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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewille bis gewillt (Bd. 6, Sp. 5818 bis 5825)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewille II, m., verstärkte form zu wille s. d., nur in niederdeutschen quellen und verwandten auszerdeutschen zeugnissen belegt: rechte unde redeliken mit erueloue gewillen. (Hallisches schöppenb. 14. jahrh.) Schiller-Lübben

[Bd. 6, Sp. 5819]


2. 105a; vgl. gewil, gewill ... voluntas, arbitrium, votum. Bosworth-Toller 467b; gewille Verwijs-Verdam 2, 1909.
 
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gewillen I, gewellen, verstärktes wellen, willen (in den flexionsformen mit i): so der haizze faum sich in den luft gewillet untz daz er zu wolchen wirt. Lucidarius 14. jahrh. Diefenbach-Wülcker 619.
 
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gewillen II, verb. , verstärkte form des vom stamme will (wollen) abgeleiteten verbums, das althochd. als willeon, willon (Graff 1, 829), mhd. als willen (mhd. wb. 3, 664b) viel beobachtet ist und zum theil noch heute in der isolierten form des particips vorliegt (s. gewillt). die belege für gewillen sind ganz spärlich.
1) aus der älteren sprache: nube ih temo solti gewillôn, der iz lite, mit enes ingeltedo. Notker (Boethius) s. 3, 187a Hattemer;

daz her des menschen arbeit
an uch tuvelen gestillete,
sinen vater gewillete.
Heinrich v. Hesler apokalypse 16003 Helm.


2) aus dem älteren kanzleistil ist ein zeugnis beizubringen, das auf einen ausgedehnteren verwendungskreis des verbums schlieszen läszt: damals hat der ... marggraf Casimir ... dem bischof von Wurzburg geschriben und sich erbotten, so es ime gewilt, dieselben seine abfelligen undertanen im Biberter grund zu strafen. Thomas Zweifel Rotenburg im bauernkrieg 160 Baumann. als neubildung wäre das folgende zu beurtheilen, wenn es nicht besser als elliptisch gebrauchtes particip aufzufassen ist:

und von demuth ganz erfüllet:
mir gescheh', wie gott gewillet,
mir, der magd des herrn, es komme
der erlöser! sprachst du fromme.
Cl. Brentano (die zigeunerin) 1, 175.


 
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gewillig, adj. , verstärktes willig (s. d.).
1) abgrenzung gegen willig.
a) die energie der partikel ist in unserer zusammensetzung mit willig theils verdeckt, theils abgeschwächt; deutlicher spricht sie sich in der gotischen bildung gaviljs aus. die hiefür übermittelten belege lassen das moment der übereinstimmung voll zur geltung kommen, nicht nur da, wo es sich allgemein um das zusammentreffen mehrerer personen in einer willensmeinung handelt, sondern auch da, wo im besondern das ziel der willensrichtung angegeben ist: ei gaviljai ainamma munþa hauchjaiþ guþ. Ulfilas Römer 15, 6 (daz ir ainhellig und mit aim mund eret got. cod. Tepl.; einmtiglich, mit einem munde. Luther); jasso gavilja ist bauan miþ imma. 1 Kor. 7, 12 (dise gehillt ze wonen mit im. cod. Tepl.; lesset es jr gefallen. Luther).
b) in der althochd. substantivbildung gawilligî (Graff 1, 828) wird der bedeutungsinhalt des grundwortes durch das präfix nicht verändert: mit upilero giwillegi, perversa voluntate. eher lassen sich bei den formen des adjectivs unterschiede erkennen. während die lat. parallelen für willig mehr an der grundbedeutung festhalten (voluntarius, volens), zeigen die buchungen für das compositum eine weiterentwicklung auf dem wege, den das präfix andeutet: gewillig, pronus, paratus, intentus (vgl. jedoch auch willig, devotus). die tragweite dieser beobachtung wird freilich eingeengt durch den umstand, dasz das compositum nur aus den glossen belegt ist, während die grundform auch litterarisch bezeugt ist. beachtung verdient auch, dasz es vor allem die adverbialform ist, die das präfix an sich zieht: prona (clementia) giwiligiu. Emmeraner glossen des 11. jahrh. zu Prudentius Steinmeyer-Sievers 2, 421; paratius, giwilligo. ebenda 2, 442; libentius, giwilligor. Freisinger glossen des 9. jahrh. zu Gregors cura past. (3, 16 var. liberius: exhortationis verba recipiunt) 2, 170; intente, giwilligo. glossen zur bibel (2. paral. 6, 40 aures intentae sint ad orationem). ebenda 1, 807.
c) in der mittelhochdeutschen dichtung tritt die zusammengesetzte form gänzlich gegen das grundwort zurück (anders bei gewilliglich), vgl. mhd. wb. 3, 664a. Lexer 1, 991 gegen 3, 889. neue belege für gewillig tauchen erst in der urkundensprache und im geistlichen stil der mystiker auf, je mit festen verbindungen, die aber auch schon beim grundwort zu beobachten sind. auch die angaben der wörterbücher, die vom ende des 16. jahrh. ab vereinzelt unsere form belegen, entfernen sich nicht von dem bedeutungskreise des einfachen wortes. dagegen scheint der gebrauch landschaftliche merkmale zu tragen; er ist im niederl. und niederdeutschen belegt, wo erjedenfalls für die ältere

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spracheeine steigerung der bedeutung kennzeichnet. andererseits überwiegen belege aus dem Elsasz und angrenzenden gegenden für dasjenige compositum, das sich in der bedeutung vom grundwort nicht entfernt.
α) ghe-willigh, willig, libens, vgl. Schiller-Lübben 6, 141a; vgl. auch: ghewillich int gevecht, vurig ijverig. Oudemans 2, 666; gewillich Verwijs u. Verdam 2, 1910 (met ingnomenheid, ijver, animo, liefhebberij handelnde); abgeschwächt erscheint die bedeutung auch im jetzigen niederl. und niederd.: gewillig, die willig ist, is goed te trekken. Harrebomée spreekwoordenboek d. Nederlandsche taal 1, 235b; ähnlich Sicherer u. Akveld 281c; gewillich, voluntarius. friesch woordenboek 1, 455a; gewillig, sehr willig, bereitwillig, freiwillig. ten Doornkaat Koolman 1, 625a.
β) gewillig, willig, libens. Henisch 1599; gewillig, adj. u. adv. willig, dienstfertig. Campe 2, 363b, ebenso Heinsius 2, 436a.
γ) gewillig ... willig, willfährig, dienstbeflissen, geduldig. Martin u. Lienhart 2, 816a.
2) bedeutungsgruppen.
a) verwendungen, die von einer willensbewegung getragen sind; das präfix dient der willensrichtung zum ausdruck.
α) bei den beziehungen zu einer person, bei denen gewillig auf ein dienstverhältnis hindeutet, ist der relative gebrauch meist durch ellipse abgeschwächt.
1)) nur bei der prädicativen verbindung des adjectivs mit dem verbum subst. ist auch ein dativ der person neben den elliptischen fügungen belegt.
a)) nu was Julius ouch ein milter dugethafter man und gap grosse goben von ime: domit schf er, das im alles volg gewillig und holt was. Twinger v. Königshofen d. städtechron. 8, 330;

