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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewilde bis gewildthal (Bd. 6, Sp. 5800 bis 5818)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewilde, gewild I, verstärktes wilde (wildnis) mit überführung in die gruppe der collectiva.
1) abgrenzungen, statistik, formen.
a) gewilde und wilde.
α) während das grundwort den eigenschaftsbegriff länger pflegt, bis er von concurrenzformen ganz in anspruch genommen wurde (vgl. mittelhochd. wildecheit, neuhochd. wildheit) ist das compositum hierfür nur mit einem belege heranzuziehen:

nu ist der blüienden heide voget
mit gewalt uf uns gezoget,
hoert, wie (er) mit winde broget.
uf walt und in gevilde ...
so scharpf ist sin gewilde.
dis secht in den wünebernden ouwen.
und an kleiner vogellin we.
die ensingent uns nit me.
sus twinget si der kalte sne.
Goesli v. Ehenhein (grosze Heidelberger liederhandschr. s. 654) Pfaff.


β) von dieser ausnahme abgesehen, sind nur die in der vorstellungsform des raumes entwickelten verwendungen von wilde auch für gewilde zu belegen; und es fragt sich, ob zwischen beiden bildungen hierin eine verschiedenheit des gebrauches festgestellt werden kann.
1)) verhältnismäszig häufig finden sich beide formen in dem variantenapparat eines und desselben beleges aus der mittelhochd. dichtung:

er saz ûf unde reit
nâch wâne in grôz arbeit,
unde erstreich grôze wilde
walt unde gevilde,
unz er den engen stîc vant. Iwein 969 Benecke-Lachmann (gross gewilde Heidelberger u. Dresdner handschr.);

alsô viuchte und alsô naʒ
her Tristan ûf sîn ros dô saʒ
und kêrte über daʒ gevilde
hin vaste gein der wilde;
in einen busch er dâ gehillt.
Heinr. v. Freiberg Tristan 3224 Bernt (nach der Kölner handschr., i. d. Florentiner: gein dem gewilde);

von dem künig in hôher art,
ein grôʒer hof geruefet wart,
ze lob dem reinen bilde,
daʒ man in dem gewilde (var. gefilde; der wild).
sô lobelîch het vunden,
unt wart von sorge enbunden. die königin von Frankr, u. d. ungetreue marschalk 674 gesammtabent. 1, 187

(vgl. 474/5:

dô vlôch daʒ minniklîche wîp
als verre in den wilden tan ...);

[Bd. 6, Sp. 5801]



Laurîn der künec guot
treip vil grôʒen übermuot
ze Tirol in dem gewilde (so der Straszb. druck; wilde Straszb. hdschr. des heldenbuches)
mit spern und mit schilde. Laurin D 233 Holz s. 103.

schon hieraus geht hervor, dasz es weniger bedeutungsgegensätze sind als gebrauchsverschiedenheiten chronologischer oder stilistischer art, die die beiden bildungen abgrenzen. dafür spricht auch der wechsel innerhalb eines und desselben zusammenhanges:

da von ir wurdet laidic
in dirre wilde, vrawe min,
da mz ich selbe riten in ...
nu kom ez von geschihte
daz den jungen helt geslaht
in dem gewilde begraif diu naht,
daz im des tages lieht gebrast.
Joh. v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 4894 Regel;

auch später finden sich beide bildungen noch neben einander: darnach zeucht man zu land in die vorgenannten gewilde, und kompt in das thal Halin, unn von dannen gen Sinai, auch mag niemand durch das gewild auff pferden kommen, den sie finden weder trincken noch essen, darumb zeucht man da auff kamelthieren. O. v. Demeringen übers. des Joh. v. Mandeville (1) s. 65 (per deserta; die übersetzung von 1481 hatte: so geet man durch die wüst ... das niemant mag gereitten durch die wst); dazu vgl.: Libanus das ist ein langes gebirge, zeucht sich an die wüsten Pharen, unnd an die wild, die das land von Veniche ... theilet. 109.
2)) in den letzten belegen ist gewilde am engsten an die vorstellungen angelehnt, die bei wilde gerade da, wo es mit dem compositum nicht in concurrenz tritt, am reinsten ausgeprägt sind: der gegensatz der unangebauten, weglosen und unzugänglichen landschaft gegenüber dem offenen feld (gevilde), den ansiedelungen der menschen und den wegen und stegen, die sie verbinden:

daz ir sô verre von dem wege
sizt in dirre wilde
ich hânz für unbilde
frouwe, wes ir iuch begêt
sît hie niht bûwes umb iuch stêt.
Wolfram Parzival 438, 25;

er schûhte âne mâze
die liute und die strâze
und daz blôze gevilde:
allez gegen der wilde
so rihte der arme sîne wege,
er wuot diu wazzer bî dem stege.
mit marwen füezen ungeschuoche
streich er walt unde truoch.
Hartmann Gregorius 2764 Paul.

bei oberdeutschen dichtern werden als hemmnisse des verkehrs vor allem felsen und reiszende bäche gedacht und beschrieben:

daz ich der werlde verpflac
und allez nâch der wilde gie ...
wizzet ir iender hie bî
eine stat diu mir gevellic sî
einen wilden stein ode ein hol
daz bewiset mich: sô tuot ir wol. Gregor 2965 Paul;

die stîge sint ûf unde nider
uns marteraeren allen
mit velsen sô vervallen,
wir engân dem pfade vil rehte mite;
verstôze wir an einem trite:
wir enkomen niemer mêre
ze guoter widerkêre.
swer aber sô saelic mac gesîn,
daz er zer wilde kumet hin în.
Gottfried Tristan 17097 Marold.

anders bei dichtern aus dem flachlande, die nicht blos die ungangbare, sondern auch schon die unbegangene gegend als eine wilde kennzeichen:

und dô si dort zu Gartin
der burc nêhen begundin,
ein vrischiz spor sî vundin
von luiten ûf der wilde,
den ubbir daz gevilde
wart in vil snellir kêre
von brûdre Walthêre
dem Guldînen nâchgerant.
Jeroschin 20828.


3)) diese characteristischen züge kehren wol auch beim compositum in einigen sonderformen des gebrauches wieder, sie verlieren sich aber in der hauptmasse der verwendungen, die auf eine abschwächung der gegensätze zielen. vor allem der gegensatz gegen gevilde wird so weit überbrückt, dasz

[Bd. 6, Sp. 5802]


gevilde und gewilde einander in varianten der überlieferung ablösen. die formelle annäherung, die hier den ausschlag gab, wirkte abschwächend auch auf den gegensatz gegen gewälde, dem gewilde als allgemeinerer begriff gegenübersteht, dem es aber im gebrauch immer mehr angeglichen wird (über die stammverwandtschaft vgl. wald theil 13, 1072).
b) der klassischen zeit der mittelhochdeutschen dichtung gehört das compositum gewilde wol noch nicht an, unbestritten tritt es zuerst bei den epigonen auf und ist anscheinend erst durch die spätere handschriftliche überlieferung auch in die älteren werke vorgedrungen. Konrad v. Würzburg, Albrecht v. Scharffenberg, Heinr. v. Freiberg, Joh. v. Würzburg stellen die ersten zeugnisse, die volks- und spielmannspoesie macht reichern gebrauch; für beide richtungen sind die reime gefilde; gewilde typisch (Servatius 1, 967; Heinr. v. Freiberg Tristan 3224, Joh. v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 3123; Kolmarer handschr. 48, 51, Busant 766), die ja auch für das grundwort überwiegen. auf die poesie ist unsere form jedoch nicht beschränkt, sie gehört auch der prosa an, die sie noch in das 17. jahrh. übergreifen läszt. in neuerer zeit hat Uhland das wort unmittelbar aus dem heldenbuch übernommen, ohne es jedoch einbürgern zu können.
c) formen.
α) apokope zeigt sich seit dem 15. jahrh.: wild und gewild. Basler papierhdschr. aus dem anf. des 15. jahrh. von Enikels weltchron. 19557; durch ... ain gewild (: vff ain gefild). Hätzlerin 1, 28, 61; in ein gewild (: still). Faber pilgerbüchlein 131; durch das gewild auf Demeringen 66; die das gewild genennet wird. Büsching erdbeschr. 57, 628 (gegen: ein grosʒ gewilde und Gebweiler 22a; in ein gewilde. Amor a 3). auch im dat. sing. und im nom. und acc. plur. wird apokopiert: in dem gewildt (: ein grosʒ unbildt) Sigenot 32; im gewild und Demeringen 146; die dörffer, höltzer und gewildt (: gefild). Wickram 7, 28; durch hohe berg, weld und gewildt (: gefildt). ebenda 8, 70.
β) synkopierte formen überliefern oberd. denkmäler: in ein gwilde. Seyfriedslied 5; allhie ausʒ disem gwilde. Straszb. druck von Ecken ausfahrt 133.
2) überblick über die verwendungen.
a) fortführung der charakteristischen züge der grundform:
α) gewilde im gegensatz zu angebauter, bewohnter gegend:

seht, sô fuor diu frouwe stolz
mit ir gesinde für daʒ holz,
dar umbe daʒ si müeste
verr in der wilden wüeste
beschouwen âventiure ...
... nu si fuoren lange zît
al durch daʒ gewilde wît,
dô kam eʒ von geschiht alsô,
daʒ si schiere funden dô
den starken lewen küene.
Konrad v. Würzburg Partonopier 10722 Bartsch;

wîp, rebe in dem gewilde,
sint wîp ein rôse ân allen dorn,
wîp ûʒerkorn,
wîp hôchgeborn, wîp sint der êre ein zil. meisterlieder der Kolmarer hdschr. 48, 51 Bartsch s. 323:

dô flôʒ er drîer sumertage lang
in ein gewilde und in ein land,
dâ kam der grâwe roc ûf einen sand,
dâ in der engel gotes fand. Orendel 92 Berger (s. auch unten);

dô kam er in ein gwilde
da so vil trachen lagen. Seyfriedslied Golther s. 5;

ich ging von dieser welt in ein gewilde. Amor (disz büchlin werd bekant, Amor ... ist es genant) a. 3;

diser Childebertus was gar ein gotsfortiger künig, dan er gabe dem andechtigen einsidel Leopardo der da ein iunger was sant Mauri, ein grosʒ gewilde und ein platz genant Marcha Aquileia, das er da wonen und nach seinē gefallen da bawen möchte. Hieronymus Gebweiler keiserl. ... maj. ... alt künglich harkumen (1527) 22a.
β) die zusammenstellung mit dem sinnverwandten heide:

ein waʒʒer ist Tartares genennet.
da von sin lant daʒ wite. ist nach dem waʒʒer wol erkennet.
es rinnet gewilde und heide.die virre gar unerwendet.
wol vierzig tageweide.
A. v. Scharffenberg jüng. Titurel 6086 Hahn;

er reit umb den wald hinumbe
von Bern der hochgelobte man
reit manchen weg so krumme

[Bd. 6, Sp. 5803]



von stund do kam der helde kn
uber ein preitte heide
wol auff ein wisen grn ...
da sach er dort uber den than
her lauffen einen wilden man
er trug auff im gefangen
einen zwerg der was lobesan ...
'was suchest du in dem gewildt
es duncket mich ein grosz unbildt? ...'
er warff das zwerglein in den than
und ledigt da sein stangen. Sigenot 32 Schade.


