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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewildhaut bis gewilligkeit (Bd. 6, Sp. 5817 bis 5822)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewildhaut, f., verstärkte form zu wildhaut: under dessen, weiln dise jäger ihre waidsprich gethan, haben die andere jäger etliche abgehawene bäum genommen, hirsch- und gewild-heutten darüber gespant, den jaghunden die farb darein geschütt, alsʒ wen mansʒ in ain trog schüttete. Philipp Hainhofer reisetagebuch s. Baltische stud. 2, 2, 70.
 
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gewildnis, n., später vereinzelt f., nebenform zu dem fem. (vereinzelt auch n.) wildnis, der besonderen substantivbildung zu gewild I (s.). der wechsel des geschlechts würde gewildnis als eine collectivbildung zum einfachen fem. erschlieszen

[Bd. 6, Sp. 5818]


lassen; aus der bedeutung ergeben sich hiefür jedoch keinerlei anhaltspunkte. die belege für gewildnis setzen erst im 14. jahrh. ein und halten sich durchweg in mitteldeutschem sprachgebiet (oberdeutsch wird überhaupt an gewilde länger festgehalten). die ersten schwankungen zwischen neutrum und fem. zeigen sich im mittelniederd.: dat gewiltnisse Mandeville reisen 22d; dorch de gewiltnisse kumpt me in einen dal. 20 s. Schiller-Lübben 6, 141a (andere übersetzer haben hier gewilde oder wüste). ein gleiches fem. an stelle des neutrums kann bei Luther angenommen werden; sicher ist es bei Henisch. dort ist auch für den stammvocal gerundete aussprache gebucht, die sonst nur für den suffixvocalund zwar in jüngeren belegendurchgeführt wird: unde bekummerte die ende des landes, die ungearbeit waren, besundern an dem walde der do heisʒet die blosʒe loube ... unde liesʒ in den grunden den walt usʒ raden unde buwen do nawe dorff unde liesʒ is zu acker bereiten .-. sʒo kaufte her ouch vil dorff landt unde gewiltenisʒ das on entlegin was, unde buwete das unde zoch die lewte dorin. Joh. Rothe düringische chron. Liliencron s. 255; unde (Christophorus) get uʒ schen den difel und kumit in ein gewiltnüsse, da offenberete sich ime der difel. Nicolaus v. Landau predigt bei Zuchhold s. 138 (nach der legenda aurea: cum autem per quandam solitudinem pergeret. 431 Graesse);

mein brüder wolten mich verjagen.
und als ich mich wider sie gesetzt,
haben sie mein kriegsvolck verletzt
und eilff meiner fürnehmbsten räht,
die ich vor all andern lieb hett,
inn ein gewiltnusʒ thun verjagen.
Ayrer (Wolffdieterich. prolog) 1120 Keller;

Wilhelm der wonete in eime gewiltenisʒ und wiste von den dingen nit. Elisabeth v. Nassau-Saarbrücken Huge Scheppel 10 ra Urtel (druck v. 1500: in einer wiltnüsʒ 13c; fehlt 1537); denn do er einst in Armenien, von wegen der grossen hitz, unnd des schweisses gern gebadet unnd sich ettwas erquicket hette, und mit etlichen wenig reuteren unnd seinem capellan vom hauffen zum wasser reit, meinte nicht das in dem gewildnüs einige fhar zugewarten ... da hielten ettliche des soldans reisigen im wald, namen den keiser und sein capellan ... und fürete sie durch die wildtnüs hinweg zum soldan. bapsttrew Hadriani ... gegen keiser Friderichen Barbarossa geübt. (1545) F 1b; sünderlich vonn denen, welche von einem gewiltnüsz, von einem berge zm andern lauffen, unnd traben. Reinhard Lorich wie junge fürsten ... unterwisen mögen werden. (1537) 319; aber im weidtwergk wie in allenn andern dingen sol ein herr masz halten, das ausz inen, welchen got der herr nicht uber thierer und gewiltnüsz, sonder uber landt und leut gesetzet hat, kein jeger oder weidman werde. (1537) 316; Moses hats wol ausgericht, wir können nicht zu rücke gehen, wir wolten denn hungers sterben, auch können wir nicht weiter gehen noch zur seiten von wegen der einöde und gewildnis ausbrechen, der teufel hat uns in die wüsten gefüret. Luther (pred. über 2 Mos. 16. 1525) 16, 288 Weimar; gewildnusz, wüsten, einöde, solitudo, vastitas, locus desertus; Johannes der Täuffer hat inn der gewüldnusʒ geprediget. Henisch 1599. vgl. auch Schottel 634b, der gewildnis noch neben gewirr, gewell u. a. aufführt. damit erlischt die spur.
 
