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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewillt bis gewims (Bd. 6, Sp. 5825 bis 5850)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewillt , participiales adjectiv zu willen, vgl. auch gewillen sp. 5819.

[Bd. 6, Sp. 5826]



1) das präfix dient nicht etwa einer besondern bedeutung zum ausdruck, die dem grundverbum unzugänglich wäre (gewillt zu gewillen), es ist daher mehr als begleiter des part. prät. aufzufassen.
a) schon althochdeutsch nehmen formen mit und ohne präfix gleicherweise an entsprechenden verwendungen theil: willondo dir, prona favore indulgens vgl. Graff 1, 830; diê sîne iudicia ... mer minnent danne ioh sih selben, wanda siê echert imo willont nals in selben. Notker zu psalm 18, 11 Hattemer 2, 71 gegen: Cacus Evandri satiavit iras, Cacus ter dîeb, filius Vulcani, der Herculi sîniu rinder ferstal, ter erchûolta mit sînemo tôde demo chuninge Euandro sîn zorn, tô in Hercules erslûog, tô habeta er Evandro gewillôt. Notker Boethius 3, 211b Hattemer; vgl. auch giwillot, satis factum. Graff a. a. o.
b) die isolierung des particips, die im ausgang der mittelhochd. periode ansätze treibt (vgl. mhd. wb. 3, 664b. Lexer 3, 892) geht von ähnlichen fügungen aus:

daz ich zu rehte wesse, in welher stund der hohste mir wolt verliehen,
daz im din sel mit kunste wer gewillet (handschr. gewillen),
der engelschar gesellet, so wer min klage wol halben wec gestillet. jüngerer Titurel 5142 Hahn.

entscheidend war die zurückdrängung des persönlichen dativs durch unpersönliche zielpunkte, die meist in präpositionalverbindung angeschlossen werden:

daʒ got hulf sigenünfte
dem degen der sîn jungez leben
het durch die juncvrowen ûf tôdes wâge begeben ...
pischof Wippreht ein messe sanc
hêrlîchen mit manigem pfaffen, diu wart lanc,
dem degen der sich kampfes het gewillet (: het sie ... gestillet). Lohengrin 2033 Rückert;

in sol umb disen willen manic zunge.
sprechen gŭt und ere vil ungestillet.
und allen reinen hertzen. die nach richer tugent sint gewillet. jüngerer Titurel 5013 Hahn;

ê dô was der werlt gedank
ûʒ geteilt in manegen gank,
iederman het sunder gunst.
einer was gewilt ze kunst,
einer ûf ritterlîchen prîs.
Teichner 302 Karajau.


c) diese und ähnliche fügungen führen zu dem hauptgebrauch des particips in der neueren sprache über: gewillt, gesonnen, etwas zu thun oder zu leiden. der absolute gebrauch, in dem sich gewillt mit gesinnt berührt, ist mittelhochd. auch angedeutet, findet aber früher wie später, nur wenig pflege:

mit hertzen gut gewillet, wol driʒʒic tageweide,
die rede ist nach gestillet, wer sagt es im vil gerne ich uchʒ bescheide.
er trug dem grale willen also reine:
tusent mile zu riten, wern im durch den gral gewesen kleine. jüngerer Titurel 6011 Hahn;

vgl.; gewilt, een zekeren wil hebende, gezind. Verwijs-Verdam 2, 1911.
2) in der richtung auf einen bestimmten zielpunktmeist eine verbalhandlungist das particip auch in der neueren sprache reich belegt. die wörterbücher nehmen verhältnismäszig wenig notiz von diesem gebrauch und schränken dessen gebiet zu unrecht ein: in animo habere, gewillet sein. A. Reyher theatr. rom.-teut. 1 (1668), 374; gewillet sein s. DWB wollen. Adelung 2, 662 (ich bin gewillet ... bin entschlossen ... gebraucht ... am häufigsten nur noch in den kanzelleien. 4, 1609), ähnlich Schwan 1 (1783), 745b; gewillet oder gewilliget, gesonnen. Heynatz handb. zur verf. v. aufs. 283b; gewillet sein, willens sein, entschlossen sein, wollen. Campe 2, 363b u. a.; gewillet sein, to be willing or disposed, to intend, purpose. Hilpert 2, 1, 464b. dem thatsächlichen gebrauche nach nimmt der kanzleistil allerdings für die ältere sprache den haupttheil der belege in anspruch, daneben zeigt aber auch die gehobene sprache der poesie, die in neuerer zeit der bequemen form besonders gern sich bedient, schon frühe belege; ebenso nimmt die prosa sowol der abhandlung als der erzählung daran theil, und belege aus Anzengruber sprechen sogar für den gebrauch in der zwangslosen sprache.
a) die verbindung mit einem infinitiv, gewillt etwas zu thun oder zu leiden, stellt sich als eine erweiterung zu dem umschreibenden wollen. wie dieses kann sie als logisches subject eigentlich nur eine person aufnehmen. in formelhafter fortbildung des gebrauches oder bei poetischer

[Bd. 6, Sp. 5827]


übertragung wird das particip jedoch auch zu anderen subjecten gezogen, doch sind hier solche ausnahmen viel seltener als bei wollen: ihr zu verkaufen gewilltes getreid. Ansbachische landesverordn. v. 1713, vgl. Schmeller 22, 891; zum zweiten vgl.: die kuh schien genug gefressen zu haben ... und schien auch nicht gewillt, auf eine discussion der existenzwahl einzugehen. Anzengruber werke 3, 9.
α) am unmittelbarsten mit dem hilfsverb wollen berührt sich die prädicative verbindung des particips mit dem verbum substantivum. die abgrenzung gegen wollen folgt mehr stilistischen neigungen als einem unterschiede in der bedeutungsenergie.
1)) im vordergrunde stehen natürlich belege, die den willen auf active bethätigung richten, gewillt sein, entschlossen sein, etwas zu thun.
a)) die zeugnisse der kanzleisprache: euch freuntlich diennst zu erzaigenn, sindt wir gewilt. correc. zur Bambergensis (zu art. 183) bei Kohler u. Scheel, Carolina 2, 139; wie wir dess zu euch genzlichen vertrawen und darob kain zweifel haben, ir selbs zu tun gewillt seit. schreiben der stadt Rothenburg (1525) bei Baumann 478; noch er gewillt sei, sein dienst zu begeben oder zu verlassen. 392; ob ewer erber weisheit gemaint und gewillt wer, dergleichen verstand mit gedachtem unserm gnedigen herren und uns in diser bewrischen uffrur und empörung auch zu bewilligen. 266.
b)) aus der kanzleisprache dringt der gebrauch unmittelbar in die prosa der erzählung und der abhandlung über, wo er im neuern stil [vgl. auch unter c))] besondere pflege findet: und wie sie zugleich seines beistandts, in einem werck, dazu jhn auch der himmel beschieden, sich zubedienen gewillet und begierig were. Opitz übers. von Sidneys Arkadia 6. buch s. 22; dasz ein mann im weissen kittel bei ihm gewesen, welcher ihme hette befohlen, auf den künfftigen morgen, zur beicht und hochwürdigem sacrament zu gehen: wie er auch, mit gottes hülffe, zu thun, gewillet sei. Erasmus Francisci der höllische Proteus (68. der angefochtene unglücks-verhüter) 657; sie klagte mir, wie sie mit schmertzen, vernehmen müsse, dasz sie die verlustigte current schuldner nunmehr gewillet seien, in sie unverschont zu setzen. Abele künstl. unordn. (1, 15) 1, 130; wie dasz er gewillet seie, mit ihr, ungehindert dieses unannehmlich entstandenen incidents ... noch länger und ferners zu haussen (1, 6) 1, 54; ich glaube auch nicht, dasz der hr. prof. Manzel jemahlen gewillet gewesen ist, die sache so weit zu treiben. Liscow (über den abrisz eines neuen rechts der natur ...) samml. satyr. u. ernsth. schr. 581; wie er diejenigen, die vom rechte der natur geschrieben haben, gar verächtlich nennet, mit seinen einsichten auf den rechten weg zu helfen gewillet sei. ebenda s. 632; ich befürchte, dasz einige bedenken in dem sendschreiben wider meine schrift von mir können übergangen worden sein, auf die ich zu antworten gewillet war. Winckelmann (schr. über die nachahmung der alten kunstwerke: 4) 1, 211 Fernow; in diesem falle versprach er auch dem Antonio Caldora reichen ersatz für die in Apulien eingebüszten besitzungen, die er dem fürsten von Tarent zu entreiszen keineswegs gewillt war. Platen (gesch. des königreichs Neapel 3, 10) 3, 157 Redlich; und das land mit denselben teilen ... welches sie dann als päbstliche statthalter zu regieren gewillt seien. (2, 10) 3, 102; der alternde staatskanzler war, trotz seiner raschen feder, der erdrückenden arbeitslast seines amtes nicht mehr gewachsen und doch nicht gewillt, seine herrscherstellung über den ministern aufzugeben. Treitschke deutsche gesch. (1, 4) 15, 446; dennoch, wenn es ihnen nur darum zu thun, und sie nichts der kirche nachtheiliges aus alten schriften eruiren wollen, bin ich gewillt, denselben das älteste der vorhandenen bücher zu präsentiren. Gustav Freytag (die verlorene handschr. 1. buch, 8. cap.); scherzte, warum sie bei ihrer jugend und schönheit nicht längst ein neues eheband geschlossen, ob sie es auch in zukunft nicht zu tun gewillt sei. Paul Heyse troubadournovellen (die dichterin von Carcassonne (s. 170); dasz Annerl, Hannerl und Sannerl sofort gewillt waren, sich dem bauern an stelle Traudels, Ursels und Gundels anzutragen. Anzengruber dorfgänge 2 (Annerl, Hannerl und Sannerl s. 128).

[Bd. 6, Sp. 5828]



c)) auch die sprache der poesie macht frühzeitig von der umschreibung gebrauch:

fahr fort, bistu gewillt, in frömmigkeit zu leben,
der dir das wollen giebt, wird auch das können geben. Seladons (d. i.
Georg Greflingers) weltl. lieder (1651) 8;

bist du gewillt, dies blatt zu unterschreiben?
Schiller (Piccolomini 4, 1) 12, 158;

wir sind jetzund gewillt, bekannt zu machen
der töchter festbeschiedne mitgift. —
A. W. Schlegel übers. von Shakespeares könig Lear 1, 1 (we have this hour a constant will to publish);

ob du würdig könntest leiden,
war zu forschen ich gewillt.
Cl. Brentano romanzen vom rosenkranz (13, 13) 226 Morris;

so wünscht der könig, dasʒ die apulischen
seehäfen ihr im willig öffnetet ...
er ist gewillt, die erlauchte republik
mit krieg zu überziehn, wofern sie nicht
Apuliens häfen abzutreten denkt.
Platen (liga v. Cambrai II, 3);

ich bin gewillt,
(vernehmt es, ihr geistlichen würdenträger!)
der papsteswürde Gregor zu entsetzen.
Ferd. v. Saar Heinr. IV. (Hildebrand 2, 9) 1, 94;

du zeigst mir meines gottes walten,
der, ob sein antlitz sich verhüllt,
doch nicht auf ewig zorn zu halten,
nicht stets zu strafen ist gewillt.
Karl Gerok palmblätter (abendroth).


2)) diesen auf eine bethätigung gerichteten belegen stehen nur wenige und jüngere gegenüber, die ein leidendes verhalten zum zielpunkt nehmen:

o gottes sohn! sei gnädiglich gewillet
zu nehmen, was ich dir heut bringe dar,
ein armes waisenkind, es trägt verlangen,
das sacrament der taufe zu empfangen.
Tieck (kaiser Octavianus 1) 1, 166;

Eugen war nicht gewillt, sich von jedem, dem es beliebte, berauben und übertölpeln zu lassen. Auerbach neues leben (3, 6) 2, 59; sie beide seien nicht länger gewillt, seinem nichtsthun und trinken müszig und geduldig zuzusehen. Hansjakob schneeballen v. Bodensee 48; er war nicht gewillt, sie (die beute) ihnen zu lassen. Paul Heyse troubadournovellen (die dichterin von Carcassonne s. 173); beide, wie wenn sie gewillt gewesen wären, sich den eben gehabten eindruck durch Maruschka nicht stören zu lassen, brachen früher als gewöhnlich auf. Th. Fontane quitt cap. 32.
3)) die energie der willensbethätigung ist, wie sich im obigen zeigte, je nach dem zusammenhang verschieden; in gewissem gegensatze stehen schon meist die belege, in denen die willensrichtung als von unbegrenzter dauer erscheint, gegen andere, die auf einen einzelnen vorübergehenden anlasz zielen. in diesem zweiten fall schwächt sich die bedeutung entschlossen sein oft bis zu der von im begriffe stehen (vgl. μέλλειν; vgl. DWB wollen im dienste der futurumschreibung) ab: allda traffe ich an zween herrn, so gewillet gewest, sich auf einen fischerzillerl nach Mauthern überführen zu lassen. Abele künstl. unordnung (3, 3) 3, 38; hier wird durch einen mächtigen stromsturz merklich die erste stufe bezeichnet die ein bergland andeutet, in das wir zu treten gewillet sind. Göthe (aus meinem leben 18) 48, 105.
β) gebrauchsunterschiede gegen wollen entwickelt gewillt in den fällen, wo das satzgefüge eine freiere und selbstständige stellung des particips fordert. die bewegungsfreiheit des zu wollen gehörigen part. präs. (wollend) ist in dieser richtung ganz durch gewillt gehemmt.
1)) die syntaktische selbständigkeit des particips: aber als unverzagt, der sein leben thewer genug zu verkauffen gewillet, kehrt er dem allbereit verwundten einhorn ... den schild, desz andern erwartet er mit seinem schwert, unnd gerhiet jhm ein streich also wol, dasz er jm noch ein dieffe wunden schlug. Amadis (24, 29) 24 (1595), 527; die armselige antwortet, es sei ihr liebes söhnlein, und sie gewillet, dasselbe in die wiegen zu Neuhaus zu legen. Erasmus Francisci der höllische Proteus (89. der kielkropff oder wechselbalg) 977; dafern aber ein redlicher mann, der es gut mit ihm meinte, und ihm was gutes zu erweisen gewillet, ihn besuchen wollte, fühlte er den sanfften schlag am lincken ohr. (69 der hofmeisternde geist) 664;