mit uns kein mensch uff erden hie
dete sölliche posselarbeit ie.
so er uns so gewillig ist,
so braucht mit im kein falschen list.
Th. Murner badenfahrt (6, 58) 8a Ernst Martin;


b)) und uf das die obgenanten drie uf dem pfenningturne in der und in andern der stat sachen, so in dann befolhen ist, dester gewilliger und ernsthaftiger sient, so ist ouch der herren meinung das man inen zm gantzen jore 2 lib. δ an ir zerunge ze str geben soll. Straszb. verordn. des 15. jahrh. Brucker s. 411.
2)) bei anderen syntaktischen formen läszt sich die persönliche zielbestimmung meist aus dem nächsten zusammenhang ergänzen, bei adverbialer angliederung ist sie wol auch ganz abgestreift.
a)) uwer gnaden gewilliger diener und cappelan. Reiner kaplan z. Straszburg (1468) b. Steinhausen privatbriefe 84; uwern fürstlichen gnaden sigent mine arme gewillige dienste und demütiges gebett allezitt bereit. 83.
b)) do meindent die cardinale: die Römer müstent des bobestes und der kirchen sin, also sü sich selber gewilliche hettent an den bobest Bonifacien ergeben. Twinger v. Königshofen. d. städtechron. 9, 603;

bi mir nem bispil jeder man,
das niemans sol sin frouwen lan
in und ouch sin rich regieren
oder sunst gewillig fieren,
bi der nasen umbher ziehen;
all wiber herschafft sol man fliehen!
Th. Murner gäuchmatt (30, 8) 103 Uhl;

nae dem ... de Sassen vormerckeden, dat desulvige flecke sampt de Freesen gewillig in der Geldersche handen gegaen weren. E. Beninga chron. v. Ostfriesland (3, 197) Harkenroht s. 583; vgl.: he gûng gewillîg mit mî hen. ten Doornkaat Koolman 1, 625a.
β) wo die willensrichtung auf ein unpersönliches ziel steuert, bedarf es für dessen kennzeichnung natürlich viel eher eigener ausdrucksmittel, doch halten sich die einschlägigen belege in engem rahmen: und soln in furen in unser chloster und bestatten und in begaen und singen vigilig und saelmess und ander andacht, als wir gewilich sein ze tn unsern prdern und andern, die unsers gotzhaus vreunt sint. österr. urk. v. 1317. urkundenb. d. l. ob d. Enns 5, 197; dess soll ime der meister und gericht zu thun gewillig sein und den dchscherer verbieten, dem, der also schuldig were, zu scheren. Straszb. tuchscherer-ordn. v. 1545 (§ 27) bei Schmoller 171; minne lipliche nattre also gar gewillig z liddende das si gerne hette gelitthen. R. Merswin buch v. d. 9 felsen) 128 Schmidt;

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der wiber tandt mit irem list
handt mich so adlich z gerist,
das ich z erst gewillig bin,
den gouch zinsʒ gern z geben in.
Th. Murner gäuchmatt (47, 15) 153 Uhl;

damit brachte ich sie dermassen wiederumb in ein glaisʒ, dasʒ sie nit mehr dran gedachte oder doch wenigst nit hoch achtete, wie sie im angesicht ausʒsahe, und dannenhero war sie desto gewilliger in die carede zu sitzen, als der apothecker ankam, uns beide zu gast zu laden. Grimmelshausen Simplicissimus 2, 4, 8 (vogelnest 2, 8) 4, 558 Keller;

doch wenn man nach dem ochsen guckte,
sah man, dasʒ er die achseln zuckte,
und so war man zuletzt gewillig,
die fordrung anzusehn als billig.
Adolf Glaszbrenner neuer Reineke Fuchs (9).


b) wo die bedeutungsenergie des präfixes verblaszt erscheint, ist es individueller, auf landschaftlicher neigung erwachsener gebrauch, der das compositum bevorzugt, so bei Murner; andererseits dient das präfix auch wol als steigerungsmittel, um bedeutungsfärbungen, die schon dem einfachen willig möglich sind, besonders hervorzuheben.
α) und alsʒ du sprichest weiters das in den geistlichen rechten so fil ketzereischer unchristlicher und unnatürlicher gesatz stont die soltestu billichen angezeigt haben, so wer dir doch dest gewilliger gelaupt worden. Th. Murner an den grossmächtigsten ... adel deutscher nation 25 Ernst Voss;

ich trug gewillig dise bsz.
Th. Murner gäuchmatt (1, 104) 21 Uhl;

es sol ein ieder gouch gewillig und richlich alles sin vetterlich gt oder sunst alles, das er vermag den wibern mitdeilen. (5) 36.
β) und wartent der gnoden gottes mit demütiger gewilliger langmütikeit on alles swermütiges verdriessen und belangen. Schürebrand 44 Strauch (stud. z. d. phil. 30, 11):

Hammen, gib dich gewillig darein!
der von Ulm mst du gefangen sein. lied v. Hammen v. Reistett (16. jahrh.) bei
Uhland volksl. 352.


