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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewippt bis gewirren (Bd. 6, Sp. 6108 bis 6137)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewippt , participiales adjectiv zu wippen.
1) in sinnlicher bedeutung: geprellt (gewippt) Comenius orbis pictus 259; gewipt, estrapadé Schwan (1783) 1, 746b; gewipp, hingeworfen, geschleudert. Hoenig wb. d. Kölner mda. 65b; der sal is jerammelte vull, dafür auch jerappelte, jestoppte ... jedrickte, jewippte, auch jestorrende, jewickte. Jecht wb. d. Mansfelder mda. 41; der topp iss jeschwipperte, vull zum überlaufen, auch jewipperte, jeschwapperte. 41b.
2) übertragen s. unter gewift sp. 5799.
 
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gewirbel, n. , ursprünglich wol masc. und als verstärkte form zu wirbel (s. d.) gehörig: als wann sie aus dem abgrund des verderbens und tiefem gewürbl der verzweiflung ... herfür gestossen würdten. F. Sigl gesch. d. Münchener geiszeln (1632) 175 Stöger. zu dem substantiv wirbel stimmt auch die vorliebe, mit der gewirbel die verworrenheit der bewegungen auf das akustische gebiet überträgt: wie es heute stürmt, lärmt, schneit, als ob der himmel in lauter schnee, in brüllendem gewirbel auf erden herunter brausen wollte. Bräker der arme mann im Tockenburg 248 Bülow; vgl. wirvil, turbo Graff 4, 1238; vortex, wirbel im wasser Lexer 3, 925; die wind varnt in ainer werbeln weise. ebenda.
frühzeitig ist jedoch für die erklärung der zusammenhang mit wirbeln (s. d.) maszgebend geworden, dem entsprechend gewirbel als neutrum und als verbalsubstantiv in die neuere schriftsprache übertrat: gewirbel ... das wirbeln, besonders ein anhaltendes, wiederholtes wirbeln ... etwas das sich wirbelt, eine wirbelnde menge. Campe 2, 365b.
1) das substantiv kennzeichnet die bewegung; die bildwirkung wird hervorgehoben:
a)

wo aus sprudelnden quellen der strom mit tiefem gewirbel,
Acheron, trächtig von gold, hinstürzt durch schaudrichte gegend.
Voss Hesiod 333 (Orfeus 1130);

[Bd. 6, Sp. 6109]



um und um
gewirbel, sandbank, riff!
Immermann (die Bojaren 3, 5) 15, 225;

unter düstern orkanengewirbeln und flammenden wettern
strömt', in wildem gewül, des abgrunds heer zu den thoren.
Fr. v. Sonnenberg Donatoa 151;

mächtige drängten sich vor durchs gedräng, und dumpf um die pforten
rollt' es sich jetzt in dunklem gewirbel, das dunkle gewirbel
flutet' heran, und ebb'te zurück. 145;

und wie der wind den haufen der trockenen spreu mit gewirbel
oftmal erregt', und umher sie zerstreuete.
Voss Odyssee 5, 368 (1793 gegen im wirbel 1781);

du lagst im gewirbel des staubes,
grosz auf groszem bezirk, der wagenkunde vergessend. 24, 39 (ausgabe von 1793 gegen in der wolke des staubes 1781);

schwang er die geiszel erklatschenden schwungs und es fuhr im galopp fort,
schnell wie der pfeil, durch gewirbel des staubs das rasselnde wäglein.
Baggesen Parthenais 1, 428;

vgl. sandgewirbel Schack nächte des orients 2; der general sah, fast träumerisch stumm, auf das weisze gewirbel. W. Alexis Isegrimm (2, 2) 2, 29; vgl. schneegewirbel ebenda 2, 26; immer dicker und immer dichter kamen die flöcklein herab ... ging schon ein ordentliches gewirbel los zwischen himmel und erde. H. Sohnrey im grünen klee6 45.
b)

unten um springenden weinborn läufts im gewirbel heran itzt,
stürzt es sich, wälzet sich bunt durcheinander von weibern und kindern.
Fr. v. Sonnenberg Donatoa 1, 2, 468; ähnl. 310;

sauszten die stürm' in die nachtumschleierten fahnen der flügel,
jagten und warfen in wilde gewirbel die flammen der streithelm'
und vermengten die donnerwolken des himmels mit ihnen. 114;

vgl. auch flammengewirbel 2, 2, 78 u. a.;

also badeten sie, stillhaltend herab in die wanne
alle die niedlichen füsze gepaart, weil jede den strohhut
abwarf, hebend den kamm, den gebogenen, welcher, den flechten
eingezahnt, aufhielt der ambrosischen locken gewirbel.
Baggesen Parthenais 5, 104;

über sein schlaues gesicht flog ein schatten und eine innere unruhe wurde aus dem lebhaften gewirbel sichtbar, womit er seine freude über das wiedersehen auszudrücken suchte. G. Freytag (soll u. haben) 5, 321.
2) die herausarbeitung akustischer wirkungen:

siehe, da rieselte still ein wässerchen ohne gewirbel.
Voss Ovid (Ceres 247);

ha, und itzt schleuderten all' orkan herauf von dem nordpol,
fürchterlich brüllt' es in grausem gewirbel daher, und die wogen
brausten mit wut an die himmel.
Fr. v. Sonnenberg Donatoa 2, 1, 145;

vgl. in heulendem sturmgewirbel 2, 1, 100;

und, wie brausende meergewirbel von drachengeheul voll,
rollten die kriegeswagen daher durchs wüste der graunschlacht. 2, 1, 119;

heulte wie orkangewirbel gedichte 75 Gruber.
das gewirbel der lerche. Campe u. a. (vgl. lerchenwirbel theil 6, sp. 762); den vogel (die lerche) fanden ihre augen nicht ... aber ... sie freute sich des sanften gewirbels. A. v. Enderes aus dem leben (fels zum meer 1883 s. 113a);

der mond blinkt heller, goldner und goldner malt
sich jede wolke, die melodisch
in das gewirbel der harfe murmelt.
Hölty (der bund) 56 Halm;

das göttliche, riefs im gewirbel der stimmen,
ist der erde geworden zum spiel.
Fr. v. Sonnenberg Donatoa 1, 1, 66;

und sowie ich den faden des gesetzes im tönegewirbel verliere, stellt sich das auge ein, und ich denke nichts als: was haben denn die kerle, dasz sie so reiben, zwicken, kratzen ... Fr. Th. Vischer auch einer 410; dabei weinte sie, setzte sich aber im folgenden augenblick an den flügel, um sich in ein gewirbel der gellendsten arien zu verlieren. W. Raabe hungerpastor 2, cap. 10;

red' ist der wohlklang, rede das silbenmasz;
allein des reimes schmetternder trommelschlag,
was der? was sagt uns sein gewirbel,
lärmend und lärmend mit gleichgetöne?
Klopstock (an J. H. Voss) 5, 368 Boxberger;

[Bd. 6, Sp. 6110]


o welch spektakel und kreuz-lamento wird in unsere zugehangenen zellen einkehren! mit trompeten und paukengewirbel. o jammer und elend! als ich in dienst trat, durfte ich keine flöte mehr blasen. Tieck (der gelehrte) 22, 29; und dann schmetterten die trompeten in der trommeln gewirbel. K. L. v. Woltmann gesch. des westfäl. friedens 2, 130; das gewirbel der trommel. Campe u. a.; ebenso Hilpert 2, 1, 465a; ebendort auch: das gewirbel der wagenräder, the whirling of the coach.
 
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gewirbelt , participiales adjectiv zu wirbeln (s. d.) mit älteren und jüngeren bedeutungsrichtungen:
1) die ältesten belege lassen eine bedeutung des verbums zur geltung kommen, die an gewirbel nicht zu beobachten ist, wol aber an wirbel; sie zielen auf die äuszere form, die ein gegenstand durch die bewegung (des drehens) erhält: turbinatio, gewirblite gestalt wie einer biren unden zgespitzt. Cholinus-Frisius 874b; ebenso Dasypodius Mm 8b (gewürblete gestalt); Frisius 1338b; Maaler 179a; König 1206a; Dentzler 832a; etwas gewirblets Cholinus-Frisius 874b; Frisius 1338b; dazu vgl.: spitzig z gewirblet, das dem spitz nach gadt, turbinatus. Maaler 179c; gewirbelt, turbinatus bei Kirsch, Matthiae, Steinbach, Hederich; gewirbelt, tournoïé Rondeau 2, Uu 3e; ebenso Schwan (1783) 1, 746b; dieser schneck wirt ziemlich grosz, ist gewirbelt mitten wie ein nabel ... (der andere) ist etwas lenglechter mit viel krümmen gewirbelt. Forer fischbuch (1598) 140b; dazu vgl. aus jüngster zeit: und der in zwei gewirbelten spitzen auslaufende schwarze schnurrbart wirkte nicht nur gefärbt, was er natürlich war, sondern zugleich auch wie angeklebt. Fontane frau Jenny Treibel cap. 2.
2) die jüngeren belege bringen solche bedeutungen zur geltung, die das verbum mit gewirbel theilt:
a)

hinstolperts von fliehenden, reiszt wie im sturmwind
über sie weg das gewirbelte rad (der wagen).
Fr. v. Sonnenberg Donatoa 1, 2, 475;

wär' ich verdammt, umsonst dir nachzuringen,
gewirbelt von des wankelmuthes strom.
A. W. Schlegel (entsagung u. treue) 1, 21 Böcking;

sie geben mir das leben wieder — nein, nicht mein altes, armseliges, von zweifeln hin und her gewirbeltes — ein neues, selbstgewisses, herrliches — und ich fühle, sie haben recht! Paul Heyse buch der freundschaft: David u. Jonathan;

von der leidenschaften wuth,
wie von der windsbraut gewirbelt,
verkannt' ich oft den freund, der neben mir stand,
und die rechte mir bot.
C. D. Schubart denkmal in Wingolfs halle;

nun flogen die gelben blätter windgewirbelt um ihre füsze. W. Jensen pfeifer v. Dusenbach;

die quellen ... stürzten mit einmal sich turmhoch,
und in dem fall zerstiebend zu schaum, und vom westlichen strale
angefunkelt, wie goldener regen, von lüften gewirbelt,
über städte hinweg.
Fr. v. Sonnenberg Donatoa 1, 1, 228;

schnell ward düster die luft, und gewirbelter regen mit donner
prasselte ...
Voss idyllen: die heumad 18;

hoch über die sausenden wipfel
sprengt die wütende jagd im gewölk' und durchfeget den nordsturm,
dasz von giebel und baum mich gewirbelte flocken umstöbern. das ständchen 22;

schafft dann trockenes holz von aspalathos, oder von stechdorn,
brombeern, oder im winde gewirbeltes reisig der waldbirn. übers. des Theokrit (idylle 24, 88);


b)

mit freudig melodisch gewirbeltem lied
begrüszen erwachende lerchen die sonne.
Schiller (morgenfantasie, später 'der flüchtling') 1, 304;


 
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gewirbig, adj., alemannische form von gewerbig, vgl. sp. 5599. zu den dort gebuchten belegen sind noch nachzutragen:

guot milt und gevellig gar,
frœlich und gewirbig sunder var
waʒ dirre guot man allewege.
mit vil reines hertzen pfläge.
Walther v. Rheinau Marienleben 41, 52 Keller s. 38b;

si tet als dú gewirbigú binlú, dú daʒ sss hong uss den menigvaltigen blmen in tragent. Heinr. Seuse (leben cap. 33) 96 Bihlmeyer; aber so ich es reht an sihe, so spúr ich mit frden din grossen wizze in der sach, daʒ du

[Bd. 6, Sp. 6111]


als gewirbig bist mit fragen. 99. dazu vgl. auch gewîrwech, gelenkig wb. d. Luxemburger mda. 145a.
 
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gewirblich, adj., nebenform zu gewerblich, vgl. sp. 5601 ff.: bis sie kamen in die gewirblich statt Antorff. Jörg Wickram (knabenspiegel cap. 9) 2, 31 Bolte.
 
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gewirdigen, s. gewürdigen.
 
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gewirk, gewirke, n. , schriftsprachliche form für das ältere gewürk, gewürke, gewürche (vgl. DWB gewerk sp. 5634; zu der bildung mit dem t-suffix vgl. gewürcht, gewürchte) und neuerdings ganz als verbalsubstantiv zu wirken, würken (s. d.) empfunden und gebraucht. in diesem anschlusz an das verbum wirken und unter dem einflusz des nahe verwandten werk, mit dem unser subst. immer wieder in verbindung gesetzt wird, ist auch die entrundung des vocals gefördert. sie ist mitteldeutsch zuerst belegt, so bei Rothe und später im Malagis, und ist bei Luther durchgeführt, bei Wickram und Schaidenreisser neben ü bezeugt; andererseits bevorzugen spätere mittel- und norddeutsche denkmäler wie Gryphius, Edelmann, Rist wieder ü (das letzte bei Grüwel 1761). die wörterbücher nehmen seit Henisch von unserer bildung notiz (die vocabularien beschränken sich auf die form mit dem t-suffix) und zeigen übereinstimmend entrundeten vocal (nur bei Praschius ü neben i). die apokope setzt natürlich oberdeutsch ein (zu gewirk im Malagis vgl. sp. 5634), bei Fischart (gewirck), Schaidenreisser (neben gewirke), dringt aber in den wörterbüchern rasch durch, nur das teutsch-engl. wb. und Frisch buchen auch die form gewirke, die in mittel- und norddeutschen quellen bis auf Lessing (auch bei Voss noch gewirk') vorwiegt. die aspirata des gutturals, die an der nebenform gewürcht ihre stütze findet, ist fast nur nach gerundetem vocal belegt: gewürch bayr. landordnung v. 1553 bei Schmeller; gewürche und gewirche Hohberg; gewürche Becher, beide für das zellenwerk im bienenstock; ebenso Campe 2, 365b.
im neuhochdeutschen gebrauch hat die sachbedeutung die älteren allgemeineren beziehungen (z. b. auf das bauwerk) ganz abgestreift, sie beschränkt sich auf die beiden bedeutungsrichtungen: die parallele mit gewebe einerseits und das zellenwerk im bienenstock andererseits. hieraus erwächst ein regerer pluralgebrauch als die angaben der wörterbücher erwarten lassen: mit schwarzen gewürcken Rauwolf 51; ähnlich 239; 219; 37; seine kostbaren gewirke C. F. Meyer; bienengewirk' (sind dort) Voss.
in der parallele mit gewebe wird an gewirk die function eines nomen actionis entwickelt, doch entsprechen die litterarischen belege nicht ganz dem gewicht, das die wörterbücher dieser bedeutungsfärbung beimessen. dagegen ist der allgemeinste begriff, den das verbum wirken zur geltung bringt, mit dieser function schon in der ältesten prosa vertreten. in entsprechend späteren belegen ist diese bedeutung nicht immer sicher gegen übertragungen aus dem begriffe eines flechtwerkes abzugrenzen.
1) der allgemeine begriff: gewirk als nomen actionis zu wirken: das würcken und dʒ werden das ist ein. so der zimmerman nit würcket, so würckt auch das hausz nit, da die bartt oder axt lt, da lt auch das gewerden. got und ich wir seind ein in disem gewürcke, er würcket, und ich gewürde. Tauler predigten (1521: auf aller hl. abend) 305b; der vater ist daʒ anegenge, der sun daʒ mittel, der heilige geist daʒ zil des götelichen fluʒʒes, wan daʒ oberste guot mac niht an stete gestân alsô, eʒ enteile sich und erbiete sich ze nieʒende unde ze würkende daʒ beste. und wan enkein crêatûre begrîfenlich bevâhic ist genzlîche des nutzes unde des gewürkes, daʒ diu oberste maht unde güete unde wîsheit ist unde bringen mac. David v. Augsburg Pfeiffer, z. f. d. a. 9, 50; vgl. auch die belege auf sp. 5634:

so wird die welt ein punct genennt
gen himmelischen fürmament.
auch wont der mensch mit seim gewirck
den klainsten thail inn solchem zirck.
Schwarzenberg trostspruch um abgestorbene freunde (2. bearb.) s. 55 Scheel; (teutsch Cicero 159a: gewürck);

denn die sternen sind selber stumm, und haben keine erkäntnüsz noch fühlung, allein ihr sämbtlich gewircke machet im wasser ein quellen durcheinander. J. Böhme (3 principien göttl. wesens 4, 28) (1682) 35; ich sahe, dasz er