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gewildschieszen, n., erstarrtes compositum der sp. 5813 aufgeführten verbindung gewild schiesʒen: denn das bisʒle gewildschiesʒen mit dem Krāmerchristle kann dir kein mensch als ein verbrechen andichten, und 's ist ja auch nicht 'rauskommen. Hermann Kurz (der sonnenwirt 27) 6, 130 H. Fischer.
 
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gewildthal, n.: dise insel (Rhodis) ist fast köstlich un pürgig mit gwild talen überflüssig, auch wa man über mör will, msʒ man bei Rhodis zlenden. Sebast. Frank weltb. (1, 1) (1534) 18a.
 
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gewille I, gewil, n., ältere form zu gewelle s. d., vgl. sp. 5463.
 
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gewille II, m., verstärkte form zu wille s. d., nur in niederdeutschen quellen und verwandten auszerdeutschen zeugnissen belegt: rechte unde redeliken mit erueloue gewillen. (Hallisches schöppenb. 14. jahrh.) Schiller-Lübben

[Bd. 6, Sp. 5819]


2. 105a; vgl. gewil, gewill ... voluntas, arbitrium, votum. Bosworth-Toller 467b; gewille Verwijs-Verdam 2, 1909.
 
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gewillen I, gewellen, verstärktes wellen, willen (in den flexionsformen mit i): so der haizze faum sich in den luft gewillet untz daz er zu wolchen wirt. Lucidarius 14. jahrh. Diefenbach-Wülcker 619.
 
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gewillen II, verb. , verstärkte form des vom stamme will (wollen) abgeleiteten verbums, das althochd. als willeon, willon (Graff 1, 829), mhd. als willen (mhd. wb. 3, 664b) viel beobachtet ist und zum theil noch heute in der isolierten form des particips vorliegt (s. gewillt). die belege für gewillen sind ganz spärlich.
1) aus der älteren sprache: nube ih temo solti gewillôn, der iz lite, mit enes ingeltedo. Notker (Boethius) s. 3, 187a Hattemer;

daz her des menschen arbeit
an uch tuvelen gestillete,
sinen vater gewillete.
Heinrich v. Hesler apokalypse 16003 Helm.


2) aus dem älteren kanzleistil ist ein zeugnis beizubringen, das auf einen ausgedehnteren verwendungskreis des verbums schlieszen läszt: damals hat der ... marggraf Casimir ... dem bischof von Wurzburg geschriben und sich erbotten, so es ime gewilt, dieselben seine abfelligen undertanen im Biberter grund zu strafen. Thomas Zweifel Rotenburg im bauernkrieg 160 Baumann. als neubildung wäre das folgende zu beurtheilen, wenn es nicht besser als elliptisch gebrauchtes particip aufzufassen ist:

und von demuth ganz erfüllet:
mir gescheh', wie gott gewillet,
mir, der magd des herrn, es komme
der erlöser! sprachst du fromme.
Cl. Brentano (die zigeunerin) 1, 175.