[Bd. 6, Sp. 5829]


(Penthes.) er wär' gefangen mir? ...
(Achilles.) in jedem schönren sinn, erhabne königin!
gewillt, mein ganzes leben fürderhin
in deiner blicke fesseln zu verflattern.
Heinr. v. Kleist (Penthesilea 14, 1612) 2, 97 Erich Schmidt;

und sind nun hier, dem Türken, sucht er uns,
der rückkehr strasʒe schwarz mit blut zu zeichnen,
doch ihn zu suchen, keineswegs gewillt,
man zeig' uns denn, wer führt und wer befiehlt.
Grillparzer (ein bruderzwist 2) 95, 32;

ganz ebenso (im alten Österreich: der kranke feldherr) 15, 126; die alte leiter, welche über die jahre hinaus war, das gewicht von drei unbefriedigten tragen zu können, bekam einen gefährlichen sprung, und eiligst stiegen sie und erschrocken hinab, nicht gewillt, von der höhe ihres standpunktes zu stürzen. Immermann (Münchhausen 6, 3) 2, 126 Maync; bei diesem gespräche war Botho eingestiegen, gewillt, sich's in der plüschecke nach möglichkeit bequem zu machen. Th. Fontane irrungen, wirrungen cap. 21; Rexin aber, sichtlich gewillt, sich nicht zum zweiten male durch empfindelei stören zu lassen, wiederholte nur in gleichmütigem tone. 23.
2)) dem jüngeren stil gehört die engere verbindung mit anderen verben als dem verbum substantivum an: die abdankung Friedlands war ganz gegen ihren willen geschehen; denn eben in einem augenblick war sie erfolgt, in welchem derselbe den krieg in Italien zu führen sich gewillt zeigte. Ranke gesch. Wallensteins2 226 (cap. 7); er sprach noch eine gute weile so weiter, unter beständigem niederlegen und wiederaufnehmen seiner karten, und schien ernstlich gewillt, sich durch diese 'habereien' der guten frau nicht stören zu lassen. Th. Fontane quitt 14; Hoppenmarieken ... holte jetzt die kiepe vom flur herein und schien, ihrem ganzen hantieren nach gewillt, einen schmaus für sich selber vorzubereiten. vor dem sturm 8 (s. 76); 'sie sehen mich gewillt, zum volke zu reden'. Thomas Mann Buddenbrooks (4, 3) 1, 268; vgl.: die kuh schien ... nicht gewillt. Anzengruber, s. oben sp. 5827.
b) neben der präpositionalverbindung des infinitivs treten andere ausdrucksmittel für den zielpunkt der willensrichtung ganz zurück: sich daselbst und bei den von Brethain zu erkundigen, ob es mit irer versamblung gemelter massen gestalt, und was sie gewillt wern, das sollten die von Brethain inen, der versamlung zu Orempach ... zu erkennen geben und ansagen. Thomas Zweifel Rottenburg im bauernkrieg 37 Baumann;

der sonnenblume gleich steht mein gemüte offen,
sehnend,
sich dehnend
in lieben und hoffen.
frühling, was bist du gewillt?
wann werd' ich gestillt?
Mörike (im frühling) 2, 34 Krausz;

im weiten mantel bis ans kinn verhüllet
ging ich den felsenweg, den schroffen, grauen,
hernieder dann zu winterhaften auen,
unruh'gen sinns, zur nahen flucht gewillet.
Göthe (sonette 2. freundl. begegnen) 2, 4 (vgl. gewilt ze kunst Teichner 302).


3) der absolute gebrauch des particips, gewillt in der bedeutung gesinnt gegen gesonnen, ist zwar spärlich belegt, wird aber doch aus den verschiedensten perioden der sprache bezeugt (s. o.) und mag aus manigfachen formen der composition (vgl. gutgewillt, starkgewillt u. a. bei Sanders 3, 1604b) noch weiter blosz gelegt werden:

nun aber hat es sich gestillet,
drüm sag' ich, gott, dir hertzlich dank;
dasz du mir bist so wol gewillet
vergess' ich nicht mein lebelang.
Georg Neumark poetisch- u. musikalisches lustwäldlein (1, 7) (1652) 30;

Faust ist ein scharmanter, liebreicher enthusiaste, besonders gegen mädchen und bräute; human, wohl gewillt, hoch gesinnt doch — ohne mittel. Zelter (an Göthe 1829) briefw. 5, 320. dazu vgl. bösgewillt theil 2, sp. 258 (neben böswillig).
 
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gewimmel, n. , verbalsubstantiv zu wimmeln s. d.
1) ableitung, älteste belege.
a) aus althochdeutscher zeit sind für die in betracht kommende sippe zunächst verba bezeugt, vgl. wimjan, winmjan, wimidôn, wimizian u. a. Graff 1, 852. der bedeutungsinhalt ist fast durchweg mit lat. scatere gekennzeichnet, das den

[Bd. 6, Sp. 5830]


begriff lebhafter bewegung nach zwei richtungen spaltet, der behendigkeit einerseits, der fülle andererseits. unsere erweiterung der verbalform ist erst spät mittelhochdeutsch belegt:

swaʒ der kristen starp, die wâren des gevreut,
wan sie der helle wurden vor gehimelet.
swaʒ ungetoufter dâ belac,
die gewunnen an der sêl den andern slac.
der wart sô vil daʒ wider einander wimelet
ûf der rehten strâʒ gein helle. Lohengrin 2766 Rückert.

abgesehen von einem versuch der Berner glossen des 9. jahrh. (massa, gawimez. Steinmeyer-Sievers 2, 88) fallen die ersten zeugnisse für substantivbildungen noch später (vgl. mhd. wb. 3, 675b. Lexer 1, 991): die vereinzelte bildung ohne präfix, die anscheinend einen collectivbegriff zum ausdruck bringt (seiner clârheit wimel chains menschen sin begreifen mag. M. Beheim, s. Schmeller 22, 912) und das nach analogie der collectiva mit dem präfix abgeleitete neutrum, das ein deutliches nomen actionis einführt:

din wille werd hie uff erd
ach wie gern ich daʒ gert
das si werdent erhangen (die ihn geprügelt und aus dem wirtshaus geworfen haben)
so wr eʒ mir wol ergangen
als dir in dem himel
ach wie ain gewimel
und ain tretten was umb mich. des buben klage 90 bei
Laszberg liedersaal 3, 553;


b) auch die neuhochdeutsche periode, die in der litteratursprache des 18. und 19. jahrhunderts dem substantiv eine ungewöhnliche verbreitung erschlieszt, setzt anfangs mit ganz spärlichen belegen ein. immerhin lassen auch diese wenigen beispiele aus H. Sachs und Ayrer die beiden richtungen der bedeutung hervortreten: die lebhaftigkeit der bewegung und das gedränge, in dem sie sich verdichtet. bemerkenswert ist auch hier in allen belegen die reimbildung auf himmel:

sein (gottes) wort ein sturme-wind erregt,
und die grossen wellen bewegt,
dasz sie (die seefahrer) sam auff-faren gen himel,
und darnach mit schwindem gewimmel
abfarn sam in abgrund der hell.
Hans Sachs (psalm 107) 18, 418 Götze;

meint jr, jr seit auff dem dorff drausz
unter den baurn in eim wirtshausz?
hett ich gwist eur schreien und prumen,
keiner solt mir rein sein kommen
mit solchem lauffen und gewimmel.
Ayrer (ein landsknecht kommt in den himmel) 5, 2953 Keller;

ob dem küng ersewfzten sie (die frösche) dieff,
erhueben ir stim mit gewimel
pis auf zu dem gestirnten himel.
H. Sachs (fabel v. d. storch u. d. fröschen) fab. u. schw. 2, 127 Götze.

die spärlichkeit dieser belege überrascht, wenn man den häufigen gebrauch des verbums aus der gleichen zeit vergleicht, das allein schon in der verbindung krimmeln und wimmeln (vgl. theil 5, sp. 2304) aus dem 16. jahrh. so zahlreich bezeugt ist. die ursache liegt wol darin, dasz als substantiv zunächst ein anderes wort eingebürgert war: getümmel, vgl. oben sp. 4570ff. von hause aus zielt getümmel allerdings auf das geräusch, das mit der lebhaften bewegung von personen, thieren oder anderen factoren verknüpft ist, während gewimmel ausdrücklich der bildwirkung sich zuwendet:

und so verbringt, umrungen von gefahr,
hier kindheit, mann und greis sein tüchtig jahr.
solch ein gewimmel möcht' ich sehn,
auf freiem grund mit freiem volke stehn.
Göthe (Faust II, 5) 41, 321.

dass bei jenen musikwerken auch derjenige schon eine art von genusz davon trägt, der in schlaffer psychischer träumerei blos die ohren hinhält und sich dabei die augen von dem gewimmel hübscher choristinnen ... erfreuen läszt. Fr. v. Uechtritz deutsche vierteljahrsschrift 1842. 4. 100 u. a. s. u. aber einerseits ist an getümmel die abstreifung des akustischen momentes in weitem maasze zu beobachten (vgl. sp. 4578ff.) und andererseits bildet sich auch gewimmel im verlauf der entwicklung zum ausdrucksmittel für die mit geräusch verbundene bewegung aus:

und ich, der ich betäubt von dem gewimmel
des drängenden gewühls, von so viel glanz
geblendet ...
durch stille gänge des palasts,
an deiner schwester seite schweigend ging.
Göthe (Tasso 2, 1) 9, 137.

[Bd. 6, Sp. 5831]


u. a. s. sp. 5838. so lehnen sich die gebrauchsformen von gewimmel fast in allen einzelheiten an die von getümmel an, mit dem es auch die reimbildung auf himmel gemein hat. die entwicklung (s. 2) läszt das jüngere substantiv nicht nur in der häufigkeit der anwendung weit über das ältere concurrenzwort vordringen; es wird sich auch zeigen, dasz die ihm innewohnende bedeutung den verwendungskreis nach verschiedenen richtungen erweiterte.
c) die wörterbücher, die freilich vom verbum ebenso spät erst kenntnis nehmen, lassen gewimmel lange zeit hinter getümmel zurückbleiben. die ersten zeugnisse entstammen dem 17. jahrh.: wimmelung, das wimmeln, das gewimmel, multitudo, abundantia, copia turba. Stieler 2586; die buchung kennzeichnet das substantiv als ein nomen actionis, umschreibt es aber durch collectivbegriffe, die alle auf das vielfältige an der bewegung zielen und von denen nur einer (turba) das ungeregelte andeutet. in diesem rahmen halten sich auch spätere wörterbücher längere zeit, bis zu ende des 18. jahrh. die function des nomen actionis stärker zur geltung kommt, die sich zuvor aus solchen buchungen, die das subject der am collectivbegriff verdunkelten bewegung kennzeichneten, wenigstens erschlieszen läszt. auch für dieses subject hatte Stieler schon die hauptlinien gekennzeichnet sowol beim verbum (der käse wimmelt von maden ... es krimmelt und wimmelt von soldaten), als auch beim verbalsubstantiv s. unter γ).
α) einseitige auffassung als collectivbegriff: gewimmel, folla, abondanza, formicolamento, foule, abondance, fourmillement. Rädlein 383a; gewimmel, copia, abundantia. Aler 936a; Steinbach 2, 995; Matthiae 2, 181a; ähnlich Hederich 1, 1423; gewimmel, abondance, foule. Frisch nouveau dict. des passagers 2, 279.
β) auf ein nomen actionis weist unter den fremdsprachlichen wörterbüchern schon Kramer im teutsch-ital. dict. (1702): ein gekrimmel und gewimmel 2, 1349b; vgl. auch gewimmel, gewemel, gekriel, krieling. Kramer deutschholländ. wb. 2, 97a. zur geltung kommt das nomen actionis seit Adelung, dem namentlich die fremdsprachlichen wb. hierin nachfolgen:
1)) neben dem collectivbegriff: gewimmel, la multitude, confuse, abondance, foule; it. l'action de fourmiller, de grouiller. Schwan 1, 745b; ebenso (mit umgekehrter rangordnung) Rondeau 2, Uu 3c; gewimmel, a swarm, crowd, a crawling. Arnold compl. vocab. 2, 427; gewimmel, a continual und confused moving ... of living beings; a multitude of beings in motion, a swarm, throng, crowd. Hilpert 2, 1, 464b.
2)) Adelung erkennt keinen collectivbegriff an: gewimmel ... plur. car. ein anhaltendes oder starkes wimmeln, verworrene bewegung vieler dinge auf und unter einander. 2, 662; ebenso Campe 2, 363b, der aber für den poetischen stil auch die bedeutung eine wimmelnde menge bucht. die neueren festsetzungen suchen meist engsten anschlusz an das verbum, vgl. z. b.: gewimel friesch woordenb. 1, 455a.
γ) wo dem verbalsubstantiv ein logisches subject angegliedert ist, tritt die function des nomen actionis eigentlich am deutlichsten hervor. auch hier aber wird sie in den ältesten buchungen verdunkelt. die beiden hauptgruppen, die schon Stieler kennzeichnete, kehren auch später wieder, gewimmel der menschen, thiere. bei der zweiten gruppe lösen sich bestimmte feste verbindungen in bemerkenswerter regelmäszigkeit ab:
1)) gewimmel des volkes, frequentia populi, multitudo hominum. Stieler 2585; gewimmel der soldaten, militum globi. ebenda; gewimmel der leute, turba hominum. Steinbach 2, 995; Hederich 1, 1423; gewimmel des volcks, calca, folla, diluvio di populo. Kramer teutsch- ital. dict. 2, 1349b; ein gewimmel oder gedräng des volcks, a crowd, throng, press, or multitude of people. teutsch-engl. wb. 2 (1716), 773.
2)) gewimmel heuschrecken, locustarum nubes. Stieler 2585; gewimmel der frösche, vis maxima ranunculorum. Steinbach 2, 995; Hederich 1, 1423; das gewimmel, turba, der würme, vis magna vermium. Frisch 2, 449a; gewimmel und gekrimmel von ameisen, a swarm of emmets. teutschengl. wb. 2 (1716), 773; ein gewimmel ameisen, un infinità di formiche for micolanti. Kramer 2, 1349b; ähnl. Campe 2, 363b u. a.