γ) in einigen dieser belege, namentlich denen aus Murner machen sich gegensätze geltend, die sich in den jüngsten verwendungen mehr und mehr verschärfen: der unterschied zwischen unterwerfung des willens unter einen andern und freier hingabe. für die letztere, die heute durch freiwillig gekennzeichnet wird, tritt schon in der sprache der mystiker und später auch bei Murner gewillig im engen anschlusz an begriffe wie armut, arm u. a. ein: als verre als diu sêle dan gevolget hât gote in die wüeste der gotheit, als verre volget der lîcham unserme herren Jesû Kristô in die wüeste gewilliges armuotes. meister Eckhart (11. trakt.) myst. 2, 503 Pfeiffer; das ir deste fruhtberlicher die regele und den orden des lieben herren sante Franciscus ... gehalten künnent mit andehtigeme minnenricheme erwolgende durch alles uwer leben in demütiger gehorsame, in gewilliger armt und in steter luterkeit libes und gemütes. Schürebrand 1 Strauch (stud. z. d. phil. 4). das gleiche 57 (s. 37); twelf gesellen volgheden eme sunder afkeren in ghewilliger armoden. leben d. heil. Franziscus 1, s. Schiller-Lübben 2, 105a; er sol aller vrîest sîn, alsô daʒ er vergeʒʒe sîn selbesheit unde vlieʒe mit alle dem, daʒ er ist, in daʒ gruntlôse abgründe sînes urspringes. daʒ gehœret allen gewilligen armen zuo, die sich habent gesenket in daʒ tal der dêmüetikeit. meister Eckhart (trakt. 2) 2, 393;

die pfaffen und die geistlicheit,
den ist allein das gelt erleit;
ir sach stat nun uffs ewig leben,
und achtent weder gab noch geben,
wie wol ein nisi stat dar neben.
ettlich sindt gewillig arm, —
hi! das ist war, das gott erbarm,
hinderm offen ist es warm!
Th. Murner narrenbeschwörung (82, 46) 247 Spanier.


c) so weitgehende bedeutungsverschiebungen wie sie das niederländische adjectiv in adverbialer function entwickelt (dat weegt gewillig twee pond. Schuermans 155c) erreicht das deutsche nicht, obwol auch hier gerade das adverb so viele belege für das compositum stellt.

[Bd. 6, Sp. 5822]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewilligen, verb. , verstärktes willigen. vgl. Graff 1, 828. mhd. wb. 3, 664. Lexer nachtr. s. 209.
1) das verb ist zunächst mit persönlichem object belegt, vgl. auch gewilligotiu, permulsa. Notker, Marc. Capella;

daʒ beste, daʒ si funden
und des si erdenken kunden,
daʒ zes wirtes êren töhte
und in gewillegen möhte (var. das gewilligen; ch gew.; die vrowe gew.)
die hûsfrowen, diu der salben phlac,
des brâhten si ir für den tac
genuoc und ûʒer mâʒe vil.
Konrad v. Fussesbrunnen kindh. Jesu 2288 Kochendörffer;

aber der graffe gewilliget den konige niergen weder umb bitten noch umb gut, sunder er det St. Thomas lip wider in das aptie closter. der brüder leben prediger ordens ... (1470), s. Germania 18, 377; ghewillighen, verwilligen, reddere voluntarium. Kilian 147a; gewilligen ... gewillig maken, iemand tot zijn dienst bereid vinden. Verwijs-Verdam 2, 1911.
2) im neueren gebrauch tritt diese form der verbindung mit einem persönlichen object ganz zurück. im particip gewilligt (s. d.) lassen sich noch reste davon erkennen, wenn auch freilich die deutung hier manchmal strittig bleibt. bei elliptischem gebrauch läszt sich auch das hülfsverb (sein, haben) nicht immer sicher ergänzen. vgl.: nue wir aber s. g. gar kein hulff zuthun gewilligt, hetten sie uff ecʒliche wege gedocht wie s. f. g. mocht gelt erlangen. Joh. Freiberg Königsbergische chron (neue preusz. prov.-blätter 2 (1846), 431). der verbindung mit persönlichem object steht auch der absolute (intransitive) gebrauch des verbums nahe, das ein unpersönliches object in präpositionalverbindungen zu sich nimmt. eine völlige neuerung bedeutet die angliederung solcher object im accusativ, sie steht in zusammenhang mit einem bedeutungswandel.
a) die angliederung von präpositionalverbindungen, vgl. einwilligen in: in ein absolucion gewilligen. Frankf. urk. v. 1493 bei Diefenbach-Wülcker 619; das dann seinen f. g. mer oder andere gutliche tag mit inen zu suchen und die zeit mit einziehung der auferlegten stewr still steen sölle, sei seinen gnaden auch nit annemlich; wa aber die underthonen das ihenig, so si schuldig und inen auferlegt, bezalen wölle, so dann mug sein gnad wol in andern tag gewilligen und sunst nit. protocoll des tages zu Obergünzburg 1525 bei Baumann s. 82; als er des hertzogen von Braunschweig ankunfft vernommen, ist er jhm entgegen gezogen und hat jhn dahin beredet, dasʒ er von der belagerung für Bergamo ablassen, und mit jhm für Löden ziehen möchte, darin der hertzoog also gewilliget. Bünting Braunschw. chron. 308 Meybaum.
b) die unmittelbare angliederung eines unpersönlichen objectes im acc. vgl. jetzt bewilligen, verwilligen: ich wil si üch gütlich und gerne geben also das min frihe burger von dieser stat, da bi sien, und das gewilligen wollen, ich meinen wol sij sollen üwers willen gehorsam sin. Elisabeth v. Nassau Huge Scheppel 6 vb Urtel;

man hat eüch nie genommen,
was man eüch gewilligt hat,
ewrn könig habt jhr vernommen,
mit wortten und in der that,
der majestätts brieff klare,
ist eüch bestettiget gahr,
es fehlt nicht umb ein hare,
wie er vor gstellt war. hausshaltung deren Böhmen (1619) bei
Soltau 100 deutsche volkslieder s. 455 (nr. 72);

folgendes ist von beiden seiten abermahl ein anstand der waffen auff etliche jahr gewilliget worden. Joh. Micrälius altes Pommerland (1639) 2, 282.
 
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gewilligkeit, f. substantivbildung, die nur in auszerdeutschen dialecten beobachtet ist: gewillicheit, vuer, yver. Oudemans 2, 666; gewillicheit Verwijs-Verdam 2, 1910; gewilligheid. friesch woordenboek 1, 455a.
 
