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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewintern bis gewirdigen (Bd. 6, Sp. 6107 bis 6111)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewintern, verb., verstärkte form zum persönlichen gebrauch von wintern (s. d., vgl. Lexer 3, 917), früh belegt, aber naturgemäsz litterarisch nur vereinzelt bezeugt: hiemare, kewinterren glossen zu Tit. 3, 12 Steinmeyer-Sievers 1, 779 (ze wintern cod. Tepl. den winter zu bleiben Luther); ouch sol man wissen, das man in disem hof was der man gewintren mag uff dem sinen, das sol er ouch ane geuerde sumren, und ouch nút me. hofrecht zu Meggen (Lucern) (14. jahrh. mitte) bei Grimm weisth. 1, 166; alls vil alls er uff dem sinen ... gewintern mag (Merlischhachen 16. jahrh.). 4, 362 (vgl. winteren 4, 761 u. a.); es sol auch chain nachgepaur den andern überziehen mit vich auf der waide, die si geleich mit ainander verzinsen müessen, ân alain waz vich er gewintern mag. (lantgesetzt von Sterzing) österr. weisth. 5, 435; ebenso (Windisch-Matrei 17. jahrh.) 1, 310.
das particip gewintert (hiematus Maaler 179c; Kilian 147a; Henisch 1602) gehört wol zu wintern, im litterarischen gebrauch strebt es auch einer anderen bedeutungsrichtung zu:

wenn alles uberschneit
und zu gewintert ist, so kompt der früling wieder.
Opitz (poet. wälder 4) opera 2, 286.

für den bedeutungswandel, der sich im angelsächsischen entwickelte (gewintred, full aged Bosworth-Toller 468a), liegen deutsche zeugnisse nicht vor.
 
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gewipfel, n., collectivbildung zu wipfel (s. d.), am frühesten in dem von Bürger gebrauchten compositum felsengewipfel (vgl. theil 3 sp. 1507) beobachtet, in dem sich die bedeutung verallgemeinert und übertragen zeigt und von gipfel (s. d.) beeinfluszt ist. neuerdings ist gewipfel aus der sprache Roseggers wieder nahe gebracht worden, wo sich die ursprünglichere engere bedeutung von wipfel (baumwipfel, die im winde sich bewegende krone) voll

[Bd. 6, Sp. 6108]


zur geltung bringt: wenn der auerhahn im dunkeln gewipfel der alten tannen balzte. P. Rosegger wildlinge5 118; allerlei fröhliche vögel werden das gewipfel beleben. waldheimat, vorw.; die lüfte mit ihrem weichen säuseln im gewipfel und ihrem brausen in den stämmen ... sie haben die sprache des weltgerichts. wildlinge5 5; vorüber an zwei besonders auffallenden, stattlichen lärchen, die ihre kronen hoch über alles andere gewipfel gegen himmel erheben. mein weltleben 130; der mond sank gegen das gewipfel der bäume hin. der gottsucher cap. 27; und schaut ins schneeschwere gewipfel auf. wildlinge5 303.
auch der pluralgebrauch ist hier wie bei anderen collectivbildungen angebahnt: dieser streifen ist mein verknorpelter kruswald. er hat ganz niederes bestände, aus dem viele dürre wipfelspitzen aufragen. ... auch im winde bleiben diese gewipfel starr und regen sich kaum. wildlinge5 3.
 
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gewipfelt, participiales adjectiv, in der zusammensetzung hochgewipfelt bei Voss viel beobachtet:

dann umstanden sie jen' und fleheten laut zu den göttern,
zartes gesprosz abpflückend der hochgewipfelten eiche. Odyssee 12, 357 (δρυὸς ὑψικόμοιο);

ebenso 9, 186; 19, 297; desgl. 13, 196 (hochgewipfelte bäume) und Ovid 1, 207 (hochgewipfelter maulbeer, ardua manus); dazu vgl. gwipp'lt, mit einem wipfel versehen, aufgehäuft. Lexer kärnt. wb. 258.
 
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gewipp, n., oberdeutsche nebenform zu gewebe (s. d.; vgl. althochd. giweppi sp. 5378): dieses hat erfahren Antonius Tortamanus von Montemuro ... der gienge aus, gewipp oder leinen tuch in Jerandina einzuhandlen. Fr. Caccia lebensthat des heil. Antonii 176; vgl. auch Unger-Khull 290b. vgl. das geläufigere gewüpp, gewüppe.
 
