist in aller frewd der best bissen.
Lehman 312 u. a.

(vgl.: gott geb ein gut gewissen und ein täglichen bissen. Henisch 1606);

auff erden ist kein besser haab,
dann das man gut gewissen hab.
Henisch 1605; vgl. auch 1606; vgl.
Petri 2, Aa 2a und 2, V 5a;

ein gewissen gut, und rein,
ist über gold, und edelgestein.
Aler 1, 940b; s. auch oben
S. Franck;

vgl. dazu: über ein gut gewissen geht nichts als die haut. Rottenburg. sprichwort, s. Wander 1, 1672.
β)) ein gutes gewissen ist ein frei-stadt in aller noht. Riemer 560; ein gut gewissen ist ein stahlen mauer. Petri 2, V 5a; ebenso Henisch 1605; s. auch Wander 1, 1670; Frischbier2 432; (zeughaus voller tugendwaffen) Winckler 8, 51; — ist eine schildwache, die nichts anders ruft als: gut freund. Abr. a S. Clara s. Wander a. a. o.; ein gut gewissen ist ein sanftes hauptküssen, conscientia bene actae vitae jucundissima est. Steinbach 2, 1060; vgl. Abr. a S. Clara bei Wander, vgl. auch die wendungen in γ)); ein gut gew. ist ein stetiges wolleben. Petri 2, V 5a; ebenso Henisch, Schottel u. a.; ein gut gew. ist frewd uber alle frewd. Petri a. a. o., Henisch; ein gut frölich gew. ist ein halb paradisz und himmelreich. Henisch 1605; ein gut gew. ist ein kalender, worin nichts steht als gutes wetter; ist ein hochzeit, worauf das herz vor freude tanzt. Abr. a S. Clara s. Wander.
γ)) ist aber der mensch frölich einer gten gwüszne. S. Franck 2 (1545), 86b; ein gut gewissen macht ein frölich gesicht. Lehman 312 u. a.; wer ein gut gewissen hat, der fürcht kein unglück. Petri 2, Ppp 6b; Henisch 1668 u. 1606; Schottel 1125b; — ist ohne sorgen. Lehman 311; vgl. auch Petri 2, V 4b; Henisch 1605. 1606;

wer bei sich gut gewissen tregt,
zu nacht sich frölich schlaffen legt.
Petri 2, Eee 3a; genau so
Henisch 1606;

es schläft einer sanffter in guten gewissen, als in gantzer häut. Lehman 311; Opel u. Cohn 30 jähr. krieg 378 (in eim ganzen unverletzten gew.); on dort bien avec une conscience nette. Wander 1, 1665; wer kei rouigs g'wisse hat, schlaft nüt im besste federbett (Schweiz). 1, 1672; de gut gewissen schläft ruhig ufen kissen. Curtze volksüberlief. aus Waldek 363.
δ))

ein gut gewissen, und armer herd,
ist golds und aller ehren werth.
Petri 2, V 5a;
Henisch 1605;
Schottel 1144b u. a.;

besser wenig mit gutem gewissen,
denn durch schalckheit viel zu sich gerissen.
Petri 2, K 7b; genau so
Henisch 1605;

besser mit gutem gewissen in fahr und ungnad, denn mit bösem gewissen in fried und gnad leben. Petri 2, K 7a; genau so Henisch 1605; besser mit gott und gutem gewissen ein armer hawer oder haspelzieher, denn mit dem teuffel und bösem gewissen ein gewaltiger fundgrübner. Petri 2, K 6b.
b)) wo die sprichwörter, die ein böses gewissen kennzeichnen, an eine lateinische wendung anknüpfen, ist dort das attribut entweder an ein anderes subst. gebunden oder es fehlt überhaupt: ein bösz gewissen hat wolffzän, es frist sich selbst, conscientia est mala bestia, facit hominem stare contra se ipsum. Lehman; wer ein böses gewissen hat, der meint es rede jedermann von ihm. Kirchhofer schweiz. sprichw. 154 (conscius ipse sibi de se putat omnia dici); die einzelnen wendungen bieten hier vielfach die kehrseite

[Bd. 6, Sp. 6252]


der bilder, die das gute gewissen entwickelte, oft findet das sprichwort dafür auch neue züge.
α))

ein bösz gewissen und reicher herd,
alles unglücks ist allzeit gewerth.
Petri 2, T 1a;
Henisch 1605;

es entgeht einer offt der straff, aber dem bösen gewissen nicht. Lehman 311; wenn man an ein bösz gewissen gleich ein stübichen weins geust, so find sichs doch wider. Petri 2, Ccc 6b; Henisch 1605; gottes geist und ein bösz gewissen, wohnen nicht beisammen. Henisch 1605; ebenso 1692; ein bösz gewissen ist nimmer eins. Petri 2, T 1a; Henisch 1605; macht das creutz schwerer. Petri 1, B 7a; Henisch 622; recht sünde fühlen, und für bösem gewissen verzagen, ist ein marter über alle marter. Henisch 1605; rach macht allzeit ein unruhig bösz gewissen. ebenda; ein alt hausz ist des rauchs gewohnt, also ein bösz gewissen böser hendel. Lehman 313.
β))

ein bösz gewissen ein böser gast,
dem hertzen lest kein ruh noch rast.
Petri 2, S 8b;
Henisch 1605;
Lehman 312 u. a.;

ein böses gewissen ist ein wurm, der allezeit nagt; ist ein hund, der allezeit bellt. Abr. a S. Clara s. Wander 1, 1668; ein böses gewissen ist desz hertzen ruthe. Lehman (1630) 311; ist die grössest marter, qual und straffe. Petri 2, S 8b; Henisch 1605; ist ein trawrigkeit uber alle trawrigkeit. Petri 2, S 8b; Henisch 1605; ist die helle selbst, oder ein helleangst. ebenda; ist die höll, ein gut gewissen das himmelreich. Lehman 312.
γ)) ein bösz gewissen ist furchtsam und flüchtig. Petri 2, T 1a; Henisch 1605; fürcht sich vor allen creaturen. Petri 2, S 8b; (fleucht) Henisch; fleucht für dem licht, wie der teuffel für dem creutz. Petri 2, S 8b; flöhe wol durch einen eisernen berg, wo es müglich were. ebenda; desgl. Henisch; ein bösz gewissen entrückt auch für einem rauschenden blad. Petri 2, S 8b:

welch mensch ein bösz gewissen hat,
der fürcht sich auch fürm rauschenden blat.
Henisch 1605;

wer ein böses gewissen hat, zittert stets wie ein espenlaub, auch wenn er nur eine maus hört rauschen; fällt zusammen wie kalter eierschmalz. Abr. a S. Clara s. Wander 1, 1672; ein bösz gewissen verreth sich selber. Petri 2, T 1a; genau so Henisch 1605; klagt sich selber an, poenitet flagitij. ebenda; böses gewissen verrathen die augen (aus Abr. a S. Clara). Wander 1, 1666; ebenso Körte 2152; Simrock 3630; die vögel verrahten ein bösz gewissen, wie denen geschach, die den Ibycum hatten ermordet. Henisch 1605; ein böses gewissen denkt, alle glocken läuten seine sünde (schande) aus. Winckler 12, 89; vgl. auch Wander 1, 1667; böse augen und bösz gewissen können das liecht nit leiden. Henisch 1605; ein bösz gewissen darff weder hinder sich noch für sich gehen. Petri 2, T 1a; Henisch 1605;

was man mit schew und bösem gewissen,
allhie hat niemand lassen wissen,
das wirdt dort nicht verborgen sein,
es sei die sünd grosz oder klein.
Henisch 1605.


c) formen.
α) für die lautverhältnisse ist beim neutrum, das ja gerade in der schriftsprache gegen das fem. vordringt, nur wenig zu bemerken. in den wörterbüchern folgen zwar Cholinus-Frisius und Maaler auch hier ihrer neigung für gerundeten vocal: gewüssen, als neutr. (gegen das fem. gewüszne); aber in den vocabularien schon (s. Diefenbach a. a. o.), ebenso bei Dasypodius, erscheint die form gewissen, die für die buchungen, wie für die meisten belege, als norm gilt. abweichungen in der schreibung der doppelspirans sind aus nachschriften von Luthers predigten belegt (gewisszen 9, 646 Weimar), anders gewiszen bei Kirchhof wendunmuth 2, 327, das der neue herausgeber eingeführt hat. bei Herder wechseln die formen gewiszen (7, 447; 11, 203) mit gewissen (16, 367. 152. 366); vgl. gewiszen. Stieler. für mundartliche quellen und entsprechende buchungen gelten ebenfalls abweichungen, abgesehen von dem dental der niederdeutschen form: gewetten oder gewîten Echterling Lipp. mda. (deutsche mda. 6, 493); giweeten Johannsen nordfries. spr. 130 (vgl. DWB geweten hollandism. friesch woordenb. 1, 455); gewêten ten Doornkaat Koolman 1, 624b; gewieten Woeste westfäl. mda. 79a; für

[Bd. 6, Sp. 6253]


die länge, die dort vorherrscht, zeugen auch andere mundarten: kwese und kewese Martin u. Lienhart 2, 870b; gewiessen A. Schubart d. sieman E 5a; vgl. auch gewisen, neben gewessen. M. F. Follmann wb. d. deutsch-lothring. mda. 204a; vgl. DWB gewesen Leihener Cronenberger mda. 46a; gegen gewössen wb. d. Luxemburger mda. 145a; gewisse bei Martin u. Lienhart. für die synkope beim präfix (gwüssen bei Frisius neben gewüssen) liegen nur wenige zeugnisse vor, so in var. z. Luther 8, 677; dazu in einer satire v. 1620 bei Opel u. Cohn 364; desgl. N. Herman sonntagsevangel. 153 u. a.
β) besonderer betrachtung bedarf der gebrauch des plural. wie schon oben (s. sp. 6238) bemerkt, ist es nicht immer möglich, den plural vom femininum abzugrenzen. aus inneren gründen lassen sich dem letzteren zwei belege aus Luthers schriften zuweisen, für deren genus jedoch nicht der verfasser, sondern die überlieferung verantwortlich ist: die variante gaist seiner gwissen gegen: geist seiner lippen. (eine treue vermahnung) 8, 677; ebenso: in disem capitel wirt gehandelt von der freihait der gewissen. ... wann die genad ... geprediget wird, so fallent alle werck ab, so vil sie die gewiszne betreffent. (pred. über apostelgesch. 15) 15, 378 (var : freiheit des gewissens ... so fern es das gewissen betrifft, de libertate conscientiae ... conscientia); fraglich bleibt:

recht christen han kein zweiffel
sie werden mit bestan
fur tod sund und dem teuffel,
mag ihm nicht schaden than.
das sol man gar wol mercken
inn dieser letzten zeit,
die gewissen darauff stercken:
so sind wir wol bereit. bergreihen (1) John Meier s. 5.

anders ist der folgende beleg aus Zesen zu erklären. das neben dem substantiv stehende particip ist nicht attribut, sondern für den subjectiven genetiv anzusprechen: die obrigkeit mus der irrenden gewissen nicht allein keine wunden zufügen, indem man sie mit gewalt zu zwingen trachtet. gewissenszwang in glaubenssachen (1665) auftragsschrift 5b.
1)) selbstverständlich und allgemein durchgeführt ist der plural da, wo am substantiv einerseits in bezug auf das subject eine mehrzahl festgestellt ist, andererseits aus der qualität des subst. unterschiede hervorgehen, die einzelne individualitäten innerhalb der gruppe scheiden, oder die gruppe als solche gegen andere gruppen abgrenzen.
a)) das individuelle in der qualität des gewissens bildet ja den angelpunkt der reformation; schon aus diesem grunde ist es verständlich, dasz Luther, Melanchthon, Matthesius den plural bevorzugen, und dasz er auch später überall wiederkehrt, wo nur gewissensfreiheit gefordert wird: wen unser gewissen uff unsern wercken stehen, nulla est securitas. Luther (pred. 1531) 34 I, s. 367; gestellet, die gewissen z verknüpffen und Christus blt mit fessen z tretten, auff das im der beichtpfennig nit entgehe. (sendbrief an d. gemeinde v. Eszlingen) 12, 157; menschen lere, die solche freiheit und gleicheit des glaubens zu nicht machen und spannen die gewissen enge. (7. cap. Corinth.) 12, 130; (die — verwirren) tischr. 398b Aurifaber; (auff die — gebot zu schlahen. apostelgesch. 16) 3, 264 Jena; (nicht allein die — zu erforschen, sondern auch zu zwingen. über herzog Georgen) 6, 5b (vgl.zumahlen mir deren geheimnissen ihrer gewissen bekannt. Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3 [1713], 246); damit, das jr mit untreglichen, unzeligen gesetzen, die christlichen gewissen fahet, unnd bindet, schrecket unnd tödtet, in essen, trincken, kleidern, steten, tagen, und dergleichen eusserlichen dingen, die Christus frei geboten. (wider Hans Worst) 7, 412b; die aber massigen sich an, das des herrn ist, die die gewissen binden, das euangelion löset nur und macht frei die gewissen. Melanchthon erste epistel .. an die Corinther Ccb; vgl. auch (sind die gewissen in grosse fahr und strick gefallen) corpus doctrin. christian. xiiib; (die gewissen damit nicht bestricket) Matthesius Luther 13, 192; (die gewissen plagen) Opitz geistl. poem. 299; zu könig Heinrichen dem 3. ... sagte der keiser Maximilan mit lachendem munde: die könig beherrschen der unterthanen leiber, und nicht die gewissen: die jenigen aber so sich unterstehen auch die gewissen zu meistern, fallen gott dem herrn in sein ampt. Zinkgref apophthegm. (1640)

[Bd. 6, Sp. 6254]


1, 111; ähnlich 112; gott unnd der keiser haben ein getheiltes keiserthumb, denn gott hat den himel und die gewissen seinem geliebten son untergeben, aber den menschenkindern hat er die erden, land unnd leut befolhen. Matthesius (huldigungspred. für Ferd. I.) 4, 337;

dann weil die gwissen gottes sein,
so soll man ihm nit greifen ein
in sein gottliches regiment,
weil er allein regiert und wendt
der menschen gwissen, muth und herz.
wer gewissen zwingt, der macht viel schmerz. streit zw. Concordia u. Discordia v. 1620 bei
Opel u.
Cohn 364;

unterdrückung der bekenner, vergossen blut, vergewaltigte recht, niedergetretene gewissen. E. v. Handel - Mazzetti Jesse u. Maria (5) 1, 76; maszen denenselben und ihren gewissen kein zwang anzulegen, auch ihnen die freiheit zu lassen ist, die kirchengeschäfte, nach bisheriger observantz, ... bei denen geistlichen ihrer religion zu suchen. Dresdener urk. v. 1719 bei Klingner dorf- u. bauernrechte 3, 717;

noch irren in den ersten finsternissen
der völker viel und sehn die sonne nicht;
doch freier seind auch da schon die gewissen
und fürchten weniger das licht!
J. A. Cramer Luther, eine ode 13 Preisler,

gieb die gewissen frei in deinen reichen,
wenn du in deinen ketten gehst.
Schiller (don Karlos. dram. ged. 5, 10) 5, II, s. 442;

es haben viel so weite gewissen, dass man junge hund dadurch beuteln könnte. Otho (evang. krankentrost 1671) 772; die gewissen der menschen sind so wie ihre leiber, nicht allein nicht gleich zart, sondern auch bei einem menschen zart, wo sie beim andern schweinsledermäszige dicke haben. G. Chr. Lichtenberg (aphor. F 100) 3, 152 Leitzm.; gewissen sind ja von verschiedener qualität. Bismarck (im reichstage 4. 3. 1881) 8, 368.
b)) die abgrenzung einer gruppe gegen eine andere geht in Luthers lebhafter sprache meist hand in hand mit einer personifizierung des substantivs. einige entsprechende belege sind auch anderen vertretern der reformationslitteratur zu entnehmen; nur wenige gehören der neueren zeit an: denn mit der lere greifft er die gewissen an, die Christus mit seim blut erworben hat, und tödtet die seelen mit gepotten und sünden. Luther (wider d. himl. proph. 1) 18, 114; können die gewissen ganz keinen trost haben. (bedenken) br. 4, 281; (Leo X.) hat den gewissen auffdringen wollen, das jederman gleuben solte Lutheri lehr were gotslesterlich. Daniel Schaller herolt (1595) G 3b; o wie ist doch das so hertzlich und freundlich geredt, für die armen betrübten sünder und elenden, erschrocken gewissen. Luther (111 ps. ausgel.) 5, 212a Jena; (die armen gefangen gewissen) Seb. Lotzer (ausleg. von Matth. 22) 76; (den armen gewissen. christl. sendbrief) 38; darumb ists jnen alles schrecklich was sie sehen oder hören, wie der blöden gewissen art ist, das sie jmer meinen, der himel falle und gott stehe mit der keule hinter jnen. Luther (1. cap. Zacharja) 4, 259a Jena; (von den verzagten plöden gewissen. pred. 14. 6. 1523) 12, 600 Weimar; (der vertzagten gewissen. v. misbrauch d. beicht.) 8, 483; (allen erschrockenen gewissen) Butschky rosenthal 831; das diszer heuchler und brantvortzeichente gewissen weniger wurdenn die der bapst unnd die seinen mit den teuffels leren teglich mehren. Luther (grund u. ursach ...) 7, 358; (die rechten verbranten gewissen) Seb. Lotzer (beschirmbüchlein) 62 (die gefangen gewissen. Luther [pred. 1531] 34, I, 298); böse sachen schlichten, jrrige gewissen entrichten. (das man kinder z. schulen ...) 5, 176 Jena; die frummen hertzen und gewissen jrrig unnd zweiffelhafftig z machen. Seb. Lotzer (beschirmbüchlein) 60; lieber geist, herausgeben will ich deine handschrift recht gern; ob ich gleich wohl merke, dasz die sache nicht ohne gefahr ist, und man mir vorwerfen wird, dasz ich die schwachen gewissen nur damit ärgern wollen. Lessing (Anti-Goeze 10) 133, 205;

wer nicht ist mit mir, der ist wider mich.
die zärtlichen gewissen! wenn sie nicht
durch eine hinterthür, durch eine klausel ...
... sich salviren können.
Schiller (Piccol. 4, 7) 12, 178

[Bd. 6, Sp. 6255]



2)) fremder berührt uns der plural da, wo zwar eine mehrheit von subjecten vorliegtwo aber das, was vom gewissen ausgesagt wird, für jeden in gleicher weise gilt. Luther zeigt hier den singular auffallend selten: das gewissen wöllen und sollen wir frei haben in allen wercken, die nicht zum glauben oder der liebe des nehsten dienen. (sendbrief an ... Eszlingen) 12, 157; denn Christus kan inn dem gewissen nicht bleiben, das mit frembder lere ... hret. (wider d. himl. proph. 1) 18, 114; für den plural dagegen vgl.: man fast es dann nicht in brief und sigel ... man gab es zu der czeit inen heim in ire gewissen. (pred. 1520) 9, 525; ich weis wol, wie böse gewissen thun, wenn sie sich mit feigen blettern beginnen zu schürtzen. (dasz diese wort Christi) 23, 89; das die selbigen ihre gewissen möchten inn solchem fall unterrichten. (sendbr .... wider die bauern) 18, 400; vor allem fällt das eindringen dieses plurals in feste verbindungen auf: das macht frolich und gutte gewissen. (pred. 1551) 34, I s. 329; machten inen enge gewissen in geringen stücken, aber die grossen stücke im gesetze ubergiengen sie on alle gewissen. (pred. über Joh. 18, 28) 28, 293; genau so (böse gewissen. hochzeitspred. über Ebr. 13) 5, 342a (vgl. aber: das sie kein gewissen davon sollen machen. 18, 400); auszerhalb des sprachgebrauchs Luthers ist der plural in diesem falle weniger beliebt, vereinzelt reicht er aber noch in die neueste sprache herein: sunder auch, des wir zum hechsten bedincken, unserer gewissen und seelen schaden erwachsen wurde. Clemens Sender Augsb. chron., s. dtsch. städtechron. 23, 352; also die gewissen die seele durchnagen und mit innerlicher pein engsten. Horscht geheimnisse d. natur 1, 71a;

denn er thut jn schencken
jnn den sacramenten
sich selbest zur speise,
sein lieb zu beweisen,
das sie seiner gniessen
in jren gewissen.
Joh. Horn gottes sohn ist kommen 3, 350a Wackernagel;

dann es ist unmüglich, dasz böse gewissen nit solten feig und zag machen. Moscherosch gesichte Phil. (soldatenleben 2. gesicht) 4, 581; dasz sie den willen gottes verkündigen, dasz sie wort und rath gottes von unsrer glückseligkeit menschlichen herzen und gewissen darlegen. Herder (br. d. stud. d. theol. betr. 4, 40) 11, 17; ihr behaltet die gebundenheit der gewissen, die gelübde, die unfreiheit des menschlichen willens. K. Gutzkow zauberer v. Rom (7, 10) 8, 366; ... heer der bravi, welches man gegen widerspenstige schickte und durch eine unzahl von amnestiedekreten selbst von der strafe ihrer eigenen gewissen entband. P. Heyse (ital. nov. 1: Andrea Delfin) II, 1 s. 131.
3)) ganz vereinzelt ist aber der plural auch da belegt, wo der zusammenhang eher auf einen einzelnen, als auf eine mehrheit von subjecten weist: ich entpfinde teglich bei mir, wie gar schwer es ist, langwerige gewissen, und mit menschlichen satzungen gefangen, ab tzulegen. o wie mit viel grösser mühe und arbeit, auch durch gegründte heilige schrifft, hab ich mein eigen gewissen kaum konnen rechtfertigen, das ich, einer allein, widder den bapst habe dürffen auff tretten. Luther (v. miszbrauch der messen) 8, 482; desgl. in: briefe 2, 107 (an d. Augustiner zu Wittenberg);

ochsen spannt man nicht an faden;denn er würde stracks zerrissen:
so auch lest sich schwerlich binden,wer gewalt hat, an gewissen.
Logau sinnged. 3, 3, 29 Eitner s. 481; vgl. oben sp. 6249.