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gewilliglich, gewilliglichen, erweiterung von gewillig, die nur den functionen des adverbiums dient.
1) während gewillig in der mittelhochd. dichtung gar nicht belegt ist, führen die ausläufer derselben die erweiterte form ein: gewilleclîch, gewilleclîche mhd. wb. 3, 664a. Lexer 1, 991 (vgl. auch gewillichlike Verwijs-Verdam 2, 1910; ghewillekliche Oudemans 2, 666). die erweiterung findet sich in allen belegen nur beim adverbium, das sich

[Bd. 6, Sp. 5823]


manchmal alleinstehend, häufiger aber in verbindung mit mehr oder weniger bedeutungsverwandten parallelbestimmungen an verba angliedert. die beispiele reichen in die ältere neuhochdeutsche prosa, vor allem die sprache der mystiker, und streifen auch die bibelübersetzung. die holländische sprache führt die bildung den wörterbüchern nach noch heute fort.
2) die verba, an die sich das wort angliedert, kennzeich nen vorwiegend eine handlung; im engeren rahmen geistlichen stils treten auch verba des duldens und leidens an die stelle.
a) alleinstehend ist das adverb nur bei verbis beobachtet, die eine handlung einführen:

dô si nû hôrte sînen muot,
dô sprach diu reine maget guot
'gemahel, waʒ dû heiʒest mich,
daʒ wil ich tuon gewilleclich.' Alexius (westfälische handschr.) 554 Massmann s. 125b;

swaʒ der künic heiʒet mich,
das wil ich tuon gewilleclich (var. gar wiliglich). Peter v. Staufenberg 960 E. Schröder;

diu meiste menige kan niht singen lernen:
sô solt sie haben einen tugenthaften muot
und solt den êren derʒ gewilleclîchen tuot:
sô bliben sie beidersît vor schanden wol behuot. meisterlieder der Kolmarer handschr. 57, 37 Bartsch 345;

ich teil gewilligkleiche
mein silber und mein gold
ich mach ein man wol reiche
dem ich nu were hold. das deutsche heldenbuch 42, 8 Keller;

er gesigete an vil striten und gap do das rich gewillekliche uf und wart ein münich in eime closter. Königshofen d. städtechron. 8, 401; so zwifelnt ir nút, ich were úch von göttelicher minnen und erbermede vil deste gerner beholfen, und were deste besorgeter von uwern wegen, und üebete mich ouch deste gewilleclicher mit úch. Nicolaus v. Basel 292 Schmidt; wan die erde vruchtiget gewilleclîchen: des êrstin daʒ krût, dar nâch die ehere, dar nâch di volle vrucht in der ehere. Beheims evangelienb. (Marc. 4, 28; ultro, die erd wuochert vergeben. cod. Tepl., Mentel u. a., bringt merer frucht. Augsburger bibel u. a.; bringet von jr selbs. Luther).
b) das adverb in verbindung mit parallelbestimmungen.
α) verbindung von bestimmungen, die sich in der bedeutung ferner stehen. unde die pene han wir an uns gemeinlichen unde giwillinclichen genummen. urk. v. Selz im Unterelsasz v. 1311 in zeitschr. gesch. des Oberrheins 10, 308; dâ dû dîns willen unde dîns wiʒʒens wêrlîche ûʒ gêst, dâ gêht got gewêrlîche unde gewilleclîche în mit sînem wiʒʒene unde liuhtet dâ klârlîche. meister Eckhart pred. 4 bei Pfeiffer myst. 2, 25;

wir süllen zouwen über den plân,
vor uns die megde wol getân,
lûter und dâ bî reine,
enpfân den künec hôchgenant
gewilleclîch mit êren
und vüeren in vür des velses want. Virginal 698, 8 Zupitza (heldenb. 5, 129).

er vuorte unde trug in (den toten)
gewilleclich mit vuoge hin
ze liebe gotte und nüt ze leide
zwölf grosʒe tageweide.
Kunz Kistener die Jacobsbrüder 460 Euling;


β) verbindung von bestimmungen, die sich enger berühren.
1))

wan jewedes dem andern bo(t)
gewilliclichen wider strit
die groeste ere zuo aller zit. von eime getruwen wip ritter 275 bei
Myller 34;

do antwurte in der apgot und sprach: dis loch und das für zerginge niemer, sü findent denne einen man der gewillekliche und unbetwüngenliche in das loch springe ... do kam ein jüngeling genant Martin und sprach, das men in liesse sloffen bi welre frowen er wolte alle naht das jor umb, so wolte er in das loch springen gewillekliche. Twinger v. Königshofen d. städtechron. 8, 323;
2)) gewilliglich und gern.
a)) bei verbis, die eine handlung kennzeichnen: und ist das nuwent von einer unreinen súnde wegen beschehen

[Bd. 6, Sp. 5824]


die ich geton habe, und die súnde das was das ich eime armen manne sine tohter umb vil geltes abekoufte, und die tohter tet es darzuo gewillikliche unde gerne. Nicolaus v. Basel (von 2 fünfzehnjährigen knaben) 87 Schmidt; wanne ich van der gnoden gottes wol bekennede bin das dehein cristonmensche solte sin das er begerende wer das (er) onne liddan fuondan wurda, er solte gewillekliche und gerne wollen ein crucze tragen unze in sin dot. (buch v. d. 5 mannen) 122.
b)) bei verbis, die ein dulden, ein ertragen kennzeichnen: und solte ich ch dis hbet und dis liden unze an den iungesten tag haben, daʒ wil ich ch gewillekliche und gerne durch dinen willen haben. Rulmann Merswin buch v. d. zwei mannen 41 Lauchert; und ist es din wille und din ere vor dime himelschen vatter, so wil ich gewillekliche und gerne alles daʒ liden haben, daʒ du úber mich verhengen wilt. 18; also eht er imme die bekorunge des unglouben abbegenuoman hat, darumbe so meinnet er so welle er gerne und gewillekliche diese unreine bekorunge habban und liddan dem liddende unsers heren zuo eren. Nicolaus v. Basel (buch v. d. 5 mannen) 129 C. Schmidt; das mine nattre gerne und gewillekliche gelitthen hetthe den aller schemmelichest schentlichesten dot den men knde odder mehthte in der cit úrdenken, wer es din wille gesin dieme dode z eren. R. Merswin (buch v. d. 9 felsen) 128 Schmidt (vgl. im gleichen satze für die attributive function gewillig s. d.); gewillecliche und gern z lidende alle strangheit und betwüngnisse des ordens. Schürebrand 14 Strauch (stud. z. d. phil. 13, 3); ach min got und min herre, ich wil noch hte frevliche urlop geben ... allen deme irdenschen gte daʒ ich habende bin, und wil ch gerne und gewillekliche durch dinen willen arm sein. R. Merswin v. d. zwei mannen 6 Lauchert.
3) gewilliglich und fröhlich ist nur in zusammenhang mit passivem dulden belegt: das sú alles gar gewillecliche und frliche littent in vesteme glouben uʒ grosʒer hitziger inbrünstiger minnen. Schürebrand 3 Strauch (stud. z. d. phil. 5, 35); den süllent ir gehorsam sin gewillecliche und fröhliche 16 (14, 8); durch mich froüwen üch und sint fro, wenn üwer lon ist grosʒ in dem himmel. als ob er sprech. ist das ir gedültiglich, gewilliglich und frölich entpfohent die rt miner stroff, denn froüwen üch, wenn üch sol nochvolgen grosser lon im ewigen leben. Geiler v. Keisersberg christenlich bilger (1512) 74c (entpfân hier mit anderer bedeutung als in Virg. 698 s. o.).
 