[Bd. 6, Sp. 5832]



d) der litterarische gebrauch, der sich seit der mitte des 18. jahrh. ungewöhnlich steigert, bringt fast durchweg ein nomen actionis zur geltung, freilich nicht oft so ausgesprochen, wie im folgenden: oft wählen sie zu diesem posten auch eine hübsche, witzige und freundliche dirne, welche den lockvogel macht, und oft mehr, als zehn journale, wirkt, indem sie mit jedem sprechlustigen anbindet, und nach geendigtem gewimmel oft noch zu etwas besserm zu gebrauchen ist, als zum dürftigen zählen und rechnen. E. M. Arndt reisen (bruchst. einer reise durch Frankreich 2) 5, 174. meist vielmehr mischen sich collective züge bei, insofern es ein ganzes ist, ein gesammtbild, das der blick umspanntaber entscheidend für die auffassung wird weniger der rahmen, als die lebendige bewegung, die ihn erfüllt: die königin bewillkommte ihre neue freundin und stieg mit ihr und ihren übrigen gespielinnen in den altan hinab, indesz der könig in der mitte der beiden männer nach der brücke hinsah und aufmerksam das gewimmel des volks betrachtete. Göthe (märchen) 15, 255; die ganze schöpfung scheint zu trauren, zwecklos zu geniessen und nicht genossen zu werden — wüste, ödes gewimmel! der puls der schöpfung harret. Herder (älteste urkunde 11, 2, 6) 6, 248 Suphan.
α) wo das verbalsubstantiv auf lebewesen zurückweist, drängt sich der collectivierende zug nur selten vor; am ehesten vielleicht in einigen belegen, die enge an eine ähnliche ent wicklung von getümmel (vgl. sp. 4578) anknüpfen: es packte einer den andern beim haaren, rang ihn zur erde, die gäste mischten sich darein, schlugen wacker mit fäusten zu, und stiegen ganz kommod auf die zu boden liegenden spielleute herum. der komissar der noch immer da war, brachte endlich das gewimmel auseinander, und liesz sie insgesamt, bis auf zwei, die dem rummel entwischten, durch die mitgebrachte wache in's polizeistockhause liefern. der hausball (Wiener neudr. 3, 22); dagegen bemerkte ich an der ecke des hauses einen knäuel von menschen, den immer neuer zulauf vermehrte. dies erregte meine neugier; ich schritt auf das gewimmel zu. Friedrich Halm (die Marzipanliese) 4, 20 Schlossar; in vollem galop stürzt eine grosze masse solcher edlen thiere (pferde) heran, sie werden durch reitende hüter gelenkt und zusammengehalten. an dem wanderer sprengt das ungeheure gewimmel vorbei. Göthe (Wilhelm Meisters wanderjahre 2, 9) 22, 152; in ihren durchbrochenen byzantinischen kleinen fenstern beherbergten sie (die münsterthürme) ein wahres gewimmel von raben und dohlen. K. Gutzkow der zauberer von Rom 4, 58. aus anderer richtung mündet hierher die poetische personifizierung ein, die Campe (s. o.) im auge hatte:

als der poete Melissus gestorben,
welcher ein ewiges lob hat erworben,
ist der herr Neükrantz erst kommen ins leben
welchem der himmel
Phebus gewimmel,
das ist die rühmliche dichtkunst gegeben.
Joh. Rist neuer teutscher parnass (auf Neukrantz) 580;

nun erklang die posaune: 'erscheinet, schande der menschheit!
ob ihr moosige hütten, ob goldpaläste bewohntet,
all' ihr niedrigen menschen, erscheint, die das stumme verdienst,
ihr,
welche die besten eures geschlechts unedel entehrten!'
auf den gebietenden ruf erschien gewimmel. sie stiegen,
schwer mit sich selber belastet, herauf und wurden gerichtet.
Klopstock (Messias 18, 510) 4, 66 Boxberger;

dem meere folgen seine bewohner, kleine eszbare schnecken, einschalige patellen, und was sonst noch beweglich ist, besonders die taschenkrebse. kaum aber haben diese thiere an den glatten mauern besitz genommen, so zieht sich schon das meer weichend und schwellend, wie es gekommen, wieder zurück. anfangs weisz das gewimmel nicht woran es ist, und hofft immer, die salzige flut soll wiederkehren. Göthe (ital. reise) 27, 145.

wie dieses jahr kein blatt sich weisz
zu retten unter'm himmel
vor diesem Ahrimansgeschmeisz,
dem krimmelnden gewimmel;
verwünsch' ich diese frühlingspracht,
so nehm' es euch nicht wunder:
komm, herbst, und mach' in einer nacht
ein end' all' diesem plunder!
Friedr. Rückert (haus u. jahr, 4. reihe, mailieder 109) 2, 371.

[Bd. 6, Sp. 5833]



β) näher liegt die entwicklung des collectiven zuges bei sachlichen vorstellungen, die in bewegung erfaszt werden: dort, wie oft die nadeln bei kystallbildungen, schosz ein gewimmel mächtiger joche und rücken gegen einander und schob einen derben gebirgsstock empor. Stifter (studien 1: der hochwald 1) 1, 211 Sauer; acht tage vor dem feste pflegte sich der Dresdener altmarkt mit einem ganzen gewimmel höchst interessanter buden zu bedecken. Kügelgen jugenderinnerungen (2, 2) 79, vgl. auch einige beispiele auf sp. 5837. ganz selten ist hier die poetische personification:

blicke (der mond) ruhig von dem bogen
deiner nacht auf zitterwogen
mildeblitzend glanzgewimmel,
und erleuchte das getümmel
das sich aus den wogen hebt.
Göthe (Faust II, 2) 41, 158.


e) formen.
α) zur schreibung und lautform.
1)) das substantiv ist, obwol nach analogie der collectiva gebildet, doch nirgends mit auslautendem e bezeugt. die bildungssilbe, mit der das verbum abgeleitet ist, hat einen vocal nach der liquida nicht aufkommen lassen. vgl. DWB gewinsel.
2)) wie beim verbum ist der kurze stammvocal fast ausnahmslos (weil erst neuhochd. verbreitet, vgl. dagegen gewimel bei Laszberg, selbst noch bei Spreng) durch nachfolgende verlängerung des consonanten gekennzeichnet.
β) zum formengebrauch. das festhalten an der function des nomen actionis kennzeichnet sich vor allem auch daran, dasz das substantiv noch nicht im plural belegt ist.
2) abgrenzung von gewimmel gegen getümmel.
a) der sichtbarste gegensatz zwischen beiden gebrauchssphären ist in der auswahl der substantiva zu erkennen, mit denen sie sich in beiordnung verbinden.
α) die gruppe der auf ein geräusch zielenden verbalsubstantiva, die mit getümmel als synonyma verbunden werden, tritt zu gewimmel mehr als ergänzung: es war auf den dunklen gassen grosz gewimmel und gejauchze. Th. Storm (chron. von Grieshuus) 6, 94; das gleiche gilt anfangs wol auch für die meist belegte verbindung mit getümmel, bis die gegensätze sich später verschleiern: die nacht darauf war grauenvoll; in dem lager der fremdlinge war ein unendliches gewimmel und getümmel, und ein geschrei, das nicht winseln und wehklagen glich, sondern einem dumpfen und thierischen gebrülle ... und die Römer ergriff furcht und Marius bangigkeit. E. M. Arndt ansichten ... der teutschen gesch. (1814) 11; gewimmel und getümmel, geheckel und gepäcke s. oben sp. 4582; das mag ... auch so'n gewimmel und getümmel gewesen sein (in Noahs arche). Sohnrey im grünen klee 126; dazu vgl.: eine art wohllüstigen getümmels und gewimmels in der ganzen seele. Göthe oben sp. 4582; vgl. auch die reimbindung gewimmel: getümmel bei A. W. Schlegel, Schenkendorf, Gerok.
β) als synonyma verbinden sich substantiva mit gewimmel, die das ungeordnete, regellose der bewegung kennzeichnen, woraus sich dann auch der begriff des gedränges, der masse ergiebt.
1)) unsre erde mit all ihrem gekrimmel und gewimmel ist wirklich zu einem kleinen ameisenhaufen herabgeguckt worden. E. M. Arndt schriften f. m. l. d. 4, 160; so lange nur noch einiges leben in Paris wach ist, fehlt es diesem platze nie an gewimmel und gestrudel der menschen. reisen (bruchstücke einer reise durch Frankreich 2) 5, 380; belügen wollen wir die herrschaften weder mit der musik noch mit den gezähmten thieren, aber nothwendig wird es sein, dasz ihr hiesiges gewimmel und gekrabbel, das gebelfer und gezwitscher nicht gefährlich erscheint. K. Gutzkow ritter vom geiste (9, 2) 92, 35; gewimmel und unruhe (Gervinus) s. u.
2)) der tag brach an, wir befanden uns vor der stadt in dem grösztmöglichen gewirr und gewimmel. alle arten von wagen, wenig reiter, unzählige fuszgänger durchkreuzten sich auf dem groszen platze vor dem thor. Göthe (campagne in Frankreich 1792) 30, 134. dazu vgl. auch:

diesem komischtragischen gewühl
dieser ungestümen glükeswelle
diesem possenhaften lottospiel
diesem faulen fleissigen gewimmel.
Schiller (an Weckherlin) 1, 181.

[Bd. 6, Sp. 5834]



3)) mit gewühl bringt Maasz (ergänzung zur Eberhardischen synonymik 2, 254) gewimmel in nächste verbindung, deren berührungspunkte nach ihm in der 'unordentlich durcheinander gehenden bewegung' liegen. die abgrenzung wird hier in den logischen subjecten gesucht: gewimmel soll von 'kleinen geringfügigen dingen', gewühl von 'grossen und in grosser bewegung befindlichen' ausgehen. in der wirklichkeit fällt die abgrenzung meist anders: gewimmel ist insofern ein weiterer begriff als es die ungeregelte bewegung in allen ihren äuszerungen deckt, während gewühl im besonderen auf das einkeilen im gedränge eingeschränkt ist. in syndetischer verbindung erscheinen beide substantiva nur selten, zur concurrenz vgl. menschengewimmel, menschengewühl; vgl. auch Wieland (Shakespeare 4, 280) gegen Schlegel, s. auch unter gewühl.
γ) unter dem einflusz der gebrauchsformen von getümmel steht die vereinzelte beziehung auf den kampf, die schlacht: aber auf dieser hohen spitze, in diesem herrlichsten kampf und gewimmel aller kräfte war auch die gränze. von hier ist es reiszend abwärts gegangen bis auf den letzten tag, den wir erlebt haben. E. M. Arndt geist der zeit (1)2 104. dazu vgl. schlachtgewimmel theil 9, sp. 247 (bei Maasz war diese verbindung noch als unwahrscheinlich gekennzeichnet worden gegenüber von schlachtgetümmel).
b) in der unterordnung von substantiven (unterordnung unter andere substantiva ist für gewimmel nur ausnahmsweise belegt: der markt des redenden gewimmels. Jean Paul s. u.), die auf den ausgangspunkt der verbalthätigkeit zurückweisen, schlieszt sich gewimmel am engsten an getümmel an; es findet in dessen verwendungskreis schon die gruppen vor, die es seinerseits wieder erweitert: als logisches subject der bewegung (andere verhältnisse rufen selten die unterordnung eines substantivs hervor, vgl. DWB das gewimmel des jünglings. Stifter s. u.) erscheinen nicht nur lebewesen, menschen, thiere und als lebend gedachte phantasiegestalten, sondern auch concreta aller art, in übertragenem gebrauch auch abstracta.
α) als logisches subject sind lebewesen und phantasiegestalten gekennzeichnet oder vorausgesetzt:
1)) personen:
a))

der ewig got vom höchsten himel
f dise welt hœrnider schaut:
aller menschen-kinder gewimel
mit augen warnemend anschaut.
Paul Schede Melissus psalm 33, 7 s. 119 Jellinek;

ich dachte, ohne zweifel will sie dich allein genieszen. wen fand ich? ein gewimmel von dreiszig, oder vierzig personen. Gotter (der schöne geist 2, 5) ged. 3, 210; gewimmel arbeitender menschen. Schiller (s. u.); überhaupt gewährt Triest ... einen ausserordentlich schönen anblick. das meer in seiner herrlichkeit, die zahllosen masten der schiffe, das gewimmel von menschen aller kleidung und sprache, alles ist ansprechend und neu. Grillparzer (tagebuch auf der reise nach Italien) 195, 198; darunter die dächer der stadt mit unzähligen schornsteinen, der reinliche marktplatz mit dem rathause im abenteuerlichsten zopfstiel, das gewimmel der menschen in den gassen, alles lautlos, klein und fremd, wie in einem zwergenmärchen. Paul Heyse moral. novellen: anfang und ende (s. 237); die bäume am wege sollten mit volk beladen sein, unzählbare menschen sich auf ihre ankunft müde warten, und der staub, von ihrem gewimmel erregt, bis an die decke des himmels steigen. Wieland übers. Shakespeares (Antonius u. Kleopatra 3, 4: raised by your populous troops; erregt vom volksgewühl. Schlegel (3, 6) 4, 280. dazu vgl.: das ungeheure panorama von Paris und seinen umgebungen, mit dem ganzen beweglichen gemälde des menschengewimmels, lag plötzlich, in glühender abendbeleuchtung, vor mir aufgethan. Fr. Matthisson erinnerungen (10) 2, 233; man findet diese maschinen selten bei tage und in den lebhafteren gassen, weil der transport dort wegen des menschengewimmels und der pferdefuhrwerke noch langsamer gehen würde. E. M. Arndt reisen (bruchst. einer reise durch Frankreich 2) 5, 211; vgl. menschengewimmel bei Bodenstedt, Gerok s. u., vgl. DWB menschengewühl theil 6, sp. 2051;