3) an den alten verbindungen hält auch das neutrum fest, nur die mit objectivem genetiv stirbt früh ab, vgl. sp. 6245.
a) die zusammenstellung mit bedeutungsverwandten.
α) es entspricht dem entwicklungsgange, der oben für das substantiv dargelegt wurde, dasz der engere ethische begriff nun so oft und so gern wieder die verbindung mit substantiven sucht, die die zurückgedrängte grundbedeutung eines allgemeineren intellectuellen begriffes zum ausdruck bringen. meist ergänzt der engere begriff den allgemeinen, seltener, dasz er sich in ausgesprochenen gegensatz stellt.
1)) iudicato, nach ernst und eignem urtel und gwüssen. Cholinus - Frisius; Frisius; wer ... mit gutem wolbedachtem sinn und gewissen sich in ein krieg oder streit begibt. L. Fronsperger geistl. kriegsordnung 7 Schneider; ich beziehe mich diszfalls auff eins jeden rechtschaffenen

[Bd. 6, Sp. 6256]


patrioten selbst eigenes gewissen und wohlbewuszt. Thomasius kl. teutsche schriften (1701) 461; alle gelerte priester, die ein rechten gewiszen oder verstant haben, laufen alle ausz den clöstern. gespr. zw. einem edelmann, s. Schade sat. u. pasqu. 32, 102; vgl. auch (seinem gesunden verstande und ausleger gewiszen) Herder (erläut. zum neuen test.) 7, 445; dergleichen mehr guter ermahnungen beides von der gesunden vernunfft und seinem gewissen. Grimmelshausen Simpl. 495 neudr.; von aller welt verlassen, war es umsonst, dasz er sich auf gewissen, vernunft, rechtschaffenheit berief. Herder (zerstreute bl. 5) 16, 152; der ... gewiszen und klare überzeugung aufheben will. (br. an Theophron 6) 11, 203; mit überlegung und gewissen. (zerstreute blätter 6) 16, 367; u. a. vgl. auch: nur in der feineren organisation des menschen übt sie feinere kräfte, vernunft, überlegung, gedächtnisz, und aus ihrer zusammenwirkung die edelste kraft gewissen. 365. als vereinzelte belege für ausgesprochene contrastverbindung vgl.: so wie die welt geht, musz man sein mitleiden zurückhalten lernen; denn klugheit geht über gewissen. Wieland übers. v. Shakespeare (Timon 3, 3) 3, 228; zu schwach und zu verzagt, der kühneren leitung seines eigenen verstandes zu folgen, vertraute er sich lieber dem bequemeren pfad des gewissens an; eine sache war gerecht, so bald sie ihm pflicht war. Schiller (abfall d. Niederlande) 2. buch) 7, 137;

wer dieser welt wil recht genissen,
der brauche tück und kein gewissen.
Logau sinnged. 3, 7, 5 (gewinn) Eitner s. 546.


2)) als beliebteste formel entwickelt sich aus diesem zusammenhang die verbindung wissen und gewissen, in der das zweite substantiv neben der bedeutungsverengerung auch die function der steigerung ausübt. der in solcher weise gebundenen reihenfolge entziehen sich nur wenig belege: dasz sie ... von ihrem eigenen gewissen und wissen ihr vorhalten lassen müste. Grimmelshausen wiedererst. Simpl. 3 (1713), 313; wann er ihme die klage nicht allein ins gewissen, sondern auch in sein wissenschaft und wolbewust stellet. Diether-Fritsch continuatio thes. pract. (1679) 238b; dagegen vgl. die reihenfolge im sachverständigeneid: dasz sie die ... nach ihrem besten wissen und gewissen mit allem fleisze ... anstellen. gerichtsord. f. d. preusz. staaten (1795) I, 10 § 152; nach bestem wissen und gewissen. strafprozeszordnung v. 1877 buch 1 § 79 u. a. das gleiche nun auch im litt. gebrauch: so da eines schlechten leibs gewesen, und gleichwol im wissen und gewissen die berühmteste waren. Abr. a S. Clara Judas der ertz-schelm (1687) 74; daz er seie ein schul desz wissens und gewissens, warin die heiligkeit mit der doctrin nicht ohne grossen nutzen der christlichen kirchen vermählet ist. mercks Wienn (1680) 47; so lasset uns unsrem wissen, und gewissen folgen, so werden wir nicht irren. Harsdörffer frauenzimmer gesprächspiele 7 (1647), anhang 59; bei dem unvollkommenen recht aber hängt noch ein theil, nämlich der nicht gegebenen bedingungen, vom wissen und gewissen des pflichtträgers ab. Hamann (Golgatha 1) 7, 28 Roth; die euch ... umb schaaf und schlaff, umb kuhe und ruhe, umb wisen [!] und gewissen gebracht. Abr. a S. Clara mercks Wienn 72; dasz er ... wieder sein besser wissen und gewissen, aus geben dürffen, dasz ... Joh. Musäus ableinung ... (1674) 11; ebenso Aler 1, 940b u. a.; so bilden wir uns denn, wider besser wissen und gewissen, immer ein, es werde noch kommen. Wieland an Merck (1778) 149 Wagner; dasz ihr ... menschen wider euer wissen und gewissen mit euren arzneien ins grab gebracht. Pestalozzi (Lienhard 2, 61) 23, 217; wobei uns besonders angenehm sein soll zu ew. hochwohlgeb. beruhigung, nach unserm besten wissen und gewissen, das mögliche beizutragen. Göthe (an Mannlich 6. 8. 1808) briefe 17, 184 Weimar;

... dasz nach wissen und gewissen,
ob der grosze schritt zu wagen,
sie mit ja und nein entschieden.
Fr. Rückert (liebesfrühl. 2. strausz: 37) 1, 427;

und mehr als einer unter ihnen war geneigt, wenn er heute wieder verkehrte befehle erhielte, dieselben nach eigenem wissen und gewissen zum besten des vaterlandes zu corrigiren. Sybel begründung des deutschen reiches 54, 174.
β) in der neuen richtung des engeren begriffs liegen aber wieder andere zusammenstellungen: auf dem boden der

[Bd. 6, Sp. 6257]


religion und der moral rückt der glaube und das gefühl näher; und als sitz des neuen vermögens wird nicht der verstand, sondern das herz und die seele gekennzeichnet.
1)) nu ist da kein glawb, kein gut gewissen czu gott. Luther (handschr. d. sermons v. guten werken) 9, 230; das sie ... endlich selig können werden, wenn sie bei ihrer tauff bleiben ... und ... iren glauben und gut gewissen bewaren. Matthesius (Luther) 3, 180; ebenso 3, 154;

hilf, dasz ich stets sorfältig sei,
den glauben zu behalten,
ein gut gewissen auch dabei.
Denicke (?) 'o gottessohn, herr Jesu Christ' (Freylinghausen 442a);

vgl. dagegen pös gewissen, unglaüben. H. Sachs fab. u. schw. 3, 47; sie hatten gleichsam kein arg, in dem, was sie auf treuen glauben und gut gewissen erzählten. Herder (briefe d. stud. d. theol. betr. 2, 13) 10, 161; religion, vernunft, offenbarung, seligmachender glaube, gewissen. (br. z. bef. d. hum. 26) 17, 231;

vormünder berauben
den kindes-theil,
gewissen und glauben
und alles ist feil.
Lingg (ein alter gerichtssaal) ged. 2 (1868), 84;

den groszen urheber in sich, sich in andre hinein zu lieben und denn diesem sichern zuge zu folgen: das ist moralisches gefühl, das ist gewissen. Herder (vom erkennen u. empfinden 1778) 8, 200; vgl. auch oben sp. 6221;

bist undankbar, so hast nicht recht,
bist du dankbar, so geht dir's schlecht:
den rechten weg wirst nie vermissen,
handle nur nach gefühl und gewissen.
Göthe (zahme xenien 7) 5, 164 Weimar;

nach gefühl und gewissen des augenblicks schwieg ich. (wahlverw. 2, 17) 17, 393; ich sehe nicht ab, warum ein mädchen nicht lesen ... kann, was ... sie will, solange sich alles dies mit ihrem gewissen und ihrem gefühl reimt. J. C. Forster briefw. 1, 502.
2)) die blöd hertzen haben, die erschrocken gewissen tragen. Luther (serm. v. sacr.) 2, 746; vgl. auch (s. o. sp. 6254): der menschen gewissen, mut und herz (Opel u. Cohn 364); menschlichen herzen und gewissen (Herder); gewissen und seelen (Sender); ruhig hertz und rein gewissen (J. C. Günther), s. u. sp. 6271; so soll die liebe obrigkeit auch gott das hertz und gewissen der unterthanen, und sein ewiges und seligmachendes wort, billich auch frei und ungehindert lassen. Matthesius (huldigungspred. für Ferd. I.) 4, 348; will ich jetziger zeit jungen gesellen in jr eigen hertz und gewissen zubedencken heimgestelt haben. Musculus hosenteufel 11 Osb. (ndd. übers.: conscientien bei Osborn s. xix); ein bösz gewissen, arges hertz, loci communes prov. (1572) 29; wes glaubens und nachdenckens, wes hertzens und gewissens war doch Abraham der vater aller gläubigen? Arn. Mengering Tobias conscientiosus (1638) 23; ob ew. lbd. meinung hertz und gewissen mit selbiger dero handschrifft in allem übereinkommbt. Karl Ludwig v. d. Pfalz s. briefe der kinder des winterkönigs 33 Hauck;

hab ich denn nun auch gegen dir
gehorsams mich beflissen?
ach! nein, ein anders saget mir
mein hertz und mein gewissen:
darin ist leider! nichts gesund.
Luise Henriette v. Brandenburg 'ich will v. meiner missethat' (Freylinghausen 408a);

vgl. auch (friede dem herzen, friede dem gewissen) M. A. v. Löwenstern s. 1, 342 Fischer u. Tümpel; o ir lieben freund, der Luther ist ein ketzer, die lere ist ungerecht, auff mein seel und gewissen ... also schwur der wolff auff sein seel, do er umb des schaffhirtenn ampt bath. Eberlin v. Günzburg (an den rath v. Ulm) 3, 36; die seel inn die kist pfrengen, und das gewissen uber die oberthür an nagel hengen. Fischart Gargantua (27) 302;

gesunden leib gib mir
und dasz in solchem leib
ein unverletzte seel
und rein gewissen bleib.
J. Heermann o gott, du frommer gott bei Fischer u. Tümpel 1, 308a;

vgl. auch (seel und gewissen dringet. P. Gerhardt) 3, 360; und verliert gewissen und seele und geht als schlachtvieh in sklavenstricken. Herder (μαραν ἀθα) 9, 243; vgl. auch Abr. a S. Clara s. u.

[Bd. 6, Sp. 6258]



3))

ein ehrliches gemüth, ein fröliches gewissen,
das billigkeit beliebt, des rechten ist beflissen.
solch opfer bringe vor: und ob du mehr nicht hast,
wirst du den göttern sein ein angenehmer gast.
Joach. Rachel sat. ged. (vom gebet 137) 59;

(vgl.: ein luter gewissen und steten hohen mt. Heinr. Seuse 251 Bihlmeyer);

mich dünckt gunst, ehre, macht, gemach und gute bissen
die stärcken ihm (dem renegaten) das hirn, nicht aber das gewissen.
Logau sinnged. 1, 5, 75 (abfall) Eitner s. 113;

Egmont besasz mehr gewissen als grundsätze. Schiller (abfall der Niederlande 1. buch) 7, 86); gehört fremden meinungen unser geschmack und verstand, unser wille und gewissen? Herder (br. z. bef. d. hum. 8) 18, 92; nach dieser eröffnung hatte der altertümler freilich einen harten kampf zwischen seinem antiquarischen gewissen und seiner antiquarischen begierde zu kämpfen. Immermann (Münchhausen 2, 2) 1, 177 Maync.
γ) aus der vorstellung einer gesetzgebenden thätigkeit erwächst unserem neutrum die berührung mit anderen substantiven, die den menschlichen willen an eine höhere norm binden.
1))

wider sein gewissen, eid und pflicht
gehandelt hat.
B. Waldis streitged. gegen Heinr. v. Braunschw. s. 2 Koldenwey;

die personen seiner stände würden nie etwas anders thun, als was sie nach pflicht und gewissen thun müszten. Lessing (Ham. dramen 2, 86) 103, 150; der ehemalige tiger im menschengeschlecht ist jetzt ein wirklicher tiger, ohne pflicht und gewissen, die ihn einst zuweilen doch quälten. Herder (zerstr. blätter 6) 16, 349; pflichten und gewissen scheinen für den rechthabenden ganz entbehrliche begriffe. Hamann (Golgatha) 7, 28.
2)) nebst deme schwöret der herr bei seiner seel, bei eid und gewissen, dasz ... Abr. a S. Clara gehab dich wohl! (7) 123; eine neue regierungsformel ... die sich staatsraison nenne; der stehe es frei, göttliche und menschliche rechte zu brechen, weder auf eid, noch schaam, noch gewissen rücksicht zu nehmen, wenn nur der staat, dem sie dienen solle, consolidirt werde. Herder (zerstr. bl. 5) 16, 146.
3)) bedeutsam sind die unterschiede in der zusammenstellung von gesetz und gewissen. je nach dem zusammenhang, je nach der zeitströmung oder nach der lebensauffassung werden sie in ihrer inneren berührung oder in ihrer contrastwirkung erfaszt: got ... hat in (seinen son) zum versn opffer und zalgelt dafr gemacht, und die handtschrifft des gesetzes und unsers gewissens, durch sein blut auszgestrichen und getilget. Matthesius (leichenreden) 1, 114; also ist in diesem betracht kein streit zwischen natur und schrift, zwischen gesetzbuch und gewissen. Herder (br. d. stud. d. theol. betr. 3, 27) 10, 293; bemerkenswert ist, wie um die mitte des 19. jahrh. ein anspruch der badischen liberalen auf die gleichsetzung der beiden begriffe (das gesetz ist das öffentliche gewissen und das privatgewissen darf deszhalb dem gesetze nicht widersprechen. Lamey in der ersten badischen kammer 17. 3. 1866) von der katholischen gegenseite mit eben den waffen bekämpft wurde, die einst die reformation geschliffen hatte: dieses votum einiger menschen ... ist, wenn es sich als majorität in der kammersitzung irgend ... geltend gemacht hat, das gesetz ... der eigentliche götze ... das allgemeine gewissen, und diesem allgemeinen gewissen gegenüber darf man keine privatgewissen mehr haben. W. E. v. Ketteler ist das gesetz das öffentliche gewissen (1866) s. 11; das gewissen des menschen darf sich nur dem unterwerfen, was es selbst als gut und recht anerkennt; es hat aber zugleich ein unerbittliches gesetz in sich, das ihm befiehlt, das gute zu erwählen ... das ihn mit göttlicher autorität nöthigt, jeder menschlichen autorität zu wider sprechen ... die dieser innerlichen stimme des eigenen gewissens widerspricht. s. 9.
δ) auch zustände und eigenschaften, auf die das substantiv in der neuen bedeutung zielt, werden gern mit ihm zusammengestellt, vorwiegend in formeln, die von einem günstigen ergebnisse ausgehen:
1)) fide bona dicere, in gten treüwen, auff sein gewüszne, on liegen und on falsch. Frisius 558b (bei Aler,

[Bd. 6, Sp. 6259]


Matthiae u. a. ohne synonymon); dann bei ihnen (den bauern) ist gemeiniglich weder gewissen, noch treu, noch verstand, sondern lauter list, betrug, falschheit und boszheit. Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3 (1713), 2; gottesfurcht, frömmigkeit und gut gewissen sind eines ehrlichen mannes seine leib-schützen. Joh. Riemer 323; ich will ihnen ... nichts als eine elende zeigen, die geschlecht, ansehen, tugend und gewissen für sie aufgeopfert hat. Lessing (misz Sara Sampson 2, 3) 23, 288;

ihr selbst erklärtet sonst den Schotten Kurl
für einen mann von tugend und gewissen.
Schiller (Maria Stuart 1, 7) 12, 436;

etlich' kämpfe — tugend und gewissen —
nur noch schwach bewegen sie das herz.
Hölderlin ged. (nachlese) Hempel. gold. kl.-bibl. s. 243;

sehet für allen, dasz ihr ein gutes gewissen und ehrlichen nahmen behaltet. Schoch s. 95; unter dessen getröstet euch eures guten namens, und gewissens. M. Zeiller episteln ... v. polit. ... materien (444) 5, 289; zu seiner ruhe und nach seinem gewiszen. Herder (an prediger) 7, 191; weder im gerichtshof der ehre noch des gewissens können sie (die angeführten worte) so ausgelegt werden. Göthe (an Carol. Herder) 10, 320; vgl. auch (gegen ihrlichkeit un gewissen) Fritz Reuter stromtid 2 cap. 29;

den mord allein, die heimlich blut'ge that,
verbietet mir mein stolz und mein gewissen.
Schiller (Maria Stuart 1, 7) 12, 439.


2)) denn on alle gottes furcht, on alles gewissen, und one bescheidenheit faren sie zu ... Eberlin v. Günzburg (wie sich ein diener gottes worts ... halten soll) 3, 209 Enders; nim von uns die schwere last aller sunde unnd gewissen, auff das wir mit leichten frölichen hertzen ... leben. Luther (ein kurze form, das paternoster zu verstehen) 6, 17; vgl. auch (s. o.) sundt und bosze gewissen. 9, 646; vgl.: das sie sunde und gewissen machen, da keins ist. (wider d. himl. proph. 1) 18, 73; ebenso 18, 22; begehen also heimlich zween rechte mörde, nämlich die jungfrau stecken sie in schande, und den gesellen ins gewissen. br. 3, 292; immerwaehrende angst und nagendes gewissen werden dein gesicht und deine geberde bezeichnen, dasz ... S. Gessner (tod Abels 4) 1 (1762), 173; ein qualvolles leben, ein fortnagendes gewissen, rächt den unverletzbaren nur zu schrecklich an dem verbrechen ihrer gewalt. Thümmel (reisen ... 3) 3 (1853), 85.
ε) dem durch die gewissensregungen erzielten wandel des inneren lebens werden einigemal auch die umstände des äuszeren lebens zur seite gestellt, auch hier bald im zusammenwirken, bald in ihrem widerspruch.
1)) so gar hart hangen solch lere, leben und gewissen an der speise und eusserlichen dingen. Luther (serm. v. dreierlei gutem leben) 7, 796;

dann wilder hasz und neid, darmit man gantz nichts thut
als dasz verlohren wird gewissen, gelt und blut.
Opitz (poet. wälder 1) weltl. poem. 2 (1645), 10.


2)) dieselbe (die geistlichen) nun sind gemeiniglich alle ... arm an haab und geld, reich an gewissen. Grimmelshausen Simpl. 42 neudr.;

die sonsten nimmer nie zusammen gerne kamen,
gewissen und gewien, besitzen einen namen.
Logau sinnged. 3, 1, 31 Eitner s. 450;

denn weder sein leerer magen noch volles gewissen
plagt ihn mit drücken und peinlichen bissen.
Kortum Jobsiade (3, 12) 331.