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gewilligt , participiales adjectiv mit mancherlei anlehnungen.
1) von gewilligen (s. o.) und zwar von dessen verbindung mit einem persönlichen object zweigt ein in der kanzleisprache beliebter gebrauch ab: denn ich und sonst meines versehens, hundert vom adel ... euch redlich zu halten und gegen euern widerwärtigen vor gefahr schützen wollen ... das alles hab ich euch, als dem ich mit unbekannten diensten und freundschaft gewilliget bin, nicht klagen noch unverkündigt lassen wollen. Silvester v. Schaumberg an Luther (1520) Enders 2, 416. dazu vgl. auch: uwern fuorstlichen gnaden sein mein gewilliegtt, undertenieg, dinstlich dinst alziett zuvor mit wilhein. Reinhard v. Helmstatt 1493 bei Steinhausen d. privatbr. 1, 299.
2) in gleicher weise lassen sich die folgenden verwendungen erklären, bei denen zugleich mit beeinflussung durch gewillt (s. u.) zu rechnen ist: er fand die einwoner eben gewilliget, zur beilegung des krieges eine versammlung zusammen zu berufen. Heilman übersetz. des Thucydides (7, 2: μέλλοντας, im begriff. Jacobi) 902; zu gleicher zeit brachten sie ... die verstärkungen zusammen, welche sie auf denen transportschiffen ihren in Sicilien befindlichen völkern zuzuschicken gewilliget waren (7, 18: trafen sie anstalt. Jacobi) 921; gewillet und gewilligt heiszen besser gesonnen. Heynatz antibarbarus 2, 56; vgl. auch Hilpert 2, 1, 464b.
3) von gewilligen in der verbindung mit einem unpersönlichen object zweigt ab: gewilliget, concessus Steinbach 2, 1021; ebenso Hederich 1, 1423; gewilliget, approbatus, concessus. Kirsch 2, 151b; Matthiae 2, 181a. diesen wörterbuchnotizen stehen litterarische belege nicht zur seite; dasz die wendung jedoch der geschäftssprache nicht fremd ist,

[Bd. 6, Sp. 5825]


zeigt folgender beleg mit einem persönlichen träger des attributs: Friedrich der alte, des ersten Fridrichs sohn, marggraff, als ein gewilligt richter erkent zwuschen hertzog Erichen und Wartislaff und Otten, das der vertrag, so der alt hertzog Wartislaff umb das land zu Pomern gemacht, sol krafft behalten. Kantzow chron. v. Pommern 1, 297 anm. 2. vgl. auch unter gewillkürt.
 
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gewillfahren, verb. mittelhochd. vereinzelt neben dem ebenso spärlichen willenvaren (Lexer 3, 892, vgl. auch willevarer) belegt, s. DWB willfahren: und warinne wir derselben ewrer durleuchtikeit in dem und andern gewilkefarn (!) kunten, das teten wir gern. Wiener urk. v. 1460; fontes 2, 7. s. 210.
 
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gewillkürt , participiales adjectiv, vgl.: willekürn, willekurn (mhd. wb. 1, 829b. Lexer 3, 891). das verbum ist zunächst mitteldeutsch belegt: jener willekurte swaz ime dirre vor sprach. passional 133, 8;

la die cristenlute
mit argen listen ungemut,
wand in Crist sine helfe tut,
daʒ im zu rechte an in geburt.
hievon han ich gewillekurt
ane allerhande widertrib,
daʒ ich vil sundigeʒ wib
im volgen mit gelouben wil. passional 263, 84 Köpke;

ebenso 135, 28 u. a. vgl. auch gewillecoren Verwijs-Verdam 2, 1909; ghewilcoeren, gewillecoren. Oudemans 2, 665 ff. die isolierung des particips geht von der engsten fassung des rechtsbegriffes aus, und hier ist man versucht, dem präfix eigene bedeutung zuzumessen, da das verbum auf die einigung zwischen widerstrebenden willensrichtungen zielt (vgl. die infinitivformen mit ge). vgl.: alszo das reich noch stundt ane konigk unde ane keiszer ... qwam (die herzogin v. Brabant) abir in Doringen unde muthe ires rechten umbe die lant zu bleiben bei den korfursten, sint dem male das si keinen konig noch richter, uf den sie mit irem ohmen dem marggraven gewillekort hette, gehabin mochte, unde disʒer tedingk wart gehalden von on beiden in der prediger kirchen zu Isenache (Dresdener handschr. gewille). Joh. Rothe düring. chron. (494) Liliencron s. 412. hieraus entwickelt sich attributiver gebrauch, der sich in zwei richtungen gliedert, je nachdem die person eines richters, über den man sich einigt, in den vordergrund gezogen wird, oder eine entscheidung, die man zusammen trifft.
1) gewillekeurt richter. Kilian 147a; disputatio juridica de arbitris necessariis, cumprimis austregis conventionalibus ac testamentariis, germanica, gewillkührten stamm- und erb-austrags-richtern. disput. unter W. A. Schoepff. Tübingen 1724; die wahre freiheit leidet nicht, sich durch andre, als seine eigne gewillkührte mitgenossen in vorkommenden fällen verurtheilen und taxiren zu lassen. Justus Möser Osnabrückische gesch. (3, 118) (1768) 247; die vertretung der zivilrechtlichen gesellschaft nach auszen regelt sich nach den allgemeinen vorschriften: der oder die gesellschafter, denen die vertretungsbefugnis beigelegt ist ... sind gewillkürte stellvertreter. C. Predari die grundbuchordn. v. 24. 3. 1897 s. 324.
2) und wir haben aus fürstlichen gnaden ihre bitte zur ehre der stadt Liegnitz und des schneidergewerkes berücksichtigt und den schneidern aus besonderer gnade das zu einem gewillekürten rechte gegeben, dass in unserm weichbilde zu Liegnitz, sowohl in den dörfern als auch andern gütern oder vorwerken nirgends ein schneider sein oder wohnen solle, der ums lohn arbeite oder schneidere, es sei denn, dass er von der stadt Liegnitz eine meile entfernt sei. Liegnitzer urk. von 1349 (abschrift von 1659) bei Schirrmacher 119 (nr. 163); gewillkürtes recht s.austräge. Westenrieder 206; so kamen ... die streitenden parteien gar oft darinn überein, dasz sie ... die entscheidung ihrer streitigkeiten ... auf eine sogenannte gewüllkürte, oder rechtliche entscheidung, nämlich auf beiderseits gewählte sühn- und schiedsrichter ankommen lassen. ebenda 31; die objective bestimmung einer sache für die wirthschaftlichen zwecke einer anderen ist maszgebend. gewillkürte pertinenzen sind dem reichsrecht unbekannt. Predari grundbuchordn. s. 20.
 
