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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewinnungskosten bis gewintern (Bd. 6, Sp. 6102 bis 6107)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewinnungskosten, pluraletantum: denjenigen aufwand hingegen, welchen die aufsuchung und wegnehmung eines naturproduktes erfordert, kann man durch den ausdruck gewinnungskosten bezeichnen. Lotz revis. der nationalwirthschaftslehre 1, 58; und den natürlichen gewinnungskostenbetrag der fische auf diese weise durch einen künstlichen zusatz noch erhöhet hat. 3, 259; die mitgewonnenen, dem anderen theile zustehenden mineralien müssen jedoch dem letzteren auf sein verlangen gegen erstattung der gewinnungs- und förderungskosten herausgegeben werden. allgem. berggesetz f. d. preusz. staaten § 56 (preusz. gesetzsamml. 1865) s. 718.
 
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gewinnungsort, m.: vgl. gewinnungsgebiet: anlagen zur bereitung von steinkohlentheer und koaks, sofern sie auszerhalb der gewinnungsorte des materials errichtet werden. preusz. gewerbeordn. v. 1845 (gesetzs.) s. 46.
 
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gewinnverleiher, m.: wo Rom oder Athen gewisz nicht verfehlt haben würden, Merkur dem gewinnverleiher tempel und altäre zu errichten. Matthisson erinnerungen 3, 23.
 
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gewinnverlust, m., s. gewinnstverlust: er verliert dabei immer in der regel weiter nichts, als die entbehrung eines erwarteten, ihm von der vorsehung beschiedenen, gewinnes, dessen verlust zwar, wie jeder gewinnverlust, immer auch etwas störend auf den gang seiner betriebsamkeit einwirken wird ... Lotz handb. der staatswirthschaftslehre 3, 200.
 
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gewinnvertheilung, f., vgl. gewinnantheil, gewinntheil: ist die gesellschaft von längerer dauer, so hat der rechnungsabschluss und die gewinnvertheilung im zweifel am schlusse jedes geschäftsjahrs zu erfolgen. dtsch. bürgerl. gesetzbuch § 721 im reichsgesetzblatt (1896) 317.
 
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gewinnvoll, adj., vgl. gewinnreich u. a. im gegensatze zu gewinnlos: der ankauf und das urbarmachen wüster ländereien ist daselbst die gewinnvollste anwendung des gröszten sowohl als des kleinsten kapitals (the most profitable employment). Garve übers. d. Adam Smith (3, 4) 22, 252; gewinnvoll ... vielen gewinn gewährend, vortheilhaft, zuträglich. Campe 2, 365a; erst jetzt entdeckt Meil's wittwe eine arbeit des königs (Friedr. Wilhelm III.) aus dem jahre 1793. schnell kauft ein hiesiger kunsthändler

[Bd. 6, Sp. 6103]


die platte und lässt einige abdrücke abziehen ... und ungewiss ob seine majestät es gestatten ... beeilt sich der besitzer der gewinnvollen platte ... die curiosität zu verbreiten. A. Nicolovius an Göthe, s. Göthe briefe 42, 364; soll aber eine neue (arbeit) unternommen werden, dann gilt es, die geleise erst zu suchen, in denen sie laufen kann, und aus diesen wieder das kürzeste, das sicherste und gewinnvollste auszuwählen. Otto Ludwig (zwischen himmel u. erde) 1, 345 Stern.
 
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gewinnzahlung, f.: hat der untereinnehmer dringende gründe gegen die gewinnzahlung. E. S. Unger anleit. f. lotteriespieler (1830) 55.
 
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gewinnzettel, m., zu gewinn, handgewinn, s. o.: gewin oder lehenzettel, schedula emphyteutica. Wehner observ. (1608) 180.
 