γ) belebung des begriffes der unzugänglichkeit, gewilde für felsgegend und reiszendes wasser:
1))

im walde vant er einen berc ...
bi dien er eine magt ersach ...
oder ist sî durch mannes lîp
gevarn in diz gewilde. Goldemar 8, 8 Zupitza (d. heldenb. 5, 204);

er swanc in alsô balde über den rücken sîn
und truoc in mit gewalde zu dem gebirge hin. (die Heidelb. hdschr. in das gewilde sin) Wolfdietrich D 5, 56. Amelung u. Jänicke (heldenb. 4, 50);

vgl. auch die variante vor den bergen (nâch dem wilde) in Nibel. 872, 4; sie kommen zu dem rosengarten, der mitten im gewilde Tirol erblüht, dann zu dem anger voll duftender obsʒbäume, vogelsangs und spielenden wildes, wo Dietrich meint im paradiese zu sein. Uhland (gesch. der altd. poesie I, 2, 1) schr. 1, 102 (vgl. dazu Laurin, s. o. sp. 5801); die wurtze rotulica wehsset in gewilden an bergen und veilsen. hdschr. der Frankf. stadtbibl. (15. jahrh.) bei Diefenbach und Wülcker 619. vgl.: die wildi, hohe alp, besonders eine solche, wo kein laubholz mehr wächst. Stalder 2. 451.
2)) felsen und wasser (vgl. den obigen beleg aus dem Orendel):

der wind die galê fasʒet, die segel must ma 'm lân
hôch warf ers in das waszer, ans land liesʒ ers nit gaun;
doch troib ers hin in ein gewild,
zwischet zwên hôch berge, dô lâgents trî tag still.
Felix Faber pilgerbüchlein (1482) 131 Birlinger (in der prosabearbeitung: das treib uns zwischen die berge inn einen wilden wüsten giessen). vgl. dazu auch
Schmid schwäb. wb. 531;

der Rhein läuft hier (bei Rheinfelden) in einer felsichten gegend, die das Gewild genennet wird, eine halbe meile oberhalb der stadt anfängt, und bis an die brücke bei Rheinfelden reicht, mit groszem geräusche heftig fort. Ant. Friedr. Büsching erdbeschr. 57 (1789), 628; gewild, wogen: wo das wasser über und zwischen felsen rauscht, strudel. Schmid a. a. o. (mit gewill zusammengeworfen); das gewild, absatz eines katarakts der stromschnelle, tiefer strudel. Stalder 2, 451.
b) die bedeutungsverengerung in der annäherung an gewelde, gewälde:
α) gewilde verbindet sich mit wald, wälde u. a. ohne den zugehörigen collectivbegriff zu kennzeichnen:
1)) in loser zusammenstellung:

e dan[nan] er urloup hete genomen,
dô was der junge vürste komen
547. durch ein gewilde in einen tan,
der was sô reht(e) wunnesam
von bluomen und [e ouch] von bluete;
des sueʒen meijen guete
551. was in dem gewilde (: bilde).
... mit bengeln und mit steine
lief er dem busant al(le)s nâch
572. verre in daʒ gewilde gâch, ... der busant 547 ff. (gesammtabenteuer 1, 352 nr. 16).


2)) bei verbindung durch partikeln:

'frouwe', sprach er, 'ich will jagen,
durch daʒ ich den schœnen walt
und daʒ gewilde manicvalt
müge erkennen und gesehen'.
Konrad v. Würzburg Partonopier 2588 Bartsch;

diʒʒe buoch seit uns vür wâr,
daʒ man den jeger meister hieʒ,
daʒ er die hunde ab(e) lieʒ
und vuer(e) jagen in den walt
rûhe stîge manikvalt
hin über daʒ gevilde,
durch walt und durch gewilde,
ei[ne]m hirʒ(e) kômen si ûf die spor,
der lief in lange und lange vor. der busant 766 bei
v. d. Hagen gesammtabenteuer 1, 358;

Myrrha lieff hin durch manch gefildt,
durch hohe berg, weld und gewildt,

[Bd. 6, Sp. 5804]



bisʒ sie das land Arabiam
hatt fürgelauffen alles sam.
Jörg Wickram (Albrechts Ovid 10. cap. 11. v. 894) 8, 70 Bolte (latosque vagata per agros, palmiferos Arabas, Panchaeque rura relinquit 10, 477 f.);

und jhe mehr das wasser sass nider,
so mehr das gebirg thet wachsen wider,
bisz das zuletzt alles gefild,
die dörffer, höltzer und gewildt
gentzlich wurden trucken und blosʒ,
do zvor grosses wasser flosʒ. (1. cap. 14. v. 642) 7, 28 Bolte (postque diem longam nudata cacumina silvae ostendunt, limumque tenent in fronde relictum 1, 346f.).


3)) vgl. auch die composition in:

da rait er hin bewegenlich
die straʒen die er wart gewist.
des dritten tages der gebrist
rait durch ein walt gewilde,
dar inne ein wit gevilde
lag in richer schawe.
Johann v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 3123 Regel.


β) gewilde kennzeichnet gleichartige vorstellungen mit gewälde und seinen synonymen.
1)) in syndetischer verbindung:

fürbas in das gewild ich tratt
und kam uff ain getriben pfat,
der trg mich fürbas
durch ain gehag und ain gewild
bis das ich kam uff ain gefild.
Hätzlerin 1, 28, 61 Haltaus s. 37;

er (der pfeffer) wächszt wol achtzehen tagreisen lang, unnd im gewild und gesträucht, da er wächszt, bauwet der selbige Ogier zwo grosse stätte, da er die gewan, und heisset die ein noch Flandrie. O. v. Demeringen übers. des Joh. d. Mandeville (2) 146 (und do wechst der pfeffer in einem wald ... und der wald ist wol XIV (!) tagwaid lang. übers. v. 1481, in hoc foresto).
2)) einigemal lösen sich gewilde und wald als varianten im handschriftenapparat ab:

dô kêrt er wald unde velt, (für wald var. wild und gewild. Basler hdschr. a. d. anf. des 15. jahrh.)
er hêt verlorn sîn gezelt.
Jansen Enikel weltchron. 19557 Strauch;

Wolfdieterîch der küene ûʒ dem kiele getrat,
do begreif er in der grüene einen engen phat.
sînen marnaere er in dem schiffe lie.
der Krieche an daʒ gewilde unmâʒen verre gie,
biʒ der werde Krieche verirren dô began. Wolfdietrich D 5, 54 (Heldenb. 4, 50) (var. waltt Heidelberger hdschr.).


3)) ebenso folgen sich zur kennzeichnung der gleichen landschaft die beiden bezeichnungen innerhalb desselben zusammenhanges:

und schlg so krefftigklichen
das der wald daruon entbran ...
ich th herr gerne nach ewrem raht
das ich nur kumm ausʒ diser not
allhie ausʒ disem gwilde ... (: milte). Ecken auszfart (Straszb. 1559) 133 (Schade s. 101).


c) für die ablösung von gewilde durch gevilde im variantenapparat mittelhochdeutscher überlieferung läszt sich nicht immer entscheiden, wie weit bedeutungsabschwächung, wie weit nur graphische verschiebung vorliegt:

der edel brack inmittunt lief
gein in durch daʒ gevilde (var. gewilde) wit.
Joh. v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 3347 Regel;

da sahen sie über daʒ gewilde fliegen einen fan;
darnach ritten schöne wol zwölf hundert man. der grosze Wolfdieterich 104, 1 Holtzmann (var. gefilde).

vgl.: dô sâhens überʒ gevilde (var. veld) sîgen einen van. Wolfdietrich B 99, 1 Amelung (heldenb. 3, 182);

die Piaristenhdschr. hat an dieser stelle:

si sahen auff der heide dort wol ein gancze rast
gen in kumen ein here. 99, 1 Justus Lunzer s. 69;

im folgenden ist sicher ein ursprüngliches gevilde erst in der überlieferung entstellt, wie sich schon aus der präpositionalverbindung ergiebt:

nach Crist gebort zcweilfhundert gar
dar czu acht und nunczig iar
der romisch konig Adolf wart
irslagin uff der selbin vart.
nach Crist gebort dricen hundert
ses iar dar nach besundert
konig Wenczlab der milde (wurde ermordet)
starb und nicht off dem gewilde. Dalimils chron. v. Böhmen 13, 24 Hanka.

[Bd. 6, Sp. 5805]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewild, gewilde II, verstärkte form zu wild (wildpret).
1) abgrenzung, formen.
a) von gewilde I sind die hierher gehörigen verwendungen mit sicherheit zu trennen.
α) nur ein einzigerdazu der älteste für beide richtungen in frage kommende belegbereitet schwierigkeiten:

beide te korne ende te grase
es die stadt wale gheleghen,
ende te schepen in voele weghen
in visschen ende in ghewilden,
ende in goeden ghevilden
der besten coren eerden
die ie mochte ghewerden.
H. v. Veldeke Servatius 1, 968 Bormans, vgl. dazu
Verwijs u.
Verdam 2, 1908.