[Bd. 6, Sp. 5835]


was zieht für ein gewimmel
von volk das haus vorbei;
wohl niemand als der himmel
weisz, wer ein jeder sei.
Friedr. Rückert (zeitgedichte 1814/5: der deutsche groszvater);

die vögel unterm himmel,
mein sohn, sie sind ein bild
von diesem volksgewimmel,
das unaufhörlich schwillt. ebenda;

vgl. gewimmel der menge. Platen (s. u.); der menschenfreund wird sich nach der lösung des groszen rätsels sehnen: wie erwächst aus einzelnen menschen ein volk, wie aus dem völkergewimmel endlich die menschheit? F. L. Jahn (deutsches volksthum) 1, 153 Euler; mitten im gewimmel fremden volksthums bewahrten die tapferen stämme der Alpen und des Donauthales getreulich ihre deutsche art. Treitschke deutsche gesch. 1, 10;
b))

hier war noch alles voll getümmel,
als durch das thor, das weit geöffnet stund,
mein Scherasmin sich mitten ins gewimmel
der klosterleute stürzt; denn auf geweihtem grund
ist's, wie er glaubt, so sicher als im himmel.
Wieland (Oberon 2, 35) 22, 76;

und zwischen diesem all der verwirrung wickelt sich das gewimmel der käufer und verkäufer durch. E. M. Arndt reisen 4, 240;

o mutter, wie stürmen die flocken vom himmel,
es wird uns in schnee noch begraben,
und mehr noch als flocken im dorf ein gewimmel
von reutern, die reiten und traben.
Friedr. Rückert (zeitged. 1816/7: die gottesmauer) 1, 164;

als ich den hof der alten herberge betrat, der jetzt nicht mehr vom stampfen und wichern schellenbehangener kärnerpferde und dem gewimmel von vetturinen und kellnern erscholl. Paul Heyse ital. nov. 2 (die frau marchesa) s. 294; dazu vgl. (s. u.): gewimmel der zurückgelassenen (Blumauer); von bekannten (Kleist); der reisenden, der passagiere (Raabe).
2)) für die thierwelt werden an stelle der in den wörterbüchern aufgeführten festen verbindungen vom litterarischen gebrauch andere formen gepflegt:

schrecket nicht den bauersmann, paucken-brummen, mordgetümmel,
eulen-augen, krötenzucht, schlangen-zischen, wurm-gewimmel?
Joh. Prätorius Blockes-berges verrichtung (2. th., c. 5) (1668) 316;

noch immer wehte der odem des lebens
von den lippen des logos, und siehe!
die erde regte sich vom thiergewimmel,
der gährenden erdscholl' entwand sich der löwe.
zum beseelten hügel thürmte sich der elephant.
das kaninchen spielte im grase.
Schubart (ein blick ins all) 330 Hauff; das gleiche bei
Rückert (s. u.).

auch kleinere schwarze vögel mit storchartigem schnabel sahen wir, die wie mit hellem kriegsschrei durch das gewimmel der groszen möven hin- und herschossen. Storm halligfahrt (werke 4, 20). vgl. auch roszgewimmel (aus Kleist) theil 8, sp. 1262, vgl. das gewimmel von fröschen (Wieland) s. u.;

dort unter jenem alten götterhimmel
fand Goethe seines busens höchste gäste,
die tugend Iphigeniens, Tasso's wunden.
und eben dort hat Platen beim gewimmel
von minorenner scorpionen neste
aus sympathie den Oedipus gefunden.
K. Immermann (der im irrgarten der metrik umhertaumelnde cavalier) 17, 482 Hempel.


3)) phantasiegestalten: und ich befand mich, ohne zu wissen wie, von einem gewimmel kleiner amoretten umschwärmt, in einem lauen bade. Wieland (Peregrinus Proteus 1, 3) 27, 201; und wenn er nun so sasz auf der rednerbühne, wie einst, wenn die sonnenfläche der haide vor ihm zitterte und sich füllte mit einem gewimmel von gestalten, wie einst, und manche daraus ihn anschauten mit den stillen augen der geschichte, andere mit den seligen der liebe. Stifter (studien 1: das haidedorf 4) 1, 199 Sauer; ebenso 178;

vergebens hegten Amphitritens nymphen weit
im ocean, in flüssen, bächen, bis zum fels
hinauf, gewimmel leicht bewegter wunderbrut.
Göthe (theaterreden: prolog. Halle, den 6. august 1811) 11, 371;

[Bd. 6, Sp. 5836]



und wir schweben nach den höhen,
wo die jungen lerchen singen,
wo der sphären töne klingen;
in der seligen gewimmel
trägt er uns durch sieben himmel
bei der sternenlichter schein
grad' in's paradies hinein.
Wilh. Müller (die reise in's paradies) ged. 161 Hatfield.

vgl. seelgewimmel theil 10, 1, sp. 46; vgl. gewimmel der götter (Göthe. F. Schlegel s. u.); Phœbus gewimmel (s. o.); der töchter des Oceans (Wieland s. u.); traumgewimmel (Gerok).
β) ungewöhnlich weit ist der kreis concreter vorstellungen, an die der neuere sprachgebrauch das verbalsubstantiv anknüpft. es sind zwei richtungen, in denen die vorstellung einer lebhaften, regellosen, gedrängten bewegung nahe gebracht wird. auf der einen seite rege menschliche thätigkeit, die die objecte in bewegung setzt, auf der anderen seite die naturgewalten, deren wirkungen im bilde eines gewimmels erfaszt werden.
1)) das erste gilt am reinsten von der so häufigen anknüpfung an umfassende vorstellungen wie erde, welt u. a., bei denen das verbalsubstantiv nicht so sehr die sinnlich wahrnehmbaren veränderungen und bewegungen, als die durch den irdischen, weltlichen rahmen begrenzte thätigkeit des menschen kennzeichnet.

was ruft der erde gewimmel
hinauf ins selige grab.
Rückert 358;

und, als strömt' aus gottes offnem himmel
tugendkraft auf mich herab,
werd' ich fliehen und vom erdgewimmel
fernen meinen pilgerstab.
Hölty (die laube) ged. 109 Halm, ebenso (trauerlied) 114. (der tod) 94, s. oben theil 3, sp. 770;

nein! freut euch, dasz, wenn aus dem erdgewimmel
ihr euern blick nun über wolken hebet,
ihr dort auch lächeln seht bekannte züge.
Friedr. Rückert (liebesfrühling: Agnes 29) 1, 349, ebenso 2, 514;

der mensch lacht, wenn man ihn lobt; lacht, wenn man ihn schilt; ich glaube er würde lachen, wenn man ihn prügelte. ja, wer zu allem in dem gewimmel der welt lachen könnte, was ihm lächerlich vorkommt! Bräker der arme mann im Tockenburg 271 Bülow;

schon hier vereint in lieb' und recht
sei aller welt gewimmel!
wir sind ja eines staubs geschlecht,
bedeckt von einem himmel.
Joh. Heinr. Voss (Luise 1) 1, 19 Hempel;

tief unten der welt gewimmel,
forst, flur und stromeslauf,
und oben thut der himmel
die goldnen pforten auf.
Freiligrath Nebo;

ich bin gestorben dem weltgewimmel,
und ruh' in einem stillen gebiet.
ich leb' in mir und meinem himmel,
in meinem lieben, in meinem lied.
Friedr. Rückert (liebesfrühling 5, 29) 1, 567 (1, 57) 1, 396;

anders das folgende:

es zücket und schimmert das weltengewimmel
mit feierndem leben von nah' und von fern!
F. L. v. Stolberg lobgesang, s. werke der brüder Stolberg 2, 95.

dagegen vgl.: ich habe mich wohl gehütet, in dem gewimmel des lustigen lebens darüber zu moralisieren. E. M. Arndt bruchstücke einer reise durch Frankreich 2; ebenso (s. u.): gewimmel des lebens (Eichendorff), des weltlaufs (Gerok).
2)) bei der engeren beziehung auf örtlichkeiten kreuzen sich die richtungen.
a)) ausschlaggebend ist die menschliche thätigkeit:

nicht durchlief ihr blick die reihen der schiffe, der zelte,
spähete nicht im gewimmel herum des geschäftigen lagers.
Göthe (Achilleïs) 40, 359;

drum wandl' ich auch in süszem frieden
durchs leben hin,
geh' immer, in der brust den himmel,
geraden pfad,
durchtaumle niemals das gewimmel
der goldnen stadt.
Hölty (der misogyn) 90 Halm;

er lehnte sich jetzt aus dem groszen fenster und überschaute das gewimmel der lebhaften strasze. Tieck (dichterleben) 18, 133.
b)) ausschlaggebend ist die bildwirkung der objekte: 'nun lasz gehen', sagte Clarissa lächelnd; — über dem gewimmel

[Bd. 6, Sp. 5837]


dieser wälder, seeen und knochen (deiner erzählung) hat dir diese rose (der stickerei) ein häszlich eck bekommen'. Stifter (studien 1: der hochwald 1) 1, 224 Sauer; das erste war eine grosze stadt von oben gesehen, mit einem gewimmel von häusern, thürmen, kathedralen, im mondlichte schwimmend. (der condor 4) 1, 35; zur rechten aber lebt und leuchtet alles vom gewimmel hellrother ziegeldächer. Allmers marschenbuch 195;

o heiliger abend,
mit sternen besä't,
wie lieblich und labend
dein hauch mich umweht!
vom kindergetümmel,
vom lichtergewimmel
aufschau ich zum himmel
in leisem gebet.
Karl Gerok palmblätter (am hl. abend) 117.


3)) dieser zweite zug macht sich natürlich in der beobachtung der naturerscheinungen geltend: ihr habt einen bewunderungswürdigen griff, immer neue reize aus dem gewimmel der naturerscheinungen herauszuheben. Vosz an Bürger (28. 8. 1777); atmosphärische bewegungen wie der wolkenflug, die schneeflocken, gelegentlich auch staub und wasserbewegung, lassen neben dem begriff der beweglichkeit auch den der fülle und des regellosen hervortreten. dieser überwiegt bei blatt und laub. das gleiche moment bildet wol auch den anknüpfungspunkt bei der viel angezogenen sternwelt.
a))

im feld sie sahen mit gewimel,
auff gehn den dicken staub gen himel,
die reuter brachen ein mit eil,
in lüfften fuhren her die pfeil.
Spreng übers. d. Aeneis (12, 407 ff. jam pulvere caelum stare vident) 253a;

und das wolkengewimmel, das drauszen flieht,
ass' ich klanglos und fühllos vorüberziehn.
Strachwitz (aus dem nachlasz: lichtgedanken bei nacht) ged.8 330 Weinhold;

das gewimmel der schneeflocken wurde dichter, sie sahen ihn noch in die stadt hingehen. Theodor Storm (unter dem tannenbaum) 110, 189; und da sind sie alle aufgestanden, aber dem einnehmer hat's, wie er aufstand, vor den augen wie schneegewimmel im sturme geflirrt. E. Helmer prinz Rosa-Stramin (cap. 14) 71 Brümmer; vgl. auch schattengewimmel theil 8, sp. 2257.
b))

frische flur, du reiner himmel,
frischer athm' ich hier und reiner,
kaum bewuszt der welt und meiner,
vom gewimmel
des baums umweht.
Joh. Heinr. Voss (ländl. stille) 242a;

hell durch laubgewimmel
blinkt der frühlingshimmel.
Matthisson ged. 180;

ebenso Vosz s. theil 6, sp. 296. vgl. gewimmel der blätter (Platen s. u.);

denn erschlieszt ihr nicht die thür
zu des frühlings blumenhimmel?
hinter euch drängt ein gewimmel
lichter kinder sich herfür.
O. H. v. Loeben (himmelschlüssel) ged. 53 Pissin;

könnt' ich schwingen mich als gast
mit den vögeln unter'm himmel,
sucht ich andern landes rast,
das zu meinem sinne paszt,
wo in blüth' und strahlgewimmel
nicht der tag so trüb' verblaszt.
Friedr. Rückert (im regenwetter) 2, 409;

vgl. blütengewimmel theil 2, sp. 179; er bisz sich auf die lippen und schaute vor sich hin in das gewimmel ergrünender blättchen. Hermann Sudermann der katzensteg (16) 301;

die blumen ziemlich, wie im walde diese,
doch grüngelbstreifig jeder tropfen thau.
und über der kouleuren lustgewimmel
stand taubenhälsig-schillertaftner himmel.
K. Immermann (Merlin; der Gral) 4, 320 Maync.


c))

nicht der lichter glanzgewimmel
zeigt des firmamentes höh',
und dem sternenlosen himmel
klagt er das versteckte weh.
Platen gelegenheitsged.: zum lebewohl) 1, 471 Redlich;

wolken wie die midgarschlange recken sich am dunklen himmel,
auf die weisze winterdecke blickt Arktur im sterngewimmel.
Herm. Lingg (elephantenwanderung) ged. 15, 227;

den wald lasz rauschen, im gewimmel
entfunkeln lasz der sterne reih'n;
du hast die erde, hast den himmel,
und deine geister obendrein.
Annette v. Droste (gemüth) 3, 346 Kreiten;