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gewinsel, n. , verbalsubstantiv zu winseln (s. d.), einer ableitung von winsen (vgl. althochd. winisôn Graff 1, 982; mitthochd. winsôn, winsen mhd. wb. 3, 714a). im gegensatz zu dem verbum, das schon in den vocabularien gebucht ist und im besonderen für thierische laute (winseln des hundes) angesprochen wird (vgl. winseln, gannire Diefenbach-Wülcker 906), ist das substantiv erst am ausgang des 17. jahrh. beobachtet und tritt hier für menschliche äuszerungen ein: winselung ... winseln ... gewinsele, ejulatus, quiritatio, questus, quiritatus, querimonia. Stieler 2480; daher dann solche meer-lichtlein biszweilen gleichsam, als wie eine menschliche stimme, ein geheul und gewinsel von sich geben: (wiewol dieses kirren und winseln eben sowol natürlich geschehen kann) ... Erasmus Francisci der höllische Proteus (21: das verführische irrlicht) 174. diese beziehung auf den menschen läszt sich als übertragung und gebrauchserweiterung auffassen und erklärt sich aus dem litterarischen gebrauche, bei dem gewinsel unter dem einflusz des nahe verwandten gewimmer (vgl. sp. 5845 ff.) steht, während die zwanglose sprache in der verwendung des substantivs wie des verbums selbständiger bleibt. in der allgemeinerendas subject der verbalthätigkeit nicht beschränkendenfassung kennzeichnen die wörterbücher das substantiv als eine reflexäuszerung bald des schmerzes, bald der angst: gewinsel, gemitus, quiritatus. Steinbach 2, 998; Frisch 2, 451a; gewinsel, quiritatio, quiritatus. Hederich 1, 1425. die neueren fremdsprachlichen wörterbücher beschränken sich auf den wehruf: gewinsel ... das gewimmer, a whinning, whimpering or weiling. teutsch-engl. lex. (1716) 2, 774; ähnlich Hilpert 2, 1, 465a; gewinsel, lamentation, gemissement. Rondeau 2, Uu 3e; ebenso Schwan (1783) 1, 746b. Adelung und Campe, die die begriffsbestimmung nur beim verbum zur geltung bringen, lassen an dem reflexlaut des schmerzes auch die dynamische abstufung gegen andre geräusche hervortreten: winseln, mit feinen und schwachen lauten wehklagen ... auch gebraucht man es von thieren, wenn sie feine klägliche laute hervorbringen, ein winselnder hund. Campe 5, 733. der mundartliche gebrauch ist zunächst aus dem bairisch-österreichischen belegt, vgl. gewoisel Loritza neues idiot. Viennense 51, vgl. auch woisln, wuisln Schmeller 22, 1030; andere begnügen sich schon beim verbum mit primitiveren formen, vgl. weissen u. a. Stalder 2, 444.
die bevorzugung eines allgemeinerennach der seite des subjects nicht bestimmtenbegriffes, wie sie in den buchungen deutlich wird, beherrscht wie schon bemerkt, den litterarischen gebrauch, und damit den haupttheil unserer belege. eine stattliche minderheit indessen läszt ein subject erkennen, das auch dem sprachgefühl an sich bei gewinsel zunächst vorschwebt: das thier, im besondern den hund. und in dieser subjectbegrenzung liegt auch der unterschied gegen gewimmer, mit dem sich gewinsel sonst so enge berührt und unter dessen einflusz es seine grenzen so weit über die ursprüngliche lage vorschob.
was für gewimmer in bezug auf das verbreitungsgebiet oben (sp. 5845) anzumerken war, gilt meist auch für gewinsel. dem streben nach einer gesteigerten kraft des ausdrucks, dem bedürfnisz nach neuen darstellungsmitteln kamen gewinsel wie gewimmer entgegen, um äuszerungen des schmerzes, der verzweiflung und des todeskampfes zu kennzeichnen. in allen fällen vermied Göthe die neuen bildungen, denen auch Schiller nur in seiner frühesten

[Bd. 6, Sp. 6104]


