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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewispel bis gewissen (Bd. 6, Sp. 6139 bis 6216)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewispel, gewischpel, n. , verbalsubstantiv zu dem älteren, jetzt durch wispern (s. gewisper) verdrängten wispeln. vgl. ahd. wispalôn. Graff IV. 1239; mhd. wispelen mhd. wb. 3, 771; nhd. wispeln Stieler 2566; Steinbach 2, 1006; Frisch 2, 453.
1) nur die ältesten belege zeigen das substantiv ohne begleiter; der begriff des geräusches ist hier nach der seite des subjects noch nicht fest begrenzt, aber dynamisch abgestuft: wie das die gestürme alle vergiengen in den der herre nit kam. und darnach in ainem stil schweigen und rasten in ainem gewischpel kam got der herre. Tauler sermones (1508) 156a; wann disz also verricht, thet sich aus dem wasser herfür ein kleine subtile stimm, gleich einem gewispel und gab antwort auf die frage. Nigrinus von zauberern (1592) 50.
2) in den jüngeren belegen ist das substantiv entweder mit einem bedeutungsverwandten verbunden oder von einem attribut begleitet; nach der seite des subjectes ist es auf den menschen beschränkt und neben der dynamischen abstufung tritt die vorstellung eines unbestimmten verworrenen geräusches hervor, die vereinzelt sogar mit der dynamischen abstufung in widerspruch steht (s. u. DWB laut gewispel).
a) und war das auf dem Lindwurmhof kein schlechtes gezischel und gewispel, als ... der Michel angefahren kam mit seiner grünen schönen. P. Rosegger (weltgift) III, 9 s. 348; tes es' ə kəwes' pəls ùn ə kəwas' pəls! das ist ein gewispel und ein gewespel! aus der Zornthaler mundart, s. jahrb. f. gesch. ... Elsass-Lothringen 7, 189; vgl. Martin u. Lienhart 2, 875b.
b)

ein kurtz gewisbel folgt, als er gesaget das.
Dietr. v. d. Werder Tassos erlös. Jerus. (1, 29) (1626) 4b

(ein murmeln folgt. Gries; geflüster Schindel);

ein laut gewisbell drauff umbher bei jhnen gieng,
der hauptman hiesz es gut mit einem augenwinck. (6, 24) 65

(gemurmel Gries); das geflüster sank zu unhörbarem gewispel. A. Mützelburg zwei heitere gesch. 93, s. Sanders erg.-wb. 645a; verliebtes gewispel. Stuttg. n. tagebl. 35, 36, s. ebenda 644c.

[Bd. 6, Sp. 6140]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewispelig, mundartl. adjectivbildung zu wispeln in der bedeutung, die unter abstreifung der geräuschwirkung nur die bewegung im vorstellungsinhalt festhält, vgl. auch DWB gewispelt: wisplig, gewisplig, voll unruhe. Stalder 2, 455.
 
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gewispelt, particip. adj. zu wispeln in derselben bedeutung, die eben an gewispelig hervorgehoben wurde: es kombt ein baur mit einem verwirrten, gewispleten bart. Schmeller 22, 1042.
 
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gewisper, n. , verbalsubst. zu dem jüngeren, im 18. jahrh. in die schriftsprache eindringenden wispern. im gegensatz zu gewispel (s. d.) ist es nicht mit attributen beobachtet, mehrmals dagegen mit synonymen verbunden, noch häufiger isoliert belegt; als ältestes zeugnis ist wol das compositum schandgewisper aus Lichtenberg anzusprechen, vgl. 8, 2142.
1) das gewisper. Campe 2, 365b; Leontin schien heimlich und leise befehle zu erteilen. ... jetzt hörte sie nur noch hin und her gewisper unter den dunklen bäumen. Eichendorff (viel lärm um nichts) 43, 192; aber, wenn man (auf der börse) ein paar leute die köpfe zusammenstecken sieht, die piano und pianissimo sprechen .., da kann man darauf rechnen, ... dasz es, wenn das gewisper zu ende ist, zu einem resultate kam. J. G. Kohl Petersburg 2, 12; und als sie die beiden nebeneinander sahen, da ging zum erstenmal zu Fruttnellen wieder das gewisper von einer alten geschichte. Ernst Zahn herrgottsfäden (28)5 301.
2)

ein düstre prozession
toter ursulinerinnen;
... tragen kerzen in der hand,
die unheimlich blutrot schimmern;
seltsam widerhalt im kreuzgang
ein gewisper und ein wimmern.
Heine (romanzero 1: himmelsbräute) 1, 358 Elster;

und wenn ich denk', was das die letzte zeit her für ein gezischel gewesen ist und für ein gewisper, da ist mir oft völlig heisz' worden im kopf ... also h'raus mit der farb'! Herman Schmid (der habermeister 6) 17, 181; am anderen tage gab es ein geflüster und gewisper beinahe durch die ganze stadt. K. Frenzel die verlobung (Westermanns monatshefte 48, 72b).
 
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gewispert, als particip. adj. zu wispern vereinzelt beobachtet, steht der bedeutung nach dem oben besprochenen gewispelt ganz fern: ein durcheinander von lautem sprechen und lachen und von flüstern und gewisperten scherzen drang zu seinem ohr. Ad. Stern die letzten humanisten (13)3 190.
 
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gewiss, adj. und adv. , alte participialbildung zum praeteritopraesens weisz, wissen (s. d.), die sich in ihrer bedeutungsentwicklung von dieser grundlage weiter entfernt als die bildungen gleichen stammes weise (s. d.) und gewiʒʒan (s. gewissen III). innerhalb des verbalsystems werden alle diese participialformen durch die jüngere bildung gewist, gewest (s.gewuszt) ersetzt.
mit weise zeigt gewiss in der bildung die nächste übereinstimmung: im gegensatze zu dem stark gebildeten gewiʒʒan sind beide alte to-participia, deren formeller unterschied auf der betonung beruht (*wîdto und *widto), welche ihrerseits wieder die aus dem zusammenstosz der dentalen sich ergebende consonanz verschiedenartig beeinfluszte. für unser sprachgefühl stehen sich beide formen aber in der bedeutung schroff gegenüber: weise mit activer bedeutung entspricht dem part. praes. (wissend), gewiss mit passiver bedeutung dem des praeteritums (gewuszt). dieser unterschied galt nicht von hause aus und gilt auch heute nicht unbedingt, denn im altnordischen ist wîs auch mit passiver bedeutung belegt, und an gewiss ist schon in ältester zeit der doppelgebrauch beobachtet, wie er sich im folgenden zeigt: man hört, nur die mathematik sei gewisz, sie ist es nicht mehr als jedes andere wissen und thun. sie ist gewisz, wenn sie sich klüglich nur mit dingen abgibt, über die man gewisz werden und in so fern man darüber gewisz werden kann. Göthe maximen (schriften d. Göthe-gesellsch. 21, 286). dazu vgl. die beiden bedeutungen bekannt und verständig, die das mittelhochdeutsche particip gewiʒʒen neben einander entwickelt (mhd. wb. 3b, 789), und die bedeutungsrichtungen von gewuszt und bewuszt, in die sich das jüngere schwache particip gabelt.
unter entsprechenden einschränkungen lassen sich gewiss und weise aber dennoch als vertreter passiver und activer

[Bd. 6, Sp. 6141]


bedeutungen gegenüberstellen, denn die gebrauchs- und bedeutungsentwicklung von gewiss in der kategorie der adjectiva beruht durchaus auf passiven verwendungen. nur in diesen wird die participialform zum beweglichen adjectiv, das attributive verbindungen eingeht und adverbialen gebrauch entwickelt. die active bedeutung ist und bleibt auf die function des prädicats eingeschränkt und erlangt die möglichkeit attributiver functionen nur in einzelnen ausnahmewendungen des neueren stils (s. II, 1). andere attributive verbindungen, die man hierher ziehen möchte, entspringen der passiven bedeutung von gewiss, wenn sie sich auch in der abgeleiteten bedeutung dem activen begriff nähern: schaffe in mir gott ein reines hertz, und gib mir einen newen gewissen geist (var. richtigen, willigen, freiwilligen). ps. 51, 12 Luther, ebenso noch Weizsäcker (rechten geist in der älteren psalmen- und bibelübersetzung; spiritum rectum) u. a.; Luther selbst denkt hier an das active gewiss und erklärt in der glosse: das ist ein geist, der im glauben on zweivel und der sachen gewis ist, und sich nicht jrren noch bewegen lesset.
in der bedeutungsentwicklung tritt das passiv erfaszte gewiss dadurch in gegensatz zu weise, dasz es im gebiete der wahrnehmungen und des intellects, an dem z. b. die vom gleichen stamm abgeleiteten substantiva hauptsächlich haften, nicht stehen bleibt, sondern zu dem grade von realität vordringt, den die wahrnehmungen verbürgen: gewisz, was gewuszt wird, was bekannt wird, was als thatsache erkannt und festgestellt ist. mit den letzten bedeutungen wuchs gewiss nunmehr auch über den passiven gebrauch der starken form gewiʒʒen (bekannt) hinaus und fand hierdurch erst den zugang zu den bedeutungsmöglichkeiten, die es nach und nach erreichte. in dieser entwicklung wird fremder einflusz mit gewürdigt werden müssen. unverkennbar hat das lateinische certus, das ja auch participialform ist und das von der bedeutung entschieden zu der von festgestellt überging, fördernd eingewirkt. das zeigt sich namentlich auch darin, dasz den lateinischen verwendungen, in denen sich certus mit securus kreuzte, eine bedeutungsverwandtschaft auch von gewiss mit dem lehnwort sicher im deutschen entspricht, in der sicher schlieszlich zu einer concurrenzform wurde, die das von früher her zuständige gewiss aus altem besitzstand verdrängte.
an dieser ganzen entwicklung nehmen die anderen germanischen dialekte, so sehr ihnen participialformen unseres stammes geläufig sind, wenig antheil. dem stile des germanischen volksepos ist unser adjectiv fremd. auszer einem einzigen beleg im Heliand (wissan 1938; dazu vgl. die beiden composita wisbodo, wiskumo und das einmal gebrauchte wissungo) sind nur den glossen und prosatexten einige altsächsische und angelsächsische (vgl. Bosworth-Toller 468b) belege zu entnehmen, wie auch die got. bibel nur in der zusammensetzung mit der negationspartikel un ein einziges zeugnis bietet: du unwis(s)amma (οὐκ ἀδήλως). 1. Cor. 9, 26. (vgl. in ungewisz, in incertum. cod. Tepl. u. a.; auffs ungewisse. Luther.) im gegensatze dazu schlieszt sich das mittelniederl. dem deutschen gebrauch enger an: vgl. Oudemans 2, 668; Verwijs u. Verdam 2, 1919 ff.
die weitere entwicklung des passiv gebrauchten adjectivs steht in wechselwirkung mit der syntaktischen verwendung. während der prädicative gebrauch in dieser richtung schwerfällig ist, begünstigt schon das adverbium da, wo es eng ans verbum gebunden ist, mehr beweglichkeit. wenn gewiss wissen der anfangsstufe der bedeutungsentwicklung entspricht, zeigt sich in gewiss verkünden die realität schon losgelöst von der wahrnehmung, und in den späteren verbindungen gewiss treten, gewiss schieszen hat das adverbium den abgeleiteten begriff fest bereits zu einer spielart verengert, die mit der grundbedeutung kaum mehr etwas gemein hat. die attributiven verbindungen, die sich jedoch erst zu ende der althochdeutschen periode einstellen, halten zunächst in dem gegensatz von gewissiu wiʒʒentheit und gewisser tod die gleichen unterschiede fest, die in gewiss wissen und gewiss künden zu tage treten. in der mittelhochdeutschen dichtung dagegen dringen, von der rechtssprache ausgehend, zahlreiche neue verbindungen ein, die den begriff festgesetzt, fest variieren: neben wahr, zutreffend, wird auch stæte und zuverlässig in den bedeutungsumfang einbezogen, und in der beziehung auf personen

[Bd. 6, Sp. 6142]


legte sich immer mehr ein ethisches moment in die begriffe wahrhaftig, beständig. so rückt gewiss am ende in die vorderste stelle der tugenden, die man von einem manne fordert, er musz ein gewisser ritter sein.
im schroffen gegensatz dazu steht die entwicklung gerade des attributiven adjectivs in der neueren sprache: ein gewisser ritter wäre für uns eques quidam, vgl. z. b.: die zwei herren Audran, und ein gewisser N. N. — wer behält alle die namen! ... empfiengen uns am schlage. Göthe (leiden d. j. Werther) 16, 31; der gleiche gegensatzaber von anderem ausgangspunkte her (vgl. sp. 6151) — zeigt sich bei gewiss auch da, wo es unpersönliche substantiva als attribut begleitet, vgl.:

ein zunge rehter urteil, vrides hant, gewisser worte ein munt.
Reinmar v. Zweter 136, 6 Roethe;

und sprach zu mir: schreibe! denn dies sind wahrhafte und gewisse worte. Herder 9, 222; gegen:

ich kenne sieben lustge brüder,
sie sind die durstigsten im ort;
die schwuren höchlich, niemals wieder
zu nennen ein gewisses wort ...
es ist das gute wörtlein wasser,
darin doch sonst kein arges steckt.
Uhland von den 7 zechbrüdern.

die vorstellung des bestimmten und festgesetzten bleibt in solchen wendungen nicht mehr selbstzweck, sondern wird zum mittel, um etwas durch andeutung einzuführen, was man noch nicht kennzeichnen will, wie in dem obigen belege aus Uhland, oder um bei irgendwelchen angaben die zahlen-, grad- und artverhältnisse unbezeichnet zu lassen, vgl.: die verfeinte erziehung stürmet darauf, dasz sich ein gewiszes erkennen und empfinden, der witz z. e. und der witz der menschenpflichten, die höflichkeit früh entwickle. Herder 8, 325. dieser bewegung stehen zu ende des 18. jahrh. noch reste älteren gebrauches entgegen, wie das erste beispiel aus Herder zeigt. eine besondere pflege finden diese bei Göthe, der, obwol er an der pronominalen entwicklung der attributiven verbindungen lebhaften antheil nimmt, doch auch in der wahrung der bedeutungsenergie über die vorgänger noch hinausgeht: das gewisse andenken guter menschen hat einen grösern einflusz auf unser leben, charackter und schicksaal als man sonst den sternen zuschrieb. briefe 5, 88 Weimar.
die adverbialen verwendungen, die an dem gebrauche von gewiss zu allen zeiten ungewöhnlich hervortreten, zeigen einen weiteren gegensatz zwischen älteren und jüngeren gebrauchsformen. die ältere sprache hatte gerade hier die realität besonders hervorgehoben und liesz diese auch da nicht abschwächen, wo das adverbium in der gebundenen sprache als lückenbüszer aus reimnot gesetzt wurde oder wo es für lateinische partikeln und conjunctionen eintrat, die man nicht wörtlich wiedergeben wollte oder konnte. die neuere sprache hat die beiden letzten verwendungen ganz beseitigt, sie verwendet das adverbium entweder im engen zusammenhang mit verbis (gewiss wissen) oder in loserer stellung als partikel, die dem ganzen satze gilt. aber gerade hier schwächt sich die bedeutungsenergie nunmehr ab. ein satz wie ich bin gewiss sehr ungern gegangen (Göthe br. 5, 105) wäre uns, da die partikel beim affirmativen gebrauch das satzgefüge jetzt sprengt (s. u.), nur in concessiver färbung vertraut, die hier aber nicht durchbricht. dagegen liegt uns gewiss auch heute in zwei fällen nahe, wo es Herder gegen ein fast oder wohl der ersten ausgabe seiner theologiebriefe in die zweite auflage einführt: kurz, hier ist ein schatz alter ebräischer lieder, den ich, wenn die gesänge mancher andern nationen ihm entgegen auf der schale lägen, gewisz vorziehen würde, vorziehen müszte. 10, 111; Lowth de sacra poësi Hebræorum hat insonderheit diese poetische luft verbreitet; am neuesten miszbrauch aber, bei dem die nahrhaftesten dinge zuletzt in süssen duft verwittern, ist er gewisz unschuldig. 10, 15. wo die partikel die volle bedeutungsenergie bewahrt, durchbricht sie in der neueren sprache das satzgefüge; die satzbildenden functionen, die in der ältesten zeit kaum entwickelt waren, haben so für den neueren gebrauch eine besondere wichtigkeit gewonnen: 'aber auf die dauer würde es ihren schülern langweilig werden.' 'gewisz, wir wollen ja auch von ort zu ort wandern.' O. Ernst Semper der jüngling s. 307.

[Bd. 6, Sp. 6143]



I. älterer gebrauch; sonderentwicklung der rechtssprache; statistik; formen.
1) für den älteren gebrauch steht die ahd. periode (vgl. Graff 1, 1106 ff.) in bemerkenswertem gegensatz zur mhd.; vgl. mhd. wb. 3, 795b; Lexer 1, 993. Otfrid, der entgegen dem einzigen belege des Heliand (seggead im wissan friðu. 1938) eine reiche und weit vorgeschrittene verwendung zeigt, trifft mit den ahd. übersetzern darin überein, dasz er nur prädicative und adverbiale functionen des particips kennt. die attributiven verwendungen mehren sich zuerst bei Notker und erreichen in der mhd. dichtung einen höhepunkt. da andererseits das adverbium, das die ahd. übersetzer bis zur ausschlieszlichkeit begünstigt hatten (in der Tatianübersetzung ist nur das adverbiumund zwar reichlich —, nicht aber das adjectiv belegt), in der mhd. dichtung rasch zurückging, so ist für die ältere periode die adverbiale, für die jüngere die attributive entwicklung charakteristisch.
a) die active bedeutung: gewiss = bewuszt, scitus vgl.: gidua mih thes giwissi, was si thaʒ warnissi. Otfrid 4, 21, 36 gegen theist is giwis io so dag. 5, 12, 33.
α) berührung mit verwendungen des lat. certus.
1)) an certiorem (certum) facere erinnert gewiss thun Otfrid 4, 21, 36, während es in anderen belegen Otfrids von wîs tuon sich deutlich abhebt und in der richtung von securus (sicher) sich hält. die gleiche gabelung zeigt sich auch in mittelhochdeutschen zeugnissen, vgl.:

duent unsih giwisse fon themo irstantnisse.
Otfrid 5, 8, 12; 4, 37, 43;

der künec gebôt unde bat,
daʒ in Tristan an der stat
der rede gewis tæte,
als er ime gelobet hæte.
Gottfried Tristan 11393 Marold;

vgl.(des tuot sîn rede uns gewis) Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 2002;

Gerffin van Termis
de machde Karlle des gewis,
we dat der buschoff Gernas were
in strides noit ein here. Karlmeinet 206, 22 Keller;

gegen:

nu tuot uns aber Thômas gewis,
der eʒ an den âventiuren las,
daʒ er von Parmenîe was.
Gottfried Tristan 326 Marold;

ähnlich (als mich tet diu schrift gewis) Joh. v. Würzburg Wilh. v. Österreich 1071; desgleichen in 'das heisse eisen' 11, s. zeitschr. f. d. alt. 8, 89. die bedeutungsgemeinschaft mit securus ist der verbindung gewiss machen aus der rechtssprache (vgl. auch: als er in durch sine bete mit siner triuwe sicher tete. Flore 1424) erwachsen. mit dem lat. certus berührt sie sich dort nur in wendungen, die der passiven bedeutung des adj. entspringen (s. 2); als einziges litterarisches zeugnis für letztere vgl.:

'meister, war gi wesen sit?'
he sprak: 'ik do it ju ghewisse,
ik komme van einer kerkmisse.
Brun v. Schonebeck messe 66 (nd. jahrb. 30, 138b).


2)) an das lat. certior fieri liesze sich die verbindung mit werden anknüpfen; sie ist aber (im gegensatz zu wîs werden s.β) litterarisch (zu den glossen vgl. certiores, gewissorun, giwissirun Steinmeyer-Sievers 2, 265a) erst spät belegt und bleibt vereinzelt. bei Notker, der sie zuerst einführt, zeigt sie häufiger die passive bedeutung (vgl. Hattemer 3, 485b; 3, 48a) als die active: dea werdendo wirdest tû des alles kuis tes tu fore wâre unguis. (Mart. Cap.) 3, 331b; vgl. auch:

ouch wonte vil dar under
scorpen unde tigertier.
diu maget edel unde fier
wart fremder würme dâ gewis (: aspis).
K. v. Würzburg Partonopier 10707 Bartsch; vgl. var. zu
H. v. Veldeke Eneide 26, 40.


β) in der verbindung mit dem verbum substantivum hebt sich gewiss am deutlichsten von wîs (wîs sîn, werden für lat. cognoscere) ab. auch hier musz mit dem einflusz der bedeutungsgemeinschaft von certus und securus gerechnet werden, der in den ältesten belegen deutlich durchschlägt und auch später (vgl. sp. 6144) noch mehrfach wahrzunehmen ist, vgl.:

thiz kind ist untar mannezi manegero falle
joh then zirstantnisse,thie zi libe sint giwisse.
Otfrid 1, 15, 30; ähnlich 3, 7, 7; 4, 36, 22; 1, 1, 40 mit:

thaʒ wir sin sichor ubar al! an könig Ludwig 78.

[Bd. 6, Sp. 6144]


einen anderen berührungspunkt hat schon die weitere entwicklung von sicher gegeben, vgl.:

ward wola in then thingonthie selbun mennisgon
thie thar thoh bigonotosint sichor iro dato.
Otfrid 5, 19, 11 gegen:

thaʒ ir ni missifahet(ni wanu, ir nan irknahet),
sehet, then ih kusse,so sit es sar giwisse;
ther ist iʒ ... 4, 16, 26.

für die kennzeichnung des gebietes, auf das sich die erkenntnis bezieht, stehen den präpositionalverbindungen mit fone, die Otfrid neben thun bezvorzugt, neben dem verbum substantivum genitive und objectsätze gegenüber.
1)) nur der kleinere theil der belege ist von der vollen bedeutungsenergie erfüllt, die der verbindung da innewohnt, wo sie einen notwendigen bestandtheil des satzes bildet.

joh birun mornentein suaremo elilente
in githuingnisse;thes sin wir io giwisse.
Otfrid 3, 26, 24; ebenso 3, 20, 20; ähnlich 5, 1, 18;

daʒ chît er. wanda peripathetici ne wellen nîehtes quis sîn. Notker (Mart. Capella) Hattemer 3, 265b; ähnlich (ne sol man quis sin mahte) 3, 101b (Boeth.);

ich bin es alles vil gewis.
Heinr. v. Veldeke Eneide 40, 17 Ettmüller;

ebenso (daʒ ich des gewis bin) Gottfried Tristan 13379; (möhte ich der rede gewis sîn) 10520; (des wil ich gewis sîn) Jansen Enikel weltchron. 25464; (bin ich des gewis an dir?) Stricker Daniel 7446; fone diu maht tu guis sin ... daʒ er iʒ kuinnen nemahte ... (dubitare non possis). Notker (Boeth.) Hattemer 3, 165b; ebenso Marienklage 118 W. Grimm; ähnlich Wolfram v. Eschenbach Parzival 479, 18; ebenso pfaffe Amis 313 Lambel; Daniel 2858 Rosenhagen;

ob ir des gewis sît
daʒ uns der rise kume vruo.
Hartmann Iwein 4748;

ähnlich H. v. Veldeke Eneide 26, 40; Stricker Daniel 4920;

after deu waren si gewis alles ir lebenes:
Joseph si so prahte uʒ der hunger iare note. Milstäter genesis 104, 32 Diemer;

der selben genâden suln si gewis sîn,
behaltent si an ir gerihte mînen trähtîn. kaiserchron. 6089 E. Schröder;

ebenso (gewis miner minne) Joh. v. Würzburg Wilh. v. Österreich 5486; (lones gewis) Heinr. v. Hesler apokalypse 1271 Helm; (der sei erbait gewisz) Daniels traumdeutungen 71 (zeitschr. f. d. alt. 48, 519).
2)) im gegensatz dazu stehen nun die formelhaften verwendungen in der dichtung. sie gehen hauptsächlich von der zweiten person aus und sind in der ersten und dritten nur selten belegt:

eʒ was wit unde hô
und was gemachet alsô,
so uns dar abe gesaget is
daʒ wir des soln sîn gewis, ... (var. daʒ ir des sit vil gewis).
Heinr. v. Veldeke Eneide 41, 28;

ebenso (des megen wir sin gewis) schon frau Ava leben Jesu bei Diemer ged. 279, 19;

des einlften namen sei man gwiss!
der was her Rüfli Lekdenspiss.
Heinr. Wittenweiler ring 2c, 23 Bechstein s. 5.

bei den formeln, die von der zweiten person ausgehen, läszt sich ein unterschied beobachten, der an den numerus geknüpft ist: im singular wird die formel zum lückenbüszer, der den dialog unterbricht, im plural zum formelhaften anruf, mit dem der erzähler die hörer zur theilnahme auffordert.
a)) in deutlichem gegensatz zu prägnanten wendungen wie:

des wis sichir und gewis,
daʒ ich dir nicht dar zû vrome.
Eilhart v. Oberge Tristan 3546 Lichtenstein;

Môrolt sît daʒ du danne mîn
ze slahene sô gewis wilt sîn,
sô wer dich, wellest dû genesen.
Gottfried Tristan 6834 Marold;

vgl.(des sît von mir gewis) Jansen Enikel weltchron. 9365;

do sprach der kunic here,die minen hochgecit
sult ir ze Rine chunden,daʒ ir gewis des sit. Nibelungen 1352, 6 Lachmann (in C)

stehen formeln, die bald das particip, bald das hilfsverbum als bequemes reimwort verwenden:

du bist mîn, ich bin dîn:
des solt dû gewis sîn. minnesangs frühling 3, 2;

[Bd. 6, Sp. 6145]


ebenso schon könig Rother 3914; 1963; Heinr. v. Veldeke Servatius 1, 2758; Eneide 171, 27; Hartm. v. Aue Erec 659; Jansen Enikel weltchron. 716; 1748; 1914; 2376; 2424; 2450; 2464; 2892; 4356; 4472; 5352; 5407; 7396; 7588; 7712; 10266; 13924; 16832; 17166; 23620; 25894; 26268;

und volges dû der lêre mîn,
sô wis gewis, eʒ frumt dir an dem muote.
Walther 23, 1 Lachmann;

ebenso (sît gewis in der höflichkeitsform des ihrzens) 28, 13; (des saltû sîn vil gewis) Heinr. v. Veldeke Eneide 87, 28; vgl. auch zeitschr. f. d. alt. 8, 543.
b)) mit den vorhergehenden wendungen berühren sich wenige belege für den plural:

sprachen die Juden nu seit gewis
eʒ ist niwan eclypsis.
Konr. v. Heimesfurt urstende bei Hahn ged. 112, 41.

die meisten pluralbelege dienen dem formelhaften anruf der hörer, die weniger aus inneren gründen als dem reim und versmasze zu liebe auf die glaubwürdigkeit der erzählung wiederholt hingewiesen werden. Otfrid deckt das gleiche bedürfnis durch reichen verbrauch des adverbiums: giwisso sagen ih. 5, 10, 33 u. a.; giwisso wiʒit ir thaʒ. 3, 18, 21 u. a., s. unter c). die mhd. dichtung dagegen führt hier das prädicative adjectiv ein:

den Hûnen hen dochte
an beiden sîden der strâten
sô dûster ût ter mâten
van den grôten dûsternisse,
dat si wânden, des sît gewisse,
dat et wâren hôge mûren.
Heinr. v. Veldeke Servatius 2, 136 Piper;

ebenso schon Tundalus 443 bei Kraus 60; Lamprecht Straszburger Alexander 7224; Wernher v. Niederrhein 4 scheiben 315 Köhn; selbst Wolfram verschmäht diesen lückenbüszer nicht:

si fuorten ouch, des sît gewis,
ein gezelt daʒ Iblis ... Parzival 668, 9 Lachmann;

ebenso 741, 5; desgleichen Rud. v. Ems Barlaam 246, 25; meister Stephan schachbuch 1944 u. 2442;

des muget ir sin vil gewis
er screip ein bch de ist apocalypsis. frau
Ava leben Jesu bei Diemer ged. 275, 22/3;

ain lant haiʒet Tybêrîadis,
des sult ir sîn gewis,
daʒ ervaht er dâ. kaiserchron. 678 E. Schröder;

ebenso Heinr. v. Veldeke Eneide 108, 19; 170, 27; Wolfram Parzival 494, 15;

von der gürtel ûf diu knie
was eʒ ... alleʒ êrîn;
ir sült des gewis sîn,
von dem knie hin ze tal
was eʒ îsnîn über al.
Jansen Enikel weltchron. 16970 Strauch.

vgl. schon Heinr. v. Veldeke Eneide 117, 20.
b) für das adjectiv in der passiven bedeutung sind von anfang an die gebrauchsformen des lat. certus zuständig, während die bedeutungsgemeinschaft mit securus nur spätere (s. 2) verwendungen des deutschen sicher betrifft: dêst sicher sunder wân. Walther 77, 17. für den anschlusz an certus brachte gewiss von hause aus eine entwicklungsfähigkeit mit, die den von certus vertretenen bedeutungen ausgemacht, nicht zweifelhaft, wahr, fest, festgesetzt, bestimmt, wahrhaftig, zuverlässig ungezwungen gerecht werden konnte. in der that finden wir selbst bei übersetzern nicht nur das lat. certus, sondern auch diffinitus, firmus, existens, indubitabilis, constans durch gewiss wiedergegeben. die voraussetzung für solche entwicklungsfähigkeit lag in der leichtigkeit, mit der aus der kennzeichnung einer wahrnehmung auch die kennzeichnung des grades von realität erwächst, den die wahrnehmung verbürgt (vgl. Kluge zu laut): ih spricho iʒ in praeterito (irgangeno), wanda iʒ so gewis ist, samoso iʒ irgangen wäre. Notker (ps. 43, 8) Hattemer 2, 152a.
α) auf diesem letzteren standpunkt hält sich im gegensatz zum adverbium (s. c) das adjectiv in derjenigen verwendung, die die ältere sprache bis auf Notker ganz beherrscht und die auch im formelschatze einzelner mhd. dichter wieder stark anwächst, der prädicativen.
1)) von anfang an verbreitet ist hier die verbindung mit dem verbum substantivum, die bei gewuszt im gegensatz

[Bd. 6, Sp. 6146]


zu bewuszt zunächst ein unpersönliches subject fordert. anfangs wird dies nur durch pronominalformen vertreten, substantiva dringen hier nur langsam in die stelle des subjects ein:
a))

uns allen thaʒ giwis ist,thaʒ thu selbo Krist bist.
Otfrid 3, 12, 25; ebenso 5, 12, 33; 2, 2, 19;

in resurrectione (in urstende) werdent sî gescendet, daʒ ist nû gewis. Notker (ps. 43, 8) Hattemer 2, 152a; ebenso (certum est) 3, 166b (Boethius); desgleichen: (kuis unde fasto gesezzet) 3, 63a; ebenso (ps. 43, 8) 2, 152a; (Boeth.) 3, 186b; desgleichen (ohne eigenes pronomen) 3, 417a; 3, 283a; 3, 284b; 3, 231a; 3, 181b; 3, 483a; dazu vgl. die belege für die steigerungsform: (noh tanne ist kuissera) 3, 121b; ebenso 3, 141a; 3, 224b; 3, 497a; desgleichen (guissôst) 3, 460b;

zvelef schare breite
Moyses di leite
von den zvelf patriarchis
geborn waren si daʒ is gewis. Vorauer bücher Mosis bei Diemer ged. 76, 14;

ebenso (wunderes gewes) Herbort v. Fritzlar troj. krieg 14259; es ist gewiʒ, daʒ der ursprunck der ersten worheit in uns ist. pred. der Nürnberger Eckharthandschr. bei Jostes s. 19 (no. 24); und ist gewiʒ und ein war rede. s. 82 (no. 77); daʒ ist gewis sam der tôt. Ulr. v. Zatzikhoven Lanzelot 5881; vgl. auch Hugo v. Langenstein Martina 137, 23 u. 26; Stricker Daniel 3620; siehe gewisser tod in β).
b))

thaʒ uns si giwissithaʒ sin irstantnissi,
thaʒ sinaʒ lib niuaʒ,ther engil kundta in tho thaʒ!
Otfrid 4, 37, 23; genau so 5, 24, 11;

dei providentia ist samo guis an dien anderên creaturis. Notker (Boeth.) 3, 227a; tiu sihet ouh an demo mennisken dîe tâte, dîe gote guis sint, doh sie imo selbemo unguis sîn. 3, 235a; ähnlich 3, 233a; vgl. auch 3, 142a, s. u. γ);

dem was gewiss der bitter tod. var. zu
Stricker Daniel 3620.


2)) den sp. 6143 bei der bedeutung bewuszt belegten verbindungen mit thun, machen entspricht bei der bedeutung gewuszt die immer wieder aufgefrischte formel gewiss haben:

'ir eʒet', quad er, 'ana wanlichamon minan;
allen zellu ih iu thaʒ,thaʒ eigit ir giwissaʒ'.
Otfrid 4, 10, 12;

ebenso (eigu giwissi sin irstantnissi) 5, 6, 32; desgleichen (ih habeta iʒ io giwissaʒ) 3, 24, 93; persuasum habeo, gwis haben. Steinmeyer-Sievers 4, 224; et habes unde sumas unum quid ... unde habist tu gewis, wâr dû sûchêst teile gelîchiu. Notker (Arist. kateg.) 3, 403b Hattemer; vgl. auch

wir hân niht gewisses mê
wan hiute wol und morne wê
und ie ze jungest der tôt.
Hartmann armer Heinrich 713 Paul,

ebenso Freidank 177, 13; Hugo v. Langenstein Martina 46, 91;

si wolte daʒ gewis hân.
Hartmann Iwein 6924;

ebenso 1263; 4256; Wirnt Wigalois 1987; Ottokar 4476; 5377; ebenso 6335; 6241; 31241; pfaffe Amis 1106; Daniel 1325;

in wart der antlâʒ getân
den sult ir vil gewis hân. der
Stricker Karl 4824 Bartsch;

sus want diu knginne
Wildhelmes minne
nach willen han gewis.
Joh. v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 12979;

dagegen vgl. DWB ze gewisse hân, s. unter gewisse.
β) attributive verbindungen sind zunächst verschleierte formen des prädicativen gebrauches:

ni ward io ubar woroltringuns giwissara thing,
thaʒ iʒ io sus wariiu erdu so mari.
Otfrid 2, 3, 41;

nihilque comprehendi posse scientia nisi certum. unde wânest tu wiʒentheit neheines tinges sîn âne guisses. Notker (Boeth.) 3, 233a. anderer art sind die mit ausnahme eines glossenbeleges zuerst bei Notker auftauchenden und dann später immer wieder belegten verbindungen mit verbalsubstantiven, in denen das attribut ganz ähnlich wie das adverbium neben einzelnen verbis mehr auf die sicherheit der wahrnehmung, als auf die realität des wahrgenommenen zielt. das adjectiv steht also hier seiner ursprünglichen bedeutung noch am nächsten, und wenn auch die belege fast ausschlieszlich jüngeren ursprungs sind, so läszt doch die glosse stigmata, kiwis ceihant (Wolfenbüttler

[Bd. 6, Sp. 6147]


handschr. d. 9. jahrh.) Steinmeyer-Sievers 1, 768b schon früheren gebrauch erschlieszen. es ist charakteristisch, dasz Notker in allen fällen dieses gebrauches unabhängig ist von dem lat. certus; cognitione fragilis felicitatis ... mit tero guissûn bechennedo murgfâres kuotes. (Boeth.) Hattemer 3, 92b; diffinitum. kuissa vernumist habintiʒ unde guissa bezeichennissida. (Aristot. de interpret.) 3, 468a; ähnlich (firma ratione ... kuissa starchunga. Boeth.) 3, 231b; (firmiori iudicio ... guisserûn erteilungo) 3, 242a; non erit iam firma praesicientia futuri, sed opinio potius incerta ... sô nemag iʒ nîeht heiʒen quissiu wiʒentheit, nube unguis wân. 3, 221b; (maxime proprium videtur esse ... taʒ quissista sunderzeichen ist taʒ) 3, 395b; dazu vgl. aus der rechtssprache und der späteren geistlichen litteratur: unde swer dan dar nâch kumet mit geziugen, oder mit gewissen warzeichen diu an dem gte sint. Schwabensp. landr. § 282; nicht ... ob er vil vastet .., sunder ein gewiʒʒes zeichen ist. pred. der Nürnberger Eckharthandschr. bei Jostes s. 28;

noch minner mac des menschen sin
ersehen mit den inren ougen
in gewisser verstandenheit
unsagebæres liehtes tougen,
daʒ er die ganzen wârheit
wiʒʒe und sehe sunder lougen.
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 1084 Weinhold;

sô weiʒ ich mit der wârheit
od von gewissem wâne
daʒ mîn frowe ist âne
valsch.
Hartmann zweites büchlein 295 Haupt;

eʒ ist ein gewissiu wârheit, swâ disiu geburt geschehen sol, dô muoʒ al zît abe sîn. meister Eckhart, s. myst. 2, 105.
γ) wenn die eben belegten verbindungen dem ausgangspunkt der bedeutungsentwicklung von gewiss entsprechen, so ist es sonst gerade der attributive gebrauch, der die fortschritte der entwicklung nicht nur kennzeichnet, sondern auch vielfach bewirkt.
1)) der erste fortschritt haftet an der verbindung mit substantiven, die nicht blos in der gegenwart wahrgenommen (qualitatibus existentibus ... guissên qualitatibus. Notker [Arist. kateg.] Hattemer 3, 442a), sondern von der zukunft erst gefordert werden: ich gloubo an der wârun bigihta aller slahte sundon vollen giwissen joh wâren dînen antlâʒ. Bamberger glaube, s. denkm. 13, 300; ad certum eventum ze guissemo ûʒlâʒe. Notker Boeth. (3, 230b); wio gotes praenotio diu habe guissiu unde guôt marchotiu, diu an in selbên nîeht kuisses ûʒlâʒes nehabent ... certos exitus ... ea certa ac definita. 3, 243a (Boeth.). in diesem zusammenhange wird der gegensatz wirksam zwischen vorstellungen, die man herbeiwünscht und solchen, die man für die zukunft fürchtet, auch hiefür läszt sich der gegensatz von securus und certus anführen.
a)) unde dar ana ne bin ih petrogen, wanda min lon gewisser ist, unde mir chumet, daʒ mir gehêiʒʒen ist. Notker (ps. 76, 3) Hattemer 2, 268b;

wil du wol tn, des vindest du gewissen lon. Milstäter genesis 24, 19 Diemer (gewissen fehlt in der Wiener handschr.);

dâ von sô sol ich disen tôt
hân für eine süeʒe nôt
nâch sus gewissem lône.
Hartmann armer Heinrich 1167 Paul;

ähnlich (niht gewissers guotes) Rud. v. Ems guter Gerhard 1727 Haupt; von diu lieben lute. minnet disen ungewissen rîchtuom niht zeharte. suochet den gewissen rîchtuom den er iu selbe geheiʒʒen hat. spec. eccles. 184 Kelle; suffragia certa giwisso helpha. glosse zu Adhelm de laudibus virginum. Steinmeyer-Sievers 2, 221;

eʒ sol der gransprunge man
bedenken sich enzîte,
swenn er ze hove werde leit,
daʒ er ze gwissen herbergen rîte.
Spervogel minnesangs frühling 26, 26;

vgl. gewisses pfand und andere verbindungen, die sich mit der bedeutung von securus berühren, unter den formeln der rechtssprache, s. 2), b), β).
b)) während für das leben (zur verbindung gewisses leben s. u.) naturgemäsz keine sicheren schlüsse auf die zukunft gezogen werden können (nieman hat einen gewissen tach ze lebene. pred. der Leipz. handschr. bei Schönbach 1, 34), ist, wie (vgl. auch oben sp. 6146) oft hervorgehoben

[Bd. 6, Sp. 6148]


wird, nichts in der zukunft sicherer, als der tod. die verbindung gewisser tod ist daher von früh an bevorzugt:

swer des einen ie gechort den vermeit der grimmige tot,
der stirbet noch nimmir und ist eben iungir;
der abir des andirn iht geiʒʒet vil lutzzil er sin geniuʒʒet,
er weiʒ ubil und gt: daʒ ist der gewisse tot. Milstäter genesis 10, 7 Diemer;

sweme wart ein slach oder ein stôʒ,
der was des gewissen tôdes.
Lamprecht Alexander, Vorauer handschr. 1237 Kinzel;

genau so aus dem 14. jahrh.;

ab du lenger wolles lebe,
so ophere nu den gotin min,
eder du must des gewissen todes sin. Thüringer Katharinenspiel 409 Beckers s. 144;

auszerdem vgl.:

des ist iu, benamen, not;
ir welt in den gewissen tot.
Wirnt Wigalois 6061; ähnlich 6132;

wen in niemant strafen
getar durch den gewissen tot.
Heinr. v. Hesler apokalypse 18809 Helm;

der alle stunde furhten muoʒ
deʒ gewissen todes herten gruoʒ.
Hugo v. Langenstein Martina 259, 70;

ebenso (des gewissen todes zit nach was ist gewissirs danne der tot) 137, 23 u. 26; desgl. der Stricker kl. ged. 9, 28 (der vil gewisse tôt); Daniel 2062 (den gewissen tôt hân);

dâ von er niht gedenket,
daʒ im doch niht wenket,
ich meine, der gewisse tôt.
Seifried Helbling 1, 109 Seemüller s. 24;

zu diesem beiwort des todes vgl. auch R. Köhler Germania 8, 22 (im englischen: 'as sure as death'; in der spanischen gaunersprache heiszt der tod cierta). vgl. auch die belege in II.
2)) wo einer aussage realität zugebilligt wird, tritt gewiss in bedeutungsgemeinschaft mit wahr. den ältesten beleg bietet Notker, der das adjectiv hier nur prädicativ verwendet und in den rahmen der erkenntnisthätigkeit stellt: cuncta enim constant. alliu dîniu geschôse sint kuis. Notker (Boeth.) 3, 142a Hattemer. anders die zahlreichen attributiven verbindungen der mhd. dichtung (vgl. auch: daʒ sol alleʒ gewis und gewære sîn. Berth. v. Regensburg 1, 148);

dô was tôt des vergenGelpfrâte komen
mit gewissen mæren:dô het eʒ ouch vernomen
Else der vil starke. Nibelungen 1536, 2 Lachmann (nach B, sonst var.);

ebenso R. v. Ems Willehalm 5841 Junk; vgl. auch gewislîchiu mære (s. d.); vgl.: mit gewisser rede. Walther 30, 11 Lachmann (gegen gewissenen in B); gewisser worte. Reinmar v. Zweter 136, 6 Roethe:

gewisses mundes, stæte, getriuwe unde milte.
Meissner (17, 10) bei v. d. Hagen 3, 107b;

des wart dem künege dort
gesworn manec gewisser eit
mit gewislîcher sicherheit.
Rud. v. Ems guter Gerhard 6085/6;

swer an rehte güete
wendet sîn gemüete,
dem volget sælde und êre.
des gît gewisse lêre
künec Artûs der guote,
der mit rîters muote
nâch lobe kunde strîten.
Hartmann Iwein 4 Lachmann;

daʒ meinet, daʒ kein gewisser lêre in der zît inist wanne daʒ êwangelium. Herm. v. Fritzlar s. myst. 1, 200.
3)) in beziehung auf willensäuszerungen und ähnliche menschliche bethätigungen entwickelt sich an gewiss eine bedeutung, in der die beiden eben gewonnenen vorausbestimmt und wahr zusammentreffen. gewiss tritt in bedeutungsgemeinschaft mit dem mhd. stæte und lat. constans: haec tibi secrevit certos et ambiguos vultus sodalium. sî habet tir geskidôt kuissero unde unguissero vultus. Notker (Boeth.) 3, 93a; sîd aber nû mit prospera nîeht states neist. sô sî sia zihet. noh nîeht kuisses. unde sî die liute zohet. 3, 93b; tiu nîeht kuisses noh stâtes in iro nehabet. (3, 224b);

nû wârn ouch zuo der stunde
für komen ûf den selben muot
gesellen zwêne, ritter guot:
und als sî in (Erec) gesâhen,
zuo im begundens gâhen
ûf vîl gewissen sin.
der ein justierte wider in.
Hartmann Erec 2426 Haupt;

vgl.: der ungewisse minnenmuot. Gottfried Tristan 8106;

[Bd. 6, Sp. 6149]


swâ der gewisse wille sî,
dâ sî diu guote state bî.
man sol gelangen stillen
mit dem gewissen willen. 16431.