[Bd. 6, Sp. 6112]


die Herrnhuter, als menschen liebte, und wo er kunte, ihnen dienste that: aber mit dem grafen und seinem gewürcke, wolte er nichts zu schaffen haben. Edelmann selbstbiographie (1750) 165; ähnlich 151 (bei alle dem unnützen gewürcke); 300 (secten-gewürcke ... das todte, einförmige und abmattende gewürcke der mancherlei secten).
2) gewirk, gewebe: Noema erdachte darnach mancherleie gestricke unde gewircke von wollen unde von baste unde von andern dingen. Rothe Dür. chron. bei Sch. bl. 166a (Germania 18, 377). vgl. gewirk neben gewebe bei Schaidenreisser Odyssee 81a (s. b, η); vgl.: wenn sich aber an einem kleid eine aussätzige stelle zeigt — sei es nun an einem wollenen oder linnenen kleid —, oder an einem linnenen oder wollenen gewebe oder gewirke oder an leder ... und es ist die betroffene stelle an dem kleid oder dem leder oder dem gewebe oder dem gewirke ... grünlich oder rötlich, so liegt ein fall von aussatz vor. 3 Mos. 13, 48 Kautzsch (am werfft oder am eintracht. Luther; in dem wepff und in dem wefel. Eggesteyn; Koburger; in den vedemen off in dem weuelsse. Quentel; in deme gharne effte in deme weuegharne. Arndes; am zettel oder am eintrag. Züricher bibel; Dietenberger; am wäpfen [am rande: zettel] und am eintrag. Eck; in stamine atque subtegmine); will mir nicht allein ein schönes gärtlein schaffen, um mich in demselben, an dem zierlichem gespinste, gewircke, und teppichwercke der natur, zu erquicken; sondern auch ein mittelmässiges lust-haus dazu setzen. Er. Francisci lust. schaubühne (2, 1) 2, 350.
a) das nomen actionis:
α) zu den buchungen vgl.: der weber wirckstatt, item die kunst desz gewircks, textrina. Henisch 1602; pluribus licijs texere primum Alexandria instituit, das gewürck mit vielen kammen, blätern, und schemeln, hat die stadt Alexandria in Egypten erfunden. Praschius 94; das von gewirck ist, opus textile. Henisch 1602; ebenso Praschius 94; vgl. auch gewirk, textura (neben tela, pannus bei Henisch, Stieler, Hederich); vgl. Frisch (gewirk, gewirke, textura); das gewircke oder gewirck, das weben, the weaving. teutsch-engl. lex. (1716) 2, 774; gewirk, tricotage de bas; tissure de tapisserie. Rondeau 2, Uu 3e; gewirk ... l'action de tisser, le tissage, tissu, la tissure. Schwan 1, 746b; act of working or weaving. Hilpert 2, 1 s. 465b. Adelung, unter dessen einflusz die letzten beiden belege stehn, geht von dem verbalsubstantiv aus, und führt von da zur sachbedeutung über.
β) in litterarischen belegen ist das nomen actionis nur selten sicher gestellt: ebenmässig geht die hocherfreute mutter, zu ihrer tochter, welche, unter der aufwartung ihrer juncfrauen und gespielschafft, bei einem gewirck, sich in ihrer kammer antreffen liesz. Er. Francisci indisch-chines. lustgarten 1 (1668), 92a;

Peleus sohn nur verbarg sich im kreis lykomedischer jungfraun.
wollgewirk erlernt' er für wehr.
Voss übers. des Bion (idylle 7, 16) (1808) 336 (εἴρια δ' ἀνθ' ὅπλων ἐδιδάσκετο 2, 16).

häufiger ist es in verbindung mit attributen belegt, die auch die möglichkeit einer sachbedeutung offen lassen (vgl. b):

und über ihn warf er den mantel,
grosz und dichtes gewirks. (χλαῖναν ... πυκινὴν καὶ μεγάλην.)
Voss Odyssee 14, 521 (so seit 1793; 1781: mit dem groszen wollichten mantel);

zeug von dichtem, lockerem gewirke, stuff of close or compact, of loose texture. Hilpert 2, 1 s. 465a; ihre jungfrauen und sie sind alle ein einziger brand von gold, lauter bündel von perlen, sie sind lauter diamanten, lauter rubinen, lauter brokat von mehr als zehnfachem gewirke. Tieck übers. des don Quixote (7, 3) 25, 71.
b) die sachbedeutung: gewirktes, das gewirkte, ein gewirk, textura, textum, tela. Stieler 2559. schon die buchung bei Henisch (neben textura auch tela, pannus, vestis) kennzeichnet die dreifache richtung, in die sich die sachbedeutung hier gabelt: das ergebnisz der thätigkeit schlechthin; der gewandstoff, der daraus entstanden ist, und endlich der gebrauchsgegenstand, zu dem dieser stoff verarbeitet wurde.
α) auch das ergebnis der thätigkeit als solches wird in verschiedenartigen formen erfaszt.

[Bd. 6, Sp. 6113]



1)) den weitesten begriff erschlieszt das substantiv in einigen belegen, in denen das subject der verbalthätigkeit das einzige bestimmungsmerkmal bildet: ir spinneweb lang nicht zu kleidern, und jr gewircke taug nicht zur decke, denn jr werck ist mühe und in jren henden ist freuel. Jes. 59, 6 Luther (noch werdent bedeckt mit irer werken Eggesteyn, Koburger u. a.; klaidern Eck, machwerken Kautzsch; neque operientur operibus suis); vgl.: si brüten basiliscen eier, und wircken spinnewepp: aber das gewirck und gewerck taugt nichts zur decke. Fischart (s. sp. 5636); dergleichen habest du im auch etliches gewircks deiner arbeit z einem gegenwurff und widergeltung seiner gaben zhanden gestellt. Jörg Wickram (von guten u. bösen nachbarn cap. 29) 2, 193 Bolte.
2)) auf die herstellungsart weisen einige attribute (zahlreicher bei β): ein sonderlich gewirck, das allweg nach zweien gleichen fäden einen kleineren faden hat, sextarius. Henisch 1602; ein weit gewirck von grober gesponst, tela levidensis, crassi fili. ebenda; genau so 1567; ebenso Praschius 95. in der litteratur überwiegen schmückende beiworte, unter denen nur fein, zart im gegensatz zu grob auf die technik im engeren sinne weist: vgl. köstlich gewirk Wickram 2, 289;

disz schon gewirck was nit zu stroffen (var. gwirck),
dann sie auch dran gewircket hot
inn mancher gstalt des möres gott,
Neptunum, wie er sich verkert.
Wickram (Albrechts Ovid 6, cap. 2, v. 236) 7, 256 (ohne lat. entsprechung 6, 115 f.);

haben zgehrt, wie si (vernempt fraw Circes) siessigklich gesungen und gewürckt hat, dann si für all und andere gttin, die aller schnisten und kostbarlichen gewürckt machen kan (am rande: fraw Circes gewürck). Schaidenreisser Odyssee (10. buch) 42b (οἷα θεάων λεπτά τε καὶ χαρίεντα καὶ ἀγλαὰ ἔργα πέλονται 10, 223);

sie (Kirke) sang mit melodischer stimme,
webend ein groszes gewand, ein unsterbliches, so wie mit anmuth
göttinnen feines gewirk und wundervolles bereiten.
Voss in der ausgabe von 1802; 1781: fein und lieblich und glänzend, wie aller göttinnen arbeit; in der von 1793: zart und fein sich glänzende werke bereiten);

(die weiten bloderhosen der türkischen weiber) seind mehrthails ausz zartem gewürck, gar schn von mehrerlai farben zgericht, und aussen an den seiten hinab, mit borten beleget. Rauwolf reisbeschr. (1583) 50 u. a.; grobe gewirke Rauwolf 239; als von ästen aufgerichtete mohr- und arabische hüttlein mit grobem gewürck bedeckt. türckischer vagant (17) (1683) 140; vgl. auch die belege a, β. zu andern attributen vgl.: dasz die weber das belont gewürch treulich und on abtrag arbaiten sollen. landordn. v. 1553 f. 129 Schmeller 22, 987; ausreissen als stiche in altem gewirk, non tenere. Frisch 2, 108b.
3)) die unterordnung des substantivs unter ein zweites dient der einengung des begriffes, wobei gewirk nicht das gewebe schlechthin, sondern das einzelne muster in demselben kennzeichnet:

Arachne fieng zu weben an
ein werck, das was kunstreich und schon.
dann es stund an ir gwürckes bild
Europa auff dem ochsen wildt.
Wickram Albrechts Ovid (6, cap. 2, v. 203) 7, 255 (Maeonis elusam designat imagine tauri Europam 6, 103 f.).

in derselben richtung verengt sich aber auch das substantiv ohne weitere bestimmung:

dort auch laufen hindurch die geschmeidigen faden des goldes;
und im gewirk erhebt sich ein alterthümlicher inhalt.
Voss Ovid (Arachne 65) 1 (1798), 315 (et vetus in tela deducitur argumentum 6, 69).

dazu vgl.: modelbuch, aller art nehewercks und strickens ... venedigische stern und gewirck. uff der laden, und nach der zal. die welisch, weisz arbeit. glattstich, creutzstich, stichwerck. Frankfurt, Chr. Egenolf, 1527;

betracht des wäbers stuhl, der schöne zeuge wäbt;
sie an das blum-gewürck, dasz gleichsam leibt und lebt
in manchem solchen zeug!
Rompler (erfindung der buchdruckerei) erstes gebüsch der reimgedichte 52;

denn sie (die vertirten bücher) wären gleich den umgewandten teppichen, in welchen zwar das gewirck erscheinet, aber mit geringem glantz und verstellten bildern

[Bd. 6, Sp. 6114]


Taubmaniana (1703) 134; verdammter erzähler! ...; die zuschauer zittern: und du malst uns das gewirke der tapeten, den ganzen gestirnten himmel von seide. Lessing (anmerk. über Euripides) 153, 428. auch für den bloszen knäuel tritt gewirk ein in: was hängt da hinten, fragte der prinz, an der wand, das ganz wie eine wurst aussieht? ... so könnte man fast in die versuchung geführt werden, anzunehmen, dasz es das letzte gewirk, oder der rest von der fädensammlung sei, den er, im mittelpunkt des gebäudes angelangt, nicht mehr gebrauchte, und welches ihm Ariadne, die königstochter gegeben hatte, um nicht zu verirren. Tieck die vogelscheuche 2, 6, vgl. Gries sp. 6115.
4)) unter den verbis, denen sich gewirk als object hier unterordnet, ist das verbum wirken selbst aus älterer zeit belegt: stund er vor der junckfrawen Angliana, welche an einer rammen köstlich gewirck, desz sie dann ein meisterin was, wircket. Wickram (goldtfaden cap. 9) 2, 289 Bolte; dagegen gewirk bereiten Voss. dazu vgl.: gewirk vollenden Schaidenreisser Odyssee 81a; ein gewirck wider auff thun Henisch 1602; ebenso Praschius 95 (telam retexere); gewirk beginnen Voss Odyssee 19, 142.
β) gewirk für den gewandstoff, der durch wirken entstanden ist: gewirk ... ein gewirkter zeug. Adelung 2, 667; Campe 2, 365b; un tissu. Frisch nouveau dict. des passagers 2, 280; gewirks, n. gewirktes, gewebtes zeug. Hönig wb. der Kölner mundart 65b.
1)) substantivverbindungen kennzeichnen den rohstoff, aus dem das zeug hergestellt wurde: seidengewirk, textum sericum. Stieler 2559; ward doch der schaden, den sie am seiden gewürk von Damasco gebracht, saiffen ... erlitten, nit klein. Rauwolf reisbeschr. 146; alsz da seind schöne tapetzereien, kostliche seidingewürck, darein blmen unnd rosen von mancherlai farben künstlich gewircket, ... 3, 7; wöllin gewirk, laneum. Stieler 2559; wie auch jre hemmeter, die mehrthails von zartem bomwollin gewürck zugericht, und wir (!) jre klaider an helsen so weit auszgeschnitten sind. Rauwolf reisbeschr. 49; kamen wir ... z etlichen vil zelten, welche mit groben gewürcken von gaisz und eselhaaren bedeckt ... waren. 239.
2)) auf die herstellungsart weisen adjectivverbindungen: dreischifftig gewirck oder gewand, das ist, das mit dreien schemelen gewircket wirdt, zwilch, federrit, ein jeder grat, oder carisey inn wollenem gewand, tela aut vestis trilix. Henisch 1602; tela, vel vestis bilix, ein zweischifftig tuch, oder gewirck ... tela, aut vestis trilix. ein dreischifftig gewirck. Praschius 95; pannus seu vestis levidensis, crassi fili, ein weit grob gewand, oder gewirck. Praschius 88; das türckisch gewirck, arbeit, vestis Alexandrina. Henisch 1602; ein gewirck von vielerlei farben, vestis polymita. ebenda; ebenso Praschius 95.
γ) unter den gebrauchsgegenständen, die aus gewirktem zeuge verfertigt sind, werden teppiche, decken, schleier und kleidungsstücke aller art genannt. unter diesen ist namentlich der mantel der Penelope von den übersetzern verschiedenster zeiten als gewirk eingeführt. aber auch die tarnkappe Siegfrieds wird von R. Wagner mit unserm substantiv gekennzeichnet: sie (die Perser) haben aber under andern wahren fúrnemlich schne teppich von mehrerlai farben, zarte bomwolline gewürck, mit wellicher arbait sie sehr kunstreich seind. Rauwolf reisbeschr. 219 (gewirck reisbuch d. hl. lands 1, 577);

der Parthen arbeit hat die schlechte wand geziert,
die erd ist mit gewürck der mohren ausstaffirt.
Gryphius (Leo Arminius 3, 4) trauersp. 92 Palm;

komm doch, Praxinoa, komm; den künstlichen teppich betracht'
erst!
fein! und wie anmutsvoll! ein gewirk der unsterblichen scheint dirs!
Voss übers. des Theokrit (idylle 15, 79) s. 141 (θεῶν περονάματα);

der persische teppichhändler ... hatte einen flug nach Ferrara gethan, um dem prachtliebenden hofe seine kostbaren gewirke zu verkaufen. C. F. Meyer Angela Borgia 41; item mee 4 sidelpolsterlen rott in rot hieig gebürk mit federen angefullt, dafur 2 fl. Tucher haushaltbuch 105; 13 eln alts gebürck ... darausz czu machen 2 panck und 2 sidelpolsterlen. 74; fur tebig, polster, gewurk 32 fl. 106; vgl. oben sp. 5634;

[Bd. 6, Sp. 6115]


und wirst du, holde schäferin,
den zauber des gewirks erproben,
dann denke still in deinem sinn:
die liebe hat ihn drein gewoben.
Geibel (Juniuslieder: an Clara, mit einer schlummerdecke) 23, 116;

ihre (der türkischen weiber) angesicht seind verdecket mit schwartzen gewürcken, denen etliche gar zart von seiden, etliche andere aber von roszharen. Rauwolf reisebeschreibung 51; calyptra, ein subtil schwartz gewirck von seiden, oder wolle, das die kloster-frauen (virgines velatae) und jungfrauen zu Venedig fürs angesicht hängen. J. Praschius 92;

sprach's und langte die strümpf' und die festlichen schuhe von atlas,
wandte sich weg und streifte der baumwoll' helles gewirk ab,
hüllete flugs in die seide die zartgeründeten füszchen.
Joh. Heinr. Voss Luise 3, 1;

vgl.hemden von baumwollengewirk. Rauwolf (s. β);

und die hülle der Thisbe
hebt er, und trägt sie zum schatten des abgeredeten baumes.
als er mit thränen genetzt das bekannte gewirk, und geküsset ...
Voss Ovid (des Minyastöchter 84) 1 (1798), 209 (utque dedit notae lacrimas, dedit oscula vesti 4, 117);

so mögt jr warten bisz ich mein fürgenommen gewürcke vollende, will ich alsz dann ainen ausz euch erkiesen. si seind durch mein getichte wort uberredt, haben sich des geweps z erwarten, bewilligt, aber was ich ain tag gewürcht, das alles hab ich bei der nacht auffgelöst. Schaidenreisser Odyssee (19) 81a (einen mantel zuerst, gebot mir ein waltender dämon, angelegt in der kammer, ein groszes gewirk zu beginnen ... wartet ... bis ich den mantel fertig gewirkt. Voss [μέγαν ἵστον ... εἰς ὅ κε φᾶρος ἐκτελέσω] 19, 142); sie erfand ein gewirk, ihre freier zu betrügen, she devised a web, her wooers to deceive. Hilpert 2, 1, s. 465a;

(Hagen:) und nichts entnahm'st du ihm?
(Siegfried auf das stählerne netzgewirk deutend, das er im gürtel
hängen hat:)
diesz gewirk, unkund seiner kraft.
(Hagen:) den tarnhelm kenn' ich,
der Niblungen künstliches werk.
R. Wagner (götterdämmerung 1) 63, 193.


c) übertragungen sind hier jetzt weit seltener beobachtet als bei gewebe. zum nomen actionis vgl. unter 1); zur sachbedeutung führt das gewebe der parzen herüber:

der schicksalsgöttinnen dunkles gewirk.
Voss übers. des Horaz 1 (1806), 97 (sororum fila trium atra);

auszerdem vgl.:

und ist dies gedicht faden von seiner spule —
oder gewirk von fremdem webestuhle?
Rückert (6. makame) 11 (1869), 267;

fern sei von mir
der lüge kunstgewirk!
Immermann (gericht von St. Petersburg 4, 6) 15, 338 Hempel;

da sagt Vafrin: nun gieb dem wunsch erhörung,
und sprich, wie man dem feldherrn netze spannt.
und das gewirk der schändlichen verschwörung
entwickelt sie ihm jetzt mit sichrer hand.
Gries Tassos befreites Jerusalem (19, 86) 210, 272 (tela);

(der gantze knaul desz mords wurd von jhr auffgewunden. Dietr. v. d. Werder s. 232), s. auch oben sp. 6114. dazu vgl.: gespinst und gewirk und teppichwerk der natur. Erasmus Francisci s. sp. 6112.
3) in der beziehung auf thierische arbeit ist gewirk nur selten für das gewebe der spinne oder seidenraupe beobachtet. um so häufiger tritt es für das zellenwerk im bienenstock ein, wo es noch bei Voss viel verwendet wird.
a) man musz ... über dem kunstreichem gestrick und gewirck dieser lufft-wirckerinn (der spinne), erstaunen. Er. Francisci lust. schaubühne (2, 1) 2, 272; spinnengewirk, aranearum tela. Stieler 2559; in gestalt des innern gewirkes der seidenwürmer. J. Grüwel Brandenb. bienenkunst 287; dazu vgl. die übertragung:

ach, unser leben ist recht ein gewürk der spinnen,
wenn wir bemühet sind was grosses zu gewinnen,
... alsden so komt der todt.
Rist neuer teutscher Parnass (1652) 732.


b) wachs ... heisset das beim feuer zerlassene und geläuterte roos (gewircke, wüftig, wafel oder honig-waben, nachdem vorhero das honig davon geseimet worden). Zinke ökon. lex. 3060; vgl.: geren, gewürke, wachstafel.