der allgemeinere zusammenhang legt zunächst auch für gewilde eine örtlichkeit nahe (gewilde I), der engere dagegenspeciell die verbindung mit vischen — fordert die beziehung auf gewilde II; und hier gewinnt das zeugnis grosze bedeutung. da die verstärkte form auch hier sonst erst spät und überdies nur aus oberdeutschen quellen belegt ist, so weist die frühe einführung durch Heinrich v. Veldeke auf älteren gebrauch hin, der nur zufällig nicht belegt ist.
β) im gegensatz zu dem räumlichen begriff ist dem collectivum von den wörterbüchern viel beachtung geschenkt worden, die notizen reichen schon in die vocabularien zurück: gewild, fera. oberd. voc. rerum v. 1486 bei Diefenbach-Wülcker 619; ebenso Dasypodius Tt 4c; ferinus ... dem gewild gleich, oder vom gewild, wilterende. Cholinus-Frisius (1541) 364a; ebenso (gwild) Frisius (1556) 550b (vgl. auch ferinus, wild, wildthierisch. Denzler 263b); gewilt, animale ò fere salvatiche. Hulsius (1605) 63c; ähnlich Kramer teutsch-ital. dict. (1702) 2, 1348b (gewilde, gewild); dazu vgl. Stieler, Steinbach, Hederich u. a. (s. unter b). Adelung hat von der form keine kenntnis genommen.
b) auch für das verhältnis des compositums zum grundwort lassen sich aus dem obigen anhaltspunkte gewinnen, die noch weiter zu ergänzen sind:
α) die substantivierung ist bei der beziehung auf die thierwelt schon viel früher bezeugt, als beim raumbegriff.
1)) die belege reichen weit in die althochdeutsche zeit zurück, das substantiv ist jedoch zunächst nicht collectivbegriff, es wird für diesen zweck vielmehr erst in den plural gesetzt: was her thô mit wildirun, eratque cum bestiis. (Marc. 1, 13) Tatian 15, 6 (vas miþ diuzam. Ulfilas, was mit den tieren. cod. Tepl., ebenso Luther); dazu vgl. bestia, teor; fera, wild St. Galler vocabular d. 10. jahrh. Steinmeyer-Sievers 3, 16. die beiden buchungen lassen wandlungen der bedeutung von thier erkennen, aus denen das bedürfnis erwuchs, den begriff fera durch eine neue prägung zu kennzeichnen. ursprünglich genügte dafür das einfache wort thier im gegensatz zu vieh. hand in hand mit der abschwächung dieser bestimmungsmerkmale an thier ging die verbreitung der neuen substantivierung: wild (wildes tier) im gegensatz zu andern thieren.
2)) collectivbedeutung ist dem substantiv erst in einer stelle der lex Baiuwariorum bezeugt, die überdies die wahrscheinlichkeit offen läszt, dasz auch hier zunächst noch pluralform vorliegt: de his canibus, qui ursis vel bubulis, id est majoris feris, quod swarzwild dicimus, persecuntur 20. Merkel.
3)) diese collectivbedeutung verbindet die mittelhochd. periode mit dem singulargebrauch des grundwortes; ouch gienc der walt wildes vol. Iwein 3272; ähnlich Walther 18, 16, vgl. auch Parzival 252, 8 u. a. s. mhd. wb. 3, 667a; namentlich in der abgrenzung gegen andere collectivbegriffe zeigt sich dieser gebrauch: vor vogelen und vor wilde. Wigalois 9962; vgl. Walther 8, 36, s. unter β).
4)) vereinzelt nur begegnen später individualisierende wendungen, die an sich noch nicht als reste älteren gebrauches anzusprechen sind, sie können auch als secundäre entwicklung gefaszt werden, man vgl. den gegensatz zwischen nâch dem rôten wilde jagen. Tristan 17254 (collectivbegriff) und darinne stuont ein rôtez wilt alsam ein hirz gestellet. Konrad v. Würzburg troj. krieg s. 31340 Keller.
β) für den bedeutungsumfang des grundwortes ergeben sich aus der zusammenstellung mit anderen collectivbegriffen,

[Bd. 6, Sp. 5806]


gegen die es sich gern abgrenzt, zweierlei gliederungsgründe. am ursprünglichsten und in gewissem sinne am weitesten ist der begriff, der sich aus dem gegensatz von wild und zahm ergiebt:

wan swaz die lüfte hânt beslagen,
dar ob muostu hoehe tragen:
dir dienet zam unde wilt. Parzival 252, 7 u. a.

scheinbar im widerspruch gegen diese abgrenzung steht eine andere gruppierung, bei der wilt gerade solchen thiergattungen gegenübergestellt wird, auf die der begriff des gezähmten nicht so leicht anwendung findet:

daz wilt havit den sinin ganc:
scone ist der vügilsanc. Annolied 49;

daz wilt und daz gewürme
die strîtent starke stürme
sam tuont die vogel under in.
Walther 8, 36.

eben weil für diese thiergattungen der begriff zahm kaum in betracht kam, konnte auch der gegensätzliche hier keine bedeutung gewinnen, der begriff wild heftete sich also mit ausschlieszlichkeit an solche thiere, die den nutz- und hausthieren entgegenstanden, sie werden im engeren sinne mit dem wald, mit der jagd in verbindung gesetzt und hieraus entwickeln sich die abstufungen der bedeutungsverengerung für wild und gewild. als typisch vgl.:

si wolden jagen swîn
beren unde wisende:waz kunde küeners gesîn
... si hiezen herbergenfür den grüenen walt
gên des wildes abeloufedie stolzen jägere balt. Nibelungen 871, 2.


γ) als trennungspunkte zwischen wild und gewild lassen sich nur zeitliche, landschaftliche, stilistische unterschiede sicher stellen.
1)) litterarisch die ältesten zeugnisse für gewild fallenabgesehen von dem beleg aus Veldeke, der weitergehenden mündlichen gebrauch erschlieszen läsztin den ausgang der mittelhochdeutschen periode und in oberdeutsches, namentlich alemannisches gebiet: aus der heldensage gehört hierher der Wolfdietrich, vgl. DWB A 99, 4 (handschr. geuilde), B 795; aus der prosa die belege der alemannischen urkundensprache: rechtung des hofes zu Elfingen (1322) bei Rochholz Aargauer weisth. 10; urk. v. 1339 in der Alsatia diplomatica 2, 164; weisth. v. Pfeffingen (1344), s. weisth. 5, 374; rechte des dinghofes zu Kems (14. jahrh.) bei Burckhard 149; Engelberger hofrodel (14. jahrh.), s. weisth. 1, 4.
2)) dieser vorzugsstellung des alemannischen entsprechen auch die oben dargelegten buchungen in vocabularien und bei den Schweizer lexikographen, während der mitteldeutsche Faber nur wild kennt. dasz die verstärkte form jedoch auch mitteldeutscher sprachfärbung nicht ganz fremd war, zeigt ein beleg aus einer schlesischen urkunde von 1578, der damit in parallele zu dem zeugnis Veldekes tritt. charakteristisch ist das verhalten der bibelübersetzer: die vorgänger Luthers haben meist die wilden tier, Luther führt das einfache wild ein, und die Züricher bibeln setzen dafür die verstärkte form: daz gewild im Libanō lieff über die dornstrauch und zertratt inn. Züricher bibel (1531) 2 chron. 25, 18 (das wild im Libanon. Luther; ebenso noch Züricher bibel von 1527; die wilden tier bei Eggesteyn, Koburger u. a.); was überbleibt, lasz das gewild auff dem väld essen. Züricher bibel (1527) 2 Mos. 23, 11 (wild Luther; die tier des ackers bei Eggesteyn u. a.); ähnlich in 3 Mos. 7, 24; Dan. 4, 12 (hier auch bei Luther thiere); Hes. 4, 14.
3)) durch Stieler, der wild und gewilde nebeneinander buchte (2419), wurde der verstärkten form lexikographisch ein weiterer kreis erschlossen, vgl. die angabe bei Steinbach, Hederich u. a., immerhin stellt Steinbach (2, 994) gewild als 'nicht überall gebräuchlich' dar.
4)) in die litteratur ist die verstärkte form einerseits durch den gebrauch von Schweizern wie Haller eingedrungen, andererseits wurde sie von stilisten aufgenommen, die dem kreise der Schweizer litterarisch näher standen, vgl.: Haller selbst hat sich einnehmen lassen, dasz er selbst im ernste geglaubet, als seien seine gedichte voller sprachfehler. die von der prose abweichende wortfügung ist vorerst kein sprachfehler; einige wörter, als: unbill und verschusz, sind keine sprachfehler, und der gebrauch gewisser figuren gehöret noch weniger hierher, wie: gewild anstatt: wild. Fr. C. C. v. Creuz oden und andere

[Bd. 6, Sp. 5807]


ged. 1 (1769) 313; das gewild fehlt bei Adelung. man findet es aber nicht allein in alten und oberdeutschen büchern, sondern Mendelsohn hat es so wohl in seiner psalmen-übersetzung, als in den büchern Moses mehrmals gebraucht, sogar für wildpret (s. u.). ich finde nicht, dasz wir etwas entbehren, sogar in der dichtkunst, wenn wir blosz wild gebrauchen. Heynatz 2, 56. die gehobene sprache verstattete der vollen form im 18. aufs 19. jahrh. offenen eingang: Bürger, Wieland, Göthe, Stolberg, A. W. v. Schlegel gebrauchen sie im rhythmus der gebundenen sprache; spärlicher scheint der gebrauch in der prosa; doch stehen hier den süddeutschen belegen (maler Müller, G. Keller) aus Arnim und Storm zeugnisse entgegen, die auch hier litterarische überlieferung neben dem mundartlichen gebrauch sicher stellen.
δ) wie bei gewild I finden sich auch hier beide formen oft in einem zusammenhang beim gleichen stilisten: vor sechs oder sibenhundert jarn ist umb Hall ein gantz rawe unwonhafftige weldige artt gewesʒen, unnd da itzo der saltzprun erbawet, ein herbe selʒame lach gestanden, zu dem das wild geloffen, alda gelecket und sein wonung gehapt, durch welches gewildt disʒe gottsgab des saltzbrunens geoffenbaret. Johann Herolt chron. v. Hall (mitte des 16. jahrh.). s. Württemb. geschichtsquellen 1, 39/40;

hoch durch die wolken vollbrachte sie schnell den weg, und erreichte
bald den quellenströmenden Ida, des wildes ernährer.
schnelles fuszes ging si zur hürde, ihr gingen zur seite
schmeichelnde weisze wölf' und freundlich spielende löwen,
bären und immerlechzende pardel nach blut des gewildes.
Chr. v. Stolberg 16 (1807), 77.