δ) die so gewonnenen bedeutungen werden in der beziehung auf personen weiter geführt: wahr wird zu wahrhaft; fest zu beständig. in solcher verwendung nähert sich die passive bedeutung von gewiss der activen von gewiʒʒen, dessen verbindungen mit biderbe, stæte, guot, getriuwe in der mhd. dichtung den begriff verständig nahe an den von beständig heranbringen.
1)) dies zeigt sich schon in der verbindung mit einzelnen nomina agentis, die mehrfach an die eben beobachteten verbalsubstantiva anknüpfen:

'da volge den die wîser sint.'
'nû lêre mich, ich bin dîn kint.'
'und ich dîn gewisser râtgebe.'
Hartmann erstes büchlein 1253 Haupt;

vgl. auch: daʒ der heilge geist ein wiser (var. gewisser wiser) rotgebe gewesen sige. Schürebrand 42, 17 Strauch; diz ist di histôrje wol zu halbeme wege von dem heiligen krûze alsô si genomen ist ûʒ den alden bucheren und von gewissen lêrern der kristenheit. Herm. v. Fritzlar s. myst. 1, 29; vgl.: scholt dû dich vor gewarnt haben gewisser gelaiter, daʒ sint die heiligen engel. Konr. v. Megenberg buch d. natur 182, 30 Pfeiffer (var. mit sichern geleidern).
2)) das gleiche gilt für die verbindung mit appellativen:

wolter avir imi volgin,
sô hetter imi gewissin holdin. Annolied 806 Roediger;

iwer haʒ ist gegangen
über iuwern gwissen dienstman.
Hartmann Iwein 7477 Lachmann;

wan aber du îe wære
aller suntære
ein gewisser giselle
du must diser helle
ein tæil gesmecchen. Tnugdalus bei
Hahn ged. 53, 78;

ouch hôrte ich ie die liute des mit volge jehen,
'gewissen friunt, versuochtiu swert, sol man ze nœten sehen'.
Walther 31, 2 Lachmann

(vgl. getriuwer vriunt, versuochteʒ swert. bruder Wernher 53. Schönbach 2, 42; vgl. gewisse friunt neben der var. getreuwe bei Freidank 95, 18); dazu vgl.:

wir müesen beidiu den tôt
lîden, der eʒ wisse.
wan daʒ ich dich sô gwisse
unde sô getriuwe sihe.
Konr. Fleck Flore 5922 Sommer;

thut mir frumklich dar zu
und seiner ammen Liguridis,
die ist getrew und gewisz.
Heinr. v. Neustadt Apollonius 2877 Singer; ähnlich 2425 (var.);

vgl. auch:

möhten si mit dheinen sachen
dem herzogen gewis machen,
daʒ lant und liute und die strâʒen.
Ottokar österr. reimchron. 78617 Seemüller. s. auch unter 2).


3)) um persönliche träger des attributs gruppieren sich auch verwendungen, für die das lat. securus zuständig ist. sie erwachsen der rechtssprache und legen den boden blosz, auf dem die bedeutungsgemeinschaft von certus und securus sich anbahnte; schon für die vielverbreitete und auch in die dichtung überdringende rechtsformel gewisser bote kann neben certus auch eine ableitung von securus angezogen werden (s. unter 2). das gleiche gilt für einen beleg, wie:

mit ervochten spieʒen.
die di haiden an dem wal lieʒen.
si waren ir zewisse (var. ire gewisse). Rolandslied 194, 25 W. Grimm (Bartsch 5489);

anders, wenn das active particip (s. o.) zu securus führt, vgl.:

wir birn vor in gewis.
gerochen ist Englirs. 209, 27 (5893);

welle er sich besnidenden solt du niht vermiden,
so mage er gewissegen ze vron tische. Milstäter exodus 157, 17 Diemer.


ε) eine neue richtung nehmen die im begriff der zuverlässigkeit zusammentreffenden vorstellungen, indem sie der beurtheilung von personen oder sachen als wertmesser dienen. gewiss tritt in bedeutungsgemeinschaft mit recht, richtig (vgl. jedoch auch 2, a, α):

[Bd. 6, Sp. 6150]


daʒ houbet er ganz endacte
von der koifen und dem stâlhuot,
als ein gewisser ritter tuot:
an den hals er eʒ hie;
daʒ swert er in die hant vie
und gie în zuo der porte.
Heinr. v. d. Türlin krone 15815 Scholl;

dô ich sî brach, dô tet mir wê ein ungevüeger dorn,
daʒ ich wil
hiuwer vil
gewisse rôsen brechen,
ichne sehe ob iʒ der rehten einiu sî.
Neidhart 95, 2 Haupt;

vgl.rehte rôsen die sint aller wandelunge vrî. 95, 5;

der erste vollemunt der stat,
den in got vater legen bat
aller vullemunde vullemunt
uf den gewiʒʒen irwelten grunt,
der ist ein jaspis gruene.
Heinr. v. Hesler apokalypse 21500 Helm;

er truc alleine nicht den schin,
sunder daʒ gewisse leben. passional 123, 25 Köpke;

doch sô sullit ir wiʒʒen, daʒ gewiste leben daʒ man haben mag daʒ ist, daʒ man alle dinc lâʒe willeclîchen durch got. Herm. v. Fritzlar s. myst. 1, 220.
ζ) wie das lat. certus und das französ. certain, entwickelt gewiss aus dem begriff des festen und bestimmten pronominale functionen, deren ansätze weit in die ahd. periode zurückreichen.
1)) einen ausgangspunkt kann man schon in der für diese zeit häufig beobachteten beziehung auf einrichtungen und erscheinungen der (göttlichen) weltordnung erblicken. gewiss ist hier vielfach durch die lat. vorlage angeregt, wird aber bei Notker in diesem sinne auch frei verwendet: kot der kawissem ewom naht untarsceidis ioh tak (certis legibus). Murbacher hymn. 15 J. Grimm s. 45; ebenso 5, s. 29; 11, s. 41 (kawissa antreitida, certam ordinem); thu pist ther kiwissemu zite kepenter enti weralti (tu es qui certo tempore daturus finem seculi). 24, s. 69; disponeret. noh sô guîs newâre nîeht tiu rihti dero naturae. noh sô guisse ferte. netâtîn diu partes kuisse in iro steten. also luna habet inter planetas ... proximum motum terrae. unde saturnus proximum caelo. kuisso in iro zîten. also recursus lunae ist ... kuisse in iro machungo. also der mâno dia sunnûn fure gândo. eclipsin solis machôt ... ube einêr neware stâtêr. der dîe misselîchen wehsela scafoti. Notker (Boeth.) Hattemer 3, 151b.
2)) an zahlbegriffen und zeitbestimmungen zeigt sich schon ahd., wie der begriff des fest (voraus) bestimmten die bedeutungsenergie einbüszt, sobald er nicht die thatsache des bestimmtseins erhärtet, sondern wo er sie nur anführt, um eine genauere angabe zu ersparen, so vgl.:

'thero jaro was ju wannein themo zimboronne
(thiu zala ist uns giwissu)fiarzug inti sehsu.'
Otfrid 2, 11, 38;

gegen: ita rata modificatione congrueret ... ze sô gewissero rarto gewerbet ware. Notker Mart. Cap. (3, 275a); ebenso 3, 326b; 3, 274a; fone diu ist quissêr teil dero stete ze zeigônne quissen teil des corporis. (Aristot. kateg.) 3, 404b; ebenso vgl.:

wan uns allen ist unkunt
deʒ todis gar gewissiu stunt.
Hugo v. Langenstein Martina 255, 103; 259, 64;

gegen: kawissem citim (et ideo certis temporibus occubari debent fratres in labore manuum) Benedikt.-regel 48 Hattemer 1, 99; den uʒgenden swestern sol oh gesezzet werden ein gewisseʒ zil ir widerkumens. Regensburger Klarissenregel 19 Schönbach (Wiener sitz.-ber. 160, 6); ratis temporum vicibus ... in guissen herton dero zîto. Notker Mart. Cap. (3, 306b); Solînus spricht, die mersnecken unkäuschent ze gewisser zeit in dem jâr und gevâhent zuo. Konr. v. Megenberg buch d. natur 249, 24 Pfeiffer (var. gewiʒʒer; sicheyer; irer).
3)) auszerhalb der zahl- und zeitbegriffe ist diese verwendung des adjectivs in der älteren sprache nur wenig beobachtet: intsezzit er kiwissem rachom andre ... (vel degradaverit certis ex causis reliqui omnes ...) Benediktinerregel 63 Hattemer 1, 118; taʒ ouh ter mere. der gerno ûʒkîenge. erwende ze guissero marcho. sîne unstâten wellâ. Notker (Boeth.) Hattemer 3, 94a; sed quibusdam et his determinate unum. ... unde ouh taʒ eina quissemo namin. (Arist. kateg.) 3, 453b.

[Bd. 6, Sp. 6151]



4)) die beziehung auf personen ist in der älteren sprache hier noch nicht gepflegt. ihre spätere entwicklung im neueren gebrauch führt auf die rechtssprache zurück (s. 2). hierher weisen auch die beiden belege aus Notker, die durch lat. vorbild bedingt sind, die aber dadurch, dasz sie ein deutsches indefinites pronomen einschieben, einerseits die selbständigkeit Notkers beweisen, andererseits darthun, wie weit das adjectiv noch von pronominalen functionen entfernt war: tanne diu controversia gat an deheine guisse personas. tanne ist si civilis. (Boeth.) Hattemer 3, 91a; ebenso (für lat. certus): taʒ sint dîe strîte dîe einliche quisse menniscin anagant. (v. d. redekunst) 3, 569b (cum certarum personarum interpositione).
c) das adverbium ist an gewiss nur aus der passiven bedeutung entwickelt. die abgrenzung des adverbiums vom adjectiv ist in der älteren sprache meist noch durch die vollen formen (giwisso, kiwisso, seltener giwesso) erleichtert; kürzungen sind hier selten (s. unter 4). wie oben erwähnt, fällt die hauptmasse der ahd. belege für gewiss auf das adverbium, allerdings nicht auf die eigentlichen adverbialen functionen, die nur bei Otfrid und Notker reicher entwickelt erscheinen, sondern auf die loser im satze stehende betheuerungspartikel. dieser gebrauch steht im dienste der lat. vorlage; nicht nur für certe, sane, plane, omnino, utique, quidem, scilicet, profecto wird giwisso gebraucht, sondern es tritt auch an die stelle der beiordnenden conjunctionen: etiam, vero, autem, at, ergo, nam, namque, enim, quippe, igitur, itaque. die mhd. dichtung, die ihrerseits die adjectivischen functionen voller ausgebildet hat, tritt mit den belegen für das adverbium weit zurück; nur die älteren und ungeübteren dichter haben sich aus der partikel ein bequemes flickwort zurechtgemacht, das nicht nur die sätze unnütz belastet, sondern den sinn oft geradezu entstellt.
α) in engster verbindung mit dem verbum, also in den eigentlichen adverbialen functionen ist das adverbium der älteren sprache mit wenigen ausnahmen (thaʒ themo ist giwisso irdeilit. Otfrid 2, 12, 84; vgl. auch: recte, giwisso. Steinmeyer-Sievers 1, 814a; 1, 664b) fast nur neben verbis der erkenntnisthätigkeit oder der aussage beobachtet. aber die gleichen verba erleichtern auch wieder die lockerung des zusammenhanges, und gerade bei ihnen finden sich die deutlichsten belege für den übergang des adverbiums zur partikel, die dem ganzen satze dient.
1)) vgl.:

in buachon duat man mari,er fiar jar thar wari.
sume quedent ouh in war,thaʒ es warin zwei jar ...
ni scribu ih hiar in urheiʒ,thaʒ ih giwisso ni weiʒ
ob ih giwisso iʒ westi,ib scribi iʒ hiar in festi.
Otfrid 1, 19, 26;

ebenso 5, 11, 38; vgl. auch Notker (Boeth.) 3, 224b Hattemer (diu er gewisso weiʒ chumftig) 3, 427a (ter daʒ eine weiʒ guisso); vgl. 3, 428a;

'druhtin' quad si 'al ist iʒ so,thaʒ wiʒʒun wir giwisso.
Otfrid 3, 10, 35;

gegen:

giwisso wiʒʒun wir thaʒ,theiʒ fora then ostoron was. 3, 7, 5;

ebenso 3, 20, 151; 3, 26, 31; 5, 12, 12;

giwisso wiʒist thu thaʒin thiu gisteit iʒ allaʒ. 2, 21, 14;

ebenso 3, 11, 15, 3, 16, 25; 3, 16, 33; 3, 18, 21; 3, 25, 29; 4, 1, 23; 4, 13, 3; 5, 1, 38; 5, 12, 39; 5, 12, 80; 5, 23, 112; dazu vgl. 3, 20, 17; 3, 18, 52; 3, 20, 34; 3, 22, 27; vgl. zi wiʒssanne ist nu uns chiwisso, scire autem manifestum est. Isidor 3, 7 Hench 4.
2)) vgl.:

'iʒ ist, druhtin', quad si, 'so,giloubu ih thaʒ giwisso,
theiʒ ouh inan ni firgeit,thann ellu worolt ufsteit'.
Otfrid 3, 24, 23;

ebenso (giwar es wis giwisso) 4, 29, 2;

Judas vernam do vil gewis
Antiochum Eupatoris
kumende her in Judeam. buch der Maccabäer 10509 Helm;

unguis namo, wanda iʒ ... tero nehein guisso ne meinet. Notker (Aristot. de interpret.) 3, 469a Hattemer; ebenso (ter ... guisso bechennet) 3, 427b; gegen:

giwisso wan ih nu thesthaʒ thu hiar bita ouh suaches.
Otfrid 2, 14, 50;

vgl. 4, 5, 31 (gewisso so firnemen wir).
3)) vgl.:

Petrus bat Johannan,thaʒ er ireiskoti then man
er zi imo irfrageti,wer sulih balo riati.
thaʒ bouhnita er giwissowas nahisto giseʒʒo.
Otfrid 4, 12, 31;

[Bd. 6, Sp. 6152]


ebenso (ougt in sina lera giwisso thara ingegini) 3, 19, 18; dhar ist iʒs chiwisso so zi ernusti araughit, certissime manifestantur. Isidor 25, 18 Hench;

den daʒ givancnusse
bezeichint gewisse. babylon. gefangenschaft 123 Mone (vgl. Kraus zeitschr. f. d. alt. 50 s. 331); ebenso 6;

daʒ bch chundet uns daʒ gewis (reim auf is) Rolandslied 164, 4; ebenso frau
Ava leben Jesu 237, 5 Diemer;

gegen: chiwisso chioffanodem wir nu hear, probavimus. Isidor 28, 10 Hench; so schein gewisso an imo humana fragilitas. Williram hohes lied 93, 4 Seemüller.
4)) vgl.:

des wil ik scriven als ghewisse
des sulves scrivers schepnisse. meister
Stephan schachbuch 2873;

ther fon ther erdu hinana ist,ther scal sprechan, thanana, er ist,
er scal gewisso rachonfon irthisgen sachon.
Otfrid 2, 13, 20;

daʒ chît quisso. Notker Aristot. de interpret. (3, 489a);

man sagete im gewisseir deheiner hete misse
nihtes des er solde leben,wedir in chorne noch in vehe. Milstäter exodus 142, 3 Diemer;

der guote man begunde
so er gewissest kunde (var.: so er pest chunde)
sîne vriunt bî namen sagen. v. d. 7 slafaeren 643 Karajan;

gegen:

macht lesan in theru redinuzeichan filu manugu,
giwisso, so ih thir zellu,thiu er deta saman ellu.
Otfrid 3, 14, 52;

gewisso zellu ih thir nu:finfi habetost thu ju. 2, 14, 52;

giwisso sagen ih thir ein:sie zaltun sar tho thesen zuein
thaʒ inan Petrus gisah. 5, 10, 33;

ebenso 2, 13, 34; 2, 18, 5; 3, 4, 38; 3, 13, 39; 3, 20, 11; 4, 7, 3; 5, 23, 261; desgl. (giwisso saget mir iʒ al) 3, 12, 6; lugun sie giwisso, druhtin er ni quad so. 4, 19, 33; taʒ eines guisso liuge, anderer wâr sage. Notker (Aristot. de interpret.) Hattemer 3, 486a;

und ein wunder daʒ geschach,
do er daʒ gebete vor dem alter sprach,
sô man tuot zuo einr islîchen messe,
dô sprâchen die zwelfboten gewisse
die wâren indulgencîam, Bonus 142 Haupt (zeitschr. f. d. alt. 2, 212).


5)) für die stellung des adverbiums im satze ergiebt sich aus dem obigen, dasz das zum verbum selbst gehörige adverbium diesem so nahe wie möglich folgt, resp. im nebensatze ihm vorausgeht. bei der lockerung des zusammenhangs wird die stellung freier. Otfrid liebt es hier mit der partikel den satz zu eröffnen.
β) entsprechende formen der wortstellung zeigen auch die anderen belege, in denen die partikel vom verbum gelöst ist und auf das satzganze zielt. die stellung vor dem verbum istausgenommen die satzeröffnende partikelnur im nebensatze beliebt und wird dort von Isidor (3, 1) gegen die vorlage durchgeführt. im hauptsatze steht die partikel nur da vor dem verbum, wo der übersetzer seiner vorlage sklavisch folgt; freiere übersetzer ändern hier unbedingt: brut hlauft ist gawisso garo, nuptiae quidem paratae sunt. Monseer Math. evangel. (22, 8) 23 Hench; alle birut ir gawisso gotes suni, omnes enim filii dei estis. de vocatione gentium 45 ebenda. der bedeutung nach gliedert sich die partikel hier in zwei richtungen, je nach dem sie den betreffenden satz als thatsache einführt oder ihm aus logischen erwägungen realität sichert. die lateinischen parallelen weisen meist auf die erste richtung: plane, giwisso. Steinmeyer-Sievers 2, 277b; 2, 603; kawisso, sane. Benediktinerregel 18, s. Hattemer 1, 68; kiwisso, profecto. Steinmeyer-Sievers 4, 16; Tatian 62, 5; Murbacher Hymnen 1, 19; kiwisso, nimirum. Steinmeyer-Sievers 4, 8; 2, 652; kewisso, quidem. Benediktinerregel 2, s. Hattemer 1, 39; Tatian 91, 4; 141, 23; vgl. auch Steinmeyer-Sievers 1, 235; Tatian 62, 9; 116, 6; kiwisso, scilicet. Isidor 24, 14; 26, 8. die für die zweite richtung sprechende parallele kiwisso, certe ist dagegen vereinzelt, s. Graff a. a. o., häufiger ist gewisso, utique belegt. vgl. Isidor 5, 5; altsächs. psalmen 13 Heyne u. a.; Tatian 138, 7; 129, 7 u. a.
1)) auf thatsachen weist die partikel in sätzen, die auf die gegenwart oder auf die vergangenheit zielen. in beiden fällen wird es unserem sprachgefühl meist schwer, sie richtig mit wahrlich, thatsächlich wiederzugeben:

[Bd. 6, Sp. 6153]



a))

quad: wiht ni forahtet ir iu;
gihabet iuih baldo,bin ih giwisso iʒ selbo.
Otfrid 3, 8, 30;

ebenso 2, 14, 54. ähnlich 3, 23, 51; 2, 17, 15. von hier aus wird die partikel in der späteren dichtung früh zum flickwort herabgedrückt:

ze prîme jouch ze tercie
lobe wir gewisse.
ze sexte unt ze nône
sô lobe wir dich scône. laudate dominum 2, 4, s. denkm. 13, 175 (übernommen vom priester
Arnold siebenzahl bei Diemer ged. 354, 16);

ebenso (reim gewisse: misse) priester Arnold bei Diemer ged. 357, 8; Linzer Entecrist (fundgr. 2, 116, 33);

sich vûgit ouch gewisse
daʒ wol zu gezûgnisse.
Nic. v. Jeroschin chron. v. Preuszen 695 Strehlke.


b)) noch ergiebiger ist dieser gebrauch für das präteritum geworden. nur wenige belege entsprechen einem bedürfnisse, das auch wir nachfühlen können; in der dichtung des 11. und 12. jahrh. erscheint die partikel vielmehr durchaus als flickwort der reimtechnik.
α))

thoh ni was giwisso er arzat niheiner
thoh si ira al spentoti,ther hulfi iru in theru noti.
Otfrid 3, 14, 11;

ähnlich 3, 13, 20; 2, 19, 2; 3, 24, 9; 4, 7, 78. ebenso (mit histor. präsens):

werit er inan giwissoharto filu wasso,
unz imo druhtin thuruh notthaʒ wig selbo firbot. 4, 17, 11;

hwanda bidhiu wardh chiwisso Auses der Naues sunu fona Moysise in binamin Jesus chinemnit. Isidor 31, 4; ebenso 27, 2;

Ysaac sprach im zvil iæmerlichen do
'hie ist gewesen gewissedin brdir von diner mter listen
unde hat an disen stunden dinen segen undirdrungen.' Milstäter genesis 51, 25 Diemer; ebenso (exodus) 123, 33;

der chunich mit siner chrefte erweren sich nine mohte
noch niemæn ubir al daʒ lant: daʒ tet gewisse diu gotes hant. Milstäter exodus 139, 20 Diemer; u. a. s. u.;

er frâgeda obe sî iewet hêttin,
des er eʒʒen wolde samet in.
sî gâben imo gewisso
brôd unde vischa:
beidû er dranc unde aʒ. Friedberger Christ Ga 95, s. denkm. 13, 109.


β))

ein phellel heiʒet pisse
der lach dar ane gewisse
ein phellel der was rot
der was ouh da gordenot. Vorauer Moses bei Diemer ged. 56, 4;

du namen in die chnechte Holofernis
unde vrten in uber daʒ velt vil gwis;
unde bunden in obene an den berch. jüngere Judith bei Diemer ged. 148, 15; ebenso 131, 6; 136, 22; 172, 6;

des morgins [do iʒ] tagete
do hben sich gewisse
der kun[inc und der] bischof. Trierer Ägidius 461 (Germania 26, 16); ebenso 482; 641;

si uobten christenlîch ewe,
si wolten got flêgen,
man sanc in gewisse (var.: gewesse)
die mettîn und die misse,
ir almuosen si gâben. kaiserchron. 6546 E. Schröder;

ebenso 8133; 16772; 10079; 8845; ähnlich: Rolandslied 37, 13; 195, 16 u. a.; Wernher (fundgr. 2, 175, 33); Heinr. v. d. Türlin krone 15782; Konr. v. Würzburg Alexius 304;

da des fursten lobesam
begrebede nu ein ende nam,
daʒ sin begancnisse
geschehen was gewisse. leben der hl. Elisabeth 6060 Rieger;

ebenso 5661; 5916; 4923; 2924; 1718; 5364; desgl. buch der Maccabäer 3138; 728; 10484.
2)) bei schluszfolgerungen tritt vereinzelt schon die verstärkung durch synonyme verbindungen auf, die später so stark entwickelt wird (s. II.):

ich var dahin da mir got gepoten hat
du verst aber an zweifel gebyss
in dj ewig vinsternüsss. hl. Margareta 565 Haupt (zeitschr. f. d. alt. 1, 183);

vgl. auch:

von einem suntære sô gewisse
sam von dem hailigsten man.
Heinrich v. Melk priesterleben 391 Heinzel.

[Bd. 6, Sp. 6154]


charakteristisch für die bedeutungsenergie, die sich auch an der einzelstehenden partikel ungeschwächt behauptet, sind wendungen Notkers, der mit der partikel lateinische sätze wiedergiebt: illic Iovem regnare certissimum est. târ sol guisso Iovis stûol sîn. Notker (Mart. Cap.) 3, 351a Hattemer; sed et maxime videbitur hoc tale contingere ... allero guissôst mugen doh keskehen. (Aristot. kateg.) 3, 455b.
a)) wo die schluszfolgerungen auf die gegenwart zielen, handelt es sich meist um dogmatische und speculative erörterungen:

wanta in thaʒ was filu ser,
quadun, dati mari,thaʒ got sin fater wari, ...
iʒ ist so giwissothoh sie iʒ abahotin so.
Otfrid 3, 5, 15;

dhiu chiwisso ist bighin gotes sunes (origo scilicet filii dei). Isidor 3, 1; dhaʒs ir selbo Christ ist chiwisso got ioh druhtin (deinde quia idem deus et dominus est). 4, 11; ähnl. 9, 6; 10, 1; 41, 15; ebenso Weissenburger catech. (denkm. 13, 208); Wessobrunner beichte (denkm. 13, 295); so chiwisso ist dhaʒ, utique quia. Isidor 43, 18; also guisso neist nieht. Notker (Boeth.) Hattemer 3, 66b; ebenso (also guis nechumet) 3, 147a; ist der gûoto guisso mahtîg. 3, 165a;

eʒ ist gewisse sîn gebot
daʒ ich iu sî undertân.
Hartmann armer Heinrich 816 Paul;

der kuninc rief an der stunt,
daʒ got gewisse were
ein gewarer heilere. Trierer Silvester 305 Kraus.


b)) am nächsten sind hier die sätze zuständig, die auf die zukunft zielen, sie sind aber in der älteren sprache noch weniger entwickelt:

scirmi, druhtin, mir ouh so,theih si thin scalk giwisso.
Otfrid 3, 1, 41;

ebenso 5, 19, 10; et horum non interminate alterum, sed alterum contingit. s. determinate, unde nîcht unguisso daʒ eina, nube guisso geskihet ein wederiʒ. Notker (Arist. kateg.) Hattemer 3, 453b;

ich wil gewisse dare kmen. Trierer Silvester 568 Kraus;

ebenso (chumst du dare gewisse) Rolandslied 17, 11 Wilh. Grimm;

swer gote wil getrûwen,
er genâdet ouch im gewisse. kaiserchron. 15051 E. Schröder;

es mss allesant enweg.
so sterbnt vil gewiʒ
diu mertier und die visch. die 15 zeichen des jüngsten tages 60 Haupt (zeitschr. f. d. alt. 1, 119).

als flickwort zeigt sich das adverb auch hier in:

ie sult ouch alle gewisse
bornde lampeln trage zu rechtem bekentenisse. Thür. spiel v. d. 10 jungfrauen 35 Beckers s. 98.


γ) weit über diese verwendungen geht der gebrauch der partikel in der übersetzerprosa hinaus, wo sie für die lateinischen satzbindemittel herangezogen wird, ob diese nun der vorstellung der identität und des gegensatzes oder dem causalverhältnis erwachsen sind. da die partikel in vielen dieser fälle als betheuerungspartikel möglich war, so ist ihre einführung in diesen kreis nicht undeutsch (vgl. später die beliebten verbindungen und gewiss, denn gewiss, gewiss aber), mechanisch war nur die ausbreitung des gebrauches.
1)) temque, afar kawisso (kiwisso). Hrabanisch-Keronische glossen, s. Steinmeyer-Sievers 1, 188/9; ebenso (so kiwisso, et ita) Benediktinerregel 18 Hattemer 1, 68; siu ist chiwisso selbem angilum unchundiu (id est etiam ipsis angelis incognita). Isidor 2, 18/9; ebenso Benediktinerregel 2 Hattemer 1, 40; Tatian 128, 7; 226, 2.
2)) inan giwisso ni fundun, ipsum vero non invenerunt. 226, 3; ebenso Benediktinerregel 4 Hattemer 1, 45b; 1, 34 u. a.; ebenso altsächs. ps. 44, 14, u. oft: (so chisendit ward chiwisso, missus est autem.) Isidor 11, 11; ebenso Benediktinerregel 2. 1, 37 u. a.; Tatian 84, 3; 195, 4; 241, 1 u. a.; altsächs. ps. 2, 6; 3, 3; (ast, kiwisso). Steinmeyer-Sievers 4, 3; at volui, cuisso wolta ih so. Notker (Boeth.) Hattemer 3, 30b.
3)) ist giwisso gilauba rehtiu. Weissenb. katech. (est ergo fides). denkm. 13, 207; ebenso Benediktinerregel 1, 35; altsächs. ps. 57, 13; Steinmeyer-Sievers 1, 971a; nempe, kiwisso. 4, 8; 1, 215; kawisso, namque. Murbacher hymn. 2, 21 J. Grimm; ebenso Benediktinerregel 2 Hattemer 1, 38;

[Bd. 6, Sp. 6155]


andher ist giwisso gomaheit fateres, andher sunes, andher thes heilegen geistes, alia est enim e persona patris, alia filii. Weissenb. katech. (denkm. 13, 206); ebenso Benediktinerregel 2 (1, 36); altsächs. ps. 54, 21 und oft; Steinmeyer-Sievers 2, 167a; 2, 234; Murbacher hymn. 1 J. Grimm, s. 17; desgl. Tatian 211, 1; Isidor 22, 18; 27, 11; 32, 6; 33, 11; 34, 18; 38, 16; 39, 20; ebenso (mit änderung der wortstellung) 5, 11; 6, 9; 15, 6; 32, 7; 32, 20; 42, 6; das gleiche exhortatio ad plebem christ. (denkm. 13, 200); ebenso Monseer fragmente 13. 45. 67 Hench; quippe, kiwisso. Steinmeyer-Sievers 4, 16; alts. glossen zu Gregor 63 Wadstein; Isidor 19, 12; Tatian 58, 2; 74, 8; 164, 1; igitur, cawisso. Steinmeyer-Sievers 1, 98 u. a.; itaque, giwesso. Tatian 129, 7; ebenso 132, 5; 148, 8; 146, 5; 159, 2; (mit änderung der wortstellung) 188, 7; 100, 3.
4)) auch Otfrid nähert sich diesem gebrauche, er führt giwisso an stellen ein, wo die lateinische bibel autem (5, 9, 31; 3, 6, 13) quippe (2, 18, 5) zeigt; als zeugnis für eine gewisse selbständigkeit der übersetzer ist andererseits die änderung der wortstellung in einigen stellen des Tatian und im Isidor zu betrachten.
δ) für die partikel, die sich vom satze ganz löst, bietet Otfrid zahlreiche belege, die aber später nicht nachgeahmt werden und kaum als vorläufer des neueren gebrauches (s. II, 3) gelten können. aus der vorlage erklärt sich in der Tatianübersetzung: tho quad in ther heilant: giloubet ir thaʒ ih iu thaʒ tuon mugi? tho quadun sie imo: giwesso, truhtin. 61, 2 (dicunt ei: utique, domine); anders Otfrids belege, die oft nur dadurch, dasz die vorangestellte partikel ohne einflusz auf die wortstellung des nachfolgenden satzes bleibt, die satzbildende function der partikel erraten lassen:

giwisso seh er anan mih,min fater ist so samelih. 4, 15, 36;

ähnl. 3, 23, 40; 4, 15, 4; 3, 22, 20;

thu habes then diufal in thir;giwisso, thaʒ firnemen wir. 3, 16, 29;

ähnl. 2, 14, 64; 4, 29, 25. dazu vgl. die oft eingeschobene formel: giwisso, thaʒ ni hiluh thih. 2, 19, 23; ebenso 3, 8, 2; 4, 7, 30; 4, 25, 11; 5, 19, 51; 5, 23, 218. aus der späteren zeit schlieszt sich nur ein beleg an, der aber vielleicht natürlichem dialoge entspringt:

er chod 'gewisseich het iur misse
ob ir fret hinnen,daʒ ne mohte ich ubirwinden'. Milstäter exodus 145, 34 Diemer.


2) für die rechtssprache kommt von gewiss nur die passive bedeutung (gewuszt mit den ableitungen) in betracht, soweit nicht die vielfachen berührungen mit der bedeutungsentwicklung von sicher das genus überhaupt verdunkeln. diese berührungen von gewiss und sicher stehen hier besonders deutlich unter dem einflusz der lat. termini securus und certus, deren einzelne verwendungen sich bereits kreuzten. und so sind auch von gewiss hier zahlreiche gebrauchsformen zu buchen, die ebenso gut nach der einen, wie nach der anderen richtung zielen. für uns kann es sich deshalb nicht darum handeln, auf so unsicherem boden die belege zu gruppieren, uns geben die einzelnen typen der verbindungen, die wir oben kennen gelernt haben, andere anhaltspunkte. in dem abweichenden gebrauch, den die rechtssprache von ihnen macht, wird deren eigenart am schärfsten getroffen. deutlich zeigt es sich, dasz sie persönliche träger der verbindung gegen sächliche bevorzugt und dasz sie im gegensatz zu den alten prädicativen verwendungen die attributiven formen entwickelt. vom adverbium dagegen macht die rechtssprache kaum besonderen gebrauch:
a) beim prädicativen gebrauch giebt die beziehung auf eine person, die hier sonst im allgemeinen ausgeschlossen ist (s. 1, b), einzelnen verbindungen in der rechtssprache eine neue wendung, bei der man an bedeutungen von securus, sicher gemahnt wird.
α) so stehen sich bei der verbindung mit dem verbum substantivum die belege für persönliches subject mit entgegengesetzten bedeutungen gegenüber, je nachdem die auf dem umweg über securus gewonnene bedeutung oder der mit certus gemeinsame begriff durchschlägt, vgl.: swer von gotshusern ein gt gewinnet, der nem des gotshuses brief und insigel dar an, so ist er gewis, und er sol siben geziuge dar an setzen. Schwabensp. landr. § 313, 1 Laszberg; gegen: und ist her nicht gewis. so sal in der richter voen ader sin bote. Kulmisches recht 5, 43 Leman

[Bd. 6, Sp. 6156]


s. 170; ebenso Schwabensp. landr. § 265 Wackernagel (ist er niht gewis ... sezet aber er bürgen); genau so (nach einem handschr. rechtsbuch v. 1453) Schmeller 22, 1032; daʒ man einen schuldiget ... der niht ein geseʒʒen man ist und niht gwis ist. stadtbuch v. Augsburg (33, 2) 95 Meyer; lite ... die niht erchant sint noch gewiss. (87, 2) 169; wer uns danne der zcinse bekennte zc gebin und gewis were. Weim. h. st. a. (Oberweim.) 1352. Diefenbach u. Wülker 620. andere bedeutungsunterschiede erwachsen der verbindung neben einem sächlichen subject: vgl.: swer ein güt hin geit an tadel und sprecht, daʒ is gewis sei, swelcher lei daʒ sei, und sprecht er wiʒʒe chainen tadel dar an, und vindet iener tadel hin nach an dem güt der is do chauft hat. rechtbuch des Ruprecht v. Freising, s. Westenrieder beitr. 7, 164; einer wolte ein pferd miethen, und gab einen thaler drauff, als er nun meinte, es wäre gewisz, war der pferd händler davon geritten. Weise die 3 ärgsten erznarren (44) neudr. s. 206. gegen: schulden, die mit beschwernus und uncosten eingepracht miessen werden, auch noch zweiffenlich, ob dieselbigen gwisz oder ungewisz seien, befunden. Clemens Sender, s. dtsch. städtechron. 23, 226; dem schuef der herr 10 000 guldin und versichert ims, dasz sie im gewiss waren. Burkard Zink, s. dtsch. städtechron. 5, 166.
β) mannigfaltig ist in der rechtssprache der gebrauch von gewiss machen. auch ihr sind verbindungen mit sächlichem objecte (s. o.) nicht fremd, vgl. gewisz machen, certificare. voc. theut. (1482) m 5a, voc. inc. teut. i 7a; Dasypodius m 7d (confirmo); E. Alberus 310b (mach die sach gewisz); vgl.: wie vor zeiten auch die heiligen marterer umb des euangelij willen sturben, und uns dasselbige mit jrem blut versigelten und gewis machten. Luther (hist. bruder Heinrichs v. Südphen 1525) 3, 28a; vgl.: den liebesbund fest und gewisz machen. Neumark lustwäldchen 122. der rechtssprache aber im besondern eigen sind die wendungen, die eine person als interessenten einführen. wo die person als accusativobject angeschlossen ist, berührt sich gewiss wieder enger mit securus: sve aver des kindes erve is, dem sal des kindes vormunde bereden von jare to jare des kindes gudes, unde ine des gewis maken (var.: und burgen seczen). Sachsensp. landr. 1, 23 § 2 Homeyer3; der sol den clager und die stat gewis tn, daʒ si vor im sicher sin. stadtb. v. Augsburg (33, 2) 95 Meyer; dazu vgl.: drumb das sie es nit glauben, und wollen sich mit ihren wercken gewisz machen. Luther (sermon v. d. sakr. der busze 1519) 2, 722 Weimar; wer wil michs gewisz machen. E. Alberus 310b; einen gewisz machen, vergewissern, aliquem certum facere. Aler 1, 938b. eine andere (passive) bedeutung von gewiss erzielt die verbindung da, wo der interessent im dativ angeschlossen ist und ein sächliches object ermöglicht wird. hier findet die formel wieder anschlusz an die allgemeineren fügungen, die eingangs belegt sind: unde sol man den erben daʒ gewis tun daʒ des gutes den chinden unde den erben iht miner waerde die wile vater oder muter laebt. stadtbuch v. Augsburg (76, 5) 152 Meyer; ebenso var. zu 95, s. Haltaus 715; daʒ sol man den juden gewis machen. dtsch. städtechron. 4, 77; wil aber sich der chlager des gelts underwinden vor dem jar, so sol er dem wirt gewis machen, swenn der gast oder sein pot inner jars vrist chäm, daʒ er den wirt dann verantwurtt, als recht sei. stadtrecht v. München (art. 62) 27 Auer; ebenso Augsb. stadtbuch, s. Haltaus s. 715. vielleicht ist aus ähnlichen wendungen der eigenthümliche gebrauch Klopstocks entwickelt, bei dem nicht wol an das substantiv gewisse zu denken ist (vgl. oben sp. 6143):

erschaffe mir ruhe,
gott, im sterbenden herzen und mache der müden seele
deines heiles gewisz! (Messias 12, 455) 3, 68 Boxberger.