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gewippe, n., verbalsubstantiv zu wippen (s. d.): das gewippe Campe 2, 365b; gewippe, das schnelle auf und niederbewegen eines körpers, das schaukeln auf den knien. Schambach wb. d. niederd. mda. 63; gewippe, gewipp ... gehüpfe. ten Doornkaat Koolman wb. d. ostfries. sprache 1, 625a;

und eine pfauenfeder statt der hippe,
schlank, lang und schwank wie eine gerte, hält
er überm kopf mit winkendem gewippe.
Detl. v. Liliencron (Poggfred) 12, 153.

die sachbedeutung, die in der Kölner mundart entgegentritt (gewipp, hängekorb unterm lastwagen. Hoenig 65b) ist im zusammenhang mit der participialform (s. gewippt) zu erklären.
 
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gewippt , participiales adjectiv zu wippen.
1) in sinnlicher bedeutung: geprellt (gewippt) Comenius orbis pictus 259; gewipt, estrapadé Schwan (1783) 1, 746b; gewipp, hingeworfen, geschleudert. Hoenig wb. d. Kölner mda. 65b; der sal is jerammelte vull, dafür auch jerappelte, jestoppte ... jedrickte, jewippte, auch jestorrende, jewickte. Jecht wb. d. Mansfelder mda. 41; der topp iss jeschwipperte, vull zum überlaufen, auch jewipperte, jeschwapperte. 41b.
2) übertragen s. unter gewift sp. 5799.
 
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gewirbel, n. , ursprünglich wol masc. und als verstärkte form zu wirbel (s. d.) gehörig: als wann sie aus dem abgrund des verderbens und tiefem gewürbl der verzweiflung ... herfür gestossen würdten. F. Sigl gesch. d. Münchener geiszeln (1632) 175 Stöger. zu dem substantiv wirbel stimmt auch die vorliebe, mit der gewirbel die verworrenheit der bewegungen auf das akustische gebiet überträgt: wie es heute stürmt, lärmt, schneit, als ob der himmel in lauter schnee, in brüllendem gewirbel auf erden herunter brausen wollte. Bräker der arme mann im Tockenburg 248 Bülow; vgl. wirvil, turbo Graff 4, 1238; vortex, wirbel im wasser Lexer 3, 925; die wind varnt in ainer werbeln weise. ebenda.
frühzeitig ist jedoch für die erklärung der zusammenhang mit wirbeln (s. d.) maszgebend geworden, dem entsprechend gewirbel als neutrum und als verbalsubstantiv in die neuere schriftsprache übertrat: gewirbel ... das wirbeln, besonders ein anhaltendes, wiederholtes wirbeln ... etwas das sich wirbelt, eine wirbelnde menge. Campe 2, 365b.
1) das substantiv kennzeichnet die bewegung; die bildwirkung wird hervorgehoben:
a)

wo aus sprudelnden quellen der strom mit tiefem gewirbel,
Acheron, trächtig von gold, hinstürzt durch schaudrichte gegend.
Voss Hesiod 333 (Orfeus 1130);

[Bd. 6, Sp. 6109]



um und um
gewirbel, sandbank, riff!
Immermann (die Bojaren 3, 5) 15, 225;

unter düstern orkanengewirbeln und flammenden wettern
strömt', in wildem gewül, des abgrunds heer zu den thoren.
Fr. v. Sonnenberg Donatoa 151;

mächtige drängten sich vor durchs gedräng, und dumpf um die pforten
rollt' es sich jetzt in dunklem gewirbel, das dunkle gewirbel
flutet' heran, und ebb'te zurück. 145;

und wie der wind den haufen der trockenen spreu mit gewirbel
oftmal erregt', und umher sie zerstreuete.
Voss Odyssee 5, 368 (1793 gegen im wirbel 1781);

du lagst im gewirbel des staubes,
grosz auf groszem bezirk, der wagenkunde vergessend. 24, 39 (ausgabe von 1793 gegen in der wolke des staubes 1781);

schwang er die geiszel erklatschenden schwungs und es fuhr im galopp fort,
schnell wie der pfeil, durch gewirbel des staubs das rasselnde wäglein.
Baggesen Parthenais 1, 428;