 
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gewillig, adj. , verstärktes willig (s. d.).
1) abgrenzung gegen willig.
a) die energie der partikel ist in unserer zusammensetzung mit willig theils verdeckt, theils abgeschwächt; deutlicher spricht sie sich in der gotischen bildung gaviljs aus. die hiefür übermittelten belege lassen das moment der übereinstimmung voll zur geltung kommen, nicht nur da, wo es sich allgemein um das zusammentreffen mehrerer personen in einer willensmeinung handelt, sondern auch da, wo im besondern das ziel der willensrichtung angegeben ist: ei gaviljai ainamma munþa hauchjaiþ guþ. Ulfilas Römer 15, 6 (daz ir ainhellig und mit aim mund eret got. cod. Tepl.; einmtiglich, mit einem munde. Luther); jasso gavilja ist bauan miþ imma. 1 Kor. 7, 12 (dise gehillt ze wonen mit im. cod. Tepl.; lesset es jr gefallen. Luther).
b) in der althochd. substantivbildung gawilligî (Graff 1, 828) wird der bedeutungsinhalt des grundwortes durch das präfix nicht verändert: mit upilero giwillegi, perversa voluntate. eher lassen sich bei den formen des adjectivs unterschiede erkennen. während die lat. parallelen für willig mehr an der grundbedeutung festhalten (voluntarius, volens), zeigen die buchungen für das compositum eine weiterentwicklung auf dem wege, den das präfix andeutet: gewillig, pronus, paratus, intentus (vgl. jedoch auch willig, devotus). die tragweite dieser beobachtung wird freilich eingeengt durch den umstand, dasz das compositum nur aus den glossen belegt ist, während die grundform auch litterarisch bezeugt ist. beachtung verdient auch, dasz es vor allem die adverbialform ist, die das präfix an sich zieht: prona (clementia) giwiligiu. Emmeraner glossen des 11. jahrh. zu Prudentius Steinmeyer-Sievers 2, 421; paratius, giwilligo. ebenda 2, 442; libentius, giwilligor. Freisinger glossen des 9. jahrh. zu Gregors cura past. (3, 16 var. liberius: exhortationis verba recipiunt) 2, 170; intente, giwilligo. glossen zur bibel (2. paral. 6, 40 aures intentae sint ad orationem). ebenda 1, 807.
c) in der mittelhochdeutschen dichtung tritt die zusammengesetzte form gänzlich gegen das grundwort zurück (anders bei gewilliglich), vgl. mhd. wb. 3, 664a. Lexer 1, 991 gegen 3, 889. neue belege für gewillig tauchen erst in der urkundensprache und im geistlichen stil der mystiker auf, je mit festen verbindungen, die aber auch schon beim grundwort zu beobachten sind. auch die angaben der wörterbücher, die vom ende des 16. jahrh. ab vereinzelt unsere form belegen, entfernen sich nicht von dem bedeutungskreise des einfachen wortes. dagegen scheint der gebrauch landschaftliche merkmale zu tragen; er ist im niederl. und niederdeutschen belegt, wo erjedenfalls für die ältere

[Bd. 6, Sp. 5820]


spracheeine steigerung der bedeutung kennzeichnet. andererseits überwiegen belege aus dem Elsasz und angrenzenden gegenden für dasjenige compositum, das sich in der bedeutung vom grundwort nicht entfernt.
α) ghe-willigh, willig, libens, vgl. Schiller-Lübben 6, 141a; vgl. auch: ghewillich int gevecht, vurig ijverig. Oudemans 2, 666; gewillich Verwijs u. Verdam 2, 1910 (met ingnomenheid, ijver, animo, liefhebberij handelnde); abgeschwächt erscheint die bedeutung auch im jetzigen niederl. und niederd.: gewillig, die willig ist, is goed te trekken. Harrebomée spreekwoordenboek d. Nederlandsche taal 1, 235b; ähnlich Sicherer u. Akveld 281c; gewillich, voluntarius. friesch woordenboek 1, 455a; gewillig, sehr willig, bereitwillig, freiwillig. ten Doornkaat Koolman 1, 625a.
β) gewillig, willig, libens. Henisch 1599; gewillig, adj. u. adv. willig, dienstfertig. Campe 2, 363b, ebenso Heinsius 2, 436a.
γ) gewillig ... willig, willfährig, dienstbeflissen, geduldig. Martin u. Lienhart 2, 816a.
2) bedeutungsgruppen.
a) verwendungen, die von einer willensbewegung getragen sind; das präfix dient der willensrichtung zum ausdruck.
α) bei den beziehungen zu einer person, bei denen gewillig auf ein dienstverhältnis hindeutet, ist der relative gebrauch meist durch ellipse abgeschwächt.
1)) nur bei der prädicativen verbindung des adjectivs mit dem verbum subst. ist auch ein dativ der person neben den elliptischen fügungen belegt.
a)) nu was Julius ouch ein milter dugethafter man und gap grosse goben von ime: domit schf er, das im alles volg gewillig und holt was. Twinger v. Königshofen d. städtechron. 8, 330;