γ) auch bei gewiss haben und entsprechenden verbindungen ist neben dem sächlichen object in der rechtssprache mehrfach ein persönliches zu belegen; in einzelnen wendungen führt der prädicative gebrauch zum adverbialen über, vgl.: alle ding wöllen gewissz haben verschriben, versigelt. Eberlin v. Günzburg (7 pfaffen) 2, 66 Enders; ähnlich: alsz gewisz zu halten schuldig sein. österr. weisth. 6, 297. gegen:

do Isegrim meinde, he hadde en wis. Reinke de vos 4, 8 v. 6307 Prien;

[Bd. 6, Sp. 6157]


(er hätte ihn gewisz. Gottsched; nun hab' er ihn schon. Göthe); da schlossen sie das thor zu, und meinten, sie hätten mich gar gewisz. Weise die 3 ärgsten erznarren (19) neudr. s. 100; den greiffet, und füret in gewis (im Augsburger nachdruck von 1526: in gewarsam s. Reifferscheid) Luther Marc. 14, 45, während bei gewisz nehmen, jemanden in verhaft nehmen Adelung 2, 669 wol prädicativer gebrauch zu tage tritt.
b) die attributiven verbindungen, die solchen zusammenhängen ungezwungen erwachsen, sind im rahmen der rechtssprache besonders zahlreich zu belegen; sie haben von hier aus auch den allgemeinen sprachgebrauch beeinfluszt.
α) verbindungen mit persönlichem träger:
1)) in verbindungen wie gewisser mann, bürge u. a. geht die bedeutung bekannt leicht in die von vertrauenswürdig über, die den begriff der sicherheit erschlieszt: daʒ die munze sol haben einen biderben man erbæren unde gewissen der ein husgenoʒ si unde der die munzze bewar und versuche an rehter wizze. stadtbuch v. Augsburg 22 Meyer; ein gewis man. 80; 8; ist aber er nit ein gewis man, man sol über in richten mit der schrayat. Münchener handschr. des Augsburger stadtrechts s. Schmeller 22, 1032; certi homines, gewüsz und glaubhafftige leüt, gewüsz leüt, die man kennt unnd nennen kan. Cholinus-Frisius 153b; ähnlich Frisius 213b; Maaler 180d (gewüsse leüt vgl. certi homines, bekante leute. Faber 161b); unde sol im gewisse bürgen sezen. Schwabensp. landr. § 228 Wackernagel; vgl. auch:

die sich ze gote alsô mischent,
daʒ sie sînen geist erwischent,
die hânt ein gewissen burgen.
den suln sie danne vaste wurgen.
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 4079 Weinhold;

der wirt ... sprach fründ künt ich einen gewissen bürgen nberkumen den nem ich an. Eulenspiegel (71) 112 Knust; gewisser schuldmann, certus creditor. Henisch 1604; gewisser mann, un homme seur. Rondeau 2, Uu 3e; Schwan 1, 747a (gewisser, sicherer mann); ebenso Hilpert, Campe u. a.; nominibus certis, gewüssen und glaubwirdigen leuten. Frisius 213b; Maaler 180d; vgl. Campe 2, 366a; testis certissimus, ein wahrhaffter und gewüsser zeug. Frisius 213b; Maaler 181a; in den späteren buchungen verallgemeinert sich die bedeutung: locuples autor, testis, hoc est certus et magnae autoritatis, ein gnugsamer volstendiger, ansehnlicher, gewisser zeuge. Faber 458b; ein gewisser zeuge, testis locuples. Steinbach 2, 1057; ebenso Aler, Kirsch, Matthiae; vgl. auch die übertragenen verwendungen unter II.
2)) die bedeutung vertrauenswürdig erwächst ebenso der verbindung gewisser bote, die verbreitung auch auszerhalb der rechtssprache gewinnt, vgl. schon wisbodo Heliand 249 (zur abgrenzung von gewiʒʒen s. 4, a, α).
a)) zu den rechtsformen, mittelst derer ein bote sich legitimierte, läszt sich die formel kaum in ein verhältnis setzen, vgl.: unde sendet sînen gewissen boten mit einem brieve unde mit insigel dar an dar. Schwabensp. landr. § 176 Wackernagel gegen: wan sew von den ebenanten vrowen ermant werdent mit ierem gewiʒʒen poten. stiftungsbuch v. St. Bernhard (1340) s. font. rer. Austr. II, 6, 263; darumb manen, mit briefen, oder mit gewissen poten. urk. v. 1360 Moor, cod. dipl. v. Cur-Rätien u. Graubünden 3, 132; vgl. auch (urk. v. 1339) 2, 348; und verzeucht es sich aber, so sendt er den richter ... ain gewissen botten. banntaiding v. Festenburg (16. jahrh.) s. österr. weisth. 6, 92; auch ab imand aufgehalden wurde von ehafter not und sendet seinen gewissen poten czu dem richtere ader perkmeister und enschuldiget sich ... (nuncium idoneum) Iglauer jus regale mont. (1, 7 § 13) Zycha s. 81; vgl. d. städtechron. 8, 69.
b)) von hier aus wird der begriff der stellvertretung vorherrschend: der gewisse bote ist der bevollmächtigte seines auftraggebers: daʒ sol er tuon, ... er selbe oder sîn gewisser bot. Schwabensp. landr. § 415 Wackernagel; ebenso lehnr. § 8 Laszberg; swen su gemant werdent von dem vorgenanden Kraften oder von sinem gewissen boten. urk. v. 1315, Alsatia dipl. 2, 115; verantwurt dann der gast oder sein gewisser pot daʒ gelt nicht inner jars vrist, so sol der chlager mit dem gelt seinen frum schaffen. stadtrecht v. München (art. 62) 27 Auer; so hnt die vorgenanten

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herren ... oder ir gewisser botten, vollen gewalt. urk. v. 1352, s. mon. Zollerana 1, 188 (no. 325); eʒ meʒʒe danne der gesworne meʒʒer oder sein gewiʒʒer pot. rechtbuch v. Brixen (1379), s. österr. weisth. 5, 388; so soll der ambtman das vich merken ... mit seinem gwissen poten. weisth. v. Fassa (1451), s. österr. weisth. 5, 741; und stnd vor mir ... des erbern und vesten Burckartz von Ryschach gewisser bott und clagfúrer, mit vollem gewalt an siner statt. urk. v. 1417, s. mon. Zollerana 1, 502; dazu vgl.:

zell auff so pehendt
vier grosschn an missewendt,
so hastu ain gbissn vorsprech,
das man dier die recht nit prech. Sterzinger spiele (1511: Wiener neudrucke 9, 120);


c)) dem frühen zeugnis aus dem Heliand treten in der hochdeutschen dichtung erst spät belege zur seite, dafür hält die dichtung um so länger daran fest:

des bin ich ein gewisser bote,
swes iu der bischof hât gegert
daʒ iuch tes got alle wert. der
Stricker Karl 4824 Bartsch,

swer im getrûwet sô wol,
daʒ er in sendet ze gote,
dem ist er ein gewisser bote (var. getrewer). 106;

ebenso (sîn gewisser bote) 3568; pfaffe Amis 1234;

'wer sol daʒ wandel und daʒ reht
dem fürsten bringen von dir?'
'lieber herre, daʒ sult ir,
oder ein ander gewisser bot.' Seifried Helbling 2, 1509; ebenso 7, 970;

er bestalte von stunt einen gewissen boden, und schreib einen brieff. Elisabeth v. Nassau-Saarbrücken Huge Scheppel 43rb Urtel;

Gabriel sprach darauff zu hand:
'ich stehe alzeit für gott,
der hat mich her zu dir gesand.
ich bin ein gwisser bot ...'
S. Herman (kompt her, jr liebsten schwesterlein) sontagsevangelia 198 Wolkan;

locuples tabellarius, ein gewüsser unnd treüwer bott, dem man brieff wol und sicher darff auffgäben. Frisius 779a; Maaler 181a; homo certus, ein gewisser bot, uff den man sich verlassen darff. Corvinus 160; und schickte ihn von Rehnen ausz durch einen gewissen boten meinem pfarrer, mit folgendem briefflein. Grimmelshausen Simpl. (2, 31) 196 Kögel.
β) aus solchen verbindungen erwachsen formeln mit sächlichem träger des attributes: gewisz zeugnüsz, testimonium praeclarum, manifestum. Stieler 2567; ebenso teutsch-engl. lex. 2, 774 (sure). Rondeau 2, Uu 3c; certorum hominum potestas, gewisse bottschafft. Faber 161b; ebenso Henisch 1604; Corvinus 169; desgl. österr. weisth. 6, 54 u. a. (vgl. auch unter II); gewisse nachricht. Rädlein 1, 384a; Adelung, Campe; dazu vgl. mit gewissen wahrzeichen. Schwabensp. landr. § 282; es ist von alter gewonheit breuchlich herkomen, das man heiraten, und andere ... handlunge bei dem wein und mit wein drincken als mit einer gewissen urkhunt, bestettiget. oberrhein. stadtrechte I, 1, 43 Schröder; umb ein gewüsse schuld oder miszhandlung. Frisius 213b; ein gewüsz offenlich laster (certissimum et maximum crimen). Cholinus-Frisius 153b u. a.; eine gewisse und offenbare that, facinus manifesto compertum. Steinbach 2, 1057; dazu vgl. mit anderer bedeutungsfärbung: quod fratres et domini fraternitatis pellipariorum in perpetuum optinebunt iudicia sua ... duobus diebus qui dicuntur gewisse dinge in festo b. Pauli et in die b. Agilolphi. Kölner urk. v. 1313 bei Loersch zunfturk. 2, 307. besonders häufig begegnen hier solche verbindungen, die auch für sicher (securus) nahe liegen, sobald dieses von personen auf sachen übertragen ist: daʒ sol man mit dem vogte an eine gewisse stat legen, unde sol da ligen iar und tag. stadtbuch v. Augsburg 87, 2; und geben wir ... die obgemelte gegent ... der vorgemelten kirchen ... für ihr gewisz und aigen grunt. banntaiding zu Spital (16. jahrh.) s. österr. weisth. 6, 52;

diu minne schuof, daʒ er uns hie
eine hôhe gâbe lie,
sînes lîbes ein gewisseʒ phant (das abendmahl).
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 3121 Weinhold;

[Bd. 6, Sp. 6159]



der tod soll bei mir in dem sterben
auch nicht behalten überhand,
mein Jesus läszt mich nicht verderben,
drum hab ich ein gewisses pfand,
so mir sein kräftigs wort verspricht.
Mich. Walther (?) 1662 'mein werk will ich mit gott anfangen';

mit gott wolten wir hie bald eins werden und hirinn einen gewissen bund machen. Luther (an die herren Deutschsordens ... 1523) 12, 233 Weimar; vgl. wissan fridu. Heliand 1938; vgl. ein gwüssen beschlusz. Wurstisen Basler chron. (1580) 315; aber die bergkleüt dieweil sie all jr gwüsse hab, unnd wol besitzte güter, dem zweifelhafftigen und schlipfferigen glück vertrauwend. Bechius verdeutschung des Agricola v. bergkwerck (1) 2 (omnes suas opes certas et bene constitutas); vgl.gewüsse schlden. Chytraeus2 507, ebenso Stieler 2567; Rondeau 2, Uu 3c; Schwan 1, 747a (dettes hypothéquées); und verschwenderisch wie ein monarch, schien er die güter seiner hoffnung schon unter seine gewissen besitzungen zu zählen. Schiller (30 jähr. krieg 2. buch) 8, 145; dazu vgl. die übertragungen von gewisses gut, erbtheil, gewisse sache u. a., s. II, 2, a; und hat darz diser Welser auff bit, doch gewisse bezallung verspilt hundert mall tausent und 20 000 gulden. Clemens Sender Augsburger chron. s. d. städtechron. 23, 311; weiter ward auch den webern nach langem gezänck vom rath ein gewisz taglohn und anzahl gesellen gesetzt. Welser-Werlichius Augsburger chron. (1595) 2, 216; vgl. dagegen die formeln II, 2, a.
3) statistik.
a) in der bibelübersetzung zeigt Luther eine ungewöhnliche vorliebe für unser adjectiv, die er auch in seinen eigenen schriften bethätigt. in zahlreichen fällen weicht er dabei frei von den wendungen der bibel ab; aber auch da, wo er der vorlage folgend nach seinem sprachgebrauch gewiss einsetzen konnte, ziehen vorgänger und nachfolger die synonyma wahr, treu, fest, sicher vor.
α) nur bei der activen bedeutung steht Luther mit seinem gebrauch häufiger in übereinstimmung mit den vorgängern, während auch hier die nachfolger mehrmals abweichen: denn ich bin gewis, das weder tod noch leben ... mag uns scheiden von der liebe gottes (var. ich bins g.). Römer 8, 38 Luther (ebenso vorgänger und nachfolger; certus sum, πέπεισμαι); desgl. 2. Tim. 1, 12; 1, 5; Römer 15, 14; (in den beiden letzten: ich traue darauf. Weizsäcker). ähnlich apostelgesch. 16, 10, wo Luther eines verbums zu gewiss entbehrt, s. u.; dazu vgl. einige belege, in denen die vorlage ähnliche bedingungen bietet und in denen Luther im gegensatz zur älteren bibel gewiss einführt: Röm. 14, 14; apostelgesch. 4, 13; vgl. auch: so gehet nu hin, und werdets noch gewisser, das jr wisset und sehet, an welchem ort seine füsse gewesen sind ... besehet und erkundet alle orter, da er sich verkreucht, und komet wider zu mir, wenn jrs gewis seid, so wil ich mit euch ziehen. 1. Sam. 23, 22/3 (das ich gee mit euch z seim sichern dinge. Eggesteyn; bringt mir zuverlässigen bescheid. Kautzsch); auff das sie gewis weren. weish. Salom. 18, 6 (daʒ si westen. Eggesteyn u. a., scientes; in sicherer kenntnis. Kautzsch); vgl. auch Phil. 3, 1; Susanna 48; und Nicanor rhümet und trotzet, und war gewis, das er wolt grosse ehre einlegen wider den Judam. 2. Macc. 15, 6 (gedacht Eggesteyn u. a.; cogitaverat; hatte sich vorgesetzt. Kautzsch); ähnlich Hiob 24, 22 seines lebens nicht gewis sein. auch in anderen wendungen faszt Luther das adjectiv offenbar activ auf, obwol er es für wendungen einführt, die die passive bedeutung fordern: also auch ein hertz das seiner sachen gewis ist, das fürcht sich für keinem schrecken. Syrach 22, 19 (wirt gefestent das hertz. Eggesteyn u. a., cor confirmatum); ebenso spr. Salom. 18, 17; vielleicht auch Syrach 33, 4; noch deutlicher wird dies in: ein jglicher sei in seiner meinung gewis. Römer 14, 5 (var. seines sinnes gewisz; begnugt in seim sinn. ältere bibel; abundet; mag seiner überzeugung leben. Weizsäcker); vgl. auch ps. 51, 12, s. o. sp. 6141.
β) beim adjectiv in der passiven bedeutung reicht Luthers vorliebe für gewiss noch weiter. mit der älteren bibel stimmt er jedoch hier nur in zwei fällen des prädicativen gebrauches überein.
1)) hierher gehört einer der wenigen belege für die alte

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pronominale vertretung des subjects neben dem verbum substantivum: und so sich findet die warheit, das gewis also ist, das der grewel unter euch geschehen ist. 5 Mos. 13, 14 (ob du vindest zesein gewisz. ältere bibel; certum esse); dagegen vgl.: ward dem Daniel ... etwas offenbart, das gewis ist ... Dan. 10, 1 (und ein wares wort. ältere bibel; verbum verum); ebenso Titus 3, 8; sonst bevorzugt Luther hier die beziehung auf ein substantivisches subject und das adjectiv erscheint in den mannigfachen bedeutungsfärbungen, die sich (vgl. sp. 6148f.) in attributiven verbindungen entwickelt haben. mit der älteren bibel stimmt überein: der geist ... ist ... fest, gewis, sicher. weish. Salom. 7, 23; dagegen vgl.: und halte ob dem wort, das gewis ist, und leren kan (var. ob dem gewissen wort der lere). Tit. 1, 9 (getreuw wort. ältere bibel; fidelem sermonem; bewährten wort. Weizsäcker); ebenso 1. kön. 17, 24 var. (ältere bibel: gewere); offenb. 21, 5; Syrach 33, 3 (s. u.); meinestu aber, das deine weissagung gewis ist, so darffstu nicht erschrecken noch erblassen. Judith 6, 4 (ältere bibel: gewer); ähnlich (ältere bibel: getreu) ps. 19, 8; (zeugnis ... ist gewiss); ps. 89, 38 (zeuge); das jr arbeit sol gewis sein. Jes. 61, 8 (in der warheit. ältere bibel; in treue. Kautzsch; in veritate); ähnlich weish. Salom. 6, 18; Jes. 2, 2; ein jglichen dünken seine wege rein sein, aber allein der herr macht das hertz gewis (var. treibt den mut). spr. Salom. 16, 2 (spirituum ponderator, weger der geist. ältere bibel); vgl. ir hertz ist gewis. ps. 10, 17 (du stärkst ihren mut. Kautzsch); las meinen gang gewis sein in deinem wort (var. richte meine genge; genau so ältere bibel; festige meine tritte. Kautzsch). ps. 119, 133; vgl. auch sp. 6161. in manchen wendungen wird hier die abgrenzung des prädicats gegen das adverbium erschwert. nicht gilt dies für: also hat der grosse gott dem könige gezeigt, wie es hernach gehen werde, und das ist gewis der traum. Daniel 2, 45 (gewere ältere bibel; wahr Kautzsch); aber vgl.: sihe zu, das du einen guten namen behaltest, der bleibt gewisser, denn tausent grosse schetze goldes. Syrach 42, 15; vgl. auch sein wasser hat er gewis. Jes. 33, 16 (sind getreu. ältere bibel; fideles sunt); gegen: das helt er gewis. ps. 33, 4 (in den glauben. ältere bibel; in fide); vgl.: da er aber nichts gewis erfaren kunt. apostelgesch. 21, 34 (erkennen die wahrheit, certum cognoscere, nichts sicher erfahren. Weizsäcker); gegen: wolt er gewis erkunden. apostelgesch. 22, 30 (fleissigklichen ältere bibel; scire diligentius. γνῶναι τὸ ἀσφαλές); vgl. auch Marc. 14, 44.
2)) ohne jeden anhaltspunkt bei den vorgängern sind die zahlreichen attributiven verbindungen, die in der mannigfaltigkeit der bedeutung den eben belegten verwendungen entsprechen: und gebt mir ein gewis zeichen, das jr leben lasset meinen vater. Jos. 2, 12 (geweres zeichen. ältere bibel, verum signum, sicheres zeichen. Kautzsch); ebenso (anders in der vorlage) 2. Macc. 10, 28; denn er hat mir gegeben gewisse erkentnis alles dinges, das ich weis, wie die welt gemacht ist. weish. Salom. 7, 17 (gewere wissenheit. ältere bibel, scientiam veram; irrtumslose kenntnis. Kautzsch); ebenso (des gewissen verstandes) Col. 2, 2; (eine gewisse zuversicht) Hebr. 11, 1; das er mir von dem allen gewissen bericht gebe. Dan. 7, 16 (warheit ältere bibel, veritatem, sichere auskunft. Kautzsch); genau so Dan. 7, 79; vgl. auch (gewisse lere) Syrach 16, 24; (gewisser zusage) Jes. 26, 3; (die gewissen [var.: verheissen] gnaden Davids) Jes. 55, 3; (gewisser hoffnung) weish. Salom. 3, 4; der herr sei ein gewisser und warhafftiger zeuge. Jerem. 42, 5 (gezeug der warheit. ältere bibel, testis veritatis et fidei, wahrhaftiger und zuverlässiger zeuge. Kautzsch); das ich dir zeiget ein gewissen grund der warheit. spr. Salom. 22, 21 (die vestenkeit und die red der warheit. ältere bibel, firmitatem, zuverlässige worte. Kautzsch); ebenso (gewiszheit der geschichten. Weizsäcker) Luc. 1, 4; desgl. (gewissen grund setzen, stabile firmamentum, festen grund. Kautzsch) weish. Salom. 4, 3; und hab fur jm in der hütten gedienet, und darnach zu Zion eine gewisse stet krieget. Syr. 24, 15 (bin ich gevestent. ältere bibel, firmata sum, bleibende stätte. Kautzsch); ebenso: gewisse stete. 1. Cor. 4, 11. zu gewisser tritt s. unter γ).
3)) die pronominale entwicklung des adjectivs zeigt bei Luther noch keinerlei fortschritte. nur die wendungen, in denen oben (sp. 6150) der ausgangspunkt der entwicklung gefunden

[Bd. 6, Sp. 6161]


wurde, sind auch bei ihm gegen die anderen übersetzer zu belegen: du machest, das beide sonn und gestirn jren gewissen lauff haben. ps. 74, 16 (hast gemacht die morgenröt und die sunn. ältere bibel, fabricatus es); da er dem winde sein gewicht machete, und setzete dem wasser seine gewisse masse. Hiob 28, 25 (in der masz. ältere bibel, in mensura, dem wasser sein masz bestimmte. Kautzsch); und mus jmer mit sorgen sein werck machen. und hat sein gewis tagwerck. Syrach 38, 32 (alle sein wirckunge ist in der zale. ältere bibel, numero est, dessen ganze arbeit sich um die zu liefernde zahl dreht. Kautzsch).
γ) völlig selbständig ist Luther im gebrauch des adverbiums, das er sehr häufig und in einer von der älteren sprache vielfach abweichenden weise gebraucht.
1)) nur da, wo er das adverbium meidet, stimmt er wenigstens mit einem theil seiner vorgänger überein. oben (sp. 6152 f.) war schon auf die mannigfachen lat. partikeln und conjunctionen aufmerksam gemacht worden, die der Tatianübersetzer und andere denkmäler dieser zeit durch giwesso, kiwisso u. a. wiedergeben. wo entsprechende belege auf bibelstellen fallen, zeigen unter den späteren übersetzungen auch einige gedruckte bibeln (Mentel, Eggesteyn, Pflanzmann) meistens noch adverbia, wie ernstlich, gewiszlich u. a.; aber schon bei Zainer sind sie beseitigt oder anderswie ersetzt. dementsprechend fehlt auch bei Luther in zahlreichen fällen ein ersatzwort: (vgl. utique Tatian 138, 7) Luc. 7, 39; (quidem Tat. 116, 6; 141, 23; 172, 5; 182, 6; 211, 2; 234, 1) Luc. 19, 42; Matth. 23, 28; Joh. 16, 9; Matth. 26, 41; Joh. 19, 32; 20, 30; (etiam Tat. 83, 2; 128, 7; 226, 2) Luc. 11, 40; 10, 30; 24, 23; (autem Tat. 195, 4) Joh. 18, 36; (enim ahd. Matthäusevangel.) Matth. 12, 37; (ergo Steinmeyer-Sievers 1, 791a) 1. Petri 5, 1; (quippe Tat. 104, 1) Joh. 7, 4; (itaque Tat. 88, 7; 129, 7; 132, 5) Joh. 5, 18; 7, 43; 9, 8. seltener führt Luther deutsche partikeln ein, die auf ein satzverhältnis zielen; in diesen fällen weicht schon die älteste gedruckte bibel von den ahd. übersetzern ab (ausnahmen: Matth. 12, 33; Marc. 9, 33). zu Luthers gebrauch vgl.: und (autem Steinmeyer - Sievers 1, 730b) Luc. 2, 6; nun (quidem Otfrid 3, 23, 26; itaque Tat. 100, 3; 146, 5; ältere bibel: also, darum) Joh. 11, 6; Matth. 19, 6; Luc. 21, 36; aber (in der älteren bibel wan für autem, vgl. Otfrid 3, 6, 13; 3, 18, 47; Tat. 84, 3; 241, 1; Otfrid 5, 9, 31; Tat. 226, 3) Joh. 6, 4; 8, 55; Matth. 15, 5; 28, 17; Luc. 24, 21; 24, 24; darum (ebenso ältere bibel, für itaque Tat. 148, 8) Matth. 25, 13; denn (itaque Tat. 159, 2, dorumb ältere bibel) Joh. 13, 25; (quidem ernstlich, gewiszlich ältere bibel s. Tat. 94, 1; 62, 9) Marc. 9, 33; Matth. 12, 33; weil (enim Tat. 211, 1) Joh. 19, 31. betheuerungspartikeln, von deren grundlage aus das alte giwisso so mannigfache functionen entwickelt hat, führt Luther auch ein, stets in übereinstimmung mit der älteren bibel; nur weicht er mit den einzelnen formen ab; er bevorzugt ja, wahrlich und zwar: ja (utique Tat. 61, 2, ja ältere bibel; ebenso Tat. 147, 8; quidem Tat. 91, 4; ernstlich ältere bibel; quippe Tat. 58, 2) Matth. 9, 28; 24, 43; 17, 11; Luc. 11, 28; wahrlich (gewerlich u. ähnl. ältere bibel für quippe; Otfrid 2, 18, 5; Tat. 74, 8) Matth. 5, 18; 13, 17; zwar (quidem Tat. 205, 5, ernstlich ältere bibel) Luc. 23, 41.
2)) dem entgegen gebraucht Luther gewiss mit vorliebe als eigentliches adverbium.
a)) er bietet es namentlich gern in enger verbindung mit dem verbum und ist für die im niederdeutschen am längsten anhaltende neigung, auch verba der körperlichen bethätigung in den kreis dieser fügungen zu ziehen, der erste zeuge: so wisse nu das gantze haus Israel gewis, das gott diesen Jhesum, den jr gecreutziget habt, zu einem herrn und Christ gemacht hat. apostelgesch. 2, 36 (sicherlich ältere bibel, certissime, zweifellos. Weizsäcker); ebenso 1. Thess. 5, 2 (diligenter, fleissiglich, zu gut); vgl. auch (gewiss erkennen) Joh. 7, 26; weish. Salom. 1, 6; (gewiss hoffen) Syrach 49, 12; und stellet meine füsse auff einen fels, das ich gewis tretten kan. ps. 40, 3 (direxit, richt mein genge. ältere bibel, machte meine tritte fest. Kautzsch); ebenso (so gehestu gewis) spr. Salom. 4, 26. dazu (vgl. ps. 119, 133, s. auch oben sp. 6160): thut gewissen trit mit ewren fussen, das nicht jemand strauchele (var.: richtige leuff; ebenso vorgänger und nachfolger). Ebr. 12, 13 (rectos).
b)) wo das adverbium auf das ganze des satzinhaltes zielt, dem es die realität verbürgt, bezieht es sich bei Luther

[Bd. 6, Sp. 6162]


meist auf ein zukünftiges ereignis: und nu wil ich dir anzeigen, was gewis geschehen sol. Daniel 11, 2 (veritatem, warheit, wahrhaftiges); ähnlich Baruch 2, 29; ebenso 1. kön. 11, 2 (certissime, sicherlich); und wenn der priester das mal an der haut des fleisches sihet, ... so ists gewis der aussatz. 3. Mos. 13, 3 (ohne anhaltspunkt in der vorlage); genau so 3. Mos. 13, 8. 11. 15; vgl. auch 1. Sam. 25, 17. auf einen thatbestand zielt das adverbium nur in zwei, aber charakteristischen belegen: und wenn du findest das gewis war ist, das solcher grewel in Israel geschehen ist. 5. Mos. 17, 4 (verum esse, gewer. ältere bibel, dasz es sich in der that so verhält. Kautzsch); aber wer gerechtigkeit seet, das ist gewis gut (var. der wird bestendigen lohn haben). spr. Salom. 11, 18 (merces fidelis, wahrhaftigen lohn. Kautzsch).
c)) auch die formel so gewiss mit unterordnender kraft (s. II, 3) ist bei Luther zuerst belegt: mein herr, so gewis du lebst, ehe deine magd alles verzeren wird, so wird gott durch mich ausrichten, was er fur hat. Judith 12, 4 (vivit anima tua, dein sel die lebt. ältere bibel, bei deinem leben. Kautzsch); so gewis die warheit Christi in mir ist, so sol mir dieser rhum in den lendern Achaia nicht gestopfft werden. 2. Cor. 11, 10 (est veritas, die warheit ist, so gewisz. Weizsäcker).
δ) zur substantivierung liegen ansätze vor, einmal übereinstimmend mit der älteren bibel und der vorlage, ein andermal abweichend: von welchem ich nichts gewisses (var. gewisz; gewissz) habe, das ich dem herrn schreibe. apostelgesch. 25, 26 (certum, sichers, gewisses. ältere bibel, etwas gewisses. Weizsäcker); denn in jrem munde ist nichts gewisses, ir inwendiges ist hertzeleid. ps. 5, 10 (veritas, warheit; nichts gewisses. Kautzsch).
ε) im gebrauch der steigerungsformen steht Luther ganz allein da: das ich euch jmer einerlei schreibe, verdreusst mich nicht, und machet euch deste gewisser. Phil. 3, 1 (vobis autem necessarium, notturfftig. ältere bibel, euch prägt sich's fester ein. Weizsäcker); vgl. auch Syr. 42, 15; 1. Sam. 23, 22.
b) die buchungen nehmen in der zeit der vocabularien von unserem wort verhältnismäszig wenig notiz. gelegentlich wird es unter certus (s. Diefenbach 115a) und ratus (Diefenbach 485c) angeführt und in festen verbindungen zur wiedergabe von certificare, limitare, assercio gebraucht (s. u). viel weiter geht das erste gedruckte wörterbuch des Dasypodius, der sich zwar im deutsch-lateinischen theile auf für gewisz halten (credere F 2c) einschränkt, aber im lateinisch - deutschen unter certus, indubitabilis und vor allem unter den wortverbindungen für confirmare, adserere, persuadere, liquet, certum est mihi das adjectiv anführt. er ist hierin nur der vorläufer des ungleich ausführlicheren Cholinus-Frisius und Frisius, bei denen für lange zeit hinaus das reichste material von festen verbindungen des adjectivs zusammengetragen ist. aus diesen festen verbindungen ist für den bedeutungsumfang von gewiss meist mehr zu gewinnen als aus der begriffsbestimmung, die bis ins 18. jahrh. zu kurz kommt; ein typisches beispiel giebt schon Maaler, der nur gewüsz, certus bucht, die beispiele für feste verbindungen aber auf 18 steigert. für die active bedeutung sind die anhaltspunkte lange nur aus den beispielen zu holen. im rahmen, der aus den buchungen des Frisius zu ziehen ist, halten sich mit gröszerer oder geringerer ausführlichkeit auch Chytraeus, Henisch und Stieler, der wiederum in knapper skizze ergiebig ist. den erstenund zwar gelungenenversuch, die begriffsbestimmung auf etymologischem wege zu gewinnen, macht Wachter, der sich zugleich an das lateinische certus hält: gewiss, certus, proprie est id, quod oculis vel mente, videmus, vel aliis sensibus percipimus, ut nulla dubitandi causa supersit, a wissen cernere, scire, cognoscere. nam ab his testibus pendet omnis certitudo. hinc etiam Latinis certus a cernendo dicitur. 583, eine begriffsbestimmung, die auch durch neuere definitionen nicht überholt ist: gewisz nennen wir dasjenige, von dessen wahrheit wir überzeugt sind; je nachdem wir uns dabei auf subjektiv oder objektiv zureichende gründe stützen, ist etwas für uns allein oder für alle gewisz. Kirchner-Michaelis phil. wb.5 241.
dem bedeutungswandel, der aus den attributiven verbindungen pronominale functionen entwickelt, wird als erstes

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das teutsch-engl. wb. vom anfang des 18. jahrh. gerecht, ausführlich gehen Adelung und Campe darauf ein, indem sie meist die gleichen verbindungen, die früher für die bedeutung diffinitus, cognitus angeführt waren, nunmehr für die von quidam bringen.
der mundartlichen geltung des adjectivs und den entsprechenden bedeutungsfärbungen gehen erst neuere darstellungen nach.
α) bei der begriffsbestimmung finden die bedeutungsverwandten deutscher und fremder herkunft, die sich uns oben erschlossen hatten, nur ungleichmäszige berücksichtigung:
1)) certus, gewisz, klar. incertum, ungewisse, das nicht gewisz ist. Dasypodius F 3a; gewüsz, unnd nit zeachten wie man will, certum, non arbitrarium. Maaler 180c; certissimus, pro non dubie futuro, gewüsz, da kein zweifel dran ist. Cholinus - Frisius 154a; ähnlich Emmel silva quinqueling. Qq 4c (fügt wahr, sicher hinzu); indubitatus. unzweifelig, ungezweifelt, gewisz. Dasypodius K 5b; gewüsz und ungezweifelt. Frisius 684b; gewisz, unfehlbar, Reyher 2, 3612; gewar, gewisz, certus, verus. Henisch 1594; exploratus, gewisz, warhafftig. Garth - König 249a; gewisz, warhafftig, certain et asseuré, chose seure, certo sicuro. Hulsius (1616) 138b; ... warhafftig, vero, certo, saputo, certain, assûré. Rädlein 1, 384a; ... wahrhaftig, certain, assuré, sûr. Frisch dict. des pass, 2, 280. dazu vgl. die belege für das adverbium: nae, warlich, gwüsz. Cholinus-Frisius 570a (gewüsz, waarlich, fürwar. Frisius 853b). plane, idem quod certe, fürwar, gewisz, plan. Reyher 3, 459; profecto, fürwar, gewisz. König 932a; certe, adv. confirmantis, gewisz, gewiszlich, für war. Reyher 1, 996; eigentlich, in der warheit. Faber 161b; für war, gewisz, sane, certe, certo, vere, revera, profecto, sine dubio, omnino, plane. Calvisius 714a; indubitanter, certe, gewisz, un zweiffelhafftig. Reyher 2, 3612; gewisz, ohne zweifel, sans doute. Schwan 1, 747b; gewisz, in der that, en vérité, en effet, effectivement. ebenda.
2)) gewiss, certus, certum, indubitatum, manifestum. Faber 161b; certum, planum, accuratum, testatum .. manifestius, evidentius ... testatius, penitus perspectum, plane cognitum. Calvisius 713b; certus, non dubius, minime dubius, quod manu, vel in manibus tenetur, habetur, compertus, nihil habens dubitationis Schönsleder V 5c; certus, exploratus, indubitatus, evidens, compertus, liquidus, indubitatus, cognitus. Stieler 2567; certus, exploratus, explorate, indubitatus, indubitabilis, indubius. Kirsch 2, 151b; Matthiae 2, 181b; certus, exploratus, compertus. Steinbach 2, 1057; certo, chiaro, indubitato, infallibile. Hulsius (1605) 63a; certain, asseuré, certus. Duez 199a. für das adverbium vgl.: plane, omnino, gewisz. Garth-König 567a; comperte, gewisz. König 234b; asseveranter et asseverate, gewisz. Garth-König 60a; gewisz, gewiszlich, certe, certo, certo certius, indubitate, indubie, explorate, vere, profecto, nae, liquide, liquido, revera, sine controversia, plane, sane. Aler 1, 938a; gewisz, certe, sine ulla dubitatione, sine dubio, profecto. Frisch 2, 454a; gewisz, du fait. dict. des pass. 2, 280; gewisz, gewiszlich, adv., certes, certainement, asseurément, certe, certo, profecto, revera. Duez (1664) 199a; certamente, sicuro, sicuramente, pour certain, pour certain, certainement. Rädlein 1, 384b; certainement, seurement, assurément, positivement, en effet, effectivement. Rondeau 2, Uu 3f; gewisz oder gewiszlich, certainly, sure, surely, assuredly. teutschengl. lex. 2, 774; gewisz, gewiszlich, certainement, vraiment, véritablement, certes, assurément, sûrement, précisement, positivement, clairment, constammant, indubitablement, réglément, authentiquement, infailliblement. Schwan 1, 747b; vgl. auch: explorate, certo, deutlich und gewies. Faber 627b.
3)) status, propter statos siderum cursus, gwüsz, ordenlich, bestimbt. Cholinus - Frisius 815a; Frisius 1244b (fügt hinzu: die nit umb ein härle fälend); bestimbt, gewisz. König 1107a; etwas gewisses, demensum. Aler 1, 938a; Kirsch 2, 151b; Matthiae 2, 181b; gewisz bestimmt, fixé, prédeterminé. Rondeau 2, Uu 3b; gewisz, bestimmt, als zeit, précis. Frisch dict. des pass. 2, 280; gewisz, heist in iure, wenn etwas nach ein oder andern umstand deutlich beschrieben wird, dasz man eigentlich weisz, was damit gemeinet wird, ubi constat, quid, quale, quantumque sit. Zedler 10, 1390; ebenso Chomel 4, 1061.

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4)) ratus, gewis vel veste. handschr. voc. rerum (Diefenbach 485c); ratum, vest, stiff, gewüsz, beschlossen, krefftig. Cholinus-Frisius 737b; Frisius 1143a (fügt stät hinzu); gwüsz unnd steiff, beschlossen, krefftig, ratum. Maaler 202a; kräfftig, gewisz, beständig. Corvinus 654; ratum i. e. certum, constans, firmum, standhafftig kräfftig, versichert, gewisz. Reyher 3, 980; status, stät, steiff, das einen bestand hat, gewisz, unfeilbar. Corvinus 731; certus et confirmatus, gwüsz und stät. Cholinus-Frisius 198a; firmus, proprie de animo vel corpore, standhafftig, fest, gewisz. Corvinus 315. vgl. auch firme, gewisz. handschr. vocab. Diefenbach 336b.
5)) gwüsz, sicher, certus, firmus, securus, securi animi homo, spei plenus, stabilis. Frisius dictionariolum 108a; Maaler 201d; gewisz, unfehlbar, warhafftig, verus, ratus, certus, immotus, indubitatus, firmus. Henisch 1603; certum, ratum, firmum, immotum, verum, etymon. Decimator X 1a; certus, exploratus, indubitatus, indubius ... compertus, non incertus, verus, ratus, firmus, status, definitus, indubitabilis, quod manu ... habetur vel tenetur. Aler 1, 938a; ghewis, wis, certus, indubitatus, verus, ratus, firmus. Kilian 147a; etwas gewiszes, veritas, certum et determinatum quid. Stieler 2567; gewisz, certain, seur, assuré, positif, précis, clair, réglé. Rondeau 2, Uu 3e; seur, assuré, vrai, veritable, croyable, positif, précis, fixé, reglé. Schwan 1, 747a; certain, sure, true. Arnold4 427b; gewisz für fest ist niedersächsisch. was er mit seinen händen packt, das hält er gewisz. Heynatz 2, 57, s. u.
6)) mehrfach war unter anderen bedeutungsverwandten oben sicher (securus) angeführt. vielfach wird dieses auch als ausreichend erachtet, den bedeutungsinhalt zu kennzeichnen: certificare, sicher, gewiss(e). handschr. voc. ex quo und voc. rerum (Diefenbach 115a); certus, gewüsz, sicher. Cholinus-Frisius 153b; Frisius 213a; exploratus, gewüsz und versicheret. Cholinus-Frisius 345b; Frisius 518b (fügt hinzu: das man inn henden hat); certus et confirmatus, gwüsz und versicheret. Frisius 292a; gewis, sicher, gewis, wis, zeker, klaar. Kramer 2, 97b (vgl. sicher i. e. gewis, zeker, verzekert, gewis, wis. 2, 196b); explorate, gewisz, sicherlich. Dasypodius Cc 8b; gewislich, gewis, gewisselyk, zekerlyk, zeker, voorzeker. Kramer 2, 97b. vgl. auch: gewisz beziehet sich auf dasjenige, was wahr ist, sicher auf dasjenige, wobei keine gefahr ist, und worauf man trauen kann. vest auf dasjenige was dauerhaft ist. Stosch gleichbedeutende wörter 1, 285.
β) unter den beigebrachten verbindungen überwiegen die attributiven; doch sind auch die prädicativen nicht leer ausgegangen, und selbst der adverbiale gebrauch wird früh belegt.
1)) prädicative verbindungen mit verbis.
a)) in activer bedeutung: non dubito, ich bin gewisz. Alberus u. a.; certus tibi est ... du bist gewüsser ... Cholinus - Frisius; certus sum, gewisz sein. Garth-König u. a.; ich bin gewisz; quomodo mihi constabit? wie werd ich gewisz? Alberus u. a.; ich bin desz gewüsz in meinem hertzen, und wol versicheret, dasz ... Maaler u. a.; persuasissimum habere, eins dings gar beredt oder gewüsz sein. Cholinus-Frisius u. a.; einer sache gewisz sein. Adelung u. a.; seiner sache gewisz sein, essere sicuro del fatto suo. Rädlein; seins spiels gewisz sein, être seur de sa partie. Rondeau; exitij certus, versicheret zersterben, desz tods gewüsz. Frisius; futuri certus, des künfftigen versicheret und gewüsz. Frisius; gewüsz seinen selbs, conscius. Maaler.
b)) in passiver bedeutung: gewisz machen, certificare. voc. theut. u. incip. theut.; confirmo. Dasypodius u. a.; persuadens, für gewisz haben. Dasypodius u. a.; für gewisz halten, credere. Dasypodius u. a.; vor gewisz glauben. Hulsius u. a.; adserere, für gewisz sagen. Dasypodius; pro certo dicere, für war und gwüsz sagen. Frisius u. a.; etwas vor gewisz erzählen. Steinbach; dieser gewinn ist mir gewisz. Adelung.
2)) attributive verbindungen.
a)) mit voller bedeutungsenergie des adjectivs.
α)) gewisse beweisung, demonstratio. Henisch; gewisses zeichen, signum certissimum. Stieler u. a.; certis quibusdam verbis, mit etlichen gewüssen und breüchlichen worten. Frisius; asseveratio, ein bestätigung, gwüsse

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zusag. Cholinus-Frisius u. a.; gewisse botschaft. Faber u. a.; spes certa magis, ein gewüssere hoffnung. Frisius u. a.; gewisse wahrheit. teutsch-engl. lex.; die gesundheit ist kein gewisses gut. Campe; der gewisse tod. Henisch u. a.; gewisser tod, gefahr, praesens mors, periculum, malum. Aler u. a.; gewisz zeugnisz, testimonium praeclarum, manifestum. Stieler u. a.; bona nomina, gewisse schulden. Chytraeus u. a.; gewüsse ding. Frisius u. a. (comperta, certa, res verae. Aler); gewisse künste. Chytraeus; gewissen grund, indubitabile, certitudo. Hulsius (1605); gewisser traum, somnium verum, certum. Stieler; medicamentum praesens, gewisse arstedie. Chytraeus u. a.; gewisser freundt, amicus certus. Henisch u. a.; certus inimicus, ein gewüsser feiend. Cholinus-Frisius u. a.; testis certissimus, ein warhaffter und gewüsser zeug. Frisius u. a.; gewisser schuldmann, certus creditor. Henisch u. a.; locuples tabellarius, ein gewüsser und treüwer bott, dem man brieff wol und sicher darff aufgäben. Frisius u. a.; haeres certus, ein warer, gewüsser und natürlicher erb. Frisius, Maaler.
β)) certissimum et maximum crimen, ein gewüsz offenlich laster. Cholinus-Frisius u. a.; vgl. dagegen es sind gewisse laster so niemand gern meidet (certa vitia). Aler 1, 938a; eine gewisse und offenbare that, facinus manifesto compertum. Steinbach 2, 1057; matricida certissimus, ein gwüsser und offenlicher todschleger. Frisius; ebenso Maaler; certi homines, gewüsz und glaubhafftige leüt, gewüsz leüt, die man kennt und nennen kan. Cholinus-Frisius u. a.; gewisse (getreue) leuth, certi homines. Aler.
γ)) stabilis et certa sententia, ein steiffe unnd gewüsse meinung. Frisius; einen gewissen entschlusz fassen. Adelung u. a.; eine gewisse überzeugung, erkenntnisz von etwas haben. Adelung; amor certus, ein ware, gwüsse, stäte, oder steiffe liebe, ein unerdichte liebe. Frisius u. a.; animo certo et confirmato, mit gewüssem, steiffem, standhafften und versicherten gemüt. Frisius.
δ)) ictus certus, ein gewüsser streich der nit fält, sunder trifft. Frisius u. a.; sagitta certa, ein gewüsser pfeil der nit fält. ebenda; gewüsse hand, die desz streichs nit fält, dextra manus. Maaler; eine gewisse hand, une maine sure. Rondeau; eine gewisse hand, einen gewissen grabstichel haben. Adelung u. a.; ich habe es von gewisser hand, je le tiens de bonne main. Rondeau (von gewisser, sicherer hand. Schwan); gewisse tritte thun, marcher d'un pas assuré. Rondeau u. a.; jaculis certus, ein gter oder gewüsser schütz. Frisius u. a.; vgl. gewiss im schiessen. Schönsleder.
ε)) certus et definitus locus, ein gewüsz, verordnet und bestimpt ort. Frisius u. a.; penates certi, ein gewüsse oder eigne herberg oder wonung. ebenda; limitare, einer sach einen gewissen tag setzen. gemma gemmarum, Cholinus-Frisius (stati dies); feriae universariae, statae vel stativae, gesettede unde gewisse virdage. Chytraeus u. a.; rato tempore, zu gewüsser und gebürlicher zeit. Cholinus-Frisius u. a.; gewisse stunde. Chytraeus u. a.; quaestus stabilis, ein gwüsser gwün. Cholinus-Frisius u. a.; stati reditus, gewüsz einkummen. ebenda; ein gewisses haben, avoir une pension, rente, reglée. Rondeau u. a.; keine gewisse lebensart haben. Adelung u. a.; es hat einen gewissen, bestimmten oder gesetzten preis, is hat a price set, fixed, appointet, settled, unalterable. teutsch-engl. lex.; etwas in gewisse theil zertheilen, rem aliquam in certas partes dividere. Aler; ihme ein gewisz thun fürnemmen, aliq. certum genus vitae deligere. Henisch; er will sich zu nichts gewissen verstehen. Adelung.
b)) die abschwächung der bedeutungsenergie im übergang zu pronominaler function beleuchten schon einige ältere buchungen, bei denen der lexikograph jedoch nicht verrät, ob er die neue bedeutung erfaszt hat: arboribus certis gravis umbra tributa est, etlichen gewüssen böumen, oder etlichen in sonderheit, und nit allen. Frisius; collocare aliquem reip. statum, das gmein regiment in ein gwüsse form bringen, res publica in aliquo statu consistit, wirt etwan in ein gwüsse und bestendige form gebracht werden. Cholinus-Frisius 815a; Frisius 1244b; in ipsa potestate inest quiddam mali, herrschafft oder gewalt gehet nicht on gewisse unlust oder unglück zu. Faber 674a. bewuszt wird dieser bedeutungswandel erst zu beginn des 18. jahrh.