[Bd. 6, Sp. 5838]


vgl.(s. u.) gewimmel der sterne (Rückert, Wieland); sterngewimmel (G. Kinkel).
4)) auch auf die zeilen einer schrift oder eines druckes wird die vorstellung des gewimmels bezogen; es kennzeichnet den ersten eindruck, den die noch nicht gegliederte fülle der buchstaben hervorruft. daran knüpfen übertragungen: an diesem gewimmel toter buchstaben (der bibel) mag jener eitle grammatikus und magister seine künste treiben, er kann ebenso nutzreich den sand der wüste umworfeln, es wird kein lebendiger quell entflieszen! Gottfr. Keller Züricher novellen: Ursula; vgl. auch schwärzliches gewimmel sp. 5844; wisse also, dasz ich mich eben, dem groszen Apollo sei dank! durch ein buch, oder vielmehr ein gewimmel von citationen durchgearbeitet. Herder (krit. wälder 2) 3, 321;
5)) vereinzelte beziehungen auf concreta: als die wege von den herbeieilenden zurückgelegt worden waren, so gab es im schloszhofe ein gewimmel von farben, figuren, von glanz und schimmer, welches würdig zu beschreiben eine geschicktere feder, als die unsrige ist, kaum vermöchte. Immermann (epigonen 4, 10) 3, 303 Maync;

fern dann grüszte der fischer vom bach, und zeigt' aus dem kahne
einen gewaltigen aal, der blank an der sonne sich umwand,
und den erhobenen hamen, belebt von schuppen gewimmel.
J. H. Voss (Luise 2) 1, 40 Hempel;

die löffel waren von silber und das übrige besteck bestand aus den trümmern früherer herrlichkeit, hier ein messer mit einem elfenbeinhefte, dort eine kurz gezackte gabel mit emailgriff. aus dem gewimmel dieser zierlichkeiten ragte das ungeheure brot wie ein berg empor. der grüne Heinrich 2, 8.
γ) unter den übertragungen des substantivs ist die auf akustische bewegungen schon oben erwähnt, daneben macht sich vor andern die beziehung auf regungen des gemütes und der empfindungswelt geltend. in beiden fällen bildet das wirre, regellose den anknüpfungspunkt.
1)) die töne wiegten sich und schwollen und wurden ein gewimmel, und plötzlich sang eine männerstimme darein. Stifter (studien 1: feldblumen 15) 1, 145 Sauer; auf einmal fielen in einem ganz wunderbaren raschen tempo wirbelnde. schneidende töne ein, und zuletzt sprudelte daraus ein gewimmel von lauten hervor, als wollten rhythmus, worte, musik einander aufheben und vernichten. Immermann (epigonen 7, 14) 4, 99 Maync;

die hohen götter halten rath,
bestürzung ist im himmel;
denn schwirrend von der erde naht
von stimmen ein gewimmel,
die stimmen rufen all so laut
dasz fast davor den göttern graut.
Friedr. Rückert (zeitged. 1816/7: der götter rath) 1, 170;


2))

den inbegriff der schönheit hab' ich
geseh'n in einer blume.
mein leben und mein lieben gab ich
ihr still zum eigenthume.
die phantasien aller himmel
hab' ich auf sie geträufet,
und der empfindungen gewimmel
als duft um sie gehäufet. (liebesfrühling 3, 53) 1, 476;

ein gewimmel verwandter gefühle begleitete ihn zu der (nach seiner meinung unglücklichen) braut seines — vaters und dieses fürsten. Jean Paul (Titan 3) 23, 93; vgl.(s. u.) gewimmel wirrer triebe (Arndt); der qualen (Schubart); der gedanken (O. H. v. Loeben); der besoffene dienstmann wurde entfernt; nicht entfernt aber wurde das gewimmel menschlicher eitelkeiten, eifersüchteleien und intriguen, das sich innerhalb der einzelnen konkurrenzvereine und komissionen erhoben hatte und zu immer freudigerer blüte gedieh. H. Hesse Peter Camenzind 134;
δ) andere abstractionen sind hier naturgemäsz seltener:

so jammervoll, durch glaubenszwang enstellt,
gehüllt in öde finsternisse,
lag Deutschland einst ...
doch mit hellglänzendem panier
stieg weisheit wieder von dem himmel,
mit ihr der friede; das gewimmel
der dummheit floh; die nacht verschwand; die thür
des elends wurde zugeriegelt.
Gotter (epistel über die starkgeisterei) ged. 1, 427.


c) schon aus dem bisherigen ergiebt sich eine mannigfaltigkeit der verbindungen des substantivs mit verbis; auch hier treten sich formen gegenüber, diedurch die eigenart des substantivs begünstigthäufiger wiederkehren,

[Bd. 6, Sp. 5839]


und andere, die als schöpfungen eines freien kühnen stils vereinzelt stehen. viel belegt ist die lockerste form der angliederung im selbständigen nominativ oder accusativ:

heitern weinbergs lustgewimmel
fraun und männer, thätig, bunt,
laut ein fröhliches getümmel,
macht den schatz der rebe kund.
Göthe (nachlasz: an personen) 4, 302 Weimar.

dazu vgl. 11, 371, ebenso (aus b und d) die belege für Praetorius, Herder, Kant, K. Ph. Moritz, F. Schlegel, Grillparzer, Rückert (vielfach), Hoffmann v. Fallersleben, Bodenstedt, Freiligrath, P. Heyse; damit stimmt überein, dasz solche verba, die mehr der syntaktischen function als einer eigentlichen bedeutung dienen, ganz zurückstehen (es giebt ein gewimmel, ein — ist zu sehen), auch allgemeine verba (ein gewimmel finden, sehen, anschauen) sind wenig beliebt (nicht belegt ein gewimmel machen); wie weit die freie verbindung mit verbis in vereinzelten fällen über den näheren bedeutungskreis des substantivs hinausgreift, zeigen wendungen wie: ein gewimmel ruft, irrt, wirkt, schlieszt, trinkt lebensmuth. des gewimmels satt sein, dem gewimmel etwas vertrauen, dem — abgestorben sein:

alles weiszt du, was der himmel,
alles was die erde trägt,
und verbirgst nicht das gewimmel,
wie sich's dir im busen regt.
Göthe (west-östl. divan: das schenkenbuch) 5, 222.


α) der hauptgebrauch fällt auf verba der bewegung und zwar für alle richtungen und färbungen:

ein knäuel, ein verworrener, von (gestürzten) jungfraun,
durchwebt von rossen bunt ...
ha! wie sich das gewimmel lustig regt!
wie sie die spiesze sich, die helme suchen,
die weithin auf das feld geschleuderten!
H. v. Kleist (Penthesilea 3, 441) 2, 40 Erich Schmidt.

vgl.: das gewimmel munter halten; das gewimmel fliegt, schieszt, wickelt sich durch, flattert, schwebt, stösst, leert das haus, erfüllt das haus;

gleich gespenstern, stumm und hohl und hager
zieht in schwarzem todenpompe dort
ein gewimmel nach dem leichenlager.
Schiller (eine leichenphantasie) 1, 106.

dazu vgl.: das gewimmel zieht heran, fort, vorbei, vorüber, ab; naht, begleitet, umgiebt mich, drängt sich, wird hergetrieben; vgl.: dann kam erst recht das ganze gewimmel seiner inneren gestalten daher und bevölkerte die haide. Stifter (studien 1: das haidedorf 1) 1, 178 Sauer; so fand sich in diesem unansehnlichen dorf alljährlich ein groszer menschenschwarm zusammen, und ... schwoll das festgewimmel an den rasenabhängen der nahen hügel hinan. P. Heyse buch der freundschaft: siechentrost; vgl.: das gewimmel drängt, sprudelt, wird dichter; das gewimmel in den lüften hatte sich allgemach beruhigt. Th. Storm ein grünes blatt (1, 105). vgl. auch: das gewimmel der empfindungen häufen.
β) auch bei der loseren angliederung in der form der präpositionalverbindung überwiegt die vorstellung der bewegung, die namentlich die reihe der mit dem accusativ verbundenen präpositionen anschwellen läszt. freier und weiter ist der kreis bei den viel gebrauchten verbindungen mit in, bei, am.
1)) weit hinter ihr gehend folgte er ihr, wenn sie die kirche verlassen hatte, und sah die schwarze gestalt durch das gewimmel des platzes gehen, sah sie durch einen theil der belebten gasse schreiten. Stifter studien (das alte siegel 2) 2, 294; vgl.: sich durch das gewimmel durcharbeiten, durch das — blinken, schweben; das — durchtaumeln; sich durch das — verführen lassen, gegen das — abstechen; in das — tragen, sich stürzen; in das — sehen, schauen; das — überschauen; über das — sehen; auf das — herabsehen, blinken; an das — denken.
2)) es regt sich, ist erregt vom gewimmel; belebt, bedeckt, umweht, umschwärmt, entfernt, fern vom gewimmel; es leuchtet, erschallt, ist betäubt vom gewimmel; aus dem gewimmel ragen, erwachsen, brechen, funkeln.
3)) mit gewimmel sich regen, rufen, sich verbinden; der staub, die stadt mit ihrem gewimmel; zum gewimmel den blick wenden, schauen, verschwimmen. — und wenn er nun so einsam dastand, so gab ihm der gedanke, dasz er dem gedränge so ruhig zusehen konnte,

[Bd. 6, Sp. 5840]


ohne sich selbst hinein zu mischen, schon einigen ersatz ... allein fühlte er sich edler und ausgezeichneter, als unter jenem gewimmel verlohren. Moritz Anton Reiser (3) 243; vgl. auch H. v. Kleist (s. u.).
4)) die bevorzugte präpositionalverbindung ist die mit in: im gewimmel sich erheben, fliegen, vorüberziehen, vorüberdrängen, tanzen, fallen, sich halten, kämpfen, ein bild zeigen, aufhören, schlafen, stehen, vergehen;

nur thoren suchen im gewimmel
die freude, die den lärm nicht liebt.
F. L. Stolberg (an Kaiserling) 1, 437;

er starrte den lockeren schneeflocken nach, die oft so ratlos hin und her trieben, als gäbe es darunter welche, die im gewimmel der andern sich ebenso verloren suchten. W. Hegeler pastor Klinghammer 452;

diese waren bisher der jammernden mutter verloren;
aber gefunden hatte sie nun im gewimmel der alte.
und sie sprangen mit lust, die liebe mutter zu grüszen.
Göthe (Hermann u. Dorothea: Erato) 40, 312;

die lieb, ein brausend meer, wo im gewimmel
vieltausendfältig wog' an woge schlägt;
freundschaft ein tiefer bergsee, der den himmel
klar wiederspiegelnd in den fluten trägt.
Geibel (die beiden engel) 13, 16;

da nahm die frau ein messer
und schnitt den käs entzwei,
sie strich den ganzen schimmel,
die maden im gewimmel,
auf's brod, und asz es frei.
Friedr. Rückert (kriegerische spott- u. ehrenlieder: der schweizerkäs) 1, 215;


d) die auffassung, der der gebrauch des substantivs entspringt, erhellt noch mehr aus den reich belegten typen der verbindung mit adjectiven; auch sie geben dem moment der bewegung in ähnlicher mannigfaltigkeit raum wie die eben betrachteten verbindungen mit verbis. daneben kommen auch andere dem bedeutungsinhalt des substantivs angehörende züge zur geltung, so die der fülle und der regellosigkeit. im gegensatz zu andern mit gleichem suffix abgeleiteten substantiven ist die verbalthätigkeit gerade bei gewimmel kaum irgendwie als widrig oder nutzlos gekennzeichnet, die beliebtesten attribute wie bunt, fröhlich, lieblich deuten vielmehr auf entgegengesetzte beurtheilung. neben diesen mehr steigernden oder schmückenden beiwörtern sind die adjectiva, die einen neuen zug in den bedeutungsinhalt einführen, verhältnismäszig selten.
α) die attribute heben einen im bedeutungsinhalt des substantivs gegebenen zug hervor: steigernde, schmückende beiworte.
1))

und wenn ich nachts am sterngestickten himmel
dem vollen mond ins antlitz seh',
und ach! im stürmischen gewimmel
der qualen fast vergeh.
Schubart (meinem erlöser) 295 Hauff;

lasset uns schlingen
dem frühling blümelein zum kranz!
lasset uns springen,
heisza, zum tanz!
blumenpracht, laubesduft, reges gewimmel,
sang und klang, sonnenschein, heiterer himmel.
Hoffmann v. Fallersleben (4 jahreszeiten 1, 12) 2, 327 Gerstenberg.

unter so sanften gesprächen erhoben sich die väter von Abdera in eilfertigem aber friedsamem gewimmel vom rathhause. Wieland (Abderiten 2, 7) 19, 236; und schauten ... in das hastige gewimmel, das sich besonders auf dem marktplatz um die alte kirche herumtrieb. Paul Heyse neue moral-nov.: (er soll dein herr sein); schweigend stellte er sich an den thürpfosten und blickte auf das unruhige gewimmel; die menschen kamen ihm wie narren vor ... jeder sah nur auf seine dirne und drehte sich mit ihr im kreis herum. Th. Storm (der schimmelreiter) 7, 188.
2))

in dem schwärmenden getümmel
grosser angefüllter städte lasz, mit drengendem gewimmel,
den zusammenflusz von menschen mit der orgel tiefem klang,
stimme, ton und schall verbinden (concourse of men).
Brockes Thomsons jahreszeiten (lobgesang 90) 539;

im heitern, drängenden gewimmel
begleitet von der scherze chor
fliegt lächelnd durch die stillen himmel
die freude seinem (des Hesperus) wagen vor.
H. C. Boie an den abend (Göttinger musenalmanach 1770 neudr. s. 94);