ζ) mit manchen substantiven tritt das unserige dadurch in beziehung, dasz es die eine oder andere feste verbindung mit ihnen theilt. hier ist es also weniger der bedeutungsgehalt, als der syntaktische gebrauch, der die zusammenstellung begünstigt: das kriegen nicht recht ist ... es sei denn, das es solchen titel und gewissen habe, das da könne sagen: mein nachbar zwingt ... mich. Luther (ob kriegsleute) 19, 647; er mache kein nott noch gewissen draus. (das 7. cap. z. d. Korinth.) 12, 128; dem guten gesellen ein unüberwindlich gewissen und schrecken machen. briefe 3, 292; vgl. auch: un wat he glöv un wat em sin geweten un wat sin oberst em nu kummandeer. (J. H. Lehrs röwerhauptmann Schill, im plattd. husfr. 3, 23.) Berghaus 1, 566a; ein enges gewissen und weitläufftiger fleisz machen einen ehrlichen mann reich und seelig. Riemer (235) 82; das buch der heiligen natur und des gewissens ward

[Bd. 6, Sp. 6260]


durch den commentar der tradition allmählig aufgeblättert, erläutert, erkläret. Herder (theologiebriefe 27) 10, 295; das sie inn schuldiger dienstbarkeit, mit gutem gewissen und vorsatz ... richtig für sich wandlen. Matthesius (leichenreden) 1, 118; also dz ich lieber will nur ein stuck brod mit frieden und mit gutem gewissen essen. Moscherosch insomnis cura parentum (8) 54 Pariser; es gibt leute, die werden mit einem bösen gewissen geboren — mit einem rothen strich um den hals. Lichtenberg (beob. üb. d. menschen) 1 (1844), 158.
η) andere zusammenstellungen beruhen nur auf vorübergehender berührung:

erforschend, ob mein reines herze
den fliessenden cristallen gleicht;
glückseelig, wenn es keine schwärze
dem aug und dem gewissen zeigt.
Gleim im Göttinger musenalm. v. 1771 Redlich s. 78.

vor allem ist es der satiriker, der mit solchen verbindungen komische wirkungen erzielt: wem der blick eines mädchens, das gewissen, ein verdammtes hühner auge oder eine vergessene schnupftabacks dose zurufft: hoc age. G. Chr. Lichtenberg (aphorismen C 124) 2, 58 Leitzmann.
b) verbindungen, die den träger des begriffs kennzeichnen.
α) wo ein substantiv im subjectiven genetiv diesen dienst leistet, weist es meist auf eine mehrheit von trägern, auch da, wo es einen typus im singular einführt. der hinweis auf eine einzelne bestimmte person wird vorzugsweise durch das possessivpronomen (s.β) vertreten:
1)) hinweis auf eine mehrheit von trägern:
a)) die gewissen der menschen. Lichtenberg s. o.; damit weckte gott das gewiszen der menschen. Herder (v. geist der ebr. poesie 1) 10, 385; die kunst ist das gewissen der menschheit. Hebbel (tageb. 20. 2. 1842) 2, 152 Werner;

das morgenrot spielt zum erbarmen
um die junge erschossene frau,
die mit weit ausgebreiteten armen
vorm altar liegt im dämmergrau.
die myrte ist ihr vom haupt gerissen,
um ihre stirn knittert ein kranz von stroh.
gibt es ein grosses weltgewissen?
gibt es ein vöglein, heiszt nirgendwo?
Detl. v. Liliencron die nächtl. trauung;

vgl. gesammtgewissen Sanders erg.-wb. 645c; vgl. volksgewissen erg.-bd. 645; da ging es ihm durchs herz, wie wenn er allein schuld wäre und das gewissen des landes in sich tragen müszte. G. Keller 5, 293; herz und gewissen der unterthanen. Matthesius s. o.; der predicanten gewissen lig in der niderwad. Luc. Osiander ... frater Johann Nasz (1570) s. 28; der 'Rheinische Mercur' war das gewissen jener zeit. Immermann (Düsseldorfer anfänge) 20, 317; nach gefühl und gewissen des augenblicks. Göthe s. o.
b)) das gewissen des menschen ist das grosse buch, darinn alles, was der mensch thut, redt, und denckət, auffgeschriben ist. M. Zeiller episteln ... v. polit. ... materien (1575) 6, 603; das gewissen des menschen ist ... so er was lasterhafftes ihme bewust, auch seine hölle. Butschky 500 sinn ... reiche reden 109; in seiner anweisung, das gewissen eines königes zu leiten, giebt er (Fenelon) rathschläge, die, wenn sie befolgt würden, jeder revolution zuvorkämen. Herder (br. z. bef. d. hum. 10) 18, 293; eines jeden patrioten ... gewissen und wohlbewusst. Thomasius s. o.; was bedeutet diese verantwortung? wer weisz es! es kommt auf das gewissen dessen an, welcher handelt, und es kommt auf den charakter der zeitepoche an, in welche so zuversichtliche handlungen fallen. H. Laube (das burgtheater 38) 5, 267 Houben; verstand und auslegergewiszen. Herder s. o.; autorgewissen s. Sanders erg.-wb. 645; das gewissen der tugend ist das ruhige gute gewissen, weil es die entzweiung zwischen pflicht und neigung im allgemeinen in sich überwunden weiss. E. v. Hartmann 22 (d. sittliche bewusstsein) 259; das gewissen der tugend. ebenda.
2)) als seltene belege für die einzahl vgl.: mag nimer mehr kein gewissen sicher sein ... weis fur war, das auch D. Carlstads gewissen selbst hie zappelt und ungewis ist. Luther (wider d. himl. proph. 2) 18, 161; ew. liebden meinung, hertz und gewissen. C. Ludwig v. d. Pfalz s. o.; er werde eine schwere last auf seines herrn und freundes gewissen wälzen. Ad. Stahr bilder a. d. alterthume (Tiberius)

[Bd. 6, Sp. 6261]


1, 132; weisz jemand, dasz des grafen Czernin gewissen hierdurch beunruhigt worden sei? H. Laube (das burgtheater 38) 5, 268.
β) das possessivpronomen, das vom fem. (sp. 6234) fast unzertrennlich erschien, büszt beim neutrum von seinem besitzstand einiges ein; überdies mehren sich nun die verbindungen, die des pronomens immer ermangelten, gewissen machen, haben u. a.
1)) während beim fem. gerade das im genetiv angegliederte subst. das pronomen anzog, tritt dieses beim neutrum hier zurück, vgl. (s. o.): seines wissens und gewissens. Hamann; handschrifft des gesetzes und unseres gewissens. Matthesius; eures guten namens und gewissens. Zeiller; dazu vgl. (s. u.) erforschung seines eigenen gewissens. Butschky rosenthal 457; die stimme unseres gewissens. Lessing 23, 242; vgl. auch: ich tröste mich meines gewissens, consolor me mea conscientia. Calvisius 333a; ebenso Stieler 2568; ähnlich Reyher 1, 1365; den mühen, die rechnung seines gewissens abzuschlieszen. W. Raabe uns. herrgotts kanzlei (7)4 140. s. dagegen sp. 6275 f.
2)) im vollen umfang bleibt der geltungsbereich des possessivpronomens in den wendungen bewahrt, die das substantiv als subject beherrscht; sie nehmen im neueren sprachgebrauch sogar zu und lassen einzelnen festen formen eine reihe neuer variationen zur seite treten. selbst mit dem stammverwandten verbum wissen tritt das subst. hier als subject in verbindung: wenn es gleich kein mensch auf der gantzen welt weis, so weis es doch dein gewissen, welches ein gewisser unverwerflicher zeuge ist, mit dem man nichts mit bestand verleugnen kan. Butschky Pathm. (1677) 243; wenn uns jemand das uns selbst verborgene enträthselt? wenn uns enthüllung dessen wird, was unser gewiszen kaum weisz? Herder (Johannes offenbarung) 9, 10.
a)) für das fem. war die gruppe von wendungen am spätesten bezeugt, in denen das eigene gewissen drückt, beiszt, nagt. sie ist diejenige, die nun die mannigfaltigste entwicklung erfährt: auff disze unnd der gleichenn spruch mustu mit ganntzem wag dich vorlassen, szo vil mehr, szo herter dich deinn gewissen martert. Luther (serm. v. d. betr. d. hl. leidens Christi) 2, 140; quälet ihn sein gewissen. Butschky rosenthal 608;

wer mercket auch, wie offt er fehlt,
bisz sein gewissen jhn drumm quählt?
Dav. Denicke s. Fischer u. Tümpel 2, 431b;

jr gewissen thut sie drücken.
Luther (v. d. zween merterern Christi) 8, 371a;

ebenso Fischart flöhatz 1666 neudr.; Grimmelshausen Simpl. 375 neudr.; sein gewissen schlägt ihm. Aler (vgl. Luther: das hertz schlägt mir);

schlägt dir garnicht dein gewissen?
Loeben (die eifersüchtige schäferin) ged. 79 Pissin;

zum andern sein leute, die ihr gewissen naget, umb irer sünde willen, und in ihn wirckt das gesetze sein rechts ampt; denn das heizt gesetze, das das gewissen schrecket. Melanchthon auslegung der episteln St. Pauls s. 100;

mein sünd mich werden krencken sehr,
mein gwissen wird mich nagen.
Nicol. Herman 'wenn mein stündlein vorhanden ist' 3, 1211 Wackernagel;

ebenso Berth. Ringwald 4, 1028b W.; Rist himl. lieder (1652) 151; Gryphius (oden 2, 11) lyr. ged. 253; vgl. auch teutsch-engl. wb. 2, 775 (fly in his face);

wen nu sein gwissen beist und nagt,
die sünd quelt, das er schier verzagt,
der halt sich zu dem gnaden thron.
N. Herman sonntags-evangelia 229;

und sein gewissen in krimmen und beissen ward. übers. des dekamerone (4, 2) 90c (1519); (beiszen u. strafen) Luther br. 5, 613;

welchen sein gewissen
auf dem unruh-kissen
unaufhörlich beiszt.
Joh. Chr. Günther (buszlied) ged.2 71;

ebenso nachlese 27; Rachel satir. ged. 124; E. Neumeister 'Jesus nimmt die sünder an'; vgl. auch Adelung u. a.;

verstockter bösewicht, fuhr ihn der pater an,
weiszt du, vor wem du stehst? — — dasz ich dich zwingen kann?
geh! dein gewissen soll dich brennen!
Lessing (das geheimnisz) 13, 181;

vgl. auch (dem sein gwissen kein ruh wil lan) N. Herman sonntagsevang. 153; wolan, der bist darmb nicht gerecht,

[Bd. 6, Sp. 6262]


das dich dein gewissen nicht straffet. Melanchthon zur epistel an die Römer s. 66b; vgl.: es erschreckt ein ietlichen sein eigen gwüssen (terrent). Cholinus-Frisius 205a; sein gew. erschreckt ihn. Frisius u. a.; den sein böses gewissen plaget, quem conscientia maleficiorum stimulat. Steinbach 2, 1060; in diesem zusammenhange werden nunmehr mannigfache verbindungen entwickelt, die die beweglichkeit des gewissens kennzeichnen, gegen sein gewissen zappelt allweg fur gott Eberlin v. Günzburg 3, 207 vgl.: über das wachte mir mein gewissen auch auf. Grimmelshausen Simpl. 360 neudr.; (mein gewissen ist erwachet) Peter Sackmann s. Freylinghausener gesangbuch 370b; ähnlich Jer. Gotthelf (bauernsp. 2) 1, 33 Vetter; (noch ist mein gewissen wach) Bürger (elegie als Molly) 96 Sauer; dasz sein gewissen sich nicht im mindesten regte. Göthe (lehrj. 1, 11) 18, 59; ähnlich Platen (an Cardenio) 1, 446 Redlich; endlich notificirete er mir ... dasz ihn sein gewissen treibe die griechische religion anzunehmen. Grimmelshausen Simpl. 445; da sein gewissen ihn trieb, die fehler seiner zeit zu rügen. Herder (zerstr. blätter 5) 16, 162.
b)) verbindungen mit dem verbum dicendi waren schon der rechtsbedeutung des fem. erwachsen, die gerade hier nur schwer gegen den ethischen begriff abgegrenzt werden konnte. auf dem gleichen boden entwickelt auch der engere begriff die mannigfaltigsten neuen wendungen: das lasst euch ewer gewissen und eigens hertz sagen. Luther (wider Hans Worst) 7, 420a; das gleiche (s. sp. 6257) L. Henr. v. Brandenburg; unser wille und gew. Herder 18, 92; vgl.: mein gewissen sagt fast ja dazu. Hebbel br. 1, 327 Werner; vgl.: sin gewêten segt hum. ten Doornkaat Koolman;

und mein gewissen billt, den mörder zu verdammen,
der hier in meiner brust schon auf der folter liegt.
Joh. Chr. Günther (Theodosius 5, 4) ged.2 1041;

wann mein bös gewissen schreiet,
und mir mit verdammnisz dräuet. 'Jesu der du wollen büszen' (Freylinghausen [1741] 120b);

ja, wem spricht nicht, mehr als alles hierüber sein gewissen. Herder (theologiebr. 31) 10, 338; und doch geht's nicht anders, raunte mein gewissen. H. Laube (erinner. 1, 12) 8, 131;

weisz ich keinen trost auf erden,
klagt mich mein gewissen an.
Joh. Job 'prange, welt, mit deinem wissen' (Freylinghausen 840b);

welch andrer schuld verklagt dich dein gewissen?
Schiller (Maria Stuart 5, 7) 12, 563;

(welcher sünde zeiht dich dein gew.) 562;

mein gewissen machte mir jetzt die bittersten vorwürfe. J. C. Brandes meine lebensgesch. 1, 204; sündige nicht: dan gott siehet es, die engel seind darbei, der teufel wird dich anklagen, dein gewissen wird zeuge sein, und die hölle deine strafe. Zesen Assenat (1679) 460; zeuge seiner unschuld ist sein gewissen. Herder (zerstr. bl. 5) 16, 189; mein gewissen giebt mir zeugnisz, dasz ich nichts so sehr, als den ton der controversbekehrer ... hasse. (theologiebriefe 18) 10, 207; er mag sein wer er will, so weisz ich, dasz ihn sein gewissen eher verdammet hat, als die ehrbare welt davon hat urtheilen können. Weise die drei ärgsten erznarren (vorr.) 4 neudr.; wenn dich dein gewissen frei spricht, so will ich es dir gönnen mein sohn. W. Raabe alte nester 2, cap. 6;

wie dier dies wierd erspriessen,
soll dich lehren dein gewiessen,
wo dier dieselb nit seint so weit,
das man jung pferde dadurch reit.
Ad. Schubart der sieman, d. i. wider den hausteuffel E 5a;

vgl.(s. o.): mein stolz und mein gewissen verbietet mir. Schiller 12, 439; vgl.: so weit wie sein gewissen es ihm immer erlaubt. Bismarck reden 8, 368; ähnlich D. v. Liliencron 2, 235; mein gewissen erlaubt es nicht. Serz.
c)) neuerer entwicklung gehören auch die verbindungen mit verbis an, die den zuständen oder der beschaffenheit des gewissens gelten. beim fem. beschränkte sich diese gruppe auf die verbindung mit dem verbum substantivum.
α)) auch innerhalb dieser gruppe sind neuerungen zu verzeichnen. an die älteren wendungen knüpfen an:

und das mein gewissen lauter wer. fastnachtspiele 626, 30 Keller;

[Bd. 6, Sp. 6263]



wolan, büchlein, du must es wagen,
zeuch hinausz mit getrostem muht:
weil unser gewissen gantz gut,
so gilt es gleich was man wirt sagen.
Weckherlin (an mein buch) 1, 88 Fischer;

mein gewissen war bereits so weit, dasz ein grosser heuwagen hindurch hätte fahren können. Grimmelshausen Simpl. 348; je nach unserer anlage, erziehung und lebensführung ist unser gewissen stark oder schwach, eng oder weit, zart oder stumpf. Kirchner-Michaelis phil. wb.5 241;

ist mein gewissen gegen diesen staat
gebunden? hab' ich pflichten gegen England?
Schiller (Maria Stuart 1, 7) 12, 438;

doch frei ist mein gewissen, ich bekenne,
dasz sie die wahrheit schreibt! (4, 6) 12, 528;

dagegen vgl.:

ich sah hinab ins thal;
wie mein gewissen düster war's!
Z. Werner der 24. febr. (3. auftr.).

ebenso leitet zu neuen fügungen über: das sol auch sein gewissen sein, darauff er sich verlasse. Luther (ob kriegsleute) 19, 648; 'wo ist dein gewissen nun?' 'im beutel des herzogs von Gloster'. Schlegel Shakespeare (Richard III. 1, 4) 3, 168; sie wurde allmählich sein gewissen in diesen dingen; er konnte ihrer bestätigung kaum noch entbehren. Th. Storm (im schlosz) 1, 162.
β)) neu ist auch die reihe sinnkräftiger verba, die in diesen zusammenhang eingeführt werden; ihnen schlieszen sich sogar einige verba der bewegung an: regenten stand (ist) mit gottes wort herrlich gezieret, und jr gewissen fein seligklich berichtet. Matthesius (Luther) 3, 180; dass ihr gewissen bestricket ward. Herder 17, 35; mein gewissen gilt bei mir mehr ... mea conscientia pluris est, quam omnium sermo. Aler 1, 939a (bringt mer bei dann aller wält red. Frisius 303a; vgl. auch Reyher 3, 483); dann wie ihr gewisszen gegen gott stehet und glawbt. Luther (handschr. d. sermons v. guten werken) 9, 230; ebenso 34 I, 367;

er kante keinen geitz, auff gott stund sein vertrawen
drümb macht' ihn weder welt, noch tod, noch teüffel grawen
denn sein gewissen stund als eine maur von stahl.
Rist neuer teutscher Parnass (1652) 764;

denn sein gewissen liegt im blute.
J. W. Brodtkorb Ringwalts teutsche warheit 218;

die bedenckenn das leiden Christi recht, die ihn alszo ansehn, das sie hertzlich darfur erschrecken und ihr gewissen gleich sincket in ein vorzagen. Luther (heil. leiden Christi) 2, 137;

fürsten wollen keinen diener, der da will, dasz ihr gewissen
sich von allem arg beginnen kehren soll zu ernstem büssen.
Logau sinnged. 1, 9, 75 (hofe-regel) Eitner s. 200;

wenn er also sein beutel aufmacht, uns den lohn zu zahlen, so fliegt dein gewissen heraus (conscience). Schlegel (Richard III. 1, 4) 3, 168.
3)) wo das substantiv als accusativobject untergeordnet wird (das dativobject ist hier selten vom pronomen begleitet: die gott aus gnaden tröstet, und schaffet ihrem gewissen rge. Melanchthon ausleg. der episteln S. Pauls 100b; unserm wissen und gewissen folgen. Harsdörffer s. o.; seinem .. verstande und gewissen folgen. Herder), streifen einzelne reflexive wendungen das pronomen ab. ebenso lassen die immer häufigeren verbindungen, die subject und object verschiedenen personen entnehmen, das pronomen da und dort zurücktreten, s. unter e).
a)) das wir unser gewisszen auff Christum bauetten und sunst auf nimant. Luther (pred. am 23. 3. 1521) 9, 624; ebenso (24. 6. 1522) 10, III, 202; und doch ihr böses gewissen damit nirgend können decken noch wermen. (das diese wort ...) 23, 207; soll sie ihr gewissen ... ihrer gesammten societaet in verwahrung geben, weil diese zubrechliche waare nirgends besser, als in der geistlichen garderobbe der löblichen Jesuiter-gesellschafft auffgehoben werden kan. (H. A. v. Ziegler) des träumenden Pasquini kluge staats-phantasien (1699) 319; sie (die Jesuiten) müssen von anfang wenn sie sich dem orden widmen wollen ihr gantzes gewissen offenbaren, dieses wird alle 6 wochen wiederholt. Lichtenberg aphor. 2, 95 Leitzmann; vgl. eim unsere gwüszne offenbaren. Frisius 303a u. a.; sondern wo er sein gewissen also verletzet, dasz zwahr die gnade noch nicht gantz verlohren, iedoch das gewissen ziemlich versehret wird. Spener erste epistel Johannis 434;

[Bd. 6, Sp. 6264]


o kahle rache ... dadurch man sein eigen gewissen be flecket. Grimmelshausen Simpl. 66; sein gewissen beflecken. Rädlein 1, 384b; sein gew. rein erhalten. Campe 2, 366b; auff das ir mir fur gottes gericht des solt zeugen sein, damit ich mein gewissen erledige. Luther (pred. 2. 8. 1523) 12, 649; und weiset si unter andern dingen das si des ersten raumte ir gewissen mit einer ganczen lauter peicht. Joh. Meier vorrede zu Elsbet Stagel 6 Vetter; damit rainigst das gewissen dein. H. Sachs fab. u. schw. 4, 77;

mit keuffen würtzt sie ihren tranck,
durch keuffen leert sie ihr gewissen,
und keuffen ist ihr lob-gesang.
Joach. Rachel satir. ged. (verkehrtes weiber-lob) 145;

vgl. sin gwüssen ringeren. Cholinus - Frisius; ringert dadurch ewer eigenes gewissen. Abr. a S. Clara mercks Wienn (1680) 135; sein conscientz oder gwüszne entladen. Frisius 1137a; sein gew. entladen. Rädlein 1, 384b u. a.; damit ich nun aber mein gewissen auch erleichtern müge. Gottsched Reineke fuchs (1, 17) 34 (dat min sele krige quiteren. Reinke de vos; anders Göthe); sein gewissen beschweren, devincere se scelere conscientiae. Calvisius 330b u. a.; will geschweigen des mehrmahligen betrugs und unbilligen gewinns, mit deme gar viel ihr gewissen beschwehren. Abr. a S. Clara etwas f. alle (der kauffmann) 1, 140;

ein mund der warheit liebet,
der sein gewissen nicht mit falschheit gern betrübet,
bedarf des schwerens nicht.
Rachel satir. ged. 90;

ist jemand weltgelart, der rechten wie geflissen,
in ränkken abgeführt und träget sein gewissen
umb geld und gaben feil, hat nichts als vortheil lieb ... 72;

sein gewiszen nicht achten, contemnere, negligere conscientiam. Stieler 2568 u. a.; also hänget mancher sein gewissen an den zaun. M. Möller erklär. d. evang. (1729) 528a; sein gewissen an einen nagel hencken, conscientiam negligere ... Aler 1, 940b; ebenso (an den nagel) Rondeau, Schwan (zur abstreifung des pronomens vgl.: hat das gewissen an nagel gehängt. Kirchhofer 154 s. auch unten); he hât sîn gewieten vör der dühr liggen, wenn he ut geiht (Lippe). Wander 1, 1674; das ist einer von den puncten, worinn weibsbilder immer ihr gewissen lügen heissen. Wieland Shakespeare (wie es euch gefällt 3, 8) 2, 92;

ich sollte mein gewissen in mir schweigen,
die laute stimme, die mich buhlin nennt?
Tieck (Genoveva) 2, 149;

der herr wird hiemit als ein gewissenhaffter rechtsgelehrter mann zum schiede-richter, zwischen mir und meiner tochter erwehlet, bei seinem ausspruch soll es bleiben, und also wird der herr sein gewissen bedencken. Stranitzky ollapatrida ... Fuchsmundi 10 (Wiener neudr. 10, 65);

du bist nicht ohne ehrgeiz, möchtest gerne
grosz sein, doch dein gewissen auch bewahren.
Schiller (Macbeth 1, 9) 13, 27;

du warst mir immer gnädig, — so vergönne,
dasz sich dein rath bewahre sein gewissen!
Friedrich der zweite kann die wahrheit tragen.
drum ohne umschweif: herr, du beugst sie nicht,
du wirst sie nie besiegen, diese kirche.
K. Immermann (kaiser Friedrich der zweite 2, 9) 17, 205.