ε) dem gegenüber sucht Campe zwischen beiden formen einen unterschied in der collectivkraft festzustellen: gewild, ein wort, allerlei wild zusammengenommen zu bezeichnen, zuweilen auch von einzelnen stücken. Campe 2, 363a.
c) formen.
α) fast durchgehend herrscht die lautgesetzliche form gewild für den nominativ und accusativ; zuweilen tritt aber, meist in älteren quellen, der auslaut mit e nach analogie der collectivbildungen (vgl. gewild I, gewilde) auf: das gewilde rechte des dinghofes zu Kems; dekein gewilde. rechtung des hofes zu Elfingen; das gewilde Gengenbach Jacobsbrüder 103; ebenso noch gewilde bei Stieler 2418; gewilde, gewild. Kramer teutsch-ital. dict. 2, 1348b (fische, gewilde, vögel, schlangen, vihe und menschen. Petrarca trostb. 107a ist wol plur.). einmal auch in der neueren sprache: auf das gewilde. Immermann Tristan (vers). die schreibung gewil (beste sauvage) in der ältesten ausgabe von Hulsius (1596) G 2a darf für die aussprache wol kaum angezogen werden.
β) die von Bech (wortformen auf -eʒe. Germania 28, 300) angesetzte erweiterung gewiltʒ ist in wirklichkeit eine genetivform: vil selssems gewildtʒ. Arnold von Harff 39 Groote.
γ) der stammvocal zeigt manchmal eine durch w hervorgerufene rundung: gewüld Hainhofer reisetageb. (neben i); gewuld Nic. Thoman Weissenhorner hist.
δ) synkope des präfixvocals ist häufig in oberd. quellen: bei Pinicianus, Frisius, Maaler, Geiler, Züricher bibel, Wickram (bei den letzten vier neben gewild), Fischart, Nic. Manuel, Nic. Thoman, Stumpf u. a.
2) die gebrauchsformen des compositums.
a) der collectivbegriff im rahmen des gegensatzes von zahm und wild. verdeckt und umschrieben treten sich beide begriffe schon in älteren zusammenstellungen gegenüber, bis sie die knappe formel erreichen, die auch von neueren gern wiederholt wird. der gleiche gegensatz wild gegen zahm trägt unausgesprochen auch die verwendung des compositums neben exotischen thieren. eine andere wendung nimmt diese auffassung in der ausdehnung des begriffes auf die thierwelt im gegensatz zum menschen.
α)

zuo dem brunnen liefen lewen bern wiltswîn:
mitten under dem gewilde saz daz kindelîn. (hdschr. gevilde) Wolfdietrich A 99, 4 (heldenb. 3, 92);

dae unden (in dem thiergarten) lieffen vil selssemer dieren as bueffelen camelen dannen hiertzen hinden wildt pert ind ander vil selssems gewildtʒ. pilgerfahrt des ritters Arnold von Harff s. 39 Groote; ausser des schädlichen gewilts, als beern und wölf, soll inen frei gelassen sein. Bambergische waldordn. (1506) s. österr. weisth. 6, 418;

[Bd. 6, Sp. 5808]


ritten mit urlaub ausʒ dem schloss
mit freuden hien durch das gefild,
durch manchen dicken wald. das gwild
das sprang daher, sam wer es zam
und allerst von der trenckin kam.
Jörg Wickram (irr reitend bilger cap. 19 v. 3661) 4, 241 Bolte;

jeder ein sundre gestalt gewan
von mancherhandt thier und gewildt,
ir keiner blieb menschliches bild. (Albrechts Ovid 14 cap. 6 v. 498 variarum monstra ferarum);

thiergarten (der) eingeschlossen ort da man hasen zeücht und ander gewild. Maaler 400d; dann alle dise ding von den menschen, den thieren und dem gewild zu verderblichem schaden gemachet und bereit werden, dardurch sie denselbigen listiglich nachstellen, sie umb das leben zu bringen. Ryff übers. v. Artemidors traumb. (2, 11) 87a (animalium); welhe ihre gehäger und zäun ... niht zu rehter weil ... gemacht ... wahrdurch das gewilt und haimbische vieh zu zeiten denen benahbarten groszen schaden zugefüeget. dorfordn. von St. Martin (1730) österr. weisth. 6, 375; sie müszten nicht hunger crepieren; sie würden noch immer aase und gewild finden, und das gehört ihnen, und nicht zahmes vieh — das mit mühe und kosten erzogen und gehütet werden musz. Pestalozzi Lienhard und Gertrud (1, § 6) 13, 37.

nicht die befiederten sänger der luft, nicht das zahmere hausthier,
noch das gewild, belebten die welt; sie suchten des hofraums
schatten, der höhlen nacht, und des säuselnden waldes umlaubung.
Pyrker Tunisias (7, 538)3 167. (vgl. auch unter c);

nicht wahr, er trug einen rock, einen gürtel mit stickereien? war kein wappen thier, zahm oder gewild, dar auf gestickt? Th. Storm (ein fest auf Haderslewhuus) 6, 309 (die typen — grosze anfangsbuchstaben — kennzeichnen das compositum als substantiv).
β)

dô îlte er vil balde dâ er den alten sach.
gerne müget ir hœren wie der getriuwe sprach.
'alter wurm, ir slâft ze lange, wan ich wil iuch bestân:
ir loufet nimmer mêre nâch gewilde in den tan'. Wolfdietrich B 795 deutsches heldenbuch 3, 271;

zu dem dritten so ist der lew (seuus bestiis) grimm und zornig den and'n thieren, und grim gegen and'm gewild. er fart sie wunderlich an. Geiler v. Keisersberg brösamlein (1517) 1, 50a;

wie wir lesen,
dasz der löw', in ungebundnen
staaten des gewildes könig,
der, wann er die stirne runzelt,
sie mit straub'gen haarwuchs krönet,
milde sei, und nie verschlungen
hab' als raub den unterwürf'gen.
A. W. Schlegel (übers. von Calderons standhaft. prinzen 3) span. theat. 2, 137;

(Epimetheus:) den reichen kelchen muthiges gewild entquoll.
(Prometheus:) das reh zu fliehen, es zu verfolgen, sprang der leu.
Göthe (Pandora) 40, 405 (v. 641).


γ) mit einer verschiebung dieses gegensatzes bahnt sich eine erweiterung des begriffes gewild an, die schlieszlich die thierwelt als solche im gegensatz zum menschen umfaszt. dieser zug der entwicklung gehört vor allem dem neueren stile an: seinen teil sol er an den kreutern der erden haben mit andrem gewild. Züricher bibel (1529) Daniel 4, 12 (thieren Luther u. vorgänger);

auch in uns prägte gott sein majestätisch bild
er schuf uns etwas mehr, als herren vom gewild.
Haller (urspr. des übels 2, 112) ged. 129 Hirzel;

(das gleiche im wortlaut von Js. Iselin träume eines menschenfreundes 1, 41 übernommen);

frösche wimmelte ihr land heraus,
bis in ihrer könige palläste.
er sprach — und schwärme von gewild,
und ungeziefer füllten ihre grenzen.
Moses Mendelssohn psalm 105, 31 (1783) 248 (er sprach, da kam unzifer, leuse in allen jren grentzen.
Luther);

denn so sehr auch erstlich der schöpfer durch gleichartige farbe des gewildes und des bodens, z. b. bei hasen, raupen und rebhühnern für die sicherheit durch die verwechslung mit der farbe des bodens sorge. Jean Paul (leben Fibels 6) 54, 36. vgl. auch unter d) den beleg aus Achim v. Arnim.
b) die abgrenzung der thiergattung des wildes im gegensatz zu anderen collectivbegriffen wie geflügel (gevögel),

[Bd. 6, Sp. 5809]


gewürm, fische, schlieszt die gruppe deutlich und sicher zusammen. vereinzelte verschiebungen wie sie von seiten des engeren begriffes der jagdbarkeit (s. c, β) veranlaszt werden, thun dem wenig eintrag. im gegensatz zu älterem gebrauch wird das gewürm in diesem zusammenhang ganz zurückgedrängt, um so häufiger erscheint gevögel und geflügel, neben ihnen werden gern auch die fische erwähnt.
α) gewild, vögel und visch soll iederman gemein sin für sin not z fahen wer es vermag. Eberlin 1, 125;

die vögel lüstiklichen sungen.
das frei gewild sprang in dem hag.
die visch schnaltzten in strames wag.
Hans Sachs (die insel Bachi) 4, 245 Keller;

were es aber nit besser, dasz du dein maul gewentest an speise, die mann leichtlich bekommen möcht, unnd die wälde dem gewilde, den vgeln die lfft und den vischen das wasser mit frid liessest. verdeutschung der trostbücher d. Petrarca v. 1559 (1. cap. 64), vgl. dazu die sp. 5807 für den plural angeführte stelle; gehet es (das zahme wild) aber hin (in den wald), und kommet nicht hinwider, in acht tagen, wer es dann vahet, desʒ ist es, oder in wesʒ wildtban es gehet, desʒ ist es auch. wir sprechen also, dasʒ kein richter seinen leib gar sol nemmen, weder umb geflügel, noch umb gewildt, noch umb fisch. Meurer jag und forstrecht (1582) 40a;

welch ein himmlischer garten entspringt aus œd' und aus wüste
wird und lebet und glänzt herrlich im lichte vor mir.
wohl den schöpfer, ahmet ihr nach, ihr götter der erde!
fels und see und gebüsch, vögel und fisch und gewild.
Göthe (der park) 2, 133.


β) und gebe den leichnam des heers der Philister heutt den vöglen under dem himmel und dem gwild auff erden. Züricher bibel (v. 1527 ff.) 1 Sam. 17, 46 (wild Luther, tieren der erde Eggesteyn u. a.);

und gib den leib der Philister heut
den vögeln unter dem himl zur peut
und auch dem gewild auff der erden.
Hans Sachs (tragödie könig Sauls act 3) 15, 48 Götze;

zum vierten wöllen meine herren gern zugeben, das ire underthonen, soferr ains rats forst und oberkeit geet ... das gewild und gefugel zur notturft ... wol vahen und schieszen sollen. Memminger rathsbeschl. v. 1525 bei Baumann 122; das sich niemant ... der reisʒ oder hienergejaids ... nit unterfach oder gebrauch, darzue ainich pirschpixen, armbrost, stachl und dergleichen weter an die gebirg ... tragen, ziechen und bringen, damit dem wiltprät, auch anderm gefligl und gewilt nachgeen und föllen. weisth. v. Kufstein (17. jahrh.). s. österr. weisth. 2, 17; allerlei menschen, thierlin, flüsse, wld, vgel und gewilds. verdeutschung des Petrarca 35b (1 cap. 37);

ihn (den brunnen) hatt auch weder hirt noch vieh
in keinen weg betrübet nie.
darzu kein vogel noch gewildt.
Jörg Wickram (Albrechts Ovid 3, cap. 18 nulla volucris nec fera 3, 410) 7, 149 Bolte, ähnl. 8, 50. 207.

bäumen ist winternder sturm das verderblichste, bächen die dürre,
vögelchen aber die schling', und dem gewilde das garn.
Joh. Heinr. Voss Theokrit (idyllen 8, 54) 89 (ἀγροτέροις δὲ λίνα);

die möglichkeit der verwandlung des menschen in vögel und gewild, welche sich der dichterischen einbildungskraft gezeigt hatte, wurde durch geistreiche naturforscher nach endlicher betrachtung der einzelnen theile auch dem verstande dargestellt. Göthe (vorträge über die drei ersten cap. des entw. einer allgem. einl. in die vgl. anatomie ... 2) 55, 261; ja, im dunklen walde, da ging ich in meiner verzweiflung, und sah wenig auf den weg, und hörte auch nicht auf die vögel und auf das gewild, sondern jammerte nur immer. Achim v. Arnim (die liebreichen schwestern u. der glückliche färber) 1, 245 Wilhelm Grimm; und die vögel und das gewild kommen zu dem see, um zu trinken. Stifter werke: bunte steine5 (granit) 37 Aprent.
c) schon im vorhergehenden, sowol im rahmen des gegensatzes von zahm und wild, als in der engeren abgrenzung des neuen collectivbegriffes gegen einzelne thiergattungen (vögel, fische, gewürm), lieszen sich bestimmte bedingungen erkennen, die den gebrauch des substantivs banden. die örtlichkeit, aus der der begriff erwächst (vgl. gewild I),