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gewillt , participiales adjectiv zu willen, vgl. auch gewillen sp. 5819.

[Bd. 6, Sp. 5826]



1) das präfix dient nicht etwa einer besondern bedeutung zum ausdruck, die dem grundverbum unzugänglich wäre (gewillt zu gewillen), es ist daher mehr als begleiter des part. prät. aufzufassen.
a) schon althochdeutsch nehmen formen mit und ohne präfix gleicherweise an entsprechenden verwendungen theil: willondo dir, prona favore indulgens vgl. Graff 1, 830; diê sîne iudicia ... mer minnent danne ioh sih selben, wanda siê echert imo willont nals in selben. Notker zu psalm 18, 11 Hattemer 2, 71 gegen: Cacus Evandri satiavit iras, Cacus ter dîeb, filius Vulcani, der Herculi sîniu rinder ferstal, ter erchûolta mit sînemo tôde demo chuninge Euandro sîn zorn, tô in Hercules erslûog, tô habeta er Evandro gewillôt. Notker Boethius 3, 211b Hattemer; vgl. auch giwillot, satis factum. Graff a. a. o.
b) die isolierung des particips, die im ausgang der mittelhochd. periode ansätze treibt (vgl. mhd. wb. 3, 664b. Lexer 3, 892) geht von ähnlichen fügungen aus:

daz ich zu rehte wesse, in welher stund der hohste mir wolt verliehen,
daz im din sel mit kunste wer gewillet (handschr. gewillen),
der engelschar gesellet, so wer min klage wol halben wec gestillet. jüngerer Titurel 5142 Hahn.

entscheidend war die zurückdrängung des persönlichen dativs durch unpersönliche zielpunkte, die meist in präpositionalverbindung angeschlossen werden:

daʒ got hulf sigenünfte
dem degen der sîn jungez leben
het durch die juncvrowen ûf tôdes wâge begeben ...
pischof Wippreht ein messe sanc
hêrlîchen mit manigem pfaffen, diu wart lanc,
dem degen der sich kampfes het gewillet (: het sie ... gestillet). Lohengrin 2033 Rückert;

in sol umb disen willen manic zunge.
sprechen gŭt und ere vil ungestillet.
und allen reinen hertzen. die nach richer tugent sint gewillet. jüngerer Titurel 5013 Hahn;

ê dô was der werlt gedank
ûʒ geteilt in manegen gank,
iederman het sunder gunst.
einer was gewilt ze kunst,
einer ûf ritterlîchen prîs.
Teichner 302 Karajau.


c) diese und ähnliche fügungen führen zu dem hauptgebrauch des particips in der neueren sprache über: gewillt, gesonnen, etwas zu thun oder zu leiden. der absolute gebrauch, in dem sich gewillt mit gesinnt berührt, ist mittelhochd. auch angedeutet, findet aber früher wie später, nur wenig pflege:

mit hertzen gut gewillet, wol driʒʒic tageweide,
die rede ist nach gestillet, wer sagt es im vil gerne ich uchʒ bescheide.
er trug dem grale willen also reine:
tusent mile zu riten, wern im durch den gral gewesen kleine. jüngerer Titurel 6011 Hahn;

vgl.; gewilt, een zekeren wil hebende, gezind. Verwijs-Verdam 2, 1911.
2) in der richtung auf einen bestimmten zielpunktmeist eine verbalhandlungist das particip auch in der neueren sprache reich belegt. die wörterbücher nehmen verhältnismäszig wenig notiz von diesem gebrauch und schränken dessen gebiet zu unrecht ein: in animo habere, gewillet sein. A. Reyher theatr. rom.-teut. 1 (1668), 374; gewillet sein s. DWB wollen. Adelung 2, 662 (ich bin gewillet ... bin entschlossen ... gebraucht ... am häufigsten nur noch in den kanzelleien. 4, 1609), ähnlich Schwan 1 (1783), 745b; gewillet oder gewilliget, gesonnen. Heynatz handb. zur verf. v. aufs. 283b; gewillet sein, willens sein, entschlossen sein, wollen. Campe 2, 363b u. a.; gewillet sein, to be willing or disposed, to intend, purpose. Hilpert 2, 1, 464b. dem thatsächlichen gebrauche nach nimmt der kanzleistil allerdings für die ältere sprache den haupttheil der belege in anspruch, daneben zeigt aber auch die gehobene sprache der poesie, die in neuerer zeit der bequemen form besonders gern sich bedient, schon frühe belege; ebenso nimmt die prosa sowol der abhandlung als der erzählung daran theil, und belege aus Anzengruber sprechen sogar für den gebrauch in der zwangslosen sprache.
a) die verbindung mit einem infinitiv, gewillt etwas zu thun oder zu leiden, stellt sich als eine erweiterung zu dem umschreibenden wollen. wie dieses kann sie als logisches subject eigentlich nur eine person aufnehmen. in formelhafter fortbildung des gebrauches oder bei poetischer

[Bd. 6, Sp. 5827]