[Bd. 6, Sp. 6116]


Grüwel 396; s. auch 399; gewürchte, gewirk, gebäu, roosz, waben, (bienenzucht) die sämmtlichen scheiben oder das werk in einem bienenstock. Jacobsson technol. wb. 2, 86b; dazu vgl. Adelung 2, 667; Campe 2, 665b; on appelle aussi das gewirk l'ouvrage des abeilles. Schwan 1, 746b; das gewirk der bienen, the working of the bees, honey-comb. Hilpert II, 1 s. 465a; gewirk, das werk im stocke. Nemnich 193; ob auch hier ein nomen actionis sich entwickelt hat, ist fraglich. doch kann das folgende so aufgefaszt werden: so bringen die bienen ihren könig allerhand nothdurfft zum gewürche an honig, wachsbändern und beutlein. J. J. Becher kluger hausvater 156. in allen andern belegen ist die sachbedeutung gesichert. der umfang dieser bedeutung ist jedoch verschieden gefaszt, bald wird das ganze des werkes (die wabe mit samt dem honig), bald im engeren sinn die wachsscheibe gekennzeichnet.
α) die weiteste bedeutung zeigt folgender vereinzelter beleg: dasz die ambra schwerlich ein gewirck der bienen seie; weil sie anfangs stincket: welches von keiner bienenarbeit, zu vermuten. Er. Francisci lust. schaubühne (3, 2) 3, 1146; in engerer richtung auf das zellenwerk, aber das ganze umfassend, zielen die folgenden belege:

gleich an mute den ungewafneten dronen,
die der ämsigen bienen gewirk aufzehren in trägheit,
nur mitesser (ὅτε μελισσάων κάματον τρύχουσιν ἀεργοὶ
ἔσθοντες).
Voss Hesiods hauslehren 305 s. 30;

und ihr (der biene) gewirk ist göttlich in wahrheit, und äuszerst nüzlich den menschen. (zu Georg. 4, 219) ländl. ged. 4, 805; damit der regen und schnee nicht auf ihre flug- oder ziehlöcher falle, hinein fliesse, und ihr gewirke rauh und schimmlich mache. J. Grüwel Brandenburg. bienenkunst 34; die maden würden ... den bienen ihr gewirke verderben. 162; so sind sie (die motten) stracks in gebäue oder gewirke, so ist es dann um die bienen leichtlich geschehen. Hohberg adel. land- u. feldleben 2, 370a;

schafe sind dort, dort geisze mit zwillingen, dort voll honigs
bienengewirk', und es trägt höher die eiche das haupt.
Voss übers. des Theokrit (idylle 8, 45) 88 (ἔνθα μέλισσαι σμάνεα πληροῦσιν);

vgl. bienengewirk theil 1, sp. 1818; vgl. zellengewirk Voss erklärung zu Georg. 4, 214.
β) der engere begriff der wachsscheibe: weil, durch ihr (der bienen) gewirck, das honig, vielerlei dinges, mag conserviret werden. Er. Francisci lust. schaubühne (3, 2) 3, 1153; das gemülbe fällt täglich herab in das hönig und gewircke. Hohberg adel. land- u. feldleben 2, 387a; scheinet den gantzen tag ... die sonne drauf, so erhitzen die bienenstöcke, das gewircke wird flüssig. 2, 369a;

mitten steht ein teller mit würzigem scheibenhonig,
der aus weiszem gewirk' hervorquillt.
Voss (idyllen: Philem. u. Baucis 120) 2, 109 Hempel.


γ) zu den verbis, mit denen sich gewirk in dieser bedeutung vorzugsweise verbindet, vgl: wie jhnen das gewürche (im text gewürchte und gewürcht) zu verkehren sei. Colerus hauszbuch, register (unter bienen); mit solchen (drat) kan man nachmals das gewürche in beeden stöcken ohne schaden voneinander schneiden und theilen. Hohberg adel. land- u. feldleben 2, 371b; wann man das gewircke unten ein paar finger hoch wegschneidet. 2, 439a; hierzu musz man die bienen beräuchern, dasz sie halb beschweimlen, und dann das gantze gewürcke ausbrechen. J. J. Becher kluger hausvater 157; dass jhnen im führen das gewircke (im text: gewürchte) nicht abfalle. Colerus hauszbuch, register; dem verbalsubstantiv bau des gewirks (erklärung zu Georg. 4) entsprechen bei Voss mehrere, nicht immer anschauliche verba:

drin auch stehn mischkrüg' und zweigehenkelte urnen,
alle von stein, wo die bienen gewirk anlegen für honig. Odyssee 13, 106 Hempel (in der ausgabe von 1781: honig bereiten; 1793: honiggewirk sich bereiten);

sie beginnen das gewirk, indem sie die thränen sowohl der anderen blumen, als von den bäumen die der weide und der ulme, und der übrigen klebrichsten, eintragen. erklärung zu Georg. 4.
 
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gewirken, verb. , verstärktes wirken, s. d., in der frühnhd. periode noch mehrmals beobachtet, vor allem bei den mystikern. dort wird neben dem bevorzugten relativen gebrauch auch ein absoluter gebrauch gepflegt, während die

[Bd. 6, Sp. 6117]


ältere sprache die formen mit präfix beim absoluten gebrauch meidet, da dieser im allgemeinen hier imperfective actionsart bedingt. wo die jüngeren denkmäler das präfix trotzdem eindringen lassen, gilt dies meist dem von hilfsverben (mag, kann) abhängigen infinitiv, der ja seinerseits die verstärkten formen begünstigt. zu den bei wirken beobachteten schwankungen des stammvocals in den präsensformen vgl. das oberdeutsche ü (u) bei Wolkenstein und in der Hätzlerin und die md. zeugnisse für i. charakteristisch stehen sich hier meister Eckhart und Seuse gegenüber, wenn auch die handschriftliche überlieferung Eckharts ebenso wie bei David v. Augsburg und Heinr. v. Nördlingen variiert.
1) der relative gebrauch:
a) die verbindung mit persönl. object, die im Heliand und bei Isidor beobachtet ist, läszt sich einmal auch aus meister Eckhart belegen, ebenfalls mit beziehung auf das verhältnis gottes zu den menschen: alle crêatûre, die got ie geworhte. (liber positionum 137) myst. 2, 673. die verbindung mit prädicativem adjectiv, wie sie der Heliand zeigt (ina hêlan gewirkean. 2108 u. a.), wird nicht mehr wiederholt.
b) unter den sächlichen objecten treten die concreten immer mehr zurück. der fülle von älteren belegen (himil enti erda gaworahtôs. Wessobrunner gebet u. a.), die sich namentlich auf den häuserbau beziehen (vgl. schon Ulfilas Marc. 9, 5 jah gawaurkjam hlijans þrins), ist nur ein einziges beispiel aus Eckhart entgegenzusetzen: daz ein czimmermann ein schon hus nicht gewerken in kan uz wormechtin holcze. pred. bei Jostes 110 (gewirkin zeitschr. f. d. alt. 15, 380). die bei wirken und gewirkt (s. d.) so viel beobachtete beziehung auf gewandstoffe (vgl. DWB unze man geworhte die Sîfrides wât. Nibelungen 66, 3 Lachmann) ist nur aus einer späteren buchung zu erschlieszen: contexere, gewirken. handschr. voc. lat. germ. (15. jahrh. md.) bei Diefenbach. die beziehung auf metalle und edelsteine (fürspan gewürken. meister Otte Eraklius 1823 Massmann) scheint nicht mehr aufgefrischt worden zu sein.
dagegen dringen abstracta vor, die in der älteren sprache weniger entwickelt waren, vgl.: elliu dinc gewürken. Konrad v. Würzburg gold. schmiede 1695; wunder gewirkjan. Heliand 2166 u. a.; Heinr. v. Neustadt Apollonius 6713; zeichun. Wessobrunner glaube, denkmäler 13, 293; bilde. Gottfrid Tristan 6695; giwirkean is willeon. Heliand 1172 u. a. naturgemäsz sind es andere substantiva, die nun bevorzugt werden, und die häufigkeit ihrer verwendung steht im gegensatz zu der spärlichkeit der concreta: und sol ainen solichen erbern man einnemen, der sein handwerck vor alter und krankhait nicht mer gewürken müg. stiftungsbrief der St. Antons-pfründe, s. Meyer stadtbuch von Augsburg (1276) 275 (genau so in einer Augsb. urk. des 15. jahrh., s. d. städtechron. 5, 197); der vater geworhte nie kein werc, daʒ minre wêre dan er selber ... wâ daʒ geworhte werk als edel sî als der wercmeister. meister Eckhart (liber positionum 137) s. myst. 2, 673; ebenso Nic. v. Landau 123 Zuchhold (vgl. got. hwa taujaima, ei waurkjaima waurstwa guþs? Joh. 6, 28); das höchste werk, daʒ got ie gewarcht, daʒ geschah in barmherzicheit. pred. der Nürnberger Eckhart-handschr. bei Jostes s. 8; dass wir also gewirkent guote werg ... pred. (Straszb. handschr.), s. zeitschr. f. d. alt. 7, 156; ähnlich pred. bei Jostes s. 110; ir zarten rosen des geblmeten geistlichen lebens ... tnt úwer hertzen ... uf gegen dem sssen meientowe der himelschen sunnen ... gebent ime stund und stat, daʒ er sin werk in úch gewúrken muge, daʒ úwer hertze werde ein appotecke der gotheit. Heinr. Seuse (grosses briefbuch: 8. brief) 431 Bihlmeyer;

so mag die lieb ir weise
gaistlich in im gewürken süess,
sein augen perg, das antlitz plaichen lass.
Oswald v. Wolkenstein 89, 47 Schatz;

daʒ obirste gut, daʒ der mensche gewirken mag ... Nic. v. Landau pred. bei Zuchhold s. 85 (vgl.gawaurkjan goþs. Ulfilas Röm. 7, 18); alles das gut, das der haillig geist ie gewürcket in allen rainen hertzen ... Heinr. v. Nördlingen an Margaretha Ebner (1346) Strauch s. 253 (vgl. dagegen sundea gewirkean. Heliand 3226 u. a.; dauþu gawaurkjan. Ulfilas Röm. 7, 13); daʒ minst, daʒ gnad ist, daʒ ist edler und hoher dan alleʒ daʒ creaturen gewurchen mugen. pred. der Nürnberger Eckhartschr. bei Jostes s. 21;

[Bd. 6, Sp. 6118]


als man dan durch mirket
alles daʒ her gewirket;
so enist iʒ niht wen lugene
mit zouberlicher trugene
von des tuvels craft her geschen.
Heinr. v. Hesler apokalypse 18764 Helm;

die wachter merckten eben,
was lieb gewürcken kan
in ainem sölichen leben.
Hätzlerin 1, 11, 83 Haltaus s. 11;

ganz ähnlich schon Joh. v. Würzburg Wilh. v. Österreich 11615;

Aretha die Romer vorhte,
daʒ selbe an im geworhte,
daʒ er ufbrach mit aller schar. das buch der Maccabäer 12156 Helm.

(entsprechende fügung schon im Heliand 2527.)
2) der absolute gebrauch:
a) neben präpositionalbestimmungen kann das verbum am ehesten des objects entbehren; doch liegen für die verstärkten formen auch hier erst vom ausgang des 13. jahrh. ab belege vor, meist aus der sprache der mystiker.
α)

der lip, ob man die warheit giht,
mag an die sele gewirken niht.
Heinr. v. Neustadt visio Philib erti 224 Singer

ie daʒ dink kleinlicher ist, ie eʒ kreftiger ist. do von mag eʒ gewurken in die dink, die grober sint und die under in sint. pred. der Nürnberger Eckhart-handschr. bei Jostes s. 70.
β) hab taugen wandel, daʒ ich taugenlich in dir gewurken mug. pred. der Nürnberger Eckhart-handschr. bei Jostes s. 55; daʒ er alleine in uns gewirken moge. Nic. v. Landau bei Zuchhold s. 65b; ähnlich Eckhart, s. zschr. f. d. alt. 15, 414; unde wo er irluthet, beschirmet oder wirket an einre stat, die wile enmag er in einre andirn stat nit gesin noch gewirken. Nic. v. Landau predigt bei Zuchhold 81 (bei meister Eckhart: gewerkin); der (ein meister) ordende waʒʒer uber wein alʒo, daʒ deʒ weines craft mak darinne gewurchen. Jostes s. 10; alse das obrist element ninder sô wol gewürken mac dan in dem grunde der erde, dâ würket eʒ golt unde silber und edelgestein. meister Eckhart (pred. 46), s. myst. 2, 156; ein iegelich ding wirket in wesene. kein ding mag gewirken uber sin wesen, daʒ fur enmag nit gewirken dan in sime wesene unde inme holtze. Nic. v. Landau bei Zuchhold s. 86 (bei Eckhart: gewerkin ebenda; würken bei Jostes s. 26).
γ)

ze Narne ein wîp het ein hant,
diu was erstarret unde geswant,
daʒ in aht jâren sie
dâmit enmohte gewurchen nie.
Lamprecht v. Regensburg Franciscus 4637 Weinhold.


b) ohne ziel- und ortsbestimmungen ist die unterdrückung des objectes nur selten belegt: sein gotliche hant krefticlichen gewirket: sein gotlichen hant hat sant Jeronimus erhohet. Joh. v. Neumarkt leben des hl. Hieronymus 105, 94 Benedikt (dextera domini fecit virtutem); wan ich mʒ wirken di werc des der mih gesant hât, alse lange iʒ tag ist: wan die nacht kummit, wenne nîmant gewirken mac. Joh. 9, 4 Beheim (Bechstein s. 202; ebenso cod. Tepl.; wircken Mentel u. a., ebenso Luther, Emser, Dietenberger, Eck; werken Quentel, Arndes, Züricher bibel; schaffen Weizsäcker; waurkjan Ulfilas, ἐργάζεσθαι. die stelle übernommen [gewircken] von Heinr. v. Nördlingen an Marg. Ebner 265 Strauch). Otfrid zeigt an der gleichen stelle das verbum relativ gebraucht: thaʒ megi er wiht gewirken. 3, 20, 19.
 
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gewirkt , participiales adjectiv zu wirken (s. d.), mit dem es den gegensatz neuerer schriftsprachlicher form gegen ältere lautgebung ebenso theilt wie das substantiv gewirk (s. d.). der erste beleg für entrundeten vocal bei Eberhart v. Sax: wol gewircket neben gewurket s. Bartsch, Schweiz. minnes. 365, 99. in der bedeutungsentwickelung geht das particip ähnliche wege wie das substantiv, es engt die breite grundlage der ursprünglichen bedeutung immermehr ein und bevorzugt im neueren gebrauch die beziehung auf das flechtwerk. aber als verbalform vermag das particip mehr als das substantiv vom verbum her sich aufzufrischen und so trägt es in einzelnen stilformen, wie in der sprache der philosophie, oder bei einzelnen stilisten wie Göthe reste der umfassenden verwendung des verbums auch in feste attributive verbindungen.

[Bd. 6, Sp. 6119]



1) von der breiten grundlage, wie sie durch die verwendungen des verbums gedeckt ist,
a) zweigen schon früh attributive verbindungen des particips ab: egesta humo, kaworahtiu erdo (Reichenauer glossen zu 5 Mos. 23, 13) Steinmeyer-Sievers 1, 374; vgl. auch edito loco, caworahtemo (Wiener glossen z. Hrab.-Keron. gloss., in anderen handschr. cascafanero steteo) 1, 117;

alsô diu sunne schînet
durch ganʒ geworhteʒ glas, (C: gewúrhtes)
alsô gebar diu reine Krist, diu magt und muoter was.
Walther 4, 12 Lachmann;

durch die geworchten goltvaz
mac niemant mitten in gesen.
Heinr. v. Hesler apokalypse 21456 Helm;

... ûʒ einer krone von golde geworht. Hartmann Erec 2338; vgl. auch nuske guldin maisterliche gewirket. var. der Wiener handschr. des 15. jahrh. für gewiere bei Heinr. v. Veldeke Eneide 787; ainen bon von golde riche gewurket maisterliche von edelme gestaine. Rudolf v. Ems Willehalm v. Orlens 6376 Junk;

der meister machte vier rat,
ein werc also gruwesam, ...
manic scharf geworchter nagel
was da gehaft alumme
in cirkelechter krumme. passional (Katherina) 683, 72 Köpke;

mîns friundes grüeʒen solte vester sîn dann stein,
an ganzen triuwen slehter dann sin niuwe geworhter zein. meisterlieder der Kolmarer handschr. (156, 30) 539 Bartsch;

doch nit alse got, sunder alse ein bilde von gode gemaht und geworht. Nicol. v. Landau, predigt über Johannes bei Zuchhold 123; daʒ andere werg ist ein geworht werg und daʒ enmag got nit gesin. 124; vgl. der tiufel schf geworht daʒ werch. Joh. v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 11878; ghewrocht silver, argentum factum. Kilian 147b.
b) in der neueren sprache sind in solchen verbindungen die concreta als träger des attributes aus dem litterarischen gebrauch zurückgetreten, soweit es sich nicht um das flechtwerk handelt (s. 2). dasz die sprache des täglichen lebens an der alten freiheit länger fest hielt, zeigt die späte buchung gut gewirktes brod, pain bien travaillé. Schwan 1, 746b, ein zeugnis für den einflusz des substantivs auf die bedeutung des mit ihm verbundenen verbums.
α) dagegen machen sich immer mehr abstracta als träger des attributes geltend, sie treten noch zu den älteren formen des particips; vgl.: gewurckt sunde oder vollbracht sunde, peccatum actuale. voc. theut. (1482) m 5b; als er die von unserm heiland, und seeligmacher ... gewürckte wunderding hörte. Fr. Caccia hl. Antonius v. Padua 2; das allergröste von Antonio gewürckte wunderwerck. ebenda 46; ebenso (gewürckte mirackel) 45 und 256; desgleichen (sachen) 81; (geschicht) 52. gegen: wählt ihr hin und wieder von selbst gewirkte begebenheiten, mithin erzeugung aus freiheit: so verfolgt euch das warum nach einem unvermeidlichen naturgesetze. Kant (krit. d. reinen vernunft 1787) 3, 337 Akademie; ein durch vernunftbegriff selbstgewirktes gefühl. 4, 19 u. a. s. th. 10, 1 sp. 475; nur das unvollkommene, das eingeschränkte ... zerstört sich: das gewürkte vollkommene bleibt. Herder (urs. d. ges. geschmackes) 5, 647; der einzige unterschied zwischen dem verderblichen wirken übermäszig gemachter inländischer anlehen, und das maas überschreitender auswärts gewirkter schulden. Lotz handbuch d. staatswirthschaftslehre 3, 412.
β) Göthe, der von diesen wendungen gebrauch macht, liebt ihn auch auf concreta auszudehnen: der regenbogen, ob wir ihn gleich als durch refraction gewirkt anerkennen, hat doch das eigene ... (nachträge zur farbenlehre: entoptische farben 31) 55, 50; unsre betrachtungen beziehen sich also 1) auf das vorbild, 2) auf die beleuchtung, 3) auf die linse, 4) auf das gewirkte abbild und 5) auf die aus den erscheinungen gezogene folgerung. (farbenlehre, polemischer theil 53) 59, 34; die durch den schloszbrand gewirkten gräulichen ruinen betrachtete man schon als anlasz zu neuen thätigkeiten. (aus meinem leben 20) 48, 174.
γ) auf Göthe führt auch die substantivierung des part. zurück: in dem erfolg der literaturen wird das frühere wirksame verdunkelt und das daraus entsprungene gewirkte nimmt überhand, deswegen man wohlthut von zeit zu zeit wieder zurückzublicken. (maximen u. reflexionen 5) 49, 122; daher musz das wirkende trefflicher