zeit raum liesz, während der neuere stilvoran die romantiksich hier nicht spröde zeigt. dabei eröffnet sich ein stilistischer gegensatz zwischen gewimmer und gewinsel: während das erstere als bequemes reimwort in der gebundenen sprache heimisch ist, wird das zweite mehr in der prosa bevorzugt. nur die reime pinsel, gewinsel, und neuerdings insel, gewinsel sind beobachtet.
unter den gebrauchsformen ist der plural eigentlich ausgeschlossen, er findet sich auch nur in freien wendungen der gehobenen sprache, so bei Leisewitz (dramat. fragmente) und bei Sonnenberg weltende (6) 1, 142.
die vorstellung einer durch wiederholung lästig fallenden handlung, die Adelung und Campe als wesentlichen zug unseres substantivs feststellen, gehört mehr dem zwanglosen stile an, wenn dieser das wort auf persönliche subjecte bezieht, vgl. 1, d und 2, b.
1) in den verbindungen des substantivs treten sich die beiden bedeutungsrichtungen gegenüber. bald wird die reflexäuszerung des schmerzes (der angst) mehr betont, bald der geräuschlaut, der gegen andere abgestuft wird. auch das lästige an dieser art von geräusch wird hier verschiedentlich hervorgehoben.
a) die zusammenstellung mit andern substantiven:
α) gegen geschrei wird gewinsel als die schwächere äuszerung gekennzeichnet: das geschrei erstirbt in gewinsel. Grabbe (bühnenanweisung zu Hannibal 2) 3, 226 Grisebach. in diesen verbindungen zeigt sich deutlich, dasz gewinsel allmählich den reflexlaut des affectes abstreift und zum ausdrucksmittel für ein geräusch im allgemeinen wird: der ein solches wildes thier wäre, und seine freude daran hätte, andere menschen zu martern, ihr angstgeschrei und gewinsel mit vergnügen zu hören. Wieland Lucian (der erste Phalaris) 6, 313; weil ... sie also mit gewalt fortgestoszen, viele auch niedergestoszen und übergefahren und zerquetscht werden, so fehlt es ebenso wenig an geschrei, gewinsel und gefluche als an staub auf der bahn. E. M. Arndt schriften f. u. an seine l. Deutschen 3, 425; vgl. auch geist der zeit 22, 293; das ist ein gerutsche, gebrumme, gepoltre, gedusele, gedudele, geschreite, gewinsele und ein gerumore durch einander, dasz man nicht weisz, wo man zuerst anfassen soll. Immermann (Münchhausen 4, 3) 1, 414 Maync; kerle, ich habe lange nicht so wie heute abend des lebens nothdurft mit solchen beschwerden heruntergewürgt als unter eurer katzenjämmerlichen tafelmusik. wüszte ich nicht, dasz ich mich, gott sei dank, auf meinen magen verlassen kann, so würde ich dem gewinsel und gewusel wahrhaftig schon früher ein ende gemacht haben. Wilh. Raabe deutscher adel (9) (1880) 74;

mit auskunft, mit rechtfertigung und gewinsel
geb' ich mich dann nicht ab.
Hofmannsthal gerettetes Venedig (5) 224.


β) für den reflexlaut des schmerzes ist die verbindung gewimmer und gewinsel schon oben (sp. 5846) aus Tieck und Rückert belegt; ähnlicher art sind auch: aber jenen traurigen und kläglichen ton, jenes romanhafte gewinsle, welches vor unsern augen der abgott des frauenzimmers und der jungen leute geworden ist, wird man ganz und gar nicht gewahr werden. Lessing (theatral. bibl. 1: betracht. über das weinerlich komische) 63, 18; wenn es körper gibt, in denen bald eigentlicher schall und wiederschall schläft; andre, in denen ein weinendes ächzen und gewinsel schlummert, andre, in die ein seufzender liebesgott der sehnsucht und der klage eingeschloszen ist ... Herder (krit. wälder) 4, 98; denn alle flüche, gewinsel und seufzer, die er auf sich lud, folgen ihm nach. Leisewitz (dramat. fragm.: die pfändung) 132 Werner;

da brach er aus in thränen und in gewinsel
und erfüllte mit anrufungen gottes die insel.
Rückert (32. makame) 11, 464.

anders die dynamische abstufung in folgender verbindung:

geheul! geheul aus hoher luft,
gewinsel kam aus tiefer gruft.
Bürger (Lenore) ged. 179 Sauer.


b) in der composition ist das substantiv hauptsächlich als reflexäuszerung erfaszt, die jedoch durchaus nicht auf den schmerz beschränkt bleibt (vgl. das freudengewinsel des hundes):

[Bd. 6, Sp. 6105]


so folgte schnell
der flammenschrift das angstgewinsel,
schallte das echo der siegsdrommete.
Chr. v. Stolberg Belsazer (werke der brüder St. 4, 143);


euer banges sterbegewinsel — euer schwarzgewürgtes gesicht, eure fürchterlich klaffenden wunden. Schiller (räuber 4, 5) 2, 162;

wie im wechselgespräch um einander
Sagana tönt', und die schatten mit piependem jammergewinsel.
Voss Horaz (sat. 1, 8 v. 41) 2, 84 (triste et acutum);

nicht in sanfter
wehmut stimme, so wie die nachtigall ihr
seufzendes lied singt:
sondern in lautem wehgewinsel wird sie
weinen.
Chr. v. Stolberg Aias (werke der brüder St. 14, 202);

heran fährt schnell der Irenbund,
legt an das schiff, besteigt die insel
mit händeringen, klaggewinsel.
Immermann (Tristan u. Isolde 1) 13, 142.