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angemerkt: es giebt gewisse leute, die, there are some people, that, hingegen giebts auch andere gewisse leute, die, yet there are certain others, that. teutsch-engl. lex. 2, 774; ein gewisser wollte sagen, quidam affirmabat. Steinbach 2, 1057; gewisz, ein gewisser, quidam, den man nicht nennen will oder kan. Frisch 2, 454a. während sich diese angaben auf persönliche träger des attributs beschränken, giebt Adelung, dem Campe folgt, auch belege für sächliche verbindungen, meist abstracta: eine gewisse vermuthung, widersetzlichkeit, ein gewisses miszbehagen, gewisse (noth) fälle, vergnügungen, lehren u. a.; die menschen wollen gewisse dinge nicht gerne hören. Campe. bei Rondeau ist das erste concretum angemerkt (ein gewisses kraut), bei Hilpert die verbindung mit dem unbestimmten pronomen (ein gewisses etwas). mit entsprechendem (mundartlichem) gebrauch von sicher stellt Stosch das adjectiv in parallele: ich habe es von einem gewissen menschen erfahren. er trug mir ein gewisses geschäft auf ... ein sicherer freund hat mir dieses gesagt; ein sicheres geschäft ..; allein ich glaube nicht, dasz man diese (letzteren) bei guten schriftstellern finden werde. gleichbed. wörter 1, 287.
3)) die substantivierung ist früh gebucht: nescire certum, nüt gwüsses und warhaffts wüssen. Frisius u. a.; etwas gwüsses wüssen, certi aliquid habere. Maaler u. a.; um ein gewisses eins werden, convenir du prix, regler le prix. Rondeau u. a.; er spielet des gewissen, des kürtzeren. Schottel u. a.; ich gebe nicht das gewisse fürs ungewisse. teutsch-engl. lex. u. a.; wir müssen des gewissen noch erwarten, il en faut attendre l'entiere certitude. Rondeau. den bei gewiss so häufigen gebrauch der steigerungsformen lassen die älteren wörterbücher einigemal in nachahmung lateinischer wendungen belegen (s. sp. 6172 zu Frisius, Maaler, Alberus); in der theorie scheint ihn zuerst Stieler erfaszt zu haben: gewisz, gewiszer, gewiszester. 2567.
4)) das adverbium, das ja bei der begriffsbestimmung so reich bedacht war, ist auch mit zahlreichen festen verbindungen angemerkt.
a)) gern wird das adverb im engeren zusammenhang mit verbis gebucht; hier vermag es eine ganze reihe anders geformter lat. wendungen zu vertreten: certum habere, gewüsz wüssen. Cholinus - Frisius u. a.; certum est mihi, ich habs gewisz erfahren. Dasypodius u. a.; assevero, gwüsz zsagen und bestätigen, bevestigen. Cholinus - Frisius u. a.; gewisz sagen, asseverare. Stieler u. a.; ich habs gewisz darfür gehalten, pro certo semper existimavi. Calvisius; gewisz fürgenommen, gewisz fürnemmen, certum esse. Henisch u. a.; das rosz gehet fast gewisz, equus it pedibus certis. ebenda; ich stehe hier nicht gewisz; etwas gewisz halten. Adelung u. a.
b)) auch für die lockerung des zusammenhanges mit dem verbum sind zahlreiche wendungen beigebracht:
α)) für die wahrung der bedeutungsenergie liegen meist fremdsprachliche parallelen vor: gwüsz war (tam certe). Frisius u. a.; das ist gewisz gut. Henisch; liquet, ich mag gewüsz und sicherlich schweeren. Cholinus-Frisius (bei Frisius gewüsz allein); so ist uns doch gewisz grosser abbruch geschen (certe). Corvinus; er ist gewisz ein verschlagener mann (sine dubio). Steinbach; er kommt gewisz (sine ulla dubitatione). ebenda; es wird gewisz geschehen. ebenda; ihr müsts aber gewisz thun, but be sure you to do it. teutsch-engl. lex.; er wird gewisz, oder gewiszlich ausgelacht werden, he shall be sure to be laughed at. ebenda; mir soll er es gewisz gestehen; es ist ihm gewisz zu viel geschehen; gewisz, es ist ihm zu viel geschehen; sie wollten mich gewisz damit überraschen; man wird ganz gewisz schon mit dem essen auf uns gewartet haben; er hat es ihm gewisz mit fleisz gesagt. Adelung u. a.
β)) in den letzten belegen ist schon die abschwächung in der richtung von wol, vielleicht gekennzeichnet, sonst ist diese in schriftsprachlichen wörterbüchern weniger beachtet, als in mundartlichen (s. u.). vgl.: ihr wollt gewisz verreisen (perhaps); euer herr ist gewisz oder vielleicht noch nicht aufgestanden (it seems); er begehrt gewisz geld (I suppose). teutsch-engl. lex. u. a; vgl. auch Waag bedeutungsentwicklung unseres wortschatzes 117.

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c)) satzbildende functionen der partikel werden in den älteren wörterbüchern in anlehnung an lateinische formen construiert, ohne volles vertrauen in ihre eigenwüchsigkeit zu erwecken: pro certo, für gewüsz. Cholinus - Frisius; certo, gwüszlich, für gwüsz, ohn zweifel. Frisius (für gewisz und warhafftig. Corvinus u. a.); adeo si, ja so gewüsz, wenn. Frisius. anders die späteren buchungen: ja gewisz, yes surely. teutsch-engl. lex.; gewisz! ich schreibe, profecto! scribo. Steinbach; gewisz? est - il possible? Schwan; gewisz nicht, haud sane, certe non. Aler u. a.; ganz gewisz, für gewisz, certo certius, affirmate. ebenda.
γ) der mundartliche gebrauch wurde einzelnen lexikographen schon durch besonderheiten der niederdeutschen mundarten nahegelegt, so durch die form wisz, wisse (vgl. schon Stieler: gewisz ... per quo veteres dixerunt wisz; vgl. wisse, gewisz. Bremisches wb. 5, 274 u. a.) und durch die bedeutung fest, die hier in der verbindung mit verbis körperlicher bethätigung am längsten bewahrt wurde, vgl. gewisz für fest ist niedersächsisch. Heynatz 2, 57; vgl. auch Adelung 2, 669, der gewisz geradezu mit fest zusammenstellt. erst mit der mitte des 19. jahrh. setzen die buchungen ein, die den mundartlichen gebrauch um seiner selbst willen erfassen; sie lassen erkennen, dasz gewiss landschaftlich zwar weit verbreitet, syntaktisch aber sehr eingeschränkt ist. die buchungen beziehen sich fast ausnahmslos auf das adverbium, eine einschränkung, der aber die thatsachen doch widersprechen. beobachtungen, wie sie Schiepek (satzbau der Egerländer mundart 2, 387) für einen engen kreis angestellt hat, lassen sich auch für einen weiteren fruchtbar machen. er führt dös is gwis für den prädicativen gebrauch an, indesz der attributive dem concurrenzwort verfallen (a sichre hand) und nur in der abschwächung zum pronomen (e gwisse Kraus) und in einem rest alten gebrauches (sa gwiss gsicht = sein bekanntes gesicht) erhalten ist. da die letzte verwendung in ganz engen grenzen und die vorletzte wenigstens nicht in niederdeutschen mundarten gilt, sind im groszen ganzen neben dem adverbialen gebrauch nur einzelne prädicative verbindungen als mundartlich anzusehen.
im adverbialen gebrauch gehen die mundarten weit auseinander. die bedeutungsenergie wird niederdeutsch durch die verbindung mit verbis körperlicher bethätigung festgehalten: stae wiss, steh fest. Danneil wb. d. altmärk. plattd. mda. 248; holt wiss, halt fest. ebenda; de disch steit wiss, der tisch wackelt nicht. ebenda; wisse schloen (schlagen), wisse hôlen (halten). Echterling Lippesche mda. (dtsch. mda. 6, 493); wisse sprechen. ebenda; die oberdeutschen mundarten, denen diese bedeutung gerade im adverbialen gebrauch verkümmerte, entwickeln durchgehend verwendungen mit weitgehender abschwächung der realität. wo diese festgehalten wurde, steht sie meist mit vollerer betonung der schwächeren gegenüber, vgl. Martin u. Lienhart 2, 870; vielfach treten aber auch partikeln dafür ein (ganz gewiss. ebenda) oder das adverbium wird wiederholt: g'wüs g'wüs = gantz gewiss. Seiler Basler mda. 157b. die abschwächung der realität beschränkte sich hier nicht auf schluszfolgerungen, die der zukunft gelten; hieran nehmen auch niederdeutsche mundarten theil: i~n Kriəchə~— lant drin solls gwis iətz widə' andəst ge~; tuət gwis də' jung küni' iətz sl' regiən. Schmeller 22, 1033; er kummt gewiss wieder, wënn mer am wenigsten dran dënkt. Martin u. Lienharrt 2, 870b; dazu vgl.: dû kumzt nû wiz in't swartə lok, un wel wêt wô lang. erzähl. aus Jever (dtsch. mda. 3, 274); ebenso (un wisse möchten) erzählung aus der Mark (dtsch. mda. 5, 136); dagegen scheint auf oberdeutsche mundarten beschränkt der gebrauch der abgeschwächten partikel in der erzählung: der N. hat si' gwis va'laut'n lass'n, er well mi ve'klagng. Schmeller 22, 1033; ər e kəwes ù fįf johr næm təheìm ks, er soll schon ... Martin u. Lienhart 2, 870b; sá~ broudə hànt gwīs ən hàl(b)m huəf ghàtt = man sagt, sein br ... Schiepek satzbau der Egerländer mda. 186; schon Schmeller erklärt dieses gewisz für eine unbetonte einschaltpartikel, durch welche man zu verstehen giebt, dass man etwas nicht mit gewiszheit, sondern nur auf ein hörensagen hin ausspreche. gewisse wol, wahrscheinlich a. a. o. das gleiche wird von Schiepek a. a. o. für die Egerländer mda. bestätigt.

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satzbildende functionen sind dem adverbium nur bei Danneil für das altmärkische zugesprochen: jao wiss, allerdings und wiss un waorhaftig.
c) im sprichwort wird das adjectiv im wesentlichen von zwei seiten aus erfaszt:
α) zahlreiche belege preisen die gewissheit, meist in wirksamer gegenüberstellung von gewiss und ungewiss, die vielfach an lat. muster anknüpft, aber doch auch selbständige formen prägt:
1))

das gwisser ist das besser spil. loci communes proverb. (1572) 32;

ebenso (das gewissest ist das beste spiel) Petri 2, M 2a; genau so Henisch 327;

stad und g'wisz
sein die besten schüsz'. sprichwort, Oberinnthal, s.
Lipperheide 304a.


2)) dann gewisz treugt niemand, ungwisz aber treugt wol alle welt. Agricola (82) 1 (1529), 37a; dazu vgl. gewisz geet für ungewisz an gleicher stelle für certa omittimus, dum incerta petimus; dasselbe bei Petri 2, Ff 4a; Henisch 1604; Simrock 3612 (gewis gaat voor ongewis. Harrebomée 1, 236; Wander 1, 1664); das gewisse geht vor dem ungewissen. J. Chr. Blum sprichwb. 2, 97. dagegen setzt Henisch seiner eigenen übersetzung am gleichen orte eine wörtlichere gegenüber: uber dem ungewissen verleurt mancher das gewisse. 1604 (vgl. auch Wander 1, 1664); dazu vgl.: wer nach dem trachtet, das ungewisz ist, der kompt von dem, dasz er gewisz hat, auff nichts. Lehmann (1630) 311; anders: das gewisz findt man im ungewissen. Franck (1541) 1, 102a; ebenso Schottel 1142a; desgl. (certum in incerto) Henisch 1604; (beim ungewissen) Petri 2, m 2a; das gewisz findt man im ungewissen, in der furcht und im zweiffel. Lehmann 310; Körte 2142; ein gewisz ist besser, dann zehen ungewisz, in re incerta satius fuerit nihil certi decernere. Henisch 1604; Körte 2141; Simrock 3613; vgl. auch Höfer wie das volk spricht 587; das gewisse sol man behalten, und das ungewisse fahren lassen. Petri 2, M 2a; Henisch 1604; ähnlich Lehmann 311; das gewisz nicht umbs ungewisz geben. Eyering 1, 308; ähnlich 3, 214; ebenso Henisch 1604; Lehmann 311.
β) selbständiger ist das deutsche sprichwort in der aufzählung dessen, was unter den begriff der gewiszheit fällt; hier kommt weniger die lebenserfahrung zur geltung, als die beweglichkeit der phantasie, die von überall her vergleiche anzieht.
1)) denn wie das gemeine sprichwort lautet: es ist nichts gewissers als der todt, und nichts ungewissers denn die stunde des todes. Til. Heshusius post. (1581) 75b; vgl. dazu gewiss sterb' ich (Rottenburg) betheuerung für: so gewiss als ich sterbe. Wander 1, 1665; ein alt mann unnd jungs weib, gewisse kinder, oder ein hausz vol kinder. Franck (1541) 2, 57a; ebenso Matthesius (hochzeitpred. 3) 2, 65 Loesche.
2)) es ist gewisz, dasz mehr kacheln sind den öffen. der hinder setzt sich zu erst nieder; die naasz geht vor, zu letzt gibt man den käsz. Lehmann 311; das ist gewisz, dasz man in allen land hohe fasz und kübel find, dasz alle kübel unnd kannen holl sind. ebenda; gewiss wie ein nagel in der wand. Matthesius Syrach 300a; Wander 1, 1665; es ist so gewisz, als hetten wir den aal beim schwantz. Lehmann 826; so gewiss wie der weck auf dem laden. Wander 1, 1665; das ist so gewiss wie der furz im schnupftuch. ebenda; et es so gewisz, as vör der Wiärmingser pote de mone opget (Iserlohn). Woeste volks überlief. der grafschaft Mark 85; vgl. Frommann deutsche mundarten 5, 59; Wander 1, 1665; dat is so wisz, as amen in de karken is. Schütze Holstein. idiot. 1, 34; ebenso Danneil altmärk. mda. 4; vgl. Hennig preusz. wb. 11; Hetzel wie der Deutsche spricht 113; Wander 1, 1664/5.
4) formen.
a) der lautkörper.
α) die stammsilbe.
1)) das kurze i der heutigen schriftsprache herrscht auch in den älteren denkmälern vor, nur im Tatian (giwesso) und bei Herbort v. Fritzlar (gewes 14259) macht sich die vocalfärbung geltend, die auch in heutigen mitteldeutschen mundarten beobachtet wird, vgl. gewöss wb. d. Luxemburger mda. 145a, gewes Leihener Kronenberger wb.

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46a. dem gegenüber zeigen Schweizer und einzelne Schwaben (unter dem einflusz des anlautenden labials) gerundetes i: gewüsz Cholinus-Frisius, Frisius und Maaler, ebenso Zwingli, Züricher bibel, Nikl. Manuel, Stumpf, desgleichen J. Wetzel und Bechius.
auch in der quantität weichen die mundarten von einander ab, ohne dies freilich in der schreibung immer zur geltung zu bringen (vgl. auch die vereinfachung des schlieszenden spiranten im inlaut). niederdeutsche mundarten bewahren den kurzen vocal am zähesten (vgl. jedoch ghewijs in der Kölner bibel), bayrisch-österreichische bringen die länge am häufigsten zur geltung: gewieser österr. weisth. 3, 232, ebenso 6, 255; gewiesz belagerung der stadt Wien 8, 22. auch die Nürnberger quellen bevorzugen länge (gwies Hans Sachs fab. u. schw. 2, 155 u. dtsch. städtechron. 2, 335) und bei Grübel wechselt länge und kürze je nach der betonung (gwiesz, wo das adverbium vom betonten verbum getrennt ist. 1, 110; 3, 177; gwisz, wo es ihm unmittelbar folgt. 1, 32), dazu vgl. gewies bei Faber und gewīs Gerbet mundart des Vogtlandes 133. 210. zum Schwäbischen vgl. ein gewiser bei Schiller.
2)) der dental.
a)) im auslaut wird die alte kürzung des doppelspiranten unter dem einflusz der formen, die ihn im inlaut bewahrt haben, zurückgedrängt. gewis in vocabularien (Diefenbach 115a neben gewisch) steht schon in concurrenz mit gewisz. der Teuerdank, Joh. v. Schwarzenberg, Lazarus Spengler und die sat. u. pasquille, Herman, Neander, Butschky halten am einfachen dental fest; ebenso die drucke Luthers, während er selbst in der Zerbster handschr. doppelconsonanz zeigt: gewis 1. Sam. 23, 22 gegen gewisz. vielfach wirkt die oben belegte länge des vocals der neuen schreibung entgegen: gewies Hans Sachs fab. u. schw. 2, 115; 4, 258; 5, 297 gegen gwis 4, 74 und gewisz 11, 408 Keller, vgl. gewis dtsch. städtechron. 4, 77; vgl. gwīs im Vogtländischen, vgl. gewis bei Schiller 2, 101; 3, 83 (var. gewisz).
doppeleonsonanz zeigen schon vocabularien, s. Diefenbach a. a. o., ebenso die wörterbücher von Cholinus-Frisius ab (gewüsz, gewisz), dazu vgl. Eberlin v. Günzburg gewisz 3, 99, gewissz 2, 66; ebenso (gwisz) Sterzinger spiele 11, 215 und Tob. Stimmer comedia 443; dazu vgl. gewiesz unter 1)) und die vereinzelten belege aus Luther und H. Sachs; auch Erasmus Alberus, Simon Rot und Abr. a S. Clara haben gewisz, ebenso österr. weisth. 6, 54.
b)) die enge berührung unseres adjectivs mit dem starken particip gewiʒʒen erschwert es in einzelnen zusammenhängen, zu entscheiden, welche bildung zuständig ist. wenn die folgenden belege, wie aus den beiden letzten zu schlieszen, hieher gehören, so hat das schwache particip hier eine form des dentals angenommen, wie sie eigentlich dem starken particip gebührt, wie sie aber gerade diesem um jene zeit entschwindet (vgl. gewissen III): des bischoues gewiʒʒen boten. urk. v. 1337. Alsatia dipl. 2, 159; gewiʒʒer pot. österr. weisth. 5, 388 (vgl. gwissen 5, 741); gewiʒʒen lêrern. Herm. v. Fritzlar s. myst. 1, 129.
in manchen belegen drängt sich für die doppelconsonanz die form sz auch im inlaute vor: gwiszen Fel. Faber pilgerbüchl. 233; gewiszer dtsch. städtechron. 8, 69; gewisze Schiller 4, 73.
ob die vereinfachung der consonanz im inlaute als ausgleichserscheinung von gewis her oder als folge der vocalverlängerung anzusehen ist (vgl. gewieser s. o.), läszt sich nicht in jedem einzelnen falle entscheiden, vgl. giweso Tatian 89; kiwiso Keron. glossen s. Graff; gwisen sold klage über das geld, zeitschr. f. d. alt. 48, 47; gewisen österr. weisth. 6, 454; gewiser Pontus u. Sidonia e 1b; gewise dekameron 647, 12; Ryff wag u. gewicht CC 2b u. a.; ungewisen Henisch 1604; ausz gewisen ursachen. Ph. Hainhofer (balt. stud. 2, 2 s. 66); ein gewiser herr. Schiller briefe 1, 134, ebenso 1, 104.
β) das präfix zeigt in den ältesten denkmälern alemannischer herkunft noch tenuis des gutturals: kawisso, kewisso, kiwesso. Hrabanisch-Keronische glossen s. Graff a. a. o.; kuis, quis. Notker neben guis, gewis; vgl. dagegen giwis Otfrid, giwesso Tatian und chiwisso Isidor.
die synkope des vocals ist zuerst bei Notker bezeugt, bei dem die formen kuis, quis und guis vorherrschen. in mhd.

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dichtungen ist sie mehrfach belegt, vgl. gwis. Lamprecht Straszburger Alexander 7224; freundeswahl, s. zeitschr. f. d. alt. 8, 543; häufig schwanken die handschriften, vgl. gwisse neben gewisse. kaiserchron. 15051; gwissen neben gewissen. Iwein 7477; ebenso Spervogel minnes. frühl. 26, 26; gwis neben gewis. Parzival 741, 5; tochter Syon 2002. im übergang zur nhd. zeit, namentlich in den süddeutschen drucken, nimmt die synkope zu: gwiszen F. Faber pilgerbüchl. 233; Teuerdank 219; österr. weisth. 5, 741; (gbissen) Sterz. spiele 120; (gwisen) zeitschr. f. d. alt. 48, 47; gwisser M. Rinckhart christl. ritter 80; gwisse Frischlin Wendelg. prol. 10; gwis, gwisz. Franck weltbuch 69a; dtsch. städtechron. (Augsburg) 23, 226; Hans Sachs fab. u. schw. 4, 74 u. a.; Laz. Spengler s. kirchenlied 3, 49b; ebenso G. Grünewald s. kirchenlied 3, 129; N. Herman sontagsevangel. 65; N. Manuel Barbali 53 (gwüss); Fischart glückh. schiff 21 u. a.; Schade satir. u. pasqu. 2, 240. zur synkope in den neueren mundarten vgl. g'wiesz, g'wisz bei Grübel; g'wīs Schiepek satzbau der Egerl. mda. 186; Gerbet mda. des Vogtlandes 133.
das präfix ist abgestreift im niederdeutschen: wisse, gewisz. brem. wb. 5, 274; vgl. die belege in 3, b.
b) suffixe im dienste der flexion.
α) da das adjectiv anfänglich meist in prädicativen verwendungen belegt ist, so erscheint es häufig in der sog. unflectierten form:

gidua mih thes giwissi.
Otfrid 4, 21, 36; ähnlich 2, 12, 88;

thaʒ uns si giwissi,thaʒ sin irstantnissi. 4, 37, 23;

dazu vgl. gewisze var. zu gewis. Tristan 6834; du salt gewisse sin. Alsf. passionssp. 3080; gewise dekameron 647, 12; und sein des lebens gwisse. N. Herman sontagsevgl. 65; in neueren mundarten ist die flectierte form des masc. gestreckt: gewissener Kehrein volksspr. in Nassau, nachtr. 18; gowössener Leihener Kronenberger wb. 46a. diese form braucht nicht auf das starke particip zurückgeführt zu werden; die mundart kennt ähnliche erweiterungen auch in anderen fällen.
β) das adverbium ist in der älteren zeit durch das o-suffix deutlich gegen das adjectiv abgegrenzt: giwisso, giwesso, kiwisso. Graff 1, 1108 ff. durch den mhd. übergang von o zu e fällt das adverbium mit der sog. unflectierten form zusammen, doch ergeben sich hieraus noch kaum strittige fälle, vgl. jedoch: dar mach sick ein ider gewisse na weten tho richtende. dat lateste edict (1540), s. Michelsen altdithmarsche rechtsqu. 186 (bei Neocorus 2, 138: eine wisse); die adverbialform gewisse verfällt aber ihrerseits wieder der kürzung. zur vollen form vgl.: kaiserchron. 15051; Trierer Sylvester 305; Alsfelder passionssp. 4755 (neben gewis 6252); Thür. spiel von den 10 jungfr. 35; Reinke de vos 4, 2 u. a.; M. Reder, Hamburger chron. Lappenberg 338; Heinr. Jul. v. Braunschweig von e. weibe 5, 2; dazu vgl. die belege für wisse in heutigen ndd. mundarten: brem. wb. 5, 274; dtsch. mundarten 5, 136; 6, 493; die apokope setzt mit kürzung der consonanz ein, läszt aber früh auch doppelconsonanz zu: gewis Rolandslied 108, 34; jüngere Judith bei Diemer 131, 5 u. a.; (gewiʒ) die 15 zeichen des jüngsten tages 60, s. zeitschr. f. d. alt. 1, 119; Peter Probst 44; Barth. Ringwald kirchenl. 4, 949; — (gebyss) hl. Margareta 965, s. zeitschr. f. d. alt. 1, 183; gewiss Heinr. v. d. Türlin krone 15782 (neben gewis); buch d. Maccab. 10484; dagegen vgl. ostfries. wis, s. dtsch. mundarten 4, 123; wiʒ 3, 274.
durch diese apokope ist nun die abgrenzung des unflectierten adjectivs vom adverbium strittiger geworden, vgl. DWB he hadde en wisz. Reincke de vos 4, 8 v. 6307 und andere wendungen sp. 6156; vgl. auch die belege aus Luther sp. 6160.
im folgenden ist gewiss durch den zusammenhang als substantiviertes adjectiv und nicht als adverbium gekennzeichnet: ja lieber herr, wer er ein gewis als ein jegers horn, so wolt ich mich noch sein ein wenig betragen. wie sich zwei eeleut ubel betrugen. Euling deutsche texte des mittelalters 14, 53.
c) eine ungewöhnliche verbreitung haben an gewiss die steigerungsformen gewonnen, die die bedeutungsenergie des adjectivs gegen jede abschwächung sichern. für die ältesten belege ist lateinisches vorbild unverkennbar, vgl. die glosse giwissorun Steinmeyer - Sievers 2, 265b und die anderen ahd. zeugnisse (s. Graff 1, 1108), die fast alle aus

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Notker entnommen sind und auf entsprechende lat. formen zurückgehen. auch der einzige beleg aus Otfrid (ni ward ... uns giwissara thing. 2, 3, 41) kann hierher gerechnet werden, zeigt aber doch zugleich, dasz sich die steigerungsformen ungezwungen aus dem bedeutungsgehalte des adjectivs ergeben, namentlich seitdem dieser der oben gekennzeichneten entwicklung unterliegt. dazu stimmt auch der gebrauch Notkers in den zahlreichen fällen, wo er die formen gegen die lat. vorlage einführt: alde wîo filo ist taʒ kuissera danne daʒ hûolicha wiʒegtûom sybillae (aut quid hoc refert vaticinio). (Boeth.) Hattemer 3, 224b; ebenso 3, 121b; (Aristoteles) 497a; (asylum) tiʒ ist kuissera tanne daʒ ze Athenis machotôn nepotes Herculis. (Boeth.) 3, 141a. neben diesen zeugnissen für den comparativ führt Notker vereinzelt auch den superlativ ein, und zwar gerade in den beiden fällen, in denen der spätere gebrauch ihn meidet, als prädicat und als adverb: himilisker triso ist quissisto. ps. 111, 5; guissôst, proprie. (Boeth.) 3, 460b. die mhd. zeit liebt die steigerungsformen nicht, umsomehr die nhd. periode, die namentlich den comparativ in den verschiedensten gebrauchsformen entwickelt hat, während der superlativ sich auf attributive verbindungen, auf einzelne formen der substantivierung (namentlich an stelle prädicativen gebrauchs) und auf die umschreibung des adverbiums beschränkt: auf das gewisseste, am gewissesten.
in bezug auf die formen ist beim comparativ wenig zu bemerken: für die glosse zu Gregors homilien sind beide möglichkeiten der älteren bildungsweise gebucht: gawissirun neben giwissorun. beim superlativ, der die doppelconsonanz der stammsilbe im suffixe wiederholt, ergeben sich mehrfache formen der zusammendrängung und kürzung: aufs gewisste. Matthesius 4, 398; ebenso Joh. Röling sterbelied; daʒ gewiste leben. myst. 1, 220; (am) gewisten. Hans Sachs fab. u. schw. 3, 410; Matthesius 2, 96. 164; Neander bedenken 23b; H. v. d. Planitz 338; Logau sinnged. 3, 1. dazu vgl. die dissimilation am gewissensten. Grimmelshausen Simpl. 453; vgl. auch gewissener sp. 6170.
α) für die active bedeutung ist der superlativ nicht beobachtet; wo ein entsprechendes bedürfnis empfunden wird, dienen neuerdings umschreibungen: die nächste zeit, die ich bei ihnen zubringe soll alles schon weiter rücken und einige stellen, von denen ich am meisten gewisz zu sein glaube, will ich ausführen. Göthe (an Schiller 12. 5. 1798) briefe 13, 141 Weimar; auch der comparativ dringt hier erst später vor; belege bietet die übergangszeit zum 16. jahrh.: und hab auch seinen geleichen noch nie gesehen der seines treffen mit der lantzen und auch mit dem schwert gewiser sei. Pontus u. Sidonia (1498) e 1b; ebenso Eberlin v. Günzburg: der glaub verweiszt also das glaubig mensch, das er gewisser ist des glaubens dann keins leiplichen dings. 2, 166 Enders; andere zeugnisse entstammen erst der zweiten hälfte des 18. jahrh.: je menschlicher ... natürlicher man sich also werk und wort gottes denkt; je gewisser kann man sein, dasz ... Herder (theologiebriefe 12) 10, 147; vgl. 11, 225; allein selbst auf dem wege der verdienste ist niemand gewisser sein glück zu machen, als er. Wieland (Agathon 3, 5) 1, 162;

dich macht die zeit nur gewisser,
wie du es habest mit ihm, und wie die freundschaft bestehe.
Göthe (Herm. u. Dorothea: Klio) 40, 297;

jetzt ist sie seiner liebe gewiszer, aber auch schon beneidet. Herder (lieder der liebe) 8, 539; (seiner sache gewisser) 1, 323; (seines orchesters gewisser) Göthe (lehrj. 4, 2) 19, 22; ich würde dir eine wohnung in meinem hause anbieten, wenn ich meiner gesundheit gewisser wäre. briefe 17, 272;

und endlich,
wenn du des siegs gewisser bist, als je.
Hebbel der gehörnte Siegfried 2, 5;

dazu vgl. eine schönere und ihrer macht gewissere braut. P. Heyse (frau v. F.) II, 7 s. 39.
β) für die passive bedeutung ist der comparativ oben schon aus frühester zeit belegt worden; der superlativ ist jünger und erreicht nicht entfernt die gleiche verwendungsmöglichkeit.
1)) die prädicative verbindung des adjectivs mit verbis steht nur noch dem comparativ offen; der superlativ weicht nach zwei seiten aus:

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a)) certo certius est, es ist gewüsser dann gwüsz, das ist, gantz gwüsz, und fält nit. Frisius 213a; Maaler 180c; als nichts gewisser denne der tod und ungewisser denne die zît des tôds ist. urk. v. 1421 bei Loersch u. Schröder 12, 208; vgl. auch Herder 18, 153; vgl. andererseits nichts gewissers als der tod, s. u.; darumb ist auch unser glaub gewisser und hoffnung sterker, und freude grsser. Matthesius (leichenreden) 1, 100; (desto gewiszer und schöner ist der sieg) Herder 16, 300; aber, unter uns gesagt, je öfter ich Berlin sehe, je gewisser wird es mir, dasz diese stadt ... kein eigentlicher aufenthalt für die liebe ist. H. v. Kleist (an seine braut) 5, 73; es wird immer dunckler, und gewisser du kommst nicht. Göthe (an frau v. Stein) briefe 5, 281; bis er an seine stat das newe testament einsetzt, und viel gewisser macht denn das alte. Luther (v. abendmal Christi 1528) 3, 440b; genau so (ihre seligkeit) Weise erznarren 51 neudr.; (den erfolg) Herder 16, 302; (den satz) 5, 90.
b)) wo der superlativ in die verbindung mit dem verbum substantivum dringt, wird das adjectiv substantiviert: die träum so wir droben göttliche träume genannt haben, seind ohn allen zweiffel die aller gewissesten, und denen man allein glauben geben soll. Melanchthon geschlechte der träume bei Ryff traumbuch Artemidori (1570) C 4b; ebenso thierbuch Alberti Magni B 2a;

ist sonst was süsz, dies ist das süszte,
ist prächtig was, dem gleicht es nicht,
ist schön was, hier ist göttlichs licht,
ist stark was, dies ist das gewiszte.
Johann Röling (sterblied);

oder — welches wohl das gewisseste ist, sie wissen nicht, was sie meinen. Herder 16, 438; die stimme war das gewisseste, was sie an ihm kannte. Stifter stud. (Abdias) 2, 254.
ein anderes mittel, mit dem die zwanglose sprache jetzt der unbequemen prädicativen verwendung des superlativs ausweicht, die präpositionalverbindung (s. u.), ist litterarisch nur einmal aus Grimmelshausen belegt: er fragte mich, welche zeitungen am gewissesten wären? wiedererstandener Simpl. (3, 9) 3, 619.
2)) am gleichmäszigsten sind comparativ und superlativ an attributiven verbindungen betheiligt, doch zeigt sich deutlich, dasz einzelne verbindungen dem comparativ, andere dem superlativ zugänglicher sind: Anthonius Tucher werde e. cfl. g. gewissere und bestendigere zeitung schreiben. H. v. d. Planitz (1521) 7 Wülcker u. Virck; genau so Opitz übers. v. Sidney's Arkadia 521; desgl. (gewisseren bericht) übers. d. Argenis 1, 32; (gewissere nachricht) Herder 13, 241; vgl. auch (eine gewissere antwort) Matthesius (Luther) 3, 181; (gewiszere schriftauslegung) Herder 11, 196; schon im eilften jahrhundert kommen zwo mühlen in der vorstadt vor, ... und im dreizehnten jahrhundert finden sich hier davon noch gewissere spuren. P. v. Stetten kunst- gewerb- u. handwerksgesch. v. Augsburg 1, 141; dasz sie alzeit den gewissesten und ebnesten weg erwöhlten. Aeg. Albertinus landstörtzer Gusman (2. th.) 626; dieweil ... die mathematischen künst, nit allein den allen gewissesten, unfehlbaren grund, und sattist fundament haben. Ryff wag u. gewicht A 2b; und freut sich schon im voraus der gewissern festigkeit seines baues. Göthe an frau v. Stein 29. 12. 1786; vgl. der gewissesten wahrheit. Herder 15, 553; (die gewisseste richtung) 13, 98; (das gewisseste merkmal) 13, 163; (das gewisseste zeichen) 13, 408; (gewissesten documenta) Chr. Weise (Masaniello) 54; das gewisseste bewusztsein. Immermann (memorabilien: Düsseldorfer anfänge) 20, 153 Hempel; noch von gewissers glauben, noch von genadenreichere sacrament wegen. Eberlin v. Günzburg 2, 42; ach der matten hoffnung, und der gewisseren furcht! Herder 16, 187; dazu vgl. zur gewissesten erwartung. 10, 206; (mut) Gervinus gesch. der d. dichtkunst 1, 8; das verhehlte, vernachläszigte gift schleicht und wütet im innern, dem beunruhigten körper zu einem desto grauenvolleren, gewiszeren tode. Herder (br. zur beförd. d. human.) 18, 307; dasz wider solche natter bisz unnd gifft, kein gewissere artznei ist. J. B. Fickler übers. v. Putherbey 167a; würde dieser untersuchende calcul durch die gewissern jahrhunderte fortgesetzt. Herder 13, 285; vgl. dazu: die gewisseste und zuverlässigste aller menschlichen wissenschaften ... auch gewisz die leichteste.

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Lichtenberg aphor. 4, 21 Leitzmann; (bei der gewiszesten sache) Herder 5, 90; (die gewissesten theuersten facta) 10, 398; (das gewisseste geschenk) 6, 376; (auf die schönste und gewiszeste art) 16, 39.
die beziehung auf personen ist hier wenig vertreten: nebulo certior nullus illo, es ist kein gewüsserer lotter oder bb dann er. Frisius 213b; Maaler 181a; die wünsche aber, die es in dieser ruhigen einsamkeit erwärmend ausbrütet, werden um so gewissere, erfreulichere boten der zukunft. Herder 16, 384; hätte er einem corporal von seinem regiment, der vor den gewissesten schützen unter der gantzen armee gehalten worden, befelch geben. Grimmelshausen Simpl. (6, 13) 522.
3)) die substantivierung, die beim superlativ nur in der prädicativen verwendung (s. o.) vordringt, ist auch beim comparativ, so oft sie dort belegt ist, an enge grenzen gebunden: nichts gewissers, etwas gewissers:

Teurdank wär komen in grosz schwer,
hett nichts gwissers ghabt dann den tot. Teuerdank (20, 93) 50 Goedeke;

ebenso schon Joh. v. Neumarkt übers. der soliloquien (nihil sit certius morte) 9 Sattler; ebenso Joh. v. Schwarzenberg trostspruch 9 Scheel; Matthesius (hochzeitspred.) 2, 166 Loesche; (leichenred.) 1, 121; Grimmelshausen Simpl. 461; nach diser antiquitet und zeugnusz des theuren herrn vom Hassenstein, müssen wir uns richten, weil wir nichts elters und gewissers haben. Matthesius Sarepta (14) 132a; ähnlich G. Frölich vorrede zu Andreas v. Regensburg s. 99 Leidinger; Chr. Weise Masaniello 15 Petsch; Stranitzky ollapatrida (Wiener neudr. 10) 99. 346; Fontane unwiederbringlich cap. 33; was bessers, richtigers oder gewissers jm wirdt anzeigen können. Matthesius Sarepta vorr. (1562) α 6a; (zu etwas gewiszerem führen) Herder 16, 350; (etwas gewisseres erfahren) Wilh. v. Burgsdorff br. 96 Cohn.
auszerhalb dieser beiden verbindungen ist der comparativ hier wenig beobachtet: dann die irrung ist schier in allen meinungen ... aber ein jeder nehm das gewisser an, er lerns von einem oder dasz er das selbs aus dem leben erfindt. Albr. Dürer (v. menschl. proportion) nachlasz 229. vereinzelt sind die steigerungsformen auch in der viel beliebten verbindung mit spielen beobachtet (s. sp. 6191). neben einem beleg für das gewisseste spielen findet sich auch er wolt des gewissers spilen. Aventin (bair. chron. 1, 119) 4, 257; dazu vgl.: mich auch hierüber durch meine eigene augen des gewissern zu belehren. Lessing (zur gesch. u. lit. 1: fab. aus d. zeiten der minnesinger) 113, 325.
4)) im gebrauch des adverbiums gehen die steigerungsformen wiederum besondere wege:
a)) nur dem comparativ steht das eigentliche adverbium offen; er findet sich gern bei der engeren verbindung mit dem verbum und widersteht natürlich auch bei lockerem zusammenhange dem übergang zur partikel: damit er desto gewisser einen ewigen sabbath oder ruhe zu hoffen hätt. Abr. a S. Clara mercks Wienn (1680) 57; ebenso (gewisser und sichrer fühlen) s. u.; (gewisser ausdenken) s. u.; (gewisser sehen) problemata Aristotelis C 1b; (gewisser voraussagen) Herder 17, 327;

was langsam schleicht, fast man gewisser,
und was verzeucht, ist desto süsser.
P. Gerhardt gib dich zu frieden u. sei stille Fischer u. Tümpel 3, 423b;

ebenso (gewisser fangen) Wieland (urth. des Paris) 10, 174; (gewisser treffen) Herder 17, 187; das häszlin laufft gewisser den berg auff weder den berg ab. Geiler v. Keisersberg (hasz im pfeffer) granatapfel Aa 4a; (bücher gewisser aufschlagen) Th. Georg europ. bücherlex. vorr. zu bd. 1; gleichwie unter allen kranckheiten keine den tod gewisser verursachet als die pest. Fr. Caccia hl. Antonius v. Padua (1692) 185; ganz ähnlich Göthe (lehrj. 4, 15) 19, 86 (das gewisser als der tod über einem weibe schwebt); so ist doch viel gewisser der jenige ein starcker sigreicher löw. Abr. a S. Clara auff, auff ihr christen (Wiener neudr. 1, 129); ebenso etwas für alle 1, 348; ähnlich (so gewieser) österr. weisth. 3, 232; was die älteste, oder gewisser wenigstens die spätere griechische alexandriner- und platonikerphilosophie mit dieser quelle gemein hat, ist auf keinem als diesem wege. Herder (erl. z. neuen testament 1775) 7, 346; s. auch 3, b.