[Bd. 6, Sp. 6120]


sein als das gewirkte. 105; ob mit recht oder unrecht, weisz ja der verfasser selber nie, da er aus seinen arbeiten zuletzt doch immer nur das gewollte herauslieset, nicht das gewirkte. Stifter (studien 1. vorrede) 1, 5 Sauer.
2) die engere beziehung auf ein flechtwerk, wenn sie auch schon in der älteren form des particips erscheint, ist im wesentlichen an das schriftsprachliche gewirkt gebunden: gewurckt, contextus voc. theut. Nürnberg 1482; contextus, gewurkt (md. voc. von 1440); gewurcht (hd. von 1470); geworck, gewirck (md. 15. jahrh.), gewroch (ndd. 15. jahrh.), gewirket (15. jahrh. md.). Diefenbach 146c; gewirckt, textum. Henisch 1602; gewirckt, adj. tissu, ou tissé, et lassé, textus. Duez (1664) 199a; gewirckt, u. gewebt, tessuto, un tissu. Rädlein (1711) 1, 384a; gewirkt, v. wirken. Rondeau 2, Uu 3e; ebenso Schwan 1, 746b; gewirkt, textilis, textus, contextus, staminatus. Kirsch 2, 151b; genau so Matthiae 2, 181b; staminatus, gesponnen, gewirckt. 143a; textilis, gewebt, gewirckt. 2, 212a; gewirckt, textus. Hederich 1, 1425; gewirckt, etwas gewircktes, un tissu, textum. Duez 199a; vgl. auch gework'ne n. das gewirkte, gewebte. Frischbier preusz. wb. 2, 524. den bei gewirk für die sachbedeutung beobachteten drei gruppen entsprechen auch hier dreierlei arten von trägern des attributs:
a) die auf die arbeit selbst zielende tautologische formel gewirktes werk wird später durch verbindungen verdrängt, die mehr und mehr specialisieren: vnd mit purpur ein gewürktes werck ist des manns gezierde. Eggesteyn Syr. 45, 12 (purpura, opus textile; ebenso Koburger; gewracht werck. Quentel; gewrocht. Arndes; purpur gewürckte arbait. Eck; kunstwirkerarbeit. Kautzsch; künstlich gewirckt. Luther); allerlei köstliche unnd kunstreiche bild, gemalte tafeln, gewirckt heidnische werck, geschirr und grosze bächer. Livius dtsch. (1572) 4, 79a (45, 33: exposita statuarum tabularumque, textilium et vasorum); textilis pictura, gwürckt bildwerck auff teckinen. Cholinus-Frisius 857a; gewürckt oder gestickt bildwerck auff deckinen oder tcheren. Frisius 1308b; genau so Maaler 180b; ein gemelde in ein teppich gewircket. Faber 859a; gewrcktes bildwerck in teppichen. Dentzler 803a; gewirckt mahlwerck, une peinture, tissuë, ou tapisserie historiée, pictura textilis. Duez 199a; ebenso Rädlein 1, 384a; mit gold und silber gewirckte arbeit, tessitura d'oro e d'argento, travail d'or et d'argent, du petit métier. Rädlein (1711) 1, 384a;

es glänzen hier in weichen kleidern, gewirket von der harten hand
des fleisses, menschliche insekten. (which the hard hand of industry has wrought.)
Brockes Thomsons jahreszeiten (sommer) 169;

denn der staub auf ihrer schwelle
ist dem teppich vorzuziehen,
dessen goldgewirkte blumen
Mahmuds günstlinge beknieen.
Göthe (divan: buch d. sängers: all leben) 5, 24.


b) zäher halten sich die verbindungen mit einzelnen gewandstoffen als trägern des attributs. den alten festen formeln treten neue zur seite: vnd er machet eilff gewürckte tücher von geiszhaaren zur hütten über die wonung. Züricher bibel 1527. 2 Mos. 36, 14 (vnd er machet eilff teppich von zigenharen. Luther). vgl.: eʒ sol auch nieman kain gra tch verkaufen, eʒ haben denne der maister drei oder ze dem minsten zwene besehen vor, daʒ eʒ also geworcht si und gewalken, als eʒ gesetzt ist. Nürnberg. polizeiordn. (14. jahrh.) 162 Baader; und solt ein tuch machen in die thür gewirkt von geler seiden. Luther 2. Mos. 26, 36; vgl. auch gewirktes tuch, aulaea, tapes u. a. unter c); flannell ist ein englischer, insgemein grob und leicht gewürckter. wollener krauser zeug. Amaranthes (Herdegen) frauenzimmer-lexicon 547 s. z. f. d. wortf. 8, 71a; camelot, ein aus cameel-haaren gewürckter zeug. Sperander a la modesprach der Teutschen (1727) 84b; dasz ich schöne neue seidene mit goldenem blumwerck gewürckte zeiche hätte. Türckischer vagant (21) 175;

die zeit war schön, der himmel glänzte wieder,
und Tellus wob ir buntgewirktes tuch,
voll blauer trauben duftete der flieder,
die maienglocke streute wohlgeruch ...
Platen (gelegenheitsged.: an einen freund) 1, 512 Redlich;

gewirkte peise. Eggesteyn 2. Mos. 26, 36 (bei Zainer u. a. bissz, vgl.βύσσος); tela bene densata, ac tenui filo, eine

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dicke wolgewirckte leinwad, von kleiner gespunst. Joh. Ludw. Praschius thesaurus onomasticus 95; eine lange tafel war mit gewirktem linnenzeug gedeckt, worein laubwerk mit hirschen, jägern und hunden mit grüner seide und goldfäden gewoben war. G. Keller (leute v. Seldwyla 2: Dietegen) 522, 191; der schneeweisze gewirkte damast auf dem runden tische war von einem grüngestickten tischläufer durchzogen. Thomas Mann Buddenbrooks (4, 5) 1, 279; laszt schawen, sagte er, ob das armbandt noch vnverletzet sei, vnd ob der gewürckten seiden daran nichts mangele. Opitz übers. v. Barclay's Argenis (2, 15) 1, 301; ebenso (1, 2, 7) 1, 227;

der grosze Artus hielt, vor seiner burg
... unter einem offnen zelt
von goldgewirktem sammet seinen hof.
Wieland (Geron der adeliche) 18, 15;

der purpur ist entzwei; die liljen-weisze seiden,
das theure stüchwerk aus geübter hand,
gewürckt metall, das silberne gewand,
und was der Sere spinnt, muss nicht die lenden kleiden.
A. Gryphius (oden 3, 6) lyr. ged. 272 Palm;

ein breitgewirktes gold umgab der weste rand.
Zachariä (der renommist 3) 1, 59;

vgl. auch die übertragung: ich wil aber für disesmahl, den, von dem günstigen himmel selbst gewirkten purpur seiner schönen und köstlichen tugenden, nicht weiters aufwikkeln. Butschky hd. kanzellei 4, 107.
c) am reichsten entwickelt sind die verbindungen, die den gebrauchsgegenstand kennzeichnen, dem die arbeit gilt. sie leben auch im neuesten sprachgebrauch weiter, vgl.: wirkerei, zweig der textilindustrie, der sich mit der herstellung gewirkter gebrauchgegenstände (strümpfe, beinkleider, handschuhe etc.) befasst. Lueger lex. der ges. technik 7, 944.
α) gegensätze in der technik des webens und wandlungen in der ausschmückung des hauses spiegeln sich in den verschiedenen zeugnissen für solche gewirkte tücher, die dem gebrauch in wohnräumen, vor allem der wandbekleidung dienen (aulaea, tapes u. a.). ihren ursprung, der nach dem orient weist, verraten sie durch die in den wörterbüchern lange festgehaltene verbindung heidnische gewirkte tücher. ihren höhepunkt erreichte diese industrie später im westen Europas; und die romantechnik des 19. jahrh. weist immer gerne auf gewirkte teppiche (tapeten) hin, wo sie die pracht alter zeiten veranschaulicht: aulœa, gewürckte heidnische tcher, tapeten, etc. Cholinus - Frisius 111a; genau so Frisius 143a; ebenso Dasypodius, Maaler, Henisch; peristroma, vmmhang, fürhang, tapeten, heidische oder gewürckte tcher. Frisius 983a (umbhang. Cholinus-Frisius 648a); tapes, tapetum, ein gewürckte decke oder serge, heidnische decke, teppich. Dasypodius Ll 2d; ebenso Serranus C 3b (gewirckte); babylonicum, tapezerei, gewirckete tücher. Andr. Reyher theatr. rom.-teut. 1, 642; aulaea babylonica, attalica, kstliche gewürckte teppich. Dentzler 81a; aulaea, ein serg, decke, ein schön gewirckt tuch. Serranus C 2a; aulaea ... tapeten, gewirckter teppich, fürhang. Matthiae 1, 154b; peristroma, fürhang, gewirckte tcher. König 852b; tapetum .., teppich, gewürckt tch oder tecke. Cholinus-Frisius 846b; ebenso Frisius 1289b; ebenso Bentzius 1, 127; gewürckte tücher, damit man die wend bedeckt, plage, peripetasmata. Maaler 180b; gewürckt tuch, tapezzaria, tapeti. Hulsius (1605) 63b; tapete, ein teppich, gewirkt tuch, deren man sich zur bekleidung der zimmer und bedeckung der tische bedienet. Sperander 723a; textilibus onerat donis, verehrungen von gewirckten teppichten. Faber 859a; textile, ein gewirckter teppich, tuch, oder zeug. Matthiae 2, 212a; in ain küniglichen stel, mit künstlich gewürckter tapezerei bedeckt. Schaidenreiszer Odyssee 2b; für wem, (wären) jene so herrliche, schön aus gold gewirckte fürhänge? Fr. Caccia hl. Antonius v. Padua (2) 120; gewirkte tapeten, tapisserie de haute-lisse. Schwan 1, 746b; gewürkte tapeten. unter dieser allgemeinen benennung begreift man die hautelisse- und basselissetapeten, desgleichen die tapeten, die man savonnerie nennet. alle drei arten werden auf einem stuhl gewürkt, und die beiden ersten unterscheiden sich nur dadurch von der letzern, dasz jene einen glatten grund, da im gegentheil die tapeten der savonnerie einen sammetartigen oder geschnittenen grund haben. Jacobsson technol. wb. (1782) 286b; von den nicht minder berühmten Brüsseler gewirkten tapeten existirten vor wenig jahren noch fünf

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fabriken. G. Forster ansichten vom Niederrhein 2, 179 (1804); mir besonders war dabei das gebäude merkwürdig, das zu ihrem empfang (der Marie Antoinette) ... auf einer Rheininsel ... aufgerichtet stand. was mich daran besonders interesirte ... waren die gewirkten tapeten, mit denen man das ganze inwendig ausgeschlagen hatte. Göthe (dichtung u. wahrheit 2, 9), 25, 234; zuletzt der alte (der doge) mit goldener phrygischer mütze geschmückt, ... drei diener sich seiner schleppe bemächtigen, alles auf einem kleinen platz vor dem portal einer kirche .., so glaubt man auf einmal eine alte gewirkte tapete zu sehen, aber recht gut gezeichnet und colorirt. (ital. reise 1. 6. oct. 1786) 27, 129; dem ist leicht abzuhelfen. wir haben ja die gewirkten tapeten, die nichts als wälder und gegenden vorstellen. (triumpf der empfindsamkeit 2) 14, 22; an den wänden hingen gewirkte tapeten, welche alte turniere darstellen. Arnim (Isabella v. Ägypten) 1, 64; als daher der Capuaner sich abermals bei der fürstin melden liesz, verbarg sich der könig hinter den gewirkten teppichen, mit denen man in damaliger Zeit die gemächer, anstatt der tapeten, zu behängen pflegte. Platen (gesch. des königreichs Neapel 1, 6) 3, 29 Redlich; es war der verblichene glanz eines früheren jahrhunderts ... die schweren gewirkten tapeten, mit leisten befestigt, die einst vergoldet waren und deren farbe jetzt ins dunkelbraune spielte. W. Hauff das bild des kaisers cap. 3; uralte gewirkte tapeten mit abenteuerlichen schildereien, zwei lange reihen von porträts bedeckten die wände. Mörike (der schatz) 6, 81 Krausz; die wände waren mit alten seidengewändern, gewirkten stoffen und teppichen aller art behangen. Keller (grüner Heinrich 1, 6) 117, 59;

die schloszuhr tönt und mitternacht rückt näher,
da tritt aus dem in die tapetenwand
gewirkten hochzeitmahl ein pharisäer,
und sieh! ein messer blinkt in seiner hand.
H. Lingg (eine himmelbettstatt) ged. 2, 70;

der schein drang aber nicht weit umher, also dasz die gestalten auf den gewirkten tapeten, mit denen die wände bedeckt waren, nur dann und wann hell hervortraten. Paul Heyse (buch der freundschaft: Nino u. Maso) II, 6 s. 195. wo aus dem leben der gegenwart gewirkte teppiche erwähnt werden, dienen sie vorzugsweise der bekleidung des fuszbodens: hügel und thäler und wasser, und städte und dörfer, alles durcheinander wie ein gewirkter fuszteppich. H. v. Kleist (an seine braut 1800) 5, 147 Minde-Pouet; so sah es auch in seinem atelier aus, alles bunt durcheinander; die schönsten venezianischen gläser ... kostbare musikinstrumente ... dann wieder auf einem schweren gewirkten teppich ein zinnener teller mit ein paar käserinden. Paul Heyse (neue novellen: das schöne Käthchen) rom. u. nov. II, 8 s. 118.
β) den verhältnissen entsprechend steht im mittelpunkt älterer verbindungen auch die kleidung. die neueren formeln sind in bezug auf kleidungsstücke, die durch die arbeit des wirkens gleich gebrauchsfertig werden, an einen kleineren kreis gebunden.
1)) nexilis ante fuit vestis, quam texile (!) tegmen (!), gestrickte kleider sind ehe gewesen, als gewirkte. Faber 859a; gewirkte kleider, des habits tissus ou tissés, vestes textae. Duez (1664) 199a; vestiti tissuti, habits tissus. Rädlein 1, 384a;

wollig und purpurn war das gewand des erhabnen Odysseus,
doppeltgewirkt.
Wiedasch übers. der Odyssee 19, 226 (
Voss: zwiefach; διπλῆν);

und zog das weiche gewand an,
sauber und neu gewirkt (καλὸν νηγάτεον), und warf den mantel drüber.
Voss (Ilias 2, 43) 4, 27 Hempel;

aus der sacristei ward aller ornat, meszgewand, die schönen altar-decken, die sammeten, seidenen und mit gold gewirckten caseln, chor-röcke ... herausgerissen. Thomas Bahr laninna Pasewalcensis (1705) 26.
2)) die haare der frauen stacken unter netzen, darein gute perlen gefaszt waren, oder auch unter mit gold gewirkten hauben. Paul v. Stetten kunst-, gewerb u. handwerksgesch. von Augsburg 2, 88; obenauf lag jener bunt und prächtig gewirkte schal, den ihm seine mutter als das kostbarste stück der ganzen ausstattung besonders gepriesen hatte. Paul Heyse (die reise nach dem glück) rom. u. nov. II, 7 s. 247; gewirckte strmpffe, calzette tessute,

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des bas tissus. Rädlein (1711) 1, 384a; gewirkte strmpffe, bas tissus (faits au métier). Rondeau (1765) 2, Uu 3e; ebenso Schwan (1783) 1, 746b; gewirckt, i. e. gewebte strmpfe. Kramer 2, 97b; die hände von den grauen gewirkten handschuhen zu befreien. P. Heyse (zwei gefangene) II, 9 s. 232.
γ) unter den sonstigen gebrauchsgegenständen ist neuerdings vor allem die verbindung gewirktes band (schnur) bevorzugt, bei der der gegensatz von gewirkt gegen gezwirnt besonders deutlich wird:
1)) collocari hominem iussit in aureo lecto strato, pulcherrimo textili stragulo, mit sehr schnem gewirckten bettgewand. Faber 859a; hiermit überreichte ihm die hochbekümmerte Jannetine einen mit gold gewürckten beutel, darinnen über 100 rthl. an golde waren. Happel academischer roman (1741) 110;

kaum spricht Pervont ihn (den wunsch) aus, so ist er schon erfüllt.
der goldgewirkte beutel schwillt
von lauter wichtigen zechinen.
Wieland (Pervonte 3) 18 (1796), 205;

schwinge, schwinge deine fahnen,
holder mai, auf hellen bahnen,
blau gewirkt mit weiszen flocken
blumenkränze um den rand!
Wilhelm Müller (frühlingslied) 408 Hatfield.