b)) häufig begleitet das pronomen auch wendungen, deren subject auf eine andere person weist als das object, sie bleiben aber hinter den reflexiven doch zurück: obligare religione, vel obstringere, eim sein gwüssen beschwären, eim ein gottsforcht einstossen. Cholinus - Frisius 750a; ebenso Frisius, Maaler (von Calvisius ab jedoch reflexiv gefaszt, s. o.); zaigen uns den gwalt an ausz der hailigen geschrifft, das si uns beim bann und einer todsünd unser gewissen also mügen beschweren! Seb. Lotzer (ermahnung an die einwohner zu Horb) 28 Goetze; ebenso (christl. sendbr.) 39; dasz ihr unser gewissen nicht beschweren mögt, und uns eine sache, die wir nie sahen, nie hörten, bekennen laszt. Tieck übers. des don Quixote (1, 4) 15, 22; eim sein gwüszne beladen. Frisius 1137a; und dürfen sie sein gewissen nicht belasten. Schopenhauer (grundlage der moral 9) 3, 551 Grisebach; exolvere religione, eim sein gwüssen ringeren, einer gottsforcht entledigen. Cholinus-Frisius 750a (einem von seiner gwüszne entledigen, der gwüszne raumen. Frisius 1137a; ebenso Maaler 202a); das gleiche ist von Reyher ab reflexiv, s. o. sp. 6247;

[Bd. 6, Sp. 6265]


wann mir meine sünde will
machen heisz die hölle,
Jesu, mein gewissen still.
Sigm. Birken 'Jesu, deine passion ...' (Freylinghausen) 119b;

ebenso Rist himml. lieder (4, 3) 231; wer nu durch disen artickel sein gewissen verbinden lesset, der verleügnet abermal Christum und sein blt. Luther (sendbrief an die gemeinde v. Eszlingen) 12, 157; vgl. sein ... gewissen zwingen (alicujus). br. d. u. litt. 12, 207; heth goth wollen haben, das ein mensch solt unszer gewissen reitten, heth er woll laszen S. Peter auffsitzen. Luther (pred. am 24. märz 1521) 9, 634; das grosse feine leute ... mein gewissen erseufften (auff d. königs v. England ...) 25, 31;

dann wer dich liebt, den liebestu,
schaffst seinem hertzen fried und ruh,
erfrewest sein gewissen.
Joh. Heermann o Jesu, Jesu, gottessohn 1, 293b Fischer u. Tümpel;

sprich heilandt nur ein wortt, bald wird, was itzt mich nagt,
was mein gewissen krenkt, was meine seel' anklagt,
und aller teufel macht, im augenblick verschwinden.
Gryphius sonntagssonette (13) Welti s. 18;

dieser so groszer hauff bedenckwirdiger ... ursachen ... ziehen mein gewiszen zurück, dass ich ewerm auszspruch (todesurtheil über d. angeklagten) nicht beifallen ... kan. Kirchhof wendunmuth (3, 60) 2, 327; da fragt euren beichtvatter, er hat euer gewissen, und nicht ich zuverwalten, ich bin nur euer sachwalter, er aber euer seel-verwahrer. Abele künstl. unordn. (1, 15) 1, 131; dazu vgl. auch (s. o.) ihre gewissen unterrichten. Luther 18, 400; auffällig ist im folgenden der transitive gebrauch der verbindung mit schlagen, der das substantiv ausnahmsweise in die stelle des objects (zum subject, s. sp. 6261) zieht: groszvaters waren auch still und mürrisch; wahrscheinlich schlug das begangene unrecht ihr gewissen. Jer. Gotthelf (bauernspiegel 2) 1, 32 Vetter.
4)) mit besonderer zähigkeit hält sich das possessivpronomen in den präpositionalverbindungen; immerhin läszt sich auch hier beobachten, dasz einzelne derselben das pronomen mehr und mehr abstreifen.
a)) die präpositionalverbindungen, deren pronomen sich auf das subject des satzes bezieht, überwiegen in beiden richtungen: conscientia convinci, in seinem gewissen überzeuget werden. Reyher 1, 1365 (vgl. im gewissen überzeugt. Garth - König 136a); habe mitleiden mit mir, sagte der zitternde esel ... wahrhaftig, du tauerst mich; versetzte der wolf. und ich finde mich in meinem gewissen verbunden, dich von diesen schmerzen zu befreien. Lessing (fabeln 1, 28) 13, 205; die äbtisin sah der sache lange nach; endlich hielt sie sich doch in ihrem gewissen verbunden, die fromme tändelei dem beichtvater zu entdecken. Immermann (epigonen 7, 5) 4, 36 Maync; bei denen, welche brandmahle, in ihrem gewissen haben. Butschky rosenthal 150; müszet ihr nicht, wider euren willen, gott in eurem gewiszen lästern. Herder (Johannes offenbarung) 9, 59; vgl.(s. o.) in iren gewissen. J. Horn; thuets ainer nit, sondern gedenckt an sein gewissen. Ferdinand II. v. Tirol spec. vit. hum. (1) 16 Minor; geh in dein gewissen. Heinr. Müller geistl. erquickst. 183; nachdeme sie nun in ihr gewissen gangen, gott und dem h. Antonio ihren fehler bekennet. Fr. Caccia hl. Antonius v. Padua (1692) 161; in sein gewissen gehen, in sich selbst gehen, in sein eigen gewissen greiffen, penser ou songer à sa conscience, mettre la main sur sa conscience, entrer en soi mesme, descendre en son cœur, battre sa poitrine, frapper sur sa poitrine, in seipsum inquirere, animum suum explorare. Duez (1664) 199b; Aler 1, 940a (in seipsum descendere, conscientiam suam excutere); dagegen vgl. den abfall des pronomens in der mundart, s. Schmeller 22, 1036; der wohlmeinende autor bezeuget mit seinem gewissen, daz er ... keinen menschen habe wollen ärgern. vom schnackischen Katzen-Veit vorr.; mus ich mit meinem guten gewissen bekennen. Stranitzky ollapatr. 6 (Wiener neudr. 10, 4) vgl. sp. 6272; (Philto:) kann ich ... erfahren, worinn das verbrechen besteht, das man mir schuld giebt? (Salentio:) so? sie müssen mit ihrem gewissen schon vortrefflich zu rande sein, dasz es ihnen nicht selbst gleich beifällt. Lessing (der schatz 3) 23, 133; vgl. auch (s. o. gewissen und gefühl) J. G. Forster briefw. 1, 502; er war

[Bd. 6, Sp. 6266]


mit seinem gewissen im reinen, ohne welchen stillen gesellschafter er sich als handelsherr nicht glücklich fühlte. G. Keller (leute v. Seldwyla, d. verlorene lachen) 5, 287;

ich wolt, samer potz dreck! pei meim gewissen
in haben hewt
vor euch geplewt,
das er sich het peschiessen.
H. Sachs (der grob dritt rawsch) fab. u. schw. 3, 405;

etwas bei seinem gewissen betheuern, recarsi la mano su'l petto, mettre la main sur la conscience. Rädlein 1, 384b; ernüchtert, bin ich von meinem gewissen hart gescholten worden. Immermann (epigonen 4, 17) 3, 339 Maync; ein schein vom pastor und amtmann darüber würde den richter nicht bewegen, der euch nach seinem gewissen zum galgen verdammt hätte. Lichtenberg aphorism. 2, 61 Leitzmann; ebenso (s. sp. 6256) von ihrem eignen gewissen und wissen. Grimmelshausen wiedererstand. Simpl.; nach unserm besten wissen und gewissen. Göthe u. a.; zu seiner ruhe und nach seinem gewissen. Herder; nach seinem gewissen handeln, to discharge your conscience, s. gewissenhaft handeln teutsch - engl. lex. 2, 775; ähnlich Rondeau, Adelung, Campe; nach meinem besten gewissen. Göthe (Reineke fuchs 11) 40, 202; frei gedenke ich zu leben nach meinem gewissen auch gegenüber seinem willen. G. Freytag (ahnen 3, 12) 10, 307;

ach welcher mensch darff wol auff sein gewissen sagen
es habe seinem sinn gar niemals fehl geschlagen?
Martin Opitz (elegie) teutsche poemata 21 Witkowski;

ebenso (ich sag es euch auf mein gewissen) Gellert fab. u. erz.: der held u. d. reitknecht; vgl. auch Adelung, Campe; sich auff sein gutes gewissen berufen. Zesen Assenat 461; ich versichere euch auf mein gewissen, I assure you upon my conscience. teutsch-engl. lex. 2, 775; auf sein gewiszen hinnehmen, conscientiam suam onerare quadam re. Stieler 2568; ähnlich Aler 1, 940a; Schwan 1, 747b; fast alle hat der staat auf sein gewissen, die ersteren durch druck, die letzteren durch schwäche. Jahn (deutsches volksthum 9, 4) 1, 362 Euler; dass meine frau eines armen menschen leben auf ihr gewissen lüde. J. H. B. Lenz pandämon. German. s. 28 E. Schmidt; noch mehr aber lud ich auf mein gewissen. P. Heyse mönch v. Montaudon) II, 5, 221; ebenso (donna Lionarda) 11, 215; ehmals, wenn man ein schlechtes buch schrieb, so hatte man es auf seinem gewissen, wenn jemand verführt oder angeführt wurde. Lichtenberg aphorism. 2, 155; der vater hat's auf seinem gewissen, der so einem Lappländer eine von seinen überleyen stieftöchtern gibt. Ant. Wall (Chr. Heyne) der stammbaum (2) 51; und ich werde es endlich über mein gewissen bringen können, einem wunderlichen vater die stirne zu bieten. Lessing (der misogyn 1, 4) 23, 14; das machet, man prediget allenthalben unitze ding, si predigen wider ir gewissen, das man nur geren höret. Seb. Lotzer (ermahnung an die einwohner zu Horb) 35; wer wider sein gewissen redt schwert und thut. Lehman 313; ach jungfer Lieszgen, sie rede nicht wider ihr gewissen. Weise erznarren (12) 71 neudr.; vgl. auch (s. o.) wider sein wissen und gewissen;

heisz sie dein liebstes hertz, auch wider dein gewissen.
Joach. Racher satir. ged. (das poet. frauenzimmer 138) 20;

wer schmeicheln kann,sitzt oben an,
ist zum placebo gflissen;
sagt der herr ja,spricht er ita
wider sein eignes gwissen. die argen drei, vgl.
Hoffmann gesellschaftslieder 2, 175;

las sein, das du für deinem gewissen gerecht, heilig, starck seist. Melanchthon ep. Paul. zu den Römern s. 66b; und solche andeutung wolltest du vor deinem gewissen vertreten? F. Reuter (stromtid 2, 25) 2, 386; es galt für besonders hoffnungsvoll, dasz kleine priester der kirche durch ihr gewissen zum austritt gedrängt waren. G. Freytag (Karl Mathy) 22, 225; musstu es ein sacrament heissen, nicht das dirs deines gewissens halben not sei, sondern das es not ist, die christliche freiheit zu bekennen. Luther (wider d. himl. propheten) 3, 63a; der alte herr hatte lange über diesen entschlusz mit seinem zartsinne gefochten; endlich aber war er doch zu dem resultate gediehen, dasz er ihn unbeschadet seines gewissens

[Bd. 6, Sp. 6267]


ausführen dürfe. Immermann (Münchhausen 6, 4) 2, 127 Maync.
b)) dem gegenüber treten die präpositionalverbindungen nun zurück, in denen das possessivpronomen nicht auf das subject des satzes weist: wie an seinem gewiszen, so nagt der wurm auch an seinen gebeinen. Herder (wie die alten den tod 11) 15, 480; in dem ersten abschnitte Jerusalems wird die frage religiöser eide nicht blos berührt, sondern vornehmlich der episcopalkirche in Groszbrittanien zum nachtheil alles, was zu den alten gesagt ist ventiliert, und in ihr gewissen, wie in einen glühenden backofen geschoben. Hamann (fliegender brief an niemand den kundbaren) 7, 120 Roth; wohl, ich dringe nicht weiter in sie. aber die zukunft der beiden schiebe ich in ihr gewissen. Immermann (Münchhausen 8. buch, letztes cap.) 2, 407 Maync; vgl. auch (s. o.) in ire gewissen heim geben. Luther 9, 525; einen bei seinem gewissen erinnern, adhibere conscientiam alicujus. Calvisius 333a; genau so Stieler 2568;

o Jesu voller gnad, ...
las du auff mein gewissen
ein gnaden tröpfflein fliessen.
Joh. Heermann wo sol ich fliehen hin 1, 268a Fischer u. Tümpel;

wer einen rechtschaffenen rector in der schule hat, der soll ihm die lectiones samt der jugend auf sein gewissen binden. Weise die drei ärgsten erznarren (14) neudr. s. 86; das ist mir auf mein gewissen gebunden, hoc fidei meae commissum est. Steinbach 2, 1060; ebenso Rondeau, Schwan; darumb sei das eim iglichen auff sein gewissen gestellet, wir mugen sein hertz nicht richten. Luther (der prophet Jona) 19, 212; ich stelle es auf dein gewissen, je remets tout sur ta conscience. Duez 199b; wollen sie (die sacramentirer) nicht zulassen, das haben wir auff jr gewissen geschoben. denn wir haben gottes wort und den text für uns, den sie nicht haben. Luther (pred. über 5. Mos. 7) 28, 669; einem etwas auff sein gewissen geben, alicujus conscientiam religione astringere. Aler 1, 940a; ebenso Steinbach, Frisch, Adelung;

sagt könig Ottokar ...
das ganze legt' ich ihm auf sein gewissen,
was er entscheide, das sei mir genehm.
Grillparzer (könig Ottokar 1) 65, 24;

und so möcht' ich wohl Ulriken, das sanfte ruhige kind, auf ihr gewissen fragen: ob ihr nicht irgend etwas zu meinem vortheil aufgegangen sei. Göthe (an frau v. Levetzow) br. 38, 274; ich frage sie auf ihr gewissen. Thümmel (reise ... 4) 4, 23.
γ) attributive adjectiva übernehmen die kennzeichnung des trägers des begriffes erst spät. beim fem. war solches attribut überhaupt nicht beobachtet, und beim neutrum zeigt die bibelübersetzung noch kein beispiel, auch ein entsprechender beleg aus Luthers freiem stil bleibt lange vereinzelt: denn auch fast alle, die von Rom wider komen, bringen mit sich ein bepstlich gewissen, das ist einen epicurischen glauben. (wider d. bapsttum) 8, 214a; ein richter ... müsze hierin sein privat menschlich gewiszen nicht zu rhat ziehen. Lehman 314; und so erscheint uns denn heute der staat ... als der allgemeine schulmeister und kindererzieher ... als das öffentliche gewissen. Kempel göttliches sittengesetz und neuzeitl. erwerbsleben (1902) 145; vgl. schon W. E. v. Ketteler; ist das gesetz das öffentliche gewissen?, vgl. allgemeines, privatgewissen. ebenda s. 11; freilich sind wir in Sachsen hier durch den verfluchten vertrag in die unbequeme lage gekommen, dasz wir das officielle gewissen haben und unsere gegner das böse. Freytag an Treitschke (6. 11. 1866) briefw. 126; herr Thomas risz den procesz vor den könig; dieser aber wollte nichts von gnade hören, sondern sagte majestätisch: 'kanzler, ich bin das christliche gewissen von Engelland, ich kann nicht!' C. F. Meyer der heilige (4) 55, vgl. auch sein geistliches gewissen. P. Heyse (ital. nov. 2) II, 2, 280; 'nein', rief der alte baron, 'was andere sich erlauben, das ist mir unverboten! ich habe in solchen dingen gar kein privat-, sondern nur ein standesgewissen. Immermann (Münchhausen 3, 8) 1, 331 Maync, s. auch theil 10, 2, sp. 753; eben so stand auch seinem bürgerlichen gewissen ein harter kampf bevor, indem bei bestimmter austheilung der rollen die damen ausdrücklich darauf bestanden, dasz

[Bd. 6, Sp. 6268]


er mitspielen müsse. Göthe (lehrj. 3, 6) 18, 273; die motive, von denen er sich sagen muszte, dasz sie vor dem strengen forum seines edelmännischen gewissens nicht stand zu halten vermochten. Stilgebauer börsenkönig (5) 173.
δ) mit den trägern des begriffes ist auch der geltungsbereich gekennzeichnet, und gerade in den letzten belegen ist die bedeutung des substantivs hiedurch eigenartig differenziert. in dieser richtung bewegen sich im neueren stil auch verbindungen mit adjectiven und substantiven, die eine beziehung auf den träger ganz abstreifen; vgl. oben sp. 6226.
1)) das bewusztsein, die aufmerksamkeit, die abstraction, und selbst das moralische gewissen scheinen grösztentheils energien unserer freiheit zu sein. Hamann (philol. einfälle) 4, 43 Roth; die achtung der erwachsenen ist sein (des kindes) äuszeres gewissen. Immermann (memorab. 1: Fichte) 5, 399 Maync; dasz es eben so unbillig sein würde sein ästhetisch gewissen zu zwingen, als einen israeliten lüstern zu machen — zu pommerschen schincken. briefe die neueste litter. betr. 12 (1762), 207 (192. brief); (sein aesthet. gew.) Immermann (epigonen 6, 7) 3, 409; wir haben dergleichen schönheiten auch im Hermann entdecket; und der verfasser hat uns versprechen müssen, sie nach seinem dichterischen gewissen zu beurtheilen. Schönaich die ganze ästhetik ... 267 Köster; man könnte das gewissen unserer empfindsamen ein poetisches gewissen nennen, conscientiam poeticam. G. Chr. Lichtenberg (aphorism. F 604) 3, 232 Leitzm.; um so etwas zu machen musz man alles poetische gewissen, alle poetische scham nach dem edlen beispiel der Italiäner ablegen. Göthe briefe 18, 41; das gleiche (lehrj. 3, 6) 18, 273; ebenso Immermann (Düsseldorfer anfänge) 20, 166; leichter hätte ich die mannigfaltigen steine und felstrümmer der bäche, in reicher unordnung über einander geworfen, beherrschen können, wenn nicht mein künstlerisches gewissen verdunkelt gewesen wäre. G. Keller (grüner Heinrich 2, 6) 117, 278; 'freilich hast du geschafft und gemehrt!' rief in mir die stimme des politischen gewissens. (4, 5) 3, 82; zu anderer zeit und in anderer gesellschaft hätte sein archäologisches gewissen sich nicht so schnell mit den denkwürdigen trümmern abgefunden. P. Heyse (gesch. aus Italien: villa Falconieri) 2, 11 s. 44; antiquarisches gewissen. Immermann 1, 177; A. Voegtlin, das neue gewissen. Leipzig 1889.
2)) uber disz hab ein mensch der im ampt ist ein ampts gewissen, als ein richter der müsse nach seines ampts gewissen das und anders thun. Lehman 314; pünktlichkeit, strammheit, akkuratesse und dienstgewissen gingen ihm über alles. P. Heyse (Meraner nov.: der kinder sünde der väter fluch) II, 12, 163; wahrheits-, sprach-, reisegewissen s. Sanders erg.-wb. 645c.
c) die attributiven verbindungen, die uns der neuere stil schon bei den eben besprochenen gruppen nahegebracht hatte, zeigen nun auch auf ihrem eigentlichen gebiete in allen richtungen neben der bewahrung alten bestandes die spuren neuerer entwicklung, vgl. z. b. die zusammenstellung: gewissen. beiwrt. das redliche. reine. bestrtzte. rasende. unbefleckte. gute. siegende. behertzte. unverletzte. frliche. folternde. marternde. zagende. verwundete. eiter-volle. beulen-volle. geheilte. mit blut bespritzte. besudelte. tobende. Hamann poetisches lexikon (1737) 471.
α) für den grad der empfänglichkeit ist der gegensatz von DWB grosz und DWB klein noch einigemal belegt:

do hat man drab gewissen klein,
isszt visch und fleisch (in der fastenzeit) alls in gemein.
Ulr. v. Hutten (klag u. vermahnung 608) 3, 495 Böcking;

der massen thun wir alle, wen wir die gepoten fasten unnd feier halten ader brechen, so lang bisz das durch ubersehen unnd schlaffen der prediger dahin mit uns kummen ist, das man ein grosser gewissen macht, so iemant ein stuck brot auff ein fast abent esse, den ob er sich vol trüncke oder fluchet. Luther (v. dreierlei gutem leben) 7, 796; dazu vgl.: für weltleute ist der spiegel noch das einzige gewissen, das ihnen ihre fehler vorhält und das man wie das gehirn, ins grosze und kleine eintheilen musz, das grosze gewissen sind wand- und pfeilerspiegel, das kleine steckt in etuis und wird als taschenspiegel herausgezogen. J. Paul (unsichtb. loge 20. sektor) 1, 192.