mit uns kein mensch uff erden hie
dete sölliche posselarbeit ie.
so er uns so gewillig ist,
so braucht mit im kein falschen list.
Th. Murner badenfahrt (6, 58) 8a Ernst Martin;


b)) und uf das die obgenanten drie uf dem pfenningturne in der und in andern der stat sachen, so in dann befolhen ist, dester gewilliger und ernsthaftiger sient, so ist ouch der herren meinung das man inen zm gantzen jore 2 lib. δ an ir zerunge ze str geben soll. Straszb. verordn. des 15. jahrh. Brucker s. 411.
2)) bei anderen syntaktischen formen läszt sich die persönliche zielbestimmung meist aus dem nächsten zusammenhang ergänzen, bei adverbialer angliederung ist sie wol auch ganz abgestreift.
a)) uwer gnaden gewilliger diener und cappelan. Reiner kaplan z. Straszburg (1468) b. Steinhausen privatbriefe 84; uwern fürstlichen gnaden sigent mine arme gewillige dienste und demütiges gebett allezitt bereit. 83.
b)) do meindent die cardinale: die Römer müstent des bobestes und der kirchen sin, also sü sich selber gewilliche hettent an den bobest Bonifacien ergeben. Twinger v. Königshofen. d. städtechron. 9, 603;

bi mir nem bispil jeder man,
das niemans sol sin frouwen lan
in und ouch sin rich regieren
oder sunst gewillig fieren,
bi der nasen umbher ziehen;
all wiber herschafft sol man fliehen!
Th. Murner gäuchmatt (30, 8) 103 Uhl;

nae dem ... de Sassen vormerckeden, dat desulvige flecke sampt de Freesen gewillig in der Geldersche handen gegaen weren. E. Beninga chron. v. Ostfriesland (3, 197) Harkenroht s. 583; vgl.: he gûng gewillîg mit mî hen. ten Doornkaat Koolman 1, 625a.
β) wo die willensrichtung auf ein unpersönliches ziel steuert, bedarf es für dessen kennzeichnung natürlich viel eher eigener ausdrucksmittel, doch halten sich die einschlägigen belege in engem rahmen: und soln in furen in unser chloster und bestatten und in begaen und singen vigilig und saelmess und ander andacht, als wir gewilich sein ze tn unsern prdern und andern, die unsers gotzhaus vreunt sint. österr. urk. v. 1317. urkundenb. d. l. ob d. Enns 5, 197; dess soll ime der meister und gericht zu thun gewillig sein und den dchscherer verbieten, dem, der also schuldig were, zu scheren. Straszb. tuchscherer-ordn. v. 1545 (§ 27) bei Schmoller 171; minne lipliche nattre also gar gewillig z liddende das si gerne hette gelitthen. R. Merswin buch v. d. 9 felsen) 128 Schmidt;

[Bd. 6, Sp. 5821]


der wiber tandt mit irem list
handt mich so adlich z gerist,
das ich z erst gewillig bin,
den gouch zinsʒ gern z geben in.
Th. Murner gäuchmatt (47, 15) 153 Uhl;

damit brachte ich sie dermassen wiederumb in ein glaisʒ, dasʒ sie nit mehr dran gedachte oder doch wenigst nit hoch achtete, wie sie im angesicht ausʒsahe, und dannenhero war sie desto gewilliger in die carede zu sitzen, als der apothecker ankam, uns beide zu gast zu laden. Grimmelshausen Simplicissimus 2, 4, 8 (vogelnest 2, 8) 4, 558 Keller;

doch wenn man nach dem ochsen guckte,
sah man, dasʒ er die achseln zuckte,
und so war man zuletzt gewillig,
die fordrung anzusehn als billig.
Adolf Glaszbrenner neuer Reineke Fuchs (9).