2))

des kutschers braune faust hält den gewirkten zaum,
er läszt den zügel nach.
Zachariä (verwandlungen 2) 1, 153;

und einem goldenen, oder seidenen, farbigen und mit gold gewirkten bande unten. G. Forster ansichten vom Niederrhein 3 (1794), 76; da ich nun nach solchem gebete einen merklichen trost in meinem herzen spürte, nahm ich ein gülden gewirktes band, worauf das ave Maria stand, aus meinem gebetbüchlein, und hängte es, durch das gitter langend, dem bilde der jungfrau Maria über den arm. Clemens Brentano (aus der chron. eines fahrenden schülers) 4 (1852), 8; auf dem gewirkten bande, an dem diese tasche hing. Stifter (der waldgänger: 1. am waldwasser) erz. 2, 42 Aprent; deine briefe wandern mit mir, die ich wie eine buntgewirkte schnur auftröszle, um den schönen reichthum den sie enthalten, zu ordnen. Bettina Göthes briefw. m. e. kinde 1, 229;

der satan legt euch goldgewirkte schlingen,
es geht nicht zu mit frommen rechten dingen.
Göthe (Faust II, 1) 41, 17;


 
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gewirr, gewirre, n. , nhd. form für das ältere gewerre s. sp. 5675 ff. dort war beobachtet worden, wie sich die formen mit i zunächst unter oberd. einflusz an stelle von gewerre, gewerren u. a. einbürgern. bei Luther steht gewirre in variante neben gewerre. die chronik von Welser und Werlichius stellt beide formen zu einer tautologischen bildung zusammen: welcher auff diesem reichsztag ein gwirr gwerr gemacht. 3, 18. in der neuen form tritt gewirre zugleich auch mit der verwendung und mit den verbindungen, die es eingeht, in einen gegensatz zu dem älteren wort. dieses hatte sich auf den begriff zwiespalt, zwietracht beschränkt, aus dem dann in der wortverbindung ein gewerre machen die bedeutung einer unliebsamen störung, eines hindernisses sich entwickelte. diese letztere bedeutungzumeist an die formel ein gewirre machen gebundenlebt in den ältesten belegen für gewirre fort. die hauptmasse aller zeugnisse für gewirre, gewirr, die vom 18. jahrh. bis in den neuesten sprachgebrauch hinein sich immer mehren, läszt aber eine andere bedeutung erschlieszen, die stärker unter dem einflusz des verbums steht, gleich wie die substantivbildung wirrsal und das spät gebildete adjectiv wirr, mit denen es sich am nächsten berührt, während die bedeutung von gewerre in dem jüngeren pluraletantum wirren fortlebt. in der älteren sprache war die bedeutung wirrsal nur am verbum (werren, wirren — verwirren) zur geltung gekommen; substantivbildungen sind hierfür nur in mundarten beobachtet und lassen sich nicht sicher nach rückwärts verfolgen vgl. die oben für gewerre beigebrachten zeugnisse aus Bruns volksw. der prov. Sachsen 9b (gewerre, krummstroh); Jecht 42 (jewärre) s. o. sp. 5677. in thüringischer mundart sind formen mit dem dort beliebten suffix belegt: gewirr (verwirrte fäden), gewirz, gewirzchen. Hertel thür. sprachschatz 259; gewirz gewirr, s. Regel Ruhlaer mundart 83; gewirzchen ebenda; vgl. auch Bech Germania 14, 432. in der bairischen mundart ist der stammvocal durch die nachfolgende

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liquida beeinfluszt, auszerdem tritt hier ein l-suffix an: gwurrl und gsäus Schmeller 22, sp. 980.
mundartliche einflüssejedoch gekreuzt durch grammatikalische regelung und stilistische neigungenverraten sich auch im auslaut des schriftsprachlichen wortes: für die sachbedeutung (s. 2, b) ist durchgehends die form gewirre gebucht; sonst herrscht in den älteren zeugnissen, die auf Luthers gewirre folgen, apokope: gewirr im volkslied des 16. jahrh., bei Lehman, Grimmelshausen gegen gewirre bei Schütze. auch Schottel, der die erste wörterbuchnotiz für unser substantiv beibringt, führt es in der form gewirr an. ihm folgen später Aler, Adelung, Campe im gegensatze zu Steinbach, Matthiae, Hederich, Rondeau, Schwan, die gewirre buchen. dieser gegensatz in der schreibung entspricht nicht ganz sonstigen beobachtungen, wonach die apokope gewöhnlich oberdeutschen einflusz verrät. er erklärt sich aber daraus, dasz einzelne schriftsteller und lexikographen nicht immer die ihnen geläufige form zur geltung bringen. so ist gerade aus den angaben bei Adelung und Campe zu ersehen, dasz ihnen die form gewirre vertrauter ist, als die für die schreibung angenommene kürzere form.
in der litteratur ist die apokope in syndetischen verbindungen vor und (s. sp. 6127) regel (gewirr und —, aber: — und gewirre), desgleichen ist sie in obliquen casus (namentlich dem dativ) beliebt. gerade hier aber lassen die Oberdeutschen, die zunächst die apokope überhaupt durchgesetzt hatten, neuerdings vollen auslaut vordringen, so G. Keller, Rosegger. umgekehrt gewinnt die kürzung, die bei Göthe, Herder, Arndt, Immermann, G. Freytag, W. Raabe nur wenig belegt ist, bei neueren vertretern mittel- und niederdeutscher landschaften immer mehr boden; sie ist bei Jahn, Hebbel, Gutzkow, Storm, P. Heyse, Fontane durchgeführt; desgleichen bei Frenssen und allen andern neuesten.
der plural ist an und für sich nur für die sachbedeutung zuständig, die sich aus einer bedeutungsverengerung des begriffes wirrsal entwickelt (s. 2, b). ausnahmsweise ist auch vom allgemeinen begriff der plural belegt:

in labyrinthischen gewirren
schwankt ungewisz der mensch dahin:
und diesz, diesz ist sein rang; nur er, der diesen sinn
für recht und licht empfing, der hohe mensch kann irren.
Tiedge (Urania 2) 14, 26.

im folgenden steht er deutlich unter dem einflusz des pluraletantum wirren:

entfliehen laszt mich, fliehn aus den gewirren
des Occidents zum heitern Morgenland!
Schack (nächte des Orients 1) 1, 9.


1) verbindungen, die sich in der bedeutungsrichtung des älteren gewerre halten: das ich aber solt widderruffen meine lere, da wirt nichts ausz, darffs ihm auch niemant furnehmen, er wolt denn die sach noch in ein grosser gewirre treibenn, da tzu mag ich nit leiden regel oder masse, die schrifft auszzulegen. Luther (sendbrief an Leo X. 1520) 7, 9 Weimar (var. gewerre); denn, so dis concilium uns so viel gewirres gibt, was solts werden, wenn wir die andern auch solten fürnemen? (v. d. concilijs u. kirchen 1539) 7, 227a Jena 1581 u. a.; dadurch wir anders nicht mercken können noch vernehmen, denn das ihr zwitracht, spähne und gewirre zwischen uns zusehen und zustifften versuchet. Schütze Preuszen (1599) 220b (brief der Danziger); nach diesem kan man leichtlich erachten, dasz die dame nicht lang verzogen dem cavalier den eussersten geneigten willen zu erzeigen, und dieses wärete 4 oder 5 monat, dasz kein gewirr darein kam. histoire amoureuse des Gaules (Geneve 1667) 9; er wolte auch die hochzeit gleich für sich gehen lassen, ehe ein ander gewirr drein käme; aber der bernhäuter wolte nicht, sondern wendet andere geschäffte vor. Grimmelshausen (der erste beernhäuter) Simplicianische schriften 4, 308 Kurz. die beliebteste verbindung ist, wie schon bemerkt, ein gewirr machen, vgl. ein gewerre machen. Luther Hebr. 12, 15 u. a., s. o. sp. 5677;

das bachschmalz tt mir vil z lieb,
das schepf ich aus dem Lech,
es machet mir nit faiszt mein rieb,
dennocht ichs nit verschmäch;
in meinem gelt wird ich nit irr,
mein guldin machen mir kain gwirr,
mein allerbestes silbergschirr
das ist verrent mit bech. volkslied (um 1525) bei
Uhland alte hoch- u. nd. volksl. 723;

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mancher macht einem vor augen unnd ohren so ein gewirr, wie ein schnack. Ch. Lehman florilegium polit. 81 (beschwerden nr. 42); mir aber war diese schnelle hochzeit trefflich gesund, dan wan ich doch verehlichet, und gemeinem gebrauch nach über die cantzel hätte abgeworffen werden sollen, so hätten sich besorglich schleppsäcke gefunden, die mir ein verhinderliches gewirr drein zumachen unterstanden, dan ich hatte solcher unter den bürgerstöchtern ein gantz halb dutzet, die mich mehr als allzuwol kanten. Grimmelshausen Simplic. (3, 22) 278 Kögel; anders (s. sp. 6127) Simplic. Haspel-Hannsz 74 u. a., s. sp. 6135; länger als der litterarische gebrauch halten die buchungen gerade diese wendung fest: in einer sache gewirr machen, aliquid turbare, perturbare. Aler 1, 938a; gewirr machen, perplexe agere, loqui u. a. ebenda; genau so (gewirre) Kirsch 2, 151b; Matthiae 2, 181b; perplexor ... scrupel und gewirre machen. 1, 995a; dazu vergleiche: gewirr, turbatio, burrae. Aler; gewirre, turbatio, tricae, burrae, implicatio. Steinbach 2, 1039; burrae, tricae. Hederich 1, 1425. dasz die verbindung gewirre machen mit der alten bedeutung im mundartlichen gebrauch noch fortlebt, dafür spricht: du häst me ä sch gewirzchen gemjt. Regel Ruhlaer mundart 193; vgl. auch wirri werri machen. Martin u. Lienhart 846a.
2) der neuere begriff: gewirr, gewirre = wirrsal: gewirre, oder geverre, heist ein unordentlich zusammengeworffenes wesen. Chomel 4, 1061; gewirre, n. entortillement; brouillement; chose brouillée p. e. du fil etc. Rondeau Uu 3e; das gewirr, die handlung des wirrens oder verwirrens, und eine verworrene sache selbst, so wohl eigentlich als figürlich. so wirt im gemeinen leben verworrener zwirn so wohl, als eine jede andere verworrene sache, eine verwirrung, ein gewirre genannt; nieders. ein wirrwarr. s. verwirren. Adelung 2, 667 ; ähnlich Campe 2, 365b; gewirre ... l'action d'entrelacer, d'entortiller; it. l'entrelacement, entortillement, brouillement, chose brouillée. it. fig. l'embarras, le labyrinthe. Schwan (1783) 1, 746b. 747a; gewirr, n. or gewirre, n. 1) the act of entangling, confounding or complicating. 2) entanglement, confusion, complication. Hilpert II, 1 s. 465a. die bedeutungsunterschiede, die sich bei Adelung und Campe aus dem gegensatz zwischen einem nomen actionis und der sachbedeutung ergeben, müssen etwas anders gefaszt werden, da parallel mit ihnen auch eine bedeutungsverengerung läuft. der allgemeine umfassende begriff kennzeichnet ein geschehnis, noch häufiger einen zustand und er entwickelt hieraus auch einen collectivbegriff; dagegen ist die bedeutungsverengerung an die entwicklung einer sachbedeutung geknüpft. diese thatsachen sind bei Eberhard - Lyon s. 931 zwar nicht klar erfaszt, aber doch angedeutet.
a) der allgemeine umfassende begriff, der einen zustand kennzeichnet und von da zum collectiv überführt:

Atheor, der ewige aufruhr,
dieser gebar nur das leben, und rief aus dem chaos die schöpfung.
sieh nun, das weltall stürzte zurück in chaotischen schlummer,
wirkte nicht ewig in aller natur, wie unten, so oben,
dieses gewirr, diesz sind nun die offenbarungen Satans.
Fr. v. Sonnenberg Donatoa (4) I, 2 s. 269;

vgl.chaos, DWB urgemenge, DWB gewirr. Campe 2, 365b; die selbe gleichung (s. γ) bei Klinger 5, 332; Herder 10, 294; die wagen hielten auf den plätzen, die menschen irrten auf den straszen, das quartieramt, von allen seiten bestürmt, wuszte kaum rath zu schaffen. ein solches gewirre jedoch ist wie eine art lotterie, der glückliche zieht irgend einen gewinn. Göthe (campagne in Frankreich) 30, 7; lieber Kestner ihr wisst mein leben läszt sich nie detailliren und heute vielleicht weniger als jemals, heut wars ein gewirre, ein recht toll und wunderbaar leben. (an Kestner) briefe 2, 83; aber ich hätte mir und ihnen selbst die freude verdorben, wenn ich heute hätte materien berühren wollen, die mir weder mein auge, noch das gewirre im hause, da meine mutter morgen in die stadt zieht, auszuführen erlaubt hätte. Wilh. v. Humboldt an Schiller (1795) Leitzmann s. 240; denn wie klein war der umfang, der alle das gewirre umschlosz, in welches seine besorgnisse und bekümmernisse verflochten waren, und vor ihm lag die grosze welt. K. Ph. Moritz Anton Reiser (3) 242 Geiger; die völlige ansicht dieses gewirres mit seinen ursachen und folgen liegt selten uns ganz vor

[Bd. 6, Sp. 6126]


dem auge. Herder (kleine schriften) 18, 368. vgl. labyrinth ... gewirre Campe verdeutschungswb. 2, 438a; vgl. auch labyrinthische gewirre sp. 6124.
α) für den gegensatz zwischen der jüngeren und der älteren bedeutung von gewirr sind schon die synonyma kennzeichnend, mit denen das substantiv formelhafte verbindungen eingeht. in der älteren sprache überwog die verbindung gewerre unde nit (vgl. auch zwietracht, späne und gewirr, s. o. sp. 6124), während dem jüngeren gewirr meist substantiva zur seite treten, die den begriff der unordnung in anderer richtung herausarbeiten. sie lassen sich der hauptsache nach in zwei gruppen gliedern, je nachdem an dem begriff des wirrsals mehr die bewegung, das gedränge (gewirr und gewimmel) oder das geräusch hervorgehoben wird, das sich mit jeder art von unordnung so leicht verbindet (gewirr und geschwirr). manche verbindungen, die durch die besonderheiten des jeweiligen zusammenhanges bedingt sind, dringen nicht bis zur formel vor; meist kommt in ihnen eine üble nebenbedeutung, die dem begriff der unordnung anhaftet, zur geltung.
1)) in dem grösztmöglichen gewirr und gewimmel. Göthe 30, 134, s. o. sp. 5833;

ei mein was kann
er doch in dem gewirr und grosser meng bestellen?
Dietr. v. d. Werder Tassos erlösetes Jerusalem (20, 17) (1626) 241 (che farà, ben che saggio, in tanta loro confusione e si torbida e mista?; was kann er thun mit klugheit und verstande, wenn angst, verwirrung durch die haufen bricht?
Gries);

in dem gedränge und gewirre, das dadurch entstand, ... gelang es zwar Ambrosien, sich selbst dem andrange des vorbeibrausenden maskenzuges zu entziehen. Fr. Halm (haus an der Veronabrücke) 4, 114 Schlossar; 'du solltest sehen', sagte er mit wacher, voller stimme, 'was für ein gewühl und für ein gewirr es ist in dieser zeit, nicht allein in Berlin, sondern im ganzen land. diese gewaltige wirtschaftliche wandlung in diesen letzten dreiszig jahren! Frenssen Hilligenlei (20)83 385; was soll mir endlich das weib in dem vollen gewirre und reiszenden strudel des gedrängten und getümmelvollen lebens? wo so viele festere und besonnenere männer sich verlieren und zu grunde gehen, da sollte dies leichtere und zartere wesen sich halten können ...? E. M. Arndt reisen (bruchst. einer reise durch Frankreich 2) 5 (1802), 277; so bin ich denn auf einen tag in der stadt gewesen, bin in dem gewirr und gewog' wie träumend einhergegangen, und herumgestoszen worden, weisz heut nit, zählt der tag oder nit. Anzengruber (dorfgänge 1: die fromme Kathrin') 3, 67; in dem gewirr und der unruhe, welche solche vorkehrungen (für die hofjagden) bei den städtern immer hervorbringen, blieb unser dichter ganz auf sich eingeschränkt. Streicher Schillers flucht 54 H. Hofmann.
2)) es ist jetzt wieder ein solches gewirre und geschwire in Franckfurth, dasz einem der kopf sumst. frau rath Göthe (an Anna Amalia) 1, 105 Köster; es war die tage zu viel gewirr und geschwirr um uns, auch von gleichgültigen leuten. Friedrich Arndt bei E. M. Arndt schr. f. u. a. s. l. Deutschen 1, 142; was sie da alles vor sich sehen, dies gewirr und geschwirr, diese bediente, die ... erfrischungen bieten, diese hinter einem walde von tropischen blumen versteckte musik, diese conversationen ... alles das ist lüge. K. Gutzkow die diakonissin cap. 2; ich möchte in dem gewirr und geschwirr nicht mehr leben! Levin Schücking herberge der gerechtigkeit (5) 1, 86; ach, dasz man nicht von sinnen kommt über den lärm und das gewirre. Göthe (Claudine v. Villa Bella) 57, 192;

vom actienschwindel, von speculationen
vernimmt sie aus allen gebieten und zonen (die bühnenkunst),
im eisenbahn-lärm und gewirre
da werden die sinn' ihr ängstlich und irre.
Hoffmann v. Fallersleben mein leben 6, 204;

als sie einen nachmittag das getümmel und gewirr, welches der geburt eines menschen vorherzugehen pflegt, im hause merkte, nahm sie die gröszeren kinder an die hand. E. M. Arndt schriften f. u. a. s. l. Deutschen 3, 527; diesen imponirte die grosze stadt so sehr, diese verloren in dem ungewohnten gewirr und getümmel ... ihre schlaue ländliche unbefangenheit. W. Raabe der schüdderump5 34; stimmengewirr, getümmel drauszen. H. v. Hofmannsthal Elektra s. 92; als sie dem nahe kam, verkündete ihr schor