[Bd. 6, Sp. 6269]



1)) vor allem aber ist es der gegensatz zwischen weit und eng, der gepflegt und in immer neuen bildern wiederholt wird:

gib uns zum herren ja kein kind,
nicht reth, die weits gewissens sind.
Nic. Selneccer christl. psalmen (1587) 120;

weit gewissen, raum gewissen, dilatata conscientia. Henisch 1604; (huren- sive weites gewissen) Stieler 2569; (ein weites gewissen haben, conscienza larga) Rädlein 1, 384b; Rondeau, Adelung, Campe; anders Schwan (sich über nichts ein gewissen machen, avoir la conscience large) 1, 748a; welcher ein zimlich weites gewissen hat. unterredung eines fürnehmen Ungarn (1664) C 3a; ich lachte noch und sagte, wir advokaten hätten ein weiteres gewissen, wir schrieben eine halbe seite mit sogenannten kurialien voll, bei denen noch nie ein mensch etwas gefühlt habe. P. Heyse (neue moral. nov.: getreu bis in den tod) II, 4 s. 53;

das er sich hüet vor undanckparen leitten;
wan alle guetheit ist an in verloren,
sie stent in der hochsten undügent pranger
und haben gar ain löcheret gewissen.
H. Sachs fab. u. schw. 3, 6; s. auch sp. 6271;

und wenn sich ros' und schnee in vollem busen bleht,
bekäm' auch Socrates ein schlüpffriges gewissen.
Joh. Chr. Günther (auf die verlobung mit seiner Phyllis) ged.2 687;

ein schwere enge und betrubt gewissen, das nimmer kein ruge hatt. Luther ausleg. der ep. u. evang. des advents (1522) N 5b; angstgewiszen, sive enges gewiszen, conscientiam (!) timida, mens anxia. Stieler 2568 (vgl. religio, enge gwüszne. Cholinus - Frisius 750a); er hat ein so enges gewissen, dasz ein wagen heu könne dardurch fahren, fide conscientiae non commovetur. Aler 1, 941a; ein enges gewissen haben, aus furcht vor gewissensbissen nichts böses oder wenig böses zu thun wagen. Campe 2, 366b; dazu vgl. auch: es ist sibenderlai gewissen, die erst haisset ain ze gewisse gewissen, die ander haisset ain ze weitte gewissen. Münchner handschr. v. 1455, s. Schmeller 22, 1066.
2)) unter diesen beiden contrastbegriffen erschlieszt nur das enge gewissen einen weiteren kreis von neuen attributen. schon Luther variiert es mit blöde und schwach, der neuere stil führt zart, leise, streng ein: do sihestu was ein scheuicht, forchtszam gewisszen thutt, wie gar ein erschrocken und feig ding esz ist. (pred. über 1. Mos.) 14, 175; wenn iemand ... ein blöde, schwach gewissen hat. ausleg. ... v. d. hl. dreikönige fest (1525) e 1a; vgl. auch das 17. cap. Joh. (1530) G 3a; ein schwach blöd gewissen. Henisch 1604; alszo musz auch hie ein blöde, klein mütig gewissen wider seine gedancken auff das testament Christi pochen. Luther (ein sermon v. d. neuen test.) 6, 362; Tycho suchte doch für sein oder für andrer schwaches gewissen ein drittes system, wobei die erde stünde. Herder (Kopernikus) 9, 511; die begierden (stritten) mit ihrem zarten gewissen. Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3 (1713), 405; dagegen kannt' ich manchen wackern, frommen mann mit zartem gewissen. Bräker d. arme mann im Tockenburg 7 Bülow; ein zart gewissen, a tender conscience ... teutsch-engl. lex. 2, 775; desgl. Aler 1, 939a u. a.; ich empfand auch nicht die geringste incomodität darauf, und mein gewissen — das war so ruhig und stille wie ein mäuschen ... wenn es eine sünde gewesen wäre, hätte es mir mein zartes gewissen schon längst gesagt. das casino (Grätz 1799) s. 8; es zeugt von einem zu zarten gewissen, welches das aigene moralische selbst so hoch schätzt, dasz es ihm nichts verzeihen will. ein solches gewissen macht hypochondrische menschen! Göthe gespr. (mit Eckermann 29. 5. 1831) 8, 50 Biedermann;

die gaben
(wie ihr auch zimpert) fänden doch wohl raum
in eurem saffian-zärtlichen gewissen,
wenn ihr's nur dehnen wolltet! (your soft cheveril conscience).
Schlegel (Heinr. VIII. 2, 3) 3, 335 Brandl;

und ob wohl denen verbitterten bauren ein zärtliches gewissen und gründliche überlegung oder einsicht derer wider sie vorhandenen umstände am allerwenigsten zugetrauet. Klingner dorf- u. baurenrechte 2, 323; dagegen musz ihn ein zarter halt in seinem innern, ein leises gewissen in seiner brust schützen. Immermann (Düsseldorfer anfänge) 20, 165; wenn ihr strenges gewissen es erlaubt. Detl. v. Liliencron (aus marsch und geest) 2, 235.

[Bd. 6, Sp. 6270]



3)) sonst sind hier nur wenige attribute, die auf den grad der empfänglichkeit zielen, beobachtet: das wir ein unerschrocken gewissen und ein frolich hertz haben. Luther (die ander epistel S. Petri u. eine S. Judas) 14, 18; unüberwindliches gewissen. 3, 292; und so geniesze das glück einer ruhigen beschränkung, den beifall eines bedächtigen gewissens. Göthe (Clavigo 4) 10, 104; vgl. auch oben (sp. 6223) das selbständige gewissen; und so wird man mit bestochenem eigenem gewissen vor gott und menschen ein eitler scheinheiliger popanz. Herder (kl. schriften) 18, 364;

ihr halb erwachendes gewissen
will eingeschläfert sein.
Wieland (Pervonte 3) 18, 194; vgl. auch sp. 6274.


β) unter dem einflusz dogmatischer und philosophischer erörterungen wird der auf die functionen des subst. zielende gegensatz zwischen sicherem und unsicherem, richtigem und irrendem gewissen angebaut: ein sicher gewissen, das der sachen gewis ist, fitzelt und fetzelt nicht also, es sagts dürre und frisch eraus, wie es an ihm selbs ist. Luther (dasz diese wort Christi) 23, 89; recht gew. und verstand haben. sat. u. pasqu. (s. o.); wenn dieses urtheil wahr ist, so heisset es ein richtiges gewissen: ist es aber falsch, ein irriges gewissen. Chr. Wolff ged. v. d. menschen thun u. lassen § 74 (1720) 45;

und nimmer hat ein mann vom richtigem gewissen
der eintracht einen freund verlockt, entwöhnt, entrissen.
Hagedorn (die freundschaft) 1 (1771), 52;

gewissen, ... wird eingetheilt in conscientiam rectam, erroneam, scrupulosam etc. Joh. Hübner natur- kunst- .. lex. (1776) 978; aber es sind wort, da mit sie ihr unsichers gewissen gerne bergen. Luther (dasz diese wort) 23, 89; mein gemacht gewissen. (auff d. könig v. Engl.) 23, 31; ein zweifelhaftes gewissen, conscience scrupuleuse. Rondeau 2, Uu 3 f.; das irrende gewissen. Adelung 2, 660; Calixt nimmt auch ein probables, irrendes und zweifelhaftes gewissen an. Stäudlin gesch. d. lehre v. d. gegewissen 83; vgl. auch s. 84; es ist durch die so eben gegebene deduction auf immer aufgehoben und vernichtet, die nach den meisten moralsystemen noch statt findende ausflucht eines irrenden gewissens. das gewissen irrt nie, und kann nicht irren; denn es ist das unmittelbare bewusztsein unsers reinen ursprünglichen ich, über welches kein anderes bewusztsein hinausgeht. Fichte sittenlehre (1798) 226; demgemäsz gab es ein zweifelndes, ein meinendes, ein irrendes gewissen. A. Schopenhauer (grundlage d. moral 13) 3, 574 Grisebach.
γ) mit den letzten attributen berühren sich am nächsten die attribute, die den zustand des substantivs kennzeichnen: nu ist alle zeit ein gut, sicher, frölich gewissen, bei denen, die unrecht leiden ... darumb bringt unschüldig leiden, natürlich mit sich unschuld, gut, sicher und rügig gewissen ... und können nicht so ein fein, still, rein gewissen haben, als die, so unrecht leiden. Luther (verantwort. der auffrur) 6, 10b Jena;

wirt auch mit sorgen nit gepissen (die ehrliche armut),
hat ain sicher und guet gewissen.
H. Sachs (fabel v. d. haus- u. feldmaus) fab. u. schw. 2, 14;

freude uber alle freude, ist ein gut sicher gewissen, und leid uber alles leid ist das hertzleid, das ist, ein böse gewissen, denn ein böse gewissen, ist die helle selbs, und ein gut gewissen, ist das paradis und himelreich. Luther (verantwort. der auffrur) 6, 10b Jena; während das fem. den gegensatz von rein und unrein (beschwert und leicht) stärker pflegte, liegt beim neutrum der schwerpunkt auf dem gegensatz von DWB gut und DWB böse, der in ungewöhnlicher mannigfaltigkeit ausgestaltet erscheint, vgl. auch sp. 6246. 6250/1. der neuere contrastbegriff zu gut, das im heutigen zwanglosen stil so beliebte attribut schlecht, ist litterarisch verhältnismäszig wenig beobachtet:
1))

wer ein lauter (var. lauters) gewissen hat,
der furchtt den tod nit früh und spat.
Albr. Dürer (d. landsknecht u. d. tod) nachlasz 91.

sihe das dein gwissen sei rain
unnd gegen den armen kain stain.
Rösch v. Geroldshausen wunschspruch 662 Fischnaler;

vermittelst eines reinen gewissens. Aeg. Albertinus landstörtzer Gusman 317; das gleiche Grimmelshausen Simpl. 65 neudr.; Zesen Assenat (6) 268;

[Bd. 6, Sp. 6271]


ein ruhig hertz und rein gewissen
wird doch von aussen nicht verstöhrt.
Joh. Chr. Günther (als er sich über nichts betrüben wollte) ged.2 89;

vgl. auch J. Heerman 1, 308a Fischer u. Tümpel; conscientiae fide non commoveri, ein unverruckt unverseert gewüssen haben. Cholinus - Frisius 204b; ebenso Frisius und Maaler; die da ihre anvertraute ämbter mit unversehrtem gewissen verrichten. Abr. a S. Clara etwas f. alle (der beambte) 1, 48;

o, er hat ein weiches kissen:
ein noch unentweiht gewissen.
Grillparzer (ahnfrau 1) 34, 35;

dann gemeinklich alle, so gein Rom ziehen, bringen dreierlei wider mit jn herausz ... ein vorlipt gewissen, einen bsen magen, und leren seckel (depravatam conscientiam). Hutten (Vadiscus) 4, 169;

und sein verwund gewissen heil;
lasz sie am himmel haben theil.
Joh. Heerman o Jesu Christe, wahres liecht bei Fischer u. Tümpel 1, 307a;

die exempel derer, welchen das verletzte und beschwerte gewissen grosse hertzens-angst verursachet hat, können davon zeugen. Scriver seelenschatz (1, 8 § 19) 1, 105b; er hat ein gwissn man beutelt jung hund dardurch, dz ist, ein args zerrissens gmüt oder gwissen, das nichts bekümmert, gott geb wes argen es sich schuldig waisz. Simon Roth D 6a; vgl. sp. 6269 (löcheret gewissen); ein verletzt gewissen haben, to have a sorely wounded conscience. teutsch-engl. lex. 2, 775; wundes gewiszen, conscientia saucia. Stieler 1389; und allda in der kühlen grotta bei dem klaren wasser trübes gewissen, darvon tragen. Abr. a S. Clara mercks Wienn (1680) 72;

doch, wo die westfälischen edeln müssen
sich sauber brennen ihr rostig gewissen,
das wissen wir alle, das ward uns kund.
Annette v. Droste (das fegefeuer des westfäl. adels) 2, 445 Kreiten.


2)) der gegensatz von DWB gut und DWB böse, vgl.: das gewissen der unschuld ist sonach weder ein 'gutes' noch ein 'böses' gewissen im actuellen sinne, sondern nur die schlummernde möglichkeit. E. v. Hartmann (d. sittliche bewusztsein) 22, 259; ein erschröcklicher und armseliger handel ist es, wann der mensche ein böses gewissen hat ... ein böses gewissen, ist eine schwere last ... viel elender aber ist der jenige, der gar kein gewissen hat; und ob er schon alles ubels thut, es doch im gewissen nicht empfindet ... ein gutes gewissen, ist der zucker, so alles süsse machet: ein böses gewissen, ist der essig, welcher alles leben versäuert. Butschky rosenthal (1679) 150; vgl. auch oben sp. 6246.
a)) fides, est quod vulgo conscientiam dicimus, ein gt gwüssen. Cholinus - Frisius 368b; (bona, salva) Decimator Z 5d; ähnlich Calvisius, Schönsleder, Henisch, Stieler, Aler, Steinbach, Frisch; vgl. auch Adelung, Campe; mens sibi conscia recti, ein gmüt eins gten gwüssens. Cholinus-Frisius 204b; ebenso Frisius, Maaler; conscientiae tranquillitas, der friede eines guten gewissens. Corvinus 689; belohnung eines guten gewissens. Herder (über d. einflusz des schönen) 9, 294; lächeln des guten gewissens. Schubart 2, 290; sich seines guten gewissens ... trösten (se sustentare). Reyher 1, 1365 (tröste mich meines gewissens. Calvisius 333a); ebenso Stieler 2568; der gleichen eusserlich werck geübt, und ist kein gt rüwig gewissen da gewesen. Seb. Lotzer (christl. sendbrief) 38 Goetze; das gewissen der tugend ist das ruhige gute gewissen. E. v. Hartmann 22, 259; wo die hoffnung nicht ist, da ist ein gut gewissen. Paracelsus (spittalbuch, vorrede) chirurg. bücher u. schr. (1618) 309; der acht tischgenosz redete von der materi desz gewissens, unnd sprach: das allerbeste, welches ich under den menschlichen dingen finde, ist ein gutes gewissen. Aeg. Albertinus landstörtzer Gusman (39) 316; ein gut gewissen is doch 'ne schöne sach' in ollen dagen. F. Reuter (stromtid 3, 31) 3, 13; vgl. Schopenhauer (die welt als wille ... 4, 66) 1, 479; ein gut gewissen uberwigt unnd vertregt vil calumnien und verwente reden. Matthesius (Luther) 3, 145; das gute gewissen ertheilet den besten nachruhm. Harsdörffer frauenzimmer gesprechspiele 6 (1646), 277;

[Bd. 6, Sp. 6272]


ohne leben lebt der welt,
wer nicht gut gewissen hält;
gut gewissen in der zeit
hebt schon an die ewigkeit.
gut gewissen traut auff gott ...
Logau sinnged. (zugabe zum 3. tausend 99) Eitner 627/8;

vgl. dagegen: die einen meinten nun, das beste für jene welt sei zweifelsohne ein gutes gewissen, nur tauge es darum noch nicht sonderlich viel für diese welt. Eichendorff übers. v. don Juan Manuel's graf Lucanor (cap. 49) 175;

und thetn darzue niemandts unrecht.
hetn also ain guets gewissen.
Rösch v. Geroldshausen wunschspruch 105;

und wie from auch die sind, und was guts gewissen sie zu gott haben. Luther (vorr. auff d. widerleg. d. ... Valentinianer.) 6, 315b; ebenso (ein gutes gewissen haben) Faber u. a.; desgleichen Rinckhart Eisleb. christl. ritter 68 neudr.; Harsdörffer frauenzimmer gesprechspiele 2 (1657), 266; Abr. a S. Clara etwas f. alle (der soldat) 1, 67; G. Keller (leute v. Seldwyla, Dietegen) 5, 189; F. Reuter (stromtid 2, 20) 2, 327; disz taug nicht fr christenleut, die jmmer neben dem glauben ein gut gewissen bewaren müssen. Matthesius (hochzeitspredigten) 2, 110; ebenso (glauben unnd gut gew.) 3, 154 (Luther);

ich wolt ein gut gewissen
fort bei des glaubens zuversicht
zu halten sein beflissen.
Joh. Bornschürer (?) 'o gott, da ich gar keinen rath' Freylinghausen 332b;

ein hertz, das allezeit und sorglich ist geflissen,
zu tragen für der welt und got ein gut gewissen.
Joach. Rachel satir. ged. (freundt 670) 83 Drescher;

wo ein gut gewissen zu kriegen, da ist auch ein keckes oder mannliches hertz zu streiten wider die feind. L. Fronsperger geistliche kriegszordnung s. 7 Schneider; in diesem bewusztsein fand sie (die partei) das gute gewissen für ihre bewegung. Sybel begründ. d. d. reiches 34, 17; religiose testimonium dicere, treuwlich und mit gtem gwüssen, oder gottsförchtigklich. Cholinus-Frisius 750b; ähnlich Frisius, Stieler, Rädlein, Aler, Matthiae, Serz; mit einem guten gewissen etwas thun, bona mente, omnino, voluntate aliquid facere. Henisch 1603; ebenso Stieler, (das kann man m. g. gew. thun) teutschengl. lex., Steinbach, Rondeau, Schwan, Serz; vgl. auch Adelung; und dasz ein bergkman des bergkwercks mitt gttem gewüssen gebrauchen könne. Georg Agricola vom bergkwerck deutsch v. Bechius (vorr.) (1557) α 3a; ebenso (raten) Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3, 394 u. a., s. unten (f); dazu vgl. auch DWB nach unserm besten wissen und gewissen u. a., s. o. sp. 6256; praeclara conscientia sustentor, notor, ich lasz mich auff mein gut gewissen. Schönsleder V 6a; ich verlasse mich auff mein gut gewissen, consolor me mea conscientia ... nitor conscientia mea ... Calvisius 333a; das gleiche Aler 1, 939a; es sei besser sich auf sein guhtes gewissen, als auf eine ungewisse bedekkung seiner sünden, zu verlassen. Zesen Assenat (1679) 461; meine theure, gegen ein so gutes gewissen richtet man kaum durch impertinenz irgend etwas aus. W. Raabe schüdderump 191.
b)) bösz gewissen, mala conscientia, conscientia sceleris, mens sibi male conscia. Henisch 1604; böses gewiszen, mens male sibi conscia, conscientiae vulnus, et sollicitudo, mala, infelix conscientia. Stieler 2568; ein bösz gewissen, mens male sibi conscia, irrequieta. Calvisius 333a; bösz gewissen, conscientia infelix, impedita scelere conscientia, malae cogitationis, conscientiaeque animi terrent. Schönsleder V 6a; cauteriata conscientia, ein böses gewissen, brand-mahl im gewissen. Reyher 1, 946; labes conscientiae, ein böses gewissen. 2, 3916; conscientia mala. Garth-König 136a; conscientia scelerata. Steinbach 2, 1060; ein bösz und versehrt gewissen, une conscience cauteriste, conscientia laesa. Duez (1664) 199b; ein böses gewissen, conscientia infelix, mala, rea, scelerata, digna supplicio, impedita et oppressa mens scelerum conscientia. Aler 1, 939b; ein böses gewissen ist wie die höll, nihil est miserius, quam animus male conscius. 1, 941a; ich hab auch hundt, die mich treiben, das ist die sundt und bose gewisszen, das mich drucket. Luther (pred. am 28. märz 1521) 9, 646 Weimar; ebenso Abr. a S. Clara auff, auff ihr christen

[Bd. 6, Sp. 6273]


(Wiener neudr. 1, 107); dann das böse gewissen ist ein haas, es förcht bald disz, es förcht bald das. gehab dich wohl! (7) 108; dasz ein böses gewissen dem hahn Petri gänzlich gleiche ... ist dem menschen eine immerwährende folterbank ... ist ein zang, die allzeit zwicket ... es ist ein wurm der allzeit nagt. huy u. pfuy der welt (der hahn) (1707) 155; es mag der schönste tag sein, so donnert doch das böse gewissen; er mag gantz mäusel-still sein, so schreit doch das böse gewissen: das böse gewissen ist ein hund, der allzeit bellt, es ist ein hahn, der allzeit krähet, es ist ein glocken, die allzeit klingt. etwas f. alle (der uhrmacher) 1, 247; da hat ihn das böse gewissen also gegeiszlet. huy u. pfuy der welt (der hahn) 156; s. auch oben sp. 6252;

so scheuet das böse gewissen
licht und tag, es scheute der fuchs die versammelten herren.
Göthe (Reineke fuchs 1) 40, 5