[Bd. 6, Sp. 5810]


wird in zusammenhang mit ihm immer wieder gekennzeichnet: ursprünglich die wildnis im allgemeinen, später der wald im engeren sinne. und in verbindung damit tritt die jagd hinzu, die nächste und natürlichste form, in der der mensch mit der ungezähmten thierwelt in berührung kommt; sie hat den gebrauch unseres wortes am weitgehendsten beeinfluszt.
α) kennzeichnung der örtlichkeit, mit der das gewild vorzugsweise in verbindung gesetzt wird.
1)) allgemeiner und ursprünglicher: unangebautes land: spelaeae ferarum ... hülinen darinn sich das gewild enthalt. Frisius dictionar. (1556) 550b; genau so Maaler 201c; es mögen auch die underthanen, jre velder zimblichen vor dem gewild verzeunen, doch hoch genug, damit das wildprät nie darüber, noch daran springen. tirol. landtsordn. v. 1603 (4, 12) 60a; es solle auch den underthanen in den gerichten ... das gewild (wo si dasselb in jren weingärten, ackern ... betretten) darausz zu treiben erlaubt sein, doch der gestalt, dasz si dem wildprät nit schade thuen. 60b. dazu vgl.: denn gleich hinter dem thale begann eine wilde unfruchtbare landschaft, welche zuletzt gänzlich in eine gebirgswildnis verlief, die nicht nur schwärme und scharen unschuldigeren gewildes, sondern auch von zeit zu seit reiszende tiere, besonders grosze tiger beherbergte. Gottfried Keller (Pancraz, der schmoller) 4 (1899), 35.
2)) der wald (vgl. gewilde in den tan Wolfdietrich): es sind gewesen jn einer provintz grosser wäld mit vil gewildes, darjnn die jäger all tag iren wandel hetten. buch der beisp. der alten weisen 82 Holland; kamen sie inn ein grossen waldt, darinn vil gewildts war. Geiler v. Keisersberg narrenschiff 10 (kloster s. 279 Scheible); und die weil im selben wald insonderheit vil gewilds was, vermeint der keiser nichts anders, denn von wilden thieren sie zerrissen sein worden. J. Wetzel reise der söhne Giaffers 40 Fischer und Bolte;

im wald hungers sterben,
oder von dem gewildt verderben.
Hans Sachs, vgl.
Schmeller 22, 900;

und ist nicht weniger, dass es ein feiner schöner ort unter dem Schneeberge von holz und wiesen, allda sich das meiste gewild aufhelt und sich sehen lesst. urk. v. 1578 s. cod. dipl. Silesiae 21, 155; und an solchen ort alwo dem gwild der stand nit verderbt wirt. banntaid. zu Festenburg (1675), s. österr. weisth. 6, 98. u. a.:

stimme des herrn regt auf das scheue gewild;
entblättert die wälder:
aber in seinem pallaste
spricht alles, majestät!
Moses Mendelssohn psalm 29, 9 (1783) 61 (die stim des herrn erreget die hinden.
Luther);

gleiche triebe beseelten die freunde, in Bructrischen wäldern
lebten sie unterm gewild die zeit der blühenden jugend.
Wieland Hermann 4, 611 Muncker s. 112;

gerne bewohnt er (der löwe) die höhlen im grünen walde, wo der strom am felsen sich bricht, und am kühlen brunnenquell ... es weidet am mittage das gewild von bergen herunter, scheuet zu trinken vor ihm. maler Müller (Adams erstes erwachen) 1 (1811), 21; ging sie, kräuter zu suchen, in den wald, so sprang das gewild vor ihr nicht, wie vor andern, scheu von dannen; es blieb und sah sie freundlich an, und oft folgte ihr ein schlankes reh bis an die wohnung nach. Justinus Kerner (die heimatlosen 4) dicht. (1834) 531.
β) so verknüpft sich mit dem begriff des wildes im eng sten sinne die jagdbarkeit: gewild, game, venison. Hilpert II, 1, 464b; von der beziehung auf die jagd ist der gebrauch des wortes belebt und getragen: item geschehe aber daʒ die jeger beider herrn kemint mit dem gewilde uf ein gemeinen schrei, so sunt si das gewilde uf derselben strasse teilen. rechte des dinghofes zu Kems (14. jahrh.) bei L. A. Burckhardt die hofrödel von dinghöfen baselischer gotteshäuser 149; ob aber ain hund dem gewild gefärig sein wurde. tirol. landtsordn. v. 1603 (4, 13) 60b; übet er insonderheit die jagdgerechtigkeit mit der äussersten vorsicht aus; er erlaubet dem landmanne ... sich wider jeden schaden zu verwahren, den er von dem gewilde zu befürchten hat. (J. Iselin) versuch über die gesell. ordn. (1772) 47 f.;

[Bd. 6, Sp. 5811]


die minn' ist ein gefangner falk,
vom jägersmann gewiegt im ringe,
damit der freie als ein schalk
dienstbar auf das gewilde springe.
K. Immermann (Tristan u. Isolde 1: Kornwall) 13, 237 Hempel;

ein strenger kriegsmann wie sein vater wird er kaum, sonst ... trüg (er) einen sinn für feuer und eisen und erz im erdboden, statt für wasser, und neigung zu ross und gewild statt zu strauchwerke. Scheffel Juniperus 10; vgl. vor allem die verbindungen und verwendungen, die im besonderen die weidmannssprache entwickelt.
1)) dieser neue engere begriff zieht seinerseits wieder aus den oben abgegrenzten thiergattungen solche unterarten an sich, die unter die vorstellung der jagdbarkeit fallen: item ... das rephun, wer das fecht und treit das nicht dem richter zue, wo man des innen wirt mit bewärten sachen, der ist dem gericht verfallen funfzig pfunt, dann als ander gewild ist nicht verbotten. gerichtsbuch v. Latzfons u. Verdings (1539), s. österr. weisth. 5, 360; von den andern gemeinen thieren und kleinen gewild, so eins teils im gebirg, zum teil auch in den tälern wonet, als tachs, otter, biber, hasen, eichorn, und der gleichen. hie kan ich nit underlassen auch ein wenig zebemelden die gemeinen thier, und das nidergewild des Alpgebirgs. Stumpf Schweiz. chron. (9, 19) 2, 290a;

nie färbten so sich zähne, so sich klauen
des raubgewilds in lüften oder wald
mit blut von vögeln oder vieh auf weiden,
wie jetzt mit ihrem blut das schwert der heiden.
Gries übers. v. Tassos befr. Jerus. (20, 78) 210, 314.


2)) innerhalb dieses engeren begriffes werden nunmehr aufs neue gruppen geschieden.
a))

dir aber ist noch wol zu wissen,
weil ich etwan war starck und jüng,
wie ich frei allem wild nach sprüng
und war gschickt pei jungen tagen
zu dem waidwerck, heczen und jagen,
da ich im wald das frei gewilt
kreftig mit meinen zenen hilt,
als hasen, hirsen, schwein und pern.
H. Sachs (fabel v. d. alten hund) fab. u. schw. 2, 130 Götze.


b)) in dieser fart hatten wir am gestatt oder land nichts, dann zu baiden seiten vil gestreüsz, darinnen sich z zeiten gewild, sonderlich aber wilde schwein hören unnd sehen liessen. Rauwolf reisebeschr. (1583) 152, ebenso 78. die wilden schweine zusammen mit hirschen und ähnlichen gruppen grenzen sich als hochwild gegen die hasen und andere als das nider gewild ab, vgl. theil 4, 2, sp. 1622, vgl. auszerdem: zweierley hochgewilds findt man in den Alpischen lendern, erstlich das gemein wildprät durch die ebnen fruchtbaren gelend Teutscher nation wol erkannt, als hirtzen, hinnen, recher, und wilde schwein ... demnach habend die höchsten Alpen jr besonder hochgewild. Stumpf Schweiz. chron. (9, 16) 2, 287b; je höher gewild, ie mehr narung unnd überflüssige fürung solliches gibt, wie es von Cornelio Celso wargenummen ist. Ryff spiegel u. regiment der gesundheit (1544) 49a; so vil das nider gewild, als hasen und andere belanget, dieselbigen soll man inn keinem thiergarten halten. Sebiz vom feldbau (6, 21) (1580) 557. vgl. auch oben kleines gewild.
c)) aber auch wildschwein und hirsch treten sich in den bezeichnungen schwarzwild und rothwild gegenüber. das compositum ist hier nur in der zweiten verbindung, also in der engeren beziehung auf den hirsch belegt: alles hoch und roht gewild, so es sich reiniget, heiszt es, geflösset. Heupold 406; dazu vgl. einen der ältesten belege für das substantiv: es sol och nieman vogelen noch jagen ane des rot gewilt, von dem ber und von dem schwin sol man unserm herren dem abbas den harst geben. urk. v. 1339 bei Schöpflin Alsatia dipl. (nr. 980) 2, 164. neben rothgewild ist das compositum auch in der verbindung hirschgewild belegt, während die andern wildgattungen nur das grundwort in die composition ziehen: als jagen oder weidwerck wird getheilet in das hochwild, oder hochwildbret und weidwerck, und disʒ ist entweders das roth wildbret, als hirsch-gewild: oder schwartz wildbret, als säu, bären. Joh. Jac. Agricola fürsichtiger weidmann (1678): vom weidwerk s. 11, ebenso Meurer bei Fritsch corp. iur. venat.-forest (1702) 351b; auch sonst macht sich die engere beziehung des compositums gewild auf den hirsch bemerklich:

[Bd. 6, Sp. 5812]


als nun die jagd das gebirg' und den sperrigen dickicht erobert,
siehe da taumelten hier, entstürzt dem felsengescheitel,
über die rücken der berge die flüchtigen gemsen herunter;
siehe, da rudelten dort sich hirsche zusammen, und stürzten
laut die stäubende flucht hinab durch 's offene blachfeld.
muthig auf muthigem rosʒ, durchsprengt' Julus die thäler,
sprengt in raschem galopp bald diesen, bald jenen vorüber.
schnöbe, so glüthe sein muth, statt dieses feigen gewildes,
schnöbe doch lieber ein keiler mit krummen beschäumten gewehren,
oder ein tapfrer leu aus nächtlicher kluft ihm entgegen!
Bürger (Dido 176) sämmtl. werke 246b Bohtz;

zum vierdten gehören zu dem weidwerck garn, und die heissen zum gewild, wildseil, wildgarn, zu schweinen, schwein-seil. rech und hasengarn. Meurer bei Fritsch corp. iur. venat.-forest 351b.
d)) so stehen auch die abschwächungen des collectivbegriffs und die ansätze zur individualisierung in beziehung mit dem hirsch: cerua, foemina est cerui, gwild. Pinicianus prompt. (1516) B 3c; der hirsch hat lauffklauwen, und nicht füsʒ. das gewildt setzt. die jungen heiszt man hindenkälber. Meurer jag u. forstrecht (1582) 63a; ebenso bei Fritsch 352a (gewild); ebenso Joh. Jac. Agricola vom weidwerk s. 12 (gewild); das gewild oder hirsch verfächt. wird gejagt. ist den hunden entlauffen. jägerkunst (Nürnberg 1611) B 4a; ebenso Meurer; das gewild oder hirsch verführt, es wird gejagt, ist den hunden entlauffen. Agricola s. 12: ceruus ein hirtʒ ein adelich gewildt, welches nach der zal der jar seines alters zincken in seinem gehürn bringt. Ryff thierb. Alberti Magni (1545) B 5b. auch im plur.: von den hirschen. ohne zweifel sollen dise gewild under die geschlecht des ellends gezehlet werden, dieweil sie mit aller gestalt jhnen änlich sind ... dise gewild so sie noch jung, sind sie meüsʒfarb, oder eselgrauw ... so genannte gewild heimisch gemachet, so werden sie gantz milt und zam, sonst sind sie gantz grausam und wild ... wo solch gewild einen betritt, so durchscheust es jhn mit seinem vorderen fusʒ, und so es ein reüter ist, so verschont es auch dem pferd nicht. Conrad Gesner tierbuch dtsch. v. Forer (1606) 85ab.
3)) die weidmannssprache entwickelt feste verbindungen des substantivs mit verbis, vgl. z. b.: alles gewild vernimpt, das heiszt man sonst gewittert. Heupold wörter v. weidwerk (dict. 405).
a))

unser sind vil allenthalben im land,
die sölich pratick mit den pfaffen hand.
wir tribend den kilchherren das gwild in das seil,
denn habend wir von allen dingen den halben teil;
messen, jarzit, vigilg und sölich gespenst,
das füllt und macht uns gar grosse feisse wänst.
Niklaus Manuel (ablaszkrämer 339) 124 Bächtold;

der trommeter stünd von ferne, wan das gewüld kame, stieʒ er in die trommeten, damit ersʒ erschröcke und auf uns zutreibe. Philipp Hainhoffer reisetageb. (1617) s. Baltische studien 2, 2, 53.
b)) feras laqueis captare, jagen, dem gewild richten. Frisius dict. (1556) 186b; gwild beston, feras subsistere. 107b; genau so Maaler 201c; er (der thörichte jagdhund) spüret ainn hirtʒ, in der selben spür fellt jm ain anders z da spürt er ainn hasen so verlasʒt er die ersten spür und lauft dann der spür nach, in die fellt auch ain andre, so verlasʒt er die auch und laufft deren auch nach unnd allso lauft er allen spüren nach und facht nimer kain gwild. Geiler v. Keisersberg spinnerin (1510) (1. pred.) a 4d; am vierten ist unsher im brauch gewesen, das ain armer mann nit macht gehabt hat, das gewild zu fachen oder schiesʒen. eingabe der Memminger bauern an den rath 1525 bei Baumann akten ... s. 122; und fahen mit jrem schnellen lauffen wilde thiere die sie essen, den sie haben keine andere speise den das gewild, das fahen sie und essens. Ottho v. Demeringen übersetzung des Joh. de Mandeville (2) 168 (übersetzung von 1481: die wilde tier); anno domini 1431 do kam ein grosser kalter winter, ... und wart vil gewildes gefangen, und erfror vil geflügels, lüte und vich. Röteler chron. s. Basler chron. 5, 136; etliche gebrauchen garn unnd strick, die sindt gemacht gleich als wie die jenigen, mit welchen man das gewildt fahet, die haben maschen oder schlüpff, unnd wann sie den feindt angegriffen, so werffen sie jhnen solche strick an den kopff. Leonhardt Fronsperger kriegszb. 3 (1573), 149a; im herumbfahren in dieser haide, sain wir durch 2 thiergärten gefahren, darinnen man das gewild, schwein, wölf, füchsʒ und dergleichen thier in

[Bd. 6, Sp. 5813]


gruben und fallen lebendig fanget. Philipp Hainhofer reisetageb., s. Baltische studien 2, 2, 57.
c)) es ist im alwegen wedel baum ab zhauwen, gewild zschiessen oder zmeien. dise drei werkzüg hat er alweg bei im, wider die gewohnheit aller bauren. Geiler v. Keisersberg v. d. menschl. baum (1521) 19a; gewilt schiesʒen und jagen. es ist auf und angenommen, dasʒ jeder landtmann welcher will, darf dasʒ gewildt schiesʒen. landb. d. kantons Appenzell Innerrhoden (1585) s. 78. vgl.: kain hochgewildt zu schiesʒen. (Zimmersche chron.) s. theil 4, 2, sp. 1622; vgl.: sich mit schiessen desʒ gewilds begon und erneeren, alimenta arcu expedire. Maaler 201c; es sol ouch in den selben zilen nieman kein horn erschellen, noch dekein gewilde vellen, dʒ bann haben sol. rechtung des hofes zu Elfingen (1322), s. Rochholz Aargauer weisth. 10; in disen ziln sint elli gericht des gotʒhus über des gotʒhus lüt und gt, und sol nieman in disen zilen hornschellen noch gewilt vellen noch wighaftigen buw machen ... an des gotzhus willen. Engelberger hofrodel (14. jahrh.) bei Grimm weisth. 1, 4. vgl.:

geistlich, prelaten iagen wellen,
blasen, hülen, hoch gwild fellen,
unsinnigklichen rennen, beitzen
den armen lütten durch den weitzen.
Th. Murner schelmenzunft (44, 13 der 2. ausg.) 61 Matthias;

unnd alsʒdann dieselben jr acht darauff haben, denselben (wölfen, bären, luchsen) thieren nachstellen und die erlegen, aber darneben das verbotten gewild, bei straff des mainaids, nit föllen noch erlegen sollen. tirol. landtsordn. v. 1603 (4, 15) 61a; umsonst hab ich heut das gebirg durchirrt, um einiges gewild zu erlegen; ich komme ohne nahrung zuryck. S. Gessner (Erast) 4, 107;

gelehrt von Artemis selber,
traf er alles gewild, das der forst des gebirges ernähret (ἄγρια πάντα).
Voss (Ilias 5, 52) 4, 73 Hempel;


d)) dem gewild nachgeen und das schieszen. Memminger rathsbeschlusz von 1525 bei Baumann 1, 122; theils männer aber giengen dem gewild nach. Grimmelshausen Simpl. 2, 1, 6 (Springinsfeld cap. 6) 3, 42 Keller;

geh hin dafür und lern' im horne jagen,
gewild begehn, den stoltzen hirschen schlagen!
Opitz übers. v. Sidney's Arkadia (2) (1638) 453;

dem hochgewild nit nachraisen. Rappersweiler artikel s. zeitschr. hist. vereins f. Schwaben 10, 253; wildelen ... wildpern wie gewildern, auf gewild ausgehen. Stalder 2, 451;

was ho—n—i' für frœda,
wenn i' gô of's g'wild. Vorarlberger volkslied; s. d. mundarten 3, 396b;

dem gewild nachlauffen, cursu sequi feras. Maaler 201c; wen ein wolff alt würt so würt er schwach, er würt lam in seinen lenden unnd zücht die hernach, und mag das gewild nit mee erlauffen, als hirtʒ, rech so mag er ein menschen basʒ erschleichen den das gewild, so mag er es auch basʒ heben mit den zenen die kind und die menschen den dʒ gewild. Geiler v. Keisersberg emeis (1516) 41d;

es war ein alter hünde,
dem alle kraft verschwünde,
das er gar nit mer künde
erlawffen das gewilt.
H. Sachs (der alte hund) fab. u. schw. 3, 373 Götze u. Drescher;

das gewild erlauffen und ereilen, consequi cursu feras. Maaler 201c;

Laurin. freuen sollt' es mich,
euch einzuweihn in manches waidgeheimnisz.
und da ihr auf der reise seid zur hochzeit
des herzogs von Tyrol, so treffen wir uns
wohl auf der Adlerburg, und streifen noch
gemeinsam dem gewilde nach.
Otto Roquette der rosengarten, act I;

mir auch folget ein hund, ein wachsamer würger des raubwolfs;
den verehr' ich dem knaben, um alles gewild zu verfolgen.
Voss Theokrit (idylle 5, 107) (1808) 58;


e)) mit den bracken und barbeten kan man allerhand gewild, so villeicht im feld auffstösʒt, zum wasser eilet und entschwimmen will, nachjagen und nachsetzen. Sebiz vom feldbau (1, 27) 145;

jugendlich auch ist Adonis, dieweil er weidet die schafe,
schiesʒet die flüchtigen hasen und jagt nach allem gewilde.
Friedr. Rückert (Theokrits idyllen: die leiden des Dafnis 110) nachlasz;

[Bd. 6, Sp. 5814]