[Bd. 6, Sp. 5841]


ein beispielloser aufruhr, eine verwirrung ... folgte auf diesen ruf. volk und patrizier, geistliche und laien ... drängten sich blindlings den ausgängen zu, und nur der greis auf der kanzel droben sah mit unerschütterlicher würde auf das angstvolle gewimmel herab. Paul Heyse ital. nov. 1: Andrea Delfin.
3)) er sahe da die priester mit ihren schwarzen mänteln und kragen die treppe hinaufsteigen, und seine mitschüler versammelt, und prämien unter sie austheilen, und dann wie ein jeder wieder nach hause ging ... alles das sich durchkreuzende gewimmel. K. Ph. Moritz Anton Reiser (3) 242; herr Wright ... hat mir zuerst anlasz gegeben, die fixsterne nicht als ein ohne sichtbare ordnung zerstreutes gewimmel, sondern als ein system anzusehen, welches mit einem planetischen die gröszte ähnlichkeit hat. Kant (allgem. natur-gesch. 1755 vorr.) 1, 231 ausg. der akademie; einseitiger gegner der für grosze fruchtbare probleme nicht mit besonnener gelehrsamkeit ausgerüsteten 'symbolik', verspottet er (Göthe) Creuzers und Schellings mythologie in parodischen zitaten über die Kabiren, vers für vers einen kommentar erheischend, vertraut aber dem vielverschlungenen gewimmel seine eigene ansicht. Erich Schmidt einl. z. Faust II (jubiläumsausgabe).
4))

und die romane? — guter himmel!
wo fing' ich an, wo hört ich auf
in diesem zahllosen gewimmel?
Gotter (die flucht der jugend) ged. 1, 454;

doch der zurückgelassenen
unzähliges gewimmel
schwebt lange, gleich amphibien,
hier zwischen höll' und himmel.
Alois Blumauer Virgils Aeneis (6, 2) 2, 99;

heran dort stürzten die völker.
wie wenn schaaren der bienen daherziehn, dichtes gewimmels,
aus dem gehöhleten fels in beständigem schwarm sich erneuernd ... (μελισσάων ἁδινάων).
Voss (Ilias 2, 87) 4, 28 Hempel;

wie aus geschwärzter luft die heuschreckwolke
herunterfällt und meilenlang die felder
bedeckt in unabsehbarem gewimmel,
so gosz sich eine kriegeswolke aus
von völkern über Orleans gefilde.
Schiller (jungfrau v. Orleans, prolog) 13, 180;

nebenan ist ein garten ... der unter 75 pächter vertheilt ist ... auf diese art ist ewiges gewimmel arbeitender menschen zu sehen, welches einen fröhlichen anblick gibt. Schiller briefe 1, 388; ich ginge auf und ab oder öffnete die glasthüren, die auf den balkon führen, träte hinaus, liesze mir die töne nachrauschen und sähe über das unendliche funkengewimmel auf allen blättern und wipfeln unseres gartens. Stifter (studien 1: feldblumen 2) 1, 48; als sie sahen, wie der kampflustige erzbischof, alle beute verschmähend, weit den andern voraus mit nur sieben fahrzeugen das grosze gewimmel vor sich hertrieb. Dahlmann gesch. v. Dänemark (2, 4) 1, 329.
5))

der harem thut sich auf, und zeigt, in vollem putz
und buntem lieblichen gewimmel,
ein wahres bild von Mahoms lust'gem himmel.
herr Hüon läszt die damen all' im schutz
der schönen herr'n.
Wieland (Oberon 3, 51) 22, 125;

aber ich liesz mir endlich deren (der maschinen zum lachsfang) gebrauch von einem jungen kaufmannsdiener erklären, der in dem bunten gewimmel sich vor allen an mich hielt, und allerlei gespräche anknüpfte. F. X. Bronner leben 2, 108;

aus dem hohlen finstern thor
dringt ein buntes gewimmel hervor.
Göthe (Faust 1) 12, 53;

wende nun, o geliebte, den blick zum bunten gewimmel,
das verwirrend nicht mehr sich vor dem geiste bewegt.
jede pflanze verkündet dir nun die ew'gen gesetze,
jede blume, sie spricht lauter und lauter mit dir. (metamorphose der pflanzen) 1, 328;

und der alten götter bunt gewimmel
hat sogleich das stille haus geleert. (die braut v. Corinth) 1, 244;

denn das ist der anfang aller poesie, den gang und die gesetze der vernünftig denkenden vernunft aufzuheben und uns wieder in die schne verwirrung der fantasie, in das ursprüngliche chaos der menschlichen natur zu versetzen, für das ich kein schöneres symbol bis jetzt

[Bd. 6, Sp. 5842]


kenne, als das bunte gewimmel der alten götter. Fr. Schlegel (gespräch über die poesie: rede über die mythologie ...) 52, 204;

mit seinen stolzen palästen
und häusern ohne zahl,
aus dem bunten menschengewimmel
auf märkten und basar.
Fr. Bodenstedt Mirza Schaffy: abschied v. Tiflis;

setzte der von Alexandria kommende lloyddampfer ein individuum auf dem molo von Triest ab, welches sich durch manche sonderlichkeit im buntem gewimmel der übrigen passagiere auszeichnete. W. Raabe Abu Telfan 1. cap.;

und weil ich stund am jähen rand,
stiesz mich hinab die felsenwand
der menge bunt gewimmel:
da haschten mich die wolken auf
und trugen mich hinauf, hinauf
in ihren schönen himmel,
Platen (vision) 1, 48 Redlich;

und ich seh vor mir mein streben
licht und unvergänglich schweben
durch des lebens bunt gewimmel.
Eichendorff (dichterfrühling) 13, 71;

wir beten ja zu einem gott im himmel,
der alle unsre sprachen kann vereinen,
der gibt den geist der eintracht unsrem schwalle,
dasz so in freuden unser bunt gewimmel
zusammenwirkt, noch besser, als wir's meinen.
Friedr. Rückert (geharnische sonette 49) 1, 31;

wie die töne des tanzes gegen die grosze stille nacht drauszen in buntem gewimmel ankämpften. Immermann (epigonen 7, 14) 4, 93 Maync;

nur als ein märchen
schau ich von weitem
wie durch des schleiers
dämpfende flöre
wieder des weltlaufs
farbig gewimmel.
Karl Gerok palmblätter (genesung) 240;


6))

zum berge Zion kommen wir!
zu gottes stadt im himmel!
wo engel stehen, herr, vor dir
im jauchzenden gewimmel!
Schubart (der frommen wiedersehn) 322 Hauff;

wenn ihr (kinder) an der schwelle mit frohem gewimmel mich ruft. Geszner, angeführt von Adelung a. a. o.; was alles nur sehr geeignet war, hier das leben und die kunst in einer trauer und einer düsterheit zu halten, die gegen das frohe gewimmel und die unruhe in den romanischen landen möglichst abstach. Gervinus gesch. d. deutschen dichtung 14, 288; die frischen hemdärmel der jünglinge und mädchen, ihre roten westen und blumigen mieder leuchteten weithin in frohem gewimmel. Gottfried Keller (der grüne Heinrich 2, 13) 1, 364;

über mir den blauen himmel,
um mich her die grünen fluren,
blumen, frohes thiergewimmel,
und von menschen keine spuren.
Friedr. Rückert mailieder 13;

ein fröhliches gewimmel
erfüllt das ganze haus,
dort rufet schlachtgetümmel,
hier winkt ein heldenstrausz.
Max v. Schenkendorf (erinn. auf d. alten schlosse zu Baden) sämmtl. ged. 179;

es kamen grüne vögelein
geflogen her vom himmel,
und setzten sich im sonnenschein
in fröhlichem gewimmel
all' an des baumes äste.
Friedr. Rückert (kinderlied v. d. grünen sommervögeln) 2, 411;

nun regte sich mit freudigem gewimmel
zu neuen thaten die vereinte schaar.
sie stellten in dem irdischen getümmel
manch heil'ges werk mit reinem streben dar!
A. W. Schlegel (der bund der kirche mit den künsten) 1, 96 Böcking;

wie im lustigen gewimmel
tanzt nun busch und baum vorbei!
und ein dorf nun — guter himmel!
o mir ahnet, was es sei.
Mörike (nächtliche fahrt) 2, 20 Krausz.

im gegensatz dazu vgl.: eben trat er, in begleitung einer starken wache, ... aus dem tor seines gefängnisses, als unter einem wehmütigen gewimmel von bekannten, die ihm die hände drückten, und von ihm abschied nahmen. H. v. Kleist (Michael Kohlhaas) 3, 245 E. Schmidt;

[Bd. 6, Sp. 5843]


ich weisz, dasz überall der himmel
mit wolken droht, mit lächeln blaut,
und nachts zum ernsten sterngewimmel
allwärts ein auge gläubig schaut.
Gottfried Kinkel (menschlichkeit) ged. 136;


7))

viel rosen, gleich lebendigen rubinen ...
sie duften, sagst du; dufteten sie mir!
umgäbe mich ihr freundliches gewimmel,
und drüber hin der amethystne himmel!
Platen (der grundlose brunnen) 1, 683 Redlich;

blumen blühen uns zu füszen,
uns zu häupten glühen sterne — ...
welch ein liebliches gewimmel!
Bodenstedt Mirza Schaffy: lob des weins 15;

war's ein thor der stadt Florenz,
oder war's ein thor der himmel,
draus am klarsten frühlingsmorgen
zog so festliches gewimmel?
Uhland (sängerliebe 5: Dante) 1 210.

dagegen vgl.:

ach! ein schreckliches gewimmel
wirrer triebe um und um
schlosz dem glauben seinen himmel,
machte lieb' und hoffnung stumm.
E. M. Arndt (weihnachtsgrusz) ged. 398;

wie dem, der vom Olymp, benachbart mit dem himmel,
auf eine halbe welt den freien blick erstreckt,
die schlacht bei Akzium ein lächerlich gewimmel
von fröschen scheint, die eine warme nacht
aus ihrem teich die köpfe recken macht ...
Wieland (Idris 1, 78) 17, 53;

'lasst euch nicht verführen durch das närrische gewimmel' sagte der leutenant, der beide arme auf die brüstung der loge im dritten rang stützte und dabei aussah, als ob er gern in die tiefe hinab gespuckt haben würde ... 'wartet nur auf die musik, vor ihr ist dieses gekribbel, gekrabbel und affenspiel wie schaum, der verfliegt'. W. Raabe hungerpastor 2, cap. 4.
β) neue züge werden in den bedeutungsgehalt des substantivs eingeführt, wenn das attribut ganz unter dem einflusz eines bestimmten logischen subjectes steht, das zur verbalhandlung ergänzt wird.
1))

wenn der sterne schein am himmel
wolken löschen, fällt das licht,
weich, in flockigem gewimmel,
nieder auf die dunklen wege
durch das felsige gehege,
schneelicht heiszt es hier.
Müllner die schuld 1, 3;

also auch durch deinen himmel,
süsze liebe, lebensruh',
zieht ein flockigtes gewimmel
von gedanken immerzu.
O. H. v. Loeben (abendwolken) ged. 69 Pissin;

die götter selbst, ich darf mich rühmen dessen,
die götter führen ein unsterblich leben
in dieser blätter duftigem gewimmel,
in meiner knospe schläft der ganze himmel.
Platen (die beiden rosen) 1, 375 Redlich;

und als am tollsten sich gewirrt der knäuel,
verhüllet dichter staub den ganzen greuel.
doch wie aus düstrem, nebelschwerem himmel
mit flücht'gem schimmer blickt ein sonnenstrahl,
so bricht aus jenem sträubenden gewimmel
der schmucke Fortunatus manchesmal;
er tummelt meisterhaft den raschen schimmel.
Uhland (Fortunat 1, 243) 1, 350;

es war der stolzeste augenblick in Scharnhorst's leben, als er den könig einst in Breslau an's fenster führte und ihm die jubelnden schaaren der freiwilligen zeigte, wie sie in malerischem gewimmel, zu fusz, zu rosz, zu wagen, ... vorüberdrängten. H. v. Treitschke deutsche gesch. (1, 4) 15, 431.
2))

und der stern am himmel
glänzendes gewimmel.
F. Rückert zeitgedichte 1816: d. 15. august;

es wacht der stille mond am himmel,
zum wächter ist er dir bestellt,
wo er ein glänzendes gewimmel
in deinem dienste munter hält. (liebesfrühling 3, 25) 1, 459;

wenn ... über uns, bei unbewölktem himmel,
der sterne prächtiges gewimmel
den angezognen geist mit stolzer ahnung schwellt.
Wieland (Kombabus v. 577) 10, 279;

da sind nun am kalten himmel
viel tausend sterne gestellt,
es scheint ihr goldnes gewimmel
weit übers beschneite feld.
Eichendorff (in der fremde 4) 13, 24;

[Bd. 6, Sp. 5844]



die wir zogen
aus weit entlegnen landen gegen London,
im freud'gen wahn zu lesen ruhmes ähren
auf diesem sonn'gen plane, ja vielleicht
hervor aus leuchtendem gewimmel funkelnd
den blick zu fesseln der bewunderten.
Chamisso Fortunat V neudr. s. 13.


3))

und finster plötzlich wird der himmel,
und über dem theater hin,
sieht man in schwärzlichtem gewimmel,
ein kranichheer vorüberziehn.
Schiller (die kraniche des Ibycus) 11, 246 Gödeke;

als ich aber ... die groszen notenblätter sah, bedeckt von schwarzem gewimmel, da stellte es sich heraus, dasz ich zu nichts zu gebrauchen, und die nachbarn schüttelten verwundert die köpfe. Gottfried Keller (der grüne Heinrich 2, 8) 1, 294; und blickte mit schlaffem munde und schwimmenden, heiszen augen auf das buch Hiob, dessen zeilen und buchstaben zu einem schwärzlichen gewimmel verschwammen. Thomas Mann Buddenbrooks (11, 2) 2, 476. vgl.: ein dämmernd seelgewimmel theil 10, 1, sp. 46.
4))

es spiegelte der himmel
sich in der klaren flut (des weines)
und irdisches gewimmel
trank heitern lebensmuth.
Rückert ges. ged. 1, s. 96;

dann hätt' er sich stark genug gefühlet
das nackte gewimmel der töchter des alten ocean
gleichgültig anzusehn.
Wieland (der neue Amadis 10, 10) 4, 229;

die öde kirche, dieser vorige markt des redenden gewimmels, stand ausgestorben und untergraben von todten da. Jean Paul (unsichtbare loge 2, 34. sektor) 2, 164; vor der wagenreihe drängte sich das fröstelnde, vermummte, bepelzte gewimmel der reisenden. W. Raabe leute aus dem walde 1, 266; doch was sollten unsere albernheiten, was sollte ein elendes, der verwesung entgegentaumelndes gewimmel, wie dieser haufen, erdentiefen oder sternenhöhen empören? Grabbe (Napoleon 4, 1) 3, 101 Grisebach; man denke nur an das innere, namenlose gewimmel des erwachenden jünglings — an die langen träumenden, erinnernden, wortkargen tage des einschlummernden greises — an die liebestage der schamvollen jungfrau. Stifter (studien 1: feldblumen 4) 1, 57;

wer hiesz der dumpfen fiebernächte
gespensterhaftes traumgewimmel
fernabziehn
wie winterwolken vor dem frühlingswind!
Karl Gerok palmblätter (genesung),

den stürmischen geist, o bet' ihn zur ruh
in der welt verworrnem getümmel;
mein segensengel, mein friedensstern,
zur hut mir gesetzet von gott, dem herrn,
im sündigen menschengewimmel! (brautlied).