c) die verbindungen mit verbis, soweit sie nicht neutraler art sind, kennzeichnen das geräusch: das ist ein, was soll das gewinsel; ein gewinsel kommt, erreicht, erschallt, ertönt, schlummert; ein gewinsel erheben, anheben, von sich geben, übertönen, einstellen, hören, gewahr werden. charakteristisch für die unnatürlichen verbindungen, in die der litterarische gebrauch das substantiv überführt, sind die belege aus Sonnenberg, Schiller und Lichtenberg: das gewinsel röchelt; das gewinsel belustigt oder gar ein gewinsel lesen.
d) die zutretenden attribute und auch die verbindungen mit subjectivem genetiv beschränken sich fast ganz auf den reflexlaut (doch vgl.: dumpf gewinsel Sonnenberg sp. 6107). die ersteren lassen aber neben der äuszerung wirklicher empfindung mehr noch jene verächtliche nebenbedeutung zur geltung kommen, auf die Adelung und Campe hinweisen.
α)

hiedurch zum mitleid bewogen, erheben ein zärtlich gewinsel.
Ewald v. Kleist (frühling v. 275) 1, 225 Sauer; vgl. auch unter 2) a) β);

armer pilger, steure du,
unter ausgelöschten sternen,
tröstender entsagung zu!
kein verzagendes gewinsel
zögre deinen raschen lauf!
Tiedge (entsagung) 2, 86 (reim: insel);

in demuth eingeschmieget tritt
zum geisterkönige der pinsel (junker Topas)
und lallt, genaht im stutzerschritt,
sein unterthäniges gewinsel:
verzeiht, durchlauchte majestät,
dasz ihr mich armen junker seht.
Boie (die elfenburg) bei Weinhold s. 356;

auch sind die verliebten, die euch auf diese weise anbeten, gar nicht sonderlich beim eigentlichen frauenzimmer geachtet; sie lesen das affectirte gewinsel wohl, aber im herzen unterscheiden sie sehr richtig. Lichtenberg 4, 236; such dir was besseres aus, was herzhafteres. was willst du mit dem schwachköpfigen gewinsel? das lied ist schon ein halbes jahr alt. Paul Heyse (Lottka) rom. u. nov. II, 8 s. 181; ihre zerknirschung vor dem herrn, der grauenhafte hochmuth ihrer gegner zitterten und kreischten herzzerreiszend in diesem unharmonischen gewinsel. Tieck (aufruhr in den Cevennen) 26, 168; vgl. auch das gellende gewinsel der hunde (s. 2, a); wer aber ... sich den sentimentalen geschmack durch das altweibische gewinsel eines nachahmers, der allenthalben empfindsam zu scheinen arbeitet, nicht gerne verderben will. Gerstenberg (über Jacobis winterreise) rezensionen 327; so sehr hasz ich sie, wegen des unaufhörlichen gewinsels ihrer läppischen alexandrinern. L. Ph. Hahn Robert v. Hohenecken (1778) vorbericht; ja so tönt, bis zum ekel wiederholt, das gewinsel der journale. Immermann (memorabilien 2) 19, 237.
β)

klagt, lieben vögel, klagt, weint blumen, feld und vieh,
schreit hirten, berg und thal, weil ihr der tod zu früh
und mir zu langsam kommt.mein bangsames gewinsel
vermählet sich mit euch.wer schafft mir kiel und pinsel,
der meine schmerzen malt.
Günther nachlese 104;

vgl. auch klägliches gewinsel bei Adelung und Campe; trauriges gewinsel, hurlements funèbres. Schwan (1783) 1, 746b;