[Bd. 6, Sp. 6174]



b)) beim superlativ treten präpositionalverbindungen an die stelle des adverbs: denn sie wissen, das ich zuvor hab mein bekentnis, auffs allergewissest und sterckest, nicht mit einem buch allein, wider die sacramenter offentlich an tag geben für aller welt. Luther (verantwortung der auffgelegten auffrhur ... 1533) 6, 19a; ebenso Matthesius (hochzeitpred.) 2, 96. 164; (zur krön. Max. II.) 4, 398; Neander bedenken 23b; certo certius, uffs aller gewissest. Alberus 310b;

wen er meint, sie am gwisten hab.
so ist er bei ihr gar schabab.
H. Sachs fab. u. schw. 3, 410;

ebenso H. v. d. Planitz 338 Wülcker u. Virck; Herder 15, 403; Th. Fontane vor d. sturm cap. 12; wan wir in unseren hoffnungen am allersichersten und gewissensten zu stehen vermeinen. Grimmelshausen Simpl. 453;

schlecht und recht, wo find ich dich?unter keinem hohen giebel,
manchmal unter leim und stroh, zum gewisten in der biebel.
Logau sinnged. 3, 1, 64 (redligkeit) Eitner s. 455.


II. der nhd. gebrauch. der überblick über die bibelübersetzung zeigte in Luthers sprache eine ungewöhnliche begünstigung unseres adjectivs, die bei ihm auch in der freien darstellung zu tage tritt, vgl.: wir aber foddern gewisse beweisunge solcher gleichnis, denn weil sie sich so gewis jres dinges rhümen, so sollen sie es auch gewis machen, oder sollen gack stehen. (vom abendmahl Christi) 3, 475a u. a. über alle anderen gebrauchsformen hinaus ist bei ihm und wie sich aus den buchungen der lexikographen ergiebt, auch bei seinen zeitgenossen und nachfolgern die attributive verbindung bevorzugt. in der pflege dieser verbindungen, als deren mittelpunkt die rechtssprache nachgewiesen wurde, folgt der nhd. gebrauch lange den alten geleisen nach; ihm eigen jedoch ist die pronominale entwicklung, die seit dem 18. jahrh. immer stärker vordringt und die im 19. jahrh. die bedeutungsenergie des adjectivs aus den attributiven verbindungen bis auf wenige ausnahmen (s. sp. 6186) verdrängt hat. nur in den steigerungsformen (gewisser, gewissest) bewahrt auch dieser gebrauch die bedeutungskraft. um so lebendiger hat sich diese in den prädicativen verwendungen erhalten, bei denen einerseits neue verbindungsmöglichkeiten sich entwickelten, andererseits eine gröszere syntaktische beweglichkeit sich einstellte. wenn in diesen richtungen die führenden schriftsteller weitgehende übereinstimmung zeigen, so weichen sie im gebrauch des adverbiums von einander ab: Luther liebt es im engeren zusammenhang mit verbis und verwendet es auch bei lockerem zusammenhang zunächst da, wo der satzinhalt ein entsprechendes ausdrucksmittel nahelegt. auch die buchungen hatten gezeigt, dasz in einzelnen solcher verwendungen der deutsche gebrauch am unabhängigsten zu tage tritt. im gegensatze dazu ist das adverbium bei Wieland und Schiller auffallend zurückgedrängt, während sich für Herder nach systematischer durchforschung ein ungewöhnlicher, das bedürfnis weit übersteigender, verbrauch ergab. Göthe zieht das adverbium in der gebundenen sprache stärker an, als in der prosa, und die wortstellung scheint bei ihm durch das metrum beeinfluszt.
1) das adjectiv in activer bedeutung:
a) die prädicativen verbindungen, die den lat. wendungen certiorem (certum) facere, certior fieri entsprechen, werden noch immer gepflegt und aufgefrischt.
α) für die verbindung gewiss machen war oben unter den formeln der rechtssprache (sp. 6156) gezeigt worden, dasz sie nicht nur die active, sondern auch die passive bedeutung des adjectivs in anspruch nimmt (s. u.). für die active bedeutung läszt sich im allgemeinen gebrauch zweierlei beobachten: unter dem einflusz bedeutungsverwandter reflexivformen wird auch gewiss machen gern reflexiv gebraucht, andererseits dringt im neueren stil die annäherung unserer formel an wîs tuon (vgl. oben sp. 6143) auf kosten der bedeutungsverwandtschaft mit securus vor.
1)) gewiss machen (sich gewiss machen):

denn macht das hertz der glaub gewis,
das gott mit jm versünet ist, ...
N. Herman (wer hie vor gott wil sein gerecht) sontagsevangelia 225 Wolkan;

er stellt ins licht, wenn er auch nicht entwickelte: er macht sicher, gewisz, stark; wenn er auch nicht überzeugte,

[Bd. 6, Sp. 6175]


so überredet er bis zum augenschein. Herder (über Th. Abbts schr.) 2, 291;

freilich tret' ich nur arm, mit kleinem bündel in's haus ein,
das mit allem versehn die frohen bewohner gewisz macht.
Göthe (Herm. u. Doroth.: Urania) 40, 327;

wie vieles macht des sieges sie gewisz!
ein mund, der küssen winkt, ein lilienhals und nacken.
Wieland (kom. erz.: Diana u. Endymion) 10, 127;

reisz mich aus der finsternisz!
vater! mach mich dein — gewisz!
Lavater handbibl. für freunde 3, 239;

die versetzung solcher engel-menschen in unsre alltagswelt ... diene doch nur dazu, uns desto gewisser zu machen, dasz er (der dichter) uns blosse mährchen erzählt. Wieland (hexameron v. Rosenhain, vorbericht) 38, 11; ähnlich (Aristipp 1, 31) 33, 280; dasz man nur fortzulesen braucht, um sich selber ganz davon gewisz zu machen. Horazens briefe 2, 196; dasz sie ihren zweiten sohn nicht von sich gelassen habe, ehe sie sich von dem baldigen tode des ersten gewisz gemacht hatte. Schiller (gesch. d. franz. unruhen) 9, 387; der hund macht den jäger gewisz, wenn er ihm gewisse zeichen gibt von dem was er sucht. Adelung.
2)) reflexivformen des neueren stils: er achtet sich von seiner und der selben frawen keuschait als gewisz und liesz si bei im wonen. Gregors dialoge (Augsburg 1473) III cap. 7;

(der tod:) o jüngling, dunck dich nit so gwisz!
sichst du nit, das ich täglich schiesz
beide die jungen sambt den alten?
derhalb must auch ein schusz mir halten.
schick dich! ietzunder must du sterben.
H. Sachs (tragedia ... des jünsten [!] gerichtes, act 2) 11, 408 Keller;

mit solchen waffen hielt mein herr Amfibolis
sich eines schnellen siegs gewisz.
Wieland (kom. erz.: Aurora u. Cefalus) 10, 220; vgl. auch 3, 293, s. sp. 6177;

des fräuleins ton und miene
bewies ihm, wie gewisz sie ihres wahns sich hielt. (Klelia u. Sinibald 7) 21, 334.


β) auch an der verbindung gewiss werden, die nur selten die bedeutung securus gegen certus abgrenzen läszt, macht sich die bei gewiss machen beobachtete neigung des neueren stils geltend. nicht die gewiszheit, die das wahrnehmende subject erlangt, wird in jedem falle gekennzeichnet, häufiger vielmehr blosz die wahrnehmung selbst. gewiss werden tritt also wie certior fieri immer mehr in die reihe der verba sentiendi. vgl. quomodo mihi constabit? wie werd ich gewisz? Alberus gegen gewisz werden, certum, certiorem fieri. Aler.
1)) wie werden wir gewis, das diese glose und zusatz recht sei. Luther (wider d. himl. prophet. 1. 1525) 3, 70b; ja, damit sie noch gewiszer werden, dasz ich sie nicht überschleiche. Herder (geist d. ebr. poesie) 11, 225; und darumb predigen wir diesen artikel, auff das wir dran gewis werden und ein jeder sein eigen hertz erforsche und sich prüfe, ob er auch auff diesen artikel sterben wolle. Luther (pred. über Joh. 20, 1) 28, 436 Weimar; das ich noch gleube und gewis werde. 4, 329a Jena; ein christ sol seines sinnes und glaubens gewis sein, oder je darnach streben, das ers gewis werde. (verantw. d. auffgelegten auffrhur ... 1533) 6, 18b; (meines glaubens gewisz zu werden) Wolfh. Spangenberg ganskönig (vorr.) 9 Martin; und was die gewänder betrifft, mahlte er diejenigen zuerst, über deren farben er schneller gewisz geworden. Göthe (abendmahl v. Leonardo) 39, 117.
2)) denn wo ich des gewar und gewis würde, das sie solch gifft aus meinen büchern sögen. Luther (warnungsschr. an die zu Franckfurt) 6, 107a (das man der geschicht gewis werde. pred. über Joh. 20, 1) 28, 437 Weimar; und wie auf solche weise, einem knaben, die declinationes ... und formationes verborum praecipuorum ... in einem monat, alle so gemein, und bekand werden, und ein knabe derselben so gewis wird. Neander bedencken ... wie ein knabe zu leiten 21a; dasz sein erster schritt sein müsse, von der gesinnung der witwe gewisz zu werden. J. J. Engel (Lorenz Stark 29) 12, 311; seit dem augenblick, da ich gewisz ward er habe mich verlassen, ist alle freude meines lebens dahin. Göthe (Stella 1) 10, 131.
b) ungewöhnliche pflege und verbreitung erfuhr die verbindung mit dem verbum substantivum, bei der sich die beiden bedeutungsfärbungen securus und certus immer

[Bd. 6, Sp. 6176]


wieder erneuen. wie ungezwungen sie aus der art des zu ergänzenden objectes erwachsen, zeigt ein beleg wie: und ich gewinne dadurch, dasz er immer von zwei dingen völlig gewisz sein wird: dasz ich ohne alle nebenabsichten mit ihm umgehe, und dasz er alle hoffnungen aufgeben musz, mich ... zu verleiten. Wieland (Danischmend 43) 8, 366.
α) bedeutungsgemeinschaft mit lat. securus, sicher (vgl. sei nicht so sicher, ob deine sünde noch nicht gestraft ist. Luther Syr. 5, 5; vgl. DWB des künfftigen versicheret und gewüsz, futuri certus. Frisius u. a.; gewisz sein, to be certain, sure or true. teutsch-engl. lex. 2, 774 u. a.): gewiss von einer erkenntnisthätigkeit, an der ein persönliches bedürfnis der sicherstellung haftet: wan ich gewisz bin unnd glewb, sie gefallen gott. Luther (handschr. d. sermons v. d. guten werken) 9, 230;

mir gnüget, wie es mein gott füget,
ich glaub und bin es gantz gewisz;
durch deine gnad und Christi blut
machst du's mit meinem ende gut.
E. J. v. Schwarzburg-Rudolstadt 'wer weisz, wie nahe mir mein ende';

da bin ich gewis und sicher, das ... Luther (v. abendmal Christi) 3, 440b; so laszet uns sicher und gewisz sein, dasz ... Herder (ideen 9) 13, 350; ebenso 15, 83; in den zahlreichen einschlägigen belegen ist das object ungewöhnlich häufig durch einen satz vertreten, substantiva sind meist im genetiv angeschlossen und erscheinen gern in festen verbindungen: des sieges, seiner sache gewiss sein. präpositionalverbindungen treten immer mehr zurück und sind auf die anknüpfung mit von beschränkt.
1)) wo das object durch einen satz dargeboten wird, ist es im regierenden satze nicht immer durch ein pronomen vertreten; wo dieses eintritt, steht es im genetiv.
a)) wie bistu gewis, das nichts verseumet sei, oder mangele? Luther (summa d. christl. lebens ...) 6, 41b; ebenso (2. sermon apostelgesch. 16) 3, 268a; (wider d. bapstum) 8, 210b; (v. d. guten werken) 6, 242 Weimar; (sermon v. d. busze) 2, 718;

wir halten, herr, an unserm heil
und sind gewisz, dasz wir dein theil
in Christo werden bleiben.
P. Gerhardt gott vater, sende deinen geist Fischer u. Tümpel 3, 345a;

ebenso Herder (lieder d. liebe) 8, 540; Göthe (Benvenuto Cellini 1, 9) 34, 125; weil jeder, der für den einen gott und für seinen propheten Muhammed stritt, gerad ins paradies zu gehen gewisz war. Herder (zerstreute blätter 6) 16, 322; wenn ich nur auch gewisz wäre zu hause zu sein. Göthe (an F. H. Jacobi) briefe 6, 250;

kein Böhme hat noch seinen herrn verrathen;
was auch der lästrer spricht, ich bin gewisz!
Grillparzer (könig Ottokar 4) 54, 124 (anders 65, 117).


b)) ich bin des gewisse, daʒ di nature mines vater in mir geworcht hat ime, so si gelichest mochte. Nürnberger predigthandschr. bei Jostes 110; darumb sind wir auch nichts gewis, ob der schlüssel troffen oder gefeilet hat. Luther (v. d. schlüsseln) 5, 222b;

es ist ein richer rüewiger stand,
da brist nit ein nagel in einr wand,
des sind sie gwüss ir leben lang.
Nik. Manuel (Barbali 53) 136;

ähnlich (ich bins gewisz) Eberlin v. Günzburg 2, 6 Enders;

drumb sind wir des nu gar gewis,
das er warer son gottes ist.
N. Herman (das wort, die göttl. weish.) sontagsevangelia 27;

herr fürst! wir glauben, dasz sie's ehrlich meinen;
seit gestern — sind wir desz gewisz.
Schiller (Wallensteins tod 1, 5) 12, 225;

ähnlich Grillparzer (Argonauten 2) 55, 59; (des meeres u. der liebe wellen 3) 75, 47;

sehet ihr alle das gut, o gnädiger könig, beisammen,
ja ich bin es gewisz, ihr denket meiner in ehren.
Göthe (Reineke fuchs 5) 40, 85;

das letzte hoffe ich nicht nur, sondern bin dessen fast gewisz. Herder (briefe z. bef. d. humanität) 17, 79.
2)) auch wo substantiva als objecte hier angegliedert werden, zielen sie im grunde auf ein geschehnis, das sie nicht nur durch ein nomen actionis kennzeichnen, sondern auch durch einen eigenschaftsbegriff, ja selbst durch sachbegriffe andeuten. ähnlich sind auch die persönlichen objecte aufzufassen, denn das adjectiv zielt hier nicht so sehr auf

[Bd. 6, Sp. 6177]


die person selbst, als auf handlungen, die man von ihr erwartet. als anknüpfungsmittel überwiegt hier der genetiv, nur bei Göthe ist für sächliches wie für persönliches object einigemal die präpositionalverbindung (von) belegt.
a)) meiner auszfart ich gewise bin, aber mein herwiderkomen z got stet. Ulmer übers. d. dekameron 647, 2; nulla mulier potest dicere: ich bins gewisz felicis partus, sed cogitat: gott helff ... Luther (pred. 1531) 34 I s. 351; denn er nichts mehr denn eins augenblicks der zeit seins lebens gewis ist. (ep. d. proph. Jes.) 3, 185b; ebenso (sein des lebens gwisse) N. Herman sontagsevangel. 65; er darf des danks derselben gewisz sein. Herder (kleine schriften) 18, 375; ebenso (waren ihres sieges so gewisz gewesen) 15, 403 (Nemesis); seines spiels gewisz sein. Rondeau, Schwan; von dem theatralischen effect kann man gewisz sein. Göthe (an Schiller 10. 3. 1799) briefe 14, 35; ebenso (von seiner rückkehr jederzeit gewisz sein) 20, 68 (lehrj. 7, 6).
b))

zu halten das bis unverzagt
und wiltu tugent sein gewis,
alle gutte ding offt hor und lies.
Joh. v. Schwarzenberg trostspruch (253) 18 Scheel;

nün war der arzt der künst nit gwies
und im haimlich gedacht:
mir möcht aber feln meine künst.
H. Sachs (die blinde frau mit dem arzt) fab. u. schw. 5, 297;

allerdings aber musz er seiner zauberkunst gewisz sein: denn sonst wird jede solcher erscheinungen lächerlich. Herder (über bild, dichtung und fabel) 15, 547;

der ist mir der meister,
der seiner kunst gewisz ist überal,
dem's herz nicht in die hand tritt, noch ins auge.
Schiller Tell (3, 3) 14, 359;

du bist meines herzens so gewisz als ich des deinigen. Wieland (Danischmend 45) 8, 395; ebenso (meiner liebe bist du gewisz) Grillparzer (Melusina 1) 75, 231; (das) würde mich beschämt machen, wenn ich nicht von ew. durchl. nachsicht ganz gewisz wäre. Göthe (an Ernst II. v. Gotha) briefe 5, 21.
c)) eigentliche sachbegriffe sind hier natürlich nur in besonderem zusammenhange möglich: er war nicht eher ruhig, als bis er des schiffes gewisz war, das ihn zurückführen sollte. Herder (ideen 7, 2) 13, 265; die vielbeobachtete verbindung seiner sache gewiss sein führt zunächst auf den rechtsbegriff von sache zurück, der auch die bedeutungsverwandtschaft von gewiss mit sicher in helles licht rückt. in der weiteren entwicklung wird jedoch auch diese verbindung immer einseitiger auf die erkenntnisthätigkeit bezogen und mündet in den bereich von certus ein.
α)) die ursprüngliche bedeutung (vgl. eins handels beredt und gewisz sein. Frisius) läszt sich am längsten in verbindungen mit dem possessivpronomen durchfühlen:

(Nathan:) möcht auch doch
die ganze welt uns hören.(Saladin:) so gewisz
ist Nathan seiner sache?
Lessing (Nathan 3, 7) 33, 90;

seiner sache gewisz sein. Rädlein, Rondeau, Hilpert; und alle alle stose ich euch hinunter und (bin) meiner sache gewisz. G. C. Lichtenberg aphorismen 2, 165 Leitzmann; die argumente sind alle gut, wenn man schon der sache gewisz ist oder ihr gewisz sein will. Herder (theologiebriefe 18) 10, 209; ähnlich (gott) 16, 576; Wieland (was ist hochdeutsch) suppl. 6, 300; dazu vgl.: er hielt sich also, da er ihr nacheilte, seiner sache wenigstens so gewisz, als Apollo, da er die fliehende Dafne an das ufer des Peneus verfolgte. (Agathon 14, 5) 3, 293, s. o. sp. 6175.
β)) schon Luther zeigt hier demonstrativpronomina mit allgemeinerer bedeutung: lieber, ein sicher gewissen, das der sachen gewis ist, fitzelt und fetzelt nicht also, es sagts dürre und frisch eraus wie es an ihm selbs ist. (dasz diese wort Christi ...) 23, 89 Weimar; ebenso (pred. über 1. Mos. 25) 24, 439; (v. miszbrauch d. messe) 8, 483; noch weiter geht: und wiewol ich guthe schrifftliche kundschafft hett von Nürnberg an bisz gen Franckfort, so wolt ich doch der sachen gewisz sein, und liesz ein knecht ober Miltenberg halten, der solt sehen, wo sie hinein zogen auch wie starck. Götz v. Berlichingen lebensbeschreib. (1, 11) 67 Bieling; wäre der vertheidiger des göttlichen ursprungs dieser sache demonstrativ gewisz gewesen, dasz es unsinn

[Bd. 6, Sp. 6178]


sei. Herder (urspr. d. spr. 2) 5, 106; einer sache gewisz sein, völlig von derselben überzeugt sein. Adelung.
d)) ein persönliches object wird hier erst in belegen des 18. jahrh. eingeführt (vgl. dasselbe bei gewiss machen, s. sp. 6175): sie sind ihres gottes so gewisz, sie sind ihrer errettung auch nur im traum des andenkens schon so froh, dasz die zukunft ihnen gegenwart wird. Herder (briefe d. stud. d. theol. betr. 1, 10) 10, 123; das gericht meldete dem wundarzt die gegen ihn vorhandene anklage. er, der seines dieners gewisz war, leugnete sie standhaft. Klinger (Fausts leben 4, 4) 3, 201; ganz ähnlich (war seines mannes zu gewisz) Schiller (30jähr. krieg) 8, 141; (bist meiner schon so gewisz?) Anzengruber (meineidbauer 3, 2) 63, 192; dasz ich sie doch auf diesen grad nicht kenne, um auch in einem solchen falle von ihnen ganz gewisz zu sein. Göthe (campagne in Frankreich) 30, 249; vgl. auch: selbstgewisz, seiner selbst gewisz, sich sicher fühlend theil 10, sp. 475; dasz sie ihrer selbst so gewisz ist, wie gott derselben gewisz sein kann. Herder (gott) 16, 478. dazu vgl.: er musz in sich selbst gewisz sein ... wenn er nach seiner überzeugung zu handeln sich getraute. Fichte sittenlehre (1798) 313.
β) engere berührung mit lat. certus: bei gewiss liegt der schwerpunkt auf der erkenntnisthätigkeit, auch wo diese dem persönlichen interesse des erkennenden entgegentritt: sehet ja zu, das jr gewis seid, und nicht zweiuelt, solch ewer flucht oder elende gefalle gott im himel seer wol. Luther (trostschrifft an d. christen aus Oschatz) 6, 1a; das jr solchs gewis seit, und nicht daran zweiuelt. ebenda 1b; non dubito, ich bin gewisz. Alberus u. a.; ob ich zweifle, oder gewisz bin, habe ich nicht durch argumentation ... sondern durch unmittelbares gefühl. Fichte sittenlehre 220; ähnlich Herder (über Creuz oden) 5, 299; aber wann du wildt widersprechen aim miszbrauch, so bisz vor durch geschrift gewisz und gelert, das er wider gottes wort sei. Eberlin v. Günzburg 2, 148; ich bin als mensch überzeugt, dasz sie sich nichts weiter vorzuwerfen hat; ich bin als arzt gewisz, dasz dieser druck keine üblen folgen haben werde. Göthe (lehrj. 5, 16) 19, 250; nun macht ich gut kundschafft über sie, die nit mehr dann recht und gewisz waren, dasz ... Götz v. Berlichingen lebensbeschreib. (1, 11) 71 Bieling; in den einschlägigen belegen ist die anknüpfung des objects durch präpositionalverbindungen viel häufiger beobachtet und mannigfaltiger, als oben, s. sp. 6177.
1)) die belege, in denen das object durch einen satz vertreten ist, zeigen vielfache neuerungen. die formelhaften wendungen, die von der zweiten person singularis ausgingen, sterben rasch aus, vgl. noch:

Peter, du salt gewisse sinn,
wesche ich dir nit die fusze dinn,
so hostu kein deil in mines vatter rich. Alsfelder passionspiel 3080 Grein s. 96;

sie seien es gewiss dass an iedem hofe eben solche gesinnungen herschten. Göthe (an Carl August) briefe 4, 6. mit wenigen ausnahmen (kan niemand gewis sein, ob sie die wort sprechen. Luther 6, 103a) herrscht in diesen wendungen die erste person — meist des singularis — vor. in den objectsätzen, die im regierenden satz durch ein pronomen vertreten sind, findet sich der indicativ, in den andern dringt im 18. jahrh. der conjunctiv (des präsens und des praeteritums) vor.
a)) so du das thust bin ich gewüsz, dasz dich gott aus aller noht ... erlösen wird. J. Wetzel reise der söhne Giaffers 144 Fischer u. Bolte; ich bin gewisz, dasz man bei mehreren und vielleicht bei allen flüszigkeiten das nämliche entdecken werde. Herder 16, 556; ebenso 16, 34; 10, 9; Göthe 19, 250 (s. o.); desgl. (bin gewisz, dasz sie werden) Herder 13, 10. 255. 266; vgl.: ich bin gewiss, dass ich mit iedem andern musikus ausser ihnen viel händel haben würde. Göthe (an Kayser) briefe 4, 169; ebenso Herder 5, 183; 11, 241; 18, 324. 401; aber woher hat Johannes den ausdruck? sind wir auch gewisz, dasz er das und nichts anders bedeute? so gewisz, als von einem ausdruck in einer sprache der welt. Herder (erl. z. neuen test.) 7, 357; ich bin gewisz, das geheimnisz dieser wundervollen bildsäule ... ist kein geheimnisz für dich. ich kann diesen zustand der ungewiszheit und des schmachtens nicht länger ertragen! du, mein vater, ich bin es gewisz, kannst ihm ein ende machen. Wieland (die Salamandrin u. die

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bildsäule) 30, 367; vgl. Schiller (Turandot 4, 6) 13, 447; ich bin gewisz, dasz in den gefährlichsten zeiten kein Römer einen begriff davon gehabt habe, wie Rom untergehen könne. Herder (ideen 3, 245) 14, 166; wir können gewisz sein, dasz was sich im menschen-typus auf unsrer runden erde entwickeln konnte, entwickelt hat, oder entwickeln werde. 18, 248; ebenso (ich bin gewisz) 8, 547; 9, 297; denn ehe ich dich aus Italien wegnehme, will ich erst gewisz sein was in Frankreich mit dir werden wird. Göthe (Cellini 3, 3) 35, 24.
b)) pronominalformen, die den objectsatz im regierenden satze vertreten, zeigen selten den genetiv: aber köstlich und thewer sind solche creutz und leiden, der wir gewis sind, das sie nicht umb unser schuld, sondern umb Christus willen getragen werden. Luther (verantwort. d. auffgelegten auffrhur ... 1533) 6, 16b; sie hatten alle freude mit mir darüber empfanden alles was ich gemacht hatte und da war ichs erst gewiss. Göthe (an Kestner 25. 12. 1772) briefe 2, 49; ähnlich Ch. Sealsfield (cajütenbuch 2) 15, 33; meist sind die pronominalformen in den accusativ übergeführt oder mit präpositionen verbunden: eia das bin ich gewisz, das ist ein jemerliche schwere blindheit, dass ... Luther (die 7 buszpsalmen: 7. ps. 1517) 1, 220 Weimar; und es ist mein bruder, das bin ich gewisz! Göthe (wanderj. 1, 5) 21, 90; diesz bin ich wenigstens gewisz, dasz dieser mann sich nicht am hofe zu Scheschian gebildet haben kann. Wieland (der goldne spiegel 2, 5) 7, 105; ebenso (die grazien 2) 10, 31; ähnlich (mit conditionalis) 29, 138; anders: dasz ihre arbeiten nicht ganz unterbrochen werden können, davon bin ich gewisz und hoffe davon früher oder später manches erfreuliche. Göthe (an Runge 5. 11. 1807) briefe 19, 452; davon bin ich völlig gewisz, dasz es zu deiner itzigen glückseligkeit gehört. Klopstock (briefe v. verstorbenen) 11, 134; ebenso Wieland (Agathodämon 6, III) 32, 349; Ch. Sealsfield 15, 257.
2)) auch bei den substantiven wird der genetiv als angliederungsform durch präpositionalverbindungen zürückgedrängt, und hier ist neben von nunmehr auch über zu beobachten.
a)) und wie gewis sie jrer truncken trewme sind. Luther (widerruff ... v. fegfewr. cap. 3) 5, 166a; sobald es desselben (des geheimnisses) gewisz ist. Herder (liebe u. selbstheit) 13, 315;

auf dich nur braucht' ich
zu sehn und war des rechten pfads gewisz.
Schiller (Wallensteins tod 2, 2) 12, 239;

jetzt bin ich deines frevels erst gewisz!
Grillparzer (könig Ottokar 4) 54, 123;

ein junger gärtnerbursche, das gewehr in der linken hand, trat vor, berührte das tier vorsichtig mit dem kolben, um ihres todes gewisz zu sein, nahm es dann an dem rechten hinterlauf und trug es weg. D. v. Liliencron (Breide Hummelsbüttel 2) 6, 27.
b)) wenn man von ihrer (der jahreszahl) richtigkeit ganz gewisz sein könnte. Lessing (zur gesch. u. lit. 2: Marco Polo) 123, 27; genau so (gewisser) Göthe (Philipp Hackert: Charles Gore) 37, 331; (von dessen laune er etwa nicht gewisz wäre) 20, 284; rational gewisz ist man von dem, was man auch ohne alle erfahrung a priori würde eingesehen haben. Kant (logik) 1, 400 u. a.; keiner kann von einer sache gewisz sein, wenn nicht gegengründe rege gemacht werden; wie weit man noch von der gewiszheit entfernt ... sei. 1, 414; ebenso Wieland (Danischmend 43) 8, 366, s. sp. 6176.
c)) sind sie über das wort, das Kaunitz gesagt hat, gewisz? Herder s. briefe aus Herders nachlasz 1, 150; sonst wird diese verbindung für das persönliche object gebraucht: Paulus ... Jacobus ... wir sind über beide und durch beide jetzt desto gewiszer! (briefe zweener brüder Jesu) 7, 505; und wie sehr sind denn die leute, — Milnets — über mich gewisz oder ungewisz? Wilh. v. Burgsdorff (an Rahel 25. 3. 1799) briefe 154 Cohn.
γ) concurrenzformen des verb. substant. sind hier kaum zu beobachten. vereinzelt begegnet die elliptische wendung gewiss scheinen:

der herzog scheint gewisz, dasz ihm der könig
am nächsten fest die hohe gunst gewähren
und seine tochter anerkennen wolle.
Göthe (die natürliche tochter 2, 1) 9, 286;

[Bd. 6, Sp. 6180]


anders gewiss bleiben, vgl.: bleiben sie meines lebhaften, aufrichtigen antheils gewisz. (an Steffens) briefe 15, 235; ebenso (meiner gewisz) 16, 272; wofern er des gehorsams gewisz bleiben wolle. Ranke päpste 1, 368.
c) aus den verbindungen mit dem verbum substantivum löst sich das mit einem object enger verbundene adjectiv ab und gewinnt damit eine syntaktische selbständigkeit und beweglichkeit, die der älteren sprache fremd war. an dieser entwicklung nehmen objectsätze naturgemäsz nur wenig antheil: da trachten wir also bald zu reisen in Macedonian, gewis, das uns der herr da hin beruffen hette. Luther apostelgesch. 16, 10 (warn gewisz dasz ältere bibel, certi facti; wir schlossen Weizsäcker);

nun sprang ich auf und tobt' und fluchte,
gewisz, durch alle durchzugehn.
Göthe (der müllerin verrath) 1, 212;

adieu ich überlasse dich dem priester für heute früh, gewiss dasz du auch unter dem gebet meiner gedencken wirst. (an frau v. Stein) briefe 5, 344. vorherrschend sind es verbindungen mit objectivem genetiv; als ausnahme vgl.: da sie den mohren liebt, sich ihm anvertraut, auf ihre unschuld gewisz und eben damit ihre ende beschleunigt. Herder 5, 241; auffallend ist der dativ im folgenden: der page hatte sich im letzten augenblick, als schon der graf ohnmächtig von seinem grossen ditmarschen hengste gleiten wollte, den tödlichen hieben des herzogs gewiss, für ihn geopfert. Detl. v. Liliencron die schlacht bei Stellau (september 1201). sonst sind einzelne feste verbindungen bevorzugt, wie siegesgewiss, der liebe, der macht gewiss; in ihnen erwirbt das adjectiv die fähigkeit, nicht blosz als apposition das satzgefüge zu durchbrechen, sondern auch als attribut an neue substantiva sich anzuschlieszen.
α)

bald scharret er (der hengst) den grund, bald darf er ausz der nasen,
mit wintzlen überlaut, ein dicken dampf ausz blasen,
zugleich des kampfs und sigs begihrig und gewisz.
Weckherlin (klag-, trauer- u. grabschriften 78) 2, 289 Fischer;

ihres sieges gewisz unternahm sie es, Leda zu sein. Wieland (Agathon 14, 5) 3, 291; ebenso Herder 10, 88; Alxinger Doolin2 159; dort waren viele, könige über könige, mächtig, schon siegs- und raubes gewisz. Herder (theologiebriefe 7) 10, 85; ihrer überlegenheit versichert, und dieses mächtigen beistands gewisz, wagt sie es nun. Schiller (abfall der Niederlande 3) 7, 258; ihrer liebe wieder ganz gewiss, ist mirs ganz anders. Göthe (an frau v. Stein 7. 11. 1780) briefe 5, 1; ebenso Herder 8, 491; (gewisz ihrer freundlichen theilnahme) Göthe briefe 19, 91; W. v. Kügelgen jugenderinn. 61 Nathusius; ihres gänzlichen untergangs gewisz, übergeben sie mit tagesanbruch die stadt. Schiller (abfall der Niederlande 3) 7, 277; das lebt und wandelt so munter, so daseins-gewisz an uns vorüber. nat.-ztg. 15, 402, s. Sanders 3, 1636b;

da durchstrich mein vater die länder und zeigte die briefe,
seines schatzes gewisz, der, glaubt' er läge verborgen.
Göthe (Reineke fuchs 5) 40, 79 (anders
Gottsched und Reinke de vos);

deines bescheidenen brotes jeden tag gewisz. Keller (grüner Heinr. 4, 5) 3, 93.
β) attributive verbindungen erwachsen hier erst dem neueren stil: welche fallstricke bereitet die arglist des bösen auch ihnen noch, dem sonst so frommen gottgewissen manne. R. Prutz Oberndorf 2, 19; die sorglose keckheit, mit der die schwarzen augen umherblickten, und den siegesgewissen hohn, der den lachenden mund umspielte. P. Heyse (gesch. aus Italien: Donna Lionarda) 2, 11 s. 184; und selbst ganz beherzte und stolze (männer) mich für eine erschrecklich selbstgewisse person halten. (das ding an sich) 2, 9 s. 122; vgl. (eine ihrer macht gewissere braut) 2, 7, 39.
2) für die passive bedeutung des adjectivs (zum adverbium s. unter 3) ist als bemerkenswerteste erscheinung des neueren stils schon die abschwächung und ablenkung hervorgehoben worden, die in einzelnen attributiven verbindungen zu pronominalen functionen überführt, vgl.: wer nur einigermaszen consequent aufmerksam auf die erscheinungen war, der hatte schon ein gewisses recht zu jenem ehrennamen. Göthe (gesch. d. farbenlehre 5. abth.) 54, 77; jemehr so die bedeutungsenergie von gewiss aus dem attributiven gebrauche zurückgedrängt wird, um so

[Bd. 6, Sp. 6181]


wichtiger werden einzelne ausdrucksmittel, die die gesunkene bedeutungskraft wieder heben. darum spielen auch die steigerungsformen im attributiven gebrauch von gewiss eine so grosze rolle; aber diese und andere mittel greifen auch in den prädicativen gebrauch über, in dem das adjectiv sonst die meiste bedeutungskraft wahrt.
a) wendungen, die die bedeutungsenergie festhalten.
α) schon für die prädicative verwendung des adjectivs treten mehrfach ausdrucksmittel ein, um die bedeutungsenergie zu heben. neben den steigerungsformen (s. o., vgl. auch: ja es wird mir gewisz, lieber! gewisz und immer gewisser. Göthe 16, 127) sind hier vor allem umschreibungen zu beachten: mehr als gewisz ists und es wird auch nimmermehr kein verständiger verneinen, dasz ... Grimmelshausen Simpl. schr. 2, 1051 Keller; um mitternacht kam mehr als gewisz ein gerüchte. ungarischer Simpl. (1683) 133; vgl. DWB für ganz gewisz geben, versprechen, versichern s. 2)); für recht gewiss halten. ebenda; synonyme und contrastverbindungen sind hier reich belegt, aber weniger gegliedert, als beim attributiven gebrauch: vorherrschend zielen sie auf die realität, für andere bedeutungsfärbungen zeugen nur fest und gewiss, beständig (bleibend) und gewiss, recht und gewiss. die verbindung sicher und gewiss ist fast ganz gemieden: so sprechen wir frölich 'amen, das ist war und gewisz'. Luther (kurze form, das paternoster ...) 6, 19 Weimar; (so wahr und gewisz die rede ist) 8, 21a Jena; vgl. auch Teuerdank (10, 7) 21; Schade satir. u. pasqu. 2, 240; Frisius u. a. (s. sp. 6184); P. Gerhardt; P. Heyse (Judith Stern) 2, 9, 78; amen ... ist ein bestätwort, es werde war, sei gwisz. Simon Rot B 7a; es ist klar, offentlich, gewisz. Dasypodius u. a.; artzneien, so er von andern als erfarn, gewisz und bewert empfangen. Simon Rot F 5a; war auch schon zu rosz und fusz darzu geschickt und gefaszt, dasz es nit mehr dann ja und gewisz war, dasz ich es vollend wolt haben. Götz v. Berlichingen lebensbeschreib. (1, 10) 53 Bieling; das uns unser gnedigster herr ... vorgestern fur gewisz und glauplich ... zugeschriben. Thom. Zweifel Rotenburg im bauernkrieg 243 Baumann; und ein jeder diese predigt fur gewis und fest halte. Luther (pred. über Joh. 20, 1) 28, 437 Weimar; vgl. DWB fest, gewis, DWB sicher. weish. Salom. 7, 23; wo alles vest und gewisz ist. Herder 16, 151; vgl. Neumark lustwäldchen 122 (s. oben sp. 6156);

und in glaubens-sachen
das gewissen fein gewisz
und recht grund-fest machen?
P. Gerhardt schwing dich auf zu deinem gott s. Fischer u. Tümpel 3, 385b;

der zweck gottes bei der ganzen reise bleibt sicher und gewisz. Herder (briefe d. stud. d. theol. betr. 1, 4) 10, 45; doct. Mart. Luth. sagt für bestendig und gewis, das ... Luther (urteil über hertzog Georgen) 6, 5b; je feiner der sinn, desto bleibender und gewiszer sind seine objekte. Herder (vom erkennen u. empfinden) 8, 284; die tauffe ist recht und gewis. Luther (brieff ... v. d. widertaufe) 4, 329a Jena; vgl. (richtig und gewisz) J. B. Fickler übers. des Putherbey 107b; (gewisz und nothwändig) W. v. Burgsdorff briefe 98; das ist mir geboten, gewis, und feilet nicht, die winckelmesse aber ist mir nicht geboten, und ungewis. Luther (v. d. winckelmesse) 6, 87a; die verheissungen der warheit seind starck, gewisz und unfehlbar, aber der mensch nec certa res nec tuta est, ist ein ungewisses und unsicheres ding. Aeg. Albertinus landtstörtzer Gusman (32) 244; (unfehlbar gewis, das) Butschky 500 sinnen ... reiche reden 203; es musz gestorben sein, nicht villeicht, sonder gewisz ... wo sterben, ist nit gewisz; aber sterben ist gewisz. Abr. a S. Clara mercks Wienn 16; denn sie (die thaten) allein sind nicht problematisch, wie die gedanken, sondern im gegensatz hievon gewisz, stehen unveränderlich da, werden nicht blos gedacht, sondern gewuszt. Schopenhauer (grundlagen der moral) 3, 551 Grisebach; vgl. auch (wahrscheinlich aber nicht gewisz) W. v. Burgsdorff briefe 163.
1)) die verbindung mit dem verbum substantivum.
a)) reich belegt ist hier noch immer die unpersönliche construction, vgl. certum est illuc, ist das gewüsz. Cholinus-Frisius u. a.:
α)) erstlich ist das gewis, das Zwingel und Ecolampad im verstand eintrechtig sind, wie wol die wort anderlei

[Bd. 6, Sp. 6182]


sind. Luther (dasz diese wort Christi ...) 23, 97 Weimar; ebenso 6, 377; 10 II s. 148; Herder 16, 114; 15, 266; 15, 315; 16, 557; W. v. Humboldt Pindar (lit.-denkm. 58, 52); mein weib ist ein ehrlich weib das ist gewisz, es sage auch dawider der teuffel oder seine mutter. Heinr. Jul. v. Braunschweig (v. einem weibe 4, 7) 285 Holland; gewisz ist es, dasz die jägerei in sich selbsten eine ehrliche und zulässige sach seie. Abr. a S. Clara etwas f. alle (der jäger) 1, 158; (der pappierer) 1, 314; Herder 15, 284; vgl. auch (mit irrealem conjunctiv) 18, 360;

gewisz ists, dasz du sterben must:
wann, wie und wo, ist unbewust.
Johann Heermann o mensch bedenke stets dein end, bei Fischer u. Tümpel 1, 265a;

ganz ähnlich Herder 18, 308; es ist doch gewisz, dasz in der welt den menschen nichts nothwendig macht, als die liebe. Göthe (leiden d. j. Werther) 16, 72; briefe 7, 39 (dasz ich dich heute sehe ist gewisz); Grillparzer (Medea 4) 55, 205;

und schwöret mir zu, das böse leben zu lassen,
alles rauben und stehlen, verrath und böse verführung,
und so ist es gewisz, dasz ihr zu gnaden gelanget.
Göthe (Reineke fuchs 3) 40, 54

(kome ane twifel to gnaden. Reinke de vos 1, 17, ebenso Gottsched); den tyrannen wird Fiesko stürzen, das ist gewis!; Fiesko wird Genuas gefährlichster tyrann werden, das ist gewisser! Schiller (Fiesko 3, 1) 3, 83; vgl. sterven mod ik nu, dat is wis. Reinke de vos 1, 24 (ebenso Gottsched); es war gewisz, dasz ihn eltern und verwandte in der folge für diesen schritt preisen und segnen sollten. Göthe (lehrj. 1, 11) 18, 59; gewisz ist, dasz ich schon damahls einen ehrgeitz in mir fühlte. Wieland (Agathodämon 2) 32, 63; ebenso Herder 5, 259; Immermann (memorabilien 1) 5, 236 Maync;

doch ist's gewisz: ein fremder war am turm.
Grillparzer (des meeres u. der liebe wellen 4) 75, 68;

ganz ähnlich Herder 12, 127.
β))

ich her, du habst ain guete stimm,
und wo solhs gwisz an dier wer,
so solstu mir nit sein unmar.
ich wolt dir helffen, das du priester wurst. Sterzinger spiele (1535: Wiener neudrucke 11, 215);

was gewisz ist im rhat,
dz felet offt in der that.
Lehmann (1630) 598;

Bettine ist gestern fort. sie war wircklich hübscher und liebenswürdiger wie sonst. aber gegen andre menschen sehr unartig. mit Arnim ists wohl gewisz. Göthe (an Christiane) briefe 21, 371;

gott ist gerecht in seinem wort:
was er einmal zusaget,
das ist gewisz an allem ort,
ob schon die welt verzaget.
Peter Hagen frew dich, du werthe christenheit, bei Wackernagel kirchenlied 5, 331.