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ein verworrenes getöse und das gewirr vieler streitenden stimmen unheil. Ernst Zahn herrgottsfäden (9)5 96; gassauf, gassab erschienen menschen mit lichtern, gewirr und murmeln nahte von überallher. Walther Siegfried Fermont3 249; ein gewirr, ein immer lauteres geschnarr von stimmen. 114.
3)) halffen auch ihnen die äpffel auffklauben, schoben aber fast mehr und sonderlich die schönsten in ihre säck, als den weibern in die körbe, ja sie machten nur den weiben noch grössers gewirr und vermischung. Simplicianischer Haspel-Hannsz 74; tausend schneidende, flehende zungen, röchlen der sterbenden, gegrinz, gewirr, gebad in blut, und leztes aufstemmen zu rächen, tobt über den gräbern. F. M. Klinger Simsone Grisaldo (1, 1) (1776) 16; mitten unter diesen unterhandlungen, über deren gewirr und unheil wohl ein ewiges dunkel liegen wird, stiegen neue plane zu kriegen und siegen auf. E. M. Arndt geist der zeit 22, 108; was es da für ein gewirre und für widersprüche in meinem innern absetzte. Bräker der arme mann im Tockenburg (selbstbiogr. 6) 186 Bülow; das gewirre und gekleckse (des systems des harmonischen weltalls) wuchs und wuchs und spiegelte sich so sichtlich auf den hauptbögen und beiblättern ab, dasz aus diesen stummen flächen in mein eignes gehirn der wahnsinn herüberzuschweben drohte. Fr. Th. Vischer auch einer 311; der begrif und beweis gottes nichts als ein werk so feiner versuche, abstractionen und spekulationen! mit so vielem gewirr und schulkram umfangen! Herder (älteste urk. 1. 7) 6, 310.
β) diesem jüngeren begriff von gewirre ist auch eine reich entwickelte gruppe von verbindungen erwachsen, die das zugehörige subject kennzeichnen, und die meist in die form der composition übergehen. vielfach kreuzen sich diese verbindungen mit denen von gewimmel und getümmel, von denen sie sich in der bedeutung charakteristisch abheben. in der kennzeichnung von naturerscheinungen, wo gewirr mit gewimmel zusammentrifft, geht es von unbewegten objecten aus, in deren häufung das bild der regellosigkeit einen schein von bewegung gewinnt. gewimmel geht dagegen von bewegten objecten aus und erreicht erst in der vorstellung des gedrängten auch den anschlusz an unbewegte. von solchen ausgangspunkten aus werden beiderseits die formen der architektur gestreift, vor allem die regellosigkeit eines städtischen straszenbildes und dieses wiederum giebt den rahmen für die lebhaftigkeit des städtischen verkehrs, den das durcheinander von wagen und pferden steigert. hier tritt neben gewimmel auch getümmel als concurrent von gewirr auf, von dem es sich namentlich in der kennzeichnung von geräuschwirkungen unterscheidet: wenn bei gewirr das durcheinander von stimmen, die disharmonie der töne entscheidend ist, so giebt für getümmel die kraftentfaltung den ausschlag, die bei gewirr nur eine begleiterscheinung ist. ganz ähnlich heben sich die beiden substantiva auch in übertragenen verwendungen ab, wo gewirr den widerstreit menschlicher empfindungen und gefühle, meinungen und eigenschaften trifft, während getümmel mehr die stärke und leidenschaftlichkeit kennzeichnet.
1)) unter den naturerscheinungen, die mit gewirr gekennzeichnet sind, bilden bewegliche objecte eine vereinzelte ausnahme: das boot wurde eine zeitlang in dem gewirr der kurzen, schweren, sich überschlagenden wogen hin und her, auf und nieder gestoszen. Frenssen Peter Moors fahrt nach Südwest (4) 35; mich dünkt, was voraus ein feierlich muttermärchen mit dem schwebenden gewirre von schattenzügen war, wird in meinem gesichtspunkt das bestimmteste, geendetste, vollste gemälde. Herder (unterh. u. briefe über d. ältest. urk. 4) 6, 180. die meisten anknüpfungspunkte bietet der baumwuchs und die pflanzenwelt, mit der auch einzelne erscheinungen am thierischen körper verwandt sind. geologische gebilde werden ebenfalls häufiger gestreift, unter demselben gesichtspunkt, unter dem die formen der architektur angezogen werden.
a)) dann als er herunter portzelte, fiel er in ein dücke gewirre von schilff und rohr (des sees). Prätorius Blockesberges verrichtung (1668) 260; und er fühlt, wie sich des baumes wurzeln unter ihm regen, ... blickt er aufwärts, so betet er, und blickt er nieder, so schwindet er in dem gewirre der wurzeln, die wie lichte schlangen um ihn

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wühlen. Cl. Brentano (fragment aus Godwi) 5 (1852), 301; vgl. gewirr der tannenwurzeln. W. Siegfried Fermont3 150; dann aber stand er auf und blickte über sich in das gewirr der ranken, um die gefährdete blüthe zu entdecken und das ungeziefer herunter zu schlagen. Th. Storm (im sonnenschein) 1, 317; vgl. rankengewirre Sanders erg.-wb. 642b; rankengewimmel theil 8, sp. 107; aus dem gewirr der äste am boden erkannte man, dasz auch der grund aufgewühlt war bis unter die wurzeln der nächsten bäume. G. Freytag (verl. handschr. 6) 6, 116; so ists zuletzt wie in einem wilden, verwachsnen walde: wo wenig alte stämme sind, aber ihre tausendfache äste, spröszlinge, zweige haben sich desto ärger vermischt, verwirret und verwickelt. wer nicht merkt, wo die alten stämme liegen, kann er durchkommen und wird sich nicht im ästegewirr aufs schlimmste verfangen? Herder (älteste urk. 2. 7) 6, 416; vgl. astgewirr. M. Stona (im walde) klingende tiefen (1903) 8; wolken ... (die) dem geäst der bäume zutrieben. in dem gewirr der zweige verschwanden sie. Herm. Stehr der begrabene gott2 (5) 62; so ganz eingeschlossen in der grünen wildnis, die ihn in kopfhöhe überdachte in unmittelbarer berührung mit diesem gewirr von zweigen und blattwerk, so ganz in dieser grünen enge eingeschlossen war es ihm erst wohl. Gustav Falke der mann im nebel (1899) 11; vgl. zweiggewirre Sanders 3, 1629c; stundenlang stand ich auf einem stuhle davor und versenkte den blick in die anhaltlose fläche des himmels und in das unendliche blattgewirre der bäume (des bildes). Keller (grüner Heinrich 1, 15) 117, 151; nachtgebüsche, die ihr blättergewirr bis auf den steinwall hinabtauchen. Timm Kröger Hein Wieck2 (1905) 70; vgl. gewimmel der blätter; laubgewimmel sp. 5837; laubgewirre Sanders a. a. o.; an der felsenwand liegt ein weiszes gewirre herabgestürzter bäume. Stifter bunte steine5 37 Aprent; gewirre der bleichen herabgestürzten bäume. (studien 1: der hochwald 4) 1, 272 Sauer; die feuerrote sonne sah durchs funkelnde gewirr eines gebüsches und lockte. O. Ernst Asmus Sempers jugendland 98; vgl. baumgewirre, heckengewirre Sanders a. a. o. und erg.-wb. 642b; gegenüber, hinter einem schmalen sumpfe, der vom röhricht ganz durchwachsen war, stieg wiederum, anscheinend undurchdringlich, das gewirr des waldes auf. Th. Storm (schweigen) 7, 90; vgl. waldgewirre Sanders erg.-wb; aus dem schattigen, dicht bestandenen park ... trat man in ein gewirre von obstpflanzungen, die auf einer fläche von mehreren morgen feldes sich wahrhaft zauberisch darstellten. Auerbach landhaus am Rhein (2, 10) 1, 105; stiegen sie die treppe hinab und tappten sich durch ein gewirr von palmen. Fontane l'adultera cap. 12; (die kreuzotter) war in dem blumengewirr verschwunden. (quitt 31); vgl. blütengewimmel theil 2, sp. 179; jetzt öffnete sich eine lichtung, in der das gold des abendhimmels auf hülsen- und farnkräutern lag, die hier in unberührter einsamkeit beisammen standen. 'weiszt du denn wirklich, wo wir sind?' sagte Wulf, als Kätti vor ihm in das gewirr hineinschritt. Th. Storm (z. wald- u. wasserfreude) werke 5, 317; was zeigte sich mir da noch mehr? ein todtes huhn mit einem hanfgewirr um den fusz an einer kartoffelstaude hangend. E. M. Arndt schriften f. u. a. s. l. Deutschen 3, 491 (erinnerungen, gesichte geschichten); den astreifen mit dem strohgewirre (der zerrissenen strohharfe) hat er sich umgehangen. P. Rosegger (schriften des waldschulmeisters51) 1, 303; das von den zähnen (der hechel) zurückgehaltene gewirre von fasern, das 'werrig', 'werg' oder die 'hede', ist bei der groben hechel unrein und reichlich. F. Knapp lehrb. der chem. technol. 2 (1847), 626; fädengewirre Sanders erg. wb. 642b; und nun gar Heine, der die wohnung im vaterlande verloren hat, der arme Krösus in der fremde! er sieht es nicht mehr seit vielen jahren, das tausendfache gewirr deutscher entwicklungsfäden, er hört in der ferne nur die resultate. Heinr. Laube neue reisenovellen 2 (vorwort); vor ihrer phantasie er, sie und die umgebung in ein gewirre von zauberfäden gerieth. Stifter (studien 1: der hochwald 3) 1, 262 Sauer;

und diese sohle, schlaff und dürr,
trat auf des mohren haargewirr.
Freiligrath (der wandrer in der wüste) 1, 41;

an dem unter der kapuze hervorgekrochenen und die stirn verhängenden haargewirr. Wilhelm Hegeler Pietro

[Bd. 6, Sp. 6129]


der korsar3 57; das haar ein gewirr von blonden, leicht rötlichen löckchen. Georg Reicke das grüne huhn (1, 2)2 21; das blonde lockengewirr. E. v. Handel-Mazetti Jesse u. Maria (14) 1, 250.
b)) gegenüber liegt das graue steingewirre der andern fluszseite, und unten quält sich die Ahr, die man an sechs, sieben orten glitzern sieht, durch die labyrinthische gasse. Immermann (Ahr u. Lahn) 10, 258 Hempel; vgl. auch steingewirre. Stifter bunte steine5 113; und mit hilfe dieser (der lichtung) glitt dann der blick nach der anderen felsenseite hinüber, auf der ein gewirr von spitzen und zacken ... sichtbar wurde. Fontane Cécile cap. 13; indessen senkte sich über steilwände und felsengewirre im feiertäglichen schimmer das sonnengold vom einsamen Athos-gipfel langsam zum tannenwald herab. Jac. Ph. Fallmerayer fragmente aus dem Orient2 235; unabsehbar war in den dünnbankigen, wenig geneigten kalken das gewirr der karsttrichter, die theils durch chemische auslaugung, theils durch mechanischen einsturz ... entstanden waren. K. Hassert reise durch Montenegro (1893) 31; aber wo früher der Priehl den alten erreicht hatte und an ihm entlang geflossen war, sah er in groszer breite die grasnarbe zerstört und fortgerissen und in dem körper des deiches eine von der fluth gewühlte höhlung, durch welche überdies ein gewirr von mäusegängen blosgelegt war. Th. Storm (der schimmelreiter) 7, 259. vgl.felsen-, stein-, hügel-, berg-, klippengewirre Sanders 3, 1629c, erg.-wb. 642b; inselgewirre ebenda; ländergewirre s. oben theil 6, sp. 105; sterngewirre Sanders a. a. o. dazu vgl. sterngewimmel s. oben sp. 5837.
2)) gewirr bezogen auf linien und formen vor allem der architektur; das straszenbild als rahmen für den städtischen verkehr:
a)) eine weile lag er noch, mit offenen augen nach der decke starrend, wo die hand eines geistreichen stubenmalers sich in tollkühnen arabesken verewigt hatte. es tat ihm wohl, in dies gewirr von krausen schnörkeln und zackenwerk zu blicken. Paul Heyse (moral. nov.: vetter Gabriel) II, 3 s. 131; und zuweilen gelingt es einem klugen, nachdenklichen auge, zu sehen, wie das grosze, schöne und furchtbare schicksal auf dem ewigen steine sitzt und mit aufgestütztem haupte und gerunzelter stirn das gewirr von linien im sande malt, die verschlungenen wege, die wir menschen dann gehen müssen. Frenssen Jörn Uhl (6)30 117.
b)) einige der schwestern widmeten sich der erziehung im waisenhause, wohin sie durch ein gewirr von gängen gelangen konnten. Karl Gutzkow der zauberer von Rom buch 6, cap. 2; unter lachender bewunderung der sich hier darbietenden holzarchitektur stieg man ein gewirr von stiegen und treppen hinab. Fontane der Stechlin cap. 14; ihre grandiosen paläste und langen straszen erheben sich über einem gewirr solcher unterirdischen wölbungen, aquädukte, gänge und grotten. Ad. Stahr die republikaner in Neapel (cap. 41) 2, 322; ein gewirre von gassen und gäszchen, worin sich selbst solche, die schon mehrere jahre in Rom sich aufgehalten, nur mit mühe zurecht finden können. Platen an Fugger 26. 10. 1826; die ganze innere stadt ist ein heillos unschönes gewirre von elend gepflasterten straszen oder vielmehr gassen und gäszchen, brücken und brückchen, formlosen plätzen und schmutzigen winkeln. A. Grün das Eldorado der arbeiter, gartenlaube (1865) 302b; vgl.gassen-, dächer-, hütten-, treppen-, thürengewirre Sanders a. a. o.; vgl. gewimmel oben sp. 5837;

dorthin gelangt wär' ich gern für mein leben;
doch muszt' ich weit noch durch der stadt gewirr
umgehn, bis ich dahin mich konnt erheben.
Fr. Rückert erzähl. 2: die 3 quellen;

in einem gewirr gröszerer gebäude, die in winkeliger zusammenstellung allen jahrhunderten angehörten ... liegt ein haus mit mäsziger fronte. K. Gutzkow der zauberer von Rom 6, 10; da sagte der sanfte führer auch unter anderm auf ein wüstes gewirr von häusern zur linken zeigend: il ghetto! 7, 2; im jahre 1550 aber war es ein hofartiger platz, umgeben von einem gewirr von gebäuden. W. Raabe unseres herrgotts kanzlei (5)4 90; und das gewirr von durcheinandergeschobenen bauwerken hinter Sankt Bartholomäi nahm sie in seine unheimlichen finsternisse auf. 91; warum

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dieser schmale wasserlauf zwischen dem nächtigen gewirr der häuser sich so spurlos verlor. Georg Hermann Jettchen Gebert8 115; wenn du mit dem finger dort vom Wettingerhause, das am wasser steht, über das gewirre der dächer aufwärts fährst, so tupfst du auf das sogenannte grüne schlosz. G. Keller (Züricher novellen) werke 6, 23; erst das gasthaus, das mit seinem dächergewirr wirklich an eine mittelalterliche 'burg Rodenstein' erinnerte. Fontane Cécile 14; vgl. ruinengewirre. A. Stifter erzählungen 1, 271 Aprent; zeltgewirr Ferd. v. Saar kaiser Heinrich IV. 2, 71; alles andere war blosz steindiele, von der aus ein gewirr von leitern zunächst auf einen boden und von diesem höher hinauf in das als taubenhaus dienende türmchen führte. Th. Fontane irrungen, wirrungen 2.
c)) eines tages ... finde ich jedoch das (wirts)haus von oben bis unten erleuchtet, gänge und treppen von menschen wimmelnd und vor dem hause ein gewirr ineinandergefahrener wagen. Friedr. Halm (die Marzipanliese) 4, 16 Schlossar; das gewirre der wägen vor der pforte. Gutzkow ritter vom geiste 4, 8; an der ecke des marktes hält auf seinem groszen pferde hoch erhaben der gensdarm, auch er ist heut im eifer, und seine stimme klingt herrisch über das gewirre der wagen, welche die einfahrt zur strasze verstopft haben. G. Freytag (soll u. haben 4, 6) 5, 111; gewirre der wagen und pferde. M. v. Ebner-Eschenbach der kreisphysikus2 82; unten in der stadt traf ich ein wagengetümmel, ärger wie am markttag vor der herberge gewirr der räder, geschrei der menschen, landleute und lakaien des hofes. G. Freytag (verl. handschr. 5, 3) 7, 475. anders rädergewirr in: es ist, als sähe sie in das rädergewirr einer erbarmungslosen maschine. Herm. Stehr der begrabene gott2 (5) 68.
3)) engere beziehung auf menschen:
a)) am gedränge wird nur die bildwirkung hervorgehoben: aus dem gewirr der regenschirme und pelze und schleier entwickelten sich zwei jägerinnen. K. Gutzkow der zauberer von Rom 5, 13;

das lachen und die seufzer wilder lust
umtön' ihn, seine blicke tauchen ein
in üppiges gewirr berauschter leiber.
Arthur Schnitzler der schleier der Beatrice (4. akt);

die reizbarkeit aller kleinen gestalten im gewirr vieler menschen nicht mit den ihnen gebührenden ansprüchen hervortreten zu können. K. Gutzkow der zauberer von Rom 7, 3; der doctor kam und lachte sie aus, weil sie vorher grosze sorge gehabt, wie man in dem gewirr fremder menschen einander finden werde. G. Freytag (verlorene handschr. 2, 4) 6, 272; und kalt und klar in das gewirr der dinge und personen um ihn her blickte. W. Raabe leute aus dem walde (8)5 78; vgl. gewimmel sp. 5834 f.;

dreimal schrie vom graben mit macht der edle Achilleus;
dreimal zerstob der Troer gewirr und der rühmlichen helfer. (τρὶς δὲ κυκήθησαν Τρῶες).
Voss Ilias 18, 229;

nur durch diese betrachtung als durch einen doppelten ariadneischen faden, kann man sich aus der geschichte der neuern musik und aus dem gewirr parteiischer kämpfer heraushelfen. Göthe (Rameaus neffe: anmerk.) 36, 175; es war ein grosses tuchbild in öl, ... mit einem gewirr von kämpfern und flüchtenden. Jac. Burckhardt beitr. zur kunstgesch. v. Italien 325; geriet er in das gewirre eines maskenzuges. Fr. Halm (haus an der Veronabrücke) 4, 116 Schlossar; als sie sich ausgesprochen, blickten sie wieder in das gewirr der tanzenden hinaus. Georg v. Ompteda der zeremonienmeister6 167; hindurchgedrungen durch ein gewirr von völkern, zeiten, zeichen und sprachen, wo sind wir? Herder (älteste urkunden 4) 7, 3; ein gewirre von scenen, völkern, zeitläuffen. (auch eine philos. d. gesch.) 5, 505; gewirr von sekten. 16, 598; gewirre der familien. Göthe 18, 128; einem ... gewirre schmutziger kinder. Achim v. Arnim 2, 243 s. u.; kindergewirre. Herder (plastik) 8, 39; das dieser geist das einheitlose staatengewirr durchdringe und einwillen, einmut und einmacht verleihe. Jahn werke 2 I, 318; weltgewühl ... weltgewirr (deutsches volksthum) 1, 152; vgl. weltgewimmel sp. 5836; weltgetümmel sp. 4585;