vgl. sandgewirbel Schack nächte des orients 2; der general sah, fast träumerisch stumm, auf das weisze gewirbel. W. Alexis Isegrimm (2, 2) 2, 29; vgl. schneegewirbel ebenda 2, 26; immer dicker und immer dichter kamen die flöcklein herab ... ging schon ein ordentliches gewirbel los zwischen himmel und erde. H. Sohnrey im grünen klee6 45.
b)

unten um springenden weinborn läufts im gewirbel heran itzt,
stürzt es sich, wälzet sich bunt durcheinander von weibern und kindern.
Fr. v. Sonnenberg Donatoa 1, 2, 468; ähnl. 310;

sauszten die stürm' in die nachtumschleierten fahnen der flügel,
jagten und warfen in wilde gewirbel die flammen der streithelm'
und vermengten die donnerwolken des himmels mit ihnen. 114;

vgl. auch flammengewirbel 2, 2, 78 u. a.;

also badeten sie, stillhaltend herab in die wanne
alle die niedlichen füsze gepaart, weil jede den strohhut
abwarf, hebend den kamm, den gebogenen, welcher, den flechten
eingezahnt, aufhielt der ambrosischen locken gewirbel.
Baggesen Parthenais 5, 104;

über sein schlaues gesicht flog ein schatten und eine innere unruhe wurde aus dem lebhaften gewirbel sichtbar, womit er seine freude über das wiedersehen auszudrücken suchte. G. Freytag (soll u. haben) 5, 321.
2) die herausarbeitung akustischer wirkungen:

siehe, da rieselte still ein wässerchen ohne gewirbel.
Voss Ovid (Ceres 247);

ha, und itzt schleuderten all' orkan herauf von dem nordpol,
fürchterlich brüllt' es in grausem gewirbel daher, und die wogen
brausten mit wut an die himmel.
Fr. v. Sonnenberg Donatoa 2, 1, 145;

vgl. in heulendem sturmgewirbel 2, 1, 100;

und, wie brausende meergewirbel von drachengeheul voll,
rollten die kriegeswagen daher durchs wüste der graunschlacht. 2, 1, 119;

heulte wie orkangewirbel gedichte 75 Gruber.
das gewirbel der lerche. Campe u. a. (vgl. lerchenwirbel theil 6, sp. 762); den vogel (die lerche) fanden ihre augen nicht ... aber ... sie freute sich des sanften gewirbels. A. v. Enderes aus dem leben (fels zum meer 1883 s. 113a);

der mond blinkt heller, goldner und goldner malt
sich jede wolke, die melodisch
in das gewirbel der harfe murmelt.
Hölty (der bund) 56 Halm;

das göttliche, riefs im gewirbel der stimmen,
ist der erde geworden zum spiel.
Fr. v. Sonnenberg Donatoa 1, 1, 66;

und sowie ich den faden des gesetzes im tönegewirbel verliere, stellt sich das auge ein, und ich denke nichts als: was haben denn die kerle, dasz sie so reiben, zwicken, kratzen ... Fr. Th. Vischer auch einer 410; dabei weinte sie, setzte sich aber im folgenden augenblick an den flügel, um sich in ein gewirbel der gellendsten arien zu verlieren. W. Raabe hungerpastor 2, cap. 10;

red' ist der wohlklang, rede das silbenmasz;
allein des reimes schmetternder trommelschlag,
was der? was sagt uns sein gewirbel,
lärmend und lärmend mit gleichgetöne?
Klopstock (an J. H. Voss) 5, 368 Boxberger;

[Bd. 6, Sp. 6110]


o welch spektakel und kreuz-lamento wird in unsere zugehangenen zellen einkehren! mit trompeten und paukengewirbel. o jammer und elend! als ich in dienst trat, durfte ich keine flöte mehr blasen. Tieck (der gelehrte) 22, 29; und dann schmetterten die trompeten in der trommeln gewirbel. K. L. v. Woltmann gesch. des westfäl. friedens 2, 130; das gewirbel der trommel. Campe u. a.; ebenso Hilpert 2, 1, 465a; ebendort auch: das gewirbel der wagenräder, the whirling of the coach.
 