(de quad deit, de schuwet gern dat licht. Reinke de vos 1, 1 v. 25 Prien; ebenso Gottsched); allein, mein vater seel. wolte es durchaus nicht leiden, sondern sagte: aus Italien bringe man nichts, als ein bösses gewissen, einen ungesunden leib, und einen ledigen beutel. Schupp freund in der not 22 Braune;

was träumt ihr nur von truppen stets,
die anderwärts nöthig und nirgends zu missen!
der ewige fürst Windischgräz
ist nichts als euer böses gewissen.
Grillparzer (a. d. nachlasz) 35, 166;

man kann sich leicht denken, dass diese stadt keine widerwärtigeren nachbarn haben konnte, als die leute von Seldwyla; auch saszen sie diesen hinter dem walde im nacken, wie das böse gewissen. G. Keller (leute v. Seldwyla, Dietegen) 5, 189; fürchten kan man jnen nit verbüten, ist ain zaichen aines bösen gwissens. Seb. Lotzer (entschuldigung der gemeinde zu Memmingen) 83 Goetze; ein böses gewissen haben. Aler u. a.; einer soll lieber schaden, dann bösz gewissen begeren, ursach die schand betrübt einmal, aber das bösz gewissen macht ein nagends gewissen. Henisch 1605; ebenso 1600; wellicher jhm ausz bösem gewissen selbs den todt angethon, wirdt nicht geklagt, qui sceleris conscientia sibi mortem conscivit, non lugetur. 1604; adieu welt ... bei dir ist ... kein gut ohn bösz gewissen. Grimmelshausen Simpl. 457 neudr.; wenn Isegrimm (F. A. Wolf) seine absurdität gegen mich immer erzählt, so deutet das auf ein böses gewissen. Göthe (an Zelter) br. 27, 220; als ich ... aber ... verlegen und mit bösem gewissen die ebenholzinstrumente mit einer unzahl silberner schlüssel, die groszen notenblätter sah ... G. Keller (grüner Heinrich 2, 8) 1, 294.
c)) das schlechte gewissen ist zuerst bei Fischart beobachtet in einem für lange zeit vereinzelten belege: dasz er (Rabelais) ein doctor der artzenei gewesen, und deszhalben jm ein schlecht gewissen gemacht, etwan von natürlichen sachen natürlicher zu reden. Gargantua (vorrede) 7 Alsleben; dazu vgl.: 'das macht das schlechte gewissen.' 'was du dir denkst! wir modernen menschen haben kein gewissen.' Rud. Huch krankheit (1903) s. 107.
3)) nicht in dem umfang des gegensatzes von gut und böse, aber doch in zahlreichen und mannigfachen belegen hat das neutrum noch weitere contrastbegriffe für die kennzeichnung des zustandes entwickelt:
a)) also muste der prophet Jona mitten im walfische beten und ruffen, unter dem schweren, untreglichen gewissen seiner sünde. Luther (16. cap. Joh. gepred.) 7, 203b;

wer dann in gottes namm nit wil,
der msz z letst in teufels zil
mit schwerem gwissen lenden.
Georg Grüenwald (?) kombt her zu mir (3, 128b Wackernagel);

mit schwerem gewissen beginne ich heute einen brief, zu dem ich mich schon mindestens zehnmal niedergesetzt. Treitschke an Freytag briefw. 171; so konnte ich besagten revers mit desto leichterm gewissen unterzeichnen. Heine (geständnisse) 6, 65 Elster; deshalb könnte man sich wohl über den mangel echter komödienform mit leichtem gewissen entschuldigen wie mit etwas 'ungermanischem', was eben nur bei den romanischen völkern zu suchen sei. aber dies gewissen ist leicht, diese entschuldigung ist nicht viel wert. H. Laube (einl. zu Gottsched u. Gellert) 2, 295 Houben; 'das ist auch eine

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freisprechung!' dachte ich und erhob mich mit erleichtertem gewissen, jedoch mit einer krausen empfindung. G. Keller (grüner Heinr. 4, 8) 3, 128.
b)) unnd kainem menschen müglich gewesenn ist, der unnder diszer gefenngknus (der ohrenbeichte) begriffenn, das er mit freiem gewissen sich hab mügen schicken z dem hochwirdigen sacrament. Seb. Lotzer (beschirmbüchlein) 66 Goetze; vgl. auch sp. 6250;

ein frei gewissen auch ist gar nicht angebunden
an den rumor desz volcks.
Opitz teutsche poemata 124 neudr.;

das sie gerne frome christen und ihrer sunde los weren, und frölich gewissen haben wollen. Luther deudsch catechismus gemehret (1529) P 7b;

der wird es wohl genieszen,
denn er durch gottes gnad erlangt
ein ruhiges gewissen. 'da Jesus an des kreuzes stamm' hannov. gesangb. 1646;

besitz ich nur
ein ruhiges gewissen:
so ist für mich, wenn andre zagen müssen,
nichts schreckliches in der natur.
Gellert d. glück eines guten gewissens;

das gleiche (mit en ungeheuer ruhigen gewissen) F. Reuter (stromtid 2, 28) 2, 423; vgl. auch (sp. 6271) das gute ruhige gewissen; also gehet dieser text alleine auff die, so durch gesetz und sunde ihr gefengnis fulen inn elendem gewissen und auff gnade hoffen durch Christus blut. Luther (der proph. Sacharja) 23, 617; der gleichen fabeln ... als vom Tondalo, der mit einer schweren bürden auff eim schmalen wege gehet, bedeut das arm gewissen mit sünden beschwert. Erasmus Alberus fabeln (vorr.) Braune s. 3;

grewlich beflecket ist mein arm gewissen.
Joh. Heerman herr Jesu Christe, mein getreuer hirte, bei Fischer u. Tümpel kirchenlied 1, 290a (var. mir ist befleckt sehr grewlich mein gewissen);

dardurch so vieler tausenden unschuldiger christen-blut ersparen: land und leute in esse erhalten; und das arme gewissen unbeschwehrt hätte lassen können. Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3 (1713), 115.
c))

es entspringt der helden-muth
von dem redlichen gewissen.
ohne welches geist und blut
niemahls wahre ruh geniessen.
Joh. Chr. Günther (der allzeit fröliche christ) ged.2 92;

dazu vgl. (dat ihrliche gewissen) F. Reuter (stromtid 3, 35) 3, 82; welche anmuthige gedancken manchem das hertz also säubern, dasz er unter dem eisernen harnisch ein guldenes gewissen tragt. Abr. a S. Clara mercks Wienn (1680) 148; genau so auff auff ihr christen (Wiener neudrucke 1) 93; ein lackei gewest, der auch unter der blauen liberee ein himmelfarbs gewissen getragen. 98;

er liegt so still im morgenlicht,
so friedlich wie ein fromm gewissen.
Annette v. Droste (haidebilder: der weiher 1) 3, 58 Kreiten.


4)) participiale attribute hatte schon das fem. zweimal belegen lassen, beim neutrum nehmen sie immer mehr zu, meist von verbis, die auch sonst gern das subst. begleiten: wie wol ihr bald darauff durch das nagende gewissen die gebüssete lust ziemlichen versaltzen worde. J. B. Carpzov leichpredigten (1698) 23; nagends gewissen, angor conscientiae, cruciari scelerum suorum conscientia, morsus et contractiunculae animi. Schönsleder V 6a; das gleiche Aler, Kirsch, Frisch dict. d. passag., Rondeau (s. auch gewissensbiss), Schwan, Adelung, Campe; hingegen der wurm eines nagenden gewissens, der beisst und reisst immer, der bellt und quält immer, der schneidt und schreit immer, der plagt und nagt immer. Abr. a S. Clara gehab dich wohl! (7) 108; (angst und nagendes gewissen) S. Gessner 1, 173 (s. o.); (qualvolles leben, ein fortnagendes gewissen) Thümmel 3, 85; vgl. auch (s. u.) F. v. Saar Heinrichs tod 82;

dein scepter dürstet nicht nach fremden blutvergiessen,
und also foltert dich kein bellendes gewissen,
das die tyrannen plagt.
Joh. Chr. Günther (Theodosius 1, 1) ged.2 964;

vgl.rasendes gewissen (Chr. Gryphius), s. Hamann poet. lex. 471; erwachendes gewissen s. o. (sp. 6270);

[Bd. 6, Sp. 6275]


gar mancher ist der weisheit nicht beflissen,
der wahrlich anders würde sein, verstünd' er
den ernst der tat im strafenden gewissen.
Chamisso sonette u. terzinen: ein baal teschuba;

könntest, reine, du es wissen,
was ein blutendes gewissen,
o, du würdest milder sein.
Grillparzer (ahnfrau 5) 45, 121;

J. ein in blüthe stehendes gewissen duftet gleichsam die elektrische wärme der wahrhaftigkeit aus. Bettina v. Arnim Ilius Pamphilius 12, 282; das urtheil, welches von einer handlung gefället wird, ehe sie vollbracht oder unterlassen wird, heisset das vorhergehende gewissen: hingegen dasjenige, welches man fället, wenn sie entweder vollbracht oder unterlassen ist, das nachfolgende gewissen. Chr. Wolff ged. v. d. menschen thun u. lassen § 77 (1720) 46; das gleiche bei Adelung, Campe; das practische gewissen wird ferner eingetheilet in das überlegende, und in das richtende. Zedler 10, 1391; diese affecte, insofern sie der handlung vorausgehen oder sie mindestens begleiten müssen ... pflegt man das gesetzgebende und das antreibende gewissen zu nennen, und beiden das gewissen nach der that als das richtende gegenüberzustellen. W. Wundt ethik2 485; die anerkennung der verbindlichkeit ist die formelle seite des sittlichen bewusstseins auf der stufe der bewussten moralität, oder kürzer: die formelle seite des actuellen gewissens. E. v. Hartmann 22 (d. sittliche bewusstsein) 260; s. auch s. 259.
d) die unterordnung des substantivs unter andere nomina ist noch immer dem objectiven genetiv vorbehalten. der dativ ist hier ganz vereinzelt, vgl. (sp. 6257) friede dem gew. M. A. v. Loewenstern; vgl.allen gew. köstlicher spruch. Butschky rosenthal 831; auch die unterordnung im objectiven genetiv steht vorwiegend unter dem einflusz der formelhaften verbindungen, in denen sich das substantiv eben gezeigt hatte. meist sind eigenschaften oder wirkungen des gewissens im regierenden substantiv verkörpert.
α) für die schilderung des zustandes des gewissens sind vor allem wendungen zu belegen, die auf attributive verbindungen zurückführen: und bleibt das zappeln und unruge des gewissens nach dem sacrament wie vor. Luther (sermon v. d. sakr. der busze) 2, 270; die unruhe eines bösen gewissens ist derjenigen bewegung ähnlich, die wir scham und furcht nennen. Hamann (bibl. betr.) 1, 67; das suchen nach religiöser wahrheit, das aus der moralischen unruhe des gewissens ... entspringt. W. v. Humboldt Latium u. Hellas (litt. denkm. 58) 134; empfinden des gemüts beschwerung und angst des gewissens. Horscht geheimnisse d. natur 1, 71a; ein forcht desz gewissens, religionem. Henisch 1603;

sprich mir von allen schrecken des gewissens,
von meinem vater sprich mir nicht.
Schiller (don Karlos, dram. ged. 1, 2) 5, II, s. 156;

(ebenso dom Karlos 5, I, s. 28) (s. auch oben); pein des nagenden gewissens. F. v. Saar Heinrichs tod 82; die scham des bösen gewissens. Hamann (bibl. betr.) 1, 66; last aller sünde und gew. Luther 6, 17; wofern ich aber in einzigerlei wege ihrer zaarischen majestät ohn beschwerung meines gewissens würde dienen können. Grimmelshausen Simpl. 448 neudr.; ebenso wiedererstand. Simpl. 3, 17; gebundenheit der gewissen. Gutzkow zauberer v. Rom 8, 366; freiheit des gewissens. Herder 11, 203 (s. o.); bei der reformation war grösztentheils von blos geistigen gütern, von freiheit des gewissens und denkens, von glaubensartikeln und religion die rede. (briefe z. bef. d. humanität 17) 17, 82; darum wollen wir die unbedingte freiheit des gewissens nach allen seiten. G. Keller (grüner Heinr. 4, 12) 3, 188; vgl. auch gewissensfreiheit (s. d.);

und kehrt in dörfer ein, wo des gewissens enge
den handschlag sichrer macht.
Hagedorn (die glückseligkeit) 1 (1771), 23;

weil die kranckheit deiner glieder, so die nacht zu hülffe nahm,
von dem aufruhr des gewissens nahrung und entsatz bekam.
Joh. Chr. Günther (bei dem grabe v. Agneta Phil. Rüdiger) ged.2 872;

vgl. DWB sturm des gewissens. Luther 8, 483; des gewissens striemen. 'Jesu, der du wolle büssen'; strafe des gewissens. P. Heyse II, 2, 131; einschläferung des gewissens. Chr. Wolff ged. v. d. menschen thun u. lassen (§ 125) 71; der schlaff des gewissens. (§ 116) 68; eine solche krafft und

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würckung hatten auch die schrifften und heilsamen predigen des h. Antonii, die viel tausend von der fäulle des gewissens erhalten. Fr. Caccia hl. Antonius v. Padua (1692) 387; 'für die flecken des gewissens ist keine lauge und seife.' Herder (zerstr. blätter 5) 16, 140; gut wäre es, wann sie alle auf die weisse des gewissens so genau thäten gehen, wie auf die weisse des pappiers. Abr. a S. Clara etwas f. alle (der pappierer) 1, 318/9; gewissenlosigkeit ist nicht mangel des gewissens, sondern hang, sich an dessen urtheil nicht zu kehren. Kant (metaphys. der sitten 2. einl. 12b) 5, 227.
β) die nomina actionis, die der kennzeichnung der wirksamkeit des substantivs dienen, entspringen meist den bekannten verbalverbindungen des substantivs: handschrift des ... gewissens. Matthesius 1, 114; das zeugnüsz des gewiszens, testimonium, vel signum conscientiae. Stieler 2568; die ehre ist nicht die stimme unsers gewissens, nicht das zeugnisz weniger rechtschaffenen. Lessing (Minna v. B. 4, 6) 23, 242 (handschr. 1767: gewissen); es kann aber auch sein, dass der beichtvater des commandanten ihm die stimme des gewissens verdollmetscht. G. Forster br. u. tagebücher 183; das gleiche G. Keller 3, 82; W. v. Ketteler ist das gesetz das öffentliche gewissen? s. 9; die sprache des guten gewissens im tode. Schubart (überschr. eines gedichtes) 1, 283; anregung und warnung ist im staatsleben nötig wie die sprache des gewissens im moralischen leben. H. Laube (erinner. 2, 14) 9, 142 Houben; aber ich ... ging in mich selber, nicht zwar ausz gottseeligkeit oder trieb meines gewissens. Grimmelshausen Simpl. 307; ich bin gelehrt, dass man bei solcher erfüllung niemals an den beifall der menschen denken soll, nur darauf, dass man der mahnung des eigenen gewissens und vernünftiger erwägung folge. G. Freytag (aus einer kl. stadt 6) 13, 114; die einbildung desz gewissens ist ein wichtig ding, bei den menschen, aber an muth ist viel mehr gelegen. das gewissen sollen die pfaffen einbilden, unnd laiten: ehr unnd muth aber die obersten unnd befehlsleute. Schwendi bestellung d. ganz. kriegswesens (1605) 25; in diesem wirt angezeigt, was die weiber gewöhnlich für ein beissen desz gewissens haben. es ward ein alter erfahrner beichtvatter gefragt, was gewöhnlich die weiber für ein nagen im gewissen hetten? Bebel facetiae dtsch. (2) 137a b (1589);

warum, du gerechtes wesen,
noch mit des gewissens fluch
deinen harten fluch verschärfen?
Grillparzer (ahnfrau 4) 45, 87;

vgl.(s. o.): die vorwürfe deines gewissens sind ein ganz gesundes brot für dich, und daran sollst du dein lebenlang kauen, ohne dasz ich dir die butter der verzeihung darauf streiche! G. Keller (grüner Heinrich 3, 6) 2, 67; im lächeln des guten gew. Schubart 2, 290; beifall eines bedächtigen gew. Göthe 10, 104.
γ) vereinzelt werden dem subst. concreta übergeordnet, als träger seiner wirkungen, die mehrmals auch an örtlichkeiten gebunden, in abstractis verkörpert werden: schaam ... ist bewusztsein der schuld, pfeil des gewissens, stral gottes des allmächtigen auf frischer that. Herder (älteste urk. IV) 7, 90;

o, bringen sie sie ihren künft'gen reichen,
und fühlen sie, statt dolchen des gewissens
die wollust, gott zu sein.
Schiller (don Karlos, dram. ged. 1, 5) 5, II, 182 Goedeke

(dom Karlos: statt donnern des gewissens. 5, I, 46); wann an jenem gestrengen jüngsten tag, die bücher unsers gewissens auffgethan ... werden. Aeg. Albertinus landstörtzer Gusman (39) 317; genau so Abr. a S. Clara gehab dich wohl! (7) 127; vgl. DWB buch der heil. natur und des gewissens. Herder 10, 295; wi werden si bestehen, wann si ihres gewissens rechnung, gegen dem unfehlbahren register, des strengen haus-vaters und richters, stellen müssen? Butschky 500 sinnen ... reiche reden (no. 307) 204; schule des wissens und gew. Abr. a S. Clara;

gabst jahrhunderte frist, und klopftest mit warnender stimme
an die thür des gewissens, und bat'st dir die thüre zu öffnen.
Bodmer Noachide (6) 152;

vgl. auch (s. o.) gerichtshof der ehre ... des gew. Göthe br. (30. 10. 95) 10, 320; forum seines edelmänn. gew. Stilgebauer börsenkönig 173; einsamkeit in der offnen natur, das ist der prüfstein des gewissens. H. v. Kleist (an seine

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braut) 5, 107 Minde-Pouet; vgl. (sp. 6273) zeichen eines bösen gew. S. Lotzer 83;

allein die lügen in verschiednem kleid ...
die hüllen unsrer schlechtheit antlitz ein
und stellen sich geschäftig vor, wenn sich
der mensch beschaut in des gewissens spiegel.
Grillparzer (weh dem, der lügt! 1) 85, 12;

jene furcht, jenes schauern ist ja eben der abgrund unseres gewissens und versöhnt zuletzt zu gedoppelter güte Stifter (stud. 1: der hochwald) 1, 220 Sauer; der besitz der kaiserkrone ... knüpfte die nachfolger Ferdinands I. an den päbstlichen stuhl; Ferdinand selbst war diesem stuhl aus gründen des gewissens und aufrichtig ergeben Schiller (30jähr. krieg 1. buch) 8, 9; er zeigt durchweg darinn einen friedfertigen ... ton, der an einem angehenden schriftsteller ... recht gut ist; ohne dasz er als eine sache des gewiszens affektirt werden darf Herder (über G. Schlegel grunds. der weltweish.) 5, 415; ebenso 20, 174; das spielerische ... in uns bleibt in allem elende und unter allen gestalten lebendig, bis wir zerbrochen sind. vielleicht ist es ein teil des gewissens; denn wie das tier nicht lacht, so spielt der ganz gewissenlose nicht, es sei denn um gewinn G. Keller (grüner Heinr. 3, 15) 2, 250.
δ) selten werden substantiva übergeordnet, die eine äuszere einwirkung auf das gewissen kennzeichnen [sp. 6275 zeile 31. 35 ist in der verbindung objectiver genetiv das objectiv zu streichen]; vgl. einschläferung des gewissens Chr. Wolff 71; zu gemeinem ... aller gew. Luther 8, 703; belohnung eines guten gew. Herder 9, 294; sie (die Erinnyen) strafen die verbrecher durch unglückliche schicksale und durch erweckung des gewissens Staüdlin gesch. d. lehre vom gew. 7.
ε) persönliche träger solcher einwirkung sind bei dem vom pron. begleiteten subst. beobachtet, vgl. DWB den hencker ihres bösen gew. Aeg. Albertinus Gusm. 318; der directoren eures gewissens könnet ihr nie entbehren Herder (christl. schr. 5) 20, 253, s. auch unter gewissensrat; anders (beim subj. gen.): der wurm eines nagenden gew. Abr. a S. Clara gehab dich wohl 108; mit welchem (dem trost) sie dir die augen verblenden, und den wurm des gewissens bedecken Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3 (1713), 684. vgl. gewissenswurm s. d.
e) in den verbindungen mit verbis ist das substantiv im wesentlichen noch immer auf die function des subjects oder für das object auf den accusativ beschränkt. der dativ dringt trotz der häufigkeit der personification im gebrauch des subst. nur in einzelnen wendungen vor: neben den belegen mit possessivpronomen (ihren gew. zwang anlegen sp. 6254; ihrem gew. ruhe schaffen, unserem gew. folgen sp. 6263) vgl.: dem gew. anzeigen S. Lotzer 38; dem aug und gew. zeigen Göttinger musenalmanach (1771) 78; menschlichen herzen und gew. darlegen Herder 11, 17; den gew. auffdringen D. Schaller Heroldt G 3b; dies ... gehört ... dem gewissen zu Herder (rez.) 20, 370; warum wird so groszer werth auf das bekanntwerden 'drauszen im lande' gelegt? wenn s. k. h. nach pflichtmäsziger überzeugung im conseil seine meinung sagt, so ist dem gewissen genüge geschehn Bismarck ged. u. erinn. (16) 1, 328. der genetiv aber ist auszer einigen belegen für den qualitativen genetiv (werts gewissens sein N. Selneccer psalm 120; hertzens und gewissens sein A. Mengering Tobias consc. 23) auf wenige wendungen beschränkt: nur der jenig hat ein gutes lob ... welcher sich eines guten gewissens befleist Aeg. Albertinus landstörtzer Gusman 284; getröste mich aber, in diesem fall, eines guten gewissens Joach. Rachel satyr. ged. (vorrede) 3; das gleiche (mit possessivpron.) Grimmelshausen Simpl. 254; guten namens und gewissens sich getrösten M. Zeiller ep. 5, 289 s. oben sp. 6259.
α) die verbindungen, die das substantiv als subject beherrscht, halten am possessivpronomen (s. sp. 6261) zähe fest. immerhin sind auch hier zahlreiche wendungen belegt, die desselben entbehren können.
1)) die verbindungen, die das subject als handelnd einführen, zielen ja nicht immer auf einen bestimmten träger des begriffes; wo sie einen solchen aber ins auge fassen, übernimmt vielfach ein dativ oder accusativ die kennzeichnung der persönlichen beziehung: müste man lang gesetz leren und predigen, ehe sichs das gewissen anneme, es mus es auch bei sich selbs also finden und fülen