übertragung wird das particip jedoch auch zu anderen subjecten gezogen, doch sind hier solche ausnahmen viel seltener als bei wollen: ihr zu verkaufen gewilltes getreid. Ansbachische landesverordn. v. 1713, vgl. Schmeller 22, 891; zum zweiten vgl.: die kuh schien genug gefressen zu haben ... und schien auch nicht gewillt, auf eine discussion der existenzwahl einzugehen. Anzengruber werke 3, 9.
α) am unmittelbarsten mit dem hilfsverb wollen berührt sich die prädicative verbindung des particips mit dem verbum substantivum. die abgrenzung gegen wollen folgt mehr stilistischen neigungen als einem unterschiede in der bedeutungsenergie.
1)) im vordergrunde stehen natürlich belege, die den willen auf active bethätigung richten, gewillt sein, entschlossen sein, etwas zu thun.
a)) die zeugnisse der kanzleisprache: euch freuntlich diennst zu erzaigenn, sindt wir gewilt. correc. zur Bambergensis (zu art. 183) bei Kohler u. Scheel, Carolina 2, 139; wie wir dess zu euch genzlichen vertrawen und darob kain zweifel haben, ir selbs zu tun gewillt seit. schreiben der stadt Rothenburg (1525) bei Baumann 478; noch er gewillt sei, sein dienst zu begeben oder zu verlassen. 392; ob ewer erber weisheit gemaint und gewillt wer, dergleichen verstand mit gedachtem unserm gnedigen herren und uns in diser bewrischen uffrur und empörung auch zu bewilligen. 266.
b)) aus der kanzleisprache dringt der gebrauch unmittelbar in die prosa der erzählung und der abhandlung über, wo er im neuern stil [vgl. auch unter c))] besondere pflege findet: und wie sie zugleich seines beistandts, in einem werck, dazu jhn auch der himmel beschieden, sich zubedienen gewillet und begierig were. Opitz übers. von Sidneys Arkadia 6. buch s. 22; dasz ein mann im weissen kittel bei ihm gewesen, welcher ihme hette befohlen, auf den künfftigen morgen, zur beicht und hochwürdigem sacrament zu gehen: wie er auch, mit gottes hülffe, zu thun, gewillet sei. Erasmus Francisci der höllische Proteus (68. der angefochtene unglücks-verhüter) 657; sie klagte mir, wie sie mit schmertzen, vernehmen müsse, dasz sie die verlustigte current schuldner nunmehr gewillet seien, in sie unverschont zu setzen. Abele künstl. unordn. (1, 15) 1, 130; wie dasz er gewillet seie, mit ihr, ungehindert dieses unannehmlich entstandenen incidents ... noch länger und ferners zu haussen (1, 6) 1, 54; ich glaube auch nicht, dasz der hr. prof. Manzel jemahlen gewillet gewesen ist, die sache so weit zu treiben. Liscow (über den abrisz eines neuen rechts der natur ...) samml. satyr. u. ernsth. schr. 581; wie er diejenigen, die vom rechte der natur geschrieben haben, gar verächtlich nennet, mit seinen einsichten auf den rechten weg zu helfen gewillet sei. ebenda s. 632; ich befürchte, dasz einige bedenken in dem sendschreiben wider meine schrift von mir können übergangen worden sein, auf die ich zu antworten gewillet war. Winckelmann (schr. über die nachahmung der alten kunstwerke: 4) 1, 211 Fernow; in diesem falle versprach er auch dem Antonio Caldora reichen ersatz für die in Apulien eingebüszten besitzungen, die er dem fürsten von Tarent zu entreiszen keineswegs gewillt war. Platen (gesch. des königreichs Neapel 3, 10) 3, 157 Redlich; und das land mit denselben teilen ... welches sie dann als päbstliche statthalter zu regieren gewillt seien. (2, 10) 3, 102; der alternde staatskanzler war, trotz seiner raschen feder, der erdrückenden arbeitslast seines amtes nicht mehr gewachsen und doch nicht gewillt, seine herrscherstellung über den ministern aufzugeben. Treitschke deutsche gesch. (1, 4) 15, 446; dennoch, wenn es ihnen nur darum zu thun, und sie nichts der kirche nachtheiliges aus alten schriften eruiren wollen, bin ich gewillt, denselben das älteste der vorhandenen bücher zu präsentiren. Gustav Freytag (die verlorene handschr. 1. buch, 8. cap.); scherzte, warum sie bei ihrer jugend und schönheit nicht längst ein neues eheband geschlossen, ob sie es auch in zukunft nicht zu tun gewillt sei. Paul Heyse troubadournovellen (die dichterin von Carcassonne (s. 170); dasz Annerl, Hannerl und Sannerl sofort gewillt waren, sich dem bauern an stelle Traudels, Ursels und Gundels anzutragen. Anzengruber dorfgänge 2 (Annerl, Hannerl und Sannerl s. 128).

[Bd. 6, Sp. 5828]



c)) auch die sprache der poesie macht frühzeitig von der umschreibung gebrauch:

fahr fort, bistu gewillt, in frömmigkeit zu leben,
der dir das wollen giebt, wird auch das können geben. Seladons (d. i.
Georg Greflingers) weltl. lieder (1651) 8;

bist du gewillt, dies blatt zu unterschreiben?
Schiller (Piccolomini 4, 1) 12, 158;

wir sind jetzund gewillt, bekannt zu machen
der töchter festbeschiedne mitgift. —
A. W. Schlegel übers. von Shakespeares könig Lear 1, 1 (we have this hour a constant will to publish);

ob du würdig könntest leiden,
war zu forschen ich gewillt.
Cl. Brentano romanzen vom rosenkranz (13, 13) 226 Morris;

so wünscht der könig, dasʒ die apulischen
seehäfen ihr im willig öffnetet ...
er ist gewillt, die erlauchte republik
mit krieg zu überziehn, wofern sie nicht
Apuliens häfen abzutreten denkt.
Platen (liga v. Cambrai II, 3);

ich bin gewillt,
(vernehmt es, ihr geistlichen würdenträger!)
der papsteswürde Gregor zu entsetzen.
Ferd. v. Saar Heinr. IV. (Hildebrand 2, 9) 1, 94;

du zeigst mir meines gottes walten,
der, ob sein antlitz sich verhüllt,
doch nicht auf ewig zorn zu halten,
nicht stets zu strafen ist gewillt.
Karl Gerok palmblätter (abendroth).


2)) diesen auf eine bethätigung gerichteten belegen stehen nur wenige und jüngere gegenüber, die ein leidendes verhalten zum zielpunkt nehmen:

o gottes sohn! sei gnädiglich gewillet
zu nehmen, was ich dir heut bringe dar,
ein armes waisenkind, es trägt verlangen,
das sacrament der taufe zu empfangen.
Tieck (kaiser Octavianus 1) 1, 166;