 
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gewimmelt, participiales adverb.: gewimmeltevoll (rhein.), gedrängt voll. Kehrein volksspr. in Nassau 163; zur bildung vgl. gekribbelt sp. 2839 (so dasz ... die kirche gekriebbelte und gewibbelte voll war); vgl.: mir kommt es umgekehrt vor, als sei die atmosphäre der gottesfurcht, der sittenstrenge und enthaltsamkeit im pastorat gewimmelt voll von bakterien der tücke, heuchelei, habsucht. Margarete Böhme tagebuch einer verlorenen 82. das particip läszt sich in gleicher stellung wie das adjectiv voll unmittelbar auf das subject beziehen; in der gewohnheitsmäszigen verbindung jedoch ist es zu einer adverbialen bestimmung neben voll herabgesunken.
 
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gewimmer, n. verbalsubstantiv zu wimmern s. d.
1) die ältesten belege für das substantiv erfordern zunächst eine abgrenzung gegen das eben besprochene gewimmel. für neuern mundartlichen gebrauch ist bereits beobachtet worden, dasz die bildungen wimmern, gewimmer in verwendungen auftreten, die sonst für wimmeln, gewimmel vorbehalten sind, vgl.: voll gauckler wimmern würd' alsdann das gantze haus. Wenzel Scherffer übers. d. Desideria 15 (vgl. Hoffm. v. Fallersl. in Frommanns d. mundarten 4, 191); vgl.: wimmern, gewimmer, plattdeutsch wimmeln, gewimmel. Latendorf bei Frommann 2, 228, in gleicher weise berührt sich schon der älteste beleg für das substantiv zu wimmern mit gewimmel:

dort auff den matten gespannet wardt
die garn schon hoch; was wilds entging
von hegen, man in garnen fing.
da was von jägern ein gewimmer,
auch sah man ein schön frawenzimmer.
Jörg Wickram (pilger cap. 4 v. 810) 4, 157 Bolte.

[Bd. 6, Sp. 5845]


wenn demnach aus demselben stamme (wimmen), dem wimmeln und gewimmel angehören, auch ableitungen mit er gebildet wurden, so weist doch die hauptmasse der zu wimmern, gewimmer gehörigen belege auf eine andere wurzel, auf einen empfindungslaut, wie er ähnlich auch für weh und seine ableitungen anzunehmen ist, vgl. auch englisch whimper, whimple, fries. wimerje.
a) nicht in zusammenhang damit scheint die sachbedeutung des masc. wimmer (vgl. Schmeller 22, 912) zu stehen, die in den beiden hauptrichtungen der bedeutung als warze, schwiele, bläschen (veruca, pustula) einerseits, als auswuchs an bäumen, knorre, knote andererseits belegt ist. allerdings würde auch in dem schwäbischen wiwi (vgl. Schmid 536) eine ähnliche entwicklungsreihe vom empfindungslaut bis zu der sachbedeutung pusteln zur seite stehen, und zwischen warze, schwiele und knorre, knote konnte ohnedies eine bedeutungsübertragung vermittelt haben. da aber in dem althochd. verbum wemmian (polluere, corrumpere, emaculare) eine durch auszerdeutsche frühe zeugnisse gestützte sippe entgegentritt, so ist wimmer jedenfalls mit dieser zunächst in zusammenhang zu bringen.
b) zu diesem masc. wimmer könnte man versucht sein, als collectivbildung die folgenden verwendungen von gewimmer zu stellen:

ain schlos das haisset immer,
darumb ain schön gewimmer
gewachsen ist zu ainem hag,
das darein niemant komen mag,
dann vorn zu dem hag hinein.
Hätzlerin 2, 14, 76 Haltaus s. 153.

dazu vgl.: die aerndte aller übrigen feldfrüchte, von der edlen gerste an bis zu bohnen und wicken herab, die im Werder den ehrennamen 'gewimmer' (wahrscheinlich für gewimmel, weil sie unordentlich durcheinander liegen und sich nicht in regelmäszige garben binden lassen) führen, wird mit der sense bewerkstelligt und von einheimischen vollendet. wenn nun das ganze aerndtefeld leer ist und das letzte fuder, mit 'gewimmer' beladen, bereit steht, seine reise in die scheune anzutreten: dann wird der berüchtigte strohmann fabrizirt. E. Heinel die preus. aerndtegebräuche, s. neue provinzial-blätter 2 (1846), 405. vgl. auch Frischbier preusz. wb. 2, 524; auffällig wäre jedoch beim ersten beleg der übergang von der bedeutung knorre, knote zu der von unterholz, strauchwerk, der sich auch aus dem collectivbegriff nicht genügend erklären läszt. schon hier und noch deutlicher beim zweiten belege scheint das tertium comparationis in der vorstellung der regellosigkeit, des wirren durcheinander zu liegen, die dem bedeutungsgehalte von gewimmel angehört; beide verwendungen sind also den er-ableitungen zu wimmen an die seite zu stellen.
c) alle andern belege dagegen weisen auf gefühlsäuszerungen hin, sie halten sich streng im rahmen eines nomen actionis und geben dem empfindungslaute, den sie überwiegend als äuszerung des schmerzes erscheinen lassen, den charakter des gedämpften, kraftlosen. schon der älteste einschlägige beleg zielt in diese richtung:

hei, sie (die bauern) thnd dem adel wol zieren.
nun thetten sie doch nie nichts leren
dann in dem feld die schollen keren.
folg mir und dich gar nichts hekümmer,
was sie joch hand für ein gewimmer,
und lasz sie an ein kerbholtz reden!
Jörg Wickram (knabenspiegel 1, 9 v. 652) 6, 260 Bolte.


α) den belegen aus Wickram schlieszt sich erst zu ende des 17. jahrh. ein weiterer aus Besser an. eigentlicher litterarischer gebrauch setzt erst nach der mitte des 18. jahrh. ein, gewimmer ist bei Boie, Bürger, Gotter, Goecking, Schubart, Gerstenberg, K. Ph. Moritz, Babo zu belegen. während die meister des deutschen stils, voran Göthe, das substantiv anscheinend meiden (nur ein einziger beleg aus Klopstock und aus Schillers jugendprosa) wird es von der romantik gepflegt und auch später viel in der verssprache gebraucht, es ist bei Müllner, Fouqué, Tieck, Brentano, Arndt, Heine, bei Strachwitz, Lingg, Leuthold, Gerok u. a. beobachtet.
β) die reihe der lexikalischen buchungen eröffnet erst Stieler, sie zeigen aber dann eine nur wenig unterbrochene überlieferung. alle heben den empfindungslaut des schmerzes scharf hervor; in einigen gleichungen tragen sie auch der

[Bd. 6, Sp. 5846]


vorstellung der kraftlosigkeit rechnung: wimmerung die, das wimmern, et gewimmere, idem quod winselung, planctus, murmur, gemitus, ululatus. Stieler 2480; gewimmer, pianti, lamentazioni, gemiti, plaintes. Rädlein 383a; gewimmer, vagitus, planctus, gemitus. Aler 936b; ebenso Steinbach 2, 491 (fügt quiritatio bei); ähnlich Matthiae 2, 181a; Hederich 1, 1423; Frisch nouveau dict. 2, 279; gewimmer, das gewinsel, le gémissement, plaintes, lamentations. Schwan 1 (1783), 745b; das gewimmer, das wimmern, desgleichen ein anhaltendes und wiederholtes wimmern. Adelung 2, 662. ähnlich Campe u. a. vgl. auch DWB gewimmer, planctus G. Chr. Lichtenberg aphorismen 2 (litt. denkm. 131) 217.
mundartlich werden, falls überhaupt an diese sippe angeknüpft wird, andere ableitungen bevorzugt, s. DWB gewims, doch vgl.: geweimers, gewimmer. wb. d. Luxemb. mda. 144b.
γ) auch gewimmer wie gewimmel und gewinsel ist fast ausschlieszlich ohne auslautenden suffixvocal belegt. vereinzelte ausnahmen bieten wörterbücher, vgl. gewimmere bei Stieler und Matthiae. dazu vgl. den charakteristischen gebrauch bei Tieck.
δ) auffällig ist der vereinzelte plural bei Arndt: solchen jammer und solches wehgeschrei der entführten oder geschändeten unterbrachen nur die gewimmer derer, die ... auf den gassen erschlagen wurden. geist der zeit 3, 110.
2) unter den gebrauchsformen empfiehlt es sich, zuerst
a) die verbindungen darzustellen; sie beschränken sich auf verhältnismäszig wenige, aber charakteristische typen:
α) die verbindung mit substantiven dient nicht so oft der kennzeichnung des logischen subjects wie bei gewimmel (s. sp. 5847); verhältnismäszig häufig begegnen einerseits synonyme gruppen, andererseits verbindungen mit substantiven, die einen im bedeutungsgehalt des substantivs liegenden zug eigens hervorheben; diese verbindungen verengern sich meist bis zur composition.
1)) synonyme gruppen:

nur dasz kein nasses aug disz todten-fest entweih,
last, nach der Teutschen art, dem zarten frauenzimmer,
das ängstige geschrei und klägliche gewimmer.
Besser (lobgedichte oder der zunahme Friedrich Wilhelms des Grossen) (1732) 26;

es war der erste ausbruch ihres gewaltsam unterdrückten kummers — die letzte anstrengung der erliegenden natur — untermischt mit geschrei und gewimmer, und dem röcheln der herannahenden zerstörung. Gotter (Marianne 1, 8) 3, 34; (Ludwig.) warum jagst du uns fort? (Otto.) geht, geht! ich kann das gewimmer und gejammer nicht dulden. Babo Otto v. Wittelsbach 5. akt; Musäus faszte die glückliche idee, durch seine volksmärchen das gewimmere und gewinsle der Siegwartianer zu übertönen. Tieck (Peter Lebrecht 1, 1) 14, 165;

und der jüngling fuhr fort mit gewinsel und gewimmer,
bis jener dem blick war entschwunden auf immer.
Rückert (27. makame) poet. werke 11, 435;

und die kleine frau heftig schüttelnd, schob er sie, nur um dem geplärr und gewimmer ein ende zu machen (so wenigstens schien es) auf die tür und den flur zu. Th. Fontane quitt 15. cap.
2)) composition mit attributiven substantiven:

wie ringt mit grausen wettern
dein überwogtes schiff!
o wehe mir! nun schmettern
es stürm' ans felsenriff!
jetzt schwimmst du auf der trümmer
durchs weltmeer! sinkend jetzt
nennst du, mit angstgewimmer,
dein Suschen noch zuletzt!
Boie in
Matthissons lyr. anthol. 8, 158;

das gleiche Heine lyrisches intermezzo nr. 60; Gerok (s. u.);

es klingen worte durch die nacht,
als wie mit leisem klaggewimmer:
'im mai, im mai, im nächsten mai,
wenn andres leben all geht auf,
da ist des jungen fürsten lauf (Alexanders)
ganz wider blumenart vorbei.
Fouqué (die wahrsagenden bäume) ged. 1, 108;

was mir so herrlich dünkte, ... jene nordlandshelden und minnesänger, jene mönche und nonnen, jene vätergrüfte mit ahnungsschauern, jene blassen entsagungsgefühle mit glockengelaute und das ewige wehmutgewimmer, wie bitter ward es mir seitdem verleidet! Heine (die romant. schule 3, 5) 5, 344 Elster;

[Bd. 6, Sp. 5847]


und wär' es am weltenende, ich jauchzte trinkend fort;
und bräche das ganze weltrund in schmerzgewimmer aus,
und ständ' ich am himmelsthore, ich schlüg' es trunken ein,
und schlösse mich auch Sankt Peter von gottes zimmer aus.
Strachwitz (lieder eines erwachenden: ghaselen 2) 158 Weinhold.