[Bd. 6, Sp. 6278]


Luther (wider d. himl. propheten) 3, 42b; conscientia obstrepante, da sich das gewissen widersetzt Schönsleder V 6a; Aler 1, 939b; ähnlich Reyher 1, 1364; die snd und todt unnd das bse gewissen, frasz stets an uns wie ein nagender wurm Matthesius (leichenreden) 1, 115; vgl. oben (von einem bösen gew. genagt zu werden) Lichtenberg aphor. 2, 59;

ach, unsre schwere missethat,
die dies und mehr verdienet hat,
erschrecket uns je mehr und mehr,
und das gewissen beiszet sehr.
G. Säubertus 'es donnert sehr, o lieber gott';

mitten unter der mahlzeit, wann andere am lustigsten seind, wird das gewissen innerlich beissen und seuffzen machen. also zwickt das gewissen noch manchen im wolleben Abr. a S. Clara etwas f. alle (der ahlenschmied) 2, 18; weil ihm das böse gewissen stätts trucket auff, auff ihr christen (Wiener neudr. 1) 107; (s. oben) Luther 9, 64; das gewissen tringt, truckt ... stimulat, mentem vexat Schönsleder V 6a; ähnlich Reyher 1, 1367; drückte mich das gewissen, und ich sagte ihm, was ich gethan habe Stifter bunte steine5 150;

eins mals thet ir das gwissen we
und iren eprüch peichten thet.
H. Sachs fab. u. schw. 4, 77;

vgl.(durch böses gwüssen geplaget) Cholinus - Frisius 205a u. a.; das böse gewissen läszt einen nicht schlafen Steinbach 2, 1060;

so sincket ihr verschmähten glieder! (ins grab)
schlagt Anionens hertze weich!
so sinckt und schlagt ihr das gewissen.
J. C. Günther ged.2 363;

gegen: sein gewissen schlagt ihm, fractus est ... conscientia Aler 1, 939b; ebenso Serz 55a (vgl. DWB schlug ihm sein herz Luther 1 Sam. 24, 6); Adelung 2, 670; vielleicht schlägt ihm das gewissen Schiller (der neffe als onkel 1, 14) 14, 150; wenn ihm das gewissen schlüge Varnhagen tagebücher 1, 238 (vgl.: em slog dat gewissen F. Reuter [stromtid 2, 25] 2, 378); nach einigen wochen aber schlug mir das gewissen Herm. Hesse Peter Kamenzind 28, 110; zuerst schlug mich das gewissen etwas (var. schlug mir) Immermann (epigonen 2, 2) 3, 100 Maync;

und das gewissen wacht, dein zeuge, dein verräther,
hilff gott, was hört man da! du bist ein übelthäter.
Hoffmannswaldau ged. 1 (1697), 236;

wenn ihm das gewissen auffgewachet Prätorius glückstopf 504; das gewissen ... wacht nachgehends dennoch auf Butschky Pathmos 64; das gewissen wacht auf Chr. Wolff ged. v. d. menschen thun u. lassen (§ 123) 70; die mutter ist ein alt' weib und bei vielen wacht das gewissen auf, wenn der verstand einschläft Anzengruber (dorfgänge 1) 33, 117 (vgl. oben sp. 6256 verstand und gew.); das gewissen schlaffe Chr. Wolff ged. v. d. menschen thun u. lassen (§ 116) 67; das gewissen schläft Campe 2, 366b;

sanft trieb des lebens nachen; das gewissen
schlief drinnen wie ein neugebornes kind.
Grillparzer (an Ovid) 25, 83;

das gewissen rührt sich Campe 2, 336b; ebenso F. Reuter (stromtid 2, 25) 2, 378 (vgl. oben sp. 1538 gauchtzt ihm das gew. Wiedeman); da regt sich denn auch in mir das gewissen Hebbel br. 5, 312 Werner; das gewiszen hält mir mein voriges leben für, praeteritis admissa annis peccata remordent Stieler 2568; je ernster das gewissen warnte G. Keller (grüner Heinrich 4, 6) 3, 97;

schweig, du armenisches gesicht, schweig still,
du levantisches gewissen!
Hofmannsthal gerettetes Venedig (2) 81;

das gewiszen legt sich, conscientia conticescit Stieler 2568;

ist das handgeld aufgezählt,
nimmt gewissen das fersengeld.
Grillparzer (gedichte aus dem nachlasz) 35, 210;

das gedächtnis verläszt uns im alter, nicht aber das gewissen H. Laube (erinn. 1, 27) 8, 323 Houben; vgl. F. Reuter (stromtid 2, 25) 2, 374 (afhanden kamen);

so macht gewissen feige aus uns allen;
der angebornen farbe der entschlieszung
wird des gedankens blässe angekränkelt.
Schlegel Shakespeare (Hamlet 3, 1) 4, 188 Brandl (conscience); ebenso
Herder 5, 256.

[Bd. 6, Sp. 6279]



2)) wird das subject als zuständlich oder leidend eingeführt, findet der ausdruck persönlicher beziehungen weniger spielraum: bedeut, das nach gethaner sünde, das gewissen angst leidet Luther glosse zu 1 Mos. 3, 8; ein gut gewissen darff sich nicht förchten Creidis nuptialia (Augsb. c. 1652); wann nu das gewissen dermassen verwundet worden Gretter erkl. d. ep. Pauli an die Römer 722; ebenso (verstöhrt) Günther ged.2 89; (verdunkelt) G. Keller 117, 278; das gewissen vermag viel, magna vis est conscientiae Faber 725b; Reyher 1, 1364; Aler 1, 939a; das gewissen hat grosse kraft Calvisius 333b; vgl. auch Faber a. a. o.; Aler 1, 940b;

das gewissen frei,
rein hertz dabei,
wird kein creatur dir geben. o herre gott, dein göttlichs word, Wackernagel kirchenlied 3, 123.


wenn nur der alte mensch stirbt durch die gnade, so wird das gewissen frei von sünden Melanchthon auslegung d. ep. S. Pauls 101a; dagegen vgl.: von Frantzösisch gar war ihr gewissen völlig frei Th. Storm (königskinder) 5, 249; weil das gewissen nicht gebunden sein musz unter wahren freunden Hamann 3, 72 Roth;

die zwerge lockt's des riesen spur zu treten,
war klein die kraft, war das gewissen weit.
Grillparzer (Ruszland) 25, 97;

sagt das fleisch gleich immer nein,
lasz dein wort gewissen sein!
Joach. Neander 'komm, o komm, du geist des lebens' (Freylinghausen [1741] 210a);

aber was ist gewissen? wieder ein abgezogener begriff aller menschlichen seelenkräfte, sofern sie moralisch würken Herder (an prediger 15) 7, 270; vgl.(s. o. gewissen und glauben ist feil) Lingg 2, 84; (das ist gew.) Herder 8, 200; (es war ... das wort gew.) 17, 231; (bei ihnen ist gew.) Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3, 21.
β) innerhalb der objectverbindungen bevorzugt der neuere stil gerade solche, die das possessivpronomen an sich fernhalten, wie gewissen machen und gewissen haben, von denen das letztere wieder den ausgangspunkt zu neuen verbindungen bildet, wie denen mit nehmen, bekommen, pflegen, verlieren.
1)) das im kirchlichen latein vorgebildete, in der bibelübersetzung aber von Luther gegen die vorlage (vgl. sp. 6243) eingeführte gewissen machen unterscheidet sich von den anderen eines possessivpronomens entbehrenden wendungen dadurch, dasz es mit subject und object nicht immer auf die gleiche person weist.
a)) die wendungen, deren object auf eine andere person weist als die des subjects, zeigen weit gröszere mannigfaltigkeit in der art ihrer fügung als die andern, die für subject und object die gleiche person voraussetzen. gerade die lockerste fügung ist bis in die heutige zeit belegt, vgl.: das gesetz macht ein blöde gewissen, Christus ein frölichs seligs gewissen Luther (pred. 24. 6. 1522) 10, III, 207; ebenso (weit, geraum gewissen macht) 7, 798; (ferlich und schedlich gewissen macht) 7, 795 u. a. s. auch oben sp. 6255;

das macht ir das gewisen schwer.
H. Sachs fab. u. schw. 4, 76;

wie man geschmeidig das gewissen macht,
dasz es die läst'ge fessel des versprechens
glatt von sich streife.
Wildenbruch die Karolinger I, 3.

das gegenstück dazu bilden die belege, in denen das gefüge immer mehr glieder ausscheidet, bis es in der engsten formel erstarrt: da er spricht zu den Collossern ... 'last niemand euch urteilen odder gewissen machen uber speise oder uber tranck Luther (das papstthum) 19, 41; vgl. auch oben Coloss. 2, 16 u. a., vgl. einem ein gewissen machen, terrere Calvisius 333a; (religionem alicui injicere) Reyher 3, 1060, desgl. Stieler, Aler, Adelung; vgl. auch oben sp. 6246; ähnlich (s. sp. 6259) Luther br. 3, 292; (sp. 6273) Fischart Gargantua 7; ebenso P. Heyse (das lied der mutter) II, 7, 66 (ein moralist, der ihnen ein gewissen daraus machte); auffs erst machen ettliche kein gewissen davon, das sie ihr wahr auff borgen und zeit theurer verkeuffen Luther (v. kauffshandlung) 15, 305; ebenso 23, 634; das man eine braut zimlich schmückt, gehet hin, isset und trincket, auch das man schön tantzet, man mus darüber kein gewissen machen (1 Mos. 24 gepr. 1527) 24, 418 W.; ebenso (haec res religioni erat) Aler

[Bd. 6, Sp. 6280]


1, 940a; eltern .., die ... aus einem kus ihren töchtern ein gewissen machen (Hermes) Sophiens reise 6. theil s. 23 (Schaffhausen 1778); und gleich wie sie kein gewissen machen uber der falschen lere Luther (prophet Sacharja) 23, 634; ebenso (widerruff ... vom fegfewer) 5, 170b Jena; vgl. auch 3, 40a; das sie kein gewissen dauon sollen machen 3, 149b; was gelt betrifft, msz man kain gewissen machen Agricola sprichw. (nr. 304) 2, 16b; das sie alle so ein gewissen machen: thue ichs nicht, so bin ich verdampt Luther (predigt über apostelgesch. 15) 15, 588; das heissen wir uff deuczsch gewissen machen ... quando sentimus peccatum et non videmus remissionem peccatorum (pred. 1531) 34, I, 324; ein gewissen machen, conscientiae metum incutere, obstringere religione Dasypodius Ft 4c; desgl. Ff 5c; ähnlich Schönsleder V 6a; Hulsius (1569) G 2b (faire conscience); vgl. auch: wer seinen heiligsten schwur leichtsinnig gebrochen hat, dem kann es wohl nicht viel gewissen machen, ein schurke zu sein, wo es vorteil bringt! Jahn (deutsches volksthum 9, 5) 1, 364 Euler.
b)) dem gegenüber setzen die wendungen, die für subject und object den gleichen träger fordern, von vornherein formelhaft ein. attribute sind neben dem substantiv kaum belegt, neben dem verbum aber wird die identität der personen durch den reflexiven dativ besonders hervorgehoben. für die kennzeichnung des sachverhaltes, auf den sich die verbalhandlung bezieht, bilden sich zwei formen allmählich heraus: infinitivsatz und präpositionalverbindung. in beiden richtungen ist die wendung auch dem heutigen stile noch geläufig. in der zweiten gruppe wird die verbindung sich ein gewissen über etwas machen neuerdings durch aus etwas verdrängt: und machen vielleicht bei sich ein solch gewissen, das sie beisset Luther (dasz diese wort ..) 23, 81; vgl. im selbs ein gwüssen machen, habere religioni Cholinus-Frisius 750a; desgl. Reyher, Hulsius, Duez, Rädlein u. a.; das ich mir nit ein gewissen drumb mache fur gott, ob ich menschen lere ubirtrette Luther (von beider gestalt des sacram.) 10, 2, 16; dasz ich mir ein gewissen machte, weil ich so viel leute ... betröge Grimmelshausen Simpl. 111; (wenn ich) Stranitzky ollapatrida 48 (Wiener neudr. 10, 286); (dass ich) Grimmelshausen Simpl. 194; Stranitzky 7 (10, 47); weil er sich ein gewissen machte, auf einer so heiligen reise von demjenigen geld zuzehren, das mit morden und rauben erobert worden Grimmelshausen Simpl. 373; ebenso 375; desgl. wiedererstand. Simpl. 3 (1713), 248; in beiden gemählden hat Polygnotus sich bald an diesen, bald an jenen dichter und geschichtschreiber gehalten; ohne sich ein gewissen zu machen, auch dinge von seiner eignen erfindung mit einzumischen Lessing (antiqu. br. 2) 103, 237; dazu vgl.: man musz sich ein gewissen machen dieses zu thun, il y a de la conscience à faire cela Rondeau 2, Uu 3 f.; Schwan 1, 748a; vgl. auch Adelung 2, 670; die sich doch sonst, wie die erfahrung lehret, eben kein gewissen machen, die vernunft ... in ihrem leben und wandel aufs gröbste zu verletzen Liskow (scribenten) sat. u. ernsth. schr. 490; Butschky Pathmos 526; Lessing (misogyn 1, 6) 23, 18;

und närrinnen, wie er sagte, die man ein wenig zu necken
sich kein gewissen macht.
Wieland (der neue Amadis 11, 11) 4, 220;

sonst machte man sich kein gewiszen, den schönsten keim zu boden zu treten, der irgendwo aufsproszte Herder (ideen, zusätze) 14, 531; und so machte er sich kein gewissen, seine wächter und aufseher in diesem wichtigen puncte wenigstens zu umgehen Göthe (lehrj. 8, 1) 20, 143; und wo sie uns christen heimlich fluchen, gifften oder schaden thun können, des machen sie jnen kein gwissen Luther (v. d. juden ...) 8, 199b Jena; desgl. (derenthalben) Abr. a S. Clara etwas f. alle (der koch) 1, 610; (einer sachen) Henisch 1603; (wegen keiner missethat) Albertinus Lucifers königreich 351; (wegen der ausgaben) Göthe (an Christiane) br. 16, 257; (um deszwillen) Thümmel (reise .. 3) 3, 24; (darum) Cholinus - Frisius 750a u. a.; Abr. a S. Clara etwas f. alle (der koch) 1, 610; und was der nerrischen gesetze mehr sind daruber jnen die papisten mehr gewissen gemacht haben denn uber jre hurerei und gotteslesttrung Luther (predigt am 13. 3. 1522) 10, 3, 41; das si in daruber ein gewissen machen, do keines ist

[Bd. 6, Sp. 6281]


9, 542; desgl. (religioni habere) Garth-König 640a; Reyher 2, 2944; vgl. auch Henisch 1603; Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3 (1713), 415. 126; sich ein gewissen worüber machen, to make conscience or scruple of a thing teutschengl. lex. 2, 775; ähnlich Schwan, Rondeau u. a.; der kinder gottes, die sich über mitteldinge kein gewissen machen dörffen Spener kl. geistliche schriften 2, 907; ihm ein gewissen machen, ob etwas, constringi, tangi religione Aler 1, 939b.
er macht ihm kein gewissen darausz, religio ei non est 1, 940a; daraus mache ich mir kein gewissen, sondern ein paar hosen, sagte der schneider. S. Hetzel phraseologie d. volkst. sprache, ebenso (s. o.) Martin u. Lienhart 2, 870b; bei der evangelischen krystallhellen erzählung macht man sich daraus kein gewissen und paraphrasirt in die liebe muttersprache Herder (br. d. stud. d. theol. betr. 2, 16) 10, 186; mache dir doch ein gewissen daraus, mir zu schreiben ehe du nach Italien abreisest Cl. Brentano (an seinen bruder Christian 1822) 9, 6 Chr. Brentano; und die schacherer machten sich kein gewissen daraus, ehrlichen landleuten und armen rentiers noch ihren wirklichen werth abzuknappen E. M. Arndt reisen (bruchst. e. reise durch Frankreich 2) 5, 340; dasz ich mir ein gewissen daraus mache, den ring, ein geschenk meiner schwester, in Ems weggegeben zu haben Immermann (der carneval u. die somnambule) 8, 136 Hempel; ebenso K. Gutzkow zauberer v. Rom (5, 13) 6, 10.
2)) die verbindung mit haben, die eines eigenen ausdrucksmittels für die ihr zu grunde liegende identität der träger des objects und des subjects leicht entbehrt, ist, wie schon im bisherigen erkennbar war, vorzugsweise von attributen begleitet, vgl. oben DWB klein, weites, DWB blöde, schwach, löcheret, rein, frohliches, gutes, böses, rechtes, offizielles gewissen haben, dazu vgl. auch die buchungen, die die verbindung gutes, böses gewissen haben für die verschiedenartigsten wendungen einführen: optimae mentis conscientia consolari se, sich des trösten, das man ein gut gewissen habe Faber 725b; (cum bona conscientia vivere) Garth-König 136a; vgl. auch Reyher 1, 1367; Aler 1, 939a; er hat kein gutes gewissen, il n'a pas l'ame nette Rondeau 2, Uu 3f.; Schwan 1, 747b; vgl. auch oben sp. 6272; ein böses gewissen haben, furis agi Aler 1, 939b. 940b. 941a; vgl. Steinbach 2, 1060; Matthiae 2, 181b; Kirsch 2, 152a. der älteren sprache gehören wendungen an, die die beschaffenheit des subst. durch erläuternde sätze kennzeichnen: und ob ihr gleich ein gewissen hättet, dasz ihr ursach dazu geben hättet, sollt ihr drumb nicht zagen Luther (an drei vertriebene hofjungfrauen 1523) briefe 2, 348; denen, die ein gewissen haben, als sei mein lere recht (unterw. d. beicht kinder) 7, 291;

hast du nicht
ein gewissen, das dich sticht?
J. C. Günther nachlese (1742) 99;

wie einer ein gewissen hat, also ist ihm zu muth, conscia mens ut cuique sua est, ita concipit intra pectora, pro meritis spemque, metumque suis Aler 1, 940b; dazu vgl. auch die vergleichssätze des sprichwortes sp. 6249. der umfang des begriffes wird dabei in der sprache Luthers durch präpositionalverbindungen eingeengt: inconscientia, wenn einem von eim dinge nichts bewust ist, odder hat des kein gewissen (auslegung d. Habac.) 19, 424; so hat es kein gewissen drüber, sondern meinet, es thue recht (non habet conscientiam. pred. über 5 Mos. 6) 28, 646; also haben sie auch kein gewissen uber solchem hantieren (prophet Sacharja) 26, 634; anders dagegen: tribe also kloster iebung ... wie ain drescher sein arbait, hab kein gewissen vor got, so si unterlaszt etwas Eberlin v. Günzburg (wider d. falschen geistl.) 3, 87; dasz menschen, die sonst zuverlässig sind, gegen jemand, der eine stelle zu vergeben hat, gar kein gewissen haben Göthe (an Kirms 19. 9. 1798) briefe 13, 27.
der neueren sprache ist die verbindung nur in ihrer kürzesten form geläufig, in der sie all dieses beiwerk abgestreift hat. bei der frage, ob dieses oder jenes individuum an dem begriffe theil hat oder nicht, ist der umfang des begriffes so weit gezogen, wie nirgends in den bisherigen belegen: item auff die kauffmanschafft und wucher legen, und durchausz kein gewissen haben, sonder tag und nacht nur dahin dichten, trachten und