Eugen war nicht gewillt, sich von jedem, dem es beliebte, berauben und übertölpeln zu lassen. Auerbach neues leben (3, 6) 2, 59; sie beide seien nicht länger gewillt, seinem nichtsthun und trinken müszig und geduldig zuzusehen. Hansjakob schneeballen v. Bodensee 48; er war nicht gewillt, sie (die beute) ihnen zu lassen. Paul Heyse troubadournovellen (die dichterin von Carcassonne s. 173); beide, wie wenn sie gewillt gewesen wären, sich den eben gehabten eindruck durch Maruschka nicht stören zu lassen, brachen früher als gewöhnlich auf. Th. Fontane quitt cap. 32.
3)) die energie der willensbethätigung ist, wie sich im obigen zeigte, je nach dem zusammenhang verschieden; in gewissem gegensatze stehen schon meist die belege, in denen die willensrichtung als von unbegrenzter dauer erscheint, gegen andere, die auf einen einzelnen vorübergehenden anlasz zielen. in diesem zweiten fall schwächt sich die bedeutung entschlossen sein oft bis zu der von im begriffe stehen (vgl. μέλλειν; vgl. DWB wollen im dienste der futurumschreibung) ab: allda traffe ich an zween herrn, so gewillet gewest, sich auf einen fischerzillerl nach Mauthern überführen zu lassen. Abele künstl. unordnung (3, 3) 3, 38; hier wird durch einen mächtigen stromsturz merklich die erste stufe bezeichnet die ein bergland andeutet, in das wir zu treten gewillet sind. Göthe (aus meinem leben 18) 48, 105.
β) gebrauchsunterschiede gegen wollen entwickelt gewillt in den fällen, wo das satzgefüge eine freiere und selbstständige stellung des particips fordert. die bewegungsfreiheit des zu wollen gehörigen part. präs. (wollend) ist in dieser richtung ganz durch gewillt gehemmt.
1)) die syntaktische selbständigkeit des particips: aber als unverzagt, der sein leben thewer genug zu verkauffen gewillet, kehrt er dem allbereit verwundten einhorn ... den schild, desz andern erwartet er mit seinem schwert, unnd gerhiet jhm ein streich also wol, dasz er jm noch ein dieffe wunden schlug. Amadis (24, 29) 24 (1595), 527; die armselige antwortet, es sei ihr liebes söhnlein, und sie gewillet, dasselbe in die wiegen zu Neuhaus zu legen. Erasmus Francisci der höllische Proteus (89. der kielkropff oder wechselbalg) 977; dafern aber ein redlicher mann, der es gut mit ihm meinte, und ihm was gutes zu erweisen gewillet, ihn besuchen wollte, fühlte er den sanfften schlag am lincken ohr. (69 der hofmeisternde geist) 664;

[Bd. 6, Sp. 5829]


(Penthes.) er wär' gefangen mir? ...
(Achilles.) in jedem schönren sinn, erhabne königin!
gewillt, mein ganzes leben fürderhin
in deiner blicke fesseln zu verflattern.
Heinr. v. Kleist (Penthesilea 14, 1612) 2, 97 Erich Schmidt;

und sind nun hier, dem Türken, sucht er uns,
der rückkehr strasʒe schwarz mit blut zu zeichnen,
doch ihn zu suchen, keineswegs gewillt,
man zeig' uns denn, wer führt und wer befiehlt.
Grillparzer (ein bruderzwist 2) 95, 32;

ganz ebenso (im alten Österreich: der kranke feldherr) 15, 126; die alte leiter, welche über die jahre hinaus war, das gewicht von drei unbefriedigten tragen zu können, bekam einen gefährlichen sprung, und eiligst stiegen sie und erschrocken hinab, nicht gewillt, von der höhe ihres standpunktes zu stürzen. Immermann (Münchhausen 6, 3) 2, 126 Maync; bei diesem gespräche war Botho eingestiegen, gewillt, sich's in der plüschecke nach möglichkeit bequem zu machen. Th. Fontane irrungen, wirrungen cap. 21; Rexin aber, sichtlich gewillt, sich nicht zum zweiten male durch empfindelei stören zu lassen, wiederholte nur in gleichmütigem tone. 23.
2)) dem jüngeren stil gehört die engere verbindung mit anderen verben als dem verbum substantivum an: die abdankung Friedlands war ganz gegen ihren willen geschehen; denn eben in einem augenblick war sie erfolgt, in welchem derselbe den krieg in Italien zu führen sich gewillt zeigte. Ranke gesch. Wallensteins2 226 (cap. 7); er sprach noch eine gute weile so weiter, unter beständigem niederlegen und wiederaufnehmen seiner karten, und schien ernstlich gewillt, sich durch diese 'habereien' der guten frau nicht stören zu lassen. Th. Fontane quitt 14; Hoppenmarieken ... holte jetzt die kiepe vom flur herein und schien, ihrem ganzen hantieren nach gewillt, einen schmaus für sich selber vorzubereiten. vor dem sturm 8 (s. 76); 'sie sehen mich gewillt, zum volke zu reden'. Thomas Mann Buddenbrooks (4, 3) 1, 268; vgl.: die kuh schien ... nicht gewillt. Anzengruber, s. oben sp. 5827.
b) neben der präpositionalverbindung des infinitivs treten andere ausdrucksmittel für den zielpunkt der willensrichtung ganz zurück: sich daselbst und bei den von Brethain zu erkundigen, ob es mit irer versamblung gemelter massen gestalt, und was sie gewillt wern, das sollten die von Brethain inen, der versamlung zu Orempach ... zu erkennen geben und ansagen. Thomas Zweifel Rottenburg im bauernkrieg 37 Baumann;

der sonnenblume gleich steht mein gemüte offen,
sehnend,
sich dehnend
in lieben und hoffen.
frühling, was bist du gewillt?
wann werd' ich gestillt?
Mörike (im frühling) 2, 34 Krausz;

im weiten mantel bis ans kinn verhüllet
ging ich den felsenweg, den schroffen, grauen,
hernieder dann zu winterhaften auen,
unruh'gen sinns, zur nahen flucht gewillet.
Göthe (sonette 2. freundl. begegnen) 2, 4 (vgl. gewilt ze kunst Teichner 302).


3) der absolute gebrauch des particips, gewillt in der bedeutung gesinnt gegen gesonnen, ist zwar spärlich belegt, wird aber doch aus den verschiedensten perioden der sprache bezeugt (s. o.) und mag aus manigfachen formen der composition (vgl. gutgewillt, starkgewillt u. a. bei Sanders 3, 1604b) noch weiter blosz gelegt werden:

nun aber hat es sich gestillet,
drüm sag' ich, gott, dir hertzlich dank;
dasz du mir bist so wol gewillet
vergess' ich nicht mein lebelang.
Georg Neumark poetisch- u. musikalisches lustwäldlein (1, 7) (1652) 30;

Faust ist ein scharmanter, liebreicher enthusiaste, besonders gegen mädchen und bräute; human, wohl gewillt, hoch gesinnt doch — ohne mittel. Zelter (an Göthe 1829) briefw. 5, 320. dazu vgl. bösgewillt theil 2, sp. 258 (neben böswillig).

 

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