[Bd. 6, Sp. 6106]


und dumpf in des sturzes
hohlem geprassel, aus flammenerhelletem, blutigen abgrund,
röchelte schaurig gewinsel noch auf, und meer des todes
wirbelt' herüber.
Franz v. Sonnenberg Donatoa (2) I, 1 s. 96;

gewinsel der erschlagenen peitschet die lüften. F. M. Klinger Simsone Grisaldo (1, 1) 16; das gewinsel der kranken und sterbenden. Börne (über die Serapionsbrüder) 33, 244; in dem gewinsel der zertretenen und dem siegesgeschrei der überwindenden. E. M. Arndt geist der zeit 22, 293;

von den jungen gewinseln der Bethlehemitischen unschuld,
und der alten Jerusalem todtengeheul, weehtrunken ...
Franz v. Sonnenberg das weltende (6) 1, 142;

vgl. auch (5) 1, 111; folge mir dahin, wo die verwesung leichname morsch friszt, und der tod seine schaudernde tafel hält — dahin, wo das gewinsel verlorner seelen teufel belustigt. Schiller (Fiesko trauerspiel 3, 1) 3, 81; zerknirschter sünder gewinsel (5, 13) 3, 152;

er schildert des verlassenen gewinsel,
er malt ihn halbverzehrt von grimmen nattern,
er taucht in jeden höllengraus den pinsel.
Uhland (Fortunat 2, 100) 1, 360 Erich Schmidt.


2) schon die bisherigen beispiele hatten meist auch anhaltspunkte für das subject der verbalthätigkeit ergeben, vorzugsweise waren personen die träger, da die belege aus proben einer gesteigerten ausdrucksweise entnommen waren.
a) in zwangloser sprache ist das substantiv vorzugsweise in beziehung zum hunde gesetzt, hierfür stellt auch die litteratur mehr und mehr belege:
α)

nur mit Odysseus sahn sie die hund', und sie belleten gar nicht,
nein, mit gewinsel (κνυζηθμῷ) entflohn sie zur anderen seite des hofes.
Voss Odyssee 16, 163 (ausgabe von 1793; in der von 1781: winselnd);

ebenso übers. des Aristophanes (wespen 990) 1, 386;

gräszlich, o kind, wenn nacht vor nacht, bei der hunde gewinsel,
sich dein Wenzel wie rauch aus der erd' aufwühlet und wehklagt. (idyllen) 2, 51;

und unter gellendem gewinsel
schleudert ihn fern auf eine insel;
dasz seine hunde staunend stehn,
die plötzlich sich verlassen seh'n.
Friedr. Rückert ein gleichnisz von den hirschen, dem wilden jäger ...

wohl strebte das unthier (der hund) noch mit gewinsel zu mir auf. Th. Storm (Renate) 5, 11; er (der hund) hatte sich ... durch einen sprung zum fenster hinaus befreit und kam nun mit hellem gewinsel auf den jüngling zugesprungen. Paul Heyse ital. nov. 1: Annina; plötzlich aber sprang er (der hund) ... auf ... freilich nur, um ... ein paar töne, die halb geblaff und halb gewinsel waren, laut werden zu lassen. Fontane Cécile cap. 12; Uncas zog es aber vor, nebenherzutrotten ... und dann Ruth, unter gebleff und freudengewinsel an sich vorbeipassieren zu lassen. quitt cap. 28.
β) andere beziehungen auf die thierwelt sind ganz vereinzelt und sind anthropomorphisch zu erklären, so die beziehung auf die nachtigall, vgl. Ewald v. Kleist frühling v. 275 (s. o.); vgl.:

aufs neu erhebt (die nachtigall) den gram- und jammerreichen
schall
von ihrem gurgelnden gewinsel (takes up again her lamentable
strain of winding woe).
Brockes Thomsons jahreszeiten 81 (frühling 673).


b) mit den ergebnissen aus dem vorhergehenden stimmt auch überein, dasz da, wo gewinsel in der einfachen darstellungsform auf menschen bezogen ist, eine verächtliche nebenbedeutung sichtbar wird, vgl. 1, d: kein gewinsel! kein kopfhängen. J. L. Huber das lotto s. 70; verzagter! nun so geh, stell dein gewinsel ein! niemand beklage mich. J. M. Hoffmann die Corsen s. 73; 'wenn du den kampf sähest, der ihr zartes herz zerreiszt.' nu was ist denn nun? was soll denn alles gewinsel? Klinger (das leidende weib 4, 1), s. Lenz ges. schriften 1, 194 Tieck (doch vgl. auch: es kostete meinem herzen kampf, bei diesem gewinsel standhaft zu bleiben. C. Fr. Bahrdt [?] gesch. seines lebens 3, 199); sein spiel war unleidlich, frostig, wie Lampens liebhabergewinsel. J. F. Schütze Hamburger theatergesch. 478; als vom ofen her ... nun plötzlich ein dumpfes, ängstliches stöhnen wie das röcheln eines erstickenden erscholl. ...