[Bd. 6, Sp. 6282]


arbeiten, dz sie mit und ohne recht, vil gelt und guts zusammen scharren mögen Aeg. Albertinus landstörtzer Gusman (33) 258; er hat gemeinlich so gar und kein gewissen Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3 (1713), 20; kein gewissen haben, n'avoir point d'ame de conscience Frisch dict. des pass. 2, 280; ebenso Schwan 1, 747b; Hilpert 2, 1, s. 465c (he has no conscience); leute, die ein wenig oder gar kein gewissen haben, würden auch allzu glücklich sein, wenn die ewige gerechtigkeit es nicht so prächtig verstünde, ihnen auch an mehr äusserlicher stelle den sachverhalt klar zu machen W. Raabe leute aus dem walde5 s. 193; aber o ihr christen wie glückselig seid ihr, dasz ich ein gewissen habe Weise die drei ärgsten erznarren (3) neudr. s. 25;

ja, das ist wahr! man hat auch ein gewissen.
Schiller (Wallensteins tod 5, 2) 12, 366;

nur das bitte ich zu glauben, dasz ich ein gewissen meinerseits auch habe, und dasz ich den charakter eines ehrenmannes für mich auch in anspruch nehme Bismarck (im preusz. landtage 6. 2. 1868) 3, 463 Kohl. dazu vgl. die fragestellung bei Carring s. o. (sp. 6225).
3)) die an gewissen haben belegte entwicklung theilen auch andere wendungen, die dem gleichen bedeutungskreise entsprangen, ohne die gleiche verbreitung und dauer zu erreichen. auch hier ist das subst. bald von attributiven oder anderen bestimmungen begleitet, bald gliedert es sich ohne jede begleitung dem verbum an: eine pfaffen kellerin, die jhr, nach dem sie geborn hett, ein gewissen nam, in die kirchen zu gehen verdeutschung von Bebels facetien (1589) 137ab; so ainer ain bissen flaisch an ainem freitag sölt essen, er nem im grösser gewissen darumb, dann so er ainen umb er und gut belüg oder bedrög H. Sachs (gesprech eines evang. christ.) 22, 74 Götze; nimbt jhm auch kein gewissen wann er durch grossen wuecher seines gelts sich noch mehr bereichet Ferdinand II. v. Tirol spec. vitae humanae (1) Minor s. 20; ein gewissen nehmen .. in religionem quid trahere, religioni habere Schönsleder V 6a; religio mihi est. ich nimm mir ein gewissen Garth-König 640a; vgl. auch kundschaft und gewissen aufnemen österr. weisth. 5, 95; und die pfarrherr sollen solcher grober leute bosheit öffentlich auffs aller schendlichst ausstreichen, auff das sie ein gewissen dauon kriegen, und ... doch für den menschen sich schemen Luther (von ehesachen 1530) 5, 253b; vgl.(s. o.) gewissen bekommen Günther 2, 687; gewissen erlangen hannov. gesangbuch v. 1646; ein (gut) gewissen tragen J. Rachel 83; desgl. Abr. a S. Clara auff, auff ihr christen; mercks Wienn 72 gegen: unselig ist der, der ... sich frum dünckt, nit gewiszen tregt Luther (2 buszpsalmen 1517) 1, 167; ebenso: und tragen gewissen, es nicht so gleich ... sinken zu lassen Maler Müller Fausts leben 1778 (lit. denkm. 3, 7); gewissen besitzen (s. o.) Gellert geistl. oden; Schiller 7, 86; vgl.(s. o.) gut gewissen behalten Schoch 95, 37; (halten) J. Bornschürer; glauben ... gewissen behalten Denicke 'o gottes sohn'; ein gut gew. bewaren Matthesius 2, 110; (rein gew.) F. Reuter (stromtid 2, 30) 2, 447; tugend und gewissen aufopfern Lessing 23, 288; gewissen und seele verlieren Herder 9, 243; gewissen verlieren Opitz weltl. poem. 2, 10; gewissen ablegen Göthe 23, 288; wissen gibt gewissen, und gewissen gibt kraft und mut Arndt fragmente III s. 43 (fragmente über menschenbildung 1819); vgl. auch: unter der geiszel der furien, dasz es ein gewissen gebe Herder (christl. christen 5) 20, 160.
4)) manche verbindungen lassen sich mit und ohne pronomen beobachten, gegen sein gewissen an den nagel hängen (sp. 6264) vgl.: daz ihr ... das gewissen ... an nagel hengen Fischart Gargantua 302; ein kauffmann kan allerlei ... verkauffen, wann er nur also handlet, dasz er das gewissen nicht an den nagel hängt Abr. a S. Clara etwas f. alle (der kauffmann) 1, 133; als erstlich die bauren seind zu weilen böse lauren, welche offt umb den garten ein zaun führen, und aber das gewissen offen lassen auff, auff ihr christen (Wiener neudr. 1, 97). das gleiche gilt für die contrastverbindung:

jedoch der eidespflichten unbeschadet,
die wir dem kaiser schuldig sind. merkt wohl!
die nehmen wir in einer eignen klausel
ausdrücklich aus, und retten das gewissen.
Schiller (Piccol. 3, 1) 12, 128

[Bd. 6, Sp. 6283]


ebenso vgl.: da haben wir gefastet und uns gepeitschet und sind münch und nonnen worden ... und haben gemeinet, wir wollten das gewissen stillen und zu friden machen gegen gott Luther (pred. am 1. 11. 1523) 12, 670; vgl. DWB das gewissen stärken Logau 1, 5, 75;

weil oft ich (Alektryo) zu früh das gewissen erweckt,
ward mit dem gewissen in sack ich gesteckt.
Cl. Brentano (Gockel, Hinkel u. Gockeleia) 5, 81 Chr. Brentano;

saget die warheit, bedenkt das gewissen, entladet die seele!
Göthe (Reineke fuchs 4) 40, 71 (anders in der vorlage).


5)) wo das object auf eine andere person weist, als das subject,
a)) ist das possessivpronomen schon in den zahlreichen wendungen ausgeschlossen, die sich nicht auf eine bestimmte person beziehen. dies gilt vor allem für die oben (sp. 6253f.) besprochenen pluralbelege, vgl. auch: das gesetz beschwert die gewissen und gibt die sunde Luther (pred. am 24. 6. 1522) 10, III, 207; die gewissen zwingen, gêner les consciences Rondeau 2, Uu 3f.; natürlich fehlt das pronomen auch da, wo für den plural der singular eintritt: das gewissen binden aber, heist ins gemein ein solches gesatz fürschreiben, deren ubertrettung die innwendige empfindung desz hertzens verletzet M. Zeiller episteln ... von polit. ... materien (342) 4, 296; wann du ja hassen willst, so hasse die katholiken vor allen andern, weil sie das gewissen binden, uns alle freiheit im denken rauben Lessing (rettung des inepti religiosi) 53, 339. in gleicher weise fehlen bestimmte hinweise in den folgenden belegen:

es wirt die sund durchs gesetz erkant
und schlegt das gwissen nider.
Paulus Speratus es ist das heil uns kommen her, Wackernagel kirchenlied 3, 32a;

und dasz man ein gewissen, so lange es spricht, respectiren müsse Göthe (lehrj. 7, 8) 20, 97; (die beichte zielet darauf) blos, das gewissen zu erleichtern Butschky rosenthal (1679) 487; ein leichter katholizismus, welcher das gewissen immer wieder leicht beruhigt, erzieht nicht für die tragödie H. Laube (das burgtheater 35) 5, 217; das vergangene wäre gleichgültig, als blosze erscheinung, und könnte nicht das gewissen beängstigen A. Schopenhauer (die welt als wille u. vorstellung 4, 65) 1, 472 Grisebach; nur sie belasten das gewissen 3, 551; so sprach ich in jungen, ungläubigen jahren — das heiszt: eigentlich sprach nur die eine seele so, die andere ... höhnte schon damals ihre kollegin an und meinte, es sei die zeit wohl nahe, wo man das gewissen chemisch darstelle Timm Kröger eine stille welt s. 163.
in diesen zusammenhang weisen auch einzelne buchungen, die gegen die überlieferung das pronomen unterdrücken: das gewissen erforschen, sua dicta, facta ... recognoscere Schönsleder V 6a (sein gewissen erforschen Aler 1, 940a); das gewissen entladen ebenda (sein gewüszne entladen Maaler 180d u. a.); conscientiam delictorum ... permovere, das gewissen rühren Reyher 1, 1365. noch auffälliger sind die folgenden belege: das wer das gewisszen auff ein andere weisz füret, dan im evangelio steht und wie Christus und Paulus gelert hatt, der furfurth alls bald und soll darumb formaledeit sein, darumb das er zu reisszet die ennikeit Luther (pred. 23. 3. 1521) 9, 626;

Apollo schrieb nechst ausz, dasz ieder solte müssen
bei ihm sich stellen ein, zu mustern das gewissen.
als disz gebot ergieng, wie rein hat manche hand
gewissen vor geputzt mit lauge, stroh und sand!
Logau sinnged. 3, 3, 31 (das gewissen) Eitner s. 481.


b)) wo es sich um bestimmte personen handelt, wird die richtung der verbalthätigkeit meist durch einen persönlichen dativ gekennzeichnet, so dasz es eines weiteren ausdrucksmittels nicht mehr bedarf: kleinen wcherlin, sagt er am tische, so auff der obrigkeit nachlassung, fünff oder sechs nemen, wird mein buch das gewissen rren Matthesius Luther (1570) (12) 133a; ob aber der ehemalige erb- oder nieder-gerichts-herr auch dem landes-fürstlichen beamten ... über die zur verjährung der ober-gerichtsbarkeit erforderte umstände, das gewissen rühren und dadurch zugleich den obliegenden beweisz sich erleichtern ... könne? Klingner dorf- u. bauernrechte 3, 56; diese sparsamkeit ist aber mehr ein zeichen des neueren stils, in dem innerhalb der schriftsprache diese wendungen mehr und

[Bd. 6, Sp. 6284]


mehr zunehmen: und als ein wahrer musterneffe meinem leichtsinnigen vetter vielleicht das gewissen zu rühren P. Heyse (die tochter der exzellenz) 2, 9 s. 168; ebenso II, 5, 229; nun verfolgt mich dein steckbrief hierher der mir schon durch siegel und innschrifft das gewissen schärffte Göthe (an F. H. Jacobi 9. 6. 1785) briefe 7, 63, ebenso (lehrjahre 7, 8) werke 20, 97; Schiller an Humboldt (7. 9. 1795) Leitzmann3 117; Humboldt an Schiller (2. 10. 1795) 150.
f) die präpositionalverbindungen hatten sich oben (siehe sp. 6265 ff.) als zähe träger des possessivpronomens erwiesen, aber auch unter ihnen macht die abstreifung des pronomens mehr und mehr fortschritte. die betreffenden wendungen sind viel häufiger beobachtet, als andere, die eines pronomens von hause aus entbehren.
α) unter den wendungen, die für die präpositionalverbindung die gleiche person fordern wie für das subject des satzes, nehmen
1)) die verbindungen mit in und mit eine bevorzugte stelle hier ein:

wie mann aber auff Christum sich
verlassen sol, wans ernst sol sein,
und flest im gewissen pein,
das such im euangelio,
dauon wirt dein gewissen fro.
Erasmus Alberus praecepta vitae (1548) 74a;

(spinnest im gewissen pein) Opitz (Trojanerinnen 3) 2, 128; (schämt sich im gewissen) J. C. Günther) ged.2 727; (ruh zu haben im gewissen) Butschky rosenthal (nr. 89) 151; (wenig im gewissen haben) Abr. a S. Clara etwas f. alle (der apotheker) 1, 114; (from sein im gewissen) Tscherning dtsch. ged. frühling 42; (im gewissen ... die aller gottloseste leute) Abr. a S. Clara huy und pfuy der welt 153; massen er nicht weisz, was er wissen soll, ist demnach im gewissen verpflicht, ehe und bevor er ein action führet, dasz er vorhero dieselbe wolsinnig entörtere, ob sie recht oder unrecht seie Fr. Caccia hl. Antonius v. Padua (1692) 273. ebenso im gewissen verbunden sein, être obligé en conscience Rondeau 2, Uu 3f.; Schwan 1, 748a; ebenso (im gew. schuldig) Abr. a S. Clara Abrahamische lauberhütt 1, 115; heilsames gemisch masch 374. neben der präposition mit ist zwar das pronomen viel belegt (s. o. sp. 6265 ff.), gelegentlich sogar neben attributen, wie in mit meinem guten gewissen (ebenda); im allgemeinen gehört aber gerade die beliebte formel mit gutem gewissen (s. o. sp. 6272) zu den wendungen, die das pronomen fernhalten, vgl.: wir können mit gutem gewissen, aus unserm beruff nicht tretten, bis so lange wir mit gewalt davon gedrungen ... werden Luther (vermanung zum gebet) 7, 435b; ebenso (m. g. gew. ziehen) Herder (zerstr. bl. 5) 16, 151; (etwas vertrinken) Weise erznarren 34; (abhalten) 161; (thun) Grimmelshausen Simpl. 264; (zur beichte lassen) Schnabel insel Felsenburg 1, 208 Ullrich; (annehmen) G. Freytag (soll u. haben 2) 4, 168; (sagen) Göthe (an Zelter) br. 19, 126; (nennen) Grimmelshausen Simpl. 283; Kuhnau musical. quacksalber (21) 82 Benndorf; (loben) P. Heyse (im paradiese 1, 8) I, 3, 69; (empfehlen) Thümmel 3, 69; (raten) Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3 (1713) 394; dazu sp. 6269 mit zartem gewissen; sp. 6271. 73 mit unversehrtem, leichtem, freiem gewissen; mit bösem, schwerem gewissen, vgl.:

es ist so elend betteln zu müssen,
und noch dazu mit bösem gewissen!
Göthe (Faust I) 12, 244;

das sie mit geringer gewissen ein rosz stelen an einem sontag, weder das sie am freitag milch oder butter essen verdeutschung von Bebels facetien (1589) 76a (saniori conscientia); dazu vgl. die vereinzelte einführung von pronominalformen: und doch assen sie mit einem gewissen, das ist, sie hielten solchs essen für sünd und unrecht Gretter erkl. d. ep. Pauli a. d. Römer (1566) 806; der erste aber vielleicht, der mit etwas gewissen an der stelle, ursprung des irrthums zeigt Herder (älteste urk. II, 4) 6, 379; (mit was gewissen) Abr. a S. Clara auff, auff ihr christen (Wiener neudrucke 1, 41). auch die kürzeste form mit gewissen (zu mit überlegung und gewissen s. sp. 6256) ist in der älteren sprache einigemal belegt: dennoch hat gott durch trewe und christliche rethe und secretarien, so an den wüsten höfen, mit gewissen gelebet, recht, gerechtigkeit, unnd ruhe im reich erhalten Matthesius (huldigungspred. für Ferdinand I.) 4, 341 Loesche;

[Bd. 6, Sp. 6285]


gefällt es deinen vorsichts-schlüssen,
so gieb mir einen treuen freund,
der alles, doch auch mit gewissen,
mit mir, wie mit sich selber, meint.
J. C. Günther (gebet um besserung des lebens) ged.2 74;

dazu vgl. (mit gewissen bejahen) Butschky hochd. kanzlei (4, 9) 4, 17.
2)) während die verbindungen mit bei in dieser reihe fast ganz fehlen (warumb bleib ich nicht beim gewissen Erasmus Alberus fabeln 25 Braune), sind solche mit von, ohne, nach, wider, auf häufiger ohne pronomen belegt:

o pfui! wie zog sie mit leichtem sinn
dahin, dahin,
von keinem gewissen beschämet.
Bürger (das lied v. d. treue) 259 Sauer;

solch sündenvolk, die leicht schier von gewissen,
im herzen schlaff, von sinnen stumpf.
Friedrich Schlegel an die Deutschen (literaturdenkmale 91/104, 195);

den helden dieses buches ... als menschen von gewissen und ehrgefühl rehabilitirt zu haben K. v. Holtei (der letzte komödiant 6) 36, 267; vgl. auch (sp. 6259) mann von tugend und gewissen; (sp. 6270) mann von richtigem gewissen; vgl. andererseits: reiche ohne gewissen Herder (zerstr. blätter 5) 16, 147; ein mensch ohne gewissen Adelung 2, 670; (worte) welcher aller man sich sicher und ohn einiges gewissen gebrauchen mag J. Klaj auferstehung Jesu Christi anm. 42 (vgl. sp. 6255 on alle gewissen; sp. 6258 ohne pflicht und gewissen); in seinen geschäften ohne gewissen (sein) Butschky sinnen-reiche reden (nr. 101) 66; 'männer, die jeder für sich der unschuld nichts anzuhaben wagen, können, wenn sie im collegium oder sonst mit andern vereint sind, ohne gewissen ihr schimpf und schande anthun' Herder (zerstr. blätter 5) 16, 155;

und was für schimpfliche reden
habt ihr ohne gewissen vor meinen kindern gesprochen?
Göthe (Reineke fuchs 3) 40, 41 (ungescheut
Gottsched 24 B.; de gi en seden openbar Reinke de vos 1, 13 v. 1129 Prien);

aber dem ich doch damit einig und allein, nach bestem gewiszen raum mache, bin wahrlich nicht ich, sondern wort gottes! Herder (an prediger 1773) 7, 223; vgl. auch (sp. 6256) nach unserem besten wissen und gewissen; (sp. 6257) nach gefühl und gewissen u. a.;

drumb kiest er männer ausz die nach gewissen handeln,
die auff der tugend bahn, alsz er, gebührlich wandeln,
zu mehrung seines reichs.
Tscherning deutscher getichte früling 44;

von den folgenden sinnschriften, welche wir zur probe anführen wollen, können wir versichern, dasz wir sie nach gewissen gewählt haben Lessing (Voss. zeit. 1754) 53, 436;

die welt
glaubt nicht an die gerechtigkeit des weibes,
sobald ein weib das opfer wird. umsonst,
dasz wir, die richter, nach gewissen sprachen!
Schiller (Maria Stuart 1, 8) 12, 442;

behüte gott! ein gemachter herr sein? und doch im hertzen und vor gott ein verräther werden desz vatterlands? und wider gewissen dienen? wie viel thun Moscherosch insomnis cura parentum (8) 53 Pariser; vgl. wider besser wissen und gewissen (sp. 6256); wider sein gewissen (sp. 6266); sich auffs gewissen beruffen, implorare conscientiam et fidem suam Aler 1, 940; vgl.jede beliebige berufung auf das gewissen W. E. v. Ketteler das öffentl. gewissen 7; vgl. (sp. 6256f.) sich berufen auf gewissen, vernunft u. a.; auf treuen, glauben und gut gewissen;

ich hab' euch stets als biedermann erfunden,
beweist es jetzo. sagt mir auf gewissen,
ist's nicht so? giebt's kein solch gesetz in England?
Schiller (Maria Stuart 1, 7) 12, 437;

nun, herr philosoph, die hand aufs gewissen, redlich gesprochen: es war eine zeit, wo ihr nicht so gefüttert wart wie jetzt Göthe (Rameaus neffe) 36, 38; aber ich will's net aufs gewissen nehmen, dasz du dein bissel geld bei mir sitzen laszt Anzengruber (pfarrer v. Kirchfeld 1, 4) 63, 29; das habe ich nicht auf dem gewissen, my conscience is acquitted Hilpert II, 1, 465c; einen auf dem gewissen haben Fanny Lewald Adele (1853) 31 s. Sanders 3, 1639a; kein anderer als sie selbst hat mich auf dem gewissen P. Heyse (moral. nov.: anfang u. ende) II, 3, 243; die beiden sonderbaren schwärmer, von denen

[Bd. 6, Sp. 6286]


der eine den erzbischof von Paris und der andere den förster Opitz auf dem gewissen hatte Th. Fontane (quitt cap. 25) I, 6, 214; mit einem rehbock auf dem gewissen Solitaire (W. Nürnberger) erz. bei nacht 15.
3)) zu diesen gruppen treten noch zwei formen der präpositionalverbindung, denen ein possessivpronomen überhaupt nicht geläufig ist: gewissens halben und aus gewissen: das darinnen ... ergerlichs leben und darbei grosse gefar leibs und lebens, auch gewissens halben, der seelen seligkait verlust zu befinden Ferdinand II. v. Tirol spec. vit. hum. (1) Minor s. 15; gewissens halben nicht thun dürffen, esse alicui religionem aliquid facere Calvisius 333c; ganz ähnlich Reyher 3, 1251; 3, 1260. 61; Stieler 2568; Steinbach 2, 1060; vgl. auch Adelung, Campe (bei den letzteren auch um des gewissens willen); die alte punische kriegslist, durch ein hölzernes pferd der toleranz die enge pforte zu erweitern, um das letzte palladium der menschlichen natur zu holen, damit wir des gewissens halber alle kamele verschlucken Hamann (fragmente einer apokryph. sibylle) 6, 13 Roth;

gott ist's, der weisheit giebt,
wenn man sie redlich sucht und aus gewissen liebt.
Gellert geistl. oden u. lieder: ermunterung die schrift zu lesen;

ein wunder von solcher unendlichen ruhe, die gott dem nichts gleich macht, dasz man sein dasein aus gewissen leugnen oder ein vieh sein musz Hamann (aesthetica in nuce) 2, 276 Roth; man beachtete näher den seltenen fall, der sich hier hervortat: leidenschaft aus gewissen Göthe (Meisters wanderjahre 3, 14) 23, 216; er hatte sich darüber skrupel gemacht, dasz er so im auf- und abschleichen die obwol lauten meinungen des edeln jünglings heimlich weghorche; daher lehnt' er sich aus gewissen an einen baum J. Paul (flegeljahre 1, 17) 26, 157; Plinius der jüngere nennt es seelengrösze, nichts aus groszthuerei, sondern alles aus gewissen zu thun Stäudlin gesch. d. lehre v. d. gewissen (1824) 17.
β) auch wo die präpositionalverbindung ein anderes subject fordert als das dem verbum zukommende, stehen die wendungen, die das possessivpronomen mehr und mehr abstreifen, im vordergrunde.
1)) wo als träger des gewissens eine bestimmte person erkennbar ist, wird das pronomen zunächst in solchen verbindungen unterdrückt, die sich zur festen wendung zusammenschlieszen, so in den verbindungen, die sich um die beiden formeln ins gewissen schieben, ins gewissen reden gruppieren, ebenso kommen die wendungen aufs gewissen fragen, geben in betracht. sonstige verbindungen bleiben hier vereinzelt:

und in mir hab der pfeile viel
die im gewissen ohne ziel
mich armen sünder drücken.
Barth. Ringwald herr Jhesu Christ, du höchstes gut, Wackernagel kirchenlied 4, 1028a;

ob die weltlichen gesäzze auch jemanden im gewissen bünden? Butschky hochd. kanzellei 2, 351; ach! wie fuhr das der frau Hinckel und der kleinen Gackeleia durch das gewissen, als sie hörten, dasz der hahn reden konnte; sie zitterten, dasz nur alles gewisz herauskommen würde Cl. Brentano (Gockel, Hinkel u. Gackeleia) 5, 80 Chr. Brentano.
a)) so ist es nicht müglich, wo menschen gesetz ins gewissen geraten, das es unverrückt bleibe Luther (1 Mos. 34, gepred. 1528) 24, 594; so gering auch der tadel immer war ... er ging mir ins gewissen Lichtenberg (von ein paar alten deutschen dramen) 4, 4; aber ich halte, der prophet greiffe dem könige und den seinen ins gewissen Luther (prophet Habakuk) 19, 411;

das recht, das die natur und gott
uns gräbt in das gewissen.
Gryphius (kirchhofsged.) 269 Palm;