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gewirbelt , participiales adjectiv zu wirbeln (s. d.) mit älteren und jüngeren bedeutungsrichtungen:
1) die ältesten belege lassen eine bedeutung des verbums zur geltung kommen, die an gewirbel nicht zu beobachten ist, wol aber an wirbel; sie zielen auf die äuszere form, die ein gegenstand durch die bewegung (des drehens) erhält: turbinatio, gewirblite gestalt wie einer biren unden zgespitzt. Cholinus-Frisius 874b; ebenso Dasypodius Mm 8b (gewürblete gestalt); Frisius 1338b; Maaler 179a; König 1206a; Dentzler 832a; etwas gewirblets Cholinus-Frisius 874b; Frisius 1338b; dazu vgl.: spitzig z gewirblet, das dem spitz nach gadt, turbinatus. Maaler 179c; gewirbelt, turbinatus bei Kirsch, Matthiae, Steinbach, Hederich; gewirbelt, tournoïé Rondeau 2, Uu 3e; ebenso Schwan (1783) 1, 746b; dieser schneck wirt ziemlich grosz, ist gewirbelt mitten wie ein nabel ... (der andere) ist etwas lenglechter mit viel krümmen gewirbelt. Forer fischbuch (1598) 140b; dazu vgl. aus jüngster zeit: und der in zwei gewirbelten spitzen auslaufende schwarze schnurrbart wirkte nicht nur gefärbt, was er natürlich war, sondern zugleich auch wie angeklebt. Fontane frau Jenny Treibel cap. 2.
2) die jüngeren belege bringen solche bedeutungen zur geltung, die das verbum mit gewirbel theilt:
a)

hinstolperts von fliehenden, reiszt wie im sturmwind
über sie weg das gewirbelte rad (der wagen).
Fr. v. Sonnenberg Donatoa 1, 2, 475;

wär' ich verdammt, umsonst dir nachzuringen,
gewirbelt von des wankelmuthes strom.
A. W. Schlegel (entsagung u. treue) 1, 21 Böcking;

sie geben mir das leben wieder — nein, nicht mein altes, armseliges, von zweifeln hin und her gewirbeltes — ein neues, selbstgewisses, herrliches — und ich fühle, sie haben recht! Paul Heyse buch der freundschaft: David u. Jonathan;

von der leidenschaften wuth,
wie von der windsbraut gewirbelt,
verkannt' ich oft den freund, der neben mir stand,
und die rechte mir bot.
C. D. Schubart denkmal in Wingolfs halle;

nun flogen die gelben blätter windgewirbelt um ihre füsze. W. Jensen pfeifer v. Dusenbach;

die quellen ... stürzten mit einmal sich turmhoch,
und in dem fall zerstiebend zu schaum, und vom westlichen strale
angefunkelt, wie goldener regen, von lüften gewirbelt,
über städte hinweg.
Fr. v. Sonnenberg Donatoa 1, 1, 228;

schnell ward düster die luft, und gewirbelter regen mit donner
prasselte ...
Voss idyllen: die heumad 18;

hoch über die sausenden wipfel
sprengt die wütende jagd im gewölk' und durchfeget den nordsturm,
dasz von giebel und baum mich gewirbelte flocken umstöbern. das ständchen 22;

schafft dann trockenes holz von aspalathos, oder von stechdorn,
brombeern, oder im winde gewirbeltes reisig der waldbirn. übers. des Theokrit (idylle 24, 88);


b)

mit freudig melodisch gewirbeltem lied
begrüszen erwachende lerchen die sonne.
Schiller (morgenfantasie, später 'der flüchtling') 1, 304;


 
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gewirbig, adj., alemannische form von gewerbig, vgl. sp. 5599. zu den dort gebuchten belegen sind noch nachzutragen:

guot milt und gevellig gar,
frœlich und gewirbig sunder var
waʒ dirre guot man allewege.
mit vil reines hertzen pfläge.
Walther v. Rheinau Marienleben 41, 52 Keller s. 38b;

si tet als dú gewirbigú binlú, dú daʒ sss hong uss den menigvaltigen blmen in tragent. Heinr. Seuse (leben cap. 33) 96 Bihlmeyer; aber so ich es reht an sihe, so spúr ich mit frden din grossen wizze in der sach, daʒ du

[Bd. 6, Sp. 6111]


als gewirbig bist mit fragen. 99. dazu vgl. auch gewîrwech, gelenkig wb. d. Luxemburger mda. 145a.
 
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gewirblich, adj., nebenform zu gewerblich, vgl. sp. 5601 ff.: bis sie kamen in die gewirblich statt Antorff. Jörg Wickram (knabenspiegel cap. 9) 2, 31 Bolte.
 
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gewirdigen, s. gewürdigen.

 

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