γ)) so viel aber ist gewisz, dasz er alle sorgen des vergossenen bluts ... mit reben-blut täglich abgewaschen. Er. Francisci höll. Proteus (41 der gerührte Epicurer) (1690) 404; ebenso Herder 13, 199; 13, 458; W. v. Burgsdorff briefe 109; ist aber solche kleidung wieder got und seine ordnung, so ist es auch gewis, das sie gott miszgefalle. Musculus hosenteufel 13 Osborn; ebenso Herder 18, 61; (ist ebenso gewisz) 15, 90; 15, 470; nichts ist gewisser als dieses. 18, 153; vgl. auch die urk. v. 1421, s. o. sp. 6172; wenn auch noch so vieles in unserem erkenntnisse nur mittelbar d. h. nur durch einen beweis gewisz ist. Kant (logik) 1, 400; denn das ist nicht völlig gewisz, dessen gegentheil eben so wol möglich ist. C. F. Bahrdt gesch. seines lebens 1 (1790), 268.
b)) substantiva an der stelle des subjects haben sich nicht in dem grade durchgesetzt, wie Luther sie in der bibelübersetzung (s. o.) und im eigenen freien gebrauch begünstigt. wie schon die oben für synonyme verbindungen beigebrachten zeugnisse zeigen, gehen diese wendungen vielfach älteren attributiven formeln (vgl. sp. 6147 f.) zur seite: gebruch ist gewesen an kuntschaft, die gewiesz wer, und an warhaftigen leuten. dtsch. städtechron. 2, 335; vgl. oben (rede) Luther 8, 21a; (verheissungen) Aeg. Albertinus 244; vgl. auch: aber, das geschrei des volcks ist leichtfertig, der obern urtheil sein wenig gewisz. Schupp (v. d. kunst reich zu werden) schriften 764; (der glaub ist gewisser) Matthesius 1, 100; ebenso Luther 4, 329a; (der sieg wird gewisser)

[Bd. 6, Sp. 6183]


Herder 16, 300; (träume sind die gewissesten) Ryff traumbuch Artemidori C 4b; unter allen wissenschaften sind keine so gewisz, als welche in dem masz, zahlen, und gewichten bestehen. Harsdörffer frauenzimmer gesprächspiele 7 (1647), 193;

auch greifen sie hastig
und ihr sprung ist gewisz.
Göthe (Reineke fuchs 7) 40, 123 (ohne vorlage);

vgl. (die stimme war das gewisseste) J. Röling sterblied;

durch eine spötterei hört eine wahre sache
drum doch nicht auf gewisz zu sein.
Gellert fabeln u. erz. (die wittwe);

certa res est, die sach ist gewüsz. Cholinus-Frisius u. a.; vgl. auch (objekte) Herder 8, 284; (zweck) 10, 45; (taufe) Luther 4, 329a; (thaten) Schopenhauer 3, 551; der zusammenhang dieser triebe in körper und seele ist uns ein räthsel, er ist aber gewisz. Herder (älteste urk. IV) 7, 92; ganz ähnlich 10, 95; dieselbigen künst seind gewisz. Paracelsus (astronomia magna 1, 7) 2, 396; der friede, die heirath ist gewisz. Adelung; gewisz ist der tod ... wer an der gewiszheit des todes zweiffelt, erkennt nicht, dasz er täglich sterbe. Heinr. Müller geistl. erquickstunden 293; vgl. auch Hebbel (der diamant 4, 2) 1, 365 Werner;

das vil gewisser ist min lon,
denn si vormals ie hat gethon.
Murner gäuchmatt (4) 31 Uhl.


c)) die übertragung auf körperliche bethätigung ermöglicht hier auch ein persönl. subject: und ob einer so gewisz wär (wenn einer sicher genug ist), dörft er nit gestrackt linien machen, sunder er setze punkten. Albr. Dürer (von menschl. proportion) nachlasz 219;

so fellet ers mit seiner hant.
wan er war mit dem armprüest gwies
und pirset fleissig on vertries.
H. Sachs (der karg wolff) fab. u. schw. 2, 155;

er ist gewiss, trifft gut. Martin u. Lienhart.
d)) von den zuerst belegten verbindungen zweigt eine entwicklung ab, die an einen persönlichen dativ geknüpft ist; auch sie führt über sächliche zu persönlichen subjecten über: und gottes wort ist jm gewis, wie eine klare rede. Syrach 33, 3 Luther (und das gesetz bewährt sich als zuverlässig. Kautzsch) gegen: dasz sie meinen aufsatz über Hackert erhalten haben, ist mir dadurch gewisz geworden, dasz er, wie ich höre, in das morgenblatt eingerückt ist. Göthe (an Cotta) briefe 19, 405.
α)) da zeucht er nun zum siege! der sieg ist ihm gewisz. Herder (Johannes offenbarung) 9, 83; (unsterblichkeit war ihm gewisz) 17, 311; dieser gewinn ist mir gewisz. Adelung; (der lohn, der jedem gewisz ist) Klinger 7, 110; vgl. auch Grillparzer (Libussa 2) 85, 143;

hier ist das fenster, hier die thüre,
ein rauchfang ist dir auch gewisz.
Göthe (Faust 1) 12, 72;

durchnetzte mich ein regenschauer, so war das fieber mir gewisz. (wahlverw. 1, 2) 17, 19; wenn er (der balken) bricht, so zerschmettert er mich, und der tod ist mir in diesem falle so gewisz, wie in dem andern, dasz er hält! Hebbel (der diamant 4, 2) 1, 365 Werner.
β)) wurden etlicher (gemsen) gewahr .., darauf sprach er, die sind uns gewisz. ungarischer Simplicissimus (1683) 86; ganz ähnlich Göthe (Faust 1) 12, 67; 'ja, drei soldaten, sagte sie, haben etwas an sich, die können dir noch entkommen.' sprach der teufel höhnisch: 'die sind mir gewisz, denen gebe ich ein räthsel auf, das sie nimmermehr rathen können.' Grimms märchen (d. teufel u. s. groszmutter) 2, 202;

und nun, da wir Antonio wieder haben,
ist dir ein kluger freund gewisz.
Göthe (Tasso 2, 1) 9, 140;

wann ich heute kommen kann weis ich nicht, doch bin ich dir gewisz (an frau v. Stein) briefe 6, 263.
2)) auszer dem verbum substantivum treten auch andere verba in die verbindung mit prädicativem nominativ ein. so ist gewiss bleiben hier etwas häufiger belegt, als bei der activen bedeutung; neu ist für die passive bedeutung die verbindung gewiss werden:

es bleibet nur gewisz; jhr wird nicht angesieget
der Teutschen nation, wann, dasz sie friedlich krieget,
und bei einander helt.
Opitz (trostged. in widerwertigk. d. kriegs 4) geistl. poem. 313;

[Bd. 6, Sp. 6184]


das bleibt einmal gewisz, nur das wissen wir recht und wahr und einzig, was wir selbst versucht und erfahren haben. Herder (über d. seelenwand.) 15, 266; da es doch einmal gewisz ist und bleibt. ebenda; (das bleibt gewisz) 16, 508; ebenso 10, 45; (die erzählung bleibt ihnen gewiss) W. v. Humboldt an Schiller, Leitzmann3 107; vielleicht ist es mir unbekannt längst schon da; gewisz aber kann es aus Tacitus beschreibung, den anschuldigungen Seneka's und Diderots buch werden. 18, 397; vgl. auch (gewisser werden) H. v. Kleist briefe 5, 73; Göthe briefe 5, 281.
3)) weiter entwickelt sind die verbindungen mit prädicativem accusativ. neben gewiss haben bürgert sich gewiss machen hier ein, das besonders in rechtswendungen für die passive bedeutung ausgenutzt wird, vgl. oben sp. 6156. von zwei seiten aus wird gewiss halten angezogen. einmal dient es der übertragung des begriffs von gewiss auf körperliche bethätigung. andererseits theilt es die schicksale der verba der wahrnehmung und mittheilung, die sich zunächst ja mit dem adverbium verbunden hatten, die aber in präpositionalen erweiterungen (mit für) das prädicative adjectiv begünstigen.
a)) und sagen dazu solchs aus keim andern grund, denn das sie den glauben wollen in der tauffe gewis haben, und können jn doch nicht gewis haben. Luther (brieff ... v. d. widertauffe) 4, 332a; aber der schwermer keiner kan seine deutunge gewis machen, denn Carlstad hat sein tuto bis auff diesen tag nicht gewis gemacht. Luther (vom abendmal Christi) 3, 440b; ebenso 3, 28a; Neumark lustwäldchen 122; (macht es ihr charakter gewisz, dasz ...) Schiller 9, 373; vgl. auch (gewisser machen) Luther 3, 440b; Weise erznarren 51; Herder 5, 90; 16, 302.
b))

herr, halte meinen gang gewisz,
treib ausz von mir die finsterniss'
und böszheit meines hertzen.
Rist himml. lieder (5, 6) (1652) 322;

für gewisz halten, credere. Dasypodius u. a.; und wil demnach für gwüsz halten das sin erfunden werck sie jm ein stür zu der säligkeit. Zwingli v. freiheit der speisen 16 Walther; ebenso J. Wetzel reise der söhne Giaffers 26; (fur gewis und fest halten) Luther 28, 437; (für richtig und gewisz halten) J. B. Fickler übers. des Putherbey 107b; (solches für gewis halten) N. Herman sontagsevangel. 4; ähnlich Herder 13, 40; W. v. Burgsdorff briefe 52; ratum habere, für gewüsz haben. Cholinus-Frisius u. a.;

dann er wist fürwar und gewis. Teuerdank (10, 7) 21 Goedeke;

vor gewisz glauben, s'assurer pour certain. Hulsius; ähnlich Duez, Rädlein, Aler; aber glaube es gewisz, pro certo habe. Stieler; dies testament endigte er mit dem bekenntnisz, dasz er für gewisz erfahren habe, wie er der sohn des Messalinus Cotta sei. Cl. Brentano (erster bärenhäuter) 5, 477 Chr. Brentano; gegen (etwas gewisseres erfahren) W. v. Burgsdorff briefe 96; vgl.(als gewisz empfangen) Simon Rot F 5a; audire certum, für gewüsz und war hören. Frisius, Maaler.
c)) affirmo, für gewüsz sagen. Cholinus-Frisius u. a.; pro certo dicere, für war und gewisz sagen. Frisius (s. o.); für gewisz sagen, dire pour tout certain. Hulsius; ähnlich Rädlein, Rondeau, Schwan; das mag wol von unsern zeitten für gewisz gesagt werden. J. B. Fickler übers. v. Putherbeys tract. v. verbot. büchern (2) 100a; ebenso (vor gewiss und glauplich zuschreiben) Th. Zweifel (s. o.); (für gewis sagen) Luther 6, 5b; Grimmelshausen Simpl. 413; 573; Wieland (Peregr. Proteus) 27, 173; etwas vor gewisz erzählen. Steinbach u. a.;

so könnt ihr mich für ganz gewisz versichern,
dasz in dem bund mein name nicht genannt ist?
Schiller (Maria Stuart 2, 8) 12, 477;

höret nur, was die minute mir
die Jüdin Salome, die eben
vom innern harem kam, für ganz gewisz gegeben.
Wieland (Oberon 10, 4) 23, 191;

er sage ihr in der mäusesprache die artigsten sachen und verspreche ihr seine hilfe für ganz gewisz. Cl. Brentano (Gockel, Hinkel u. Gackeleia) 5, 44.
β) beim attributiven gebrauch hatten sich comparativ und superlativ (s. sp. 6172) am gleichmäszigsten entwickelt gezeigt; vor allem für den letzteren gilt hier, dasz er nicht nur der verhältnisbestimmung, sondern auch der belebung der im

[Bd. 6, Sp. 6185]


attributiven gebrauch gesunkenen bedeutungsenergie dient, vgl.: ihr (der nation) neben dem stolz auf ihre ältesten zeiten freudigkeit an dem jetzigen augenblicke und den gewissesten muth auf die zukunft einzuflöszen. Gervinus gesch. d. d. dicht. 1, 8. den steigerungspartikeln beim prädicativen gebrauch stehen hier andere gegenüber: der menschlich geist der mit dem heiligen geist erfüllet ist, hat sein gar gewise zaichen, die da sind geistlich kraft und diemiettigkait. Gregors dialoge (Augsburg 1473) 1 cap. 3;

und wahres glücke scheuet ... sein zu gewisses grab,
das keinen raub zurück, gleich ihr, der hölle, gab.
Lessing (die religion 245) 13, 264;

ebenso (des sohnes nur zu gewisses geschick) Göthe (Achilleis) 40, 347; (wahrheit) Mozart an s. vater 105 Nohl2; am reichsten sind synonyme und contrastverbindungen entwickelt, die hier auch viel weiter in dem bedeutungsumfang ausgreifen, als beim prädicativen gebrauch.
1)) innerhalb dieser verbindungen treten:
a)) für die auf die realität zielenden neben die formen der beiordnung auch solche, in denen das adjectiv an ein synonymes substantiv (gewisse wahrheit, sicherheit) gebunden ist, ja in denen es neuerdings sogar die eigene substantivbildung begleitet: gewisse gewissheit.
α)) und gibt doch keine gewisse warheit dafür. Luther v. abendmal Christi 1528) 3, 440b; ebenso 6, 315b; 8, 24b; vgl. Herder 17, 234; seine mutter glaubte den bericht vor gewisse warheit. der Göttinger student auf der Plesse 1, 151; es ist eine gewisse wahrheit, 't is certain. teutsch-engl. lex.; ebenso Rondeau, Schwan, Adelung; für frau Margret hatte ohne unterschied alles, was gedruckt war, wie die mündlichen überlieferungen des volkes, eine gewisse warheit. Keller (grüner Heinrich 1, 6) 117, 62; sunder do wirt sein di hohst ewig und gewisze sicherheit. Joh. v. Neumarkt übers. der soliloquien (35) 92 (certa securitas); ebenso (certitudo rerum possessarum) Luther 12, 106 Weimar;

drum mein hertz ohn furchten lebet
in gewisser sicherheit.
S. Dach Österley (nr. 20);

ebenso Grimmelshausen Simpl. 339; nach und nach hatte das traumbild bestimmte züge angenommen, endlich wich jeder zweifel und machte der gewissesten gewiszheit raum. Immermann (Münchhausen 3, 2) 1, 281 Maync; ebenso Fontane I, 4 s. 350.
β)) also auch alle ander offentlich, helle gewisse stücke der schrifft, die mir nott und nütz sind zu glewben. Luther (an die herren deutschs ordens ... 1523) 12, 236; ebenso 6, 315b; ich halte mich an gewisse oder für gewisz geachtete facta. Herder (ideen 8) 13, 290; als eines gewissen selbsterlebten facti (br. d. stud. d. theol.) 10, 170; ich weisz, dasz du mich nicht allein als deinen vater, sondern als deinen gewissen und sichersten freund liebst. Leop. Mozart an s. sohn 1778 bei Storck, Mozart s. 188; vgl. (gewisse, sichere wahrheit) Herder 17, 234; ebenso 16, 427; (gewisse ... ungewisse sache) 425; des so ungewissen und dennoch gewissen todes vergessen. 16, 178; (gewisses, ungewisses gut) 426; die gewisze quaalen des lebens, und die ungewisze schrecken der ewigkeit. Schiller (verbr. aus verl. ehre) 4, 73; ebenso (30jähr. krieg) 8, 345; er stellt uns eine gewisse steuer und eine ungewisse entschädigung in aussicht. Bismarck (in der 2. kammer 1850) 1, 206 Kohl; die gewissen (träume, die eingetroffen sind) gemercket und fleissig auffgeschrieben, die ungewissen ('die zu fehlen pflegten') hingegen leichtlich vergessen würden. Weise (erznarren) 179; dazu vgl.: alle guter und gerechtigkeit ... so allenthalben an gewissen und zufelligen dingen unserem gots hausze zustendig. Luther (ordnung eines gemeinen Rasten) 12, 18 Weimar; der text mus ja einerlei und einfeltig sein, und einen einigen gewissen verstand haben. (v. abendmahl Christi) 3, 239a; wir kennen und venerieren alle den gewissen einzigen erben. Iffland (der spieler 2, 1) 3 (1798), 34; ein gewisser, ein groszer und hochästimirter herr. Schiller (30jähr. krieg) 8, 345; wer also freund der welt sein will, ist damit ein gewisser (var.: offenbarer) feind gottes. Herder (briefe zweener brüder Jesu) 7, 498 Suphan.
b)) für die übrigen bedeutungsfärbungen von gewiss beschränken sich die entsprechenden verbindungen auf den bereich des adjectivs: auf das und damit ein stathaffte, gewisse, ernstliche hulff widerstand und retung gegen des

[Bd. 6, Sp. 6186]


christenlichen glaubens ... feint vorgenommen werde. Weim. gem. arch. (Nürnberg) 1522 bei Diefenbach u. Wülcker 863a; ob ich wol nicht so ein glaubgesicherter, gewisser und standhaffter lugener bin, als er gewesen. Fischart Garg. (cap. 10) 160 Alsleben; ein gewisser unverwerflicher zeuge. Butschky Pathmos 243; gewisseste und zuverlässigste wissenschaft (s. o.). Lichtenberg; gewissester unfehlbarer grund (s. o.). Ryff; stabilis et certa sententia, ein steiffe und gewüsse meinung. Frisius; gewisse und bestendige wahrheit. Luther 3, 441a; das unbeständige leben in einem gewissen bilde kendlich machen. Weise (erznarren) s. 134; einen unwandelbaren, gewissen, festen zweck. Herder 10, 340; und nach dem rechten unnd gewissen grund unser seligkeit zu fragen. Matthesius Luther (1) 5b; die rechte, gewise, bestimpte abtheilung, der stunden, minuten. Ryff wag u. gewicht CC 2b; und leren hin und her, jrre faren, und fladdern, sondern auff der rechten, gewisse strassen bleiben. Luther (16. cap. Joh. gepr.) 7, 197a; vgl. gewissesten und ebnesten weg (s. o.). Aeg. Albertinus; kurtzen und gewissenn weg. Hartmuth v. Cronberg 41 Kück; gewisse (certa) und leichte (weg und mittel). Comenius orbis pictus 229 (vgl.: wenn sein weg rein und gewisz ist. Herder [br. d. stud. d. theol. betr.] 11, 53); ein vollkümmlicher, gründtlicher oder gewisser spruch. Er. Alberus nov. dict. genus; gründlichers, gewissers und herrlichers (s. o.). Gg. Frölich; dazu vgl. aus Herder: gewissesten, teuersten facta; gewisseste schönste art; gewisserer erfreulicherer bote; vgl. die besten und gewissesten documenta. Chr. Weise.
2)) auszerhalb solcher verbindungen wird der attributive gebrauch von gewiss durch das über seine grenzen vordringende sicher immer weiter zurückgedrängt. bis zum 18. jahrh. halten die alten formeln mit gewiss die bedeutungskraft des adjectivs noch fest; im 19. jahrh. aber übt das alleinstehende und ungesteigerte attribut nur noch pronominale functionen aus (s. b) und auszer der verbindung gewisser tod (sp. 6188) sind ausnahmen ganz selten:

rings gähnt, wie ein schlund, die gewisse zerstörung.
Platen (Amalfi) 1, 266 Redlich;

ebenso (die gewisse schande) (an d. deutsche volk) 1, 468; in der gewissen überzeugung, dasz die zeit kommen müsse, wo dein heiszestes gebet sein werde, mit diesem mädchen verbunden zu sein, ergriff ich ein gewagtes mittel. Mörike (maler Nolten 2) 5, 29 Krausz.
a)) gewiss neben substantiven der erkenntnisthätigkeit, vgl. sp. 6146 f.; vgl. sicherer beweis, merkmal, vermutung.
α)) dieweil du denn hierüber so lange hurest und bubest, ists ein gewis zeichen, das du on glauben bist. Luther (hochzeitspred. über Ebr. 13) 5, 343a; ebenso 3, 265a; 8, 97b; vgl. sp. 6160; J. Wetzel reise d. söhne Giaffers 23; Matthesius (leichenreden) 1, 119; Grimmelshausen wiedererst. Simpl. 3, 432; J. Chr. Günther nachlese (1742) 41; vgl. auch Stieler, Rondeau u. a.; (gewisses wahrzeichen) O. v. Demeringen übers. d. Mandeville 24; vgl. auch sp. 6158; (kennzeichen) Herder 15, 483; gewisse beweisung, demonstratio. Henisch; (anzeigung) Grimmelshausen Simplic. 502; (probe) 313; do ein mensch ausz gewisser offenbarung, ein sicherheit enpfangen hat, das im alle seine sünden von got vertzigen seien. Geiler v. Keisersberg seelenparadies (23. cap.) (1510) 121a; gerade also diese stelle führt uns auf die gewisze bedeutung deszen, was die alten mit dem skelet bei gastmählern, oder in der kunst wollten. Herder (wie d. alten d. tod gebildet) 15, 473; das er den kosten, den man z den künsten, und zum arbeiten gebraucht, möge zu gewüsser rechnung bringen. Georg Agricola v. bergkwerck deutsch v. Bechius (1) 2; vgl. DWB das gewisse für wahr halten. Kant (logik) 1, 394; vgl. DWB das gewisse andenken. Göthe briefe 5, 88; vgl.(s. o.) das gewisseste bewusztsein. Immermann; mit solcher gewissen wissenschaft, die mich des glaubens ohnbedürfftig machte. Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. (3, 3) 3, 191; gewisseste wissenschaft. Lichtenberg;

ich brenne vor begier, der weiszheit nachzugehn;
und suche durch verstand und mit gewissen gründen
die wahre seelen-ruh, das höchste gut zu finden.
Joh. Chr. Günther ged.2 744 u. a.; vgl. auch gewissen grund, indubitabile.
Hulsius;

denn es musz mit solchen gewissen glawben und vertrawen gehandelt werden, das wir ... die urteil der gantzen

[Bd. 6, Sp. 6187]


welt als strew und sprew achten. Luther (v. miszbrauch der messen 1521) 8, 483 Weimar; ebenso Geiler v. Keisersberg höllisch löw b 4a; (mit der gewissen überzeugung) Lessing (verm. schr. d. herrn Mylius) 63, 395; vgl. auch Mörike 5, 29 (s. o.); wann alle arbeit trostlichen leichtet und ringet gewisse hoffenunge des lones. Joh. v. Neumarkt leb. d. hl. Hieronymus (brief Augustins 13) 118 Benedikt (praemiorum spes); ebenso Andr. v. Regensburg 283 Leidinger; Luther 8, 372a; ebenso Frisius u. a.; Herder 15, 116; (gewisse zuversicht) Joh. Chr. Günther ged.2 858; (gewisse erwartung) Herder 16, 176; vgl. auch (s. o.) gewissere furcht; wenn man überführet ist, dasz eine handlung entweder gut oder böse; so hat man ein gewisses gewissen. Chr. Wolff gedanken v. d. menschen thun und lassen § 75 (1720) 45;

o du geist der kraft und stärcke,
du gewisser neuer geist,
fordre in uns deine wercke.
Joach. Neander 'komm, o komm, du geist des lebens';

vgl. Luther ps. 51, 12; Schubart (am hl. pfingstfest) 280 Hauff.
β)) die übertragung auf körperliche bethätigung ist in der älteren sprache an wenige, aber viel gebrauchte typen geknüpft, wird aber später wieder aufgefrischt und von Göthe frei weiter gebildet:

der pfeil zielt auf uns zu aus der gewissen hand,
die fehlen nicht gelernt.
Fleming 55 Lappenberg;

vgl. hiefür die zahlreichen buchungen; vgl. gewüsser streich. Frisius u. a.; vgl. ein gewüsser pfeil. Frisius; gewissen schusz. Schwan; item alle tage drei gewisse schüsse zu haben, sodann einem andern das rohr zu zubannen. Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. (3, 1 satyr. pilger 2, 2) 3, 67; (vgl. unten den weit häufigeren gebrauch der persönlichen formel gewisser schütz); vgl. DWB haben keinen gewissen trit. Luther (36. psalm) 8, 228; gwisen lauf. Simon Rot N 3b;

weis schon lallend das kind zu verständigen und mit gewissem
fusze zu gehn (pede certo).
Voss Horaz (ep. 2, 3 v. 158) 2, 362;

ich weis dasz bei uns viel, wie überhaupt, auch dir unangenehm ist, indessen hast du doch einen gewissen fus und standort den du kennst. Göthe (an Herder) br. 8, 20. dazu vgl. diese süsse festigkeit der nase, diese liebe lippe, dieses gewisse kinn. (an August zu Stolberg) briefe 2, 242. gewiss zeigt hier nicht wie in der mundartlichen buchung sein gewisses gesicht (s. oben sp. 6167) die bedeutung bekannt, sondern die von festbestimmt, vgl.: mit jenem weichen und doch sicheren gesichtsschnitt, wie wir ihn bei dem griechischen menschenschlage antreffen. deutsche zeitung 1909 nr. 102.
b)) gewiss bei mittheilungen (vgl. sp. 6148. 6158): wie das ain potte von Costentz herab z der pfaffhait ... gesant sie, der habe mit gewisse pottschaft gesaget ... brief des rats v. Augsb. (1418), s. dtsch. städtechron. 5, 354; ebenso Elis. v. Nassau-Saarbrücken Huge Scheppel 51ub Urtel; Joh. Knebel chron. v. Kaisheim 387; (gwisse mär) Frischlin Wendelg. prolog 10; (kundschaft) Teuerdank 222; dtsch. städtechron. 5, 262;

wie lange harren wir gewisser kunde!
wie ist das zweifeln bang, die hoffnung süsz!
Göthe ihro der kaiserin von Österreich majestät (jub.-ausg. 3, 123);

lögtten ettliche Ittaliener ... falsche brieff auff, sam hetten si zeittung aus Sicillia, wie solche die moerräuber daselbsten geblindertt ... hatten meine herrn gewisse zeittung, das es (das schiff) inn Alexandria in kurtzer zeitt glücklich und wol ankhomen. Hans Ulrich Krafft reisen s. 17; andere und zwar gewissere zeitung von Berlin ... zw. Hans Lucian u. Ben. Christan Pfirt 1614. (titel einer streitschrift über den Calvinismus); vgl.(s. o.) gewissere zeitung. H. v. d. Planitz;

von Strewsburg bring' ich gewisse zeitung (certain news).
Schlegel (Shakespeares Heinr. IV. 2, 1, 1);

diser kohlfärbige curir solle seinen flug beschleunigen, unnd nach eingenommen augenschein den gewissen bericht erstatten, ob der sündflusz noch die wassersucht habe. Abr. a S. Clara mercks Wienn (1680) 78; vgl.(s. o.) gewisseren bericht. Opitz; weil gewisse nachricht war, dasz über die 100 rauber beisammen. ungarischer Simplicissimus

[Bd. 6, Sp. 6188]


(11) (1683) 72; ebenso gefangennehmung graf Teckelys (1685) 57; Herder ideen (12) u. (1787) 109; Wieland (Lucian) 6. 385; der Göttinger student auf d. Plesse 2, 90; aber weil unser keiner dazu beruffen, oder gewissen befehl hatte. Luther (vorrede über d. unterricht d. visitatoren) 7, 2a; (gottes gewisses gebot) 4, 332a; (gewisse verheissung) Zinkgreff apophthegmata 1, 105; (gewisse behauptung) Göthe briefe 4, 35; so ist ouch on zwifel ein gwüsse leer, dero wir vertröst und on zwifel mögen und söllend anhangen, ist on allen argwon das heilig evangelium. Zwingli v. freiheit der speisen 10 Walther; ebenso Luther 6, 460 Weimar; (einen gewissen artikel) 3, 239a Jena; sofern wir nämlich einen empirisch gewissen satz aus principien a priori erkennen. Kant (logik) 1, 400;

schien er hülf' und rettung
im tempel seiner vielgeliebten schwester,
die über Tauris herrscht, mit hoffnungsreichen
gewissen götterworten zu versprechen.
Göthe (Iphigenie 2, 1) 9, 27;

vgl. die gewisse wort Christi. Luther 2, 716;

wie köstlich ist des gegenwärt'gen freundes
gewisse rede, deren himmelskraft
ein einsamer entbehrt und still versinkt.
Göthe (Iphigenie 4, 4) 9, 73.


c)) gewiss in bezug auf geschehnisse, die der zukunft angehören, vgl. sp. 6147.
α)) wo das geschehnis gefürchtet wird, macht sich die bedeutungsgemeinschaft mit certus insofern noch geltend, als das concurrenzwort sicher, wenn es auch eindringt (vgl. sicherer tod, untergang), doch am längsten gegen die formen mit gewiss zu kämpfen hat (s. sp. 6186): und setzt sich wieder spies und büchsen jen den gewissen tod hinein. Luther ein christl. schöner trost (1535) B 2b; ebenso (zum gewissen tod bereit) Abr. a S. Clara etwas f. alle 1, 679; vgl. auch Herder 18, 307 s. I, 4. b, γ; (den gewissen tod leiden) Teuerdank 219; (mit sich bringen) Würtz practica d. wundartzney 190; (bringen) Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3, 641; (vor sich sehen) Herder 16, 427; (nahen wir uns dem gewissen tod) Göthe (Iphigenie in prosa) 10, 395 Weimar; (gewissem tod entgegen) nat. tochter 4, 1) 9, 330; (dem gewissen tode entgehen) E. T. A. Hoffmann fantasiestücke: hund Berganza; und selbst der gewisse tod, der jeden traf, der auch nur wünsche für Mexiko laut werden liesz. Ch. Sealsfield (der virey. cap. 16) 4, 314; viel pulver, wenig schrot, ist der hasen gewisser tod. Grässe jägerbrevier 58; vgl. die buchungen der gewisse todt von Henisch ab; und gab ihm die brieff mit solichen freüden, als hette er gewisse sachen meines todes verkündt. Joh. Eberlin (histori bruder Jacobs) 2, 103 Enders; trag keinen abscheuen an der erd, als deinem gewissen ruhebette, dann am jüngsten tag wirst du wieder hervor gehen. Abr. a S. Clara etwas f. alle (der weingärtner) 1, 638; vgl. oben zu gewisses grab (Lessing), geschick (Göthe);

sollt' ich den thurm der hoffnung bauen?
auf fleisch, des wurms gewissen raub?
Schubart (vertrauen auf gottes schutz) 254 Hauff;

der weibe schone und ir angesichte ist ein gewisser val des leibes und der selen. Joh. v. Neumarkt leben d. hl. Hieronymus (brief des Cyrillus 85) 205 Benedikt (fallax certe); das dasselb (das leben) nit anders sei, dan ein ungehorszam gotlichs willens und also ein gewisser stand des ewigen vordamnis. Luther (ausleg. dtsch. des vaterunsers 15, 19) 2, 100 Weimar; dazu vgl.:

doch, wo von zwei gewissen übeln eins
ergriffen werden musz, wo sich das herz
nicht ganz zurückbringt aus dem streit der pflichten,
da ist es wohlthat keine wahl zu haben.
Schiller (Wallensteins tod 2, 2) 12, 238;

drum verwerfen sollt ihr jene,
und verachtung sei ihr preis! ...
... gebt sie der gewissen schande
und vor ihnen schlieszt das haus.
Platen (an das deutsche volk) 1, 468 Redlich;

ebenso (gewisse zerstörung) 1, 266 (Amalfi) s. o. sp. 6186.
β)) wo das geschehnis gewünscht wird, liegt ja der ausgangspunkt für die concurrenz von sicher (securus) mit gewiss; hier gehören die belege für gewiss zum gröszeren theile der ältesten schicht an: folget darausz, das niemandt weiszt, was got gefalt von uns, er zeige dann solichs,

[Bd. 6, Sp. 6189]


wann auch ein mensch dem andern kein gewisz gefallen thn mag, jhener zeige dann es mit worten oder geberden. Eberlin v. Günzburg (spiegel christl. lebens) 3, 99;

ein starcker der an kranckheit leit,
hat mit dem todt gewissen streit.
Henisch 1604;

gefallen solt du gar nicht allen,
vihlen gefallen ist zuvihl:
hast also dein gewisses spihl,
das du wenigen wirst gefallen.
Weckherlin (oden 1: an mein buch) 1, 88 Fischer;

derohalben erbate könig Dieterich seinen bruder Lotharium in seine hülff, als zu einem gewissen sieg. Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3 (1713), 331; euch ist gewisser sieg verheiszen. E. A. T. Hoffmann (Kreisleriana) mus. schriften 99 Igel;

da andre schertz und lust umfassen,
giebt mir die jugend wenig licht;
so freu dich auf gewisse ruh,
sie sagt dem alter besser zu.
Joh. Chr. Günther (der sich selbst tröstende) ged.2 94;

vgl. sichere rw (requies certa laborum). Maaler 273;

süsser hort, gewisses heil
aller, die in grossem leiden
sehr geängstet sich befinden
wegen drangsals ihrer sünden!
S. Dach (Jesu, quell gew. freuden) 176 Oesterley;

deshalb ein andre weisz ist gwisz
z zämen die wasser und flüsz,
das sie geschlacht und folgig werden.
Fischart glückhafft schiff v. 21;

'es hatz ein nachtpawer thone.
ich hab ein gwisse zäuberei,
die dir den rechten dieb mües zaigen one.'
H. Sachs (der pachen dieb) fab. u. schw. 4, 175;

ditz ist auch ein gewisse ertznei wer die spülwúrm in dem leib hat ds sol gesoten wasser mit hönig oder mit zucker trincken. Ortolff v. Beyrlandt arzneibuch 37b; vgl. auch (s. o.) gewissere arznei; vgl. ein gewisse salbe. Ryff thierbuch B 1b; vgl. eine gewisse, bewerde arstedie. Chyträus; gewisse artznei. Henisch u. a.; zu einem gewissen studio oder scientz. Aeg. Albertinus landstörtzer Gusman (28) 213; ein gar gewisser schlüssel die gemühter der menschen zu eröffnen. Schupp (v. d. kunst reich zu werden) schr. 763; und da ich zwei meilen von hier freunde und gewisse hülfe finde, so wäre dies nur ein miszbrauch ihrer güte. Tieck (der geheimniszvolle) 14 (1829), 271; die zwar zum voraus gewisse, aber doch noch immer überraschend freundliche aufnahme meiner ... schwiegertochter werde ihnen ... durch mannigfaches gute ... vergolten. Göthe (an Reinhard) br. 38, 185;

sein blick sucht in der öden leere
der weiten zimmer schutz, den schon gewissen fang
verfolgt Neoptolem mit mordbegiergem speere.
Schiller (zerstörung Trojas 92) 6, 372;

dasz selbst der eigennutz auf seine gewisse beute verzicht thut. (abfall d. Niederl.) 7, 129.
d)) in der gleichen richtung (forderungen an die zukunft) bewegen sich auch die attributiven verbindungen, die oben aus der rechtssprache und übertragen auch aus der geistlichen dichtung belegt wurden: gewisses pfand, bund, beschlusz, bezahlung, lohn; vgl. auch: stati creditus, gwüsz einkummen. Cholinus - Frisius u. a.; quaestus stabilis, ein gwüsser stäter gwün. ebenda;

obs schon ein künstler kombt hart an,
als wöls mit jhm zu boden gahn,
und mit seinr kunst musz gehn nach brot
von hausz zu hausz, erbarms gott,
und hat auch gar kein gwisen sold. klage über das geld (flugblatt v. 1625), s. zeitschr. f. d, alt. 48, 47.

in dieser verbindung tritt die bedeutung sichergestellt wieder hinter der vorstellung des abgegrenzten, sich gleichbleibenden zurück: das holtz im waldt wechset auch nicht mehr, wie in vorzeiten, das mercken und erfahren teglich die bawersleut und diejennigen herren und junckern, die jhren gewissen jährlichen holtzhaw haben. Daniel Schaller herolt (1595) O 1b; vgl. ein gewisses sp. 6199. andere aus der rechtssprache stammende verbindungen wie gewisses gut, gewisse sache, erbtheil sind nur in verallgemeinerungen oder übertragungen zu belegen: denn ich kam, wie gesagt, in den fall, ein gewisses gut für ein ungewisses aufgeben zu wollen. Herder 16, 426; ebenso 427;

[Bd. 6, Sp. 6190]


ebenso (ungewisse sache) 16, 425 u. a.; wie ... ihr es mit der reise über Jena noch einrichten werdet, bin ich begierig zu erfahren. aber auf jeden fall ist es eine gewisse sache. Schiller briefe 2, 356; vgl. auch sp. 6177/8;

ich habe mein gewisses theil
und will in keinem andern heil
ein ewig leben haben.
Christian Weise (1682) 'ach seht, was ich für recht und licht';

ein ehrlicher name ist ein gewisz vatertheil. Bachmann 21 (certum patrimonium);

zwar die gewalt'ge brust und der titanen
kraftvolles mark war seiner söhn' und enkel
gewisses erbtheil.
Göthe (Iphigenie 1, 3) 9, 17.


e)) ungewöhnlich häufig ist die bedeutungsgemeinschaft mit securus an örtlichkeiten geknüpft, wobei wiederum die beziehung auf die zukunft sich geltend macht: vgl. gewüsse oder eigne herberg oder wonung, ein eigen haus. Frisius und ähnlich die späteren; vgl. welcher gestalt die menschliche seele nach jhrer unmusz, in den dreien fürnembsten übungen sich pflege zugebrauchen, unnd wie sie in den selben jhr gewisses ziel unnd nutzbarkeit erlange. Wolfh. Spangenberg ganskönig vorr. 7 Martin; (gewisz zil und anfang) P. Rebhun klag d. armen mannes A 3a; (gewisses ziel setzen) Stranitzky ollapatrida 46; rechten gewissen straszen. Luther 7, 197a; ebenso (s. o.) gewissester weg. Aeg. Albertinus; gewisser weg. Hartmut v. Cronberg 41; Herder 11, 53 (vgl. sichere und gte straasz oder wäg, iter in offensum, certior transitus. Maaler 273); das durch uch und alle hausfetter diss gedenkboich und alles ander geschriben wirk uff einem sonderlichen gewissen orde verwart und wol besclossen worde. buch Weinsberg 1, 13; der bapst wolte einen gewissen ort bestimmen. Luther tischreden 303b; es were besser an einem gewissen ort zu bleiben, als auff den ungestün men meer herumb zu wallen. Peter Lauremberg acerra philologica (3, 62) (1645) 467 (vgl. sichere ort, da kein gefaar nit ist, loca casuum secura. Maaler 273; vgl. dagegen [s. sp. 6193]: catollisch, allgemain, als die catollisch kirchen, die allgemain versamlung der christglaubigen im geist, an kein gwisses ort oder end gebunden, die vil mehr glaubt dann gesehen mag werden. Simon Rot C 6b); kunst, die doch kein gewissen grund und boden habe. Paracelsus (astronomia magna oder die gantze philosophia sagae 1, 7) 2, 395; was denn hinter und unter diesem meer von fluthen und meinungen endlich und jetzt gewisser grund, gold- und felsengrund sei? Herder (theologiebriefe 25) 10, 281.
f)) persönliche träger des attributs sind nur bei einzelnen der eben belegten bedeutungsfärbungen von gewiss zu beobachten.
α)) die meisten belege entfallen auf verbindungen der rechtssprache, die übertragen und verallgemeinert werden. dies gilt für den gewissen boten (sp. 6157 f., vgl. auch sicherer bot. Frisch 2, 271), der in übertragener bedeutung durch gewisser vorbote ersetzt wird: der gute und unsträffliche wandel der soldaten ist ein gewisser vorbott der gewissen victori. Abr. a S. Clara auff auff ihr christen (Wiener neudr. 1) 99; wahr ist es, dasz der gütigste gott gar offt durch gewisse vorbotten die grosse ubel pflegt anzukünden. mercks Wienn (1680) 26; gewisse vorboten der wassersucht. Immermann 1, 373 Maync. auch die verbindung gewisser zeuge (s. oben sp. 6157, vgl. auch sp. 6186) wird verallgemeinert: des gewisse gezeugen sint alle ander desselbes klosters frawen. Joh. v. Neumarkt leb. d. hl. Hieronymus (brief des Cyrillus 62) 184 Benedict; das auge sol der gewisse zeug sein, und sihet doch das entfernte kleiner, als es ist. Harsdörffer frauenzimmer gesprächspiele 7, 192;

jetzt können Pleisz und Saal gewisse zeugen sein,
dasz Schlesiens verstand in seinen kindern steige.
Joh. Chr. Günther ged.2 653.


β)) auszerhalb der rechtsformeln schrumpfen die verbindungen mit persönlichen trägern ein: hette ... keinen gewiszen herrn gehabt, sondern weil er gethan, was und wie viel er wolte, hette er auch desto geringern lohn darvon gebracht. Kirchhof wendunmuth (2, 144) 2, 194 Oesterley; gewisser freundt, amicus certus. Henisch u. a. (bei einigen: ein getrewer freund); certus inimicus, ein gewüsser feiend. Cholinus - Frisius u. a.; an keinem hastu so einen gewissen feind, als an dir selbst. Heinr.