[Bd. 6, Sp. 6107]


'helft dem burschen auf seine stube', sagte er, 'und macht fort! ich bin des gewinsels satt und will ruhe haben!' Friedr. Halm (die Marzipanliese) 4, 23 Schlossar; und kriegt man einen schuft beim kragen, so hebt er ein solches gewinsel an, dasz man ihn nur schnell wieder musz laufen lassen, wenn man nicht als ein wucherer und unmensch will verschrien werden. Gottfr. Keller (fähnlein der sieben aufrechten) 6, 284. dazu vgl. auch:

der Haydn ist doch gar zu alt,
was soll uns solch gewinsel?
wir malen auch, wie er gemalt,
nur mit dem groben pinsel.
Grillparzer (chor der Wiener musiker beim Berlioz-fest) 25, 196;

und beschlossen die genüsse des tages; indem wir auf der Esbekieh dem gewinsel der türkischen musik zuhörten und dabei in lauwarmer limonade schwelgten. Wilh. Heine eine weltreise um die nördl. hemisphäre 1, 70.
c) die beziehung auf ein nicht näher bestimmtes subject gibt dem substantiv den charakter eines verworrenen geräusches:
α) wasz da deixl ist das für a vawirts gwoiszl, i kan da nit draus dakemma was dessz weesen sein soll. bair. schausp. vom prinzen v. Arcadien (1, 1) (1701), s. Bayerns mundarten 1, 133; (Guelfo:) warum stört ihr mich in meinem schlafe? was schreit ihr, die hände gehoben, zum rächer? was erschallt gewinsel durchs haus, und zerreiszt meine seele? Klinger (zwillinge 5) 1, 79;

und herabfuhr ein flammensturm auf die fürstin der städte,
wirbelte gräszlich mit sodomitischem jammergeheule
über die stolze, und staub der veraschten wölkte gen himmel.
dumpf gewinsel röchelte noch in der wetterflamme,
eh sie versank.
Franz v. Sonnenberg das weltende (2) 1, 32;

vgl. auch (6) 1, 143 (völkergewinsel);

Gertrude floh durch busch und dorn;
gewinsel aus der höle
erreicht sie bier; ...
... als sie herab zur grotte sprang,
lag Fritz von Wülferode
zerschmettert auf der erd', und rang
zähnknirschend mit dem tode.
Göckingk ged. 3 (1782), 141.


β) dazu vgl. die übertragung:

töne, töne denn, mein banger sterbgesang,
der winde gewinsel im todtenkranze,
dem rauschenden wilden grase
auf zerfallnen heldengräbern gleich.
Schubart Friedrichs tod;


 
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gewinst, s. gewinnst.
 
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gewintern, verb., verstärkte form zum persönlichen gebrauch von wintern (s. d., vgl. Lexer 3, 917), früh belegt, aber naturgemäsz litterarisch nur vereinzelt bezeugt: hiemare, kewinterren glossen zu Tit. 3, 12 Steinmeyer-Sievers 1, 779 (ze wintern cod. Tepl. den winter zu bleiben Luther); ouch sol man wissen, das man in disem hof was der man gewintren mag uff dem sinen, das sol er ouch ane geuerde sumren, und ouch nút me. hofrecht zu Meggen (Lucern) (14. jahrh. mitte) bei Grimm weisth. 1, 166; alls vil alls er uff dem sinen ... gewintern mag (Merlischhachen 16. jahrh.). 4, 362 (vgl. winteren 4, 761 u. a.); es sol auch chain nachgepaur den andern überziehen mit vich auf der waide, die si geleich mit ainander verzinsen müessen, ân alain waz vich er gewintern mag. (lantgesetzt von Sterzing) österr. weisth. 5, 435; ebenso (Windisch-Matrei 17. jahrh.) 1, 310.
das particip gewintert (hiematus Maaler 179c; Kilian 147a; Henisch 1602) gehört wol zu wintern, im litterarischen gebrauch strebt es auch einer anderen bedeutungsrichtung zu:

wenn alles uberschneit
und zu gewintert ist, so kompt der früling wieder.
Opitz (poet. wälder 4) opera 2, 286.

für den bedeutungswandel, der sich im angelsächsischen entwickelte (gewintred, full aged Bosworth-Toller 468a), liegen deutsche zeugnisse nicht vor.

 

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