β) an stelle dieser ausdrucksmittel treten nicht oft attributive adjectiva (klägliches gewimmer bei Klopstock, Besser); häufiger deuten die adjectivischen attribute auf das moment der wiederholung, das meist als lästig empfunden wird: das ewige — (Schubart, Heine), das verdammte — (Lingg), vgl. auch: die spieler starker tragischer rollen ... pflegen die empfindung ... mit einem gepolter der stimme und der glieder zu überlärmen, wenn im gegentheil die sanften rührenden spieler ihre zärtlichkeit und wehmuth in einem monotonischen gewimmer schleifen, das die ohren zum eckel ermüdet. Schiller (das gegenwärtige teutsche theater) 2, 347; auch das gedämpfte, kraftlose an der stimmentfaltung wird mehrmals durch adjectiva gekennzeichnet:

was soll ich thun? vernunft, du prahlest immer
mir deine weisen lehren vor,
doch lauter steiget noch der liebe sanft gewimmer
aus der beklemmten brust empor.
Goeckingk lieder zweier liebenden (1779) 18;

vgl.dumpfes, verwehendes, feiges gewimmer (s. u.):

o, seid mir alle jetzt, ihr schreckensbilder, nah!
du letztes lebewohl! du sterbendes gewimmer!
geist Agamemnons! geist Orests! — — was für ein schimmer
umdämmert mich?
Gotter (Elektra 4, 4) ged. 2, 129.

dagegen lautes gewimmer (der frösche Stolberg) s. u.

es war ein düster gelber schimmer,
der um die sonnenscheibe lag;
ein unterirdisches gewimmer
verkündet' einen schreckenstag.
die erde zittert.
Tiedge die geburt der freude 5.

selten deuten die adjectiva auf das logische subject: weibliches, französisches gewimmer s. u.
γ) die verba, mit denen das substantiv in verbindung tritt, stehen meist mit der thatsache in einklang, dasz sich das substantiv vor allem an das gehör wendet: das gewimmer ertönt, steigt, dringt, verliert sich, ächzt, ruft; ein gewimmer hören (Schubart, Rückert, G. Hauptmann), hören lassen, übertönen, vernehmen, stillen, dulden; in ein — ausbrechen, sich auflösen, zum — herabsinken, sich sammeln, auf ein — achten. doch fehlen auch die allgemeiner gehaltenen verba nicht ganz: das — verlassen, lassen, dem — widerstehen, ein ende machen; einem das — verleiden. sehr beliebt sind auch hier wieder die loser angefügten nominative, vor allem im ausrufe: wozu das —? welch ein —! verdammtes gewimmer. unter den präpositionalverbindungen ist mit bevorzugt: untermischt mit —; mit gewimmer suchen, springen, rennen, um hülfe rufen, quälen.
b) der kreis der vorstellungen, die als ausgangspunkt der verbalhandlung gedacht sind, ist bei gewimmer klein; als logisches subject sind hier fast ausschlieszlich menschliche wesen und personificationen gekennzeichnet oder zu ergänzen.
α) bei der beziehung auf menschen lassen sich zwei hauptrichtungen des gebrauches unterscheiden. auf der einen seite wird das gedämpfte, kraftlose der stimmentfaltung hervorgehoben; hier sind als logisches subject weiber, knaben, kinder gedacht; die beziehung auf männer erscheint als ausnahme. auf der andern seite wird nicht blosz das gedämpfte, sondern auch das verworrene am geräusche erfaszt, gewimmer erscheint da, wo ein subject des nomen actionis überhaupt nicht wahrgenommen ist oder wo es aus einer mehrheit von personen nicht gesondert werden kann. hier liegen noch heute die nächsten berührungspunkte mit gewimmel, getümmel.
1)) kraftloses, gedämpftes geräusch.
a))

(F. zu Adelheid) nur hufe schmerzen nicht auf schmerz,
und stille dein gewimmer.
Goekingk (die Kelle) ged. 3, 138;

(Aeneas zu Dido.) quäle nun weiter nicht mich und dich mit deinem gewimmer!
scheid' ich doch ungern fort! denn ich musz — —!
Bürger (Dido 410) 250a;

und ich dächte schwester, in deinem alter wäre es ziemlich sonderbar, eine romanhafte liebe zu vertheidigen, aber das gewimmer, das weibliche gewimmer, dem kann kein

[Bd. 6, Sp. 5848]


weib widerstehen. H. Peter Sturz (Julie 1, 2) schriften 2 (1782), 193;

zurück von der kutsche? wen sucht sie? nur ihn?
zur kirchthür und rutsche sie dort auf den knien.
verdammtes gewimmer, mein haus ist rein —
so flucht er und nimmer erbarmt sich der stein.
Herm. Lingg (ein alter gerichtssaal) ged. 25, 87;

doch ja; man bittet dich dort und hier
zum thee ... du vernimmst ein gewimmer,
es lispelt mit oder ohne klavier
deine verse ein frauenzimmer.
Heinr. Leuthold (episteln: deutsches dichterlos).


b))

sie leidet härter als ein bettler noth,
sie lebt allein von wasser und von brod,
der arme knabe musz beinah verschmachten,
doch keiner will auf sein gewimmer achten.
Tieck (Genoveva) 2, 171;

o jüngling zieh zurück
den allzukühnen fusz — zu spät! — welch ein gewimmer! —
ach gott! den jüngling trifft sein trauriges geschick.
Moritz Anton Reiser (3) 252;

sie hielten hier nicht lang sich auf,
verlieszen das gewimmer
von kindern.
A. Blumauer Virgils Aeneis (6, 2) 2, 107.


c))

auch hier kniee vor dir in des erwachendes jahres
ersten strahlen und meines psalmes gewimmer
verliehrt sich nicht unter dem woogengetöse
der tausendmaltausend rufer gen himmel.
Schubart chron. 1791. 1, 2;

wozu die eitlen klagen, das feige gewimmer über das verlorne? E. M. Arndt geist der zeit (1)2 (1807), 63; sowie wir einfalt und wahrheit in reden und thun ... als ... gesetz vor uns hinstellen, werden auch alle die tugenden wieder frisch und grün werden, die kein gewimmer, sondern nur redliche arbeit wieder herbeischwören kann. schriften f. m. l. D. 4, 43; wahrlich Rom, der Herkules unter den völkern, wurde durch das judäische gift so wirksam verzehrt, dasz helm und harnisch seinen welkenden gliedern entsanken und seine imperatorische schlachtstimme herabsiechte zu betendem pfaffengewimmer und kastratengetriller. Heine (die romant. schule 1) 5, 219 Elster.
2)) verworrenes geräusch:
a))

doch endlich ertönte tief unten herauf
vom kellergewölb' ein gewimmer (: zimmer).
Bürger (das lied v. treue) 256 Sauer;

langsam und schwer vom thurme stieg die klage,
ein dumpf gewimmer zwischen jedem schlage,
wie Memnons säule weint im morgenflor.
Annette v. Droste (der prediger) 3, 17 Kreiten;

da her ich ihn halt a so a gewimmer. erscht denk ich 's macht der blos was vor. da seh ich aber ooch schonn, dass jemand uffn teiche is. G. Hauptmann Hannele 1. th.
b)) so verächtlich auch manche dieser urtheile sind: so sammlen sie sie sich doch nach und nach zum gegewimmer, das durch die nation wiederhallt ... nur die klagende stimme, nur das seufzen der unzufriedenen wird gehört. H. P. Sturz (erinn. an Bernstorf) schr. 2 (1782), 109;

und die losgelaszne schar,
aufgereizt zu blinder wut
durch der kameraden blut,
stürzet jubelnd ins gewimmer;
läszt am altar weiber bluten.
Müllner die schuld 4, 4;

bald ächzete das gewimmer der königlichen leibwächter, die sie in ihren quartieren überfielen und ermordeten; und in wenig minuten ringsum nur ein tosen und wimmern des jammers, der wildheit, und mordlust. E. M. Arndt ansichten der teutschen gesch. (1814) 485;

vom schlachtfeld klang der sterbenden gewimmer.
Herm. Lingg (nacht u. morgen) ged. 25, 330;

durch die tiefen ewigkeiten rufts der sel'gen wonnelied,
der verworfnen angstgewimmer: herr, du bist alleine grosz!
K. Gerok palmblätter (soli deo gloria!) 110;

vgl. oben sp. 5846.
β) einige wenige belege zeugen für die übertragung auf phantasiegestalten, sowie auf die thier- und pflanzenwelt.
1)) allerhand geisterchen aus zeitungen oder monatschriften, in welchen diesz buch sehr ist gelobpriesen worden, schleichen herbei, sobald das beschwören angeht, und lassen ein gar klägliches gewimmer von sich hören. Klopstock (gelehrtenrep.) 12, 380; endlich war Jupiter müde, das ewige gewimmer der unterdrückten tugend, und den triumphton des lasters zu hören. Schubart Jupiter;

[Bd. 6, Sp. 5849]



2))

lieber Picas! lieber guter hund!
ach! wie schmerzt mich dein gewimmer.
bist so blutig, bist so wund?
Goeckingk (die parforce-jagd) ged. 3, 17;

die füsze
streckt er empor, und schrie um hülfe mit lautem gewimmer.
Chr. Stolberg (der frösch- u. mäusekrieg) 16, 172;

'wirst du aufhören mit deinem gewimmer, Achitophel, oder soll ich dich in einen noch engeren käfig sperren? und du blutsauger hör' auf mit deinem dummen geflatter'. Hermann Schmidt (erzstufen: die goldsucher 3) 3, 137.
3))

um an den tag zu fördern kalten flimmer,
musz sterben ein entwurzeltes geschlecht
von pflanzen, und nicht hört man ihr gewimmer.
Fr. Rückert (erzähl. 2: Flor u. Blankflor 2).


γ) auch auf die musik wird das substantiv bezogen, meist um einen widrigen eindruck zu kennzeichnen: um noch von denjenigen melodien ein paar worte zu sagen ... hätten wir sie aus der ursache entbehren wollen, weil sie keine lieder sind; zum theil auch wegen ihres französischen gewimmers. Gerstenberg rezensionen (litt. denkm. 128) 41; aber je näher ich kam, je toller war die kuriose musik; sie löste sich in ein gewimmer auf, und schon dem baume nah hörte ich, dasz die musik von demselben herunter schallte. Clemens Brentano (die mehreren Wehmüller) 4, 231; in diesem augenblicke sprang mit einem verwehenden gewimmer eine saite auf der guitarre, was mir gelegen kam, da das gespräch eine unbehagliche wendung nahm. E. Helmer prinz Rosa-Stramin (cap. 17) 83 Brümmer.
 
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gewimmert I , participiales adjectiv mit verschiedenartiger anlehnung:
1) unmittelbar von wimmer (pustula, veruca) abgeleitet ist: gewimmert, astknopfig ... voller hautwarzen. Unger-Khull 291a; vielleicht steht damit auch in zusammenhang: so hat man die coblicht unnd wiszmat ertz ausz gefüret, gepocht und inn ertzfeszlein gefüllet, da es auff einander erwarmt, das es die feszlein zutrieben, wie es offt auch also ineinander gewimmert, das mans mit feusteln und peuscheln hat zuschlagen müssen. Mathesius Sarepta (3. predigt) 51a.
2) als nebenform zu gewimmelte voll (s. oben) ist gewämmerte voll zu stellen, das oben (sp. 5235) zu gewampt, gewammt gezogen wurde.
 
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gewimmert II, n. collectivbildung, nebenform zu gewimmer: gewimmert, vagitus. Kirsch 2, 151b;
 
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gewimpel, n. gewimpel, das flattern der wimpel. Sicherer u. Akveld nederl. hoogd. wb. 281c. das einfache verbum wimpeln, das dieser substantivbildung zur voraussetzung dient, ist nur selten zu beobachten, dagegen vgl. bewimpeln theil 1, sp. 1785.
 
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gewimpelt, participiales adjectiv, vereinzelt (in übersetzung aus dem englischen) für den engeren gebrauch von bewimpelt (s. d.) belegt: dasz sein vaterland kein nationaltheater besasz, — war sein kummer gewesen ... sein mit der flagge der unabhängigkeit gewimpeltes boot, in dem sein drama auf den wellen trieb, war an dieser klippe gescheitert. M. Claudi übers. v. H. Zimmern Lessings leben u. werke 1, 337; auf der breitesten grundlage hat sich die sippe im niederl. erhalten und weiterentwickelt; gewimpelt ... duister, onverstaanbaar, onbegrijpelijk. Verwijs u. Verdam 2, 1911, vgl. wimpeln, operire, tegere, velare. Stieler 2540.
 
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gewimper, n., verbalsubstantiv, gebildet im engeren anschlusz an wimper: gewimper, tremolamento delle palpebre, augenwimper, idem. Kramer teutsch-ital. dict. (1702) 2, 1349a.
 
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gewimpert , adjectiv, nach analogie der participia vom subst. wimper abgeleitet: gewimpert, ciliatus Nemnich d. wb. d. natur-gesch. 192. neben dem eigentlichen gebrauch (von der menschlichen augenwimper) ist es auch in der übertragung auf pflanzen beobachtet: gewimpert, bewimpert, wimperig, mit einer wimperähnlichen haar- oder fädchenreihe versehen. Sicherer u. Akveld nederl.-hoogd. wb. 281c;
1)

die schöngewimperte, schöngehaarte,
die schöngehüftete, gliederzarte,
der strahlende frauenedelstein
ging in den kreis der einsiedler ein.
Rückert Nal und Damajanti 13.

[Bd. 6, Sp. 5850]



2) die taube gerste ... hat eine magere, sechszeilige aehre, wovon die tauben seitenbälge gegrannt, die fruchtbaren gewimpert sind. Oken allgem. naturgesch. 3, 388; die gemeine (wippen) (penaea sarcocolla). blätter rautenförmig, vierreihig über einander, deckblätter gefärbt, kleberig und gewimpert, blüthen in büscheln. 3, 1512; die blüthentrauben der schlanken moorhaide mit dem melancholischen graugrün ihrer feingewimperten blättchen. haidebild s. Fr. Körner der pract. schulmann 3 (1854), 322.
 
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gewims, gewimsel, n. nebenformen zu gewimmel (s. d.), die unmittelbar auf wimmen, wimseln zurückführen (vgl.: der fisch wimszlet im wasser, ludit piscis in aqua. Maaler 501a); gewimsz, gewimmel, gedräng. Schmeller 22, 915; gewimsel, n., sguizzo. Kramer teutschital. dict. (1702) 2, 1349c; lt sind d wiə flîga, was d˙ stube nu' verschluckẽ kâ. Hannes springt ... so guət als as im g'wimmsel dinn â~gt. alem. erzählung, s. die deutschen mundarten 6, 118; ameisen-gewimsel Ernst Zahn herrgottsfäden 43. — anders gewimsel (zu wimselen, winslen) gewinsel, schreien. Martin-Lienhart 2, 827a.

 

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