(jagen) mit hunden, mit garn alles gewildes und fischen ... fridlichen, ône irrung des herren und ône besserung. weisth. v. Pfeffingen (Oberelsasz 1344) weisth. 5, 374; so mag ietlicher uff sinem lehen vischen, voglen, mülinen machen, winschencken, jagen, aller hand gewild (von späterer hand am rande: on rot gewild) und daʒ sol in weder abbt noch vogt weren. weistum v. Fürtwangen § 45 (erneuert 1482) s. Alemannia 2, 239; vol und truncken als Bachus, ein wissag als Apollo, das gewild jagen als Diana. Judas Nazarei vom alten und neuen gott, neudr. s. 6; und da sie (die beiden jungen löwen) also in den wald kamen, da sahen sie die wilden thier mit grosen huffen da gon. und da sie lang also in dem wald hin und her waren gan da sahen sie ein menschen ein iäger, der spant die garn uff und wolt das gewild iagen. Joh. Pauli schimpf u. ernst (cap. 20) s. 27 Österley; excitare et agitare feras ... gwild auftreiben und jagen. Frisius dictionarium (1556) 550b; genau so Maaler 201c; dazu vgl.: wann erblick ich dich nun wieder in freude auf der jagd des dunkelbraunen gewildes? Bürger (Ossian 2) 281a Bohtz.
γ) eine ausnahmestellung in diesem hauptkreise der verwendungen würde die engere beziehung auf das erlegte, getötete wild einnehmen, wenn sich die einschlägigen belege in der that, wie von Heynatz beanstandet wurde, als concurrenzformen des compositums wildpret erweisen lieszen. in wirklichkeit kann es sich jedoch höchstens um eine annäherung des gebrauches handeln (das gleiche bei wildpret):
1)) leicht verständlich ist der gebrauch bei jagdschilderungen. der name, der in den einzelnen momenten der jagd angezogen war, verschwindet natürlich nicht mit dem augenblick, in dem das thier erlegt ist. hieraus entwickeln sich feste verbindungen des substantivs, bei denen an eine wendung der bedeutung nicht gedacht wurde:

also der herr sein jagen liesʒ
den herren und knechten ze sal er bliesʒ
und hiesʒ daʒ gewilde do
mit gten züchten also
senden uff die burg hindan
die hund liesʒ er lauffen lan.
Pamphilus Gengenbach (von zweien jacobsbrüdern 103) Gödeke s. 234 (bei
Kunz Kistener: den jeger er daʒ wilde hiesʒ schicken uf die burg hindan. 164 Euling);

nun füget sichs ietz, dasʒ der bischoff hiesʒ alle seine jäger, hirten und underthonen jagen, und jnen gwild ztragen, do warend seine zween vichhirten alt ansähenlich personen mit langen bärten, die brachtend ein bären und ein hirtzen, do hiesʒ d' bischoff die selben hirten disʒ gwild den obgedachten beiden fürsten und brüdern über jren tisch, als durch si selbs, und nit in des bischoffs nammen schencken. Stumpf Schweiz. chron. (4, 34) 1 (1548), 299b und später; vgl. hiezu:

mit denen schimpfft ich in einer zech,
als mit mein gestn und hausʒwirten,
liesʒ mit mein jägern zwen vichhirten,
den frembden herrn gewild zutragn,
da warend sie ein beeren jagn,
und als sie hetten den gefangn,
kamen sie beid mit her gegangn.
Nicodemus Frischlin (frau Wendelgard 1, 1) 15 Strauss;

o wee sprach der vogt von Berne
des musʒ ich mich schamen.
das du mir alle viere wilt
zammen binden als eim gewildt
das thut ein weiser jäger. Sigenot 104 Schade (Straszb. druck v. 1559);

und sei~ deanl wart't scho~ àllə màl wann ə'kümt,
und eəm 's gwild glei' vo~ dər achsl nimmt. bergjägerlied, vgl.
Schmeller 22, 900.


2)) auch bei der verbindung vom gewild leben wird sich nicht gleich die vorstellung des toten wildes im engeren sinn frei gemacht haben; die fügung ist vielmehr aus formeln zu deuten wie von der jagd (vom fischfang) leben: Seneca ... schreibt ... die innwoner (Germaniens) dantzen uff den gefrornen seen umb, die ewig gefroren seindt, und leben allein vom gewildt, wo sie die nacht oder müde begreifft, da ist jr hausʒ, Sebast. Franck Germaniae chron. (1532) 3a; anfencklich ward disʒ teil der welt allein von vier völckern eingewont, nemlich den Ethiopen, Penis Phenicis, unnd Grecis. dise haben etwan von gewild und etlichē kreütern allein gelebt, un alle gsatz und regiment in den land hin und her gefaren. weltb. (1, 1) (1534) 5b.

[Bd. 6, Sp. 5815]



3)) anders stünde es um die verbindung vom gewild essen. Heynatz Antibarbarus 2, 56 will sie in Mendelssohns übers. der bücher Mosis gefunden haben: Mendelsohn hat es (gewild) sowohl in seiner psalmen-übersetzung, als in den büchern Moses mehrmals gebraucht, sogar für wildpret: Isaac asʒ gern von Esaus gewild. Mendelssohn hat jedoch an den einschlägigen stellen schon in der ausgabe von 1783 (ebenso 1815 und später) wildpret: Jiʒchak liebte den Esau, denn er asʒ von seinem wildpret. 1 Mos. 25, 28; wildpret. 1 Mos. 27 (ges. schr. 7 (1845)). dagegen zeigt sich die fügung in übertragenem sinne gebraucht, und hier dürfte sie an lat. vorbild anknüpfen und aus einem compositum verkürzt sein: er hat vom gewild gegessen. satirisch verschönernd von jemand, der faul ist, weil man im mittelalter glaubte, dasz vom 'g'wild fleisch' essen faulheit erzeuge. Wander 1, 1654. dazu vgl.: de fera comedere, faul und träg sein: ein bein im ruckgrat haben. Denzler 263b.
d) ansätze zu individualisierendem gebrauch.
α) im singular:
1)) mit dem unbestimmten artikel.
a)) fera, ferae, ein gewild. Cholinus-Frisius (1541) 364a; ebenso schon: gemma gemmarum 1512; R. Stephan. (1590), s. Diefenbach 230b; fera ... ein wild thier oder gwild. Frisius (1556) 550b; ein wildes thier, gewild. Denzler 263b; gwild (das) ein wild thier, fera. Maaler 201c; man liset in dem bch der natur, das der löw, so er sicht ein gwild dʒ er gern äsʒ, so schreiet er, das die tier davon erschrecken. Geiler v. Keisersberg der hellisch löw a 7b; wan ich mich aber desselbigen (des perspectivs) wegen der duncklen nacht nicht mehr gebrauchen konte, so nahm ich mein instrument, welches ich zu stärkung des gehörs erfunden, zuhanden, und horchte dadurch, wie etwan uff etliche stunden wegs weit von mir die bauren hunde bellen, oder sich ein gewild in meiner nachbarschafft regte. Grimmelshausen Simpl. (6, 1) 471 Kögel; ertrawe niemandt dem meer zuuil, lasʒ dir es gleich sein wann es still ist, als wann mann einem gewildt etwas ssses legt, bisʒ manns ins netz, in den bitteren tod bringt. Petrarca zwei trostbüchlein (1559) 77b; (die reiter) frten mehrthails spiesʒ, wie sie dann die im rennen vil mals herumb geschwungen, z zeiten auch under sich gehalten haben, alsʒ wann sie einem gewild nachjagten, und das durchrennen wolten. Rauwolf reisbeschreibung (1583) 250; excitare feram ... ein gwild auftreiben. Frisius (1556) 550b (neben gewild auftreiben für agitare feras s. o.);

(Eumaios.) nimmermehr ja entfloh im tiefverwachsenen waldthal,
welches gewild er (der hund) auch trieb.
Voss (Odyssee 17, 317) 5, 212 Hempel (so 1793. und später) (1781: trieb er ein wildpret auf ... nimmer entfloh es ihm);

da rauffet jm (Jesus) ainer seinn bart, da sein har, da zwicket jn ainer, da kratzten si in, schlgen jn mit feüsten, stiessen jn mit füssen fielen all über in (spricht Criso) wie die hund in ain gewild. da sind erfült worden die weissagungen der propheten. Geiler v. Keisersberg schiff der penitenz (1514) 87b; fericida, der ein gewild umbringt. Denzler 263b.
b))

sie hetten alle fred und mut
wol mit dem pfarrer an dem iaidt,
do er auff dem mistwagen raidt.
darnach die zeit nit lang vergieng,
das man do bald ein wild fieng, (var. wilde, gewild,
recht alsʒ der frste het begert. gwild, gewilde)
darnach er wider haim do kert. pfarrer vom Kalenberg 1754 Dollmayr;

und ain stuck gwulds, ist bei Ylerzell gefangen worden, hat hinden das zaichen gehapt, wie ain gwuld aber von kopf und hals, ach an der spur ist es ain hursʒ gwesen, und hat auf dem kopf kolben gehabt treier zell lang. Nicolaus Thoman Weissenhorner historia Baumann 219;

endlich erschlug den verderber des Oeneus sohn Meleagros,
der aus vielen städten die muthigsten jäger und hunde
sammelte; denn nie hätt' er mit wenigem volk' es gebändigt,
solch ein gewild, das viel' auf die traurigen scheiter geführet.
Voss, Ilias 9, 546;

da stob aus dem baumschatten ein gewild — es mochte ein marder oder iltis sein. Th. Storm (ein fest auf Haderslevhuus) werke 6, 304.

[Bd. 6, Sp. 5816]



2)) mit dem bestimmten artikel:

es sach der frst so lobesan
vor jm lauffen ein hindte, ...
nun ist mir wol gesaget mer
es sei mein rosz so geschwinde
ich wils versuchen an dem thier
mit dem begundt er sprengen
dasselb gewild erreicht er schier. Sigenot 27 Schade;

jezo bezähmte den durst mit vielem wasser die löwin ...
später entwandelt der stadt nun Pyramus; schaut in dem tiefen
staube die deutliche spur des gewilds, und, erblassend im antliz
starret er. (vestigia vidit in alto pulvere certa ferae)
Voss Ovid (des Minyas töchter 73) 1, 208;

der schneider aber lief gleich zu der thüre, schlug die zu und versperrte das gewild (das wilde schwein) im kirchlein. Grimm märchen (von einem tapfern schneider) 1, 83; in gleicher weise von Bechstein d. märchenb. (1845) 9 übernommen; ein fliehendes reh brach durchs gesträuche, verfolgt von einer lieblichen jägerin ... sie schwang einen ... jedoch ohne das wild zu erreichen. rasch ergriff der wurfpfeil lauschende jüngling seine armbrust und schnellte einen befiederten bolzen ... welcher augenblicks das herz des gewildes durchbohrte, dasʒ es zusammenstürzte. Musäus volksmärchen (Libussa) 3, 34.
β) der pluralgebrauch ist auch hier nur ganz vereinzelt:

dann alsdann sucht er seine lust
mit hetzen im feld und im busch:
nun hetzt er an vil starcke hund
wider ein schwein, welchs vil verwundt.
dann jagt er sonst ein wild inns garn:
oder spürt wo fremd gwild ummfahrn:
oder bestellt ein vogelherd.
Fischart lob des landlustes bei
Sebiz vom feldbau, einl.


e) auch die übertragenen verwendungen sind hier manigfach entwickelt. die beziehung auf den menschen kann aus der jagd selbst sehr einfach erwachsen, vgl.:

der (förster) aber sprach! nehmt's nicht unwirsch,
mein lieb gesell, dasz auf der birsch
ich euch für ein gewild genommen
und ihr so schlimm zum schrecken kommen!
Gottfried Kinkel Otto der schütz 2.