[Bd. 6, Sp. 6131]


gendarmen, in leichenlaken gehüllt,
ein weiszes spukgewirre
umringte mein bett, ich hörte auch
unheimliches kettengeklirre.
H. Heine (Deutschland 18) 2, 469 Elster.


b)) die stimmentfaltung wird hervorgehoben:
α))

kein tag verstrich, der nicht mein kleines wissen mehrte,
mit dem der junge geist sich stopfte mehr als nährte.
der sprachen schwer gewirr; das bild vergangner welt,
zum sichern unterricht der nachwelt aufgestellt; ...
Lessing (die religion) 13, 263;

siehe, da wimmeln von fröhlichem leben die krahne, die märkte,
seltsamer sprachen gewirr brauszt in das wundernde ohr.
Schiller (der spaziergang) 11, 79;

grellem lichte kommt aber doch gewisz ein gewirre von gesprächen gleich. Fr. Th. Vischer auch einer 327; dort das gewirre des hochzeitsjubels. Scheffel Eckehard cap. 16, vgl. festgewirr theil 3, sp. 1654; drei so traulich verbundene saszen unter dem duft der blumen und in dem ganzen zauber südlicher natur, der sich selbst beim nächtlichen gewirr der städte nicht verliert. K. Gutzkow zauberer von Rom 7, 6; vgl. DWB getümmel der stadt, getümmel des volks sp. 5485; das gewirr der reden wuchs zum unerhörten durcheinander. Ernst Zahn herrgottsfäden (24)5 266; ein gewirre von stimmen, mähre, heiligen sagen, dadurch wir hindurch musten. Herder (älteste urk. 4) 7, 154; ein gewirr wunderlicher stimmen drang uns entgegen. Paul Heyse (Maria Franciska) II, 7, s. 186; das gewirr von kinderstimmen lief nicht allzuweit vorüber. Herm. Stehr der begrabene gott2 (5) 226; als er an die stelle kam, wo die häuserreihe näher an das wasser tritt, schlug von daher ein gewirr von stimmen an sein ohr. Th. Storm (Hans u. Heinz Kirch) 6, 60; vom flusz herauf scholl ein fröhliches stimmengewirr. (z. wald- u. wasserfreude) 5, 324. vgl. auch stimmengewirr bei Hugo v. Hofmannsthal Elektra s. 92; Herman Jettchen Gebert8 277; Ernst Zahn schattenhalb 36. in dieser verbindung findet gewirr gelegentlich wieder anschlusz an die alte bedeutung von gewerre:

und rings durch die stadt verbreitet
sich ein tosend stahlgeklirr;
näher, immer näher streitet
her der stimmen kampfgewirr.
Cl. Brentano romanzen vom rosenkranz (13, 76) 234 Morris;

vgl. DWB kampfgewühl, DWB kampfgetümmel theil 5, sp. 153; vgl. auch das gewirr vieler streitenden stimmen. Ernst Zahn herrgottsfäden (9)5 96.
β)) das gewirr ... zuweilen auch von tönen. Campe 2, 365b; ein gewirr freundlich-zärtlicher töne. ebenda (aus Benzel-Sternau);

aufs neue, durch schrecklicher klänge gewirr.
erweckt, vom schlafe fuhr ich empor.
Schack (nächte des Orients 3) 1, 33;

komponiermaschinen müezt' ich erfinden, welche das süsze gewirre von melodieen, die mich umziehen, sofort auf noten brächten. Eduard Helmer (Ernst Koch) Prinz Rosa - Stramin (cap. 15) 74 Brümmer; vgl. gewimmel der töne sp. 5838; getümmel der musik sp. 4581.
4)) gewirr wird auf menschliche thätigkeit, auf empfindungen und gedanken, auf geisteserzeugnisse und begriffe übertragen:
a)) er befindet sich in einem gewirre von geschäften, er ist in geschäfte verwickelt. Campe 2, 365b; ebenso Hilpert 2, 1, s. 465a (he is in such a labyrinth of affairs); im gewirr der kandidatschaft s. u.; es hat zwar ... herr Waitz uns in das gewirre der diplomatischen verhandlungen zurückgeführt. Vincke in der deutschen nationalversamml. s. stenogr. ber. 3, 2103a; so fände freilich zwar weder die grosze extension des menschenreichs auf der erde, und noch weniger das gewirre von scenen statt, das uns jetzt die geschichte darbeut. Herder (ideen z. philos. d. gesch. d. menschheit 1, 4) 13, 29; unsre geschichte schleicht unter einem gewirr kleiner und feiner bestimmungen, des standes, der lebensart, der zeit, des orts, der personen einher. (kleine schriften) 16, 389; die macht des talentes trug ihn bald über das gewirr seiner eigenen schicksale, über die widersprüche des wirklichen lebens in's freie gebiet selbstständiger wirksamkeit. K. v. Holtei (der letzte komödiant 3) 35, 250; in jeder politischen lage findet er (Blücher) sich rasch zurecht, erkennt sofort den

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springenden punkt im gewirr der ereignisse. Heinr. v. Treitschke dtsch. gesch. (1, 4) 15, 453.
b)) wer will sagen, was aus diesem gewirr der schwäche und kraft für die äuszerste entwürdigung unsers welttheils endlich herauskommen wird. Pestalozzi (nachforschungen über d .... entwikl. d. menschengeschl.) 7, 188; das gewirre seines herzens. Herder 18, 361; die entwicklung des ganzen gewirres menschlicher empfindungen, bedürfnisse und triebe eben an seiner verwickeltsten stelle, wie oder über diese, denken? (älteste urk. 4) 7, 116; in diesem gewirre von entgegengesetzten empfindungen, in this maze or entanglement of conflicting sentiments. Hilpert II, 1, 465a; er (der dichter) sieht das gewirre der leidenschaften, familien und reiche sich zwecklos bewegen. Göthe (Wilh. Meisters lehrj. 2, 2) 18, 128; so machten die zerrüttung und anarchie ... allerdings einen so mächtigen schiedsrichter nöthig, um in diesem gewirre so vielfacher interessen und leidenschaften eine constitution zu gebieten. Posselt staatsgesch. Europas (1805) 1, 59; wer je einen solchen moment in sich fühlt, der winde ihn sanft und rasch, mit begeisterung, aus dem gewirre seiner wünsche. Brentano Godwi 136 Ruest;

aber Zeus Kronion, der donnerer, sandte mir unheil,
der in eitles gewirr von hader und zank mich verwickelt.
(ὅς με μετ' ἀπρήκτους ἔριδας καὶ νείκεα βάλλει).
Voss Ilias 2, 376;

was mir in der brust von gedanken war,
von sorgengewirr und ranken war,
gestellt hab' ich dirs einzeln dar,
dir vorgetragen sonnenklar.
Rückert Firdosi's königsbuch (15, 2193) 2, 127 Bayer;

ich komme eben von der sehr betrübten frau von Arnim, und da ich glaube, dasz in dem gewirr der trauer vielleicht niemand dran denkt ihnen zu schreiben, so ... Meusebach an die brüder Grimm 25. 6. 1835 bei Wendeler 205.
c)) ein gewirre von meinungen und erklärungen. Campe 2, 365b; dies ist die grosze, veste und göttliche absicht der bibel, über alles gewirr menschlicher auftritte, meinungen und gaukeleien unendlich erhaben. Herder (lieder der liebe) 8, 629; die sonne hatte die hälfte ihres laufs zurückgelegt, als ich, nach einem leichten mahle, unter dem angenehmen gewirre von gedanken, ahndungen und träumereien ... einschlummerte. Wieland (Peregrinus Proteus 1, 2) 27, 134; gewirre von träumereien und erklärungen. Herder 6, 344; in einem gewirre von ängstlich sich durchkreuzenden gedanken blieb ich mir selber überlassen. Mörike (maler Nolten 1) 4, 246 Krausz; das ist mein unglück, dasz ich von keinem gegenstand reden kann, ohne mich in ein gewirr von gedanken und bildern zu verlieren. Hebbel briefe 2, 217 Werner; aus übersprüngen dieser art ist das ungeheure gewirr von vereinigenden hypothesen und deutungen entstanden, das unsre mythologieen und ikonologien beschweret. Herder (wie die alten den tod gebildet) 15, 438; mitten im gewirr dieser sich durchkreuzenden gerüchte und leider nur halbverbürgten nachrichten. K. Gutzkow der zauberer von Rom 7, 4; kein mensch in Paris und London wollte von diesem gewirre spitzfindiger distinctionen weiter reden hören. Sybel die begründung des deutschen reiches (9, 4) 32, 104.
d)) aus dem gewirre des kriegswesens zu dir zu flüchten wäre mir sehr freudig gewesen. Göthe (an J. H. Jacobi 1792) briefe 9, 325 Weimar; indes waren diese (lese-)stunden noch die glücklichsten, welche er gleichsam aus dem gewirre der übrigen herausrisz. K. Ph. Moritz Anton Reiser (2) 175 Geiger; was die grosze menge in dem gewirr des tages urtheilt, darf uns nicht irren. G. Freytag (die Valentine 4, 2) 2, 209; bleibt meister eurer herzen, und ihr bleibt meister der welt. verachten könnt ihr sie mit allem ihrem gewirr äuszerer umstände und zwangmittel. Lenz vertheidigung des Herrn Wieland 26 E. Schmidt.
e)) wirklich wüszten wir kein buch, worinn wir ein solches gewirre von heterogenen theilen beisammen fänden. Gerstenberg rezension ... 59 O. Fischer; geschichtliche wahrnehmungen zur klarheit, dunkelgedanken ins helle licht, das gewirr einer unzahl von einzelnheiten in eine einheit, und diese zur deutlichen anschauung zu bringen, war das ziel. F. L. Jahn (deutsches volkstum, subskriptionsanzeige) 1, 137 Euler; Deutschland sei für den ausländer

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ein gewirr von abweichenden gesetzen, gebräuchen und sitten. (denknisse eines Deutschen) 1, 436; da sie in der schürze eine last gepflückter ernteäpfel und darüber eine masse gebrochener blumen trug. dies schüttete sie alles auf den tisch, wie eine reizende Pomona, dasz ein gewirre von form, farbe und duft sich auf der blanken tafel verbreitete. Gottfried Keller (der grüne Heinrich 1, 18) 1, 186.
γ) die attribute, die dem substantiv beigesellt werden, stehen vielfach unter dem einflusz des im genitiv untergeordneten oder irgendwie supponierten subjectes. sonst kennzeichnen die attribute die mannigfaltigkeit und das regellose am gewirr. hierfür stehen zahllose adjectiva zu gebote, die an der regellosigkeit bald das erfreuliche, bald das unerfreuliche hervorheben. das akustische moment ist hier nur ganz spärlich entwickelt.
1)) das attribut steht unter dem einflusz des neben gewirr gekennzeichneten oder supponierten subjectes.
a)) das adjectiv an stelle eines subjectiven genitivs: hineinträumen musz man sich in jenes heroische mönchische gewirr, musz Guelfe oder Ghibelline werden, sonst wirft man das buch mit ueberdrusz wieder weg. Aug. Wilh. Schlegel (üb. d. göttliche komödie) 3, 202 Böcking; sonderbar, dasz er, der so oft den sehnsüchtigen wunsch ausdrückte, recht bald aus diesem irdischen gewirre erlöst zu werden, gerade ... manche plane entworfen hatte. E. M. Arndt erinnerungen3 389; vgl. irdisches gewimmel sp. 5844.
b)) das adjectiv bringt einen zug des angegliederten oder supponierten subjectes zur geltung: das komische läszt sich mit dem moose vergleichen. siehst du das kleine, dürre, gelbbräunliche, graue oder blaszgrüne gewirr vom weiten an, so erscheint es dir wie ein albern- einfältiges spiel der pflanzenwelt. K. Immermann (memorab. 1: die jugend vor 25 jahren. die familie) 5, 287 Maync;

wann löset sich dies goldene gewirre,
wie lange noch durch die azurne irre
lenk' ich den gang?
Peter Cornelius (der müde stern) 4, 321 Stern; vgl. goldenes gewimmel;

höher stieg das ungeheure haupt über das kochende chaos; ... das zischende, dampfende, wirbelnde, kochende gewirre risz sich von einander, und im brausenden sturme rollten die dunkel glühenden wolken durch die luft. Klinger (Giafar 5, 6) 5, 332; vgl. auch (s. o.) schwebendes gewirr von schattenzügen (Herder); der sprachen schwer gewirr (Lessing); nächtiges gewirr der häuser (Hermann); nächtliches gewirr der städte (Gutzkow); als sich ein immer zunehmendes gewirre von stimmen im hausflur erhob, die ärgerlich abmahnend einen ungestüm vorwärtsdringenden zurückzuweisen bemüht schienen. Friedrich Halm (Marzipanliese) 4, 22 Schlossar;

vor mir sah ich vielgestalt'ger bauzerstörung schnödes bild,
aus dem gras, hoch über mannsläng', balkenstarrendes gewirr,
pfeilerschäft' und eingesunkner giebeldächer sparrenwerk.
K. Immermann (Eudoxia) 15, 377 Hempel;

nichts ist sinnreicher, als ein schäfergedicht mit einem angenehmen gewirre anzufangen. z. e. das endliche zum nichts, das diese welt umschränkt. Schönaich die ganze ästhetik in einer nusz 105 Köster; vgl. (s. o.) süsses gewirr von melodien (E. Helmer); eitles gewirr von hader und zank (Voss); strahlende abendlichter streiften über den grünen platz neben dem begräbniszort, der mit einem schrecklichen gewirre schmutziger kinder eingehegt war. Achim v. Arnim (die majorats-herren) 2, 243 Wilh. Grimm; vgl. üppiges gewirr berauschter leiber (Schnitzler).
2)) wo das attribut die in dem begriff des substantivs ruhenden vorstellungen herausholt, kreuzen sich die verbindungen häufiger mit solchen von getümmel und gewimmel.
a)) das schöne chaos wird angehende harmonie und ordnung; wenigstens bekomme ich einen leitfaden, mich durchs unermäszliche gewirr dieser unübersehbaren scenen an meinem theil herauszufinden, herauszuwinden. Herder (briefe d. stud. der theol. betr. 3. th., 27. br.) 10, 294; vgl.(s. o.) das unendliche gewirre; vgl. DWB das unendliche, unzählige gewimmel sp. 5841; heute früh hab ich den ganzen plan unsrer maskerade zurecht schreiben lassen und alle departements ausgetheilt. es wird noch gehn ob es gleich ein ungeheuer gewirre ist. Göthe (an frau v. Stein 1781)