[Bd. 6, Sp. 6191]


Müller geistl. erquickstunden (160) 285; vgl. auch gewisser und sicherer freund, gewisser erbe sp. 6185; der ekel ist der gewisse gefährte aller überladungen. Adelung 2, 667.
γ)) nur von einer seite dringen neue verbindungen vor, die aber auf die ältere sprache beschränkt bleiben. die beim adverbium so häufig und beim attributiven adjectiv neben einem sächlichen träger vereinzelt beobachtete übertragung des begriffes der sicherheit von der erkenntnisthätigkeit auf körperliche bethätigung heftet sich auch an entsprechende nomina agentis: auch ist der büchsen meister, ein gewisser schütz, der von S. Jacoffs thurme schos, auf dem thurme von einem steine geschlagen und davon gestorben. fortsetzung der hd. übers. d. Magdeb. schöffenchron., s. dtsch. städtechron. 27, 51; ich weisz wol dasz ir ein gewüsser schütz sein. J. Wetzel reise d. söhne Giaffers 37; ebenso Mart. Rinckhart Eisleb. christl. ritter (4, 3) 80 neudr.;

dan dis ain gwisser schüz wol haiszt
der das erraicht, nach dem er raiszt.
Fischart glückhafft schiff v. 965;

ein gewisser schütz, geübt im schiessen. Reyher 1, 1001; vgl. auch oben sp. 6165; ein sichrer schütze (ein gewisser schütze) Stieler 1772; dazu vgl. auch die übertragung auf die thierwelt: und da ich auff unterhandlung auf meinem gewissen pferd in jren ring kam. Matthesius (leichenrede auf Ferdinand I.) 4, 371 Loesche; aber mein gewisser wetterhahn ist der landvoigt Hans Metzsch. Luther (an d. kurfürsten Joh. Friedr. 1535) briefe 4, 611.
γ) die substantivierung ist hier wol entwickelt, aber an einzelne formen des gebrauches gebunden.
1)) am häufigsten belegt ist sie in verbindung mit pronominalformen, wo das syntaktische verhältnis nicht immer so durchsichtig ist wie bei Luther: ich wisse aber nichts grunds noch gewiszes davon antzutzeigen. (grund und ursach) 7, 454; nüt gwüsses und warhaffts wüssen. Frisius u. a.; der sich auf nichts gewisses begeben. Olearius pers. rosenthal (7, 2) 79b; ebenso Stumpf Schweiz. chron. (3, 7) 1 (1548), 103a; Grimmelshausen Simpl. 393; Harsdörffer schauplatz 1 (1651), 342; Herder 6, 88; 13, 414; 11, 16; Kant (krit. d. rein. vern.) 3, 333 akademie; Tieck (die verlobung) 17, 164; W. v. Burgsdorff br. 161; P. Heyse (Kleopatra) 2, 10, 56; er will sich sich zu nichts gewissen verstehen. Adelung;

wann wir uns offtermals auff wasz gewisz bedencken.
Opitz teutsche poemata 141 neudr.;

etwas gewisses wird in dingen so hohen alterthums nie herausgebracht werden. Herder (v. geist d. ebr. poesie 1) 11, 312; ebenso 8, 374; sich zu etwas gewissen entschliessen, se fixer. Schwan; in den wissenschaften ist viel gewisses, sobald man sich von den ausnahmen nicht irre machen läszt und die probleme zu ehren weisz. Göthe maximen u. reflexionen no. 576 Hecker.
2)) viel beobachtet ist die formel das gewisse, des gewissen spielen, die selbst Göthe wieder aufnimmt, vgl. auch DWB das sichere spielen theil 10, 1, 723;

des gwiszen send ir spilen, ir edlen bilgerin,
auf niemant von den wisen, euch selbs nit werfend hin,
dasz man nit sprech in bschicht gar recht.
Felix Faber pilgerbüchlein 233 Birlinger;

wer aber wil des gewissen spielen, der volg der hailigen geschrifft. (E. Grosse) doctrinale der gemainen laien (1493) H 2; sol man das ungewisse faren lassen, und des gewissen spielen. Luther (v. krieg wider den Türcken) 4, 440a Jena; ebenso 4, 326a; 6, 87a; 7, 2b; 6, 372 Weimar; 16, 248 u. a.;

das frewlein wolt des gwissen spiln,
si sprach: 'langt mir das gelt vor her!
ir möcht mich sunst betriegen.' fuchsfang bei
Uhland volksl. 741;

ebenso (des gewissern und sichern) Schwendi bestellung d. ganz. kriegswesens (1605) 22; vgl.(aufs gewisse spielen) Fleming s. 410; dasz sie in solchen sachen lerne das gewisse spielen und aufsehen, wem sie ihre kinder und schwestern geben. Luther (an Gabriel Zwilling 1534) briefe 4, 533; (des gewissen spielen) B. Waldis Esopus 4, 2, 184; (das gewisser spilen) Aventin (rud. gramm.) 1, 475; (das gewisseste spielen) Grimmelshausen (vogelnest 20) 3, 493 Keller; (Carlos:) wenn wir nun aber unterdessen, bis der prozesz eingeleitet ist, bis dahin uns der herr noch allerlei streiche machen könnte, das gewisse spielten, und ihn kurz und gut bei'm kopfe nähmen? Göthe (Clavigo 4) 10, 107.

[Bd. 6, Sp. 6192]



3)) andere formen der substantivierung sind hier seltener: zum dritten lere ich dz man in sicherheit die gröszt sorg haben sol, dann das gewizz findt man nirgent dann im ungewissen, das ist gwisse r, findstu in der forcht sorg, zweiffel und ungewissem. S. Franck sprichw. (1541) 1, 102b; (gott) der uns ... in seine bibel weisen lassen, darausz wir können eitel gewisses sagen, was von gott und unser seel seligkeit uns von nöten zu wissen ist. Matthesius Sarepta (14) 233a; dasz sie nur das gewisse glaubt, nur das gute ausübt. Herder (zerstreute blätter) 16, 150; das gewisse vor das ungewisse erwehlen. Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. (3, 6) 3, 494; unser fehler besteht darin, dasz wir am gewissen zweifeln und das ungewisse fixiren möchten. meine maxime bei der naturforschung ist, das gewisse festzuhalten und dem ungewissen aufzupassen. Göthe maximen u. reflexionen no. 580; das gewisse zu wagen für das ungewisse. Schiller (30jähr. krieg 4) 8, 345; das gewisse zu lassen. Göthe (Reineke fuchs 6) 40, 102; zur untersuchung dieses wahren und falschen, oder des gewissen und ungewissen anlasz zu geben. Herder (zerstreute blätter 6) 16, 342; ebenso (erkenntnisz des gewissen) Kant (logik) 1, 415; (wissenschaft des gewissen) Immermann (memorabilien 1) 5, 380 Maync; zu allem gewissen der wissenschaft, wie zu allem schönen der form ist in Griechenland der grund gelegt worden. Herder ideen (13) 14, 129; (zum ganzen und gewissen zu steigern) Göthe (Winckelmann) 37, 18; (schlusz aufs historisch gewisse und sichre) Herder (br. d. stud. d. theol. betr. 1, 4) 10, 44; ihre maurische bauart, die ausländischen bäume des burggartens, ... hatten mich längst über den erbauer ins gewisse gebracht. C. F. Meyer der heilige (5) 70.
auch der form der substantivierung erwachsen einzelne feste wendungen, in denen sich die bedeutungsenergie von gewiss abschwächt. meist sind es präpositionalverbindungen, die von dem begriffe festbestimmt ausgehen: wann du dich mit gantzem fleisz auff ein gewisses befleissigen, und deme dich gantz ergeben wirst, es ist nicht zu sagen, was ohnunterbrochener fleisz auszrichten kan. Schupp (von der einbildung) schriften 553; erbt einen verwandten in Paris, der ihm im gewissen dreimalhunderttausend thaler hinterläszt. Göthe (an frau v. Stein) briefe 6, 297; ebenso 19, 141.
b) die abschwächung der bedeutungsenergie: gewisz übt nur pronominale functionen aus. in der vollen bedeutung hatte das adjectiv den gegensatz zu ungewiss gebildet: lern in gewissen dingen zweifeln, so bistu sicher und gewisz in ungewissen zweifeligen dingen. der weisz förcht sich und zweifelt, und also entrint er gewisser gefar. der thor aber sorgt sich sicher nicht, darumb fellt er in gewisse jrrthumb. Seb. Franck sprichw. (1541) 1, 102b. mit der pronominalen entwicklung schwindet dieser gegensatz; als contrastbegriffe kommen jetzt viel eher positive formen in betracht (gekennzeichnet, genannt), da gewiss jetzt einem negativen begriffe zustrebt: nichts mehr und minder, als eine gewisse erschütterung des herzens, die erregung der seele in gewissem maasz und von gewissen seiten, kurz! eine gattung illusion, die wahrhaftig! noch kein französisches stück zuwege gebracht hat, oder zuwege bringen wird. Herder (Shakespear) 5, 215; und die einmischung des landschaftischen in die sprache, z. e. ... für ein gewisser mann, ein sicherer. Klopstock grammat. gespräche (3) 74. die parallele entwicklung, die von sicher ausgeht und die Klopstock als landschaftlichen eindringling zurückweist, wird theil 10 sp. 724 in niederdeutschem gebiet belegt. wo sie in hochdeutschen sprachgebrauch überdrang, scheint sie aber auf die verbindung mit personen eingeschränkt: von einem sichern biedermann ... den er zwar nicht mit namen nannte, aber handgreiflich genug zu bezeichnen wusste. Schiller 3, 561; ein sicherer Grillparzer s. Grillparzer 15, 105; 'Faust, ein fragment' ... es rühret von einem sichern Goethe her, welchen auch ich persönlich kenne. K. v. Holtei (d. letzte komödiant 1) 35, 45 (vgl.: da war ein gewisser Goethe, ein mann von einigem talente für poesie und nebenbei ... minister. 35, 77); und in Wien gab ein sicherer Gottfried Braun unter dem titel ... eine sammlung ... heraus. Minor Schiller 2, 214; dasz sich die concurrenz von sicher mit gewiss auf die verbindung mit personen einschränkt, ist nicht zufällig. gewiss hatte seine

[Bd. 6, Sp. 6193]


pronominalen functionen zunächst in der verbindung mit abstracten und sächlichen substantiven entwickelt und stand hier ganz unter dem einflusz des lat. certus in der bedeutung von abgegrenzt, geregelt. die beziehung auf personen war in der älteren sprache noch nicht vorbereitet, sie wird erst durch einzelne wendungen der rechtssprache nahegelegt, in denen gewiss in bedeutungsgemeinschaft mit securus steht: ein gewisser mann, ein mann, bei dem man sicher geht, der gerichtsbekannt ist. hier, in dieser engsten berührung von certus und securus war für das vordringende sicher der weg geebnet, und es ist charakteristisch, dasz unter den verbindungen mit unpersönlichem substantiv nur diejenige den zutritt von sicher, ebensogut wie von gewiss zuläszt, die gleichfalls den bedeutungsumfang von lat. securus schneidet: gewisser ort. vgl.: schickte er einen edel pagen ... mit einem schreiben fort, und befahl an gewisses ort ihme wieder schleunigst antwort zubringen. ungarischer Simplicissimus 220. gegen: dazu wollte er aber keinen gast zulassen, wenn er nicht vorher einen gewissen ort besucht hätte. Göthe (annalen 1805) 31, 238; vgl. schon S. Rot oben sp. 6190; vgl. ich musz an einen sichern ort (auf den abtritt) s. Sanders 3, 1090a.
α) attributive verbindungen mit unpersönlichen substantiven.
1)) dem ältesten gebrauche folgen die wendungen, in denen zahl- und theilbegriffe den träger des attributes bilden. ältere feste verbindungen ziehen in diesen kreis zahlreiche bedeutungsverwandte, und schon hier begegnen vielfach die formeln, die oben für das bedeutungskräftige adjectiv zu belegen waren, nunmehr mit pronominaler function.
a)) schon an zahl- und theilbestimmungen lassen die buchungen erkennen, wie der begriff des festbestimmten mehr und mehr die beziehung auf bekannte gröszen abstreift und zum deckmittel für die unterlassung näherer angaben wird: steter und gewisser lauf der gestirn. Faber; das man auch ein gewüsse maasz oder rächnung der zeit desz nachtmals habe. Frisius; etwas in gewisse theil zertheilen. Aler; welches er von seiner gewissen portion erspart hat. ebenda; es hat seinen gewissen, bestimmten oder gesetzten preis. teutsch-engl. lex.; dazu vgl. nunmehr: dann solches thut auch die zeit nach gewisser zal der stunden, dasz sie sich stäts verjüngert (iuxta certas anni horas). Ryff traumbuch Artemidori 92b; (numerus) Herder 18, 19; (anzahl) Ch. Sealsfield (cajütenbuch 1) 14, 33; (bei gewissen glücklichen vierteln [des mondes]) Herder 15, 251; umb einen sichern genis (var.: under einer gewissen saczung) oder umb ein genantes gelt, umb eine gewisse pension. Iglauer jus reg. mont. (1, 4 § 7) Zycha 55 (certis conditionibus); nichts destoweniger müssen sie zu dem jenigen, der sie also zu brügeln befohlen, hinkommen, ihme die hand küssen, darfür dancken, und noch darzue dem stecken-knecht für einen jeden straich gewisses gelt bezahlen. Abr. a S. Clara auf, auf ihr christen 110 Sauer; ebenso ungarischer Simpl. (1683) 154; (ein gewisz stück geld) Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3, 459; (für ein gewisses lösegeld) Th. Bahr laniena Pasewalcensis (1705) 37; (einen gewissen tribut geben) Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. 3, 335; luxusarbeiten werden vom accidenzdrucker im gewissen gelde gedruckt. C. A. Franke katech. d. buchdruckerkunst 154; soll symmetrie und proportion blos so viel sein, als die convenienz gewiszer theile zu einander: so ist sie freilich ein unterhaltendes spiel der augen. Herder (die plastik v. 1770) 8, 160; ebenso (gewisser theile der rede) 13, 186; (gewissen versicul) Kuhnau musikal. quack-salber 81 Benndorf; (in einem gewissen paragraphen) Göthe maximen und reflexionen no. 265.
b)) noch deutlicher hebt sich von der älteren auffassung die neue bedeutung beim zeitbegriffe ab. auf der einen seite vgl.:

fürwar, o mensch, wan dir wer kund,
gewisse zeit, und todes stund. loci communes proverb. (1572) 82;

rato tempore, z gewüsser und gebürlicher zeit. Cholinus-Frisius u. a.; gebede up gewisse stunde geordnet. Chytraeus; limitare, einer sach einen gewissen tag setzen. gemma gemmarum Diefenbach 330b; gesette und gewisse virdage. Chytraeus; ein gewisser ... ein ungewisser tag. Chomel 8, 1855; auf der anderen seite aber setzen buchungen

[Bd. 6, Sp. 6194]


ein wie zu einer gewissen zeit etwas thun, a un certain temps réglé. Rondeau u. a.; dazu vgl.: zu gewisser zeit musz ein vernünfftiger mensch einem wilden thiere weichen. Ch. Weise Masaniello (1, 10) 19 Petsch; genau so Herder 5, 646; (einer gewissen goldenen zeit) 12, 41; (eine gewisze jugendzeit) 18, 6;

so hat ein jeglichs ding gewisse zeit und sitten.
Rachel (die gewünschte hauszmutter) satir. ged. 37;

drei dinge werden nicht eher erkannt als zu gewisser zeit: ein held im kriege, ein weiser mann im zorn, ein freund in der noth. Göthe maximen u. reflexionen no. 1326; dasz sich deren mütter ferners nicht um sie bekümmern dorfften, als wan sie täglich zu dreien gewissen zeiten kamen, ihnen ihre milchreiche brüste zubieten. Grimmelshausen Simpl. 440; ebenso (zu gewissen zeiten) Herder 11, 313; 15, 256; 15, 292; Göthe (an Charl. v. Stein) jub.-ausg. 3, 93; Ch. Sealsfield 5, 244; (es giebt gewisse zeiten) Herder 12, 178; aber zu einer gewissen stunde in ein haus gehen müssen, oder zu haus auf einen warten müssen, das kann ich nicht. Mozart an s. vater 1778 bei Nohl s. 120; ebenso (zu gewisser stunde) Wesenigk böse spielsieben 147; ein schmertzlich leibwehe ... das täglich zwaimal zu gewissen stunden kam, und auch zu gewissen stunden wider auffhöret. Tabernaemontanus wasserschatz s. 46; ebenso Grimmelshausen Simpl. 420; gegen:

wenn daz geschehen sol zu freid
setzt gott kein gewissen tage:
er weisz woll, wenns am besten ist.
Paulus Speratus es ist das heil uns kommen her bei Wackernagel kirchenlied 3, 32b;

vgl.: mer ist czu wissn wenn mon lehnnschaft verleicht. auf einen gewissen tag, die mag mon nicht widernemen für demselbignn tag. Schemnitzer bergrecht § 12 Wenzel (Wiener jahrb. d. lit. 104 anzeigeblatt s. 18); genau so (instr. f. d. bürger zu Gmünd) österr. weisth. 6, 455. 454; und an gewisen tagen pracht er Benedicto brot. Gregors dialoge (Augsburg 1473) II cap. 1; ebenso cap. 26; (in gewiszen tagen) Herder 8, 253; ich musz morgen schon zum zweitenmal ausziehen, weil die zimmer auf gewisse tage bestellt sind. Göthe (an Christiane) 15, 64; berühmtes bergwerck ... so ... einem Italiäner auf gewisse jahre verliehen wurden. ungarischer Simpl. (27) (1683) 202; (nach gewissen jahren) Herder 2, 257; 15, 256; 17, 30; sie wiszen, m. fr., man bildet sich nur in gewiszen jahren. 11, 210; ebenso 13, 90; Göthe (dicht. u. wahrh. 4) 24, 190; (lehrj. 6) 19, 316; ein hof- und weltmann, schon in gewissen jahren, fühlt neigung zu einem wohlerzogenen einfachen mädchen. Göthe (in der Jen. lit.-zeit.) 33, 231; ebenso (wanderj. 2, 5) 22, 109; (2, 4) 22, 77; P. Heyse (d. tochter d. exzellenz) 2, 9, 217; Schnitzler d. einsame weg (2, 1)3 45; man wählte zuerst den Belisar nach van Dyk. ein groszer und wohlgebauter mann von gewissen jahren sollte den sitzenden blinden general ... nachbilden. Göthe (wahlverw. 2, 5) 17, 252; ebenso (campagne in Frankreich) 30, 314; (frau von gewissen jahren) 30, 3; (ital. reise 1) 27, 117.
c)) ich möchte ihnen manche sachen mittheilen und vertrauen, damit ein gewisse epoche meines denkens und dichtens schneller zur reife komme. Göthe (an Schiller) 13, 4; wobei die natur gesorgt hat, dasz er (der schenkelknochen) nicht über gewisse grenzen hinausschreite, in welchen sie ihn mit sennen und andern schönen einrichtungen zurückhält. (anh. zu Benvenuto Cellini XVI) 35, 378; ebenso Bismarck (im preusz. landtag 18. 2. 1863) 2, 114 Kohl; der nationalruhm ... hat er eine gewisse höhe erreicht ... Herder 18, 208; (zu einer gewissen höhe steigen) Lenzens pandämonium s. 17; wenn man älter wird, musz man mit bewusztsein auf einer gewissen stufe stehen bleiben. Göthe maximen u. reflexionen no. 987; (personen von einem gewissen range) Herder 17, 34; dann so wir im mertzen ein gewisz gewicht in gewisem grad finden. Ryff wag u. gewicht CC 2b; dasz jenes diese immer in einem gewiszen grad hindre. Herder 15, 226; ebenso (zu einem gewissen grad) 15, 285; 5, 149; 17, 102; (zu gewissen graden) 15, 110; (auf einen gewiszen grad) 15, 310; W. v. Burgsdorff br. 110; J. v. Sonnenfels br. über die wienerische schaubühne 7, 7; gleich wie gott ... himel unnd erden ... sinwell unnd rotund hat erschaffen, auch alles darauff unnd darinnen inn gewisse masz, gleiche ordnung unnd abwechslung

[Bd. 6, Sp. 6195]


gestellt. Simon Rot teutscher dict. A 2a (vorrede); eine gewisse ordnung und gleichheit der lere in allen kirchen. N. Herman sonntags-evangelia 9 Wolkan; (gewisse mas halten) Butschky Pathmos 626; (auf gewisze maasze) J. Chr. Edelmann selbstbiogr. 298 Klose; (mit gewisser masse) Butschky 604; (in gewisser mas) 441; ebenso Gervinus gesch. d. d. dichtung 54, 511; vgl. gewissermassen (s. d.); (in gewissem maasse) Herder 5, 185; (in gewisser maszen) Wieland 1, 37; (in gewissen maszen) Schelling (philos. d. mythol. 13) 22, 264.
d)) gegen: definire, ein zil setzen, einzilen, jnnerhalb eines gewisen kreisz begreiffen. Simon Rot; vgl.: einen gewissen kreis vollenden. W. v. Humboldt an Schiller Leitzmann3 170; in einer gewiszen reihe. Herder 17, 30; nach einer kunst zu streben, die wenigstens auf einem gewissen punkte der vollkommenheit sehr schwer zu erreichen. J. v. Sonnenfels briefe über die wienerische schaubühne 7, 24; andere (fragen bezogen sich) auf familienverhältnisse, in welchen der hohe mann bis zu einem gewissen punkte bewandert schien. Ch. Sealsfield (der virey. cap. 5) 4, 125; das gleiche sinnlich aufgefrischt und sexuell zugespitzt bei A. Lewald, s. R. M. Meyer neue jahrbücher f. d. klass. altertum 1900 s. 577; s. dagegen: über gewisse punkte der gesundheit. Herder 9, 400; der mensch ... aus gewissen gesichtspunkten betrachtet. W. v. Humboldt über d. stud. des altertums s. 26 Leitzmann; sein herr sei in voller arbeit an einer gewissen stelle ... zurückgeblieben. Tieck übers. des don Quixote (3, 12) 15, 210; wenn ich mich nach sonnenuntergang an einem gewissen platze einfinden wollte. Wieland (Peregrinus) 14, 278; seinen gewissen ort haben s. theil 3 sp. 1411; an einem gewissen ort in Deutschland. Herder 15, 111; anders: gewisser (sicherer) ort s. sp. 6193; in einer gewissen stadt hat es sich begeben, dasz ... Abr. a S. Clara gehab dich wohl! (7) 110; ebenso Abele künstl. unordn. 1, 39; (in gewissen gegenden) Herder 15, 59; (in gewisse einsiedeleien) Göthe (wanderj. 2, 1) 22, 8; (nach einem gewissen closter gehen) Happel academ. roman. 91; (über gewissen abgründen) Jean Paul (Levana 2, 91) 37, 75; (über eine gewisse brücke) Müllenhoff sagen ... v. Schleswig-Holstein 378.
e)) giebts nicht auch thiere, die sich nach gewiszen tönen oder gängen von tönen freuen oder betrüben? Herder 15, 231; ebenso 12, 249; (führst du einen gewissen altklugen ton) Tieck (William Lowell 8. buch) 7, 101; der erstere hat über seine stücke eine gewisse farbe des anstands gezogen. J. v. Sonnenfels br. über die wienerische schaubühne 7, 137; empfindungen, die zu einer gewissen helle steigen. Herder 8, 195.
2)) an allgemeinen und verblaszten begriffen, wie sie in obigen belegen vorherrschen, war der zahl- und theilbegriff schon ganz zum art- und verhältnisbegriff übergegangen; diesem letzteren dienen nun wieder eigene verbindungen mit abstracten:
a)) aber es giebt eine gewisse kalte, nachlässige art, von seiner tapferkeit ... zu sprechen. Lessing (Minna v. B. 2, 9) 23, 204; ebenso (in einer gewissen art) Herder 17, 387; ähnlich 8, 150; sprüche einer gewissen gattung nannte man priameln. 16, 228; ebenso 15, 556; (in eine gewisze gestalt organisirt) 18, 309; dasz wie die stirn gewölbt von gesinnung der seele, so auf gewisze weise die brust. Herder 8, 158; ebenso 5, 64; 5, 140; 6, 64; 15, 315; W. v. Humboldt Latium u. Hellas, stud. über d. klass. altertum. Leitzmann s. 114; im gewissen betrachte. Schiller briefe 2, 145; die geschichte eines menschen ist mir bekannt, die mich in gewiszem betrachte sehr rühret. Herder (an prediger) 7, 282; (in gewissem verstande) 9, 297; (in einem gewissen sinn) 16, 440;

so halt' ich's endlich denn in meinen händen,
und nenn' es in gewissem sinne mein!
Göthe (Torquato Tasso 1, 3) 9, 117;

ebenso (beitr. z. optik) 58, 263; ebenso E. T. A. Hoffmann (hund Berganza) 1, 131.
b)) bezaubert hat sie uns nicht: allein sie hat uns in gewisser absicht gefallen, in gewisser absicht auch nicht gefallen. Gerstenberg recens. 361 Fischer; zu gewissen bestimmten zwecken. Herder 18, 375; zwaimahl aber bin ich, ausz gewisen ursachen, nit gewehrt worden, dasz aine mahl, alsz ... Ph. Hainhofer reise-tagebuch (baltische

[Bd. 6, Sp. 6196]


stud. 2, 2 s. 66); dasz jedes wort, das wir allgemein auffassen und im besondern auf uns anwenden, nach gewissen umständen, nach zeit und ortsverhältnissen einen eigenen, besondern unmittelbar individuellen bezug gehabt hat. Göthe max. u. refl. no. 672; ebenso (lehrj. 6) 19, 317; (über gewisse gewöhnliche unglücksfälle) Herder 17, 33; (über einen gewissen fall) Göthe 53, 15.
3)) substantiva mit sachbedeutung werden von beiden seiten, dem theil- wie artbegriff, in diese verbindungen gezogen, in denen sie jedoch keine besondere rolle spielen. auch hier überwiegen allgemeine abstracte bezeichnungen (ding, gegenstand, sache), concreta sind selten und dann meist übertragen gebraucht.
a)) kann er (der satan) ratzen ... aus gewisser, dazu geschickter, materi, auf gewisse art, zuwege bringen. Er. Francisci höll. Proteus (1695) 511; ebenso (eine gewisse masse) Herder 16, 443; wer über gewisse dinge seinen verstand nicht verlieret, der hat keinen zu verlieren! Lessing (Emilia Galotti 5, 5) 23, 445; ebenso (gewisse dinge) (antiqu. briefe 2) 103, 236; Herder 15, 97; Schiller (Fiesko 3, 9) 3, 102; Hebbel briefe 2, 153 Werner; (gewisse gegenstände) Herder 18, 386; Kant (logik) 1, 409; Göthe br. 8. 100; (in einer gewissen sache) Tieck übers. des don Quixote (3, 12) 15, 210.
b)) mit keinem freiwilligen geschenk zufriden, sondern nach ihrem gefallen mit kostbahren und gewissen speisen von denen meistern versehen sein wollen. reichsschlusz v. 1731 bei Ortloff corpus juris opificiarii 16; ein gewisser fisch in Nordwegen, welcher ein äusserlichs gestalt hat eines mönchs. Abr. a S. Clara etwas f. alle 1, 5; ein gewisses kraut. Rondeau (s. o. sp. 6166);

dieser da ... wäre zwar der mann
den riemen uns zu liefern, mit dem man
auf ein gewisses brett unter'm schaffot geschnallt wird.
Hofmannsthal gerettetes Venedig (2) 117;

vgl. (gewisse hauptbücher [der bibel]) Herder 10, 133; (gewisse silben) 11, 7; (ein gewisses symbol) 16, 163; ein jeder staat musz gewisse triebfedern haben, welche die politische maschine im gang erhalten. Thomas Abbt (v. tode fürs vaterl. 7) 2, 76; wenn man einmal ein solches sujet, wie der Wilhelm Tell ist, gewählet hat, so musz man nothwendig gewisse saiten berühren, welche nicht jedem gut ins ohr klingen. Schiller (an Iffland) br. 7, 138; gewisse alte äste und zweige unserer verfassung. Herder 17, 107; gewisse stämpel, die jeder seele können aufgedrückt werden, wenn sie nur nicht ganz von koth ist. Thomas Abbt (v. tode fürs vaterl. 3, 1) 2, 40; 'die kunst ist diejenige mechanische handgeschicklichkeit, durch welche vermittelst gewisser werkzeuge ein natürlicher körper zur waare gemacht wird.' Schiller br. 4, 122 (als verspottung der landläufigen definition); bei dem menschen ist alles in dem grösten misverhältnisz ... es musz uns also ein gewiszes mittelglied fehlen, die so abstehende glieder der verhältnisz zu berechnen. Herder (urspr. der sprache) 5, 27.
4)) weit ergiebiger ist der art- und verhältnisbegriff bei der beziehung auf eigenschaften, zustände, handlungen und geschehnisse aller art.
a)) wenn sich der mensch zu einer handlung determinirt, so bestimmt (destinirt) er die anwendung gewisser seelenkräfte zu der handlung. Herder 15, 133; dasz auch ein gewiszes tiefe, bedeutungsvolle, naturweise, was charakter dieser nation war, damit über see verduftete. (auch eine phil.) 5, 497; (ein gewisses talent) Göthe (wanderj. 2, 5) 22, 94; (mit einer gewissen vorsicht) (wahlverw. 2, 1) 17, 207; (die gewisse schlauheit) Stifter (Prokopus 2) 1, 74 Aprent; (ein gewisses falsche) Herder 11, 126; (eine gew. universalität) 18, 423; (einer gew. conventionellen idealität) Göthe (annal. 1816) 32, 105; (eine gewisse redseligkeit) Herder 18, 365; (ein gew. komisches) 5, 195; (eine gew. verschrobenheit) Göthe (wahlverw. 2, 7) 17, 291; (gewisse flecken) Herder 15, 274; gewisse mängel sind nothwendig zum dasein des einzelnen. es würde uns unangenehm sein, wenn alte freunde gewisse eigenschaften ablegten. Göthe maximen u. reflexionen no. 18; (gew. mängel) 17, 241; (mit einer gew. rohheit) 20, 163; (eine gewisse frechheit) Gerstenberg recens. 45 Fischer; (eine gew. gutmüthigkeit) Moritz Ant. Reiser 173 Geiger; (eine

[Bd. 6, Sp. 6197]


gew. gelehrte grobheit) Mozart (über Wieland) br.2 110 Nohl; (gew. feierlichen sorgfalt) Storm (im nachbarhause links) 8, 7; (eine gew. innigkeit und schmucklose einfalt) Herder 16, 397; (mit einer gew. kälte) W. v. Burgsdorff br. 26; (eine gew. seelenlosigkeit) G. Keller (grün. Heinr. 3, 12) 2, 171; (eine gew. unbarmherzigkeit) (3, 5) 2, 54; (einen gewissen widerwillen) Göthe 16, 66; (eine gewisse ermüdung und blasirtheit) Immermann (memorabilien: Düsseld. anfänge) 20, 108 Hempel; (gewisse fieber und thorheiten) Herder 18, 289; (eine gew. furcht) Göthe (was w. bringen 10) 11, 295; (ein gew. seelenschlaf) Immermann (memorab.: Düsseld. anfänge) 20, 122; sie wurde aber nicht wenig dadurch begünstigt, dasz das herz in einen gewissen einfachen naturstand zurückzukehren und die einbildungskraft sich zu concentriren trachtete. Göthe max. u. refl. no. 668.
b)) gegen: inn erwöhlung eines gewissen thuns nicht fehlen, ist sehr schwerlich, non errare in deligendo vitae genere. Henisch; vgl.: dasz gewisse handlungen lasterhaft bleiben, sie mögen geschehen aus welchem beweggrunde sie wollen. Göthe (Werther) 16, 66; und ward also noch den abend zu der reise gewisse anstalt gemacht. Weise erznarren 11 neudr.; (gewisse lieblingsgänge der phantasie) Herder 18, 58; gleichwohl aber ist in beiden ein gewisser kunstgriff angebracht, an welchem man die hand ihres meisters erkennet. Lessing (theatr. bibl. 2) 63, 229; (unter gew. hauptzügen) Herder 13, 237; (mit gew. zügen) Göthe 4, 73; einen gewissen blick, den ihm der Druide zusandte, hatte er in seiner unbefangenheit gar nicht bemerkt. Fr. Th. Vischer auch einer (1904) 142; ob nicht ein jedes fremde, aus seiner umgebung gerissene geschöpf einen gewissen ängstlichen eindruck auf uns macht. Göthe (wahlverw. 2, 7, tagebuch) 17, 292; (einen gewissen, mercklich poetischen ausdruck) W. v. Burgsdorff br. 15; (mit einem gew. ausdruck von weichheit) E. M. Arndt wanderungen u. wandel.3 84; ein gew. politisches wort. Herder 13, 348; (gewisse worte) 18, 31; 12, 157; gegen: ain bischof sol ob dem gewiszen wort der ler haltten. Seb. Lotzer 58 Goetze (s. auch sp. 6142); er musz nicht thun, als ob der, welcher gewisse beweise einer sache bezweifelt, die sache selbst bezweifle. Lessing (axiomata) 133, 109; und derhalben keine gewisse vermuhtungen schöpfen kan, dasz man es gut mit ihm meine. Butschky rosenthal 797; (gewisse bequeme abstractionen) Herder 5, 29; (gew. primitive verheissungen) 10, 213; (gew. concessionen) Bismarck 1, 19 Kohl; (gew. vorwürfe) 6, 38; (eine gew. grosze regel des geschmacks) Herder 18, 486; (nach gew. naturgesetzen) 16, 429; (gew. richtungen) 11, 431; (gew. feine unterschiede, gestalten und abmessungen) 15, 239; (gew. costume) 15, 469; (gew. ideen) 16, 460; (gew. romanhafte ideen) Moritz Anton Reiser 71 neudr.; (gew. maximen) Herder 15, 423; (gewisse denkweisen) Göthe 15, 201; (gew. bekenntnisse) 19, 317; (gew. abmahnungen) Jean Paul (Levana 2, 91) 37, 75; (gew. conventionen) Göthe 47, 147; und das schöne verhältnisz, das unter uns ist, macht es mir zu einer gewissen religion, ihre sache hierin zu der meinigen zu machen. Schiller (an Göthe) br. 5, 2; (gew. plane) werke 14, 238; (gew. pakta) 2, 25; (gew. geheimnisse) E. T. A. Hoffmann (hund Berganza) 1, 159; einen feind habe er nicht gehabt, denn gewisse jugendsünden seien ihm längst verziehen worden. P. Heyse (gesch. aus Italien: donna Lionarda) 2, 11 s. 215; denn eine gewisse poesie ist todt ohne töne, und die natürlichste musik ist todt ohne dichtkunst. Herder 12, 177; (eine gew. philosophie) 16, 369.
c)) dan (lies das) andere (instrument ist) vermittelst einer gewissen pressung der lufft in einem geschirr, dasz man ... das härteste fleisch gantz mürbe und gar kochen kan. Joh. Joach. Becher närr. weiszh. (1682) 30; (gew. druckungen) Herder 15, 231; (gew. werthsverminderung) Bismarck 4, 6 Kohl; paus ... in der musica oder gsang, ist es ein künstlich unnd gewises auff hören, welches mit einem strichlein ... anzeigt wirt. Simon Rot M 3b; ich habe schon seit mehreren jahren ein gewisses kleben am wohnort. Göthe (an Zelter) 19, 407; (ein gewisses kannegieszern über den lieben gott) Keller (gr. Heinr. 4, 12) 3, 187; (ein gew., sonderbares bestreben) (2, 1) 1, 223; von denjenigen herren, welche es nicht über sich gewinnen können, eine regierungsvorlage ... ohne

[Bd. 6, Sp. 6198]


ein gewisses timeo Danaos anzunehmen. Bismarck (im nordd. reichst. 2. 4. 1868) 4, 6 Kohl; vielleicht ists also mit dem instinkt der thiere. sie sind wie saiten, die ein gewisser klang des weltalls regt, auf denen der weltgeist mit einem seiner finger spielet. Herder (vom erkennen u. empfinden) 8, 184; kommen nun solche geschöpfe in den fall gewissem krankhaften oder unregelmäszigen wachsthum der hörner nachzugeben. Göthe (nachtr. zur osteologie: fossiler stier) 55, 300; (gew. erscheinungen) Herder 7, 381; 16, 116; (gew. veränderungen) H. Burmeister geol. bilder 12, 223; dasz ihn entweder der geld-mangel, oder eine andere gewisse begebenheit, die ihn daselbst begegnet, und welche kurtz hernach erzehlet werden soll, ihn hierzu genöthiget habe. der Göttinger student auf der Plesse 2, 80.
β) personen als träger attributiver verbindungen (s. sp. 6193), vgl.: obschon auch das portrait ein ideal zuläszt, so musz doch die ähnlichkeit darüber herrschen; es ist das ideal eines gewissen menschen, nicht das ideal eines menschen überhaupt. Lessing (Laokoon 1, 2) 93, 13; vgl. gewisse leute sp. 6166; als sich sehr unerwartet, und zum schreck des jungen ehemann's, plötzlich ein gewisser Bäcker meldete, der uns für schweres geld bis Erfurt fahren wollte. ... und bei träufelndem thauwetter hielt der bewuszte Bäcker zur bestimmten morgenstunde vor der hausthür. W. v. Kügelgen jugenderinn. (3, 7) 203 Nathusius.
1)) es geschicht auch daz sie mich offt nennen: ein gewisz gut gesell: ein gut kerl: ein gut freund: biszweilen: einer, er will mir jetzt nicht einfallen: ich weis nicht wer etc. tauffen ... nennen mich certum aliquem authorem, ein gewissen mann. Moscherosch Phil. (1, 4) 199 (vgl. auch: ein gew. kerl, s. u.); bei einem gewissen herrn, welchen ich nicht im geringsten die ehre hatte zu kennen. Lessing (d. neueste a. d. reiche des witzes. mai 1751) 43, 403; ebenso (ein gew. herr) Schiller br. 1, 104 Jonas; Abr. a S. Clara etwas f. alle 1, 674; (gew. mann) R. Prutz der musikantenthurm (4, 3) 3, 29; als eine gewisse persohn auff den ast eines baums sasz, und dessen wurtzel abschnitte, sprach der garten-herr, als er disz sahe ... Olearius persian. baum-garten (1, 19) 14b; (gew. personen) Schiller br. 1, 134; Kotzebue menschenhasz und reue 2, 8; gewisse leute haben sich darüber geäussert, und zu meinem grossen vergnügen. Schiller br. 2, 356; (gewisse leute) Stranitzky ollapatrida ... Fuchsmundi 54; Ch. Sealsfield (d. virey 31) 5, 299; Paul Heyse der salamander 37; (gew. landsleute) Herder 17, 211; (gew. menschen) Göthe 26, 171; gewissen geistern musz man ihre idiotismen lassen. max. u. refl. no. 25; (gew. edlere seelen) Herder 16, 384; (gew. privilegirte seelen) 16, 40; weil sie sich nicht überwinden konnte, einen gewissen zwerg zu heirathen, der ein neffe dieser fee ist. Wieland (don Sylvio 1, 10) 11, 79.
2)) an einen gewissen gönner. ged. von J. Chr. Günther s. ged.2 150; (ein gew. liebhaber) Herder 15, 89; (gewisse kunstrichter) Gerstenberg recens. 95; an einen gewissen berühmten mahler. epigramm v. Wernike überschr. 28; (ein gew. dichter) Kant 7, 178 Hartenst.; E. T. A. Hoffmann (hund Berganza) 1, 175; ein gewisser geistlicher, welcher bei ihrer tafel etlichmahl gespeiset. Abr. a S. Clara hui u. pfui der welt (der schwan) 153; wie sich ein gewisser gatzettirer in den öffentlichen blättern, nach seiner gewohnten art, auch an den ersten theil meiner lebensgeschichte gemacht. der Göttinger student auf der Plesse 2, 6b (vorbericht); (gewisse gelehrte) Gerstenberg recens. 74; ein gewisser prediger Wette. Lichtenberg aphorismen 2, 21 Leitzmann; ebenso 98; 99; 127; 155; 190; 203; (ein gew. beambter) Abr. a S. Clara (d. beambte) etwas für alle 1, 53; (ein gew. kauffmann) der Göttinger student auf der Plesse 1, 150; (eines gew. raths-mannes tochter) 2, 5; (ein gew. burger) Fr. Caccia hl. Anton z. Pad. 328; ein gewisser könig hatte einen lustgarten, in dem garten stund ein baum und der baum trug goldne äpfel. Grimms märchen (v. goldenen vogel) 1, 260; (eine gew. sultanin) übers. v. Münchhausens reisen 73 Griseb.; (eine gew. prinzessin) Wieland 11, 79; (ein gew. marquis) Klinger (d. falschen spieler 4, 3) 1, 156; (ein gew. deutscher cavallier) d. im irrgarten d. l. herumtaumelnde caval. (1738) 1; ebenso in der anzeige des moralischen Robinson. Halberstadt 1724.
3)) vor eigennamen vgl.: ein gewisser kerl aber, mit nahmen Gualterus Budellus, heirath die hinderlassene

[Bd. 6, Sp. 6199]


wittib. Abr. a S. Clara Judas der ertz-schelm 2 (1689), 225; (prinz:) aber so nennen sie mir sie doch, der er dieses so grosze opfer bringt. (Marinelli:) es ist eine gewisse Emilia Galotti. (pr.:) wie, Marinelli? eine gewisse — (M.:) Emilia Galotti. ... (pr.:) so giebt es noch eine, die beide namen führt. — sie sagten ohnedem, eine gewisse Emilia Galotti — eine gewisse. von der rechten könnte nur ein narr so sprechen —. Lessing (Emilia Galotti 1, 6) 23, 388; ein gewisser Kirk, ein Schottländer, hat das perpetuum mobile erfunden, wenigstens meint er's. M. Claudius (von projecten) 1, 76 Redlich; alle traditionen der ältesten völker sind einig, dasz ein gewisser Seth, Theth, Thoit, Theut (alles nur ein name dem zischenden th nach) die buchstabenschrift erfunden. Herder (briefe d. stud. d. theol. betr. 1, 12) 10, 152; du hast in Deutschland jetzt ein geträtsch mit einem gewissen Wieland. Göthe (götter, helden u. Wieland) 33, 268; auch wurde Reisern erlaubt, die komödie unentgeldlich zu besuchen, wo das erstemal ein gewisser Bindrim mit dem vater in der Zaire debütirte. Moritz Ant. Reiser (4) 371; ganz ähnlich 173; ebenso Herder 12, 337; Lichtenberg aphor. 4, 49; Tieck übers. d. don Quixote 15, 180; Platen (gesch. d. königr. Neapel 3, 8) 3, 147; Holtei beitr. f. d. königstädt. theater 1832 s. 9; präsident dieses gerichtshofs war er selbst, und nach ihm ein gewisser licentiat Vargas, ein Spanier von geburt. Schiller (abfall der Niederlande 3. buch) 7, 321; ein gewisser Gabrecht, ein bursche von zwei und zwanzig jahren. Iffland (der spieler 4, 3) 3, 97; ein gewisser vor kurzem verschiedener Faust. J. F. Köhler dr. Joh. Faust (1791) 79; ein gewisser herr Cecil, eine nebenperson. Gerstenberg recens. 53; einem gewissen Porcello, der ihm den Cäsar und Sallust übersetzen muszte, schenkte er ein haus und einen garten. Platen (gesch. d. königr. Neapel 2, 7) 3, 88 Redlich; wie glücklich ein gewisser Vittorio sein müsse, dem dieser schatz von einem jungen weibe sich in die arme geflüchtet ... hatte. P. Heyse (ital. nov. 2: Romulusenkel) II, 2 s. 187; dennoch bin ich zufrieden, wenn ich in Rom so viel finde, als ich hier verlasse. hoffentlich finde ich dort unter anderem auch einen gewissen Moloch, den ich bis jetzt erst halb kenne. Hebbel (an Elise Lensing 1844) briefe 3, 163 Werner.
γ) die substantivierung geht hier von beiden richtungen aus, von sächlichen wie von persönlichen beziehungen.
1)) den sächlichen beziehungen erwächst in der verbindung mit pronominalformen eine engere und eine weitere bedeutung, vgl. ein gewisses haben, avoir une pension (rente) reglée. Rondeau u. a. (vgl. auch oben sp. 6166) gegen sie hat ein gewisses etwas in ihrem benehmen. Hilpert.
a)) die engere bedeutung hält die vorstellung des festbestimmten noch zäher fest; im engeren rahmen des geldverkehrs entwickelt sie an dem begriffe des fixums den weiteren des ungenannten als nebenvorstellung, insofern eben eine genauere zahlbestimmung unterbleibt: wann jemand in nammen der bürgerschaft abgeschickt wird, solle einen solchen etwas gewieses vor die zöhrung des tags ausgeworfen. Oberwelser vergleich v. 1715 s. österr. weisth. 6, 255; wer ein paar opern in Paris gemacht hat, bekommt etwas gewisses das jahr. Mozart (an s. vater) br. 100 Nohl2; die alle morgen die schuh aus dem hause abholet, und gereinigt wiederbringt, wofür sie wöchentlich ein gewisses erhält. Moritz reisen eines Deutschen in England 18 zur Linde; er hiesz Sguazzella, war auch ein Florentiner, und ich wohnte in seinem hause, mit drei pferden und dienern, für ein gewisses die woche. Göthe (Benvenuto Cellini 2, 9) 34, 295; ebenso briefe 7, 81; die ein gewisses an den unternehmer bezahlen. E. M. Arndt reisen 6, 46.
b)) die weitere bedeutung ist nur von diesem begriff des nicht gekennzeichneten, ungenannten getragen: alle abänderungen des körpers, von welchen man aus der erfahrung gelernet hat, dasz sie etwas gewisses ausdrücken. Lessing (theatr. bibl. 1) 63, 152; vielleicht könnten unsre betrachtungen bisher etwas gewisses in dem rang-streit ausmachen. Herder 9, 376;

es hat der autor, wenn er schreibt,
so etwas gewisses, das ihn treibt;
den trieb hatt' auch der Alexander
und all die helden mit einander.
Göthe in das stammbuch von Friedrich Maximilian Moors (jub.-ausg. 3, 41).