und wie lebhaft sich für menschliche verhältnisse die jagd als gleichnis vordrängt, das zeigen schon wendungen, in denen gewild an seiner sinnlichen bedeutung festhält, die nur durch das ganze des zusammenhanges bildwirkung erzielen: aber das creütz und leiden scheidet sie (die gut wirkenden menschen), geleich zweierlei hunden, da etlich uff dem geiäg gebaisset seind, andere, die nit also seind, lauffen sie alle, aber ausʒ ungleicher bewegung, die ersten rücken das gewild, dem gerüch lauffen sie nach durch stauden und doren. Joh. Eberlin v. Günzburg (ein büchlein, worin auf 3 fragen geantwortet wird) 2, 164 Enders; du hast mich, lieber, gebethen: freünd N. genau in ansehung seines verstandes zu prüfen ... und, nun, was soll ich sagen? ich horchte, wie der jäger auf's gewild — nach dem ersten, unentlehnten, schnell entfahrnen, tiefblick zeigenden urtheil — ... und ich fand den gemeinsten philister. Lavater handbibliothek für freunde 2, 4. am reichsten entwickelt erscheint die bildwirkung solcher wendungen, wo eine einzelne persönlichkeit als träger des vergleiches dient.
α) übertragungen beim collectivgebrauch:

der knecht wolt aber her ab lauffen.
den pfaffen (der in die gegrabene grube gefallen war) maint er zue schlahenn und zue raiffenn.
nicht! sprach der herr.es ist noch nit zeit.
ich spür noch mer gwilds.nun beitt! von der wolfsgruben bei
Keller erz. aus altdeutschen handschr. s. 367;

(Eckart zum ehebrecher.) drumb sich auf frembde weiber nit,
denck, das nichts gts z keiner zeit
von in tht kummen noch entspringt,
allein als leid und trawren ...
947. entzeuch dich gantz von diszem gwildt!
dir gschicht sunst gleich wie dem, der spilt.
J. Wickram (der treue Eckart 10 auftr. v. 947) 5, 98 Bolte;

hieher musz auch folgende seltsame stelle gezogen werden: nun freue ich mich erst dieser gassen ... und vor allem des gewilde was sich darin mit den menschen herumstöszt. wie wundert sich die zahme hirschin meines wirthes über alle die fremden thiere, die hier durchkommen. Achim v. Arnim an Göthe (1806) schriften d. Göthegesellsch. 14, 85;

[Bd. 6, Sp. 5817]


und bot ohne scheu'n
dem pardel die stirn und dem zottigen leu'n
die bärtigen männer erschienen ihr bald
wie groszes gewild in dem heimischen wald.
H. Leuthold (Penthesileia 4);

und säng' ich noch so mild von deiner schönheit,
es giebt kein ton ein bild von deiner schönheit;
im eignen blute schwimmt die ganze jugend,
getötetes gewild von deiner schönheit.
Platen (71. gasele) 1, 626 Redlich.


β) der individualisierende gebrauch:

ich schwing mein horn in jammerthal
mein freud ist mir verschwunden
ich hab geiagt musz abelon
das wildt laufft vor den hunden.
ein edel thier in disen feld (ein edel gewild Ambraser liederb. 7; ein edels gwild. Böhme ald. liederb. 549).
het ich mir ausʒerkoren ...
farhin gwild insʒ waldes lust!(du wild Ambraser liederb. 7; gewild Böhme)
ich will dich nimmer schrecken
und jagen dein schne weisse brust
halt dich in hut
schons meidlein gut
mit leid scheid ich von hinnen.
kein hoch gewild ich fahen kan (hohes wild Ambraser liederb. 7; edlers tier Böhme)
das mussz ich offt entgelten
noch halt ich stat auffs jegers pan
wie wol mir glück kommt selten
mag mir nit bgen ein hochwild schon (ein hoch gewilt.
Ambraser liederb. 8, ebenso Böhme).
Georg Forster frische teutsche liedlein (3, 9) s. 119 neudr. (
Ulrich v. Württemberg 1510);

wir frten in inn dicken wald
und theten in beim zaum erhaschen,
namen im beide sateltaschen, ...
verbunden im auch sein gesicht;
war wir in frten wuszt er nicht.
also ward uns das erst gewild;
der ander hielt haus auff dem gfild.
Jörg Wickram (irr reitend bilger cap. 15 v. 3076) 4, 224 Bolte;

(schemen der Klytemnestra:) der jungen hindinn gleich entfliehet er,
denn mitten aus dem netz entsprang er euch ...
es entsprang dem netze
(Eumeniden:) das gewild, es flieht;
wir verloren den raub,
überwältigt vom schlaf!
F. L. Stolberg (die Eumeniden) werke der brüder Stolberg 15, 198;


 
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gewildbann, m., wie die nachfolgendenmeist alemannischencomposita, eine mundartliche verstärkte form (zu wildbann): und erkaufft das halb gericht z Waldkirch von Fridrichē Wälther ... sampt dem gewildbann in Honfirst, und anderer zugehörd. Stumpf Schweiz. chron. (5, 7) 2, 34a.
 
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gewildberlen, verb., neben mancherlei nebenformen bei Martin u. Lienhart (2, 820b) belegt für wildenzen, wildgeschmack haben: s gewilwerlet Rappenauer mundart.
 
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gewildbert, n., mit nebenformen für wildpret belegt bei Martin u. Lienhart 2, 820a. vgl. gewilwerfleisch, s. wildpret, fleisch des wilds. Halter alem. mundart Hagenau-Straszburg 156.
 
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gewilden, verb., nur einmal belegt, in abgeleiteter (causativer) bedeutung, die an sich schon aus dem gegensatze zu heimisch machen, einbürgern verständlich wäre, die aber im besondern wol unter dem einflusz von entwilden (entfremden, entfernen, vgl. mhd. wb. 3, 668a) steht:

'ich schilt niht an phaffen mêr,
dan daʒ sie ze sünden lêr
gebent mit ir bösen bilden.
swer die sünd niht mac gewilden,
tuo doch tougenlîch hin dan,
daʒ nieman geboesert werd dâ van'. der Teichner 252 Karajan s. 78.


 
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gewildern, verb., verstärktes wildern: gewildern, auf gewild ausgehen. Stalder 2, 451.
 
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gewildhaut, f., verstärkte form zu wildhaut: under dessen, weiln dise jäger ihre waidsprich gethan, haben die andere jäger etliche abgehawene bäum genommen, hirsch- und gewild-heutten darüber gespant, den jaghunden die farb darein geschütt, alsʒ wen mansʒ in ain trog schüttete. Philipp Hainhofer reisetagebuch s. Baltische stud. 2, 2, 70.
 
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gewildnis, n., später vereinzelt f., nebenform zu dem fem. (vereinzelt auch n.) wildnis, der besonderen substantivbildung zu gewild I (s.). der wechsel des geschlechts würde gewildnis als eine collectivbildung zum einfachen fem. erschlieszen

[Bd. 6, Sp. 5818]


lassen; aus der bedeutung ergeben sich hiefür jedoch keinerlei anhaltspunkte. die belege für gewildnis setzen erst im 14. jahrh. ein und halten sich durchweg in mitteldeutschem sprachgebiet (oberdeutsch wird überhaupt an gewilde länger festgehalten). die ersten schwankungen zwischen neutrum und fem. zeigen sich im mittelniederd.: dat gewiltnisse Mandeville reisen 22d; dorch de gewiltnisse kumpt me in einen dal. 20 s. Schiller-Lübben 6, 141a (andere übersetzer haben hier gewilde oder wüste). ein gleiches fem. an stelle des neutrums kann bei Luther angenommen werden; sicher ist es bei Henisch. dort ist auch für den stammvocal gerundete aussprache gebucht, die sonst nur für den suffixvocalund zwar in jüngeren belegendurchgeführt wird: unde bekummerte die ende des landes, die ungearbeit waren, besundern an dem walde der do heisʒet die blosʒe loube ... unde liesʒ in den grunden den walt usʒ raden unde buwen do nawe dorff unde liesʒ is zu acker bereiten .-. sʒo kaufte her ouch vil dorff landt unde gewiltenisʒ das on entlegin was, unde buwete das unde zoch die lewte dorin. Joh. Rothe düringische chron. Liliencron s. 255; unde (Christophorus) get uʒ schen den difel und kumit in ein gewiltnüsse, da offenberete sich ime der difel. Nicolaus v. Landau predigt bei Zuchhold s. 138 (nach der legenda aurea: cum autem per quandam solitudinem pergeret. 431 Graesse);

mein brüder wolten mich verjagen.
und als ich mich wider sie gesetzt,
haben sie mein kriegsvolck verletzt
und eilff meiner fürnehmbsten räht,
die ich vor all andern lieb hett,
inn ein gewiltnusʒ thun verjagen.
Ayrer (Wolffdieterich. prolog) 1120 Keller;

Wilhelm der wonete in eime gewiltenisʒ und wiste von den dingen nit. Elisabeth v. Nassau-Saarbrücken Huge Scheppel 10 ra Urtel (druck v. 1500: in einer wiltnüsʒ 13c; fehlt 1537); denn do er einst in Armenien, von wegen der grossen hitz, unnd des schweisses gern gebadet unnd sich ettwas erquicket hette, und mit etlichen wenig reuteren unnd seinem capellan vom hauffen zum wasser reit, meinte nicht das in dem gewildnüs einige fhar zugewarten ... da hielten ettliche des soldans reisigen im wald, namen den keiser und sein capellan ... und fürete sie durch die wildtnüs hinweg zum soldan. bapsttrew Hadriani ... gegen keiser Friderichen Barbarossa geübt. (1545) F 1b; sünderlich vonn denen, welche von einem gewiltnüsz, von einem berge zm andern lauffen, unnd traben. Reinhard Lorich wie junge fürsten ... unterwisen mögen werden. (1537) 319; aber im weidtwergk wie in allenn andern dingen sol ein herr masz halten, das ausz inen, welchen got der herr nicht uber thierer und gewiltnüsz, sonder uber landt und leut gesetzet hat, kein jeger oder weidman werde. (1537) 316; Moses hats wol ausgericht, wir können nicht zu rücke gehen, wir wolten denn hungers sterben, auch können wir nicht weiter gehen noch zur seiten von wegen der einöde und gewildnis ausbrechen, der teufel hat uns in die wüsten gefüret. Luther (pred. über 2 Mos. 16. 1525) 16, 288 Weimar; gewildnusz, wüsten, einöde, solitudo, vastitas, locus desertus; Johannes der Täuffer hat inn der gewüldnusʒ geprediget. Henisch 1599. vgl. auch Schottel 634b, der gewildnis noch neben gewirr, gewell u. a. aufführt. damit erlischt die spur.
 
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gewildschieszen, n., erstarrtes compositum der sp. 5813 aufgeführten verbindung gewild schiesʒen: denn das bisʒle gewildschiesʒen mit dem Krāmerchristle kann dir kein mensch als ein verbrechen andichten, und 's ist ja auch nicht 'rauskommen. Hermann Kurz (der sonnenwirt 27) 6, 130 H. Fischer.
 
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gewildthal, n.: dise insel (Rhodis) ist fast köstlich un pürgig mit gwild talen überflüssig, auch wa man über mör will, msʒ man bei Rhodis zlenden. Sebast. Frank weltb. (1, 1) (1534) 18a.

 

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