b) wo die bedeutungsenergie des präfixes verblaszt erscheint, ist es individueller, auf landschaftlicher neigung erwachsener gebrauch, der das compositum bevorzugt, so bei Murner; andererseits dient das präfix auch wol als steigerungsmittel, um bedeutungsfärbungen, die schon dem einfachen willig möglich sind, besonders hervorzuheben.
α) und alsʒ du sprichest weiters das in den geistlichen rechten so fil ketzereischer unchristlicher und unnatürlicher gesatz stont die soltestu billichen angezeigt haben, so wer dir doch dest gewilliger gelaupt worden. Th. Murner an den grossmächtigsten ... adel deutscher nation 25 Ernst Voss;

ich trug gewillig dise bsz.
Th. Murner gäuchmatt (1, 104) 21 Uhl;

es sol ein ieder gouch gewillig und richlich alles sin vetterlich gt oder sunst alles, das er vermag den wibern mitdeilen. (5) 36.
β) und wartent der gnoden gottes mit demütiger gewilliger langmütikeit on alles swermütiges verdriessen und belangen. Schürebrand 44 Strauch (stud. z. d. phil. 30, 11):

Hammen, gib dich gewillig darein!
der von Ulm mst du gefangen sein. lied v. Hammen v. Reistett (16. jahrh.) bei
Uhland volksl. 352.


γ) in einigen dieser belege, namentlich denen aus Murner machen sich gegensätze geltend, die sich in den jüngsten verwendungen mehr und mehr verschärfen: der unterschied zwischen unterwerfung des willens unter einen andern und freier hingabe. für die letztere, die heute durch freiwillig gekennzeichnet wird, tritt schon in der sprache der mystiker und später auch bei Murner gewillig im engen anschlusz an begriffe wie armut, arm u. a. ein: als verre als diu sêle dan gevolget hât gote in die wüeste der gotheit, als verre volget der lîcham unserme herren Jesû Kristô in die wüeste gewilliges armuotes. meister Eckhart (11. trakt.) myst. 2, 503 Pfeiffer; das ir deste fruhtberlicher die regele und den orden des lieben herren sante Franciscus ... gehalten künnent mit andehtigeme minnenricheme erwolgende durch alles uwer leben in demütiger gehorsame, in gewilliger armt und in steter luterkeit libes und gemütes. Schürebrand 1 Strauch (stud. z. d. phil. 4). das gleiche 57 (s. 37); twelf gesellen volgheden eme sunder afkeren in ghewilliger armoden. leben d. heil. Franziscus 1, s. Schiller-Lübben 2, 105a; er sol aller vrîest sîn, alsô daʒ er vergeʒʒe sîn selbesheit unde vlieʒe mit alle dem, daʒ er ist, in daʒ gruntlôse abgründe sînes urspringes. daʒ gehœret allen gewilligen armen zuo, die sich habent gesenket in daʒ tal der dêmüetikeit. meister Eckhart (trakt. 2) 2, 393;

die pfaffen und die geistlicheit,
den ist allein das gelt erleit;
ir sach stat nun uffs ewig leben,
und achtent weder gab noch geben,
wie wol ein nisi stat dar neben.
ettlich sindt gewillig arm, —
hi! das ist war, das gott erbarm,
hinderm offen ist es warm!
Th. Murner narrenbeschwörung (82, 46) 247 Spanier.


c) so weitgehende bedeutungsverschiebungen wie sie das niederländische adjectiv in adverbialer function entwickelt (dat weegt gewillig twee pond. Schuermans 155c) erreicht das deutsche nicht, obwol auch hier gerade das adverb so viele belege für das compositum stellt.