[Bd. 6, Sp. 6200]


mit der substantivischen verwendung des adjectivs tritt hier die adjectivische in wettbewerb, vgl.: ein gewisses unnennbares etwas, das sich vielleicht eben deswegen nicht nennen läszt, weil es ein bloszes nichts ist. Engel philos. f. d. w. 30; wenn wir gegenstände von einerlei gattung vergleichen, so bleiben wir endlich bei einem gewissen etwas stehen, worin sie nach unserm urtheil übereinstimmen. Herder (stud. u. entw. zur plastik) 8, 108; jener eigenthümlichen freundlichkeit, welche gleichsam die gegenfreundlichkeit erwartet, kurz welche ein gewisses etwas hatte, was man in weiblichen gesichtern buhlerische eitelkeit nennt. E. M. Arndt wanderungen u. wandelungen3 84; es umgiebt unser landleben ein gewisses etwas, das schwer zu definiren ist, und diesem einen eigenen reiz verleiht. Ch. Sealsfield (Morton 1, 3) 7, 98; ebenso (der virey 14) 4, 272. die verbindung ein gewisses ist in dieser bedeutung erst aus der neuesten sprache belegt: sie glaubte namentlich, dasz auch ihrer seele ein gewisses vorher bestimmt sei, das sie jetzt nur ahnte, das sie um keinen preis mit worten nennen dürfte. Georg Reicke das grüne huhn (3, 3)3 236.
2)) in der beziehung auf personen gehört — von formen wie gewisze seiner jünger (Herder 10, 229) abgesehen — die substantivierung heute mehr dem zwangslosen stile des mündlichen verkehrs als der schriftsprache an, in der älteren zeit war der gebrauch wol noch allgemeiner: Bromiardus erzehlt eine wunderliche geschicht; ein gewisser hat sich in frembde länder begeben. Abr. a S. Clara wohl angefüllter weinkeller (manches gut, thut kein gut) 57; das kleid hatte ein gewisser ganz gelassen als sein eigen schon untern mantel genommen, was man aber bemerkt, und ihm hervorriesz. der hausball (Wiener neudr. 3) 7;

gleich viel, sie hatte die grösste wunderkur
im nehmlichen falle vor so und so viel jahren
an einem gewissen verrichtet, bei welchem jedoch die natur
und milz und leber noch in gutem stande waren.
Wieland (neuer Amadis 17, 5) 5, 107;

ich denke nach, wie glücklich ein gewisser,
den ich nicht nennen darf, an meinem platze
sein müszte.
Schiller (don Karlos, dram. ged. 1, 4) 5, II, s. 172 (s. auch unten);

(Karlos:) vom könig briefe, und an sie? (prinzessin:) den brief!
im namen aller heiligen! (K.:) der einen
gewissen mir entlarven sollte — diesen?
(pr.:) ich bin des todes! — geben sie! (2, 8) s. 24;

als Kant regierte, trieben seine leute, sowohl Kantriche, als Kantlinge mit diesen feinen waffen ein gewaltiges wesen. man stellte die gegner mit: 'ein N. N., ein gewisser, neuerdings hat jemand gesagt, u. s. w.' zur schau. Jahn (bereicherung d. hd. sprachschatzes) 1, 42 Euler; (Michel:) i weisz nit, wie's kämma is, aber du bist mir's liebst' auf der welt! (Annerl:) geh, du thust grad, als ob ich die g'wisse wär'! Anzengruber (pfarrer v. Kirchfeld 3, 3) 63, 71; 'wenn eine gewisse wüszte', entfuhr es ihr, 'was ein gewisser doktor mir für augen gemacht hat.' Carl Spitteler Conrad der leutnant2 196.
auch hier kreuzt sich mit der substantivischen verwendung eine adjectivische: eben fiel mir ein ... wie viel ein gewisser jemand, den ich nicht nennen will, darum geben würde. Schiller (dom Karlos 1787) 5, II, s. 15.
3) für das adverbium waren schon in Luthers bibelin übereinstimmung und im gegensatz gegen die vorgängerabweichungen gegen den älteren gebrauch hervorgetreten, die die neuere sprache aufnimmt und weiterbildet. charakteristisch ist die ausgiebigere pflege der eigentlichen adverbialen verwendungen, bei der vorübergehend neben die verba der wahrnehmung und aussage auch solche der körperlichen bethätigung treten: gewiss gehen, laufen, werfen, schieszen neben gewiss wissen und gewiss sagen. wo das adverbium vom verbum gelöst auf den satz selbst zielt, sind die neuerungen, soweit unser material erkennen läszt, noch mannigfaltiger. schon Luther hatte hier meist sätze geboten, die auf die zukunft weisen und in denen gewiss nicht so sehr thatsachen als schluszfolgerungen begleitet. wenn der neuere gebrauch wieder mehr sätze mit dem praesens und dem praeteritum vordringen läszt, so handelt es sich doch auch hier weit mehr um schluszfolgerungen, als um die feststellung von thatsachen, gewiss nimmt immer mehr die bedeutung von sicherlich im gegensatz zu thatsächlich, wahrlich an

[Bd. 6, Sp. 6201]


und geht in mundartlichem gebrauch geradezu zu der bedeutung vielleicht über. neben dem bedeutungswandel ist hier der syntaktischen beweglichkeit zu gedenken: so ist einerseits aus elliptischen wendungen die fähigkeit erwachsen, satztheile zu verknüpfen, die anscheinend erst dem 18. jahrh. entstammt. älter ist andererseits die anlehnung an unterordnende partikeln, wie z. b. das schon bei Luther belegte so gewiss, vgl.: so gewisz sichtbare darstellung mächtiger wirkt als toder buchstabe ... so gewisz wirkt die schaubühne tiefer ... als moral. Schiller (schaubühne) 3, 515 u. a. s. sp. 6208.
dem neueren stil im besonderen gehört auch die entwicklung der satzbildenden fähigkeit der partikel an, die in der ältesten sprache nur aus einigen beispielen Otfrids, einer vom lat. beeinfluszten stelle des Tatian, sonst aber kaum bezeugt ist. dasz auch Luther und ältere denkmäler, die die natürlichen formen des dialogs pflegen, hier ausfallen, spricht wol für eine jüngere entwicklung. die ersten belege sind der dramatischen litteratur entnommen, der gebrauch nimmt zu, je mehr die gesprächsformen in der litteratur vordringen.
a) das adverbium im engeren zusammenhang mit dem verbum. die bedeutungskraft wird mehr und mehr auch hier durch synonyme (kaum durch contrast-)verbindungen gehoben:

unnd was der ewig gwaltig gott
in seinem geist versprochenn hat ...
das hellt und gibt er gwisz unnd war. (
G. Grünewald?) kombt her zu mir s.
Wackernagel 3, 129;

das bild' ich mir gewisz und ohne zweiffel ein:
die so wie Thais spricht, die wird auch Thais sein.
Rachel satir. ged. 112 Drescher;

am allersichersten und gewissesten zu stehen. Grimmelshausen Simpl. 453; sie schlug ganz sicher und gewisz, und fehlte nicht um ein haar. Gottsched Reineke fuchs (2, 6) 80 (unde sloch wisse. Reinke de vos; schlug gar richtig. Göthe); glauben sie nun sicher und gewisz. Herder (Glaukon) 15, 175; gewiszer und sichrer zu fühlen. (plastik) 8, 3; die evangelisch gnad also gwüsz und bereit wüssen und vertrüwen. Zwingli v. freiheit der speisen 10 Walther; meinen vatter glaubte ich ohnschwer so richtig und gewisz, als wann es eine von den Sybillen gesagt hätte. Grimmelshausen wiedererstand. Simpl. (3, 5) 3, 360;

si hingen an einander fein
und liesen sich in prünen nein.
der oberst sprach mit nom:
'halt fest und gwis!'
H. Sachs fab. u. schw. 4, 74;

die bawleutt legen den grundtstein dahin, das er gewisz und fest stehet, das er den gantzen baw tragen kan. Luther (ep. S. Petri gepredigt u. ausgelegt 1523) 12, 305 Weimar; vgl. gewiss und dauernd. Herder 9, 406; auffs aller eigentlichst wissen .., magstu es nimer gewiser noch eigentlicher abnemen. Ryff wag u. gewicht CC 2b; und sie ginge edel, simpel und gewisz: sie wiche nicht vom fusztritt der offenbahrung. Herder (w. d. alten d. tod gebildet) 5, 674; desto einfältiger und gewiszer. 7, 235; gewisz, süsz und übereinstimmend. 15, 314; leise, aber sehr gewisz und weitaussehend. 15, 409; dazu vgl.: heute stand es gewisz, furchtbar gewisz vor ihrer seele. O. Ludwig (Heiterethei) 2, 139 Stern. der kreis der verba, mit denen gewiss in engere verbindung tritt, wird nicht nur durch die gruppe von stehen, gehen u. a. erweitert, sondern auch in der älteren gruppe von wissen und sagen durch die zahlreichen neubildungen ausgedehnt. dem entgegen wirkt die concurrenz des vordringenden sicher, dem sich aber nicht alle verbindungen gleichmäszig öffnen.
α) bei der älteren gruppe sind die verba der wahrnehmung widerstandsfähiger als die der mittheilung:
1)) gegen sicher wissen, glauben u. a. vgl.: aliquid certum habere, etwas gwüsz wissen. Cholinus-Frisius u. a.; certum scio ... ich weis gewisz. Corvinus u. a.; gewisz wissen, probe tenere, optime scire. Calvisius u. a.; vgl. gewiss wissen bei Stieler, Rädlein, Steinbach, Frisch, Adelung; das er es vor waisz, das es kummen soll, und msz doch nit darumb kummen, das er es waisz, sondern gott waisz es gewisz. S. Franck paradoxa 14a; (aver men wuste it nicht gewisse) Matth. Reder Hamb. chronik bei Lappenberg s. 338; Herder (ideen 10, 3) 13, 406; so kunden wir nicht gewis wissen, wie es zugangen were. Luther (pred. 1531) 34, I, 402 Weimar; (weis gewis, das) 8, 313b Jena;

[Bd. 6, Sp. 6202]


Herder 17, 22; Tieck übers. des don Quixote (3, 1) 15, 97; ähnlich Weise erznarren 147 neudr.; da sprach das spieglein allzeit: 'ihr, frau königin, seid die schönste frau im land'. und da wuszte sie gewisz, dasz niemand schöner auf der welt war. Grimms märchen (Sneewittchen) 1, 239;

ich weisz es nun gewisz:
es schwebt ein selig leben
schon über dieser welt.
O. Ernst Semper der jüngling s. 247,

wêtst du dat gewis. ten Doornkaat Koolman; nä, herr generoal, ek weitet ganz wisse, et was en sösten januwahr. H. Leitzen zwei brüder in Frankreich 1870 2. cap.; darausz endlich folget, dasz derselbige gewisser sicht, so er ein aug zuhelt, dann so beide augen offen weren. übers. der problemata Aristotelis (1557) C 1b; was kan ein trunckener, zuvor wenns finster ist, also gewisz sehen, dasz er einen aid drüber schweren dürffte. Kirchhof wendunmuth (3, 60) 2, 327; ich mag ihnen jetzt nicht mehr gröszere hoffnungen machen, als ich gewisz voraussehe leisten zu können. Schiller briefe 1, 332; wegen des menschen verstands, der ... nichts so gewisz fassen kan, dasz man nicht ... solte strittig machen können. Harsdörffer frauenz. gesprächspiele 7, 191; ebenso 192; (habe gewisz vernommen) ungarischer Simpl. (17) 119; certum est mihi ... ich habs gewisz erfahren. Dasypodius, Faber u. a.; könte ich es morgen gewisz erfahren. W. v. Burgsdorff br. 140;

dasz man gwisz unterrichtet wirdt,
durch solch exempel und auch fabeln. vorw. zu
Erasm. Alberus fabeln (1579) Braune s. xvii;

vgl. gewisz erkundigen. Gerth-König; vgl. (hieraus ists gewis beweiset) Luther (v. Rhem Hamphores) 8, 123b;

und zwingt den faulen geist, den ruhm und ehre lencken,
der sachen möglichkeit gewisser auszudencken.
Joh. Chr. Günther ged.2 410;

ich habs gewisz dafür gehalten, pro certo semper existimavi. Calvisius; dasz das, wovon ich ganz gewisz vermuthet hatte, dasz es auch ohne mich geschehen würde, dennoch bisher unterblieben ist. Lessing (zur gesch. u. lit. 1) 113, 325; (gewisz vermeinte) Schnabel insel Felsenburg 1, 211 Ulrich gegen (da meinten sie gewisz) Grimms märchen 2, 33; (meretrix:) ihr sollet mich allezeit so finden, das solt jhr euch gewisse zu mir verlassen. Heinr. Jul. v. Braunschweig (v. einem weibe 5, 2) 277 Holland; ich glaube gewisz, dasz sie zur stuffe höherer wesen hinaufklimmen. Herder (über die seelenwanderung) 15, 282; ebenso 9, 165; 11, 208; Göthe (Werther) 16, 147; je länger er sie ansah, desto mehr glich sie ihr, dasz er es fast gewisz glaubte. Grimms märchen (Allerlei-Rauh) 1, 312.
2)) gegen sicher sagen u. a. vgl.: assevero, gwüsz zsagen und bestätigen, bevestigen. Cholinus-Frisius, (promettre) Rädlein; gewisz verheissen oder zusagen. Reyher; indem niemand gewisz sagen konte, welches denn ... die 3 grösten und vornehmsten narren sein müsten. Weise erznarren 7 neudr.;

wie bald sie einig worden sind,
das kann ich nicht gewisz erzählen.
Göthe (bänkelsängerlied) 3, 100;

Müller hat vor seiner abreise gewisz versprochen, wiederzukommen. J. G. Forster (an Jacobi 1783) briefw. 1, 339; vgl. schon (gewis verheist) Laz. Spengler bei Wackernagel kirchenlied 3, 49b; (gewisz verbürgen) Herder (kleine schriften) 18, 398; bin gewisz versichert. Lessing (Minna v. B. 1, 3) 23, 177; vgl. auch Frisius, Maaler, Rädlein;

ob dich zu wissen driebe
mein nam, sehin und lies:
da stet er geschrieben gewies
nach puchstablicher zier.
H. Sachs fab. u. schw. 4, 258;

vgl. DWB das von schriftstellern uns gewisz überlieferte. Göthe br. 20, 360.
β) die jüngere gruppe der verba, die auf körperliche bethätigung weisen, leistet dem vordringenden sicher keinen so kräftigen widerstand: die belege für gewiss, die hier erst mit dem 16. jahrh. einsetzen, reichen in der schriftsprache (zur niederdeutschen mundart vgl. sp. 1667) kaum bis zur mitte des 18., soweit sie nicht durch synonyma gestützt sind (s. o.):

noch mit ruh-verachtender hand
zu ieder zeit das stewr so gewisz halten.
Weckherlin (oden 2: an Georg-Friedr. v. Baden) 1, 198 Fischer;

[Bd. 6, Sp. 6203]


vgl. auch gewiss und fest halten (s. o.); etwas gewisz halten (im gemeinen leben) Adelung; gewiss darauff zu stehen, das gott das gebet erhöre. Luther (apologie d. Just. Jonas) 6, 387b; vgl. gewiss und fest stehen (s. o.);

doch was ich hie gegläubt,
das steht gewisz und bleibt
mein theil.
P. Gerhardt die zeit ist nunmehr nah, bei Fischer u. Tümpel 3, 404a;

ich stehe hier nicht gewisz, der tisch steht nicht gewisz, wackelt. Adelung; item, des gerechten tritt schlipffernn nit, szondern gehn gewisz frei einher, darumb, das er der sach im glawbenn gewisz ist und mag nit vorfuret werden durch menschen gesetz und beileren. Luther (36. psalm) 8, 228 Weimar; damit ... das obere theil der granate allewege perpendiculariter in der höhe bleibe und gewisser gehe. Greber mathem. friedens ... lust 470; vgl.(s. o.) edel, simpel und gewis gehen; das häszlein leufft gewisser den berg auf weder den berg ab. Geiler has im pfeffer A 4b;

magister lauffen viel gewisser,
als eines dichters bester reim.
Joh. Chr. Günther ged.2 523;

und ergrif den sebel gewisz,
wolt ihm den setzen in den nack.
Rollenhagen froschmeuseler (3, 3 cap. 9 v. 162) 2, 271;

der erst (schusz) gieng zu kurtz, der ander aber troff das flotz desto gewisser. Grimmelshausen (2. contin.) 2, 1021 Keller; vgl. (s. o.) sicher und gewiss schlagen; sie werffen aber so gwisz, daz in kaum iemant so si begeren entfleucht. S. Franck weltbuch (1534) 69a; ebenso noch Abele künstl. unordn. (1, 3) 1, 29;

gleich wie ain andrer schüz des gnieszt
wan er zu dem zweck gewisz schieszt.
Fischart glückhafft schiff 962 Baesecke s. 28;

wer ich sei, dasz ich di vögel so gewisz ab dem baum kind schüessen. Hans Ulrich Krafft reisen s. 132;

zwar der knabe (Amor) schosz gewisz,
gleichwol merckt er, wo er traffe, dasz kein (jungfern-)blut sich sehen liesz.
Logau sinnged. 2, 9, 88 (jungfrauen) Eitner s. 302;

gewisz schiessen heist es, wenn einer seiner kugel-büchsen und flinten mächtig, und nicht bald fehlet oder vorbei schiesset, sondern alles trift, wornach er zielet. Joh. Aug. Groszkopff forst-, jagd- u. weidewerckslexicon (1759) 140. vgl. gewisz im schiessen. Schönsleder, Aler; gewisz schiessen. Jacobsson.
b) die lockerung des zusammenhanges war schon in der älteren sprache gerade auch neben verbis der wahrnehmung und der aussage durchgeführt; ebenso zeigen hier auch neuere belege das adverbium als bestimmung des satzganzen. wenn beide auffassungen noch möglich sind in: so gewisz ich's weisz, dasz ich denke ... so gewisz empfinde und sehe ich's. Herder (ideen 7, 4) 13, 276; vgl. auch:

führ uns mit deiner krafft gewis
inn einem newen leben.
Barth. Ringwald s. Wackernagel, kirchenlied 4, 949b;

so ist die trennung vollzogen in: und man sollte den menschen nicht kennen lernen? ... ich glaube gewisz! nur musz man sich keines ihm ähnlichen geschöpfes schämen. Herder (ideen 2, 4) 13, 71; so sagte sie: wenn ichs keinem menschen sagen wollte, so wollte sie es mir wohl sagen; so sprach ich: ich wollte es gewisz keinem menschen sagen. Grimms märchen (Fundevogel) 1, 230. auch in sätzen, die neben dem adverbium nur verbalformen bieten, macht die abgrenzung keine schwierigkeit; es zeigt sich, dasz das adverbium nicht auf die verbalthätigkeit selbst, sondern auf die nach subject und zeitstufe festgelegte aussage sich bezieht in sätzen wie: kommt nur gewisz. Stranitzky (s. u.); vgl.(er komt gewisz) Herder 16, 375; Grillparzer (d. meeres u. d. liebe wellen 4) 64, 85; (darum kompt alles gewisz) S. Franck paradoxa 14a; (kommt man gewisz) Herder 18, 410; (die ernte kommt gewisz) 18, 216; vgl. auch der verfasser ... verzeihet gewisz. 18, 265; gewisz verzeihen sie mir. 17, 30 u. a.
die lockerung des zusammenhanges mit dem verbum zeigt sich auch darin, dasz das zur partikel gewordene adverbium nun mit anderen satztheilen feste verbindungen eingeht, so namentlich mit partikeln: gewisz nicht, haud

[Bd. 6, Sp. 6204]


sane, certe non. Aler 1, 938a; Kirsch 2, 151b; Matthiae 2, 181b; sonst würde man sich die süssen augenblicke ... gewisz nicht versagen. Herder 18, 474; ebenso 8, 33; 9, 32. 216; 10, 148; 11, 56. 188; 16, 101. 193. 613; 17, 12. 162. 212. 216. 258. 320; 18, 58. 287. 326. 343. 332; vgl. Wieland 11, 90; Gellert (s. Sanders); Grillparzer 55, 135; (vgl. der kern ist's sicher nicht. s. theil 10, sp. 724) gegen gewisz kann man ihm nicht den vorwurf machen. Herder 17, 336; ebenso 17, 141; (ist das ideal ... gewisz die kleinfügige idee nicht) 17, 271; dazu vgl. gewiss auch nicht. 17, 154; gewiss aber nicht. 18, 330; gewiss auch. 18, 76. 376; gewiss aber. 18, 59; ebenso 18, 52. 60; so gewiss. 18, 407; 13, 423; vgl. auch: so giebt es eine erziehung des menschengeschlechts so gewisz, so wahr es eine menschheit ... giebt. (ideen 9, 1) 13, 347; so wis as'k hir sit. ostfries. erzählung, s. deutsche mundarten 4, 123; so kewes as epes, auf jeden fall. Martin u. Lienhart 2, 870b.
die verbindungen, die die bedeutungsenergie oder die bedeutungsfärbung beleben, werden wenig mehr durch partikeln zusammengehalten: damit sie desto sicherer und gewisser ihr vorhaben ins werk stellen könnte. Grimmelshausen Simpl. 487; braun gesiegelter (madeira) löst ihm nicht die schuhriemen auf, sicher und gewisz nicht. Ch. Sealsfield (cajütenbuch 2) 15, 159; vgl. auch die variante sicher neben gewisz in Göthes fassung des Reineke fuchs (40, 195) gegen das original und in dem kirchenliede 'o Jesu süsz' bei Wackernagel 5, 450; dagegen mehren sich asyndetische formen in der zusammenstellung mit andern partikeln:

ja, ghewisse hadde he em dat lif ghenomen. Reinke de vos (1, 7) v. 129;

ja er ists gwüsz, certe ipsus est. Frisius 214b (neben er ist's gwüszlich, certe is est); vgl. auch ja gewiss in b); die sprache ist doch gewisz ein geistiges, nicht körperliches mittel der ideenbildung. Herder (ideen 5, 4) 13, 184; unsere theilnehmung (ist) zwar gewisz nicht urtheilvoller ... aber bedingungsloser. (zerstreute blätter 4) 16, 101; vgl. gewisz nicht träger, aber verständiger. (br. z. bef. d. hum. 3) 17, 12 u. a.; wenigstens ists gewisz falsch. (kleine schr.) 15, 72. wie einzelne dieser zusammenstellungen den übergang der betheuerungspartikel zur concessivform bezeugen, dienen andere der bedeutungsabschwächung von gewiss im sinne von sicherlich zu vermutlich, vgl.: so dörfte der ... wohl gewisz auf den beifall der edelsten seiner nation rechnen dörfen. Herder (kleine schr.) 18, 376; auch die verbindung mit steigerungsformen dient nicht blosz der hebung der bedeutungsenergie (vgl. nichts macht sich gewiszer als dieses. Herder 15, 315), sie führt auch zur abschwächung: die mir gewisser als nicht, ein jeder, 1 louis den monat geben. Mozart (an seinen vater) br. 93 Nohl2. unter den steigernden partikeln werden ältere (zum absterbenden viel gewiss vgl. Alsfelder passionsspiel 6252) durch neuere verdrängt: ganz gewisz wird sie ... nicht haben bezahlen können. Lessing (Minna v. B. 3, 6) 23, 216 u. a.; vgl. auch gantz gewisz. Aler, Kirsch, Matthiae und Schwan; nun war aber an seiner ganzen wohnstatt ganz gewisz nichts kostbares im alltäglichen sinne. O. Ernst Semper der jüngling s. 422; auch contrastbegriffe werden angezogen: es mus gestorben sein, nicht vielleicht, sondern gewisz. Abr. a S. Clara mercks Wienn 16; einkünfte und ruhm ... waren ohne zweifel dem orden das kostbarste geheimnisz der weisheit; und bei manchen rathschlägen darüber wollten sie gewisz nicht behorcht sein. Herder (tempelherrn) 15, 120; ich zweifle, dasz Aristoteles diese situationen für äsopische fabeln erkennen würde; den namen sinnreicher dichtungen aber würde er ihnen gewisz nicht versagen. (über bild, dichtung u. farbe) 15, 555. auch durch verba wird die an gewiss entwickelte bedeutungsfärbung belebt. naturgemäsz trifft dies weniger die volle bedeutungsenergie (ihr müssts aber gewisz thun, but be sure to do it. teutsch-engl. lex.), als die abschwächung in der richtung von vermutlich. auch hier ist es seltener das regierende verbum (ich glaube, vieles honig habt ihr gewisz dem manne gestohlen. Göthe [Reineke fuchs 2] 40, 30; denn es nutzt mir gewisz bei hofe, so darf ich es hoffen. ebenda 22), als vielmehr ein verbum des eigenen satzes, ein hilfsverbum, vgl.: die schöne Alie, welche gewisz nicht die kleinste gewesen sein musz, da ein so groszer riese als Moulineau sie mit gewalt zur frau haben wollte.

[Bd. 6, Sp. 6205]


Wieland (don Sylvio 1, 11) 11, 90; gewisz müssen sie es auch gefühlt haben. Herder (zerstreute blätter 4) 16, 99; so muszten diese eigenschaften gewisz dazu beitragen, auch das mindeste rauhe und westphälische von seinem anblick zu entfernen. (litterar. briefwechsel 2) 15, 132; ähnlich 15, 94. 462; ein dichter, so voll hoheit, unschuld ... musz ... gewisz würken und herzen rühren. (br. über Ossian) 5, 159; ebenso 15, 278. anders: auch kann man hierüber gewisz den deutlichen epigrammen glauben. (Nemesis 3) 15, 408; ebenso 15, 135; 16, 575; (in der gewiss nicht jede figur eine bildsäule sein kann) 8, 33; 16, 603; 15, 174; u. a.;

er wirt gewis khein gelt nit han.
Peter Probst (fastnachtssp. v. 2 landsknechten 60) 44 Kreisler;

dasz er gewisz keine rohe alleinheit ... zu seinem system gemacht haben werde. Herder (gott) 16, 497; ebenso 16, 508; 16, 225; vgl. auch gewiss bei der futurumschreibung mit werden, s. sp. 6206.
α) die neben gewiss eben beobachteten adverbia und verba haben zugleich auf bedeutungsschwankungen gewiesen, die beim älteren gebrauch nicht hervortraten und die an dem adverbium da, wo es schluszfolgerungen begleitet, nunmehr die bedeutungen vermutlich, wol, vielleicht entwickeln. andererseits läszt gewiss da, wo es thatsachen begleitet, die lückenbüszerdienste eingehen, die es in der älteren dichtung leistete, und erscheint demnach seltener, aber es entwickelt aus dem affirmativen gebrauch einen concessiven.
1)) wo das adverbium thatsachen hervorhebt, sprengt es jetzt das satzgefüge (s. c), das nur bei concessiver färbung stand hält:

wirklich mein wille war auch ... eine der töchter
unsers nachbars zu wählen, ...
wohlgezogen sind sie gewisz! ich ging auch zu zeiten
noch aus alter bekanntschaft, so wie ihr es wünschtet, hinüber;
aber ich konnte mich nie in ihrem umgang erfreuen.
Göthe (Hermann u. Dorothea) 40, 254;

vgl. auch (sp. 6142): ich bin gewiss sehr ungern gegangen. br. 5, 105; vgl. dagegen: er konnte hassen, o gewisz, leidenschaftlich, wenn auch nicht lange; aber dass man eine ganze menschenklasse hassen ... konnte, das empörte ihn. Otto Ernst Semper der jüngling s. 121. ältere wendungen lassen auch unverblaszten affirmativen gebrauch verraten.
a)) hierher gehören die letzten reste des poetischen formelstils:

der fünfft herr Walter hiesz,
war ein landherr aus Bohmen gewisz,
von der Vogelweid war.
Wagenseil (v. d. meistersinger holdsel. kunst) de civ. Norib. 506;

in diesem 1632. jahr
den 4. november das ist wahr,
hat sichs gewisz zugetragen,
da hat der könig in Schweden wolgemuth,
den general Wallnstein geschlagen. volkslied bei
Soltau 499.


b)) bei mittheilungen, in denen der redende über sich selbst aussagt, deren thatsachenwert von anderen also nicht controlliert werden kann, tritt unsere partikel in der neueren schriftsprache ganz zurück, vgl. dagegen: ich werde es gewisz nicht gesehn haben. Gellert, s. Sanders 3, 1636c; weh habe ich in diesen privatbriefen gewisz niemanden thun können oder thun wollen. Herder (br. d. stud. d. theol. betr. nachschrift) 11, 151; ebenso 16, 163;

und wünsche sehr,
dasz du dich zu den meinen überall
zutraulich halten mögest, wie ich dich
als mein, obgleich entfernt, gewisz betrachte.
Göthe (Torquato Tasso 5, 2) 9, 227;

er war mein vorfahr im amt, und wie lieb ihm der baum war ... mir ist er's gewisz nicht weniger. (Werther) 16, 43;

und was ihr begehret
thu' ich gern, ich lieb euch gewisz und bin es euch schuldig. (Reineke fuchs 12) 40, 227 (ik hebbe iu leff);

i lausz mei aerbet g'wiesz nit stöih.
Grübel 3, 177 Frommann.


c)) das gleiche gilt für behauptungen, die vom redenden als subjective wahrheit empfunden werden und für die er auch von andern die geltung einer thatsache fordert: denn was wider diese lere ist, das ist gewis erlogen und vom teuffel auffgebracht. Luther (16. cap. Joh.) 7, 196b; ähnlich 430a; desgl. 7, 664 Weimar;

es ist gewisz ein köstlich ding,
sich in geduld stets fassen. anfang eines kirchenliedes (Freylinghausen [1741] 696b);

[Bd. 6, Sp. 6206]


wer gerechtigkeit säet, das ist gewisz gut. Henisch; nach dem westphälischen frieden ward die sache gewisz nicht besser. Herder (br. z. bef. d. humanität) 17, 320; ebenso 17, 97; 16, 490; auch die vertrautesten briefe Winkelmanns sind in diesem einen geist geschrieben, als ob er sie für welt und nachwelt, wie ers doch gewisz nicht that, geschrieben hätte. (kleine schriften) 15, 42; das ist gewisz wahr oder gewiszlich wahr, that is certainly true, assuredly true. teutsch-engl. lex.; und der is g'wiesz apart g'scheit. Grübel 3, 177 Frommann; s. auch DWB gewisslich.
2)) gewiss als begleiter von schluszfolgerungen, die bedeutung von sicherlich im übergang zu der von vermutlich.
a)) schon die sätze, die durch ihre richtung auf zukünftige geschehnisse die sicherste abgrenzung der schluszfolgerung gegen thatsachen ermöglichen, lassen die abschwächung der bedeutungsenergie anschaulich überblicken:
α))

das felt ist als in der ern wisz.
der nu meet, der nummet den lon gewiss
und samet die frucht in das ewige leben. Alsfelder passionsspiel 1392 Grein;

vgl. auch die ernte kommt gewisz. Herder (br. z. bef. d. hum. 9) 18, 216; er kommt gewisz, sine ulla dubitatione venit. Steinbach u. a.;

weil der entsatz gewiesz, noch eh zwei täge sind
verflossen, folgen wird.
Matthäus Lüther belagerung und entsatz der stadt Wien (Wiener neudr. 8) 22;

der könig aber befahl Daniel die acta zwischen Jesu und Belial in bester form zu verfertigen dass sie innerhalb 14 tagen gewisz fertig weren. Ayrer proc. iur. 2. teil 2. kap.; ich dancke gar schön, aber kommt nur gewisz, und bringet die tausend ducaten, ihr sollet der frau Mariandel gar gewisz darmit einen grossen gefallen erweisen. Stranitzky ollapatrida Fuchsmundi (Wiener neudr. 10) 381;

da sprach der könig entrüstet:
rächen will ich gewisz ohn' alle gnade den frevel.
Göthe (Reineke fuchs 2) 40, 32 (dit horet mi to wreken. 1, 11);

und wir wollen dem wohlthäter unserer nichte gewisz das nicht vorenthalten, was er verdient hat. (lehrj. 8, 10) 20, 284;

umfasst' ich sie im hain; sie sprach:
lasz mich, ich schrei gewiss. das schreien (jub.-ausg. 3, 206).


β))

weh aber dem verstockten heer,
das sich hie selbst verblendet,
gott von sich stöszt und seine ehr
auf creaturen wendet:
dem wird gewisz des himmels thür
einmal verschloszen bleiben.
P. Gerhardt was alle weiszheit in der welt, bei Fischer u. Tümpel 3, 347b;

wird dir schmäucheln und vorlügen, ja wenn er kann, dich gewisz betrügen. Gottsched (Reineke fuchs) 11 Bieling (he wert iw wisse bedreghen. 1, 6); kinder und jünglinge empfangen diesen eindruck, und die zweite generation wird gewisz weiter sein, als die erste war. Herder (br. z. bef. d. hum.) 18, 320; ebenso 9, 216; 15, 154. 595; 16, 47. 123. 133. 450. 557; 17, 57; 18, 117. 253. 330. 462;

Alphons hat mich zuerst begeistert, wird
gewisz der letzte sein, der mich belehrt.
Göthe (Tasso 4, 4) 9, 212;

dem wird die frage: 'was ist denn das eigne schicksal?' gewisz nicht unwichtig scheinen. Herder (kleine schr.) 18, 405; ebenso 16, 132; Wieland 8, 361; die commission hat zeit gehabt, sie wird uns einen solchen entwurf gewisz bald vorlegen können. F. Th. Vischer verhandl. der Frankfurter nationalvers. (II) s. 930;

was mich dein geist selbst bitten lehret,
das ist nach deinem willen eingerich't,
und wird gewisz von dir erhöret.
Berthol. Crasselius 'dir, dir, Jehova, will ich singen' (Freylinghausen [1741] 473b);

dergleichen gewüsz in der welt nit funden wirt. J. Wetzel reise der söhne Giaffers 30 neudr.; es wird gewisz nichts draus, es wird wol nichts draus, it's little like to succeed. teutsch-engl. lex.; auf diesen stillen bund ist gewisz früher zu rechnen. Herder (br. z. bef. d. hum. 10) 18, 271; Göthe br. 7, 4;

untrew den lohn gwisz mit ihr bringt,
darnach ihr herr und sie selbst ringt.
Kirchhof wendunmuth (3, 111) 2, 387 Oesterley;

es ist ein wunder, dasz ihr dem losen schalke, der euch betäubet, wieder trauet! der gewisz euch, und uns alle

[Bd. 6, Sp. 6207]


betreugt. Gottsched Reineke fuchs (3, 14) 118 Bieling (de iw wisse unde uns allen bedrucht);

er nimmt sie gewisz zu seiner frau.
Göthe (Faust 1) 12, 187;

auch sie haben doch gewisz nichts dagegen, Philolaus, dasz Theano uns zuhöret? Herder (gott2) 16, 532; ebenso 18, 380; (da sie ihn gewisz eher ... sprechen) Humboldt (an Schiller) Leitzmann3 150; (gewiss verzeihen sie mir) Herder 17, 330; (der verfasser ... verzeihet gewisz) 18, 265;

ich führe dich zum vater, er verzeiht.
schon hat ihn mein flehen halb erweicht;
gewisz verzeiht er!
Grillparzer (Argonauten 4) 44, 127;

früher oder später kommt man gewisz zum ziele. Herder (kl. schriften) 18, 419; ebenso 15, 96; ähnlich 15, 39. 289. 303; 16, 122; 17, 171; 18, 369; ihr wollt gewisz verreisen, perhaps you intend to go. teutsch-engl. lex. u. a.
γ))

si sprichet, ein meid solle ein kint gewinnen.
nu wie mocht er gelingen,
si enwere des gewisse ein wipp?
ir Judden, gleubet des nicht! Alsfelder passionsspiel 4755;

so bliebe ich gewisz so lange hier als sie, bliebe sie bis zum herbst hier so bliebe ich doch gewisz bis zum juli mit ihnen zusammen. Wilh. v. Burgsdorff briefe 163;

das härteste gar leicht verdaut der Strausz,
ein beszrer gatte kann sich dir nicht bieten;
denn brächt'st du selbst historien nach haus,
dein mann erklärte sie gewisz als mythen.
Grillparzer (epithalamium für Strauszens braut) 24, 38 (folgerecht 35, 141);

nur auf diesem wege kann sie etwas und würde gewisz viel erreichen. Herder (br. z. bef. d. hum. 8) 18, 132; ähnlich 16, 185. 297. 503; 13, 399; vgl. auch (wärs gewisz unwürdige arbeit ... die stücke zu suchen) 6, 446; 15, 430. 555. 597; 18, 286. 327; das gewisz eine offenere gestalt annähme, wenn wir die fabel ... besäszen. (wie die alten den tod ...) 15, 465; ebenso 7, 382; 15, 53; 16, 471; 18, 136. 315; dan käm g'wies aner. Grübel 3, 190 Frommann; ebenso 1, 32.
b)) wie häufig die schluszfolgerungen auch in die vergangenheit zurückgreifen, das zeigen ältere und neuere belege; auch hier läszt sich aus Herder ein ungemessener gebrauch feststellen, auch im irrealis der vergangenheit.
α)) er solte doch sehen, wie die farben so unscheinbar auffgetragen ... es wäre gewisz etliche jahr ein ladenhüter gewesen. Weise erznarren s. 16; diese heimfahrt dünckte mich viel weiter als die hinfahrt ... es war aber gewisz die ursache, dasz mir die zeit solang ward, weil ich nichts mit meiner convoy redete. Grimmelshausen Simpl. 432; euer herr ist gewis: oder vielleicht noch nicht aufgestanden, it seems ... teutsch-engl. lex.; er hat es ihm gewisz mit fleisz gesagt. Adelung; und gewisz machte ihm das bewusztsein des weibes, was böses gethan zu haben, den bisz nicht bitter. Herder (älteste urk. 4) 7, 88; ebenso 13, 60; 15, 342; 16, 95; 17, 389; 18, 60. 268. 343. 374. 397. 431; wo du ein mensch warst, warst du es gewisz nicht gern. (G. E. Lessing) 15, 511; ebenso 8, 656; 9, 454. 32; 11, 151; 15, 192. 382. 562. 545. 600. 604. 606; 16, 417. 494. 507. 510. 525; 17, 33. 186; 18, 157. 372; verse, die Otfried und seine nachfolger sich gewisz nicht erfunden haben. (zerstreute blätter 5) 16, 193; ebenso 15, 40. 65. 386. 402. 449. 504. 597; 16, 16. 94. 416; 17, 222. 223; 18, 164. 332; sie ist so lang im himmel und hat gewisz schon hallelujahs gelernt. (die heilige Cäcilie) 15, 162; ähnlich 15, 235; 17, 212; 18, 373; aus einem zettelchen, das sich unter seinen papieren fand, und das gewisz an dem nämlichen tage geschrieben worden. Göthe (Werther) 16, 149;

wenn mein weib sich
auch eines fehltritts, wie es heiszt, vermasz,
für den man sie so hart, ach, gar so hart bestraft,