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briefe 5, 52; vgl.(s. o.) das tausendfache gewirre (Laube); in labyrinthischen gewirren (Tiedge); bleibt die geschichte der Nazaräer und Ebioniten das verflochtene gewirre, mit dem wir uns, rettend und anketzernd, ganz ohne noth tragen? Herder (briefe zweener brüder Jesu. 4) 7, 519;

schmuck und lied verkündeten hier ein lachendes volksfest!
schneller eilte Heroal heran, trat jetzt in das städtchen
unter das bunte gewirr, dort rauschte alles von leben.
Franz v. Sonnenberg Donatoa (3) I, 1 s. 217;

er weisz von allem; jede nuance des zustandes ist ihm klar. aber er verliert sich nicht in dieses bunte gewirr; auch er hat das gleichgewicht in seiner seele. Immermann (memorabilien 3) 20, 167 Hempel; der groszstädter wohnt halb auf der strasze, auch wenn er sie in der ganzen woche nicht beträte, das bunte gewirr trabt fortwährend durch seinen kopf, durch sein herz. H. Laube neue reisenovellen (14: die maske) 1, 326; u. a. vgl. buntes gewimmel sp. 5841; (ganz vereinzelt) buntes getümmel sp. 4584;

in dem lieblichsten gewirre,
wo das bild um bilder summt,
dichterblick wird scheu und irre
und die leier sie verstummt.
Göthe (Wilhelm Tischbeins idyllen 16) 3, 133; vgl. liebliches gewimmel sp. 5842;

die verhaszten werden in noth und verwirrung gestürzt, durch falsche stimmen vom richtigen wege abgelenkt und, wenn sie auch nicht zu völligem untergange gebracht werden dürfen, doch auf alle weise geplagt. indessen ist das wunderlich schöne gewirr nicht ohne ein gewisses gleichmasz. Immermann (über den rasenden Ajax des Sophokles) 17, 411 Hempel.
b)) die leidenschaften haben sich ihrer herzen bemeistert, und wir werden bald ein schönes gewirre in der guten familie sehen, die kaum noch lauter harmonie und liebe war. Wieland (Pandora 2, 1) suppl. 5 (1798), 44; wenn jeder nach seinem kopf redet, und es recht angelegt scheint, um den kontrast bis zum lächerlichen gewirre zu treiben. Herder (über Ugolino) 4, 316; vgl. lächerliches, närrisches gewimmel sp. 5842; wenn er einen bessern plan zu seinem gedichte wählte, als ein so gothisches gewirr: so wär er vielleicht eine neue art Homer für uns. Heinse Ardinghello (4) 4, 238 Schüddekopf;

auch euch faszt süszer schauder, hört ihr mich.
verworren kreist vor euch des tages bild.
die gegenwart verletzt, die zukunft schreckt;
drum flüchtet ihr aus peinlichem gewirr
zum stillen borne der vergangenheit.
K. Immermann (das thal von Ronceval prol.) 16, 13;

schnell vor ihm her entsteht ihm die bahn, die hinter ihm schwindet,
wie durch magische hand öfnet und schlieszt sich der weg.
sieh! jetzt schwand es dem blick, in wildem gewirr durch einander
stürzt der zierliche bau dieser beweglichen welt.
Schiller (der tanz) 11, 41;

meine tage sind ein wüst gewirr von lust und ekel.
K. Immermann (die Bojaren 1, 4) 15, 185; anders wüstes getümmel sp. 4584;

auf den trümmern des alten königthums erhebt sich sodann eine junge welt territorialer gewalten: geistliche und weltliche fürsten, reichsstädte, grafen und ritter, ein formloses gewirr unfertiger staatsgebilde. Treitschke deutsche gesch. 1, 3; das unendliche heer der cipos ... besteht aus holzigen ... mitunter armgleichen stämmen, die überall wie bindfäden, reife und taue frei von den ästen der baumkronen herabhängen und wohl vielfach um einander sich wickeln und drehen ... ihr unordentliches gewirre macht einen unerfreulichen eindruck. H. Burmeister geolog. bilder 22 (1855), 234; der hoch erhobene kopf erschien im fahlen abendstrahl jetzt doppelt bleich, und in die stirne war das dunkle haar in ungeordnetem gewirr hereingefallen. Walther Siegfried Fermont3 171.
δ) mit verbis tritt das substantiv nicht so oft in unmittelbare als in eine durch präpositionen vermittelte verbindung, bei der gewirr besonders eng mit gewimmel sich berührt (s. u.). in der unmittelbaren verbindung mit verben schlieszt es sich mehrmals näher an getümmel an. auch hier sind verba bevorzugt, die an keine bedeutungsrichtung gebunden sind: die vielen fäden der wissenschaften, künste und geschäfte ... kreuzen und drängen sich, so dasz es meiner ganzen ordnungsgewohnheit bedarf, damit kein

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gewirre entstehe. Göthe briefe 15, 8; dazu vgl. aus den bisher angeführten belegen die häufig beobachtete verbindung mit dem verbum substantivum (auch in der apposition ist gewirr mehrmals bezeugt); vgl. auszerdem die zahlreichen belegstellen für ein gewirr sehen, ansehen, finden, treffen, merken, malen; ein gewirr findet statt, wird sichtbar, vgl. dagegen ist unübersehbar, macht unerfreulichen eindruck, kommt grellem lichte gleich. factitive verba sind seltener, doch in bemerkenswerten zeugnissen beobachtet. so wird die für den älteren begriff (gewerre) besprochene verbindung gewirr machen auch in veränderter bedeutung wieder aufgenommen, vgl. gewirr und vermischung machen sp. 6127; vgl.: so sagte sie zürnend, verschränkte die maschen, und machte gewirr auf gewirre, und warf am ende verdrieszlich das netz weg. Fr. Xav. Bronner fischerged. u. erzähl. (1787) 22; dazu vgl. ein getümmel machen, anheben, anrichten, verüben sp. 4588; vgl.: darauf fährt der merker fort, ein gewirr über Yomsburger (die er oben Jomsberger genannt hatte) zu verheddern, wo er wieder seine geschichtliche unkenntnis bemerkbar macht. F. L. Jahn 2 I s. 271;

sieh, und die jugend nachbarlicher dörfer auf höhn und in tiefen
juchzet' und hüpfet' heran, und spielt' ihr gewirr um den see nun.
Franz v. Sonnenberg Donatoa (3) I, 1 s. 227.


1)) gegenüber den concurrenzformen entwickelt gewirr seine besonderen verbindungen, die dem begriff des wirrsals entspringen: die verhältnisse der garden und eliten sind in der zeit Alexanders so verwickelt, wie die verhältnisse des königthums überhaupt. ... es ist unmöglich und zuletzt auch von geringem interesse, dieses gewirre zu entwirren. W. Rüstow u. H. Köchly gesch. des griech. kriegswesens (3, 2 § 22) (1852) 260; ein gewirre aber, das gewaltthätigkeit, betrug, list und ihresgleichen in eins schnüren: das wolle kein mensch, das möge gott auflösen. Herder (zerstreute blätter) 16, 149; heute früh haben wir angefangen den Büttnerischen wust in andere räume zu transportieren, man muszte freilich bei dieser gelegenheit abermals bedauern, dasz man dieses gewirre nicht nach und nach auflösen konnte, sondern in einigen puncten die unordnung vermehren muszte. Göthe (an Voigt 26. 1. 1802) briefe 16, 24 Weimar; vgl.: ein gewirr löst sich. Pet. Cornelius (s. γ); mehr zu wirren! eine glückliche hand, die das gewirre an einem faden sanft und langsam zu entwickeln lust hat. Herder (auch eine philos. d. gesch.) 5, 567; oft scheint es ein unaufwirrbarer knäuel. der fremde erwartet stoszen und fluchen, und zuletzt eine prügelei. aber siehe! das gewirre entwickelt sich, und die in einander und an einander fest geworden schienen, gehen jeder seines weges. E. M. Arndt reisen 5, 429; vgl. auch (s. o.) das gewirr reiszt sich von einander (Klinger); zerstiebt (Voss); das gewirr durchdringen (Jahn); umschliessen (Moritz);

denn kaum wird sie (die schleuse) gezogen,
so stürzen alsobald die lauten wasserbogen,
mit rauschendem gezisch den tobenden cristall;
so sprudelt sein gewirr zum schäumenden canal.
Gottsched ged. 22, 545; vgl. sp. 5839;

vgl. auch (s. o.): das gewirr trabt durch den kopf (Laube), läuft vorüber (Stehr).
2)) andere verba dienen der herausarbeitung des akustischen momentes:

schrein, weissagen die grausesten ding', oft neigt' sich mein ohr hin,
aber da schnarrt' ein gewirr, wie im mährchen von Babilons turmbau.
Fr. v. Sonnenberg Donatoa (6) I, 2 s. 577;

vgl. auch (s. o.): das gewirr braust (Schiller), tobt (Klinger), schallt (Storm), wächst (Vischer, E. Zahn), erhebt sich (F. Halm), dringt entgegen (P. Heyse), schlägt ans ohr (Storm).
3)) auch den übergang zum collectivbegriff kennzeichnen mehrere verba in den oben angeführten belegen: ein gewirr liegt gegenüber (Immermann, Stifter), umringt (Heine), steigt auf (Storm), führt wohin (Fontane), nimmt jemand auf (Raabe), wird blosgelegt (Storm). dazu vgl.: das gewirre seines herzens der obersten weisheit vorzulegen. Herder (kleine schriften) 18, 361; ein gewirr von

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treppen hinabsteigen (Fontane); das blättergewirr hinabtauchen (Timm Kröger); ein gewirr von melodieen auf noten bringen (Ed. Helmer). dazu vgl.:

nicht ein gewirr ist's, angelegt im wahne,
ich sehe jeden einzlen faden schlagen,
ich höre gehen jede einzle spule.
Friedr. Rückert (geharnischte sonette 48).


ε) das bevorzugte anknüpfungsmittel an verba bilden auch hier die präpositionalverbindungen (vgl. oben sp. 6134). während getümmel (s. d.) die angliederung fast nur im dativ herbeiführt (mit, unter, aus dem, im getümmel), theilt gewirr mit gewimmel die weitgehende vorliebe für accusativverbindungen: in, durch, auf, über das gewirr. bei den dativverbindungen hält es sich gegenüber von an, mit, von (s. o. sp. 5839 zu gewimmel) ganz zurück.
1)) in ein solches gewirre möchte ich von heiler haut mich nicht hineinbegeben, da ich dergleichen anmuthige situationen schon kenne. Göthe (an Schiller 1795) briefe 10, 314. vgl.(s. o.): in ein gewirr fallen (Prätorius); geraten (Stifter, Halm); sich verlieren (Immermann); hineinschreiten (Storm); treten (Auerbach); blicken (Storm, Raabe, Heyse, Ompteda); sehen (Stehr); sich hineinträumen (Schlegel); täglich war ball bei ihr, wozu man freilich die damen unter den hausmädchen und den bauerndirnen der nachbarschaft suchen muszte. ... die seitenverwandten des domherrn ... hatten in dieses gewirre jenen ältlichen mann als aufseher gesendet. Immermann (epigonen 7, 9) 4, 70 Maync; vgl.: in ein gewirr versenken (G. Keller); eintauchen (Schnitzler); alle eilf andern ziegen ... drängen sich um mich und sind wie auszer sich. ... nur die ehrwürdige Sisi behielt einigermaszen ihre fassung, als sie durch das gewirre zu mir dringen konnte. Immermann (Münchh. 3, 9) 1, 353 Maync. das gleiche schon Herder (s. o.); vgl. auch (s. o.): durch ein gewirr sich durchtappen (Fontane); umgehen (Rückert); gelangen (Gutzkow); einheit und grösze und harmonie und natur und simplicität und ähnlichkeit, und wie das ganze buch durch das gewirr folge — alles sind worte ohne sachideen, schatten ohne körper. Herder (krit. wälder 4. II, 2) 4, 60; in kurzer zeit war das vordere ende des saales ... überfüllt ... man suchte sich möglichst bald durch das gewirr zurechtzufinden, seinen nähern bekannten guten abend zu sagen. Georg v. Ompteda der zeremonienmeister6 146; das gleiche schon Herder (s. o.: sich durch ein gewirre herausfinden); dazu vgl. (s. o.): unter ein gewirr treten (Sonnenberg); auf ein gewirr zeigen (Gutzkow); über ein gewirr aufwärts fahren (G. Keller); senken (Fallmerayer); erklingen (G. Freytag); vgl. auch die belege aus Göthe und Arndt.
2))

dort auf dem markt strömt jetzt ein gewühl von wägen und rossen,
wirrt sich, und raub schleicht her im gewirr.
Fr. v. Sonnenberg Donatoa (6) I, 2 s. 468;

alles redete durch einander, und die scene schien sich zu einem blutvergieszen anzulassen, wenn die aufgebotene hilfe wirklich herbeikam. in diesem gewirre hatte sich der schriftsteller dem kopfende des bettes genähert. Immermann (Münchhausen 6, 11) 2, 192 Maync; ihr bild schwebt noch in dem gewirre, das um mich ist, und ich stehe, wie ein fremder, in dem sausen. Stifter (studien 1: feldblumen 7) 1, 92 Sauer; vgl. auch (s. o.): im gewirr liegt ein haus (Auerbach); der aufruhr, den diese grosze zeitung im städtchen hervorrief, ist unbeschreiblich. alles war auf den straszen, stand und ging in buntem gewirre durcheinander. Paul Heyse (moral. nov.: Franz Alzeyer) II, 3 s. 297. vgl. (s. o.): im gewirr hin und her gehen (Anzengruber); im gewirr sich verfangen (Herder); im gewirr durcheinanderstürzen (Schiller); im gewirr schwinden, verschwinden (Brentano, Fontane, Stehr); im gewirr hervortreten (Gutzkow); mitten im gewirr meiner candidatenschaft fällt mirs ein, dasz ich ihnen noch antwort auf ihren freundschaftlichen brief schuldig bin. Voss an Bürger 9. 1. 1777 bei Strodtmann 2, 8; es thut mir recht leid, dasz er schon fortgegangen, wir hatten ihn gestern vergessen in dem gewirr, er sang sehr kunstreich. Achim v. Arnim (die kronenwächter 1, 3) 3, 373 Wilh. Grimm. vgl. (s. o.): im gewirre einander finden (G. Freytag); etwas bestellen (Dietr. v. d. Werder); sie (die ausländer) schleppten Deutschland in andre länder, daselbst zu entscheiden

[Bd. 6, Sp. 6137]


und ewig selbst im gewirr zu bleiben. Herder (über die würkung der dichtkunst) 8, 424;

drauszen im gewirre
kann man werden irre,
welt, an sich und dir.
Rückert (waldstille) 2, 427;

diese rückten den hut aufs ohr, und riefen; kein t ... soll uns den schulmeister nehmen! unter all diesem gewirre hatte sich ein junger mensch namens Rehkopf weggeschlichen. Jung - Stilling jünglingsjahre 140; vgl. auch (s. o.): unter einem gewirre einschlummern (Wieland); über einem gewirr sich erheben (Stahr); mit einem gewirr anfangen (Schönaich); den platz mit einem gewirr schmutziger kinder einhegen (Arnim).
3)) aus dem gewirre herausreissen (Moritz) s. o.; aus dem gewirr sich heraushelfen (Göthe); flüchten (Immermann); sich entwickeln (Gutzkow); erlöst werden (Arndt); winden (Brentano); überhaupt wäre der ganze knäuel von ort- und zeitquästionen längst aus seinem gewirre gekommen, wenn ein philosophischer kopf über das drama sich die mühe hätte nehmen wollen, auch hier zu fragen: 'was denn ort und zeit sei?' Herder (von deutscher art u. kunst: Shakespear) 5, 226 Suphan; das getümmel dann im hofe, und wie darauf ein bedienter ihn mitten aus dem gewirre in dieses gemach gewiesen. Eichendorff dichter u. ihre gesellen 8. cap.
b) die bedeutungsverengerung im übergang zur sachbedeutung setzt auf zwei getrennten gebieten ein:
α) wenn einer in der erndte sein getreide vom felde gefahren, soll er auch zugleich das gewirre, oder die nachharcke mit wegschaffen, damit der hirthe an der hüthung nicht gehindert werde. gemeindeordn. v. Stöhna (1745) bei Klingner dorf- u. baurenrechte 1, 716; viertens musz er sich in acht nehmen, dasz aus den sogenannten kammern nichts von dem in bansen ausgefallenen getreide mit unter den probe-drusch komme. endlich, weil im einfahren auch durch die lagerstätte der mandeln und durch das nachharken, viel ungebunden gewirre mit in den tast kommt. Krünitz öconom. encyclop. 9, 576. hierher gehört auch als frühes zeugnis übertragenen gebrauchs: auff diesen tag, und in diesem gericht wird der gerechte richter ... eine rechte musterung und scheidung halten .., auff das gottes reine und feine kirch, von allem gewirre und ungezieffer abgesondert werden. D. Schaller theolog. herold (1624) 246; vgl. auch: der inwendige mensch ist der edlere mensch. wenn gott nun den leib durch speise und uebung, die zunge durch sprache, die sinne durch kenntnisz nährte: siehe so konnten herz und verstand nicht leer bleiben, oder sie schossen in wildes gewirre und eigenmächtiges unkraut. Herder (älteste urk. 4. 2) 7, 27.
β) bei den schlössern führet in engerer bedeutung das eingerichte oder die besatzung, d. i. diejenigen künstlich versetzten stückchen metall, welche in die einstriche des schlüssels passen, und verhindern, dasz nicht jeder schlüssel das schlosz schliesze, den nahmen des gewirres, wo es auch den plural leidet. Adelung 2, 667; ähnlich Campe 2, 365b (das gewirre, auch das eingerichte, die besatzung); das gewirre in einem schlosse, les gardes, garniture d'une serrure. Schwan (1783) 1, 747a; das gewirr(e) eines schlosses, the wards of a lock [that part of a lock, which, corresponding to the proper key, hinders any other from opening it]. Hilpert II, 1 s. 465a; vgl. auch Jacobsson technol. wb. 2, 85a; gewirre, gewinde, charnier auch windklappe, ventil z. b. er hat kein gewirre im halse, verschlingt mit äuszerster geschwindigkeit essen und trinken. J. C. C. Rüdiger neuester zuwachs der teutschen ... sprachkunde 2 (1783), 78.
 
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gewirren, verb., wird von Scherz-Oberlin 1, 548 für turbare, verwirren angesetzt; das gleiche bei Brinkmeier 1, 917a. wie jedoch die oben (sp. 5677 ff.) beigebrachten belege für gewerren zeigen, sind am stammvocal dieses compositums auch in der nhd. periode keine ausgleichsbestrebungen hervorgetreten. gewerren als infinitiv, gewerre als conjunctiv präs. und ähnliche formen stehen dem gewirret im indic. präs. des singular gegenüber. zu den auf sp. 5683 angeführten wendungen ist noch nachzutragen: ich hab jn gen Spartham gfrt, dz er daselbs lob und eer erhol und es gewirt und mangelt jm nichts. Schaidenreiszer Odyssee 57b.

 

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