[Bd. 6, Sp. 5822]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewilligen, verb. , verstärktes willigen. vgl. Graff 1, 828. mhd. wb. 3, 664. Lexer nachtr. s. 209.
1) das verb ist zunächst mit persönlichem object belegt, vgl. auch gewilligotiu, permulsa. Notker, Marc. Capella;

daʒ beste, daʒ si funden
und des si erdenken kunden,
daʒ zes wirtes êren töhte
und in gewillegen möhte (var. das gewilligen; ch gew.; die vrowe gew.)
die hûsfrowen, diu der salben phlac,
des brâhten si ir für den tac
genuoc und ûʒer mâʒe vil.
Konrad v. Fussesbrunnen kindh. Jesu 2288 Kochendörffer;

aber der graffe gewilliget den konige niergen weder umb bitten noch umb gut, sunder er det St. Thomas lip wider in das aptie closter. der brüder leben prediger ordens ... (1470), s. Germania 18, 377; ghewillighen, verwilligen, reddere voluntarium. Kilian 147a; gewilligen ... gewillig maken, iemand tot zijn dienst bereid vinden. Verwijs-Verdam 2, 1911.
2) im neueren gebrauch tritt diese form der verbindung mit einem persönlichen object ganz zurück. im particip gewilligt (s. d.) lassen sich noch reste davon erkennen, wenn auch freilich die deutung hier manchmal strittig bleibt. bei elliptischem gebrauch läszt sich auch das hülfsverb (sein, haben) nicht immer sicher ergänzen. vgl.: nue wir aber s. g. gar kein hulff zuthun gewilligt, hetten sie uff ecʒliche wege gedocht wie s. f. g. mocht gelt erlangen. Joh. Freiberg Königsbergische chron (neue preusz. prov.-blätter 2 (1846), 431). der verbindung mit persönlichem object steht auch der absolute (intransitive) gebrauch des verbums nahe, das ein unpersönliches object in präpositionalverbindungen zu sich nimmt. eine völlige neuerung bedeutet die angliederung solcher object im accusativ, sie steht in zusammenhang mit einem bedeutungswandel.
a) die angliederung von präpositionalverbindungen, vgl. einwilligen in: in ein absolucion gewilligen. Frankf. urk. v. 1493 bei Diefenbach-Wülcker 619; das dann seinen f. g. mer oder andere gutliche tag mit inen zu suchen und die zeit mit einziehung der auferlegten stewr still steen sölle, sei seinen gnaden auch nit annemlich; wa aber die underthonen das ihenig, so si schuldig und inen auferlegt, bezalen wölle, so dann mug sein gnad wol in andern tag gewilligen und sunst nit. protocoll des tages zu Obergünzburg 1525 bei Baumann s. 82; als er des hertzogen von Braunschweig ankunfft vernommen, ist er jhm entgegen gezogen und hat jhn dahin beredet, dasʒ er von der belagerung für Bergamo ablassen, und mit jhm für Löden ziehen möchte, darin der hertzoog also gewilliget. Bünting Braunschw. chron. 308 Meybaum.
b) die unmittelbare angliederung eines unpersönlichen objectes im acc. vgl. jetzt bewilligen, verwilligen: ich wil si üch gütlich und gerne geben also das min frihe burger von dieser stat, da bi sien, und das gewilligen wollen, ich meinen wol sij sollen üwers willen gehorsam sin. Elisabeth v. Nassau Huge Scheppel 6 vb Urtel;

man hat eüch nie genommen,
was man eüch gewilligt hat,
ewrn könig habt jhr vernommen,
mit wortten und in der that,
der majestätts brieff klare,
ist eüch bestettiget gahr,
es fehlt nicht umb ein hare,
wie er vor gstellt war. hausshaltung deren Böhmen (1619) bei
Soltau 100 deutsche volkslieder s. 455 (nr. 72);

folgendes ist von beiden seiten abermahl ein anstand der waffen auff etliche jahr gewilliget worden. Joh. Micrälius altes Pommerland (1639) 2, 282.
 
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gewilligkeit, f. substantivbildung, die nur in auszerdeutschen dialecten beobachtet ist: gewillicheit, vuer, yver. Oudemans 2, 666; gewillicheit Verwijs-Verdam 2, 1910; gewilligheid. friesch woordenboek 1, 455a.

 

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